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Full text of "Geschichte der Deutschen in den Karpathenländern"

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I 



ALLGEMEINE STAATENGESCHICHTE. 

Herausgegeben von KARL LAMPRECHT. 
I. ABTEILUNG: GESCHICHTE DER EUROPÄISCHEN STAATEN. — II. ABTEILUNG: GE- 
SCHICHTE DER AUSZEREUROPÄISCHEN STAATEN. — III. ABTEILUNG : DEUTSCHE 
LANDESQESCHICHTEN. 



Dritte Abteilung: 

DEUTSCHE LiNDESGESGHICITEN 

Herausgegeben 

von 

ARMIN TILLE. 



Achtes Werk: 



KAINDL, GESCHICHTE DER DEUTSCHEN 
IN DEN KARPATHENLÄNDERN. 

Dritter Band. 




GOTHA 1911. 
FRIEDRICH ANDREAS PERTHES 

AKTIENGESELLSCHAFT. 



DEUTSCHE LANDESGESCfflCHTEN. 



Herausgegeben von 

ARMIN TILLE. 
Achtes Werk. 



GESCHICHTE DER DEUTSCHEN 
IN DEN KARPATHENLÄNDERN 

VON 

RAIMUND FRIEDRICH KAINDL, 

Professor an der Universität Czernowitz. 

Dritter Band. 

Geschichte der Deutschen in Galizien, Ungarn, 
der Bukowina und Rumänien seit etwa 1770 bis zur 

Gegenwart. 





GOTHA 1911. 
FRIEDRICH ANDREAS PERTHES 

AKTIENGESELLSCHAFT. 



25 




BJL^i 




Der ersten völkischen Tagung 

der 

Karpathendeutschen 

in Czernowitz am 2. Juli 191 1 
widmen dieses Werk 



der Verfasser und die Verlagsbuchhandlung. 
Czernowitz. Gotha. 



Vorwort. 



k 



Indem ich mit diesem Bande ein Werk beschliefse, dem ich 
einen grofsen Teil meiner Lebensarbeit gewidmet habe, drängt es 
mich zunächst, allen Freunden und Förderern herzlich zu danken. 
Vor allem gebührt mein Dank der kaiserlichen Akademie der Wissen- 
schaften in Wien, welche mir eine Subvention von 1000 Bo-onen 
zum Sammeln von Akten über die Geschichte der deutschen An- 
siedlung in Galizien und der Bukowina gewährt hat; ferner allen 
Archiven und Bibhotheken, die mir ihre Schätze mit grofser Be- 
reitwilhgkeit zur Verfügung gestellt haben ; endlich danke ich allen 
jenen PersönHchkeiten , von denen mir durch Vermittlung von 
Material, durch Verbreitung und Beantwortung meiner Aufrufe und 
Anfragen, endlich durch Unterstützung meiner persönlichen For- 
schungen in den Ansiedlungsgebieten reiche Förderung zuteil gewor- 
den ist. Überall in der Bukowina, Galizien, Ungarn und Rumänien, 
aber auch im alten deutschen Vaterland bis an die Ufer des 
Rheins wurde meiner Arbeit liebevolles Verständnis und Interesse 
entgegengebracht. Gelehrte und Professoren, Pfarrer und Lehrer, 
Arzte und Beamte, Zeitungsredaktionen und Verleger, zahlreiche 
Bürger und Landleute haben mir ihre Unterstützung gewährt, ohne 
die diese Arbeit kaum gediehen wäre. Auf meinen Reisen habe ich 
überall freundliches Entgegenkommen gefunden und manche Er- 
innerung daran werde ich bis an mein Lebensende bewahren. Nicht 
geringer Dank gebührt schliefslich dem Verleger und dem Heraus- 
geber der „Landesgeschichten", die keine Kosten und keine Mühe 
gescheut haben. 

Die Kritik hat die ersten zwei Bände sehr wohlwollend auf- 
genommen. Da aber oft das Bedauern ausgesprochen wurde, dafs 



vni Vorwort. 

der wissenschaftliche Apparat nicht beigegeben sei, so mufs ich 
die Bemerkung aus der Vorrede des ersten Bandes wiederholen, 
dafs dies auf besonderen Wunsch des Verlegers geschah. Für 
den ersten und zweiten Band findet man zahlreiche Quellennach- 
weise in meinen „Beiträgen zur Geschichte des deutschen Rechtes 
in Galizien" und in den „Studien zur Geschichte des deutschen 
Rechtes in Ungarn und seinen Nebenländern" (Archiv f. österr. 
Geschichte, Bd. XCVfF.), die als Ergänzung der „Geschichte 
der Deutschen" gedacht sind. Auf mehrere den dritten Band er- 
gänzende Arbeiten wird in der Literaturübersicht am Schlüsse des 
Buches verwiesen. 

Zum vorliegenden Bande möchte ich folgendes bemerken. Um 
in ihm den überaus reichen Stoff zu bewältigen, habe ich viele 
Abschnitte kürzen müssen. Vor allem blieb die geplante historisch- 
statistische Darstellung über die einzelnen Ansiedlungsorte weg; 
daher ist auch jedes Buch blofs in zwei Kapitel geteilt, von denen 
eines die äufsere Ansiedlungsgeschichte, das andere die Kulturarbeit 
und die Kulturverhältnisse sowie die gegenwärtige Lage des Deutsch- 
tums behandelt. Auch werden diesem Bande keine Karten bei- 
gegeben, weil inzwischen für Galizien und die Bukowina leicht 
zugängliche kartographische Übersichten über die deutschen An- 
siedlungen erschienen sind; auch ihr Ungarn fehlen solche nicht 
Die Geschichte der Besiedlung Galiziens wurde ausführlicher be- 
handelt, weil sie bisher noch niemals geboten wurde. Die durch- 
aus auf Aktenmaterial beruhende Darstellung soll nicht nur in die 
Einzelheiten des deutschen Ansiedlungswesens einführen, sondern 
auch den Beweis liefern, dafs Kaiser Joseph 11. durchaus nicht 
die Germanisierung beabsichtigt hat, vielmehr nur auf die Hebung 
der Kultur der altansässigen Landesbewohner und die Wahrung 
des Staatsinteresses bedacht war. Die Geschichte des Ansiedlungs- 
wesens in Ungarn und der Bukowina konnte kürzer behandelt 
werden, weil sie schon früher dargestellt wurde. Doch ist ins- 
besondere die Geschichte der deutschen Kolonisation in Ungarn 
auf Grundlage der Akten und neuerer Arbeiten vielfach berichtigt 
worden ; meiner früheren Darstellung der deutschen Ansiedlung in 
der Bukowina konnten dagegen nur wenige neue Züge hinzugefügt 
werden. Eine zusammenfassende Darstellung über die neuere 



Vorwort. IX 

deutsche Ansiedlung in Rumänien wird hier zum erstenmal ver- 
sucht. Berichtigungen und Ergänzungen meiner Darstellung werde 
ich stets dankbar entgegennehmen. Der Leser wird bemerken, 
dafs ich selbst Ereignisse vom Frühjahr 1911 noch bei der Kor- 
rektur des Buches berücksichtigt habe. Im Literaturverzeichnisse 
sind einzelne Nachträge zu Bd. I und II aufgenommen worden. 
Die Register mufsten, um Raum zu sparen, möglichst beschränkt 
werden ; ergänzend stehen ihnen die ausführlichen Inhaltsverzeich- 
nisse zu jedem Bande zur Seite. 

Mein Werk soll das deutsche Volk mit einem Ruhmesblatte 
seiner Geschichte bekannt machen, indem es nicht nur die Ver- 
breitung, sondern auch die Kulturarbeit der Deutschen in den 
Karpathenländern schildert. Man wird aus diesem Werke ersehen, 
dafs die Karpathendeutschen kein abgebrochener Zweig, kein ver- 
wehtes Blatt der deutschen Eiche sind. So wird von neuem ein 
starkes geistiges Band geschlungen werden, innigere Beziehungen 
werden entstehen, die für beide Teile heilsam sein werden. Ich 
hoffe, dafs das deutsche Volk aus diesem Buche ersehen wird, 
dafs es seine Ehre und sein Nutzen fordert, diese Vorposten nicht 
zurückzuziehen, sondern zu erhalten und zu stärken. Es genügt 
aber nicht, nur für die Deutschen in ^nem der Karpathenländer 
zu sorgen, jene in anderen aufzugeben. Die Deutschen in allen 
diesen Ländern bilden ein organisches Ganzes, ihre Geschichte und 
ihre Geschicke sind eng verknüpft. Zusammen blühten sie im 
Mittelalter, in die gleiche Zeit fiel ihr Niedergang. Die neueren 
Ansiedlungen entstanden wieder im engsten Zusammenhange mit- 
einander ; auch die gegenwärtige Not der Karpathendeutschen hat 
gleichzeitig eingesetzt und ist durch dieselben Umstände veranlafst. 
Das Aufgeben einer Gruppe dieser Ansiedlungen würde die 
Schwächung und den Niedergang der anderen herbeiführen. Fallen 
aber einmal die Vorposten, so ist auch das Hinterland bedroht. 

Die Ereignisse von 1866 haben die Reichsdeutschen in überaus 
glücklicher Weise erstarken lassen, dagegen die Stellung der Deut- 
schen in Osterreich und vor allem in den Karpathenländern ge- 
schwächt und sie einer weit stärkeren Masse von Gegnern gegen- 
übergestellt. Diese Deutschen schützen aber, wie vor einem Jahr- 
tausend die Ostmark, die Grenzen des deutschen Volkes. Über 



X Vorwort. 

die Gröfse der Gefahr kann keine Täuschung obwalten; um so 
mehr ist es heilige Pflicht aller Deutschen, ihrer Grenzwacht Teil- 
nahme und Hilfe nicht zu versagen. Für die Karpathendeutschen 
mufs aber ihre gemeinsame Herkunft, ihre gleiche historische Ent- 
wicklung und ihre gleiche Lage eine ernste Mahnung sein, sich 
eng aneinander zu schlielsen. Mögen diese Anregungen auf der 
für den 2. Juli d. J. in Czernowitz geplanten Tagung der Kar- 
pathendeutschen segensreiche Früchte tragen! 

Czernowitz in der Bukowina, Mai 1911. 

Raimund Friedrich Kaindl. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite S«ittt 

Yiertes Buch. Geschichte der Deutschen in Oalizien Ton 

1772 bis Zur Gegenwart 1—184 

Erstes Kapitel. Geschichte der deutschen An- 
siedlung in Galizien von 1772 bis zur 
Gegenwart. Übersicht der Ansiedlungs- 
orte. Herkunft und Anzahl der Ansiedler 3—127 
Erwerbung Galiziens durch Österreich. Zustand des 

Landes 3 

Kaiser Joseph regt die Ansiedlung an 3 — 5 

Verhandlungen über diese Vorschläge 5—7 

Vorbereitung eines Ansiedlungspatentes 7 — 8 

Das Ansiedlungspatent vom 1. Oktober 1774 .... 8 
Ansiedlung von Bürgern; Zurückweisung protestantischer 

Bauern 8—12 

Umschwung der Verhältnisse unter Joseph 11 12 

Neue Anregung zur Ansiedlung 12 — 14 

Verhandlungen wegen Gewährung der Keligionsfreiheit und 

Erlassung eines neuen Ansiedlungspatentes . . . 14—15 

Die Entscheidung des Kaisers 15—16 

Das Ansiedlungspatent vom 17. Sept. 1781 für Bürger 

und Bauern 16 — 18 

Spätere Zusätze zum Patent von 1781 18 — 19 

Der ursprüngliche Ansiedlungsplan. Auswanderungs- 
bewegung in Deutschland 19—20 

Die ersten Anmeldungen von Ansiedlem 20 — 23 

Beginn der planmäfsigen Herbeiziehung von Ansiedlem. 

Die Sandomirer Bauernansiedlung . , 23—24 

Eeiseweg der Einwanderer 24—25 

Allerlei Agenten. Unerwarteter Zudrang 25 

Verlegenheit der Behörden. Erörterung über neue An- 

siedlungsplätze 25—27 

Vorläufige Einstellung der Annahme von Ansiedlern . . 27 — 28 



I 



XII Inhaltsverzeichnis. 

Seite Seitd 

Begründung der städtischen Ansiedlung Podgorze . . . 28—29 

Neue Meldungen von Einwanderungslustigen 29 — 30 

Verhandlungen über die weiteren Ansiedlungsanstalten . 30 — 32 

Weitere Meldungen von Ansiedlungswerbern 32 — 34 

Wiederaufnahme der Ansiedlung. Ansiedler auf eigene 

Gefahr 34-35 

Ergänzung der An Siedlungsbestimmungen 35 

Neue Schwierigkeiten 35—37 

Die Arten der Ansiedler 37 

Diplomatische Verwicklungen und andere Störungen . . 37—39 

Entwicklung der Ansiedlung bis Juni 1783 39 — 40 

Neue Verfügungen des Kaisers für Galizien 40—41 

Kaiserliche Anordnungen über das österreichische An- 

siedlungswesen 41 — 42 

Die neuen Ansiedlungsinstruktionen 42 — 45 

Unterbringung der Professionisten in Judenhäusern . . 45 — 46 
Schlechte Einquartierung der Ansiedler in Bauernhäusern 

und Klöstern 46—47 

Ausbruch von Krankheiten. Anstellung von Ärzten . . 47 

Stand der Ansiedlungen an der Wende 1783/84 . . . 48—49 

Mafsregeln zur Einschränkung der Einwanderung . . . 49 — 51 

Begünstigte und unbcgünstigte Ansiedler 51 — 52 

Anschwellen des Einwandererstromes 52 — 53 

Mafsregeln der Eegierung. Förderung der Privatansiedlung 53 — 54 

Geringer Fortschritt der Privatansiedlung 54 — 56 

Schwierige Lage des Ansiedlungswesens im Sommer 1784 56 — 57 
Erhöhung der staatlichen Unterstützung für Privatansied- 
lungen 57 

Mafsregeln zur Unterbringung der Eingewanderten. An- 

siedlungskuratoren 57 — 60 

Erweiterung der An Siedlungsbegünstigungen 60—62 

Entschlufs die deutsche Ansiedlung einzuschränken . . 62 
Zeitweilige Einstellung der Annahme von Ansiedlern 

(Herbst 1784) 62-63 

Mafsregeln deutscher Regierungen gegen die Auswanderung 63 

Die neuen Ansiedlungsnormen 63 — 64 

Stand des Ansiedlungswesens 1784/85 64—68 

Verfügung Josephs 11. vom 20. Mai 1785 69 

Massenhafte Ansiedlungsgesuche 69 — 70 

Stand der Ansiedlung Sommer 1785 70—71 

Einstellung der Aufnahme von Ansiedlern Ende 1785 . 71 — 72 

Unterbringung der eingewanderten Kameralansiedler . . 72—73 

Die Einwanderung 1787—1789 73 

Fortgang der Privatansiedlung 73 — 76 



Inhaltsverzeichnis. XIII 

Seite Seite 

Private Änsiedlung in den Städten 76 — 77 

Ursachen des geringen Umfanges der Privatansiedlungen 77 

Das „Hauptnormale über das Ansiedlungswesen " von 1787 77—78 

Die „Finalisierung" der Josephinischen Ansiedlungen . 78 — 79 

Die „Halbprofessionisten" 79—80 

Die Abfertigung der Einquartierten 80—81 

Kückwanderungen und Entweichungen von Ansiedlern . 81 
Leistung des Untertaneneides und Dankeskundgebungen 

der Ansiedler 81—82 

Durch die Änsiedlung wurde keine Germanisation be- 
absichtigt 82—83 

Erwerbung Westgaliziens. Anregung neuer Ansiedlungen 

durch Erzherzog Karl 1801 83—84 

Auswanderungslust in Südwestdeutschland und in der 

Schweiz 84—85 

Abneigung der österreichischen Zivilbehörden gegen die 

Änsiedlung .* 86—87 

Kaiserliche Eesolution über die Änsiedlung vom 3. März 

1802 87-88 

Einwände der Zivilbehörden 88—90 

Das kaiserliche Handschreiben vom 7. Oktober 1802 . . 90 — 91 
Bericht der Eeichswerbungsdirektion über die Ansiedlungs- 

werber 91—92 

Eintreten des Erzherzogs Karl für die Änsiedlung. . . 92 — 93 

Das Handschreiben des Kaisers Franz vom 23. Mai 1803 94 

Weitere Berichte über Ansiedlungswerber 94 — 96 

Die Verhandlung der Hofstellen über die Änsiedlung. . 97—99 
Kaiserliches Handbillett vom 23. Juli 1803. Einstellung 

der Annahme von Ansiedlern 99—100 

Unterbringung der eingewanderten Ansiedler 100 — 103 

Einwanderung vermögender Ansiedler 103—104 

Spätere Ansiedlungspläne auf Kameralgütern 104 — 106 

Die Privatansiedlung im 19. Jahrhundert 106—108 

Übersicht der Ansiedlungsorte in Galizien 108—117 

Herkunft der deutschen Ansiedler 117—120 

Erinnerungen an die alte Heimat 120—122 

Die Tracht der Ansiedler 122 

Deutsche Sitten und Bräuche 123—125 

Deutsche Lieder 125 

Anzahl der Einwanderer 126 — 127 

Gegenwärtige Zahl der Deutschen in Galizien .... 127 

Zweites Kapitel. Das deutsche Ansiedlungsdorf. 
Förderung der materiellen und gel- 



xr V Inhaltsverzeichnis. 

Seite Seite 

stigen Kultur durch die Deutschen. Die 

Bedrängung des Deutschtums in Gali- 

zien, Auswanderung und völkische 

Schutzarbeit 128 — 184 

Anlage und Benennung der An Siedlungsdörfer . . . 128 — 130 

Marktplatz, öffentliche Gebäude und Brunnen . . . 130 

Grundbestiftung 131—133 

Häuser und Wirtschaftsgebäude 133 — 134 

Gerätschaften, Zug- und Zuchtvieh 134 — 135 

Sonstige Unterstützungen. Nachlässe von Vorschüssen 135—136 

Abstiftung von Ansiedlern 136 

Kichter und Geschworene 136—137 

Chirurgen und Hebammen 137 

Pfarrer. Schulen und Lehrer 137 — 140 

Kosten der staatlichen Kolonisation 140 

Leistungen der Ansiedler auf Kameralgütern .... 140—142 

Verhältnisse in den Privatansiedlungen 142 — 144 

Widersprechende Urteile über die deutschen Ansiedler 144 

Abfallige Urteile und ihre Erklärung 145—148 

Ältere günstige Urteile 148—150 

Deutsche Kulturarbeit. Einflufs auf die ländliche Kultur 150—153 

Deutsche Verdienste um die Entwicklung der Städte, 

des Gewerbes und Handels 153—157 

Aus der Heimat mitgebrachtes Vermögen der Ansiedler 157 — 159 

Entwicklung der wirtschaftlichen Lage bis zur Gegenwart 1 59 — 1 60 

Deutsche Beamte, Geistliche, Lehrer und Ärzte . . . 160 — 163 

Verbreitung der deutschen Sprache 163—164 

Deutsche Schriftsteller, Gelehrte und Professoren . . 164—165 

Deutsches Zeitungs- und Theaterwesen 165 — 166 

Zusammenfassendes Urteil über die deutsche Kulturarbeit 166 

Deutschenhafs in Galizien 166 — 169 

Bedrückung des deutsch-katholischen Kirchenwesens . 169—171 

Schädigung des deutschen Schulwesens 171 — 173 

Andere Bedrückungen der Deutschen 173—174 

Die Auswanderung 174—177 

Deutschvölkische Gesinnung 177—179 

Deutsche Vereine und Wohlfahrtsanstalten .... 179—180 

Widerstandsfähigkeit der galizischen Deutschen . . . 180 
Verhältnis der Ansiedler zum deutschen Volke einst 

und jetzt 180—182 

Bedeutung der Ansiedlungen als Vorposten des deutschen 

Volkes 182—183 

Bedeutung der deutschen Ansiedlungen in Galizien für 

Österreich 183—184 



Inhaltsverzeichnis. XV 

Seite Seite 

Fünftes Buch. Geschichte der Deutschen in Ungarn 

und Siebenbürgen Ton 1763 bis zur Gegenwart 185—365 
Erstes Kapitel. Die deutsche Ansiedlung in 
Ungarn und seinen Nebenländern von 
1763 bis zur Gegenwart. Die Ansied- 
lungsorte. Die Ansiedler, ihre Ab- 
stammung und Anzahl 187—278 

Neue Anregung zur Ansiedlung in Ungarn 1762/63 . 187—190 

Feststellung der Ansiedlungsbegünstigungen . . . . 190 

Besondere Bestimmungen für die Kolonisation des Banates 190 
Ansiedlung von Kriegsgefangenen und ausgedienten 

Soldaten 190-193 

Werbung in Süd Westdeutschland 193—195 

Ansiedler aus den Sudetenländern und aus Preufsen . 195 — 196 

Ansiedlungen im Bacser Distrikt 1762—1767 . . . 196—201 

Ansiedlungen im Banat 1762—1767 201—203 

Kolonisation der Banater Militärgrenze 203 — 205 

Neue Beratungen zur Fortführung der Ansiedlung . . 205 — 209 

Fortgang der Ansiedlung 1768—1770 209—211 

Einschränkung der Aufnahme von Ansiedlern 1770 . . 211 — 212 

Fortführung der beschränkten Ansiedlung bis 1780 . 212—215 

Ansiedlungen im Bacser Komitat 1768—1780 . . . 215—217 
Ansiedlungen im Banat, Kolonisation in der Banater 

Militärgrenze 1768—1780 217—218 

Ansiedlungen in den anderen Teilen Ungarns 1768 — 1780 218 — 219 
Einleitung der Ansiedlung in Ungarn unter Kaiser 

Joseph II 220—221 

Des Kaisers persönliches Eingreifen 221 

Feststellung der Ansiedlungsbestimmungen .... 221 — 223 

Anfängliche Abneigung gegen die Ansiedlung in Ungarn 224 
Erleichterung der Einwanderungsbedingungen nach 

Ungarn 224—225 

Wachsende Zahl der Ansiedler 225—226 

Neuordnung der Ansiedlungsnormen 226 — 229 

Grofser Andrang der Einwanderer. Hohe Kosten der 

Ansiedlung 229—231 

Einstellung der Aufnahme bäuerlicher Kolonisten . . 231 — 232 
Weitere Zuwanderungen. Schwierigkeit der Unter- 
bringung der Ansiedler 232—235 

Einstellung der staatlichen Kolonisation Ende 1786 . 235 

Die Ansiedlung im Bacser Komitat unter Joseph II. . 235—240 

Die Kolonisation im Banat unter Joseph 11 240—243 

Die Ansiedlungen in den übrigen Teilen Ungarns unter 

Joseph II 243-246 



XVI Inhaltsverzeichnis. 

Seite Seite 

Privatansiedlungen in Ungarn zur Zeit Josephs II. . . 246 — 249 

Ansiedlung von Handwerkern 249 

Kolonisation in Ungarn von 1790—1800 249—251 

Ansiedlungen in der Banater Militärgrenze im 19. Jahr- 
hundert 251—256 

Weitere Ansiedlungsbestrebungen in Ungarn .... 256—258 

Die Kolonisation des Banates im 19. Jahrhundert . . 258 — 261 
Ansiedlungen in den übrigen Teilen Ungarns im 19. Jahr- 

' hundert 261—262 

Weitere Ausbreitung der Deutschen in Ungarn . . . 262 — 263 
Ansiedlung der „Landler" in Siebenbürgen .... 263—264 
Einwanderung der „Hanauer" nach Siebenbürgen . . 264—265 
Niederlassung von Hessen und Hauensteinern in Sieben- 
bürgen 265 

Ansiedlung von Württembergem in Siebenbürgen . . 265—268 

Deutsche Kolonien in Kroatien und Slawonien . . . 268—272 

Deutsche Niederlassungen in Bosnien 272 

Die Herkunft der deutschen Neuansiedler 273 

Tracht, Sitten und Lieder 274—275 

Anzahl der eingewanderten deutschen Kolonisten . . 275 — 276 
Gegenwärtige Zahl und Ausbreitung der Deutschen in 

Ungarn 276—277 

Auswanderung 277 — 278 

Hasche Vermehrung der Schwaben 278 

Zweites Kapitel. Die deutschen Kolonisten- 
dörfer und ihre Entwicklung. Deutsche 
Kulturarbeit. Wirtschaftliche und völ- 
kische Lage der Deutschen. Deutsch- 
völkische Schutzarbeit 279—365 

Anlage der Kolonistendörfer 279—280 

Grundbestiftung 280-281 

Grundankäufe der Ansiedler 282 

Das deutsche Kolonistenhaus 282—283 

Sonstige Unterstützungen 284 — 287 

Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung .... 287 

Freijahre 287-288 

Hemmende Momente 288 — 290 

Die Hauskommunion in der Militärgrenze 290 

Förderung der Landwirtschaft durch die Schwaben in 

Ungarn 291—294 

Wirtschaftliche Lage der Schwaben. Entwicklung ihrer 

Siedlungen 294-297 

Aus der Heimat mitgebrachtes Vermögen der Ansiedler 297—298 



Inhaltsverzeichnis. xyn 

Seite Seite 
Kulturarbeit und wirtschaftliche Verhältnisse der Deut- 
schen in Siebenbürgen 298—303 

Deutsche Kulturarbeit im übrigen Ungarn .... 303—304 

Deutsches Gewerbe- und Fabrikswesen 304 — 306 

Förderung des Bergbaues durch Deutsche 306 

Deutscher Anteil am Handel 306—308 

Deutscher Charakter der Städte 308 

Geistige Kultur. Deutsches Schulwesen 308—310 

Deutsche Gelehrte, Dichter und Künstler 310—311 

Deutsches Theaterwesen 311 — 312 

Deutsche Zeitungen und Kalender 312—313 

Deutsches Vereinswesen . . . 313 — 314 

Deutsche Beamte und Militärs 314 

Magyarische Urteile über die Kulturbedeutung der 

Deutschen 314—316 

Pflege der deutschen Sprache bei den Magyaren . .316 

Politische Stellung der Deutschen in Nordungarn . . 317—320 
Politische Lage der Deutschen in West-, Mittel- und 

Südungarn 320-321 

Zusammenfassende Charakteristik der politischen Lage 

der Deutschen in Ungarn 321 — 322 

Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; 

ihre Kechtskämpfe 322—335 

Die Bedrückung der Deutschen in Ungarn .... 335 — 343 

Magyarische Kampf weise 343—347 

Lage der Deutschen in Kroatien 347 

Gründe des Deutschenhasses der Magyaren .... 347—350 

Deutschvölkische Bewegung und Schutzarbeit . . . 350—358 
Entwicklung völkischer Beziehungen zwischen Sachsen 

.und Schwaben 358—360 

Erstarkende Beziehungen der Deutschen Ungarns zu den 
Stammesbrüdern in Österreich und im Deutschen 

Reich 360-364 

Ausblick in die Zukunft 364—365 

Seehstes Buch. Geschichte der Dentsehen in der Buko- 
wina Ton 1774: bis zur Gesrenwart .... 367 — 408 

Erstes Kapitel. Geschichte der deutschen An- 
siedlung in der Bukowina seit 1774. 
Die Ansiedlungsorte. Herkunft und 

Anzahl der Ansiedler 369-387 

Anregung der Kolonisation. Deutsche Ansiedlung in 

den Städten 369—371 

Herbeiziehung deutscher Bergleute 371 



ivni lohaltsverzeichnis. 

Seite Seit« 

Ansiedlung deutscher Glasarbeiter und Holzhauer . . 371—372 

Die schwäbischen Bauernansiedlungen 372—377 

Kolonisationspläne im 19. Jahrhundert 377 

Ansiedlung von deutschböhmischen Bauern .... 378 — 384 

Deutsche Privatansiedlungen 384—385 

Abstammung und Anzahl der Deutschen in der Bukowina 386—387 

Zweites Kapitel. Deutsche Arbeit in der Buko- 
wina. Wirtschaftliche und politische 
Lage. Völkische Schutzarbeit .... 388—408 

Einflufs der Deutschen auf die städtische Kultur . . 388—389 
Förderung des Gewerbes und der Industrie durch die 

Deutschen ..." 389 — 390 

Hebung der Landwirtschaft ; Urbarmachung des Landes 390—393 

Deutscher Anteil am Handel und der Holzindustrie . 393 

Einflufs der Deutschen auf die geistige Kultur . . . 393 — 395 

Wirtschaftliche Verhältnisse der Bukowiner Deutschen 395—398 

Politische Lage der Deutschen in der Bukowina . . 398—404 

Auswanderung 404 

Deutschvölkische Schutzarbeit 404 — 406 

Beziehungen zu den Stammesbrüdern im Westen . . 406—407 

Politische Spaltung der Bukowiner Deutschen . . . 407—408 

Verhältnis zu den anderen Nationen 408 

Siebentes Bneh. Gesehiehte der Beatsehen iu Rumänien 

Ton etwa 1775 bis znr Gegenwart .... 409—435 

Erstes Kapitel. Geschichte der deutschen An- 
siedlung. Die Ansiedlungsorte. Ab- 
stammung und Zahl der Deutschen in 

Eumänien 411 — 422 

Hemmende und fördernde Momente für die deutsche 

Einwanderung nach Eumänien 411—413 

Entwicklung der städtischen deutschen Niederlassungen 413—415 
Ungünstige Verhältnisse für die Einwanderung deutscher 

Bauern 415—417 

Deutsche Siedlungen in der Walachei 417 — 418 

. . Die deutschen Kolonien in der Dobrudscha .... 418—420 
Ansiedlungen der Deutschen in der Moldau .... 420—421 
Abstammung und Anzahl der Deutschen 421—422 

Zweites Kapitel. Die Kulturarbeit und gegen- 
wärtige Lage der Deutschen in Ru- 
mänien 428—435 

Einflüls der Deutschen auf die ländliche Kultur . . . 423—425 
Forderung der städtischen Kultur durch die Deutschen 425 



Inhaltsverzeichnis. XIX 

Seit« S»IU 

Förderung des Gewerbes, der Industrie und des Ver- 
kehrswesens 425 — 428 

Deutscher Einflufs auf die geistige Bildung .... 428—430 

Ablösung des französischen Einflusses durch die 

Deutschen 430—431 

Völkische Stellung der Deutschen in Eumänien . . . 431 — 432 

Deutsches Schul- und Zeitungswesen 432 

Deutsche Vereine 433 

Zurücksetzung der Deutschen durch die rumänische Ge- 
setzgebung 433—434 

Gemeinsame Interessen Eumäniens und der Deutschen 435 

Quellennachweise undLiteratur zum vierten 

Buch 436-442 

Quellennachweise undLiteratur zum fünften 

Buch 443—457 

Literatur zum sechsten Buch 458 — 460 

Literatur zum siebenten Buch 461—462 

Sachverzeichnis 463—473 

Orts- und Personenverzeichnis 474 — 497 



Viertes Buch. 
Geschichte der Deutschen in Galizien 

von 1772 bis zur Gegenwart. 



K a i » d 1 , Oesoli. d. Devtachen i. d. Karptth. m. 



Erstes Kapitel. 

1. Die Erwerbung Galiziens durch Österreich. Die deutsche Kolonisation und 
Einwanderung zur Zeit der Kaiserin Maria Theresia. — 2. Die Entwicklung des 
deutschen Ausiedlungswesens in Galizien unter Kaiser Joseph II. — 3. Die 
deutsche Besiedlung Galiziens vom Tode Josephs IL bis zur Gegenwart. — 
4. Übersicht der Ansiedlungsorte. Herkunft und Anzahl der Ansiedler. 

Die Erwerbung Galiziens durch Österreich. Die deutsche Ko- 
lonisation und Einwanderung zur Zeit der Kaiserin Maria 

Theresia. 

Durch die erste Teilung Polens gelangte der gröfste Teil Ga- 
liziens 1772 an Österreich; der Nordwesten um Krakau kam 
vorübergehend 1795 bis 1809, endgültig erst 1846 an den Kaiser- 
staat. Der Zustand des erworbenen Gebietes war überaus traurig. 
Nur etwa 2 600000 Menschen bevölkerten es, so dafs auf 1 qkm 
ungefähr 33 Menschen wohnten i). Die Städte befanden sich in 
kläglichem Verfalle; Gewerbe und Handel waren unbedeutend, die 
Landwirtschaft stand auf einer überaus niedrigen Stufe. Ebenso 
traurig war der Zustand der Volksbildung und geistigen Kultur. 
Nur wo noch Reste der einstigen deutschen Ansiedlungen bestan- 
den, vor allem um Biala an der schlesischen Grenze, herrschten 
günstigere Verhältnisse 2). 

Diese Zustände konnten der österreichischen Regierung bei 
der Erwerbung des Landes nicht verborgen bleiben. Schon wenige 
Wochen nachher, am 26. August 1772, hat Joseph II. seiner kaiser- 
lichen Mutter Vorschläge erstattet, welche neben anderen dringen- 
den Mafsregeln die Herbeiziehung neuer Kulturelemente befür- 
worteten. Zu diesem Zwecke sollte auch den Dissidenten (Prote- 

1) Gegenwärtig beträgt die Einwohnerzahl etwa das Dreifache; 1900 zählte 
man 7315939 Einwohner auf 78500 qkm. 

2) Vgl. Bd. I, S. 36 u. 158. Näheres darüber weiter unten S. 13 f. 

1* 



4 Erwerbung Galiziens durch Österreich, Zustand des Landes. 

stanten) freie Religionsübung gewährt werden. Alle Einwanderer 
aus Polen und aus anderen Ländern (nur die Erblande aus- 
genommen), die sich in Galizien „auf einem Grund" (also als 
Bauern) ansiedeln würden, hatten sechs Freijahre zu erhalten. 
Handwerkern und Fabrikanten jeder Nation und Konfession, die 
sich in den Städten oder auf dem Lande niederlassen wollten^ 
waren zehn Freijahre und das Meisterrecht zu gewähren. Ver- 
mögende Ansiedler sollten besonders gefördert und belohnt werden. 
Posten, Wirtshäuser und ähnliche Unternehmungen waren den 
Juden abzunehmen und an Christen, und zwar auch an „Fremde", 
zu verleihen. 

In diesem Gutachten Josephs sind bereits alle Grundgedanken 
der folgenden Ansiedlung in Galizien enthalten; er war es also, 
der dazu schon zur Zeit Maria Theresias den ersten Anstofs ge- 
geben hatte. 

Josephs Vorschläge wurden zunächst in die „Instruktion" auf- 
genommen, die der erste galizische Gouverneur Graf Pergen er- 
hielt. An einigen kleinen Änderungen erkennt man, dafs die 
Kaiserin nicht gesonnen war, den Protestanten zu weitgehende 
Freiheiten zu gewähren. Das Zugeständnis der freien Religions- 
übung wurde etwas eingeschränkt und die Herbeiziehung von 
Fremden war „auf so eine Art zu veranstalten, damit andurch 
auswärts kein gehäfsiges Aufsehn verursachet und keine fremde 
Religionsverwandte in solche Städte gezogen werden, wo ihr Re- 
ligionsexerzitium noch nicht ausgeführt ist". Diese zurückhaltende 
Stellung hat die Kaiserin auch in der Folge gegenüber protestan- 
tischen Ansiedlern eingenommen. 

Wie notwendig die von Kaiser Joseph angeregte Herbeiziehung 
von Fremden war, hat sich in Kürze klar erwiesen. Bei der Ein- 
fuhrung der neuen Verwaltung fehlte es überall an den nötigen 
Kräften. Wiederholt baten die ersten österreichischen Gouverneure 
in ihren Berichten, dafs nach Galizien Waldbereiter, in der Wald- 
und Landwirtschaft erfahrene Beamte, Bierbrauer, Wollkämmer, 
Garn Spinner, Bienenzüchter, Teichmeister, Mühlenbauer, Pflasterer, 
Bauleute, Baumeister und dergleichen geschickt würden. Schon 
im Mai 1773 ist von der Veröffentlichung eines Patentes zur An- 
siedlung von Künstlern und Handwerkern die Rede; auch stellte 



Kaiser Joseph II. regt die Ansiedlung an. 5 

Gouverneur Graf Pergen damals das Ansuchen, dafs Untertanen 
aus anderen österreichischen Ländern „abschofsfrei", das heifst 
ohne Zurücklassung eines gewissen Teiles ihres Vermögens zu- 
gunsten der Grundherrschaft oder des Staates, nach Galizien über- 
siedeln dürften. Auf seiner ersten Reise durch Galizien während 
des Sommers 1773 mufste Joseph wieder erkennen, wie dringend 
für das Land die Herbeiziehung von Kulturelementen sei. Einer 
Kommission, die im April 1774 in Wien tagte, wurden „kaiser- 
liche Fragepunkte ^* vorgelegt, welche die Ansiedlung von reichen 
Grofskaufleuten aus Thorn, Danzig und Elbing betrafen. Zu 
ihrer Herbeiziehung wurde die Verwendung von „Emmissären" 
und die Bestimmung von Freiheiten angeregt; es zeigte sich so^ 
gar die Geneigtheit, die Errichtung von „Privatoratorien" (Bet- 
häusern), wie sie in Ungarn und im Gebiete von Teschen (Oster- 
reichisch - Schlesien) schon üblich waren, zu gestatten, um aus 
Preufsisch- Polen protestantische Handelsleute und Fabrikanten, die 
mit der preufsischen Regierung unzufrieden waren, zur Einwan- 
derung nach Galizien zu bewegen. Dadurch sollte Industrie ein- 
geführt und das Vermögen des Landes gehoben werden. Gleichsam 
um die den Protestanten gemachten Zugeständnisse zu entschul- 
digen, schliefst der kaiserliche Vorschlag mit den Worten: „Wäre 
dies nicht christlicher als die häufigen Juden, die aller Art Syna- 
gogen haben." 

Damit war die neuerliche Besiedlung Galiziens mit Deutschen 
angeregt worden. Wie im 13. Jahrhundert sollte dem Lande durch 
deutsche Kulturkraft aufgeholfen werden. 

Ansiedlungen waren in Osterreich nichts neues; die öster- 
reichische Regierung betrieb sie seit Jahrzehnten besonders in Un- 
garn ^). Gerade damals war auch Friedrich IL mit der Koloni- 
sation seiner Gebiete eifrig beschäftigt, und es lag nahe, mit ihm 
in einen Wettkampf zu treten. 

Die Kommission in Wien ging mit vollem Verständnisse auf 
die kaiserlichen Anregungen ein. Sie betonte, dafs es in Galizien 
nur Kommissionäre der Grofskaufleute von Danzig, Breslau und 
Leipzig, aber keine selbständigen Grofskaufleute gäbe. Die gali- 



1) Vgl. Bd. II, S. 98 ff. 



6 Verhandlungen über diese Vorschläge. 

zischen Bürger wären zu Industrie und Arbeit nicht geneigt, daher 
Handel und Gewerbe fast nur von Juden betrieben würden. Es 
wäre daher nötig, fremde protestantische Künstler, Handwerker 
und Kaufleute in den Städten anzusiedeln; dadurch könnte der 
Handel der Juden einigermafsen eingeschränkt werden. Die gröfste 
Schwierigkeit bildete das protestantische Glaubensbekenntnis der 
Ansiedler. Entsprechend den zur Zeit Maria Theresias geltenden 
Anschauungen lauteten die Vorschläge der Kommission sehr vor- 
sichtig. Sie erinnerte daran, dafs dem ersten galizischen Gouver- 
neur Grafen Pergen ausdrücklich befohlen worden sei, keinen 
Schismatiker und Protestanten in öffentlichen Diensten zu dulden. 
Sie riet, den protestantischen Ansiedlern den Ankauf von Land- 
gütern nicht zu gestatten; diese Bestimmung hatte den Zweck, 
die Protestanten von der grofsen Masse der Bevölkerung fernzu- 
halten. Sie sollten nur in Städten Häuser und Lustgärten, Fabriks- 
gebäude, Handelsgewölbe und Magazine besitzen dürfen. Zur Aus- 
übung ihrer Religion wären ihnen auf besonderes Ansuchen in 
zwei oder drei Städten, und zwar für jeden Ort nur ein Privat- 
oratorium zu bewilligen. Es dürften aber keine „oratoria per- 
petua*', also für immerwährende Zeiten bewilligte Bethäuser sein; 
es sollte blofs angesehenen Protestanten „ad personam^' gestattet 
werden, für ihre Famihe und ihre Glaubensgenossen Gottesdienst 
zu halten. Nach dem Tode eines so Begünstigten sollte das Recht 
anderen Protestanten gewährt werden. Die bestellten Pastoren 
mufsten dem Gubernium angezeigt und von ihm genehmigt werden. 
Auf diese Weise, hoffte die Kommission, werde die Ansiedlung 
von Protestanten ohne Schaden für die katholische Kirche erfolgen, 
übrigens wurde die Entsendung von Emissären widerraten, weil 
man dadurch die fremden Mächte aufmerksam machen und eine 
Verschärfung der Auswanderungsverbote herbeiführen könnte. Auch 
das zu erlassende „Ansiedlungs- Patent" sollte nichts Verdachterregen- 
des enthalten. 

Entsprechend diesen Vorschlägen erfolgte am 26. Mai 1774 
die kaiserliche Resolution, wonach die Kommission zur Herbei- 
ziehung „von fremden protestantischen Kauf- und Handelsleuten, 
Künstlern, Fabrikanten und Handwerkern" ein „ Ansiedlungs-Pa- 
tent" kundzutun hatte. Dieses sollte bestimmen, dafs alle, die sich 



- Vorbereitung eines Ansiedlungspatentes. 7 

in den drei Städten Lemberg, Zarao^ö ^) und Kazimierz (bei Krakau) 
niederlassen werden, das Bürger- und Besitzrecht erhalten und in 
Privatoratorien ihren Gottesdienst ungekränkt ausüben sollten. Die 
Ausschliefsung von „Chargen und Bedienstungen'^ und vom An- 
kaufe von Landgütern wurde genehmigt, doch sollte davon im 
Patente nichts stehen, sondern blofs der Gouverneur davon ver- 
ständigt werden. Die Nachricht von dieser Ansiedlung war durch 
die schon in Galizien ansässigen Protestanten, ferner „durch ihre 
in auswärtigen Landen befindlichen Korrespondenten und Glaubens- 
genossen unter der Hand" zu verbreiten. 

Von dieser kaiserlichen Entschliefsung wurde sofort der neue 
galizische Gouverneur Graf Hadik verständigt und ihm der Auf- 
trag erteilt, das Patent auszuarbeiten. Am 18. Juni 1774 legte 
das Lemberger Gubernium bereits diesen Entwurf vor und sprach 
den Wunsch aus, dafs den Protestanten aufser Kazimierz, Zamo^d 
und Lemberg auch noch Jaroslau, Brody und Zaleszczyki zum 
Aufenthalt angewiesen werden, da diese Orte für den Handelsver- 
kehr sehr günstig gelegen seien, in Zaleszczyki überdies schon 
eine von Protestanten betriebene Tuchfabrik bestehe, auch gutes 
-Tischzeug hier verfertigt werde ^). Das Gubernium nahm bereits 
auch drei weitere Orte für die Ansiedlung von Protestanten in 
Aussicht, nämlich Sokal, Tartaköw und Tarnopol. Von dem Patente 
und der Ansiedlung versprach sich das Gubernium gute Folgen. 

Bisher war stets nur von der Ansiedlung von Protestanten 
die Rede. Erst bei der Begutachtung des Patententwurfes bemerkte 
die galizische Hofkanzlei, dafs man auch katholische Handwerker 
herbeiziehen und sie an mehreren Orten ansiedeln könnte. Dagegen 
wollte sie für Brody vorläufig noch keine Begünstigungen ein- 
räumen, weil dieser Ort damals Privatgut war. Darüber entschied 
Kaiser Joseph II., damals noch Mitregent seiner Mutter, dafs Brody 
eingelöst und in eine königliche Freistadt umgestaltet werden 
sollte ; für die Katholiken sei ein besonderes Patent zu entwerfen, da 
ihre Niederlassung an allen Orten nach eigener Wahl gestattet sei. 

Zufolge des kaiserlichen Auftrags wurde tatsächlich auch ein 



1) Jetzt in Kussisch-Polen (Lublin). 

2) Bd. I, S. 157 f. 



8 Das Ansiedlungspatent vom 1. Oktober 1774. 

Patent fiir die katholischen Ansiedler entworfen; doch ging noch 
der August und September 1774 mit allerlei Auseinandersetzungen 
über die Patente vorüber. Danach sollte die Stadt Kazimierz 
unter den privilegierten Orten nicht erscheinen; dagegen wurde 
zur Einlösung von Brody von der Potockischen Familie der be- 
stimmte Befehl erteilt. Das Privileg war in den Zeitungen zu 
veröffentlichen, und zwar in der „Leidner französischen, Regens- 
purger, Frankfurter (am Main), Hamburger und der hiesigen 
Wiener". Schliefslich wurden nicht zwei besondere Privilegien, 
sondern durch Verbindung beider Entwürfe ein Patent für die 
katholischen und protestantischen Ansiedler hergestellt und vom 
1. Oktober 1774 datiert. Darin wurde allen „auswärtigen, des- 
gleichen denen in ünsern übrigen Erblanden zwar wohnhaften, 
aber noch nicht wirklich ansessigen katholischen Handelsleuten, 
Künstlern, Fabrikanten, Professionisten und Handwerkern " die Be- 
willigung erteilt, sich in Galizien an beliebigen Orten niederzulassen, 
und ihnen „nebst der unentgeltlichen Verleihung des Bürger- und 
Meister rechts eine sechsjährige Befreiung von allen Personalsteuern 
und Abgaben" zugestanden. Die protestantischen Ansiedler 
durften sich nur in Lemberg, Jaroslau, Zamo^d und Zaleszczyki 
unter denselben Bedingungen niederlassen; zugleich wurde ihnen 
die Ausübung ihres Gottesdienstes in den Privatoratorien bewilligt. 
Nachträglich wurden die Freiheiten auf Kazimierz, dann auch auf 
Brody ausgedehnt, und am 16. November 1774 wurde dem Gu- 
bernium mitgeteilt, dafs für diese Orte alle Begünstigungen der 
auswärtigen Protestanten gelten. Auch ein Patent, das damals zur 
Förderung des Häuserbaues erlassen wurde, hebt hervor, dafs es 
sich darum handle, „Künstler, Professionisten, Handelsleute und 
Kommerziale von anderwärts ehender hierher zu ziehen und da- 
durch die Anzahl tauglicher und geschickter Bürger zu vermehren ". 
Die in diesem Patente gewährten Freiheiten galten für die im Frei- 
brief vom I.Oktober und seinen Nachträgen genannten sechs Städte. 
Wie aus dem Mitgeteilten ersichtlich ist, wurde zunächst nur 
die Herbeiziehung von Handwerkern und Kaufleuten ins Auge 
gefafst. Bald darauf wurde auch die Ansiedlung von Bauern er- 
wogen, aber zunächst ohne Erfolg. Die erste Anregung dazu 
ging von Borie, dem österreichischen Gesandten am Regensburger 



AnsiedluDg von Bürgern; Zurückweisung protestantischer Bauern. 9 

Reichstage, aus. Diesem war das Patent vom 1. Oktober geschickt 
worden, damit er es in den Regensburger Zeitungen veröffentliche. 
Der Gesandte fragte hierauf in Wien an, ob er den Ansiedlern 
Reisegeld geben dürfe und ob er nicht auch Landleute, besonders 
junge Burschen und Mädchen, schicken solle. Schon am 24. Ok- 
tober wurde ihm erwidert, dafs nur j die Ansiedlung von Fabri- 
kanten und Handwerkern in Aussicht genommen sei; Reisegeld 
werde nicht verabreicht, weil ohnehin Unbemittelte zur Förderung 
der Industrie nichts beitragen würden. Wegen der Ansiedlung 
von Landleuten sei noch nichts bestimmt worden; doch würde 
man dabei wegen der „mehreren Gleichheit der Kultur und Ver- 
fassung mehr auf die benachbarten polnischen als auf die Pro- 
vinzen des Römischen Reiches die Absicht zu richten haben". 
Man müfste vorerst das galizische Gubernium fragen, ob zur An- 
siedlung fremder Ackersleute Gelegenheit vorhanden sei und welche 
Bedingungen ihnen gewährt werden sollten. Da Kaiser Joseph 
sich damit einverstanden erklärte, wurde am 14. November 1774 
ans Gubernium die Anfrage gerichtet, ob auf den galizischen 
Kameralherrschaften fremde Ackersleute mit Nutzen und unter 
welchen Begünstigungen angesiedelt werden könnten. 

Zu einer Ausführung dieser Pläne ist es aber zur Zeit Maria 
Theresias nicht gekommen. Selbst als sich deutsche Bauern um 
die Ansiedlung bewarben, wurden sie wegen ihres protestantischen 
Glaubens zurückgewiesen. So meldeten sich im Winter 1774 auf 
1775 beim Distriktsamt in Zamo^ö Deputierte von Protestanten 
aus Polen unter Führung des in Zamo^d bereits ansässigen An- 
dreas Lössig. Unter Berufung auf das Patent vom 1. Oktober 1774 
erklärten sie, sich ansiedeln zu wollen, wenn ihnen die Anstellung 
von Geistlichen, ein eigener Friedhof und der kapellenartige Aus- 
bau des Betzimmers bewilligt würde. Zamo^d hatte schon damals 
evangelische und reformierte Bewohner, zu denen die Deputierten 
kamen und vereint jene religiösen Forderungen durchzusetzen 
suchten. Das Zamo^der Distriktsamt wufste von diesen Ansied- 
lungswerbern viel Gutes zu berichten. Sie waren vom Fürst 
Radziwill in seine an der litauischen Grenze am Bug gelegene 
Stadt Slabatisch gezogen worden. Nach seinem Beispiel hatte der 
Woiwode von Pommern, Graf von Flemming, Ansiedler in den 



10 Zurückweisung protestantischer Bauern. 

Städten Terespol, Reczica u. a. ansässig gemacht ^). Diese Leute 
stammten aus dem Kurfürstentum Sachsen, aus dem Römischen 
Reiche und der Danziger Niederung. Unter ihnen befanden sich 
Handwerker, Künstler, Manufakturisten und Ackerleute. „Ganz 
Polen weifs es", führt das Amt aus, „dafs die Güter, auf denen 
diese Ansiedler wohnten, in den besten Umständen waren und 
dafs beide Eigentümer nicht kleinen Nutzen aus ihrem Fleifs und 
ihrer Arbeit zogen." Nach dem Tode der Grundherrn begann 
aber eine Mifswirtschaft, die die Leute zur Auswanderung veran- 
lafste. Das Distriktsamt riet am 23. Jänner 1775 auch die Acker- 
bauer aufzunehmen und ihnen die eingezogenen Starosteigüter ^) 
zu überlassen. Aber sowohl das Beizer Kreisamt als das Lem- 
berger Gubernium verwiesen darauf, dafs das Patent nichts über 
Bauernansiedlungen enthalte; das Gubernium wollte auch nicht 
arme Leute ins Land ziehen. Ebenso kamen religiöse Bedenken 
zur Geltung, die auch die wohlwollende Anschauung der galizischen 
Hof kanzlei nicht zerstreuen konnte. Kaiserin Maria Theresia setzte 
eigenhändig unter den Vortrag der Kanzlei die entscheidenden 
Worte: „und niemals eine Frage sein könne, aufser den sechs 
Orten noch weniger auf das Land einige Protestanten zu erlauben ". 
Dementsprechend wurde das Gubernium angewiesen, keine Land- 
leute anzusiedeln. 

So hat also die Abneigung gegen die Protestanten zunächst 
die Ansiedlung von Bauern vereitelt. Denselben Standpunkt ver- 
trat man auch, als sich Schweizer zur Ansiedlung meldeten. In- 
folge des veröflfentlichten Patentes wandte sich im Dezember 1774 
ein gewisser Crose aus Lausanne an den österreichischen Resi- 
denten Nagel in Basel und erbot sich, Professionisten und Land- 
leute nach Galizien zu führen. Nagel berichtete darüber sofort an 
die Haus-, Hof- und Staatskanzlei und betonte, dafs die Schweizer 
unbedingt in der Landwirtschaft und im Fabrikwesen der gali- 
zischen Bevölkerung gutes Beispiel bieten würden. Auch die gali- 
zische Staatsgüteradministration, der dieser Antrag zur Begut- 

1) Die Städte Slawatycze, Terespol und Kzeczyca liegen in Russisch- Polen 
nordöstlich von Lublin. 

2) Die Starosten waren die über ein gröfseres Gebiet (Starostei) gesetzten 
liolnischen Beamten. Man vgl. Bd. I. 



Zurückweisung protestantischer Bauern. 11 

achtung vorgelegt wurde und der das Bedürfnis nach guten Land- 
bauern am besten bekannt war, schlug vor, die Schweizer als 
Ansiedler unter Gewährung von Freiheiten ins Land zu ziehen 
und ebenso ihnen Meierhöfe auf den Kameralherrschaften Sambor 
und Przemysl zu verpachten. Die Administration versprach sich 
davon besonders für die bisher vernachlässigte „ Gebirgswirtschaft " 
Vorteile. Auch das Gubernium stand der Ansiedlung von Schweizer 
Bauern nicht unfreundlich gegenüber. Es war der Ansicht, dafs 
man sie auf den kameralischen Meierhöfen entweder ständig an- 
siedeln oder als Dienstleute verwenden sollte; auch Pachtungen 
könnten ihnen übertragen werden. Da Ansiedlungspläne von 
Ackerbauern wiederholt auftauchten, hielt sich das Gubernium für 
genötigt, zu erklären, dafs Odnisse, weite unbewohnte Strecken, 
für Kolonisationszwecke nicht vorhanden wären; die verlassenen, 
unbebauten Felder sollten zunächst für den Nachwuchs der ein- 
heimischen bäuerlichen Bevölkerung verbleiben. Würden jedoch 
öde Gründe für die Schweizer ausfindig gemacht werden, so 
sollten die Ansiedler sechs Freijahre erhalten. Das Gubernium 
hielt es für vorteilhaft, dafs die Unternehmer ins Land kämen, 
die Güter ansähen und Verträge abschlössen. Auch jetzt verwies 
dieses Amt auf die aus dem Glaubensbekenntnis der Ansiedlungs- 
werber entspringende Schwierigkeit; aber es meinte — und da ist 
bereits ein Fortschritt bemerkbar — , dafs ihre Niederlassung in 
geschlossenen Dörfern doch gestattet werden könnte. Schliefslich 
überwog aber doch die Anschauung, den Schweizern blofs Pach- 
tungen zu gewähren, da es den damaligen Grundsätzen wider- 
sprach, Protestanten am flachen Lande „für beständig" anzu- 
siedeln; nur katholische Schweizer war man geneigt als „wahre 
Ansiedler auf dem Lande " zuzulassen. In diesem Sinne traf auch 
die Kaiserin die endgültige Entscheidung (Mai 1775). An das 
gaHzische Gubernium und an den Residenten Nagel erging nun 
die Belehrung, dafs die protestantischen Landwirte, die als Pächter 
kommen würden^ ferner ihre Beamten und Diener nur „zeitliche 
Bewohner" in Galizien werden könnten; die Handwerker sollten 
nach dem bereits erlassenen Patente behandelt werden. So kam 
es, dafs infolge der religiösen Unduldsamkeit auch die tüchtigen 
Schweizer zur Ansiedlung als Landwirte nicht zugelassen wurden; 



12 Umschwung der Verhältnisse unter Joseph II. 

da man ihnen nur vorübergehende Pachtungen geben wollte, dürften 
nur wenige gekommen sein. Wenigstens finden sich nur spärliche 
Spuren. Als sich 1783 die deutschen Ansiedler in Kupnowice ^) 
beschwerten, dafs ihnen Vieh und Häuser noch nicht angewiesen 
worden seien, erklärte das schuldtragende Amt diese Verzöge- 
rung damit, „dafs die Pachtzeit des Schweizers noch nicht aus- 
gegangen sei". 

So bHeb die Einwanderung der Deutschen zur Zeit Maria 
Theresias auf Handwerker, Fabrikanten und Kauf leute beschränkt. 
Aafserdem kamen selbstverständlich die für die neue Verwaltungs- 
organisation nötigen Kräfte: Beamte, Lehrer, Geistliche ins Land. 
Die Kolonisation von Bauern, die für Galizien so überaus nötig 
war, scheiterte zumeist an den religiösen Bedenken gegen den 
evangelischen Glauben der Ansiedlungswerber. Auch hielt man 
die Zuwanderung der mit den Verhältnissen des Landes vertrauten 
ländlichen Bevölkerung aus dem benachbarten Polen für angezeigter 
als die Herbeiziehung fremder Kolonisten. Endlich stiefs auch die 
Unterbringung dieser Ansiedler auf einige Schwierigkeiten; dem 
Staate standen damals in Galizien nur verhältnismäfsig wenige 
Güter (eingezogene Starosteien, Kameralmeierhöfe) zur Verfügung. 
Erst unter Kaiser Joseph trat ein Umschwung ein; er wurde er- 
möglicht durch die Anerkennung der religiösen Duldung und 
durch die Übernahme reicher geistlicher Güter in die Verwaltung 
des Staates, 

Die Entwicklung des deutschen Ansledlungswesens In Galizien 
unter Kaiser Joseph II. 

Im Sommer 1780 besuchte Kaiser Joseph, als er zur Zusam- 
menkunft mit der Kaiserin Katharina H. nach Rufsland reiste, 
wieder Galizien. Über den Zustand des Landes machte der Kaiser 
in seinen Reiseaufzeichnungen Bemerkungen wie die folgenden: 
„Das Wachstum des Viehes ist sehr schlecht"; „das Land ist 
allhier viel weniger angebaut, schlecht bevölkert, viele Wälder und 
Moräste". Diese Beobachtungen veranlafsten ihn, nicht nur die 
Vermehrung der Handwerker, besonders der Wollen-, Tuch-, Or- 

1) Kupnowice lag in der für die Schweizer bestimmten Kameralherrschalt 
Sambor. 



Neue Anregungen zur Ansiedlung. 18 

diDariizeug- und Leinwandfabrikanten, sowie der Bierbrauer zu 
fordern, sondern auch die Verbesserung der Viehzucht anzuregen. 
Damit war die Fortsetzung der Ansiedlung von Gewerbetreiben- 
den, aber auch die bäuerliche Kolonisation wieder angeregt worden. 
Nun brachen gerade im Herbst 1780 in Preufsisch-Schlesien, 
besonders in Pless und in anderen Herrschaften an der galizischen 
Grenze Bauernunruhen aus. Bei der Beobachtung dieser Vorgänge 
wurde die Bemerkung gemacht, dafs viele Protestanten aus der 
Gegend von Biala, die scharen weis nach Pless zum Gottesdienste 
zogen, da die Kirche in Teschen zu weit war, dort von preufsischen 
Werbern zur Auswanderung verlockt wurden ^). Damals wohnten 
nicht nur in der Stadt Biala, sondern auch in den benachbarten 
Dörfern sehr viele Protestanten. Schon im Mittelalter hatten sich 
in dieser Gegend Deutsche angesiedelt. Unter dem Drucke der 
in Schlesien durchgeführten Gegenreformation kamen seit dem 
17. Jahrhundert viele protestantische Gewerbetreibende, besonders 
Tuchmacher, über den Bialaflufs nach Polen herüber und liefsen 
sich in den bestehenden Ortschaften nieder. Alle überflügelte 
schliefslich Biala, die Schwesterstadt des am jenseitigen Ufer ge- 
legenen schlesischen Bielitz. Biala hatte zu mindestens seit 1584 
deutsches Recht, seit 1709 bestand hier eine protestantische Ge- 
meinde und 1723 erhielt der Ort Magdeburger Stadtrecht. Im 
Jahre 1766 war hier eine „Kongregation" der Kaufleute zur 
Hebung des Handels errichtet worden, als deren Alteste Simon 
Merkt und Balthasar Schindler erscheinen. Sechs Jahre später 
kam der Ort zusammen mit dem Gebiete von Auschwitz und 
Zator an Osterreich. Nach den Berichten der österreichischen Be- 
hörden waren die deutschen Bewohner dieser Gegend arbeitsam; 
die Weiber beschäftigten sich zumeist mit Wollspinnen und Krem- 
peln, die Männer mit Tuch- und Leinwandfabrikation. „Diese 
nützlichen Untertanen sind meistens des Lesens und Schreibens 
kundig, meist nüchtern, reinlich in der Kleidung und erziehen ihre 
Kinder anständig auf ihre Art." Sie hingen treu an ihrem pro- 

1) Die Protestanten von Biala hatten trotz des Warschauer Traktates von 
1768 und des Traktates von 1773 kein Gotteshaus. Sie durften keines errichten, 
weü sie beim Übergange des Landes unter die österreichische Herrschaft (1772) 
nicht im Besitze einer Kirche waren. 



14 Verhandlungen wegen Gewtährung der Religionsfreiheit 

testantischen Glauben und „ von diesem Religionstrieb eingenommen 
zogen sie Sonnabends nach Feierabend scharen- und prozessions- 
weise mit ihrem Nahrungsbünkel auf dem Buckel nach Plessen 
und füllten dasige evangelische Kirche mit ihren Weibern, Kin- 
dern und Kindeskindern vollkommen an". Gingen dann die Leute 
nach dem Gottesdienste ins Wirtshaus, so verstanden sie die Wirte, 
welche geheime Werber waren, mit Hilfe des königlich-preufsischen 
Patentes vom 5. Jänner 1770, das den Einwanderern mancherlei 
Vorteile in Aussicht stellte, anzulocken. Das Wielicker Kreisamt 
konnte seinem Berichte über diese Vorgänge ein gedrucktes Exem- 
plar des preufsischen Patentes beilegen. Alle diese Beobachtungen 
führten dazu, dafs man die Gestattung eines evangelischen Bet- 
hauses in Biala ins Auge fafste und zugleich sich entschlofs, die 
infolge der Unruhen auf österreichisches Gebiet geflüchteten Bauern 
in Galizien und Böhmen anzusiedeln; das Auslieferungsbegehren 
Preufsens wurde zurückgewiesen, weil dieser Staat in ähnlichen 
Fällen ebenfalls Flüchtlinge nicht herausgegeben hatte. Schon Ende 
1780 erging an das galizische Gubernium der Auftrag, den Flücht- 
lingen Vorschub zu leisten und sie unterzubringen. 

In den ersten Monaten 1781 wurde die Frage, ob man den 
Evangelischen im Gebiete von Biala Religionsfreiheit gewähren 
sollte und wie man fremde Untertanen ins Land ziehen könnte, 
eifrig behandelt. Dabei kam die Ansiedlung von Bauern, die zur Zeit 
Maria Theresias nur gestreift worden war, ernstlich in Erwägung. 
Der damalige galizische Statthalter, Graf Brigido, beantragte in 
seinem Bericht vom 12. März 1781 unter Hinweis auf Böhmen, 
wo preufsischen Einwanderern Begünstigungen gewährt wurden, 
man möge jetzt auch die „ fast von allen nützlichen Professionisten 
entblöfsten revindizierten Königreiche und Fürstentümer (Galizien) 
damit versehen, wie auch besonders die auf den Kameralherr- 
schaften vorhandenen Dominikalmeierhofsgründe mit fremden arbeit- 
samen Menschen besetzen". Er entwarf auch sofort die Ansied- 
lungsbedingungen, welche den Handwerkern und Bauern, die aus 
der Fremde herbeiziehen würden, gewährt werden sollten. Ebenso 
war es nach seiner Ansicht nötig, die vorhandene Bevölkerung 
festzuhalten, daher schlug er wenigstens für Biala ein Privatbethaus 
vor, um die Kirchenfahrt in das Plessische als die nächste Aus- 



und Erlassung eines neuen Ansiedlungspatentes. 15 

Wanderungsgelegenheit zu verhüten. Um evangelische Ansiedler 
anzuziehen, müfste man ihnen ,, freie private Religionsübung" zu- 
gestehen, „durch welches Mittel die Königreiche unzweifelhaft in 
wenigen Jahren eines ansehnHchen Zuwachses sowohl Professions- 
kundiger als fleifsiger Ackerbauer sich erfreuen würden , die an- 
nebst meistens noch der teutschen Sprache, dann des Lesens und 
Schreibens kundig wären, mit welchen das hiesige von derlei ar- 
beitsamen, dem Staate nutzbringenden Insassen noch entvölkerte 
Land zu vermehren, das Hauptabsehen sein mufs^'. Brigido 
schlug daher vor, dafs die Regierung den Ansiedlern jene Freiheiten 
und die private Religionsübung zugestehe, welche das preufsische 
Patent vom 5. Jänner 1770 gewährleistete. 

Mit diesen Vorschlägen erklärte sich die böhmisch - öster- 
reichische Hofkanzlei einverstanden, nicht aber der Staatsrat. 
Dieser war wohl geneigt, für die Protestanten des Wielicker 
Kreises Religionsfreiheit zu gestatten; in Biala und auch in dem 
neuangelegten Orte Podgörze (bei Krakau) sollte die Herstellung 
eines Bethauses und die Anstellung eines Pastors erlaubt werden, 
diese Orte also die Freiheit der bereits früher zur Ansiedlung von 
Protestanten bestimmten sechs Städte erhalten. In der Frage der 
Herbeiziehung weiterer preufsischer und polnischer Untertanen 
machte der Staatsrat dagegen Schwierigkeiten, und zwar vor allem 
wegen der Religionsübung der zum Ackerbau bestimmten An- 
siedler. Die Mehrzahl der Kommissionsmitglieder riet, die Ansied- 
lung protestantischer Landleute nur in gewissen Gebieten zuzu- 
lassen, und zwar vor allem im Wielicker Kreise, dann in der 
Nähe der Städte. Diese sollten jetzt ohne alle Ausnahme die Frei- 
heit geniefsen, die bisher nur die sechs Städte hatten, und den 
protestantischen Handwerkern insgesamt zugänglich sein. Die Nie- 
derlassung von Professionisten auf dem Lande wollte die Mehrheit 
der Kommission nur in beschränktem Mafse gestatten; in den 
Dörfern sollten höchstens Schmiede, Wagner, Fleischer und Bäcker 
wohnen dürfen, die anderen Gewerbetreibenden (die „Komerzial- 
professionisten ") sich nur in den Städten niederlassen, um diese 
zu heben. Beide Parteien suchten ihre Ansicht durch zahlreiche 
Gründe und Gegengründe, die für die religiösen und politischen 
Anschauungen der Zeit sehr interessant sind, zu verfechten. Schliefs- 



16 Die Entscheidung des Kaisers. 

lieh entschied der Kaiser, dafs er mit der Religionsfreiheit für den 
Wielicker Kreis einverstanden sei; ebenso gewährte er auch den 
Ansiedlern auf dem Lande diese Freiheit. Den Streit über die 
Verteilung der Handwerker entschied er aber mit der Bemerkung: 
„Die sorgfältige Verteilung der Professionisten auf Land, Stadt 
und Marktfleck ist ganz unnötig, da ohnedies sich kein Gold- 
schmied auf das Land niederlassen werde, und so wenig Vor- 
schriften als möglich zur Belebung der Industrie beitragen." Auch 
in der Frage der zu gewährenden Freiheiten, über welche man- 
cherlei Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Statthalter und 
dem Staatsrat bestanden, zeigte Joseph das gröfste Entgegen- 
kommen. So entschied er, dafs die Ansiedler zehn Jahre von allen 
Abgaben frei sein sollten, da die 1774 gewährte sechsjährige Frei- 
heit sich als ungenügend erwiesen hatte. Ebenso bestimmte der 
Kaiser, dafs den Bauern fertige Häuser mit den Gerätschaften 
übergeben werden, damit die Angesiedelten sofort mit der Beur- 
barung ihrer Gründe beginnen könnten. Auch befahl er, den An- 
siedlern Haus und Gründe in vollkommen erbeigentümlichen Be- 
sitz zu übergeben und den Bauern die Ablösung der Robot in 
Geld oder Körnern zu gestatten. Diese Begünstigungen sind zum 
Teil dem „ Königlich - preufsischen Patent für Preufsisch- Schlesien 
und Glatz" (Berlin 5. Jänner 1770) nachgebildet. Dies war wegen 
des Wettbewerbes mit dem Nachbarstaate nötig; an blofse Nach- 
ahmung der preufsischen Mafsregeln darf man nicht denken, denn 
in Österreich war man seit Jahrzehnten an das Ansiedlungsgeschäft 
gewöhnt. 

Im Juni 1781 erging an den Statthalter Brigido der Befehl, 
das Patent zu erlassen. Es ist vom 17. September 1781 datiert 
und verweist zunächst auf das bereits 1774 erlassene Patent sowie 
auf den Umstand, dafs von diesem „angelocket sich auch in 
mehreren Orten verschiedene fremde Leute allschon angesiedelt 
und sich der gegebenen Verheifsung wirklich zu erfreuen haben". 
Um jedoch die Ansiedlung zu erleichtern, und „ sohin mittels Her- 
beiziehung mehrerer fremden Menschen in gedacht unseren König- 
reichen Galizien und Lodomerien die Handlung und Industrie und 
die Erzeugnisse der Erde immer besser emporzubringen, die Ver- 
führung derselben in auswärtige Länder zu befördern, den Geld- 



Das Ansiedlungspatent vom 17. Sept. 1781 für Bürger u. Bauern. 17 

Umlauf zu beleben und hiebei wie denen neuen Ansiedlern, also 
überhaupt sämtlichen Insassen die Erwerbungsgelegenheit zu er- 
weitern^', sollen die Freiheiten vermehrt werden. Die Einwanderer 
sollten sich überall ansiedeln dürfen. Den Protestanten wurden 
aufser in Lemberg, Jaroslau, Zamosd und Zaleszczyki auch Bet- 
häuser in Biala und Podgörze gestattet ^). Kaufleute, Künstler 
und Handwerker erhielten in den Städten und auf dem Lande 
Bürger-, Besitz- und Gewerberecht; Befreiung von allen persön- 
lichen Steuern auf zehn Jahre ; Rekrutierungsfreiheit für sich, ihre 
ältesten Söhne und die aus der Fremde einwandernden Handwerks- 
gesellen ; Bauholz aus den Kameralwaldungen zur Herstellung der 
Wohngebäude unentgeltlich, die anderen Baumaterialien zum 
Ararialerzeugungspreis gegen Rückzahlung in sechs Jahren; Unter- 
stützung beim Baue mit Hand- und Zugrobot; 1600 Quadrat- 
klafter Gartengrund mit sechsjähriger Grundzinsfreiheit; zur An- 
schaffung des Werkzeugs und des rohen Materials 50 fl. an nicht 
rückzuzahlenden Vorschufs. Den Bauern und Ackersleuten, 
die sich auf den Kam eralherr Schäften niederliefsen („massen die 
übrigen Privat- Grundobrigkeiten zu solchen kostspieligen Beiträgen 
nicht verhalten werden mögen "), wurde gewährt : ein eigenes Bauern- 
haus mit Stall und Ackergerätschaften unentgeltlich; ein „ange- 
messener" Bauerngrund erbeigentümUch , und zwar ebenfalls un- 
entgeltlich; durch zehn Jahre Freiheit von allen Steuern und 
Grundzinsen, und nach Ablauf der Freijahre nur eine mäfsige 
„ Retribution oder Ehrung in Recognitionem Dominii " ; sechsjährige 
Freiheit von Frondiensten, hernach die gewöhnliche Zug- oder 
Handrobot entsprechend der Gröfse ihres Besitzes oder Ablösung 
derselben in Geld oder Körnern gleich anderen Kameraluntertanen. 
SchUefslich wurde allen Ansiedlern der Schutz des Landesguberniums 
verheifsen. 

Gegenüber dem Patente von 1774 weist das neue Patent vor 
allem folgende Fortschritte auf: Es ladet nicht nur Handwerker, 
sondern auch Bauern zur Ansiedlung ein. Allen wird im Sinne 
des bald darauf erlassenen bekannten Toleranzpatentes vom 13. Ok- 

1) Vgl. oben S. 8. Kazimierz war 1777 an Polen zurückgefallen; Brody 
wird im Patent nicht erwähnt. Durch das bald darauf erlassene Toleranzpatent 
ist die beschränkte Errichtung der Bethäuser aufgehoben worden. ;. 

K a in dl, Gesell, d. Deutschen i. d. Karpath. III. 2 



ft 



18 Spätere Zusätze zum Patent von 1781. 

tober 1781 religiöse Freiheit zugestanden. Ferner werden die An- 
siedler durch Gewährung gröfserer Freiheiten angelockt. 

Das Patent vom 17. September 1781 bildete die Grundlage 
für die folgende deutsche Ansiedlung in Galizien. In der Folge 
wurde oft auf dasselbe verwiesen. Dazu kamen freilich mancherlei 
Nachtragsbestimmungen, die durch gesammelte Erfahrungen oder 
besondere Vorfalle veranlafst wurden. So führten z. B. Bitten der 
Ansiedler, ihnen zur Fortbringung ihrer Kinder und Gerätschaften 
Militärvorspann zu gewähren, dazu, dafs man schon im Juni 1782 
zunächst einzelnen Ansiedlern Reisegeld bewilligte und sodann 
diese Begünstigung auf alle ausdehnte. Man gab ihnen für die 
Reise von Wien nach Galizien zunächst nur für Kinder unter vier- 
zehn Jahren je 2 fl. für den Kopf; später wurden jeder Person 
aufser den in Wien ausgezahlten 2 fl. noch je 1 fl. in Olmütz 
(Mähren) und 1 fl. in Biala beim Übertritt nach Galizien ge- 
reicht; noch später wurden in Biala 2 fl. für jeden Kopf be- 
stimmt. Erinnert sei daran, dafs man 1774 gar kein Reisegeld 
gewähren wollte. Auch die Rekrutierungsfreiheit ist erweitert 
worden. Im Juli 1782 befahl der Kaiser, dafs zur Förderung 
der Ansiedlung von Handwerkern aufser den anderen Freiheiten 
ihnen Rekrutierungsfreiheit für sie und ihre Kinder gegeben werde. 
Da bei verschiedenen Amtern diese über das Patent hinausgehende 
Freiheit auffiel — in diesem war nur von den ältesten Söhnen 
und Handwerksgesellen die Rede — , so erging am 1. September 
1782 eine Verordnung der Hofkanzlei an die Hofkammer, den 
Hofkriegsrat und das galizische Gubernium, welche die kaiserliche 
Verfiigung wegen der Rekrutierungsfreiheit aller Kinder „zur 
Darnachachtung ohne alle Interpretierung und Kombinierung mit 
dem vorjährigen Patente" betonte. Tatsächlich wird schon in 
einer am 27. September 1782 in Lemberg durch Druck kund- 
gemachten „Nachricht" den Handwerkern die Rekrutierungsfrei- 
heit „für sie und ihre Kinder" zugesichert. Als das Gubernium 
meldete, dafs die Einwanderung aus Polen trotz der üblen Lage 
der dortigen Bauern stocke, weil sie sich vor der Rekrutierung in 
Galizien fürchteten, wurde im Juli 1783 und später im März 1785 
ihnen Rekrutierungsfreiheit für die erste Generation zugesichert. 
Noch im Jahre 1782 beantragte die Domänendirektion in Sande- 



Der iirsprüngl. Ansiedlimgsplan. Auswanderungsbewegung in Deutschland. 19 

mir, den Ansiedlern auch Zug- und Zuchtvieh, ferner Brotkorn 
und Barvorschüsse zu gewähren; letzteres war notwendig gewor- 
den, weil den Ansiedlern nicht sofort ihre Wirtschaften zugewiesen 
werden konnten, viele von ihnen auch arm waren. Der Kaiser 
bewilligte im August 1782 diese Forderungen und ordnete eine 
genaue „Aufschreibung" der Vorschüsse jedes Ansiedlers an. Zu 
diesem Zwecke wurde jedem Hausvater ein „Einschreibbüchl" 
ausgefolgt. Später wurde auch unentgeltlich Holz, Stroh und Licht 
an die einquartierten Ansiedlungswerber verabfolgt; es wurden ihnen 
Arzte und Arzeneien frei zur Verfügung gestellt und dergleichen 
mehr. Eine vollständigere Übersicht der Rechte und Freiheiten 
sowie der gesamten Ausstattung der Kolonisten wird weiter unten 
geboten werden. 

Obwohl das Patent von 1781 viel gröfsere Freiheiten als jenes 
von 1774 gewährte, rechneten die Behörden auf keinen allzu grofsen 
Erfolg. Man dachte vor allem nur an die Herbeiziehung von An- 
siedlern aus dem republikanischen Polen und aus Preufsisch- Schlesien, 
und zwar nur auf einige hundert Emigranten, wie sie sich schon 
früher gemeldet hatten. Während das Patent von 1774 sofort in 
reichsdeutschen Zeitungen veröffentlicht wurde, geschah dies zu- 
nächst nicht mit jenem von 1781. Trotzdem entstand gar bald 
in Deutschland, vor allem im südwestlichen Teile, eine starke Aus- 
wanderungsbewegung nach Galizien. Es ist bekannt, dafs aus 
den Ländern am Mittelrhein seit Jahrzehnten eine Massenauswan- 
derung stattfand, die besonders in Zeiten der Not zu einer ge- 
radezu erschreckenden Höhe anwuchs. Die unerträglichen Be- 
drückungen der Kleinstaatfürsten, die Willkür ihrer Beamten und 
die Not der letzten Kriege verleideten den Bürgern und Bauern 
ihre Heimat; andere bewog ihr Glaube zur Auswanderung. Ver- 
gebens versuchten die Regierungen durch scharfe Verordnungen 
das „leichtsinnige Auswandern" einzuschränken. Kaiser Joseph 
raufste auf Betreiben der rheinischen Fürsten am 7. Juli 1768 ein 
allgemeines Auswanderungsverbot erlassen. Die Pfalz, Württem- 
berg und Baden stellten die meisten Emigranten. Sie wandten 
sich nach Amerika, Rufsland, Spanien und Ungarn ^). Nun wurde 



1) Vgl. Bd. II, S. 100 f. und unten das 5. Buch. 

2* 



20 Die ersten Anmeldungen von Ansiedlern. 

dieser Strom auch nach Galizien geleitet. Das Patent von 1774 
hatte dies nicht vermocht, weil es protestantische Bauern nicht 
duldete und arme Ansiedler nicht förderte. 

Kaum waren einige Wochen nach der Veröflfentlichung des 
Patentes vom 17. September 1781 vergangen, da tauchten schon 
allerlei Ansiedlungspläne auf. 

So wandte sich im Jänner 1782 die Gemahlin des ehemaligen 
Herzogs von Kurland, Prinzen Karl von Sachsen, durch den öster- 
reichischen Geschäftsträger zu Dresden nach Wien um die Er- 
laubnis, einige Herrnhuter auf ihren Gütern in Galizien anzusie- 
deln. Die österreichischen Behörden anerkannten, dafs die Herrn- 
huter sehr fleifsige, friedfertige und tüchtige Professionisten seien, 
doch machten sie auf einige Schwierigkeiten aufmerksam. So 
unterstanden die Herrnhuter einer Generaldirektion im Auslande, 
was nach österreichischem Rechte nicht der Fall sein durfte. 
Ferner betrieben sie zumeist Handel mit fremden Waren, während 
die Behörden zur Förderung des einheimischen Gewerbes forderten, 
dals sie zu ihrer Industrie nur inländische Rohprodukte verwenden 
und keine auswärts von ihnen verfertigten Waren, für die im In- 
land Material vorhanden war, einführen sollten. Schliefslich wurde 
auch darauf verwiesen, dafs sie zum Militärdienst unbrauchbar 
waren. Daher forderte die böhmisch - österreichische Hof kanzlei, 
dafs die Herrnhuter sich allen politischen und kommerziellen Ge- 
setzen unterwerfen müfsten. Kaiser Joseph genehmigte diese An- 
schauungen. Wie es scheint, kam die geplante Ansiedlung nicht 
zustande. 

Am 24. Februar 1782 meldeten sich zwölf verheiratete Glas- 
macher aus der Glashütte Nienover in Hannover, veranlafst durch 
den aus Waldheim in Böhmen stammenden Glasmacher Johann 
Kamm, zur Ansiedlung in GaHzien. Da jedoch Zweifel auftauchten, 
ob in Galizien Gelegenheit zu ihrer Unterbringung vorhanden 
wäre, so wurde der Gedanke angeregt, sie in der Bukowina an- 
zusiedeln, ,,obzwar die Bukowiner Verbesserungen dermalen noch 
nicht auf den Grad vorgerückt seien, um schon mit Fabriken- 
anlegung daselbst vorgehen zu können''. Zufolge eines Auftrages 
des Hofkriegsrates und des Lemberger Generalkommandos, denen 
die damals mihtärisch verwaltete Bukowina unterstand, sollte der 



Die ersten Anmeldungen von Ansiedlern. 21 

Landesverweser General Enzenberg die geeigneten Verhandlungen 
pflegen, doch so, dafs nicht der geringste Schein einer Verleitung 
oder Anreizung zur Auswanderung erweckt werde. Während Enzen- 
berg sich anschickte, diesem Befehle nachzukommen und das böh- 
mische Gubernium schon in diesem Sinne verständigt wurde, trafen 
indessen die politischen Behörden die Entscheidung, dafs jene Glas- 
macher nach Dolina in Galizien geschickt werden sollten. Der 
galizische Statthalter Brigido erklärte sich nämlich mit Freuden 
bereit, die Glasmacher auf der Kameralherrschaft Dolina aufzu- 
nehmen, wo eine landesübliche schlechte Glashütte bestand, die an 
einen Juden verpachtet war und von ihm „ganz elend" betrieben 
wurde. Es erfolgte daher der Vorschlag, diesen Glasmachern die 
Hütte um denselben Zins (600 fl polnisch oder 150 fl. rheinisch 
für das Jahr) zu verpachten und ihnen aufserdem 25 bis 30 fl. 
Reisegeld, sowie ungefähr die im Patente festgestellten Freiheiten 
zu gewähren. Ob jedoch Kamm und die anderen Familien wirk- 
lich nach Dolina gekommen sind, ist unbekannt. Dagegen er- 
scheinen wenig später Glasmacher in der Gegend von Lubaczow; 
1785 hatte die Hütten Krystalowa und Rözaniczka der deutsch- 
böhmische Glasmeister Hopfenbratl in Pacht. Auf seine Bitten 
überliefs ihm das Ärar für seine Arbeiter Häuser und Gründe 
gegen mäfsige Abzahlung. 

Am 25. März 1782 richtete der Oranien - Nassauische Amt- 
mann August Friedemann Rühle von Lilienstern in Dillenburg 
an Kaiser Joseph H. ein Gesuch. In der Einleitung desselben 
preist er den Kaiser als einen Wohltäter, der die Welt über- 
zeuge, dafs es das erhabendste Glück des Weisen sei, viele 
Menschen glücklich zu machen. Diese Überzeugung rechtfertige 
die Kühnheit seiner Bitte: Menschen unter dem Schutze eines 
Landesvaters zu sammeln, der nicht nur sein Volk, sondern die 
Menschen liebt und glücklich macht. Da nun in Ungarn und Ga- 
lizien, besonders aber in der Bukowina zahlreiche unangebaute, 
aber fruchtbare Landstrecken vorhanden seien, so bitte er um An- 
weisung einer geräumigen Gegend zur Anlegung einer Ansiedlung. 
Er würde sich bemühen, eine grofse Anzahl guter Untertanen da- 
hinzuführen; schon habe er aus verschiedenen Gegenden die Zu- 
sage vieler Ansiedlungswerber, und seine einflufsreichen Brüder 



22 Die ersten Anmeldungen von Ansiedlern. 

würden seine Pläne in Deutschland fördern. Rühle beabsich- 
tigte die Gründung mehrerer Dörfer; in einem besonders günstig 
gelegenen sollten Handwerker und Künstler untergebracht werden, 
damit es später zur Stadt erhoben werde. Für sich nahm Rühle 
die ganze Anordnung und Leitung der Ansiedlung, eine eigene be- 
deutende Grundfläche und so ziemlich die Rechte eines Grundherrn 
über die Ansiedler in Anspruch. Auf diesen weitgehenden Antrag 
wollten aber weder die Behörden in Galizien noch in der Buko- 
wina eingehen; jede von ihnen leitete die Angelegenheit auf die 
andere ab, bis schliefslich sie ganz vereitelt wurde. 

Im April 1782 meldeten sich beim Hofagenten Weltz in Wien 
eine Anzahl kurpfälzischer Familien, die mit Weib und Kind nach 
Galizien ziehen wollten; als ihre Wortführer erschienen Georg 
Ebener und Josef Böhm aus Nufsloch bei Heidelberg. Auch ein 
reformierter Pfarrer aus Wiesloch zeigte an, dafs in dieser Gegend 
Auswanderungslustige vorhanden seien; er bat, man möge seinen 
Sohn als Agenten zur Anwerbung dieser Übersiedler anstellen. 

Ende Juni 1782 erbot sich der vorderösterreichische Regierungs- 
rat Bökh, die starke Auswanderung, die damals aus Württemberg 
nach Preufsen ging, durch Gewährung gröfserer Freiheiten, als sie 
der preufsische König bot, nach Galizien zu lenken. Auch ver- 
sprach er, wenn ihm in Galizien das Indigenat (Staatsangehörig- 
keit) und der Adelstand unentgeltlich erteilt würde, auf eigene 
Rechnung gute Untertanen dahin zu bringen und andere vermög- 
liche Personen zum Ankaufe in diesem Königreiche und zur Her- 
beiziehung von Ansiedlern zu bewegen. Die böhmisch österreichische 
Hofkanzlei verhielt sich indessen diesem Vorschlage gegenüber ab- 
lehnend, teils weil damals noch immer für gröfsere Ansiedlungen 
in Galizien kein Raum vorhanden zu sein schien, teils auch weil 
Bökh bisher keine Verdienste aufzuweisen hatte, welche die er- 
betene Auszeichnung begründen konnten. Kaiser Joseph entschied, 
dafs Bökh vorher ein Gut in Galizien auf einen anderen Namen 
kaufen oder pachten und darauf eine Anzahl fremder Familien 
ansiedeln sollte; dann würde der Kaiser ihm den Adel verleihen 
und ihn den galizischen Ständen zur Erteilung des Inkolates vor- 
schlagen. Auch dieser Plan blieb unausgeführt. 

Im Juli 1782 teilte der Werbungsagent Leutnant von Reisenfels 



Beginn der planmäfsigen Herbeiziehung von Ansiedlern. 23 

in Efslingen (Württemberg) mit, dafs eine Anzahl vermögender 
Familien aus Württemberg nach Westpreufsen zu ziehen beabsich- 
tigte. Er wollte diese Leute für Galizien gewinnen und fragte 
zu diesem Zwecke an, was er ihnen bieten könnte. 

Alle diese Anträge und Pläne waren ohne Zutun der öster- 
reichischen Zentralregierung gemacht worden. Man ersieht daraus, 
dafs diese anfangs an eine planmäfsige Heranziehung von Kolo- 
nisten aus Westdeutschland nicht dachte. Auch der erste Versuch, 
der von einem österreichischen Amte in dieser Hinsicht gemacht 
wurde, geschah aus eigenem Antriebe eines untergeordneten Be- 
amten. Im Frühjahr 1782 schickte nämlich der Sandomirer Wirt- 
schaftsdirektor Hladky den aus Preufsisch - Polen nach Sandomir 
gekommenen Handwerksmann Johann Lem als Werbeagenten nach 
Süd Westdeutschland. Er tat dies, wie es in einem Berichte heifst, 
aus Diensteifer, um die Gelegenheit nicht zu verpassen, aus eigenem 
Antrieb. Lem sollte 300 Familien anwerben und dafür eine Be- 
lohnung erhalten. Vor der Abreise gab ihm der Wirtschafts- 
direktor ein Pferd im Werte von 14 fl. und 40 fl. für die Reise- 
kosten. Aufserdem empfing Lem ein von Hladky in Nisko am 
6. Februar 1782 ausgefertigtes Schriftstück, in welchem verkündet 
wurde, dafs auf der Sandomirer Herrschaft in Galizien noch grofse 
unbebaute Landstrecken sich befinden, die zufolge des hohen Auf- 
trages mit Handwerkern, vor allem aber mit Bauern besiedelt 
werden sollten. Hierauf wurde auf das Patent vom 17. September 
1781 und seine Bestimmungen hingewiesen. Auch betont die 
Kundmachung, dafs die genannte Herrschaft zwischen zwei schiff- 
baren Flüssen, Weichsel und San, liege, auf welchen die Produkte 
mittelst Flöfsen und Schiffen nach Warschau und Danzig gebracht 
werden könnten. Schliefslich folgte auch noch ein Hinweis auf 
die grofse Billigkeit in Galizien. Danach kostete ein Pfund Rind- 
fleisch 2 — 2i Kreuzer, ein Ochse 12 — 15 fl. rhein., eine Kuh 6 — 7 fl., 
ein Schwein 2 — 3 fl., ein Huhn 6 Kreuzer, eine Gans 12 Kreuzer, 
eine Ente 8 Kreuzer. Mit dieser Kundmachung begab sich Lem 
nach Frankfurt und schlug hier „in der alten Gassen im alten 
Brauhause No. 130" sein Quartier auf i). Seine Werbearbeit er- 

1) Nach einer anderen Nachricht : „ in denen 2 Schweitzern auf der Frey- 
Iberger Gasse No. 202". 



24 Die Sandomirer Bauernansiedlun^. Keiseweg der Einwanderer. 

regte rasch Aufsehen; schon im April wandte sich der öster- 
reichische Resident in Frankfurt, Franz von Röthlein, nach Wien 
um Auskunft über ihn. Erst dadurch erhielten die Oberbehörden 
Nachricht von dem Unternehmen Hladkys. 

Durch alle diese Vorgänge wurde erst die Wiener Regierung 
angeregt, eine grofse Anzahl von Kolonisten aus Süd Westdeutsch- 
land für Galizien zu gewinnen. Ein späterer Bericht (1786) sagt 
geradezu: „Die Sandomirer Ansiedlungen waren bekanntermafsen 
die ersten und gleichsam der Anfang und die ursprüngliche Ge- 
legenheit der ganzen ausländischen Immigration." Jetzt erst wurde 
im Juni 1782 an Franz von Blank, Landvogt von Rottenburg 
am Neckar 1), das Ansiedlungspatent mit der Weisung geschickt, 
Kolonisten aufzunehmen und nach Wien zu „ instradieren ". Ebenso 
wurde der österreichische Resident in Frankfurt am Main, Franz 
von Röthlein, mit der Aufnahme von 300 Ansiedlern betraut. Auch 
die vorderösterreichische Regierung erhielt im Juli das Patent mit 
der Weisung, angeworbene Ansiedler nach W^ien zu senden. Hier 
hatten sich diese an den 1781 bestellten Untertansagenten Weltz 
zu wenden, der sie mit Pässen und Marschrouten an ihren Bestim- 
mungsort schickte. 

Nach Wien kamen die Auswanderer zumeist auf Donau- 
schiffen. Diese bestiegen sie anfangs in der Regfei in Günzburg 
(unterhalb Ulm), wo sie sich zu sammeln pflegten, ferner in Ulm 
selbst. In Regensburg erhielten die Auswanderer vom kaiser- 
lichen Gesandten Pässe. In diese Stadt kamen viele Auswan- 
derer auch auf dem Landwege über Würzburg und Nürn- 
berg. Unglücksfälle kamen öfter vor. So ertrank dem Jakob 
Gessner oberhalb Regensburg seine Schwester; alles Geld, das 
sie bei sich hatte, ging verloren. Ebenso erütten vier Ansiedler 
bei Neuburg an der Donau durch einen Schiffsbruch Schaden. 
Der zwölfjährige Sohn eines Ansiedlers brach sich auf der 
Reise beide Füfse. Überdies verschlang die Reise bedeutende 
Summen. Einen Ansiedler, der sich sieben Stunden von Lemberg 
angesiedelt hatte, kostete die Reise für vier Personen 148 fl. 

1) Er erscheint auch als Landvogt der Grafschaft Hohenberg (Ober- und 
Nieder-Hohenberg). Rottenburg lag in der vorderösterreichischen Grafschaft 
Nieder- Hohenberg. 



Allerlei Agenten. Unerwarteter Zudrang. 25 

Kein Wunder, dafs viele von den Ansiedlern schon in Wien 
mittellos und entmutigt eintrafen. Aber die Hoffnung auf eine 
bessere Zukunft beseelte trotzdem die Auswanderer. Der Schrift- 
steller J. Rohrer erzählt, dafs er einst auf der Schanze an der 
Donau in Wien, wo die Schiffe landeten, einen schwäbischen Haus- 
vater fragte, wie er sich entschHefsen könne, eine so weite Reise 
in ein fremdes Land zu wagen. „Ei", antwortete dieser, „über- 
all wo's Herr Göttle huset, do kan no allwil a Schwäble sein 
Plätzle han." 

Auch unter der einheimischen Bevölkerung fanden sich Männer, 
die Auswanderungslustige sammelten und nach Österreich führten. 
So warben der Schulmeister Peter Decker und ein gewisser Kon- 
rad Bauer aus der kurpfalzischen Ortschaft Duchroth bei Kreuz- 
nach über hundert Familien. Sie reisten sodann auf Kosten der 
Angeworbenen nach Wien, erhielten vom Kaiser günstige Zu- 
sicherungen und schickten dann die Ansiedler nach Österreich 
(1783). Decker mufste auch selbst die Kurpfalz verlassen, weil 
er von der Regierung zur Verantwortung gezogen wurde. Die 
günstige Gelegenheit benutzte auch mancher Glücksritter; so der 
Schneider Eckel aus Wendelsheim bei Alzey (Pfalz), der von der 
Wiener Regierung einen gröfseren Vorschufs herauslockte, ohne ihr 
einen Ansiedler zuzuführen. 

Die Bewegung, welche das Erscheinen des Patentes vom 
17. September 1781 in den Rheingegenden hervorrief, schildert 
ein Augenzeuge, der auch selbst nach dem Osten zog, folgender- 
mafsen: „Keine Stadt, Marktfleck oder Dorf war, wo nicht ge- 
druckte Exemplare zirkulierten. Die Gnade Josephs war so hoch 
aufgenommen, dafs die ganze Gegend auswandern zu wollen schien. 
Es brachen so viele mitunter auch recht wohlhabende Famihen 
zur Auswanderung auf, dafs die Strafsen völlig bedeckt wurden, 
und es das Aussehn bekam , als wollten alle Menschen die Gegend 
verlassen." 

Der Zudrang von Ansiedlungswerbern war gleich anfangs ein 
starker. Vom 3. Juni bis 12. Juli 1782 schickte Weltz zur San- 
domirer Ansiedlung 338 Seelen, Ackersleute und Handwerker; 
darunter waren 66 Inländer, denen im Gegensatz zu den Auswär- 
tigen kein Reisegeld ausgezahlt wurde. Auf so zahlreiche Ansiedler 



2C Verlegenheit d. Behörden. Erörterung über neue Ansiedlungsplätze. 

waren die Behörden nicht vorbereitet. Schon Ende Juni 1782 
berichtet das Lemberger Gubernium, dafs für die öden Strecken 
im Drohobyczer und Sandomirer Distrikt sich genug Ansiedler ge- 
meldet hätten. Raum fiir weitere Ansiedler böten nur die Mede- 
nicer Moräste, wenn sie ausgetrocknet würden, ferner die Hut- 
weide daselbst; aufserdem wären im Haliczer Gebiete etwa 150 
von Auswanderern verlassene Bauernplätze, die mit fremden An- 
siedlern besetzt werden könnten. Mehr als einige hundert Fa- 
milien könnten nicht aufgenommen werden, denn unbebaute Län- 
dereien für die Anlage von Dörfern seien nicht vorhanden. 

Wie daraus zu ersehen ist, wollte das Gubernium für die An- 
siedlung vor allem nur unkultivierte öde Strecken verwenden und 
.nahm ihren Mangel zum Anlafs, die Kolonisation zu beschränken; 
es ist dies um so auffälliger, als schon 1774 und 1775 neben Öd- 
gründen auch urbare Kameralherrschaften, Starosteien und Meier- 
höfe für die Siedlungen in Aussicht genommen worden waren. 
Diesen Gedanken griflf nun wieder der Staatsrat auf, als der Be- 
richt des galizischen Statthalters Brigido zur Beratung kam. Unter 
Hinweis darauf, dafs für Galizien die Ansiedlung „ industi'ieller 
Ansiedler, wie die Pfalzer es sind", sehr erwünscht sei, wurde 
von dieser Zentralbehörde die Frage angeregt, ob Privatgrund- 
herrschaften zur besseren Kultivierung ihrer Güter Ansiedler nicht 
übernehmen würden; ferner sollten unter diese Staatsdomänen, 
Jesuiten- und andere geistliche Güter verteilt werden. Zur Ein- 
ziehung und staatlichen Verwaltung der letzteren war durch das 
am 12. Jänner 1782 erlassene Klosteraufhebungspatent bereits der 
erste Schritt geschehen. Damit erst wurde der für eine aus- 
gedehnte Ansiedlung nötige Grund und Boden gewonnen. Seine 
Vorschläge begleitete der Staatsrat mit folgenden Bemerkungen: 
„Die jetzigen Ausgaben werden einst dem Staate grofsen Nutzen 
bringen. Man baue zum voraus, ehe noch die Ansiedler wirklich 
da sind, gute Häuser mit Zubehör; diese können auf den Do- 
mänen nicht kostbar (d. i. teuer) sein, würden jedoch den (ein- 
heimischen) Untertanen zur Nachahmung anregen, ein gut gebautes 
sauberes Haus zu haben. Komme kein Immigrant, so gebe man 
ein so gut gebautes eingerichtetes Haus einem guten Wirt in loco: 
dies wäre ein viel wirksameres Mittel zur Aneiferung der Industrie 



Vorläufige Einstellung der Annahme von Ansiedlern. 37 

als alle Patente." Diese Stelle ist bemerkenswert, weil in ihr zum 
erstenmal der Gedanke auftaucht, dafs es unvorteilhaft war, ohne 
genügende Vorbereitungen und bevor die Häuser fertig gestellt 
waren, Ansiedler ins Land zu ziehen. Anderseits geht aber daraus 
hervor, dafs man noch immer an einem starken Zuströmen von 
Fremden zweifelte. Zugleich wurde die Forderung gestellt, dafs 
das Gubernium Erhebungen pflegen sollte, für wie viele Ansiedler 
Platz vorhanden sei, damit nicht Leute aufs geratewohl ins Land 
kämen und verdürben. 

Diese dankenswerten Anregungen konnten natürlich erst für 
die Zukunft Bedeutung gewinnen. Zunächst war man von der 
starken Einwanderung überrascht und da keine Vorbereitungen 
getroffen worden waren, mufste die Herbeiziehung fremder An- 
siedler, kaum dafs sie begonnen hatte, wieder eingestellt werden. 
Am 8. Juli 1782 verkündete ein Hofdekret die Entschliefsung des 
Kaisers, dafs die weitere Annahme der „Emigranten aus dem 
schwäbischen Kreis und anderen Gegenden" einstweilen bis zur 
vollständigen Herstellung der Vorkehrungen einzustellen sei. Die 
vorderösterreichische Regierung hatte dies an allen Orten, wo die 
Auswanderer sich zu melden pflegten, besonders in Günzburg (vgl. 
oben S. 24), zu verkünden. 

Von dieser kaiserlichen Verfügung wurden die Gubernien und 
Landesregierungen der österreichischen Länder verständigt. Nur 
die schon eingetroffenen Ansiedler sollten weiter befördert werden. 
Gleichzeitig wurde auch die Übersiedlung ganzer inländischer Fa- 
milien nach Galizien verboten ; nur einzelnen ihr Glück suchenden 
fremden sowie erbländischen Handwerksleuten und anderen Per- 
sonen war die Übersiedlung nicht verwehrt. Das Verbot der Aus- 
wanderung ganzer inländischer Familien nach Galizien war offen- 
bar schon dadurch veranlafst worden, dafs man an fremden Ein- 
wanderern Überflufs hatte. Es waren aber auch allein vom Agenten 
Weltz in wenig mehr als einem Monat 66 Inländer nach Galizien ge- 
schickt worden; aus der Fürst Dietrichsteinschen Herrschaft (Böh- 
men) waren 108 Untertanen nach Galizien entflohen; ebenso zogen 
Familien aus Mähren dahin. Der Kaiser befahl, solche Ausreifser 
an ihren früheren Wohnort zurückzuschicken; doch müsse man 
sie auf der Rückreise unterstützen, damit sie nicht aus Not nach 



28 Begründung der städtischen Ansiedlung Podgorze. 

Preufsen ziehen. Gegen den Zuzug einzelner Handwerker nach 
Galizien hatte man auch jetzt nichts einzuwenden, weil deren 
Unterbringung leichter war und weil gerade damals die Gründung 
einer neuen Stadt bei Krakau vor sich ging. 

Wie zur Zeit der polnischen Könige mehrmals auf dem Boden 
Krakaus städtische Gründungen erfolgten ^) , so wurde schon in 
den ersten Jahren der österreichischen Herrschaft in dessen nächster 
Umgebung eine Neugründung angeregt. Bekanntlich war bei der 
ersten Teilung Polens Krakau selbst zwar bei Polen verbUeben, 
aber die Vorstadt Kazimierz war an Osterreich gefallen und als 
einer jener Orte bezeichnet worden, an welchem sich nach den Ver- 
ordnungen von 1774 Protestanten ansiedeln durften. Aber 1777 wurde 
Kazimierz wieder an Polen zurückgegeben, und nun machte der 
Oberst von Seeger den Vorschlag, an Stelle dieser verlorenen Stadt 
eine andere am gegenüberliegenden (südlichen) Weichselufer an- 
zulegen; es sollte eine „ Komerzialstadt mit Festung" werden. Als 
Stätte für die Neugründung wurde die Gegend von Rybaki und 
Podgorze, wo sich bereits einige Ansiedler niedergelassen hatten, 
in Aussicht genommen. Nach einer anderen Nachricht sollte die 
„Josephstadt" auf den Gründen des benachbarten Ludwinöw er- 
richtet werden (1779). Als Kaiser Joseph 1780 Galizien bereiste, 
fand er hier noch immer nur „einige wenige Häuser, welche noch 
sehr unbedeutend" waren. Erst 1782 wurden die Verhandlungen 
beendet und nun erging im August an das galizische Gubernium 
der Befehl, dafs hier eine Stadt, doch ohne Festung zu errichten 
sei. Die Gründung bekam schliefslich den Namen Podgorze und 
wurde mit Einschlufs der bereits hier vorhandenen Kolonie zu 
einer freien königlichen Stadt erklärt. Die Ansiedler erhielten 
nicht nur alle Freiheiten nach dem Patente von 1781, sondern 
auch noch weitere, z. B. dreifsigj ährige Kontributionsbefreiung für 
neuerbaute Häuser. Später wurden in dem gedruckten Patente 
vom 26. Februar 1784, das in deutscher und polnischer Sprache 
erschien, und in einem kaiserlichen Handschreiben vom 13. Ok- 
tober 1785 noch weitere Freiheiten verliehen. Handelsleute, 
Künstler, Fabrikanten und Handwerker aller Glaubensbekenntnisse 



1) Vgl. Bd. I, S. 35 f.: Kiakau, Kazimierz und Kleparz. 



1 



Neue Meldungen von Einvvanderungslustigen. 39 

sollten sich hier niederlassen; auch Inländern wurden die Frei- 
heiten gewährt; nur dafs sie keine baren Geldvorschüsse bekamen. 
Die Stadt selbst erhielt allerlei Rechte und Einkünfte, Märkte, 
ferner eine Kirche, eine Normalschule und eine Wasserleitung auf 
Staatskosten. Im Stadtrat sollten nicht nur verdiente Militärper- 
sonen, sondern auch Ansiedler aufgenommen werden. Unter den 
Bewohnern befanden sich viele Deutsche. 

In Podgörze und den anderen galizischen Städten fanden die 
herbeiziehenden Kaufleute und Gewerbetreibenden genügend Unter- 
kunft. Aber auch für die Unterbringung der Landleute mufste 
gesorgt werden. Durch die erfolgte Einstellungsverordnung war 
die einmal erregte Bewegung nicht so leicht aufzuhalten; man sah 
sich immer wieder genötigt, aus verschiedenen Rücksichten neue 
Ansiedler aufzunehmen. Bald war dafür der Umstand mafsgebend, 
dafs sie sonst nach Preufsen ziehen würden, bald wieder, dafs sie 
wohlhabend waren, auf eigene Kosten kamen oder weil die hohe 
Bedeutung der deutschen Ansiedler unverkennbar war und der- 
gleichen mehr. So wurde im September 1782 gestattet, dafs die 
in Frankfurt noch eingeschriebenen 150 Familien zur Ansiedlung 
nach Galizien befördert werden. Im Oktober wurde das Gesuch 
eines Friedrich Burkhardt, das er im Namen von zehn Durlacher 
und zwei pfälzischen Familien überreicht hatte, vom Kaiser dahin 
erledigt, dafs man ihnen eine Marschroute nach GaHzien und gegen 
Kostenersatz Vorspann mit zwei vierspännigen Wagen geben sollte. 
Am 14. Dezember teilte der Landvogt Franz von Blank aus 
Rottenburg mit, dafs sich an ihn wieder 30 württembergische Fa- 
milien gewendet hätten. Jede besafs ein Vermögen von 200 bis 
1500 Gulden; eine konnte nur die Reisekosten auftreiben. Unter 
ihnen befanden sich Handwerker, einige gute Schäfer, vor allem 
aber Ackersleute. Sie konnten über ihren bisherigen guten und 
emsigen Lebenswandel Zeugnisse aufweisen und baten, im Rzeszower 
Kreise in Galizien angesiedelt zu werden, da sich dort schon im 
vorigen Sommer zehn Familien aus ihrer Nachbarschaft angesie- 
delt hatten. Würden sie nicht in Galizien angenommen werden, so 
wäre die Gefahr vorhanden, dafs sie und andere nach Preufsen 
zögen. Daher frug Blank, ob diese Leute im nächsten Frühjahr 
nicht in Galizien untergebracht werden könnten. Sechs Wochen 



30 Verbandlungen über die weiteren Ansiedlungsanstalten. 

später berichtete Blank wieder nach Wien, dafs die Leute schon 
ihre Habseligkeiten verkauften; wenn keine rasche Erledigung 
käme, würden sie nach Preufsen wandern. 

Schon der erste Bericht Blanks gab Veranlassung, dafs die 
Hofkanzlei sich an das galizische Gubernium wandte, und dieses 
wieder die galizische Domänenadministration über ihre Anschauung 
befragte. Dieses Amt sprach sich dahin aus, dafs man die ver- 
möglichen Ansiedler um so eher aufnehmen soll, als früher arme 
Leute angesiedelt wurden. Im Sandomirer Gebiet wären noch 
genug Plätze vorhanden, man müfste nur einen oder zwei Meier- 
höfe aufteilen. Die Administration betonte nachdrücklich den 
grofsen Vorteil der Kolonisation, durch die der Propinations- 
nutzen ^), die Zahl der Steuerträger und Soldaten gesteigert werde. 
Die Ansiedler würden aber „durch ihren angewohnten Fleifs und 
ihre GeschickUchkeit den hiesigen unfleifsigen und zur Nachlässig- 
keit äufserst ausgearteten Untertan zu besserer Bewirtschaftung 
seiner Gründe und (zur Verbesserung) seiner innerlichen Haus- 
einrichtung aufmuntern und in allen nebenseitigen Gewinnungs- 
arten (Nebenerwerbszweigen) Mittel und Wege zeigen. Die Ver- 
mischung der Nationen werde seinerzeit ein zivilisiertes und zu 
allen Arbeiten taugliches Volk bewirken und so den Ackerbau in 
Flor und Vollkommenheit bringen." Die Domänenadministration 
hob ferner hervor, dafs das Hindernis für die Kolonisation nun- 
mehr nicht im Mangel an Gründen 2) , sondern an Häusern be- 
stehe; man müsse Häuser und Gerätschaften vorbereiten, bevor 
die Ansiedler kämen. Bis die ordentlichen Vorbereitungen ge- 
troffen seien und bis entschieden werde, welche Kameralgüter zu 
verkaufen und welche für die Ansiedlungen zu verwenden wären, 
müfste die Heranziehung von Kolonisten aus dem Reich eingestellt 
werden. Nur so würde die „bis nun zu immer bestehende Not- 
wendigkeit, eine Menge Menschen, die ohne Arbeit und Verdienst 
sind, lediglich auf Unkosten des Arars nur mit beträchtlichen Bar- 
und Natural Vorschüssen zu überwintern und halb- oder ganzjährig 
zu erhalten" aufhören. „In Sandomir allein sind noch 290 Häuser 



1) Ertrag aus dem Verkaufe geistiger Getränke. 

2) Es war bereits die Verfugung wegen der Verteüung der Staatsdomänen, 
Jesuiten- und anderen geistlichen Gütern erfolgt (vgl. oben S. 26). 



Verhandlungen über die weiteren Ansiodlungsanstalten. 31 

herzustellen, um die dort angesiedelten Familien gänzlich unterzu- 
bringen. Die Häuser sind zwar klein, erfordern aber Zeit und 
Arbeit, und konnten nicht in einem halben Jahr, seit welcher Zeit 
die Ansiedlung angefangen hatte, hergestellt werden." Diesen 
Ausführungen schlofs sich das Lem berger Gubernium vollständig 
an. Es trat für die Notwendigkeit der Ansiedlung ein, weil die 
Leute nach Preufsen auswandern würden. Die Ansiedlung auf 
den Staatsdomänen empfahl es wegen des damit verbundenen Nutzens; 
auf die Ansiedlung auf Privatherrschaften, welche die Zentralregie- 
rung angeregt hatte, wäre nicht zu rechnen, „weil die Privat- 
grundbesitzer für die teure deutsche Ansiedlung in Hoffnung auf 
den künftigen Nutzen oder das allgemeine Beste kein Opfer bringen 
würden ; ihnen könnte nur die minder kostspielige nationale ^) An- 
siedlung zugute kommen." 

Schon diese Berichte aus dem Anfang 1783 lassen erkennen, 
welche Schwierigkeiten die Unterbringung der im vorigen Jahre 
ohne vorherige Vorbereitung ins Land gezogenen Ansiedler ver- 
ursachte: dem Staate war die unentgeltliche Erhaltung der nicht 
untergebrachten arbeitslosen Ansiedler aufgebürdet worden. Noch 
deutlicher sprach sich darüber die Hofkanzlei aus, als sie die 
angeführten Berichte der Domänenadministration und des Guber- 
niums dem Kaiser vorlegte (10. Februar 1783). Als das Patent 
vom 17. September 1781 herausgegeben wurde, zählte man nur 
auf einige hundert Ansiedler aus der Republik (Polen) imd aus 
Preufsisch-Schlesien ; man dachte daher gar nicht daran, für die 
Bauern Häuser und Geräte vorzubereiten. Nun kam ein grofser 
Strom von Auswanderern aus dem Reich; sie mufsten „zu zwanzig 
in einem Bauernhause" einquartiert werden, und fuhren beständig 
Klage, so dafs die Befürchtung besteht, dafs sie nach Preufsen 
wegziehen. Das Gubernium führt das Ansiedlungsgeschäft nach- 
lässig; es hätte sich nicht auf das Gebiet von Sandomir beschränken 
sollen, denn es wäre leichter, hundert Familien in zehn Herr- 
schaften als zwanzig in einer unterzubringen. Das Gubernium 
sollte daher sofort auf allen Kameralgütern, ohne Rücksicht darauf, 
ob sie in der Folge verkauft würden, Häuser bauen und Geräte 



1) Nach der Amtssprache jener Zeit die nicht deutsche Bevölkerung. 



33 Weitere Meldungen von Ansiedlungswerbern. 

vorbereiten. Den grofsen örundherren wäre kundzutun, dafs sie 
Kolonisten unter den im Patent festgestellten Bedingungen ansie- 
deln könnten. Die Ansiedler dürften nicht einzeln, sondern zu 
acht bis zehn Familien in einem Dorfe angesiedelt werden, „weil 
sie sonst, wie man häufig Beispiele hat, statt die Landbewohner 
zu ihren Sitten zu stimmen, selbst verwildern würden". Auch 
sollten sie zusammen wohnen, um einander zu unterstützen. Das 
Gubemium hat von den Kreisämtern von Zeit zu Zeit (jedes 
Vierteljahr) Berichte über den Stand der Ansiedlungen zu fordern 
und darüber nach Wien zu berichten. Die 30 württembergischen 
Familien (vgl. oben S. 29) sind ohne weiteres aufzunehmen und 
neben den zehn früher angesiedelten unterzubringen, weil sie tüchtig 
und vermögend sind. Mit der Aufnahme anderer Kolonisten ist 
zu warten, bis neue Häuser erbaut würden. Diese beachtenswerten 
Vorschläge der Hof kanzlei wurden vom Kaiser mit dem ausdrück- 
lichen Zusätze genehmigt, dafs bis zum nächsten Frühjahr (1784) 4 
hundert Häuser für nachfolgende V^ürttemberger erbaut werden 
sollten, denen der Landvogt Blank die Aufnahme versprechen 
könnte. Von dieser Entschliefsung wurden alle zuständigen Be- 
hörden verständigt und dem galizischen Gubemium überdies be- 
fohlen, den Klagen der Ansiedler abzuhelfen, damit sie nicht aus- 
wandern. Der Statthalter Brigido forderte gleich darauf, dafs zur 
Unterbringung der Kolonisten auf jedem Kameralgute zwei bis drei 
Meierhöfe zerteilt würden. 

Wären diese Beschlüsse ungestört durchgeführt worden, so 
würde unstreitig in das galizische Ansiedlungswesen gröfsere Ord- 
nung gekommen sein. Es hätte aber einer rücksichtslosen eisernen 
Kraft bedurft, um den Strom der Einwanderer etwa ein Jahr lang 
aufzuhalten, um ihn sodann in ein sicheres Bett zu lenken. Die 
stete Furcht, dafs die nicht aufgenommenen Ansiedler nach Preufsen 
ziehen würden, warf aber alle gefafsten Beschlüsse über den Haufen. 
Wie Blank, so berichtete auch der Resident Röthlein aus Frank- 
furt (Februar 1783), dafs sich bei ihm täglich Bauern zur Ein- 
wanderung nach Galizien meldeten. Da er mehr als die vor- 
geschriebenen 300 Familien (vgl. oben S. 24) nicht aufnehmen 
durfte, erklärten sie, auf eigene Kosten und Gefahr nach Galizien 
oder Ungarn ziehen zu wollen und begehrten nur Pässe. Es war 



Weitere Meldungen von Ansiedlungswerbern. 33 

ZU befürchten, dafs sie sich nach Preufsen wendeten. Da nun 
von den 300 aufgenommenen Familien etwa die Hälfte ihre Pässe 
noch nicht abgeholt hatte, weil sie von ihren Herrschaften bisher 
nicht entlassen worden waren, schlug Röthlein vor, an ihrer Stelle 
neue Familien anzunehmen. Insbesondere stellte er die Anfrage, 
ob er jene Professionisten und Bauern, die auf eigene Kosten nach 
Galizien und Ungarn gehen wollten, annehmen könnte. Dieser 
Bericht veranlafste die böhmisch - österreichische Hof kanzlei zum 
Antrage, dafs Leute, die auf eigene Gefahr und Kosten nach Ga- 
lizien ziehen und sich ankaufen wollten, insbesondere Professio- 
nisten, aufgenommen und sofort mit Pässen versehen werden 
sollten. Der Kaiser genehmigte diesen Vorschlag. Damit wurde 
also in ähnlicher Weise wie zufolge der Meldung Blanks wohl- 
habenden Leuten die Einwanderung nach Galizien doch wieder 
bewilligt, und zwar zunächst auf eigene Kosten. Aber man sah 
sich bald darauf veranlafst, weiter zu gehen, da in rascher Folge 
allerlei Anträge und Meldungen kamen. So erbot sich am 10. März 
1783 David Ludwig Riel, Bürger aus Frankenthal bei Mannheim ^), 
mit 20 Familien aus diesem Orte nach Galizien zu ziehen und 
begehrte Belehrung über die Ansiedlungsbedingungen. Um dieselbe 
Zeit langte ein Brief des vorderösterreichischen Regierungsrates 
Bökh (vgl. oben S. 22) mit der Nachricht ein, dafs sich viele 
Familien aus der Schweiz, Württemberg, Franken, Pfalz und ver- 
schiedenen Reichsorten meldeten, die nach Galizien auswandern 
wollten, wenn sie Gründe und Bauplätze erhielten. Alle waren 
tüchtige Acker- imd Handwerksleute, die meisten besafsen 400 
bis 500 fl., manche sogar 1000 fl. Die Leute wurden durch einen 
Emissär nach Preufsen gelockt, doch war es Bökh gelungen, sie 
für Galizien zu gewinnen. Würden sie im Laufe des Jahres 1783 
zum Teil in Galizien untergebracht werden können, so könnte man sie 
teils auf eigene Kosten, teils mit sehr geringen Auslagen dahin bringen, 
woraus für den Staat grofser Nutzen erwüchse. Um seinem Be- 
richt mehr Nachdruck zu verleihen, schlofs Bökh mit einem Hin- 
weis auf die vorteilhaften Ansiedlungsbedingungen in Preufsen. 



1) Aus diesem Frankenthal in der Pfalz war schon im 17. Jahrhundert 
ein gewisser Philipp nach Leraberg gekommen. Vgl. Bd. I, S. 339. 
Eaindl, Oe.-«ch. d. Deutsehen i. d. Earpath. IIL 3 



54 "Wiederaufnahme der Ansiedlung. Ansiedler auf eigene Grefahr. 

Auch von Röthlein kam im März eine weitere Zuschrift, in welcher 
er vor allem um Belehrung bat, was den auf eigene Rechnung 
und Gefahr nach Galizien ziehenden Familien von den im Pa- 
tente gewährten Freiheiten geboten werden könnte. Damals mel- 
deten sich bei ihm allein aus der Kurpfalz 69 Familien durch einen 
gewissen Decker (vgl. oben S. 25) zur Ansiedlung in Galizien. 

Unter dem Einflüsse dieser Verhältnisse stellte die Hof kanzlei 
am 27. März 1783 den Antrag auf Wiederaufnahme der Ansied- 
lung, bevor noch die in Galizien vorhandenen Einwanderer ord- 
nungsmäfsig untergebracht und für neue Ankömmlinge die nötigen 
Vorbereitungen getroffen, vor allem die Häuser erbaut worden 
wären. Aufser der Befürchtung, dafs nicht aufgenommene Kolo- 
nisten anderwärts ihr Glück versuchen würden, war für diesen 
Entschlufs der Wunsch mafsgebend, die sich jetzt meldenden wohl- 
habenden Ansiedlungswerber zu gewinnen, nachdem man früher 
fast durchaus arme Leute angenommen hatte. Man unterschied 
nun zwei Arten von Ansiedlern ; solche „ mit Vermögen auf eigene 
Gefahr" und jene, die mittellos waren und daher auf alle Patent- 
freiheiten Anspruch erhoben. Die ersteren sollten nach den vom 
Kaiser gebilligten Vorschlägen der Hof kanzlei je nach ihrem Ver- 
mögen die für eine ganze, eine halbe oder eine viertel Wirtschaft 
ausgemessenen Gründe erhalten, und zwar wurden je nach ihrem 
Erträgnis von 6, 5, 4 oder 3 Körnern (von jedem Samenkorn) 
fair eine ganze Wirtschaft ungefähr 50, 60, 76 bis 100 Metzen ^) 
gerechnet. Dagegen hatten diese Ansiedler keinen Anspruch auf 
fertige Häuser; man versprach ihnen nur das nötige Holz um- 
sonst, ferner Ziegel und Kalk zum Ararialkostenpreis , in sechs 
Jahren rückzahlbar. Die Ansiedler und ihre ältesten Söhne sollten 
von der Rekrutierung befreit sein. Bezüglich der Robot erhielten 
ßie die patentmäfsigen Begünstigungen. Auf besonderen Befehl 
des Kaisers waren von diesen auf eigene Gefahr reisenden Kolo- 
nisten auf den Gütern, besonders in den Herrschaften Sandomir 
und Niepolomice, so viele aufeunehmen, als nur Gründe vorhanden 
wären. Die mittellosen Kolonisten sollten dagegen die patent- 



1) Unter Metzen ist hier jene Ackerfläche zu verstehen, die mit einem 
Metzen (61,48 Liter) Samen besät werden konnte. Vgl, S. 40, Anm. 1. 



Ergänzung der Ansiedlungsbestimmungen. 35 

mäfsigen Begünstigungen, also neben hinreichenden Grundstücken 
(in der Regel blofs eine kleine Wirtschaft) vor allem das fertige 
Haus erhalten, über das Patent hinaus wurde ihnen das Zug- 
und Zuchtvieh zugesprochen ^). Auch eine Erhöhung des Reise- 
geldes wurde gewährt. Die im Patente von 1781 festgesetzte 
zehnjährige Abgabefreiheit deutete man jetzt für alle Kolonisten 
dahin aus, dafs sie nur für unkultivierten Boden galt, nicht aber 
bei der Ausstattung mit Meier hofgründen. Von den mittellosen 
Kolonisten waren nur so viele aufzunehmen, als wirklich unter- 
gebracht werden konnten; die anderen sollten fürs künftige Jahr 
vertröstet werden. Schliefslich wurde bestimmt, dafs zur Leitung 
des Ansiedlungsgeschäftes in Galizien ein eigener Beamter bestellt 
werden sollte ^). Um das Ansiedlungsgeschäft in Galizien zu er- 
leichtern, befahl der Kaiser, Ansiedler nach Möglichkeit auch nach 
der Bukowina und nach Ungarn zu leiten. 

Diese Verordnungen wurden am 14. April 1783 den Behörden 
und den Ansiedlungskommissären Blank, Röthlein und Bökh mit- 
geteilt. Auch wurde der Hofagent Weltz in Wien mit einer Geld- 
summe versehen, um den galizischen Ansiedlern das Reisegeld aus- 
zuzahlen. Er erhielt ferner gedruckte Formulare für die Pässe, 
die er ihnen auszufolgen hatte. Von 14 zu 14 Tagen sollte er 
über den Fortgang seiner Tätigkeit Bericht erstatten. 

Wenn man aber geglaubt hatte, durch diese Mafsregeln die 
Ansiedlung in geordnete Bahnen gelenkt zu haben, so war dies 
eine Täuschung. Schon in Kürze zeigten sich neue Schwierigkeiten. 



1) Der Kaiser verfügte, dafs die zur Errichtung eines „Ochsenfuhrwesens" 
für das Militär getroffenen Anstalten zur Förderung des wichtigen galizischen 
Ansiedlungswesens verwendet würden; die für diesen Zweck vorbereiteten Holz- 
und Eisen Vorräte sowie die 1800 Ochsen sollten den neuen Ansiedlern zugewendet 
werden. 

2) Die Aufstellung dieser besonderen Ansiedlungskommissäre ist zunächst 
unterblieben. Bei der grofsen Ausdehnung des Ansiedlungsgebietes hätten einige 
Männer, wenn sie auch nur das eine Geschäft zu besorgen gehabt hätten, es 
nicht bewältigen können. Zweckmäfsiger war die Besorgung der Kolonisation 
durch die übers ganze Land verteilten Wirtschaftsämter auf den Kameralherr- 
schaften; die Beaufsichtigung erfolgte durch die politischen Behörden. Erst 1787 
begegnen Ansiedlungskommissäre, die den Zustand der bereits errichteten An- 
Biedlungen zu prüfen hatten. 

3* 



36 Neue Schwierigkeiten. 

Vor allem schwoll die Zahl der Ansiedlungswerber im Frühjahr 
1783 wieder überaus an. Der Minister Graf Metternich, der da- 
mals als österreichischer Bevollmächtigter im westfälischen Kreise 
erscheint, berichtete im April, dafs die Auswanderung aus dem 
Reiche seit kurzem sehr zunähme. Er selbst hatte „in etlichen 
Tagen" für mehr als 50 Familien, die gerichtliche Entlassungs- 
zeugiiisse vorwiesen und ihre Besitzungen bereits veräufsert hatten, 
Pässe für insgesamt 309 Personen ausgestellt. Auf seine An- 
frage, was er in Zukunft tun sollte, wurden ihm dieselben Beleh- 
rungen, die die oben genannten „ Hauptcommisaires " erhalten 
hatten, übermittelt. Was aber das wichtigste gewesen wäre, ge- 
schah nicht: die Zentralbehörde konnte den Kommissären im Reich 
die Zahl der aufzunehmenden Ansiedler, insbesondere jener, die 
auf alle Patentbegünstigungen Anspruch erhoben, nicht mit- 
teilen, weil die nötigen Erhebungen noch nicht gemacht waren. 
Damit war eine den Verhältnissen entsprechende Annahme dieser 
Kolonisten unmöglich. Aber man geriet auch gar bald mit 
den Ansiedlern „auf eigene Gefahr" in Besorgnisse: ihre Zahl 
wuchs oflFenbar zu sehr an; daher wurde den Kommissären im 
Reiche eingeschärft, diese Ansiedlungswerber genau zu unter- 
richten, dafs sie vom Staate nur in beschränktem Mafse unterstützt 
würden. Dazu kamen aber noch andere schlechte Erfahrungen 
mit diesen Ansiedlern. Am 31. Mai berichtete Weltz an den 
Kaiser, dafs in Wien eine Menge Leute mit Pässen vom Grafen 
Metternich, dem Residenten Röthlein und dem Hofrat Blank ein- 
getroffen wären. Ihre Pässe trugen die Bemerkung „auf eigene 
Kosten und Gefahr"; sie aber erklärten, sie hätten sich nur bis 
Wien verpflichtet, auf eigene Kosten zu reisen, nicht aber bis an 
den Ansiedlungsort. Jene Bemerkung wäre ihnen ohne ihren 
Willen auf die Pässe gesetzt worden; da sie nicht schreibkundig 
wären, hätten sie die Reise unternommen, ohne zu wissen, dafs 
sie auf eigene Kosten reisen sollten. Die Leute waren übrigens 
gröfstenteils arm, so dafs man sie mit Reisegeld versehen mufste. 
Die Kommissäre wurden zur pünktlichen Beachtung der Vor- 
schriften ermahnt ; sie wieder schoben die Schuld auf die Ansiedler, 
unter denen es auch unehrliche Leute gäbe. Schon aus dem An- 
geführten ist zu ersehen, dafs als Ansiedler auf eigene Gefahr 



Die Arten der Ansiedler. Diplomatische Verwicklungen. 37 

Leute kamen, die arm waren und sonst vielleicht nicht auf- 
genommen worden wären. Mancher zog wohl auch mit einigem 
Vermögen aus der Heimat, verbrauchte es aber auf der langen 
Reise. So kam es, dafs diese Klasse von Ansiedlern in der Folge 
als eine durchaus minderwertige galt. Man unterschied : Kameral- 
ansiedler, die zur Ansiedlung auf Kameralgütern bestimmt waren ; 
Privatansiedler, die zur Dotierung auf einem Privatgute nach Ga- 
lizien geleitet wurden ; Ansiedler auf eigene Gefahr, die ohne An- 
spruch auf eine Ararialunterstützung aufs Geratewohl kamen und 
nur als Taglöhner betrachtet wurden , die von den Ansiedlungs- 
orten entfernt werden konnten, wenn sie keinen Verdienst fanden ; 
eine besondere Gruppe bildeten schliefslich die „republikanischen 
Einwanderer", die aus Polen nach Galizien zogen. 

Auch bei den Anwerbungen im Reiche ergaben sich Unzu- 
kömmlichkeiten. Trotzdem kein Mangel an Ansiedlern herrschte, 
gingen einzelne Kommissäre übereifrig zu Werke, so dafs di- 
plomatische Verwicklungen zu entstehen drohten. Es ist schon 
bemerkt worden (vgl. oben S. 19), dafs die Landesherrn nicht 
gern ihre Untertanen ziehen liefsen; 1768 hatte Kaiser Joseph 
auf ihr Begehren ein allgemeines Auswanderungsverbot erlassen. 
„Als es darauf Kaiserlicher Majestät gefällig war" — so führt 
eine im Kreisarchiv in Speyer verwahrte Denkschrift von 1785 
mit Bitterkeit aus — „für die bessere Bevölkerung in den mit 
dem Teutschen Reiche in keiner Verbindung stehenden und aufser- 
halb des Reiches Grenzen liegenden Königreichen Galizien und 
Lodomerien Sorge zu tragen, wurden eigene kaiserlich- königliche 
Kommissärs im Jahre 1783 ins Reich geschickt, welche unter 
Vorzeigung eines gedruckten Patents reichsständige Untertanen zu 
bewegen suchten, sich daselbst niederzulassen." Diese Ausführungen 
spiegeln die Erregung über die erfolgreichen Werbungen Öster- 
reichs wieder. Die österreichische Regierung war sich auch stets 
bewufst, dafs sie vorsichtig vorgehen müfste und gelegentlich 
wurden ihre Organe zur Vorsicht gemahnt (vgl. oben S. 6 u. 21). 
Vielleicht mit Rücksicht auf Josephs Kaiserwürde war das Patent 
von 1781 im Reiche nicht durch Zeitungen kundgetan worden. 
Nun aber veröffentlichte der vorderösterreichische Regierungsrat 
Bökh, der neben Blank in Rottenburg wirkte, die im April ihm 



38 Andere Störungen. ^ 

zugeschickten neuen „ Mafsregeln über die Aufnahmsbedingungen " 
in der „Erlanger Realzeitung" vom 20. Mai 1783 und in der 
„Samstägigen Frankfurter Kay serlichen Reichs -Ober -Post -Amts- 
Zeitung" vom 31. Mai; auch liefs er diese gedruckte Kund- 
machung in vielen hunderten Exemplaren verbreiten. Schon die 
Publikation in der Erlanger Zeitung erregte nach einem Berichte 
Blanks an den obersten Kanzler, Grafen Kollo wrat, bei einigen 
Kreisgesaudtschaften Bedenken, ebenso beim Herzog von Würt- 
temberg, „dessen Untertanen ohnehin so sehr zur Auswanderung 
geneigt sind". Blank riet, man solle öffentlich kundmachen, dafs 
die Veröffentlichung des Patents nicht auf Befehl des Kaisers ge- 
schehen, sondern ein eigenmächtiger Schritt Bökhs gewesen sei. Tat- 
sächlich erging zufolge eines Staatsratbeschlusses an Blank die Wei- 
sung, dafs man in Wien die Publizierung jenes Schriftstückes nicht 
billige; er möge bei Gelegenheit kundtun, man werde nur von 
ihrer Grundherrschaft entlassene Leute annehmen. Auch in einer 
anderen Beziehung handelte Bökh überstürzt; er nahm trotz des 
Verbotes auch inländische (vorderösterreichische) Ackerbauer auf. 
Beide Verstöfse scheint er in Abwesenheit Blanks verübt zu haben. 
In den Berichten tritt eine starke persönliche Mifsgunst zwischen 
beiden Männern zutage, die offenbar auch die Mifsgriffe in den 
Geschäften veranlafste. In einem Berichte (28. Mai) bezeichnet 
Blank den Bökh neben sich als überflüssig. Noch schärferen Aus- 
druck verleiht er seiner Anschauung in einem anderen Schreiben 
(15. Juli): „Überhaupt mufs es mir sehr empfindlich fallen, diesen 
Menschen, der kurz zuvor der jüngste Rat des von mir dirigierten 
Oberamts war, in einem Geschäfte, welches ich bisher so eifrig 
und untadelhaft betrieben habe, mir nicht blols an die Seite, son- 
dern, sit venia verbo, sozusagen auf die Nase gesetzt zu sehen. 
Sowohl aus seiner Ankündigung in den Zeitungsblättern als aus 
seinem ganzen Betragen gegen mich und das Oberamt ist eine 
dem Vernünftigen zwar lächerliche, dem Volke aber, welches nicht 
unterscheiden kann, eine mein und des k. k. Oberamtes Ansehen 
mindernde Aufgeblasenheit wahrzunehmen. Ist der Regierungsrat 
Bökh von wahrem und Anderen unpräjudizierlichen Diensteifer be- 
seelt, so soll er als ein Kapitalist, der keine Kinder hat und 
überall leben kann, seinen galizischen Werbeplatz in einem an- 



Andere Störungen. 89 

deren Teile der vorderösterreichischen Lande gegen die Schweiz, 
die Pfalz, das Badische, das Elsafs oder Bayern aufschlagen, wo 
ihm sein Regierungsrattitel eine dem Oberamte unnachteilige Ak- 
tivität gibt, die er unter den Augen eines Landvogts, der zugleich 
die Ehre hat, k. k. Hofrat zu sein, nicht haben kann." Solches 
Beamtengezänk störte notwendigerweise das zielbewufste Vorgehen. 
Zunächst mufsten die von Bökh angeworbenen zehn vorderöster- 
reichischen Familien aus der Grafschaft Hohenberg ^) angenommen 
werden; sie besafsen ein Vermögen von 50 bis 900 fl. Ebenso 
war damals der vorderösterreichischen Regierung und den vier 
„ Ansiedlungsbeförderern " -) untersagt worden, Untertanen aus der 
damals österreichischen Grafschaft Falkenstein aufzunehmen ^) ; trotz- 
dem kamen FalkenSteiner mit Pässen, die ihnen Metternich aus- 
gestellt hatte, nach Wien. Damals ist das Verbot der Übersied- 
lung von Inländern auch aus den anderen österreichischen Gebiets- 
teilen nach Galizien wiederholt worden; nur gemeinnützige Hand- 
werker, z. B. Ziegelbrenner, Maurer, Zimmerleute, Schmiede, 
Schlosser, Töpfer, Schuster, Schneider, Hutmacher usw. durften, 
jedoch ohne Zusicherung einer Unterstützung nach Galizien geschickt 
werden. Einem galizischen Grundherrn, der Ansiedler aus Böhmen 
annehmen wollte, wurde die Herbeiziehung von Fremden nahegelegt. 
Diese Zurückhaltung gegen inländische Ansiedlungswerber ist bei 
dem Andränge der fremden Deutschen leicht erklärlich; meldeten 
sich doch im Juni 1783 selbst deutsche Lothringer (französische 
Untertanen) zur Ansiedlung. 

Inzwischen war mit der Unterbringung der nach Galizien an- 
kommenden Deutschen fortgefahren worden. Die Ansiedlung hatte 
im Sommer 1782 bekanntlich in der Sandomirer Herrschaft be- 
gonnen ^). Gleich darauf war die Herrschaft Drohobycz als An- 
siedlungsgebiet in Aussicht genommen (vgl. S. 26). Im Winter 
1782 auf 1783 sah sich der Sandomirer Wirtschaftsdirektor Hladky 



1) Vgl. oben S. 24. 

2) Metternich, Blank, Köthlein und Bökh. 

3) Damals ahnte man noch nicht, dafs die vorderösterreichischen Lande so 
bald verloren gehen würden. 

4) Die Stadt Sandomir zählte schon im Mittelalter zu den Orten mit deut- 
schen Einwohnern und deutschem Rechte. Bd. I, S. 72. 



40 Entwickluug der Ansiudlungeu bis Juni 1783. 

veranlafst, 21 Familien, für die er kein Unterkommen hatte, in 
die Herrschaft Dobromil zu schicken, um sie unterdessen in Zins- 
wohnungen unterzubringen. Im ersten Halbjahr 1783 dehnte sich 
dann die Ansiedlung auf die Herrschaften Jaworow, Sambor, Lem- 
berg und Lubaczow aus. Bis Mai 1783 waren schon 42 Meierhöfe 
an Ansiedler verteilt worden, und die Verteilung von weiteren 
17 stand in Aussicht; alle zählten zusammen 11842 Korez ^) 
Gründe. Angesiedelt waren 863 Familien; für 248 Familien waren 
noch Plätze vorhanden, aber es fehlten noch zahlreiche Häuser. 
Wie langsam es mit der Versorgung der Kolonisten ging, ersieht 
man z. B. aus einem Berichte Hladkys vom 3. Juli 1783. Da- 
nach waren auf der Sandomirer Herrschaft in 13 Ortschaften, 
darunter Josefsdorf und Reichsheim, 490 Familien untergebracht. 
Aber nur in sechs Orten waren den Ansiedlern ihre Gründe be- 
reits in Einzelbesitz zugeteilt; auch Vieh, Holz- und Eisengeräte 
waren ihnen erst zum Teil geliefert, ja selbst die Pflüge erhielten 
auch bis zum Ende des Jahres nicht sämthche Kolonisten ausge- 
folgt. Ebenso war der Häuserbau in starkem Rückstand. Ge- 
wifs trug die schlechte Unterbringung der Ansiedlungswerber zur 
Ausbreitung von Krankheiten bei. Hladky forderte die Anstel- 
lung eines Chirurgen, weil der Kreischirurg nicht genüge; die 
Güteradministration unterstützte dieses Gesuch mit der Begrün- 
dung, dafs die deutschen Familien „von der weiten und beschwer- 
lichen Reise abgemattet und der hierländigen Luft ungewohnt 
in öftere Krankheiten verfielen". Die Staatsgüteradministration 
behauptete, dafs im Lande genug Einwanderer vorhanden seien, 
und bat mit der Anwerbung weiterer Ansiedler einzuhalten. 

Diesen Zustand des galizischen Ansiedlungswesens lernte Kaiser 
Joseph kennen, als er im Juni 1783 Galizien wieder besuchte. 
Mit dem Feuereifer, der ihn stets beseelte, erliefs er sofort von 
Lemberg (30. Juni) zwei Handschreiben zur Regelung dieses Ge- 



1) Korez (== 32 Garnez) ist zunächst ein Hohlmafs = 1,22 Hektoliter, 
Sodann bezeichnet Korez die Ackerfläche, die mit einem Korez Samen besäet 
wird ; in diesem Sinne = 1056 Quadratklafter, während ein österreichisches Joch 
1600 Quadratklafter (57,5 Ar) mifst. Auf ein Joch wurden ferner 3 Motzen 
gerechnet, so dafs ein Korez ungefähr = 2 Motzen gilt. Vgl. die Anm. 1 
oben S. 34. 



Neue Verfügungen des Kaisers für Galizien. 41 

Schaftes. Das eine ist an den Statthalter gerichtet und verordnet 
die sofort für Galizien nötigen Mafsregeln; das andere an den 
obersten Hof kanzler trifft Anordnungen über das Ansiedlungswesen 
in der ganzen Monarchie. 

Dem Statthalter befahl der Kaiser, die aus Mähren, Schlesien 
und aus dem Reiche eingewanderten oder noch anlangenden An- 
siedler schleunigst unterzubringen. Die Herstellung der Häuser, 
Scheuern und Stallungen, ferner die Herbeischaffung des nötigen 
Zug- und Zuchtviehes sollte möglichst beschleunigt werden, so 
„dafs im künftigen Jahr (1784) alle heuer ankommenden und 
nicht zur Ansiedlung gebrachten Kolonisten vorschriitsmäfsig und 
solid auf den Kameral-, Starosteien- und geistlichen Gütern an- 
gesiedelt werden mögen". Den nicht Untergebrachten war das 
nötige Unterkommen in herrschaftlichen oder anderen Gebäuden 
=tunlichermafsen zu verschaffen ; bis sie angesiedelt würden und 
sich selbst ernähren könnten, sollte ihnen die nötige Nahrung ver- 
abreicht oder Verdienst ermöglicht werden. Die Beamten hatten 
sie bei guter Witterung zur Herbeischaffung und Vorrichtung der 
Baumaterialien zu ihrem Häuserbau, bei schlechtem Wetter zu 
anderen Handarbeiten und häuslichen Beschäftigangen anzuhalten; 
„ Müfsiggehen " und „ Herumlaufen " durften nicht geduldet werden. 
Das zum Lebensunterhalte nötige Getreide sollte ihnen stets am 
Einquartierungsorte verabreicht werden, aufserdem, wenn sie keinen 
Verdienst fanden, für jeden Kopf täglich noch 2 Kreuzer. Neu- 
angesiedelten Handwerkern, die mehr als die im Patente bewil- 
ligten 50 fl. benötigten, konnten weitere Vorschüsse gewährt wer- 
den, doch nur den fleifsigen. Schliefslich verfügte der Kaiser, 
dafs das Ansiedlungswesen als ein „publico-politicum" durchaus 
der Leitung und Aufsicht der Kreisämter unterstehen sollte ^). 

Im Schreiben über die allgemeine Ordnung des österreichischen 



1) Es sei gleich hier bemerkt, dafs dieser Auftrag nicht ausgeführt wurde. 
Die Hofkanzlei verwies nämlich schon am 10. Juli 1783 darauf, dafs die 
Xreisärater in Böhmen das Ansiedlungsgeschäft nicht gedeihlich besorgen 
konnten. Sie schlug daher vor, dafs auch weiterhin die Güterbeamten und das 
Gubernium das Ansiedlungsgeschäft zu betreiben hatten und „nur erforderlichen 
Falls, wo Assistenz nötig ist, mit den Kreisäratern korrespondieren sollten". 
Der Kaiser genehmigte dies. 



43 Kaiserl. Anordnungeu über das österreichische Ansiedlungswesen. 

Ansiedlungswesens trug der Kaiser dem Hofkanzler KoUowrat auf, 
an alle Länderstellen den Befehl zu erlassen, dafs sie jedes Jahr am 
1. November zu berichten hätten, wie viele neue Ansiedler auf 
sämtlichen Kameral-, Jesuiten-, geistlichen und „particulär"- (d. h. 
privat) Gütern untergebracht und mit Häusern, Vieh und Gerät- 
schaften versehen werden könnten. Entsprechend diesen Berichten 
sollten dann im Winter an die Sammelplätze in Frankfurt, Ulm 
und Günzburg die Weisungen ergehen, damit man nicht, wie es 
in Galizien geschah, „ mit derlei Leuten überschwemmt werde, die 
dem Ärar sehr teuer zu stehen kommen, da sie müfsig den 
empfangenen Unterhalt verzehren, weil sie weder Wohnungen, noch 
Felder, noch Vieh erhalten, und am Ende entweder zugrunde 
gehen oder wieder in das Reich hinauslaufen, wo sie zum Nach- 
teil der Impopulation die diesseitigen Ansiedlungsanstalten in sehr 
üblen Ruf bringen". Um aber die Verteilung der Ansiedler 
ordentlich vornehmen zu können, sollten alle nach Wien geschickt 
werden, und von da nach Böhmen, Mähren, Galizien und die 
übrigen deutschen Länder, ferner auch nach Ungarn und ins 
Banat, wenn die ungarisch - siebenbürgische Kanzlei ihren Bedarf 
anzeigen würde, geleitet werden. Auf diese Weise könnte die 
Verteilung der Ansiedler nach dem Erfordernisse jedes Landes 
geschehen und die Verfugung getroffen werden, dafs die Ansied- 
lungswerber, welche zu ihren bereits angesiedelten Religions- 
genossen oder Landsleuten zu kommen wünschten, jenem Lande 
zugeteilt würden, wo diese sich befanden. Zur Leitung dieses Ge- 
schäftes in Wien habe der Kanzler einen tauglichen Mann vor- 
zuschlagen. Somit war in Wien eine Zentralstelle fiir das gesamte 
Ansiedlungswesen geschaffen. 

Zufolge dieser Schreiben des Kaisers erliefs die Hofkanzlei 
am 13. Juli an alle Länderstellen, in deren Bereich Ansiedlungen 
stattfinden sollten, nämlich an die böhmische, mährische, ober- und 
unterösterreichische, an die galizische, endlich an die ungarisch- 
siebenbürgische Hofkanzlei ^) die entsprechenden Aufträge. Aus- 



1) Von Innerösterreich (d. i. Steiermark, Kärnten und Krain), Vorderöster- 
reich, Tirol und Triest wurde abgesehen, weü hier für Ansiedlungen kein Platz 
war; die Bukowina wurde zunächst übergangen, weil sie im kaiserlichen Hand- 



Die neuen Ansiedlungsinstruktionen. 43 

genommen von der Instradierung nach Wien wurden die aus 
Polen und Preufsisch - Schlesien kommenden An Siedlungswerber, 
denn diese hätten den Weg dann wieder zurückmachen müssen. 
Ferner wurde an die Kommissäre im Reich geschrieben, nicht 
übereilt zu handeln und nur Leute aufzunehmen, die wenigstens 
einen Teil ihrer Ansiedlungskosten selbst bestreiten könnten oder 
geschickte Handwerker wären. Zur Leitung der Ansiedlungs- 
geschäfte in Wien wurde neben Weltz jetzt noch Job. Michael 
Glantschnigg als Kommissär angestellt. Jeder von ihnen erhielt 
eine aus den bisher über das Ansiedlungswesen erlassenen Ver- 
ordnungen zusammengestellte Instruktion. Die von der Hofkanzlei 
vorgeschlagene Aufstellung von Werbern in Deutschland genehmigte 
der Kaiser nicht. 

Die erwähnten Instruktionen fassen die damals geltenden 
Grundsätze so übersichtlich zusammen, dafs es angezeigt erscheint, 
ihren Inhalt kurz zu kennzeichnen. In der „Instruktion, nach 
welcher sich der Ansiedlungskommissär Glantschnigg in Ansied- 
lungssachen zu benehmen hat", heifst es: Der Kaiser hat be- 
schlossen, die Ansiedlung nach Tunlichkeit auf alle Provinzen aus- 
zudehnen. Die noch übrigen Gründe auf Kameral- und Jesuiten- 
herrschaften, ferner die Meierhöfe auf den Gütern der aufgehobenen 
Klöster, sofern dies ohne Schaden des „fundi" (d. i. Religions- 
fonds) geschehen kann, sollen zur Ansiedlung teils einheimischer, 
teils fremder Familien verwendet werden. Im Weinmonat (Ok- 
tober) ist aus allen Ländern zu berichten, wie viele Familien von 
Professionisten und Ackersleuten auf Privatherrschaften, ferner auf 
Kameral-, Jesuiten- und Klostergütern untergebracht werden können. 
In Böhmen sind vor allem die preufsischen und sächsischen Ein- 
wanderer anzusiedeln; melden sich jedoch diese für Galizien oder 
Ungarn, so sind sie auch dort aufzunehmen. Die „ Hauptansied- 
lungsanstalten " beziehen sich auf Gahzien, wofür die Patente vom 
1. Oktober 1774, 17. September 1781 und die Verordnung vom 
14. April 1783 gelten. Wegen des starken Zuströmens von An- 
siedlern ist die Annahme für Galizien auf jene beschränkt, die 
auf ihre Gefahr dahin gehen und wenigstens so viel Vermögen 

schreiben nicht genannt war und der Hofkriegsrat die Möglichkeit von Ansied- 
lungen in diesem Lande verneint hatte. 



44 Die neuen Ausiodlungsinstruktionen. 

mitbringen, dafs sie sich bis zur Herstellung ihrer Wohnungen 
selbst ernähren und das nötige Vieh, Gerätschaften und Werkzeug 
verschaffen können. Aufserdem dürfen noch Professionisten , die 
auch ohne Vermögen dem Staate nützlich werden können, ange- 
nommen werden. In Gegenden, wo die Wiederauswanderung zu 
besorgen ist, schicke man nur Leute, die wegen ihres mitgebrachten 
Vermögens oder ihrer guten Zeugnisse sicher sind; die anderen 
sollten in die entfernteren Gebiete von Ungarn, Galizien und 
der Bukowina gehen. Damit die Ansiedler mit dem in Wien er- 
haltenen Reisegelde nicht anderwärts wegziehen, werden die Lan- 
despolizeien beauftragt, alle, die von der vorgeschriebenen Route 
abweichen, mit Schub auf den richtigen Weg zurückzubringen 
oder nötigenfalls zu verhaften. Ganze inländische Familien sind 
nach Galizien nicht abzuschicken, nur einzelne Professionisten 
dürfen dahin ziehen ; Reisegeld ist ihnen jedoch nur in besonderen 
Fällen liacli erfolgter Gutheifsung zu verabfolgen. Als Ansiedler 
sind vor allem Leute aus dem Römischen Reiche, auch aus Lo- 
thringen aufzunehmen; Emigranten anderer Nationen erhalten gar 
keine Begünstigungen. Ausländer, die keinen Pafs von Metternich, 
Röthlein oder Blank vorweisen, sind nicht aufzunehmen, um so 
weniger „Vagabunden". Glantschnigg hat die Pässe zu unter- 
suchen und die Ansiedlungswerber rasch nach ihrem Bestimmungs- 
ort zu weisen. Da zufolge der getroffenen Anordnung die Emi- 
granten ihre Barschaft beim Kriegskommissariate in Frankfurt 
erlegen können, hat Glantschnigg, wenn sie ihm die Beweise 
darüber erbringen, die Suramen sofort bei der Kriegskasse zu er- 
heben und im Universal-Kameral-Zahlamte gegen Anweisung auf 
die Provinzialzahlämter zu erlegen; bei letzteren werden dann die 
Ansiedler ihr Geld wieder erheben. Glantschnigg hat ferner den 
Ansiedlern mit Ratschlägen an die Hand zu gehen, hat die mit- 
gebrachten Pässe ihnen abzunehmen, neue mit der festgesetzten 
Route auszustellen und zugleich eine Anweisung zur Zahlung des 
Reisegeldes an den Untertansagenten Weltz einzuhändigen. Über 
die abgeschickten Leute und das angewiesene Reisegeld ist mo- 
natlich das Protokoll vorzulegen. Wenn sich Inländer zur An- 
siedlung meldeten, so hatte Glantschnigg ihr Gesuch mit seinem 
Gutachten der Hofkanzlei vorzulegen. Dies galt auch von Aus- 



Uüterbringiin;^ der Professionisten in Judenhiiusern. 45 

ländern, die ohne vorgeschriebenen Pafs von einem der Kommis- 
säre, aber mit sonstigen authentischen Zeugnissen kamen. Vaga- 
bunden waren dagegen gleich der Polizei zu übergeben. 

Dieselbe Instruktion erhielt auch der Hof- und üntertansagent 
Weltz. Zugleich wurde ihm mitgeteilt, dafs Glantschnigg ihm zur 
Seite gestellt würde, um ihm, entsprechend der Instruktion, be- 
hilflich zu sein. Weltz habe daher fortan nur die Auszahlung 
der Reisegelder zu besorgen. 

Durch diese auf Anregung des Kaisers durchgeführten Mafs- 
regeln ist unstreitig ein neuer wichtiger Schritt zur besseren Ein- 
richtung des Ansiedlungswesens geschehen. Der bereits in Galizien 
eingerissenen Unordnung konnten aber die Befehle des Kaisers 
nicht rasch genug abhelfen. Eine Menge Kolonisten war im Spät- 
herbst 1783 unversorgt, ja es fehlten für sie entsprechende Winter- 
quartiere. Unter diesem Drucke erliefs der Kaiser am 6. November 
wieder ein Handschreiben, das höchst bezeichnend ist. Der Kaiser 
betont darin die dringende Notwendigkeit, den Ansiedlern Unter- 
kommen zu verschaffen und zugleich die Bauern von der ihnen be- 
schwerlichen Einquartierung (s. oben S. 31) zu befreien. Die Ansiedler 
müsse man zufriedenstellen, damit auch andere in das Land, dem 
es an Industrie, an allerart Manufakturen und überhaupt an einem 
Bürgerstande fehle, gelockt werden. „ Das Mittel dazu ^', so fährt 
der Kaiser fort, „scheint zwar im ersten Anblick etwas hart, ist 
aber wirksam und dem Zweck angemessen. Was geht dem An- 
siedler am meisten ab: Unterhalt und Wohnung. Was den 
Städten: Bürger und Handwerksleute. Was hat diesen Mangel 
bis jetzt verursacht: Die überhäufte Zahl der Juden. Wenn das 
richtig ist, so mufs folgende Anordnung dort gut wirken. Es ist 
gleich an das (galizische) Gubernium der Befehl zu erlassen, da- 
mit die unter den Ansiedlern befindlichen Handwerker konskribiert 
und diese unter die Städte nach ihrer Profession so verteilt wer- 
den, dafs die verschiedenen Gattungen der Professionisten in jede 
derselben kommen. Nach Mafs ihrer Anzahl sind aber in jeder 
Stadt so viele Judenhäuser, als an die Professionisten eingeteilt 
werden, zu räumen, die Juden hingegen zur Zusammenziehung 
unter sich zu nötigen. Jene Juden aber, so keine Verdienste 
aufzuweisen haben, sind den bestehenden Vorschriften gemäfs aus 



46 Schlechte Einquartierung d. Ansiedler in Bauernhäusern u. Klöstern. 

dem Lande zu weisen." Aufserdem befahl der Kaiser, von den 
Gemeindegründen und Hutweiden bei den Städten den Hand- 
werkern entsprechende Teile zuzumessen, „zum Anbau einiger 
Kuchelspeise ", wie es in einem gleichzeitigen Schriftstücke heifst. 
Dieser Befehl war schleunigst durchzuführen, damit auch die 
sonstige Unterbringung der Kolonisten während des Winters dem 
Staate nicht vielen Aufwand verursache, ferner (durch die Über- 
füUung in den Bauernhäusern) keine Krankheiten entständen. 

Mit gröfster Beschleunigung wurde dieses Handschreiben von 
der Hof kanzlei an das Gubernium geleitet. Zufolge einer nach- 
träglichen Weisung sollten von den Juden stets ganze Häuser 
geräumt werden, damit Juden und Handwerker getrennt wohnen, 
da sie sich sonst nicht vertragen würden. Aufserdem wurde auf 
Vorstellung der Behörden die Mafsregel dahin gemildert, dafs nur 
jenen Juden, welche kein nützliches Gewerbe trieben, heimlich 
geheiratet hatten, Steuerrückstände nicht zahlten u. dgl., Häuser 
gegen den Schätzungswert abgenommen werden sollten. Wo keine 
solche Juden waren, sollten die Kolonisten bei den Juden gegen 
gleiche Bezahlung wie bei den Bauern untergebracht werden. Die 
in die Städte übersiedelten Handwerker erhielten als Ararialaus- 
hilfe 50 fl. zur Einrichtung ihres Gewerbes, wenn sie diesen Be- 
trag nicht schon auf den Kameralherrschaften , wo sie bisher 
wohnten, bekommen hatten. Waren sie sehr fleifsig, so konnten 
auch weitere Unterstützungen gewährt werden. Die Transportierung 
vom Dorf in die Stadt geschah mittelst Vorspann. Anfangs be- 
stand wohl nur die Absicht, jene Ansiedler in die Stadt zu ziehen, 
die noch keinen Grund am Dorfe erhalten hatten; später ver- 
liefsen auch bereits angesiedelte Handwerker die Dörfer, wo sie 
keinen Verdienst fanden, und zogen in die Städte. 

Als Vergütung für die Bauern, bei denen deutsche Ansiedler ein- 
quartiert waren, beantragten die Behörden 20 Kreuzer für jede Familie 
und jeden Monat; der Kaiser erhöhte den Betrag auf 30 Kreuzer. 
Die Unterkunft der deutschen Kolonisten in den Bauernhäusern 
war sehr schlecht. Im Dezember 1783 erhielt das galizische 
Gubernium den Auftrag, es solle mit mehr Eifer als bisher die 
Ansiedlung auch auf die Starosteien, die noch in Privathänden 
waren, und auf die geistlichen Güter ausdehnen. Zu diesem 



Ausbruch von Krankheiten. Anstellung von Ärzten. 47 

Zwecke hatte es die auf diesen Gütern vorhandenen obrigkeit- 
lichen Gebäude, die ohnehin fast durchaus schlecht und von Holz 
gebaut waren, möglichst bald zu Wohnungen für die Ansiedler, 
„welche in den polnischen Rauchstuben nicht bestehen können '', 
herzurichten. Damals wurden auch schon die leeren Klöster zur 
Unterkunft für die Kolonisten benutzt. Im November 1783 war 
der Befehl erfolgt, den im „ Exkarmeliter - Kloster Wi^nicz Ein- 
quartierten Lagerstroh und die unentbehrliche Beleuchtung bis zu 
ihrer Unterbringung zu geben". Auch in diesen Gebäuden, die 
zumeist überfüllt waren, war die Lage der Kolonisten vielfach be- 
klagenswert. 

Diese Wohnungsverhältnisse haben unstreitig neben den Ent- 
behrungen auf der Reise und dem rauhen, ungewohnten Khma 
zum Ausbruche zahlreicher Krankheiten beigetragen. Schon im 
Sommer 1783 begann auf der Sandomirer Herrschaft die Anstel- 
lung von Chirurgen für die Ansiedler (oben S. 40). Gleichzeitig 
wurde genehmigt, dafs ihnen bis zur vollständigen Dotierung die 
Medikamente frei verabfolgt würden. Im Herbste nahmen mit 
dem schlechten Wetter die Krankheiten an Stärke zu. Ende des 
Jahres herrschten ansteckende Krankheiten unter den Ansiedlern 
in mehreren Orten des Samborer Kreises, ferner unter den im 
Kloster Wi^nicz Einquartierten. Später werden zahlreiche Er- 
krankungen aus den Herrschaften Lubaczow, Drohobycz, Dobro- 
mil und Kalusz, sowie dem Trinitarierkloster in Lemberg gemeldet. 
Ununterbrochen begegnen uns in den Akten Berichte über den 
Krankenstand. So befanden sich im Wi^niczer Kloster am 
11. Jänner 1784 „24 teils geföhrliche teils der Besserung noch 
ungewisse Kranke, 19 zur Besserung Hoffnung habende und 13 
wirklich rekonvaleszente ", also zusammen 56 Kranke! Die Krank- 
heiten machten sich auch in den folgenden zwei Jahren stark be- 
merkbar, und zwar auch in den Gebieten von Krosno, Dolina, 
Zamoäd und Jaworöw an zahlreichen Orten. Als Krankheiten 
werden genannt: Durchfall, dreitägiges Fieber, faules oder Fau- 
lungsfieber, hitziges oder Hitzungsfieber, bösartiges Fieber, Husten, 
Kopfweh, Krätze (scabies), Ruhr, Blattern, Friesel, Brandschäden 
u. dgl. Neben den Chirurgen wurden auch Hebammen angestellt; 
ein Wundarzt erhielt 200 fl., eine Hebamme 100 fl. Gehalt. 



48 Stand der Ansiedlungen an der Wende 1783/4. 

Für die Fortführung der Ansiedlungen hatte der Kaiser im 
Schreiben vom 30. Juni 1783 entsprechende Anordnungen ge- 
troffen. Da die Hofkanzlei, wie insbesondere ihr Vortrag an den 
Kaiser vom 15. Jänner 1784 verriet, diese Aufträge nicht eifrig 
genug zu betreiben schien, erfolgte im Februar 1784 eine scharfe 
Mahnung, den Befehl vom 30. Juni zu beobachten ^). Hierauf be- 
richtete am 24. Februar die Hofkanzlei über ihre schon oben ge- 
schilderten Anordnungen; inzwischen hatte sie auch wegen der 
Beförderung von Ansiedlern aus Galizien nach der Bukowina 
Schritte beim Hofkriegsrat unternommen. Der Kaiser befahl | 
hierauf nochmals in nachdrücklicher Weise, seine Befehle unter 
der „schwersten Verantwortung" zu befolgen, und forderte bald 
darauf (17. März) Auskunft über den Stand des Ansiedlungswesens 
in allen Ländern. Die Hofkanzlei beeilte sich, auf Grundlage des 
vorhandenen Materials, einen Bericht zu bieten (24. März), aus 
dem hervorgeht, dafs eigentlich nur in Galizien das Ansiedlungs- 
geschäft Bedeutung hatte. Steiermark, Kärnten, Krain und Triest | 
waren wegen Mangels an Gründen überhaupt zur Annahme von 
fremden Ansiedlern nicht geeignet. Für Böhmen und Mähren 
wurden nur Professionisten verlangt, weil hier die Kameral- und I 
Jesuitenherrschaften ohnehin schon an preufsische Emigranten ver- 
teilt worden waren. In Niederösterreich war auch nur für sehr 
wenige Ansiedler Platz, in Oberösterreich wollte man gar keine 
aufnehmen. Für Galizien konnte die Hofkanzlei, da ein neuerer 
Bericht aus Galizien noch nicht angelangt war, ausführlicher nur 
über den uns schon bekannten (s. oben S. 40) Zustand vom 
Sommer 1783 berichten. Ferner wufste man aus den Angaben 
des Hofagenten Weltz, dafs bis zum 30. September 1783 5 330 
Ansiedlungswerber, seither bis zum 23. März 1784 weitere 98 
nach Galizien geschickt worden waren ^). Von diesen waren 
bis Februar 1784 in Judenhäusern 83 Professionistenfamilien 
untergebracht worden; weitere 56 Einwanderer waren im Kloster 
Wiänicz, viele bei Bauern einquartiert. Wie viele von ihnen 
schon wirklich angesiedelt waren, vermochte damals die Hof- 

1) Näheros darüber bei Kaindl, Das Ansiedlungswesen in der Bukowina, 
S. 411 f. 

2) In den Wintermonaten war die Einwanderungsbewegung stets gering. 



stand der Ansiedlungen an der Wende 1783/4. 49 

kanzlei nicht anzugeben. Aus dem später bekannt gewordenen 
Hauptbericht erfahren wir, dafs Ende 1783 in Galizien 24 Fa- 
milien Professionisten und 1193 Familien Ackerbauer vorhan- 
den waren, die zusammen 4859 Seelen zählten. Vergleicht man 
diese Angabe mit jener des Weltz über die nach Galizien ge- 
schickten Ansiedler, so findet man, dafs einige hundert auf dem 
Wege oder im Lande sich verlaufen hatten. Der Bericht deckt 
aber noch viele andere Mifsstände auf. Von den vorhandenen 
Kolonisten waren die 24 Professionisten und 1134 Bauernfamilien 
„zur Ansiedlung angetragen", und zwar sollten von den letzteren 
118 ganze, 1015 halbe und 1 eine Viertelgrundansässigkeit erhal- 
ten; 59 Bauernfamilien waren im Kloster Wiänicz einquartiert. Am 
betrübendsten ist aber der Umstand, dafs von den zur Ansiedlung 
Angetragenen die ganze Dotation bis Ende 1783 nur 2 Professio- 
nisten, 2 ganze und 4 halbe Bauern erhalten hatten! Ferner 
waren 10 Professionisten, IIG ganze, 562 halbe und 1 Viertel- 
bauer mit Grundstücken zum Teil dotiert, während 12 Professio- 
nisten und 449 halbe Bauern noch gar keine Gründe erhalten 
hatten. Ebenso bezeichnend für den langsamen Gang der An- 
siedlung ist, dafs 1783 nur 523 Häuser, 62 Scheuern und 
419 Stallungen hergestellt, dagegen noch 635 Häuser, 1072 
Scheuern und 715 Stallungen zu erbauen waren ^). Ebenso grofs 
waren die Rückstände bei der Viehzuteilung; zugewiesen waren 
schon 243 Pferde, 869 Ochsen, 1155 Kühe und 1 Mutterschwein, 
während 185 Pferde, 1207 Ochsen, 1113 Kühe und 1133 Schweine 
noch zuzuteilen waren. Von den für die ganze Dotierung der er- 
wähnten Familien ermittelten Kosten von 368 235 fl. waren 1783 
nur 116 782 fl. ausgegeben, während 251453 fl. für die 1784 zu 
bestreitenden Ausgaben vorhanden waren. Aus alle dem ersieht 
man, mit welchen Schwierigkeiten das Ansiedlungswesen in Ga- 
lizien 1783 gekämpft hat. 

Angesichts dieser mifslichen Lage hatte die Staatsgüteradmini- 
stration schon im Sommer 1783 gebeten, die weitere Anwerbung 
wieder einzustellen; der Kaiser war aber der Ansicht, dafs das 

1) Zusammen benötigte man 1158 Häuser, nämlich für 24 Professionisten 
und 1134 Bauern; dagegen nur 1134 Scheuern und Stallungen, da diese nur 
Bauern erhielten. 

Kaindl, Gesch. d. Deutschen i. d. Earpath. III. 4 



50 Mafsregeln zur Einschränkung der Einwanderung. 

Ansiedlungsgeschäft durch bessere Organisation geordnet werden 
könnte. Um die Zahl der Ansiedlungswerber herabzudrücken, 
war schon 1783 an die Kommissäre im Reich der Befehl ergangen, 
nur Leute mit einigem Vermögen oder nützliche Handwerker an- 
zunehmen. Ferner war schon damals die Anregung, einen Teil 
der Ansiedler nach Ungarn und in die Bukowina abzuleiten, ge- 
macht worden. Mit diesen Mitteln versuchte man auch 1784 die 
Zahl der nach Galizien Einwandernden zu vermindern. Ende Fe- 
bruar ging an Röthlein die Belehrung, dafs er „alle Ackersleute 
von mittleren Jahren, wohlbestellter Leibeskonstitution und mit 
100 fl. Vermögen", ferner auch ohne Vermögen alle Müller, 
Tischler, Zimmerleute und Kommerzialprofessionisten ^), „wenn sie 
tüchtig, gesund und von guten Jahren sind" zur Ansiedlung auf- 
nehmen sollte. Da jedoch nicht alle Ansiedler in Galizien unterge- 
bracht werden könnten, so müfste er die überzähligen nach Ungarn 
zu leiten suchen, wo sie wie in Galizien angesiedelt und begünstigt 
würden. Es zeigte sich aber, dafs die Auswanderer nicht gern 
nach Ungarn gingen. Sie scheuten, wie Röthlein am 13. März 
1784 meldete, „das hungarische Klima und die Luft, nach dem 
allgemeinen Sprichwort im Reich: Hungarn ist deren Deutschen 
Friedhof". Nun erging an Röthlein der Auftrag, diese Vorurteile 
zu bekämpfen. Man versuchte ferner Kolonisten nach Ungarn 
abzulenken, indem man dorthin mittellose annahm; auch pafslose 
wurden dahin geschickt. Dagegen wurde für Galizien eine strengere 
Beobachtung der Pafsvorschriften gefordert, und an die Kommissäre 
ging immer wieder die Mahnung, für Galizien nur Ackersleute 
mit wenigstens 100 fl. anzunehmen. Als im Juni 1784 einige Ko- 
lonisten nicht nach Ungarn gehen wollten und auf die Ansiedlung 
in Galizien mit der Versicherung drängten, dafs sie ihr Vermögen 
nachbringen würden, wurde ihnen ihr Begehren unter der Be- 
dingung erfüllt, dafs jeder innerhalb 18 Monaten den Besitz von 
mehr als 100 fl. nachweisen müfste, sonst würde er die Ansied- 



1) Unter Kommerzialgewerben verstand man alle jene Gewerbe, welche 
über den örtlichen Bedarf hinaus arbeiteten. Diese waren von den polizeilichen 
Mafsregeln befreit, denen jene Gewerbe unterstellt blieben, die nur dem Orts- 
bedarf dienten, wie Schneider, Schuster, Fleischhauer, Bäcker, Greisler u. dgl.; 
diese hiefsen Polizeigewerbe. 



Begünstigte und unbegünstigte Ansiedler. 51 

lungsvorteile verlieren. Anderen Ansiedlern stellte man es an heim, 
nach Ungarn zur „wirklichen Ansiedlung" oder nach Galizien 
„auf eigene Gefahr" zu gehen. Auch wurde die Zahl der für 
Galizien anzunehmenden Ansiedlungswerber eingeschränkt; Röth- 
lein sollte nur 200 — 300 Familien annehmen und die anderen für 
spätere Zeit vertrösten. Denselben Auftrag erhielt Metternich ^). 
Einzelne Emigranten suchte man ferner zur Ansiedlung in Mähren 
zu bewegen, um sie rascher unterzubringen. Aber alle diese Mafs- 
regeln fruchteten wenig, weil man sich immer wieder zur Nach- 
giebigkeit veranlafst sah. So gestattete der Kaiser trotz des Über- 
flusses an Ansiedlern im April die Aufnahme von Mennoniten 
(Wiedertäufern). Ebenso befahl er am 16. Mai, pafslose arme 
Kolonisten in Ungarn anzusiedeln, und tags darauf gab er auch 
der böhmisch-österreichischen Kanzlei, also mit Bezug auf Galizien, 
die Weisung, dafs von den Emigranten ohne Pässe und ohne Ver- 
mögen nur die Bettler und Vagabunden aufser Landes abzuschieben 
seien; jene aber, „welche noch zu brauchen waren", sollten nach 
der für Ungarn erlassenen Resolution behandelt werden. 

Danach konnten doch wieder auch Leute ohne Vermögen, ja 
selbst ohne Pässe Aufnahme finden. Infolge dieser Entscheidung 
gab nunmehr die Hofkanzlei dem galizischen Gubernium einen 
Auftrag (27. Mai), der zur Unterscheidung zwischen begünstigten 
und unbegünstigten Ansiedlern führte. Fortan sollten nämlich die 
mit Kommissariatspässen und beträchtlichen Vermögen ankommen- 
den Emigranten mit gröfseren „Possessionen" als die anderen be- 
günstigt werden; aber auch mittellose Ansiedler, die nicht auf 
eigene Gefahr nach Galizien abgeschickt wurden, sollten auf Ka- 
meral- und geistigen Gütern auf Kosten des Kameralärars ange- 
siedelt werden. Danach gab es nun zwei Arten von Kameral- 
ansiedlern: 1. begünstigte Ansiedler, die wegen ihres gröfseren 
Vermögens auch gröfsere Wirtschaften und Gebäude sowie auch 
mehr Vieh und Gerätschaften erhielten und auf „geschwindere 
Logierung " Anspruch hatten ; man nannte sie auch „ ganze " 
Bauern; 2. unbegünstigte oder halbe Bauern, die mit kleineren Wirt- 
schaften dotiert wurden. Neben diesen Kameralansiedlern hatten 



1) Von den anderen Kommissären ist nicht die Bede. 

4* 



5S Anschwellen des Einwandererstromes. 

jene „auf eigene Gefahr", ferner die „Privatansiedler" und die 
„republikanischen" (s. oben S. 37) geringere Bedeutung. Allen 
Ansiedlern, die in Wien Pässe erhielten, wurde die Art ihrer 
Ansiedlung auf diesen angemerkt. Ohne solchen „Hofpafs" hatte 
niemand Anspruch auf Ansiedlung. Nur die aus Preufsen und 
Polen Einwandernden, die Wien nicht berührten, benötigten dieser 
Pässe nicht. 

Die Einwanderungsbewegung war in den ersten drei Monaten 
1784 nur gering; im Winter wagte nicht leicht ein Auswanderer 
die Reise. Aber vom April an schwoll die Zahl überaus an. Am 
8. April zeigte Metternich an, dafs sich bereits 580 Personen mit 
einem Vermögen von 34151 fl. gemeldet hätten. In Wien hatte 
man damals innerhalb acht Tagen 196 Reichsemigranten für Ga- 
lizien annehmen müssen. Noch jetzt sind zahlreiche Gesuche, die 
an den Kaiser mit der Bitte um Ansiedlung in Galizien gerichtet 
wurden, erhalten. Sie rühren zum Teil von Deutschen her, die 
schon nach Wien gekommen waren und hier sich um ihre An- 
nahme bewarben. In einem dieser Gesuche (21. April) versprachen 
drei Handwerker, dafs sie „von solcher Gnad gerührt dero Ge- 
nesung bei Gott zu erbitten nicht unterlassen werden". Solche 
Bittschriften mögen es gewesen sein, die den Kaiser selbst zur 
Annahme von pafslosen armen Leuten bewogen! Auch aus der 
Ferne kamen Ansiedlungsangebote. So wandte sich der Pfarrer 
Joh. Philipp May aus Rohrbach bei Darmstadt im Mai „an den 
allerdurchlauchtigsten, grofsmächtigsten und unüberwindlichsten 
Kayser des hl. Rom. Reichs Joseph den IL in der Residenzstadt 
Wien " mit der Mitteilung, dafs etliche 20 Familien aus Fränkisch- 
Grumbach (Krumbach) sich in Polen ansiedeln wollten. Auf 
solche Ansuchen wurde geantwortet, dafs die Emigranten sich an 
die Kommissäre Metternich oder Röthlein zu wenden hätten. Der 
Andrang von Ansiedlern wurde so grofs, dafs die Zahl der An- 
siedlungsbeamten in Wien vermehrt werden mufste. Bezeichnend 
für die grofse Menge der Ansiedler ist auch der Umstand, dafs 
Weltz häufig sehr bedeutende Summen für das anzuweisende Reise- 
geld erhielt. So wurden ihm im April 600 fl., im Mai Beträge 
von 1000—1500 fl., im Juni 4000 fl., 3676 fl. und 3000 fl. an- 
gewiesen. Dazu ist zu bemerken, dafs bekanntlich für jeden Kopf 



Anschwellen dos Einwandererstroraes. 53 

nur 2 fl. gezahlt wurden. Wir besitzen übrigens auch einen sehr 
interessanten „Summarischen Ausweis'* über die in den ersten 
sieben Monaten 1784 zur Ansiedlung nach Galizien geschickten 
Deutschen. Nach diesem gingen dahin : im Januar 8, Februar 3, 
März 17, April 399, Mai 2210, 1. bis 7. Juni 1783, 8. bis 14. Juni 
853, 15. bis 21. Juni 1002, 22. bis 28. Juni 433, 28. Juni bis 
5. Juli 161, 6. bis 12. Juli 150, 13. bis 19. Juli 73, 20. bis 
26. Juli 75, 27. Juli bis 3. August 17, zusammen also 7184 
Seelen i). 

Diesem gewaltigen Strome von Einwanderern waren die in 
Galizien getroffenen Vorbereitungen nicht gewachsen; alle Mah- 
nungen und Berichte fruchteten nichts. Von den im Jahre 1783 
eingewanderten Familien waren die meisten noch nicht unter- 
gebracht. Auf elf galizischen Herrschaften sollten 1362 An- 
sässigkeiten zustande gebracht werden. Bis Ende März 1784 
waren aber nur 496 Häuser, 4i Scheuern und 382 Stallungen 
erbaut, während 846 Häuser, 1317 Scheuern und 971 Stallungen 
noch zu errichten waren. Danach hatten also 846 Bauernfamilien 
noch kein Unterkommen; samt Professionisten befanden sich aber 
damals auf den elf Herrschaften sogar 879 ununtergebrachte 
Familien! Die Domänenadministration bemerkte, dafs für den 
Einbau dieser noch der ganze Sommer 1784 und vielleicht 
auch 1785 hingehen würde. An neuen Ansiedlungsplätzen für 
weitere Einwanderer hatte man damals nur etwa 115 ausfindig 
gemacht. Der Zustand von Ende März 1784 war danach viel 
ungünstiger als jener von Ende 1783 (s. oben S. 49). Mit 
dem unerwartet starken Zuströmen der neuen Ansiedlungs- 
werber nahmen die Mifsverhältnisse bedrohlichen Umfang an. 
Im Juli berechnete der Robotabolitionskommissar Ainser, dafs 
für ungefähr 1072 Familien bisher keine Ansiedlungsplätze er- 
mittelt seien! 

In den Berichten des Guberniums und der Domänenadmini- 



1) Davon waren vom 1. Januar bis 26. Juli 1784 mit Metternichschen 
Pässen 832, mit Eöthleinschen 1357 Personen, zusammen also 2189 Personen, 
beiläufig 437 Familien, mit Kommissariatspässen gekommen. Im ganzen kamen 
in der bezeichneten Zeit etwa 1440 Famüien, also die meisten, ohne ordent- 
liche Pässe. 



54 Mafsregeln der Kegierung. Förderung der Privatansiedlung. 

stration wurden zur Überwindung dieser Schwierigkeiten verschie- 
dene Vorschläge gemacht. Vor allem wurde die Anstellung von 
Beamten, die Vermehrung der Ingenieure, die Bereisung der Güter 
zur Ermittlung weiterer Ansiedlungsstätten gefordert. Ferner wurde 
der Vorschlag zu einer Arbeitsteilung gemacht; die Domänen- 
administration und die Wirtschaftsämter sollten fortan nur die 
Ansiedlung auf den Staatsherrschaften, die in eigener Verwaltung 
standen, leiten; auf verpachteten Domänen und auf den Privat- 
herrschaften hatten die Kreisämter die Kolonisation zu besorgen. 
Den Kreisämtern wurde jetzt also ein gröfserer Einflufs auf das 
Ansiedlungswesen eingeräumt, wie dies Kaiser Joseph schon im 
Sommer 1783 gefordert hatte (s. oben S. 4l). Auch für die 
Überwinterung der Ansiedlungswerber machte man Vorschläge. 
Der genannte Ainser riet, man möge die nicht untergebrachten 
an ihre Ansiedlungsorte schicken und sie dort in herrschaftlichen 
Gebäuden und Bauernhäusern einquartieren. Dies sei vorteil- 
hafter, als sie in die Klöster einzusperren, denn sie würden mit 
der Gegend und den Menschen bekannt und könnten einigen Ver- 
dienst finden. 

Da die Ansiedlungsanstalten auf den Kameralherrschaften nicht 
genügten, griff man jetzt mit gröfserem Nachdruck auf den schon 
längst angeregten Gedanken zurück, einen Teil der Ansiedler auf 
Privatgrundherrschaften unterzubringen. Da das oft geäufserte 
Bedenken, die Grundherren würden kaum für die Ansiedlung 
Deutscher Opfer bringen, nicht unberechtigt war, entschlofs sich 
der Staat, Unterstützungen zu gewähren. Infolge eines Hof- 
dekretes vom 1. Juni 1784 erging vom Gubernium an die gali- 
zischen Grundherren eine Verordnung (10. Juni), um sie zur Auf- 
nahme von Ansiedlern zu bewegen. Sie wurden darin auf die Vor- 
teile dieser Ansiedlung aufmerksam gemacht, die zur Verbesserung 
des Landbaues, zur Erhöhung der Betriebsamkeit und zur Ver- 
besserung der Sitten beitrage. Für jede aufgenommene Familie, 
mögen es Handwerker oder Ackerbauer sein, wurden 50 fl. als 
Unterstützung angeboten. Den Privatgrundherrschaften wollte man 
übrigens die aufs Geratewohl ohne Pässe Eingewanderten an- 
weisen ; sie sollten blofs mit halben und viertel Ansässigkeiten ver- 
sehen werden und sich mit jenen Unterstützungen begnügen, die 



Geringer Fortschritt der Privatansiedlung. 55 

den Nationalansiedlern ^) gewährt wurden. Diese Ansiedler sollten 
wie andere Bauern den Grundherrschaften unterworfen sein. Die 
Kreisämter erhielten gleichzeitig den Auftrag, die Grundherren zur 
Ansiedlung anzueifern, „da man sich dadurch Hoffnung machet, 
nach und nach etlich 1000 Familien auch bei den Privatdominien 
anzubringen ". 

Aber auch diese Hoffnungen sollten sich gar bald als trüg- 
lich erweisen. Zunächst machte man die böse Erfahrung, dafs 
Grundherren ihre ansässigen Bauern von Haus und Feld jagten, 
um durch kostenlose Ansiedlung von Deutschen an ihre Stelle des 
Vorteils der Ansiedlung und der Unterstützung dafür teilhaft zu 
werden. Im Juli mufste gegen diesen Mifsbrauch ein Dekret er- 
lassen werden; die Kreisämter sollten dagegen auftreten. Rustikal- 
gründe (Bauerngründe) durften den Deutschen nur übertragen 
werden, wenn sie wirklich unbesetzt wären oder mit Wissen des 
Kreisamtes ein schlechter Untertan abgestiftet würde. Sonst müfsten 
Dominikaigründe, also zum Herrnhof gehöriger Boden, an die An- 
siedler verteilt werden, was um so mehr am Platze wäre, als die 
Grundbesitzer klagten, dafs sie bei der (durch die österreichische 
Regierung) eingeschränkten Robot ihre Felder nicht bestellen 
könnten. Diese Forderung gefiel den Grundherren nicht, zumal 
man ihnen nur die pafslosen, also die ärmsten der Ansiedlungs- 
werber überlassen wollte. Bis September hatten sich erst etwa 
30 Privatherrschaften gemeldet, die 140 Familien Professionisten 
und 425 Familien Ackerbauer aufnehmen wollten, über die Auf- 
nahmebedingungen aber nichts verlauten liefsen. Letzter Umstand 
mifsfiel der Hof kanzlei ; sie hatte für die Kolonisten günstige oder 
zu mindestens genau bestimmte Ansiedlungsbedingungen feststellen 
wollen. Das Gubernium betonte dagegen, dafs die Grundherren 
sich zurückhaltend benähmen, weil die Unterstützung von 50 fl. 
für jede Familie zu gering sei. Auch die Grundherren, welche 
sich zur Annahme von Ansiedlern bereit erklärt hatten, zeigten 
sich recht saumselig. Die zur Privatansiedlung nach Galizien ge- 
schickten Kolonisten mufste daher wie die anderen der Staat ver- 
pflegen. Auch gestattete man, dafs an diese Ansiedlungswerber 



1) Darunter sind die nicht deutschen Ansiedler verstanden. 



56 Schwierige Lage des Ansiedlungswesens im Sommer 1784. 

Wirtschaften verkauft werden durften, die man nachlässigen Wirten 
wegen ihrer Zahlungsunfähigkeit abnahm. 

Wohl stieg auch während des Jahres 1784 fortwährend die 
Zahl der in Galizien begründeten Ansiedlungen , aber im ganzen 
war das Ansiedlungswesen in arge Schwierigkeiten geraten. Am 
Ausgang des Sommers (2. August) fafst ein Hofkanzleibericht die 
Lage klar zusammen. Vom 1. Januar bis 26. Juli 1784 waren 
7167 Personen eingewandert. Von diesen waren nur 2189 oder 
beiläufig 437 Familien, also weniger als ein Drittel, mit den 
ordentlichen Pässen der im Reich bestellten Kommissäre Metternich 
und Röthlein gekommen ^). Man hatte diesen, da man im Früh- 
jahr die Zahl der verfügbaren Ansiedlungsplätze noch nicht kannte, 
bedeutet, dafs jeder von ihnen etwa 200 Familien, zusammen 400 
bis 500 Familien aufnehmen möchte. Diese Zahl ist von ihnen 
ungefähr eingehalten worden. Für diese Leute waren auch un- 
bedingt Plätze vorhanden; aber es kamen sehr viele, ohne sich 
bei den Kommissären gemeldet zu haben, oder auch obwohl sie 
von ihnen abgewiesen worden waren. Von diesen wurden „etliche 
1000 Köpfe" entsprechend der Anregung des Kaisers nach Un- 
garn geschickt. Nach Galizien mufsten nebst den mit Kommis- 
sariatspässen versehenen Emigranten noch viele andere, teils wegen 
ihrer dort bereits befindlichen Verwandten, teils wegen des mit- 
gebrachten Vermögens, teils endlich, um gegen die ungarische An- 
siedlung keine Parteilichkeit zu zeigen ^), auch solche mit geringem 
Vermögen geschickt werden. Die Hofkanzlei sah voraus, dafs 
unter diesen Umständen das Gubemium in Verlegenheit kommen 
müfste, zumal einmal in einer Woche fast 1800 Menschen (s. oben 
S. 53) nach Galizien abgingen. Die Hofkanzlei beeilte sich da- 
her, jeden Posttag dem Gubemium die Listen der Abgeschickten 
anzuzeigen; sie betrieb die Bauftihrung in den Kolonien, sandte 
zur Grundeinteilung Ingenieure, befahl die Ausdehnung der An- 
siedlung auf geistliche Güter sowie eingezogene Starosteien und 
veranlafste die Aufmunterung der Privatgrundherren zur Annahme 
„ dieser in der Kultur besser erfahrenen fremden Ansiedler " : auch 



1) Vgl. oben S. 53, Anm. 

2) In Ungarn wurde nämlich darüber Klage geführt, dafs dahin viele Leute 
ohne Pässe und Vermögen geschickt würden. Vgl. oben S. 50. 



Erhöhung der staatlichen Unterstützung für Privatansicdlungon. 57 

wegen der Einquartierung und Versorgung der Emigranten mit 
Lebensmitteln ergingen Aufträge. Das Gubernium bemühte sich, 
entsprechend diesen Weisungen, eifrig um die Bauten, die Grund- 
zuteilung, die Versorgung der Professionisten in Judenhäusern und 
die Einquartierung der Einwanderer in herrschaftlichen Gebäuden 
und Klöstern; aber es äufserte auch seine Verlegenheit über die 
grofse Zahl der Ankömmlinge. Um nun diesen Überflufs von 
Ansiedlern auf die Privatgüter abzuleiten, schlug die Hofkanzlei 
nach den Anträgen des Guberniums und des Robotabolitionskom- 
missärs Ainser, der damals vielfach von der Regierung über das 
Ansiedlungsgeschäft zu Rate gezogen wurde, eine Erhöhung der 
den Grundherren bewilligten Unterstützung vor. Diese Mafsregel 
wurde durch die Erwägung unterstützt, dafs die Emigranten in 
ökonomischer Hinsicht nicht so bald Nutzen gewähren, und also 
für den Staat, nicht aber für den Grundherrn als Gewinn anzu- 
sehen seien. Auch die Ansiedlungen auf den Kameralherrschaften 
brächten dem Arar als Grundherrschaft keinen Nutzen, da die 
Ansiedlungskosten einer Familie auf 300 — 400 fl. zu stehen 
kämen. Da ferner in Rücksicht auf die durch die Fremdlinge 
zu verbreitende Kultur, Industrie und Aufklärung es gleichgültig 
sei, ob die Ansiedlungen auf Kameral- oder Privatdominien her- 
gestellt würden, so wäre die auf Kameralherrschaften übliche 
Ararialunterstützung ebenso gut angewendet, wenn sie auch für 
die Privatansiedlungen bewilligt würde. Daher sollten den zeit- 
lichen Besitzern (Pächtern) königlicher Güter und den Privat- 
grundherren wenigstens 250^ — 300 fl. für die Ansiedlung einer 
Familie Ackerleute bewilligt werden. Geschähe dies nicht, so müsse 
die Anwerbung dieser Emigranten, wenn sie auch nach Preufsen 
und Amerika wegzögen, ganz eingestellt werden, weil nunmehr auf 
Kameral-, Exjesuiten- und geistlichen Gütern kein Platz mehr übrig 
wäre. Weitere Einwanderer könnten da nicht untergebracht wer- 
den, „ohne den Landeseinwohnern nahe zu treten und sie den 
Deutschen noch abgeneigter zu machen, als sie es bereits schon 
durch die Zuteilung der Meierhofgründe (an diese) geworden sind ". 
Diesen klaren Ausführungen der Hofkanzlei schlofs sich auch 
der Staatsrat an, insbesondere billigte er die erhöhte Beitrags- 
leistung für die Privatansiedler. Ferner riet aber diese Behörde, 



58 Mafsregeln zur Unterbringung der Eingewanderten. 

dafs die Kommissäre im Reich fortan nur Landleute mit mindestens 
200 fl. Vermögen (also dem doppelten Betrag von früher) auf- 
nähmen; auch wurde wieder gefordert, nur Professionisten mit 
den nötigen Kenntnissen anzuwerben. Dies sollte in den Zeitungen 
Verlautbart werden. Kein geringerer als Kaunitz war es, der den 
Mut fand, die Einstellung von Ansiedlern auf ein Jahr zu befür- 
worten, nachdem früher ähnliche Wünsche der Behörden an dem 
Willen des Kaisers gescheitert waren. Der zeitweiligen Einstellung 
stimmte der Kaiser jetzt zu. Seine Resolution lautete : „ Der Stand 
der galizischen Ansiedlung dient zu meiner guten Nachricht. Zur 
besseren Unterbringung der bereits Vorhandenen mufs man auf 
ein Jahr die Einwanderung einstellen und nur besonders tüchtige 
oder vermögHche mit 200 fl. aufnehmen." 

Um diese Zeit (August 1784) wurde man in Wien durch den 
lang ersehnten Hauptbericht des gahzischen Guberniums über den 
Stand der Ansiedlungen am Ende des Jahres 1783, ferner über 
die 1784 durchzuführenden Arbeiten und die weiteren Erforder- 
nisse genauer unterrichtet. Aus diesem Berichte (s. oben S. 49) 
waren viele Rückstände ersichtlich. Das Gubernium vermochte 
sie in wirksamer Weise zu entschuldigen: die Zahl der Ansiedler 
war nicht festgesetzt worden und hatte sich fortwährend ver- 
gröfsert ; Materialien und Arbeitskräfte hatten von allem Anfang an 
gemangelt*, die nötigen Vorschriften mufsten erst ausgearbeitet und 
den Wirtschaftsbeamten übermittelt werden; die Grundzuteilung 
konnte wegen Mangels an Ingenieuren nicht erfolgen; da also die 
Ansiedler weder ihre Häuser noch Gründe erhielten, daher auch 
kein Winterfutter hatten, konnte ihnen kein Vieh gegeben werden ; 
auch die etwas mangelhaften Häuser, die z. B. nur aus Ruten ge- 
flochtene, mit Lehm ausgeschmierte Rauchfange hatten und mit 
Stroh gedeckt waren, entschuldigte das Gubernium mit dem Mangel 
einer Instruktion. Es versprach, nach Kräften diese Mängel ab- 
zustellen; die sonst gute Einrichtung der Häuser und die Anlage 
der Dörfer veranschaulichte es durch einige beigelegte Pläne. Die 
Kosten für einen Ansiedler berechnete das Gubernium auf ungefähr 
400 fl. ; doch müfsten zu dieser Summe noch weitere Unter- 
stützungen kommen, so dafs die Gesamtkosten 450 fl. betragen 
würden. Im Patente von 1781 sei nur das Haus mit Stall und 



Mafsregeln zur Unterbringung der Eingewanderten. 59 

Ackergerätschaften den Ansiedlern unentgeltlich bewilligt worden; 
es wäre aber nötig, ihnen auch die Scheuern, den ersten Anbau 
der Felder, den Samen vorschufs , die Kosten der Einquartierung 
und die Arzneien frei zu gewähren. Ebenso forderte das Gu- 
bernium, dafs verpachtete und in Privathänden befindliche Staats- 
güter eingezogen würden, um Platz für die Ansiedlung zu schaffen. 
Diese sollte weiter nach Osten ausgedehnt werden; doch werde 
sie im Zaleszczyker Kreise wegen Holzmangels schwerer vor sich 
gehen. Für die Überwinterung der noch nicht untergebrachten An- 
siedler wurden Vorbereitungen getroffen. Entsprechend dem Auftrage, 
dafs die Ansiedler nicht nur in Bauernhäusern, sondern auch in 
Wirtshäusern, Klöstern, herrschaftlichen Gebäuden und Juden- 
häusern zu beherbergen seien, hatten die Kreisämter die vorhan- 
denen Wohnungen zu ermitteln und das Bialer Mautamt sodann 
die Ansiedler an die bezeichneten Orte zu instradieren. Im Lem- 
berger Kloster allein wurden 200 Ansiedler einquartiert, welchen 
man beim Häuser- und Strafsenbau Arbeit verschaffte. Endlich 
sorgte das Gubernium für das Wohl der Ansiedler auch durch 
Aufstellung von Kuratoren. Diese hatten unter der Oberaufsicht 
der Kreisämter und des Guberniums und unter Mitwirkung der 
Kameralökonomiebeamten die Einquartierten mit allem Nötigen zu 
versorgen. Für dieses Geschäft war eine eigene Instruktion aus- 
gearbeitet worden. Aus dieser ist zunächst ersichtlich, dafs alle 
von dieser Versorgung ausgeschlossen waren, die auf eigene Kosten 
kamen. Für je 50 bis 100 Ansiedler, die an einem Orte ein- 
quartiert waren, wurde ein Kurator bestellt, der auch aus der 
Zahl der Okonomiebeamten genommen werden konnte. Dieser 
hatte den Ansiedlern die Naturalverpflegung an Korn, Holz, Stroh 
u. dgl. zu reichen und darüber genaue Aufzeichnungen zu führen. 
Was jeder Hausvater erhielt, wurde genau in sein Einschreib- 
büchel eingetragen. Auch über den Zu- und Abgang an Ein- 
quartierten sollte der Kurator von Zeit zu Zeit berichten. In 
jedem Kloster und sonstigen Einquartierungsorte wurden ein bis 
zwei Einwanderer von besonders guter Aufführung als Gemeinde- 
vorsteher für die Zeit der Einquartierung bestellt, „die auf das 
Betragen der übrigen zu sehen, die Gebäude und Zimmer täglich 
zweimal zu visitieren, alle kleinen Zänkereien unter ihnen auszu- 



60 Erweiterung der Ansiedlungsbogünstigungen. 

machen und auf die Befolgung der Befehle zu achten hatten". 
Auch die Eintragungen der Kuratoren in die Rechnungen hatten 
diese „Vorsteher" zu bestätigen. Für ihre Mühe erhielten sie 
12 Kreuzer täglich. In jedem Kloster war das Refektorium oder 
ein anderer grofser geeigneter Raum als Spital einzurichten; für 
die in Privathäusern Untergebrachten sollte eines dieser Gebäude 
als Spital eingerichtet werden. Doktoren, Chirurgen und Hebammen 
mufsten die Spitäler täglich visitieren. Auf Feuer und Licht war 
in den Quartieren fleifsig achtzugeben, die Rauchfänge sollten 
sorgfältig gekehrt werden. Die Kreishauptmänner und Kreiskom- 
missäre hatten die Ansiedlungen öfters im Monat zu besuchen. 
Die Oberaufsicht führte das Gubernium. 

Diesen Bericht und die Vorschläge des Guberniums billigte 
die Hof kanzlei in den meisten Punkten. Insbesondere befürwortete 
sie, den Ansiedlern völlig frei zu gewähren: die im Patent ver- 
gessenen Scheuern, den ersten Ackeranbau und den Samen, ferner 
Holz, Streu und Licht für die Einquartierung, das Vieh, die Wirt- 
schaftsgeräte und die Heilungskosten. Gegen Rückzahlung sollten 
dagegen die nötigen Hausgeräte und der für den Unterhalt be- 
stimmte Geld- und Naturalvorschufs bewilligt werden; die Beträge 
dafür waren in die Handbüchel der Ansiedler und in die Amts- 
rechnungen einzutragen und in zehn Jahresraten, welche aber 
erst nach den drei ersten Ansiedlungsjahren anzufangen hätten, 
rückzuerstatten. Zum Ankauf des Viehes möge man einige der 
besten Ansiedler herbeiziehen, damit sie nicht über schlechtes Vieh 
klagten; für die Verbesserung des Viehstandes sorge man durch 
Anschaffung von Hengsten und Stieren stärkeren Schlages. Die 
Kosten der Bestiftung eines Ansiedlers berechnete die Hofkanzlei 
mit 425 — 450 fl. und bemerkte, dafs dieser Aufwand um mehr 
als ein Drittel wohlfeiler sei als jener für die Ansiedler auf den 
böhmischen Kameralgütern ; „er ist aber", so fährt die Kanzlei 
fort, „doch so teuer, dafs man die Aufnahme einschränken mufs, 
80 bald nur einmal in den meisten Kreisen einige solcher Ansied- 
lungsdörfer zum Muster in der Aufklärung und ländlichen Industrie 
für das träge Nationalvolk aufgestellt sein werden". 

Diesem Rat, die teure deutsche Ansiedlung einzuschränken, 
pflichtete auch der Staatsrat bei. Und nun wurde auch der 



Entschlufs die deutsche Ansiedlung einzuschränken. 61 

Kaiser, der noch kurz zuvor wenigstens auf die Ansiedlung wohl- 
habender Leute nicht verzichten wollte , dafür gewonnen. Er nahm 
die Anzeige über den guten Fortgang der Ansiedlungsanstalten 
zur „vergnüglichen Nachricht" und genehmigte die Vorschläge, 
also auch die erweiterte Dotierung der Ansiedler. Daran knüpfte 
er die Mahnung, dafs den Ansiedlern die gute Erhaltung des 
Viehes und der Geräte, die ihnen gewährt wurden, aufgetragen 
werde. Die wichtigste Verfügung der kaiserlichen Resolution lautete 
aber: „Da jedoch die Ansiedlung eines Ackermanns aus dem 
Reich sehr kostbar zu stehen kommt, so wird auch vornehmlich 
der Bedacht darauf zu ^ nehmen sein, dafs mehr Famihen Acker- 
bauer aus dem Republikanischen (Polen) herbeigezogen werden, 
da diese dem Klima mehr angemessen und die Ansiedlung minder 
kostbar " ^). Man kehrte damit zu einer Anschauung zurück, die 
schon 1774 sich bemerkbar gemacht hatte (s. oben S. 9). Auch 
damals hielt man die Ansiedler aus Polen für geeignet. Trotzdem 
ist zwischen der Anschauung von 1774 und 1784 ein grofser 
Unterschied: damals dachte man nicht daran, dafs allein durch 
deutsche Bauern die Landwirtschaft verbessert werden könnte; 
jetzt stand die Anschauung fest, dafs man nur durch Errichtung 
von deutschen Musterdörfern diese Absichten erreichen würde und 
wollte die Ansiedlung von Nationalisten nur als Notbehelf weiter 
führen. Übrigens sind solche Ansiedler auch schon früher sowohl 
auf Kameral- als auch auf Privatdominien untergebracht worden ^), 
Die Privatgrundherren zogen sie vor, weil sie billiger waren; auf 
den kulturellen Wert nahmen die Privatherrschaften keine Rück- 
sicht. Auch der Staat beschlofs jetzt wegen der Kosten sich auf 
diesen beschränkteren Standpunkt zu stellen. 

Als Ergebnis der geschilderten Verhandlungen und Beschlüsse 



1) Im November 1784 betonte der Kaiser wieder, dafs die Ansiedlung von 
Ackerbauern aus dem Keiche für Galizien zu teuer sei; es sei daher nur die 
Ansiedlung aus dem benachbarten republikanischen Polen zu fördern. Nur 
Handwerker, die in Galizien nicht vorhanden wären und aus Polen nicht herbei- 
gezogen werden könnten, sollten noch ferner aus dem Reiche gerufen werden. 

2) Nach einem Berichte vom Juni 1784 waren damals auf den Kameral- 
herrschaften der Sandomirer Gegend schon 700 polnische Familien angesiedelt 
worden. 



62 Zeitweilige EinstelluDg d. Annahme t. Ansiedlern (Herbst 1784). 

ergingen nun eine Reihe von Weisungen an die Kommissäre Met- 
ternich, Röthlein und Blank, ferner an die galizischen Behörden. 
Die Kommissäre wurden angewiesen, zu verkünden, dafs wegen 
der Unterbringung der bereits in Galizien anwesenden Ansiedler 
und der Vorbereitungen für die künftig ankommenden die Annahme 
für ein Jahr eingestellt werde. Wer nach dieser Frist einzuwan- 
dern beabsichtige, solle sich bei den Kommissären melden. Die 
Kommissäre hatten ferner darauf zu sehen, dafs kein Bauer ohne 
200 fl. Bargeld aufgenommen werde ; auch mufste jeder durch ein 
glaubwürdiges Zeugnis dartun, dafs er wirklich Bauern Wirtschaft 
betrieben habe. Die Professionisten sollten nicht „ohne gute Kund- 
schaft " aufgenommen werden ; den Vorzug hatten Müller, Maurer, 
Zimmerleute, Tischler, Glaser, Töpfer, Wagner, Schmiede, Leinen- 
und Wollenweber. In die Berechnung des Vermögens der An- 
siedlungswerber war blofs das Bargeld, nicht erst einzubringende 
Forderungen aufzunehmen. In einer anderen Weisung wurde be- 
merkt, dafs die Ansiedler in Wien angeben, sie hätten ihr Geld 
auf der Reise verzehrt ; es sei ihnen daher zu sagen, dafs sie auch 
in Wien das Vermögen zeigen raüfsten. Diese näheren Be- 
dingungen über die Annahme sollten nur den Kommissären „zur 
geheimen Direktion" dienen; die Einstellung der Annahme für ein 
Jahr aber in den Zeitungen bekannt gemacht werden. Man ent- 
schlofs sich zu dieser öffentlichen Kundmachung, damit nicht 
wieder „Ungelegen heiten" entstehen, obwohl man „bisher Anstand 
genommen hatte, über diese gaHzischen Ansiedlungen etwas drucken 
zu lassen, da die Reichsfürsten so aufsichtig auf alle ihre Terri- 
torien angehenden Ankündigungen sind". Den Privatgrundherren 
sollte die erhöhte Unterstützung für die Ansiedler gegeben werden, 
„wenn man sicher ist, dafs sie nicht zwei oder drei polnische Fa- 
milien verjagen, um eine deutsche aufzunehmen". 

Schon im September 1784 begannen die Kommissäre in ver- 
schiedenen Zeitungen die Einstellung der Annahme von Ansiedlern 
kundzutun. In der „Samstägigen Frankfurter Zeitung", der „ Augs- 
purgischen Ordinari Postzeitung", im „Augsburger Extra Blatt" 
erschienen Ankündigungen, dafs durch ein ganzes Jahr kein An- 
siedler angenommen würde; wer nach dieser Frist in den „kais. 
könig. polnischen und hungarischen Erblanden" sich niederlassen 



Zeitweilige Einstellung d. Annahme v. Ansiedlern (Herbst 1784). 03 

wolle, der könne sich bei den bestellten Kommissären melden und 
werde von ihnen alles Nähere erfahren. Später wurde in diesen 
„Avertissements" statt „kais. könig. polnische und hungarische 
Erblande" nur „k. k. Erblande" gesetzt, da jener Ausdruck „ bei 
den Reichsständen Aufsehn erregte". Diese Vorsicht schien um 
so nötiger, als gerade damals der Kommissär Röthlein meldete, 
dafs viele von den in die Listen eingetragenen Ansiedlern nicht ab- 
reisen würden, weil die Regierungen „wohlbemittelte" Leute nicht 
mehr entlassen wollten; insbesondere machten Kurmainz, Kurpfalz, 
Zweibrücken, Hanau, Kassel, Rothenburg, Darmstadt und Fulda 
Schwierigkeiten. In der Pfalz war 1784, jedenfalls auf Veran- 
lassung des Fürsten, eine Flugschrift „Freundschaftliche Erin- 
nerung und Warnung eines Pfalzers an seine nach Polen aus- 
ziehenden Mitbürger" erschienen, die in pharisäischer Weise die 
Auswanderer ermahnte, doch lieber in der Heimat ihr „Kreuz" 
zu tragen, als in den österreichischen Erblanden die dreifachen 
Steuern zu leisten ^). Auch andere ähnliche Schriften wurden zu 
diesem Zwecke von den deutschen Regierungen veranlafst ^) ; sie 
veröffentlichten ferner Auswanderungsverbote und ordneten gegen 
entweichende Untertanen Zwangsmafsregeln an. Daher schickte 
sich die Wiener Regierung an, mit den gesamten Reichsständen 
eine Konvention über die wechselseitige Aufhebung der Abfahrts- 
gelder ^) zu schliefsen. 

Die neuen Kundmachungen enthielten nichts über die Auf- 
nahmebedingungen ; die Ansiedlungswerber hatten sich an die Kom- 
missäre zu wenden, um darüber belehrt zu werden. Diesen selbst 
mag aber eine genaue und übereinstimmende Auskunft sehr schwer 
gefallen sein, da die Zahl der bisher erschienenen Verordnungen 
schon bedeutend war. Das galizische Gubernium führte auch 
Klage, dafs die Ansiedler ohne genaue Kenntnis der Aufnahme- 
bedingungen kämen und insbesondere darüber sich beschwerten, dafs 



1) In Schlözers Staatsanzeigen VI (1784), S. 211 f. ist ein Auszug 
dieses Flugblattes mit beifsenden Bemerkungen abgedruckt. Der Inhalt der 
Schrift ist ein trauriger Beweis für den Druck, den die Pfälzer zu erdulden 
hatten. 

2) Vgl. oben S. 37. 

3) Vgl. oben S. 5. 



64 Die neuen Ansiedlungsnormon. 

sie nicht sofort Häuser und Gründe erhielten. Es schlug daher 
vor, mit den Ansiedlungswerbern, die für dieselbe Kolonie stets unter 
gleichen Bedingungen anzunehmen wären und derselben Religion 
angehören sollten, Kontrakte abzuschliefsen. Diese hatten für jede 
Ansiedlung die Bedingungen der Annahme und die Angabe des 
Zeitpunktes, wann die Vorbereitungen beendet sein würden und die 
Ansiedler einzutreffen hätten, zu enthalten. Kämen die Kolonisten 
vor dem bestimmten Zeitpunkt, dann müfsten sie auf eigene Kosten 
warten. Röthlein bezeichnete den Abschlufs dieser Verträge für 
zwecklos; es werde genügen, jedem Ansiedler ein gedrucktes 
Exemplar der Ansiedlungsbedingungen mit der Unterschrift des 
Kommissärs zu übermitteln; es sei aber vor allem nötig, die Be- 
günstigungen genau festzustellen. An der Herstellung dieser An- 
siedlungsnormon wurde unter Mitwirkung Röthleins, des Guber- 
niums und der Hofkanzlei bis Juni 1785 gearbeitet; immer wieder 
gab es an den Entwürfen etwas zu bessern. Die alten Ansied- 
lungspatente wurden aufser Kraft gesetzt; die neuen Bedingungen 
sollten nicht verÖffentUcht werden, damit sie das unvorsichtige 
Volk nicht mifsdeute; sie hatten also nicht als „Patent'' oder 
„Ankündigung" zu erscheinen, sondern blofs zum „Privatgebrauch" 
und zur „Privatbelehrung" zu dienen, wenn sich die Ansiedler an 
die Kommissäre wandten. Tatsächlich erscheint das Schriftstück ^) 
in seiner endgültigen Fassung als „Belehrung über die Vorteile 
und Bedingnisse, die für die Ansiedlung der aus dem römischen 
Reiche in die kais. könig. Erblande einwandernden Emigranten für 
das Jahr 1785 bestimmt sind". Galizien wurde darin nicht ge- 
nannt, sondern blofs von den kais. könig. Erblanden gesprochen, 
da gegen die Herüberwanderung in diese die Reichsstände keinen 
"Widerspruch erheben konnten. Die Bestimmungen der Belehrung 
gipfelten in einer Erschwerung der Aufnahmebedingungen und in 
dem Streben, vor allem wohlhabende und tüchtige Leute ins Land 
zu ziehen. Als der ordentliche Termin für ihr Eintreffen in Ga- 
lizien wurde der 1. Oktober 1785 angesetzt. 

1) Man findet es bei Coernig, Ethnographie der österr. Monarchie 
m, S. 49 ff. abgedruckt; doch wird es hier fälschlich als eine Vorschrift für 
Ungarn ausgegeben. Eine solche bestand zwar, hatte aber zum Teil abweichende 
Bestimmungen, worüber man weiter unten im 5. Buch näheres fiadet. 



stand des Ansiedlungswesens 1784/5. 65 

Die Lage in Galizien war inzwischen recht schwierig. Der 
Statthalter hatte vom Juli bis Oktober 1784 die Ansiedlungen be- 
sichtigt und darüber am 20. Oktober einen Bericht erstattet. Darin 
macht er Mitteilungen über die Anlage der Orte und den Stand 
des Häuserbaues; er zählt die vorhandenen Familien nach ihrem 
Glaubensbekenntnis auf, charakterisiert die von ihm zur Abhilfe 
von Mifsständen getrofienen Mafsregeln u. dgl. m. Aus diesem 
Berichte geht hervor, dafs die Ansiedlung erfreuliche Fortschritte 
machte, aber auch dafs manches verfehlt war. Errichtet waren 
damals in den elf Herrschaften, wo Ansiedlungen stattfanden, schon 
780 Häuser, 700 Stallungen und 483 Scheuern, während 394 
Häuser, 385 Stallungen und 267 Scheuern „wirklich im Bau be- 
griffen*' waren; es bedeutete dies gegenüber dem Zustand von 
Ende März 1784 (s. oben S. 53) einen bedeutenden Fortschritt. 
Anderseits kamen aber verschiedene Mängel zutage. Die Anlage 
des Dorfes (Hartfeld) auf dem Meierhof ßecziczany (Herrschaft 
Jaworow) fand Brigido „in einer Reihe ungeschickt angelegt 
und ordnete eine Änderung der Anlage „mit zwei Hauptkreuz- 
gassen" an. Häuser, die 1783 „zur Probe" von gestampftem Lehm 
aufgeführt worden waren, fand der Statthalter „beinahe schon 
gänzlich eingefallen". Auf der Herrschaft Jaworow war der 
Häuserbau 1783 „zu nicht geringer Verantwortung der Okonomie- 
direktion ganz und gar vernachlässigt". Die aus Flechtwerk her- 
gestellten Rauchfänge bezeichnete Brigido als leicht entzündlich 
und ordnete aus Ziegeln gebaute an. Den Ansiedlern waren ganz 
unbeschlagene Wagen ausgefolgt worden, „die gar nichts nutz 
sind"; auch die Zahl der „halbbeschlagenen" sollte beschränkt 
werden. Vor allem kamen aber damals Sünden der Beamten zu- 
tage, welche die Hofkanzlei veranlafsten, in ihrer Erledigung des 
Reiseberichtes, für den Brigido die allerhöchste Zufriedenheit aus- 
gesprochen wurde, folgendes zu verfügen : „Wird dem Herrn Gou- 
verneur hiemit empfohlen zu achten, damit die angeordnete Kon- 
trole, durch welche den Unterschleifen und Geldzersplitterungen 
wie auch den Bedrückungen und parteiischen Begünstigungen der 
Kolonisten vorgebeugt werden soll, um so mehr befolgt werde, 
als sich aus den auf der Herrschaft Drohobycz ausgebrochenen 
Unruhen und der darauf erfolgten Arretierung des Wirtschafts- 

Eaindl, Gesch. d. Deutschen i. d. Earpath. ni. 5 



66 Stand des Ansiedlungswesens 1784/5. 

beamten Streutz sowie aus mehreren noch nicht erledigten Klagen 
einzelner Kolonisten gegen die Beamten vermuten läfst, dafs an 
manchen Orten die Beamten sehr willkürlich mit den Ansiedlungs- 
anstalten und mit den Kolonisten insbesondere umgehen, und dafs 
sie hie und da sowohl in Bauanstalten als in Anschaffung auch in 
Rücksicht auf Eigennutz eine scharfe Aufsicht nötig haben." 

Zu diesen Mifsständen kam schliefslich auch die Feststellung, 
dafs anfangs 1785 noch etwa ein Fünftel der Eingewanderten un- 
versorgt war. Auf eine Anfrage des Kaisers (Februar 1785), wie 
viele Emigranten im Frühjahr und wie viele im August 1785 in 
GaHzien angesiedelt werden könnten, antwortete das Gubernium, 
dafs bisher mehr als 2000 Familien versorgt, über 500 Familien 
deutscher Ansiedler nur einquartiert seien. Diese sollten 1785 
ordentüch auf den Kameral- und geistigen Gütern, ferner bei Pri- 
vatgrundherren, die sich dazu gemeldet hatten, untergebracht werden. 
Weitere Ansiedler könnten nur aufgenommen werden, wenn eine 
Anzahl königlicher Güter (Advokatien und Starosteien) den der- 
zeitigen Privatbesitzern entzogen würden i). Auf diesen könnten 
dann im August oder September noch 300 bis 400 Familien 
Unterkommen finden. Die Hofkanzlei und der Kaiser geneh- 
migten diese Mafsregel. Auf weiteres Drängen gab der Statthalter 
nur noch zu, dafs etwa 20 bis 50 wohlhabende Familien gleich 
geschickt werden könnten, wenn sie bis zu ihrer Bestiftung sich 
selbst erhalten wollten. 

Die Ansiedlungsanstalten in Galizien standen in argem Mifs- 
verhältnisse zu dem noch immer sehr starken Andrängen der Ko- 
lonisten. So waren gerade zurzeit, als schon die Einstellung der 
Ansiedlungen kundgetan wurde, im September 1784 vierzehn Fa- 
milien aus Württemberg, Baden- Durlach, Hessen-Kassel, Kurpfalz 
und Darmstadt über Warschau nach Galizien gekommen; sie 
gaben an, dafs sie diesen Weg für den nächsten nach Sandomir 
gehalten hätten. Im Oktober legte ein damals in Wien wohn- 
hafter Württemberger Dr. Jakob Ludwig Thomas dem Kaiser einen 
„auf philosophischer und historischer Grundlage" aufgebauten Plan 



1) Über die Einziehung der Advokatien s. Bd. I, S. 215. Über die Sta- 
rosteien 8. oben S. 10. 



stand des Ansiedlungswesens 1784/5. 67 

vor, „wie fremde Kolonisten auf beste Weise angeworben werden 
könnten". Darin nennt er Joseph den „grofsen Menschenschätzer". 
Wie aus dem Schlufs des Schriftstückes zu ersehen ist, hoffte der 
Verfasser auf eine Belohnung. Aber seine Darstellung enthielt 
„nichts als schon bekannte oder ganz untunliche Vorschläge" und 
fand keine Beachtung. Im Februar 1785 meldete Röthlein, der 
in dieser Zeit als der tätigste Kommissär erscheint, dafs er schon 
wieder 250 Familien angenommen hätte, darunter Handwerker, 
die in Galizien und Ungarn beim Bau der Ansiedlungshäuser be- 
hilflich sein könnten. Viele hatten schon ihre Gründe verkauft 
und verzehrten ihr Geld. In den nächsten Wochen stieg diese 
Zahl auf 390 Familien. Inzwischen war die Anzahl der in Ga- 
lizien für 1785 anzusiedelnden im ganzen auf 300 bis 400 be- 
stimmt worden, und daher erhielt Röthlein den Auftrag, höchstens- 
250 aufzunehmen, da auch für die von Metternich und Blank An- 
genommenen Siedlungsplätze freigehalten werden müfsten. Auch 
wurde Röthlein wiederholt gemahnt, mehr auf das Vermögen, den 
Kunstfleifs und die Verläfslichkeit der Ansiedler als auf ihre Zahl 
zu sehen. Dagegen machte er geltend, dafs er viele schon ange- 
worben hatte, bevor er im Herbst den Ein Stellungsbefehl erhielt; 
diesen könnte er, wenn sie sich meldeten, der Billigkeit halber die 
Pässe nicht versagen. Bald darauf liefs er sich wieder vernehmen, 
dafs die Einstellung der Ansiedlung Schaden stifte; viele Leute 
würden nach Preufsen ziehen, weil sie nach Galizien und Ungarn 
erst im September 1785 geschickt werden sollten. Er erhielt 
darauf Ende April die Antwort, dafs die Verfügungen für Galizien 
aufrecht bleiben müfsten; für Ungarn sei aber die Zahl nicht be- 
schränkt. Ungefähr um dieselbe Zeit wurde Blank angewiesen, 
den Ansiedlern aus der Grafschaft Falkenstein zu drohen, man 
würde sich wegen der im vorigen Jahre entdeckten vielen Unter- 
schleife genau überzeugen, ob sie das angesagte Geld mitbrächten. 
Und im Mai sah sich die Hofkanzlei veranlafst, Röthlein den 
Auftrag zu geben, auch den Ackersleuten „auf eigene Gefahr" nur 
Pässe auszustellen, wenn sie Verwandte in Galizien hätten, die sie 
aufnehmen wollten; es kämen sonst zu viele. Wiederholt wurde 
kundgetan, dafs nur die Pässe von Metternich, Röthlein und Blank 
gültig seien ; aber man liefs doch auch andere Pässe gelten, wenn 

5* 



68 Stand des Ansiedlungswesens 1784/5. 

die Ansiedler zu weit von den Kommissären ihren Wohnsitz hatten. 
Im Mai schwoll die Menge von Ansiedlungsgesuchen immer mehr 
an. Nach einer Berechnung, die Ende Juli 1785 zur Beleuchtung 
der Schäden der grofsen Auswanderung nach Österreich angestellt 
wurde, sollen vom 30. April bis Ende Juli 1785 in Regensburg 
„im Angesicht des gesammten Reichstages" etwa 5500 Personen 
von der kaiserlichen Kommissionskanzlei Pässe erhalten haben; 
davon entfielen auf den Mai allein fast 2800. In dieser Zahl 
sind blofs die zu Wasser über Ulm gekommenen Auswanderer be- 
rücksichtigt! Aufserdem zogen aber viele den Landweg ^). 

Um nach Galizien geschickt zu werden, beriefen sich die Ein- 
wanderer oft auf ihre bereits dort angesiedelten Verwandten. So 
wendet sich Lorenz Leichhardt, „Weifsdreher in der herzoglichen 
Borclanfabrik " in Ludwigsburg zufolge der Zeitungsnachrichten an 
den „Hoch Edelgebohren und hochgelehrtesten Herrn und Gnaden" 
Blank mit einem „klönen Schreiben", er möchte ihm „mit einem 
Bassbort an die Hand gehen, weillen meine Eltern, Vater, Mutter 
samd 3 Brüder und Schwester in kais. könig. Diensten stehen, 
als Zollbereider in Bollen nehmlich in Sockgal (Sokal) ". Er gibt 
auch an, dafs sein Vater ihn zum Kommen öfters aufgefordert 
habe. Andere ähnliche Gesuche sind direkt an den Kaiser ge- 
richtet, um die Ansiedlung in Galizien zu erlangen und nicht nach 
Ungarn geschickt zu werden. Ein solches Gesuch lautet z. B. : 
„ Eure Majestät. Unterzeichnete fünf Familien kamen aus Lottring 
und haben aus keiner andern Bewegursache ihr Vaterland, Haus 
und Grundstücke mit gröfster Forcht und Schaden verlassen, als 
laut k. k. allerhöchsten Patent und wegen denen in Gallizien zu 
UUitzno bei Troawitz (Gassendorf bei Drohobycz) habenden Freund- 
schaft." Sie baten dahin „nicht aber nach Hungarn" geschickt zu 
werden. 

Solche Gesuche wurden von Leuten überreicht, die ohne Ver- 
mögen und daher auch ohne die für Galizien vorgeschriebenen 
Kommissariatspässe nach Wien kamen. Von den Bitten und der 
Not dieser armen Menschen gedrängt, liefs sich der Kaiser wieder 



1) Die Masse dieser Auswanderer wurde nach Ungarn geschickt. Man vgl. 
darüber das 5. Buch. 



Verfügung Josephs II. vom 20. Mai 1785. 69 

zu einer Verfügung bewegen, die bedeutende Schwierigkeiten 
schaffen sollte. Er befahl nämlich am 20. Mai 1785: „Da man 
die Immigration dennoch nicht verhindern mufs, so ist nichts wei- 
teres durch die Staatskanzlei ins Reich zu erlassen und sind nur 
die Leute, wenn sie hierher kommen, dergestalten nach Billigkeit 
auszusondern, dafs wenn sie beweisen können, dafs sie Eltern, 
Kinder oder Brüder in Galizien haben, ebenfalls dahin gelassen 
werden, oder nach Mafs, als sie Handwerker oder Fabrikanten 
sind, welche allda nutzbar wären. Alle andern aber müssen nach 
Ungarn instradiert werden." Danach mufsten nun aufser den von 
den Kommissären für Galizien bereits angenommenen wohlhaben- 
den Ansiedlern doch wieder alle Leute nach Galizien geschickt 
werden, die dort Verwandte hatten, und zwar ohne Rücksicht 
darauf, ob sie ordentliche Pässe und Vermögen nachwiesen. Doch 
wurde die Verfügung getroffen, dafs diese Einwanderer nur viertel, 
höchstens halbe Siedlungen erhalten sollten, also nur als unbe- 
günstigte Ansiedler zu behandeln waren, im Gegensatz zu den 
wohlhabenden, die den vorgeschriebenen Bedingungen entsprachen. 
Schon am 28. Mai 1785 gingen von Wien zwei Verzeichnisse von 
Emigranten nach Gahzien ab: eines umfafste jene, „die nicht mit 
gehörigen Pässen und Vermögensausweis ankamen und dennoch 
vermög Allerhöchsten Befehls wegen angeblichen Verwandten ge- 
schickt werden", und ein zweites über die „ordentlich begünstigten 
Ansiedler". 

Die Folge dieses Vorgehens zeigte sich schon in wenigen 
Wochen. Die galizische Domänenadministration und das Guber- 
nium führten dringende Klagen über die überaus zahlreiche Ein- 
wanderung und die Unmöglichkeit, die Ankömmlinge unterzubringen. 
Sie forderten Vermehrung der Beamten und weitere Einziehungen 
von Starosteien, die sich in Privatbesitz befanden. Das Gubemium 
wies darauf hin, dafs noch von 1784 mehr als 360 Familien, die 
teils zur Kameral-, teils zur Privatansiedlung bestimmt waren, in 
Einquartierung standen. Dazu würden im Herbst die 300 an- 
geworbenen vermögenden Familien kommen. Aufserdem dringen 
aber „zahlreiclie gröfsten teils bettelarm ohne Reichspässe, blofs 
unter dem Vorwand, zu ihren Freunden abgehen zu wollen, ein, 
die ohne Ararialunterstützung sich nicht erhalten können". Und 



70 Massenhafte Ansiedlungsgesuche. Stand der Ansiedluug Sommer 1785. 

immer wieder kamen massenhaft Ansiedlungsgesuche, darunter 
mitunter recht phantastische. So verlangte ein Anonymus zwei 
französische Quadratmeilen Land in Ungarn oder Galizien, wo- 
möglich mit einem kleinen Schlofs. Er forderte dazu so reich- 
liche Unterstützung, dafs er Aufwand treiben und seine Lands- 
leute blenden könnte, damit sie ihm als Ansiedler nachfolgten. Auch 
für Nagelschmiede, Büchsenmacher und Ackerbauer, die er mit- 
bringen wollte, waren seine Forderungen nicht gering. Der Kaiser 
wies das Angebot natürlich ab. Gegen die Einwanderung aus 
Österreichischen Gebieten verhielt man sich jetzt wie früher ab- 
lehnend , mögen es nun „ k. k. Untertanen aus Luxemburg '* oder 
böhmische Weber, Spinner und Bleicher gewesen sein. Dagegen 
wurden Emigranten aus Preufsen zufolge eines Hofdekrets vom 
21. Juli 1785 unbedingt angenommen und gefordert, auch wenn 
sie kein Vermögen mitbrachten. Entsprechend dem Willen des 
Kaisers (s. oben S. 61) zog man auch die „republikanischen" 
Einwanderer (aus Polen) durch Gewährung ähnlicher Freiheiten 
ins Land; doch scheinen diese Ansiedler nur zum geringen Teil 
Deutsche gewesen zu sein. Wegen der Verbreitung gedruckter 
Zirkulare über die diesen Ansiedlern gebotenen Freiheiten erhob 
die republikanisch -polnische Regierung Anstände. 

Auf Drängen des Kaisers wurden im Spätsommer 1785 wieder 
Hauptberichte über den Stand der Ansiedlungen vorgelegt. Aus 
diesen ist zu entnehmen, dafs sich schon am 20. Mai 1785 die 
Kolonisation über 15 Herrschaften ausdehnte; in 102 Orten waren 
2152 Familien angesiedelt, darunter 1903 Bauern ohne eine andere 
Profession, 200 Bauern mit einer Profession, und 49 blofse Pro- 
fessionisten , zusammen 9271 Seelen. Der Kostenaufwand betrug 
für diese Ansiedlungen bereits 1107 834 fl. Es war dies gewifs 
eine anerkennenswerte Leistung innerhalb nicht ganz drei Jahren. 
Aber im Spätsommer befanden sich doch wieder 222 Familien 
Ackerbauer und 19 Familien Professionisten, die zur Kameral- 
ansiedlung bestimmt waren, und 322 Ackerbauer und 36 Pro- 
fessionisten für Privatansiedlungen unversorgt im Lande. Dazu 
kamen immer wieder neue hinzu. Lebhafter als sonst wurde in 
Galizien die Vermehrung der Ansiedlungsbeamten gefordert. Bei 
der Staatsgüteradministration sollte für das Ansiedlungsgeschäft, das 



Einstellung der Aufnahme von Ansiedlern Ende 1785. 71 

mehrere Millionen Gulden kosten würde, ein eigener Referent be- 
stimmt werden, dem zwei bis drei Hilfskräfte beizustellen wären. 
Ferner sollten zwei bis drei besondere Ansiedlungskommissäre be- 
stellt werden, da die Okonomiebeamten infolge der Überbürdung 
mit Ansiedlungsarbeiten ihre sonstigen Geschäfte zum Schaden des 
Arars vernachlässigten. Auch die Ansiedlungskuratoren waren über- 
bürdet. So erstreckte sich die Tätigkeit des für die Herrschaft 
Drohobycz bestellten Danss auf sieben Dörfer; er mufste den Bau 
der Häuser, die Zahlungslisten und die Verteilung der Verpflegung 
für die Einquartierten besorgen. Da für die zahlreichen und ver- 
wickelten Geschäfte keine deutlichen Instruktionen vorhanden waren^ 
rifs Unordnung ein. Ausweise und Ansiedlungsrechnungen standen 
aus. Ferner stellte es sich heraus, dafs viele Ansiedler, die in 
Wien Pässe und Reisegeld erhielten, ins Reich zurückgingen oder 
sonst sich verliefen ; aus Wien wurden weit mehr abgeschickt, als 
in Galizien eintrafen. Weltz und Glantschnigg hatten vom An- 
fang der Ansiedlung (3. Juli 1782) bis zum letzten April 1785 
zusammen 2815 Familien nach Galizien geschickt, während dort 
blofs 2152 als angesiedelt ausgewiesen wurden, wozu noch etwa 
300 einquartierte Familien kamen. Im Januar 1786 soll sich 
sogar ein Abgang von 930 Familien ergeben haben! Als der 
Kaiser von der Hofkanzlei diese Mifsstände erfuhr (Ende 1785), 
verfügte er, dafs dem galizischen Gubernium sein „gröfstes 
Mifsvergnügen" über den „sehr verworrenen Zustand des gali- 
zischen Ansiedlungs Wesens" mitgeteilt werde. Um „alles in das 
ordentliche Geleise zurückzubringen" sollte die Aufnahme neuer An- 
siedler „auch für das künftige Jahr und solange eingestellt bleiben, 
bis die bereits im Land befindlichen ihr Unterkommen erhalten 
hatten". Die Kameralhauptbuchhalterei hatte in vierzehn Tagen 
„eine kurze Instruktion zu entwerfen, wie die Unordnung in Zu- 
kunft zu beheben ist". Auch die Reise, welche der Kaiser im 
Juli und August 1786 durch Galizien unternahm, veranlafste ihn 
zu mancherlei Ausstellungen. Er fand die Häuser der Kolonisten 
zu verschwenderisch gebaut ; in jedem Hause könnten zwei Familien 
wohnen. Auch die Stallungen schienen zu grofs zu sein. Er 
sprach sein Befremden aus, dafs in den östlichen Kreisen Tarno- 
pol, Zaleszczyki und Brzezany keine Ansiedlungen angelegt wur- 



73 Unterbringung der eingewanderten Kameralansiedler. 

den ^), obwohl hier wenige Dörfer lagen. Die vielen nicht untere 
gebrachten Einwanderer, die der Kaiser besonders im Zamo^dier 
Kreise traf, sollten in den anderen Kolonien ihr Unterkommen 
finden; sie mufsten als „Inleute"^^ ihr Brot suchen. Die Pro- 
fessionisten sollten in den Städten untergebracht werden. Manchen 
würden auch Schankhäuser anzuweisen sein, „da sie sich auf 
Schankwirtschaft besser verstehen als polnische Bauern". Schliefs- 
lich befahl der Kaiser, des Ackerbaus unkundige Ansiedler, die , 
Haus und Gründe erhalten hatten, abzustiften und durch taug- 
lichere, die bisher noch kein Unterkommen fanden, zu ersetzen. 
Die Abgestifteten sollten in Versorgung genommen werden; die 
Übernehmer ihrer Wirtschaften durften nicht verhalten werden,, 
die auf diesen haftenden Ararialschulden zu tilgen, „denn der 
Staat gewinnt schon genug, dafs er einen guten Wirt statt eine» 
schlechten bekömmt". 

Die unter dem Drucke der Verhältnisse vom Kaiser für 1786. 
angeordnete Einstellung der Annahme von Ansiedlern wurde nicht 
mehr widerrufen, vielmehr auch auf Ungarn ausgedehnt. Diese 
„Sistierung" gaben 1787 die Kommissäre im Reich — an Stelle des- 
nach Freiburg versetzten Blank erscheint jetzt als Landvogt in 
Rottenburg ein Graf von Bissingen — in den Zeitungen be- 
kannt. An eine Fortsetzung der Ansiedlung war unter den ob- 
waltenden Umständen nicht zu denken. Am 31. Januar 1786- 
befanden sich in Galizien zusammen 3108 Familien oder 12 365 
Seelen deutscher Einwanderer. Von diesen waren in 101 Orten auf 
15 Herrschaften blofs 2100 Familien oder 9261 Seelen bestiftet, und 
zwar 1872 Bauernfamilien ohne eine weitere Profession, 191 Bauern- 
familien mit einer Profession und 37 blofse Professionisten ^). In. 
der Einqartierung befanden sich also 1008 Familien oder fast ein 
Drittel der Eingewanderten ! Drei Monate später (31. April 1786) 



1) Angeblich erschwerte der Holzmangel die Anlegung von Kolonien in. 
diesen Gegenden. Vgl. oben S. 59. 

2) Also als Einwohner in fremden Häusern; sie mufsten sich mit blofser 
Händearbeit ernähren. 

3) Der kleine Kückgang gegen den Stand vom 20. Mai 1785 (s. S. 70> 
ist nicht aufgeklärt; jedenfalls ist er ein Beweis vorhandener Mifsstände oder 
unrichtiger Zählung. 



Die Einwanderung 1787—1789. 7$ 

hatte sich dieses Verhältnis wesentlich gebessert. Von den überhaupt 
anwesenden 3087 Familien waren 2425 angesiedelt und nur noch 
662 einquartiert. Die Ansiedlung erstreckte sich schon auf 114 
Orte in 22 Herrschaften. Von den Angesiedelten waren 2 178 
Bauernfamilien ohne weitere Profession, 208 Bauernfamilien mit 
Profession und 39 blofse Professionistenfamilien, zusammen 10747 
Seelen. Anfangs Mai war also etwa ein Fünftel der eingewanderten 
Familien nicht untergebracht. 

Trotz dieses mifslichen Verhältnisses und trotz der Einstellung 
der Ansiedlung wurde doch von Zeit zu Zeit, auch 1787 — 1789, 
die Erlaubnis gegeben, dafs wohlhabende Leute, die auf eigene 
Gefahr ins Land kommen wollten, nützliche Fabriken zu gründen 
hofften u. dgl, angenommen, auch gelegentlich angesiedelt würden. 
Geldunterstützungen wurden durchaus verweigert. Einwanderer 
aus österreichischen Ländern, z. B. aus Luxemburg, wurden auch 
jetzt nicht zugelassen; man ahnte nicht, dafs diese Gebiete so 
bald für Österreich verloren gehen würden. Die preufsischen An- 
siedler, die als sehr fleifsig galten und ihre Heimat nur wegen 
der schlechten Beschaffenheit des Bodens sowie sonstiger Lasten 
verliefsen, wurden auch jetzt gefördert; ja man begünstigte sogar 
jene Reichseinwanderer, die über Preufsen nach Galizien kamen. 
Da diese Ansiedler in Galizien keinen Platz fanden, so wies 
man sie nach Mähren oder nach Ungarn; auch in den Städten 
wurden sie untergebracht. Die billigere Ansiedlung von polnischen 
Bauern (Nationalisten) wurde fortgesetzt, besonders in der San- 
domirer Gegend. Es kam vor, dafs anstatt der in Aussicht ge- 
nommenen deutschen Kolonisten Nationaluntertanen angesiedelt 
wurden oder dafs an Stelle abgestifteter deutscher Kolonisten Natio- 
nalisten traten. 

Inzwischen hatte auch die Privatansiedlung einige Fortschritte 
gemacht. Es ist schon erzählt worden (S. 54 f.), dafs die Privat- 
grundherren nur zögernd deutsche Ansiedler annahmen, zumal da 
ihnen der Staat zu ihrer Ausstattung nur je 50 fl. für jede 
Familie bot. Die Behörden sahen sich daher genötigt, für 
eine höhere Dotierung einzutreten (S. 57 f.). Mit Hofdekret vom 
23. August 1784 wurde diese auf 250 bis 300 fl. für jede Fa- 
milie erhöht und im September erging an die Grundherren durch 



74 Fortgang der Privatansiedlung. 

die Kreisämter eine neue Aufforderung zur Aufnahme von An- 
siedlern. Die Kreisämter hatten vom Gubernium den Auftrag er- 
halten, die Grundherren auf die Vorteile dieser Kolonisation und 
auf die Wertlosigkeit des Bodens ohne genügende Arbeitskraft 
aufmerksam zu machen ; letzterer Hinweis mufste um so wirksamer 
sein, als die Grund herren stets darüber Klage führten, dafs sie mit 
den Arbeiten nicht fertig würden, seitdem die Roboten und Hilfstage 
eingeschränkt worden seien. Die Einwanderer verdienten um so 
gröfsere Unterstützung, als sie sich durch Industrie, Fleifs und 
Arbeitsamkeit auszeichneten und den inländischen, darin unerfah- 
renen Leuten zum Beispiel dienen könnten. Gefordert wurde von 
den Grundherren , dafs sie mit den Kolonisten Verträge abschlössen 
und nicht weniger als sechs Familien auf einem Gute ansiedelten. 
Da den Grundherren für jede Familie eine gröfsere Geldsumme 
ausgezahlt wurde, so wurden zum Teil noch günstigere Ansied- 
lungsbedingungen als auf den Kameralherrschaften gefordert, ins- 
besondere durchaus 30 bis 40 Korez Grund für jede Wirtschaft 
und mehr Freijahre. Man erklärte diesen Umstand damit, dafs 
nur sehr weitgehende Freiheiten die Ansiedler zur Niederlassung 
auf Privatgrundherrschaften veranlassen würden. 

Vor der Kundmachung der erhöhten Unterstützung scheint 
nur eine Privatherrschaft Ansiedler angenommen zu haben. Es 
war dies die Edle von Rogalinska, Besitzerin von Podajce im 
Kreise Brzezany. Sie nahm 56 Einwandererfamilien an und ge- 
währte jeder ein eigenes Haus, Feld für 26 Korez Aussaat, den 
ersten Samen und die Ackergeräte umsonst, das Vieh vorschufs- 
weise, Verpflegung bis zur ordentlichen Dotierung wie beim Arar 
und drei Freijahre. Die Ansiedler sollten nach Ablauf der Frei- 
jahre jährlich 15 fl. Zins zahlen und jede Woche einen Robot- 
tag leisten. Zwischen der Grundherrin und den Ansiedlern brach 
jedoch in Kürze ein Streit aus. Schon im September 1784 schritten 
die Behörden gegen die Ansiedler ein, weil diese allerlei neue 
Forderungen stellten. Im Verlaufe der Untersuchung kam es 
aber zutage, dafs die „Grundfrau aus Religionseifer keine Akatho- 
lischen übernehmen wollte". Daher kam auch kein Vergleich zu- 
stande; die Ansiedler mufsten wieder abberufen und einquartiert 
werden. 



Fortgang der Privatansiedlung. 75 

Im Oktober 1784 verpflichtete sich Graf Andreas Zamoiski 
60 Ansiedlerfamilien gegen den Betrag von 250 fl. für die Familie 
anzusiedeln. Auch er bot den Ansiedlern recht günstige Be- 
dingungen: eine gemeinsame Gemeindehutweide, ferner jedem An- 
siedler unentgeltlich 30 Korez Grund, ein ordentliches Haus, das 
Material zu einem grofsen Stall (den jeder selbst bauen sollte), 
endlich die erste Aussaat; ferner gegen Rückzahlung in bequemen 
Raten das Vieh, Haus- und Feldgerätschaften; die Zahlung des 
Grundzinses sollte nach drei Freijahren beginnen. Dieser Vertrag 
wurde von der Hof kanzlei im Bericht an den Kaiser „ als ein un- 
erwarteter Fortgang der privaten Ansiedlung" bezeichnet; für den 
Zamo^öier Kreiskommissär Trautmannsdorf, welcher den Grafen 
Zamoiski für das Unternehmen gewonnen hatte, wurde eine be- 
sondere Belobung vorgeschlagen, dem Grafen aber „die allerhöchste 
Zufriedenheit bekannt gegeben und sein patriotisches Anerbieten 
in allen Kreisen zur Nachahmung und Aneiferung durch Zirku- 
lare bekannt gemacht". Auch die Auszahlung der gesamten Unter- 
stützung an den Grafen wurde bewilligt, wenn er sich verpflichten 
würde, die übernommene Ansiedlung innerhalb zwei Jahren zu 
vollenden. Im März 1785 erklärte Zamoiski, auch zehn Hand- 
werker ansiedeln zu wollen. So entstanden die Ansiedlungen in 
Rozaniec und Korchow ^). Ohne Streitigkeiten ging es auch hier 
nicht ab. Beide Ansiedlungen klagten darüber, dafs bei ihrer Ankunft 
auf den gräflichen Gütern keine Vorbereitungen getroffen waren. 
„Man bequartierte sie bei unflätigen Juden und Polen in Rauch- 
stuben, wo sie dem Ungeziefer zur Nahrung dienten, und der Herr 
Graf verlieh ihnen zur Nahrung nur elendes, fast ungeniefsbares 
Gemüse und Brotgetreide." Diese Klagen waren nicht unbegründet, 
denn tatsächlich erwirkte der Kreiskommissär Trautmannsdorf doch 
wieder die kaiserliche Verpflegung und Bequartierung bis zur An- 
siedlung. Auch bei der Durchführung dieser gab es Streitigkeiten. 

Andere Grundherren folgten diesem Beispiele. So nahm Graf 
Josef Mier im Herbst 1785 60 Kolonisten an, die aber noch 1786 
drei Monate in ärarischer Verpflegung standen. Er siedelte sie in 



1) Beide Orte im Gebiete von Zamosc, das 1809 an das Herzogtum War- 
schau verloren ging. 



76 Ansiedlung in den Städten. 

den nach ihm benannten Orten Joseföw und Mierow an (1786). 
Auch hier erhielten die Kolonisten nicht alles, was ihnen gebührte. 
So wurden ihre Häuser ohne die vorgeschriebenen gemauerten Rauch- 
fänge aufgeführt, wofür der Grundherr ihnen 1794 Ersatz leisten 
mufste ^). Ebenso siedelte der Grundherr Bielski 16 deutsche An- 
siedler zu Mi^czyn (Kreis Zamo^ö) an, Lubowiecki 25 deutsche 
Familien zu Sniatyce in demselben Kreise, die Gräfin Theresa 
Potocka 7 Familien deutscher Ackerbauer in Bedrykowce bei Za- 
leszczyki usw. Der polnische Kronfeldherr Graf Rzewuski wollte 
100 Familien auf seinem Erbgute Jezierzany (Bezirk Buczacz) an- 
nehmen ; da er aber für jede 500 fl. forderte, wurde er abgewiesen 
(1787). In den meisten dieser Ansiedlungen kam es zu Streitig- 
keiten zwischen dem Grundherrn und den Ansiedlern, die die kaiser- 
lichen Behörden zum Einschreiten zwangen. Säumige Grundherren 
wurden zur Erfüllung der Vertragsbedingungen angehalten, un- 
gehorsame Ansiedler gestraft, zuweilen auch abgestiftet. Im März 
1785 wurde das Gubernium ermahnt, Vorschüsse an Adelige 
(Grundherren) nur unter Beobachtung von Vorsichtsmafsregeln zu 
gewähren , und bei der Abschliefsung der entsprechenden Kontrakte 
auf die Verläfslichkeit der Dominien zu achten. 

Neben dieser Ansiedlung auf den privaten Grundherrschaften 
ging auch die als Privatansiedlung angesehene Niederlassung von 
Handwerkern in den Städten vor sich, so in Biala, Neu Sandec, 
Tarnöw, Rzeszow, Przeworsk, Sanok, Przemy^l, Jaroslau, Zötkiew, 
Lemberg, Zaleszczyki u. a. In Lemberg hatten sich bis Ende 1786 
z. B. 29 Handwerker sefshaft gemacht, und zwar 1 Schuster, 
4 Strumpfwirker, 1 Drechsler, 1 Knopfmacher, 1 Goldschläger, 
1 Kunstweber, 2 Hutmacher, 1 Feilenhauer, 1 Kupferschmied, 
1 Nagelschmied, 1 Rotgärber, 1 Nadler, 1 Schönfärber, 1 Tischler, 
1 Dosenmacher, 2 Siegellackmacher, 1 Oblatenbäcker, 1 Leinwand- 
drucker, 1 Schlosser, 1 Vergolder, 1 Leineweber, 1 Seidenweber, 



1) Der Starost Mier gründete später noch andere Ansiedlungen; er starb 
kurz vor 1809. Ein Artikel in den „Vaterländischen Blättern" (1810) rühmt 
von ihm : „ Dem Beispiele Kaiser Josephs nachfolgend suchte er das im kleinen 
mit Erfolg nachzuahmen, was jener durch das Kolonisationssystem im ganzen be- 
zweckte." Dafür werfen ihm neuere polnische Geschichtschreiber „ schwarzgelben 
Servilismus" vor. 



Ursachen des geringen Umfangs der Privatansiedi ung. 77 

1 Posamentierer und 1 Gärtner. Diese Handwerker erhielten das 
Meister- und Bürgerrecht unentgeltlich, ferner z. B. in Neu Sandec 
auch Häuser und Grundstücke zu „Kuchelgärten", ebenso Ver- 
pflegung und Materialvorschüsse. 

Der Gesamtstand der deutschen Privatansiedler, und zwar 
Bauern und Handwerker, betrug Ende 1786 362 Familien oder 
1510 Seelen. Sie waren über elf Kreise in 42 Orten verteilt; die 
meisten dieser Orte, nämlich 16, lagen im Zamosöier Kreise, der 
heute nicht mehr zu Galizien gehört. Das Gubernium suchte den 
geringen Fortgang der Privatansiedlung bei der Vorlage der eben 
angeführten statistischen Zusammenstellung damit zu erklären (Fe- 
bruar 1788), dafs seit Jahren Getreideteurung herrschte, was 
offenbar den Grundherren die Ansiedlung erschwerte. Ferner ver- 
wies es darauf, dafs unter den Ansiedlern auch liederliche und un- 
geschickte Leute wären, so dafs den Privatherrschaften die Lust 
zu ihrer Ansiedlung benommen würde. Andere Gründe ver- 
gafs das Gubernium; es hätte sonst betonen müssen, dafs die 
Unternehmungslust der Grundherren ebenso gering war wie ihre 
Mittel ; es hätte ferner darauf hinweisen sollen , dafs der Staat zur 
Privatansiedlung nur die ärmsten Einwanderer überliefs, deren 
Annahme die Grundherren nicht lockte; und schliefslich wäre zu 
erwähnen gewesen, dafs die deutschen Ansiedler wiederholt durch 
die Privatherrschaften getäuscht wurden und sich daher nicht gern 
zur Privatansiedlung herbeiliefsen. Unter diesen Umständen halfen 
alle Befehle, die Dominien zur Privatansiedlung „anzufrischen", 
wenig; schon 1786 mufste man daher die Unterbringung der zur 
Privatansiedlung bestimmten Einwanderer, die nicht von Grund- 
herrschaften übernommen wurden und in der Verpflegung des 
Staates standen, auf Kameralherrschaften in Aussicht nehmen. Sie 
sollten, sobald die Kameralansiedler versorgt sein würden, auf den 
Staatsgütern halbe Ansässigkeiten erhalten. 

Seitdem die Annahme von Ansiedlern eingestellt worden war, 
richteten die Behörden ihr Hauptaugenmerk auf die Unterbringung 
der noch einquartierten Einwanderer. Das umfangreiche „Haupt- 
normale über das Ansiedlungswesen, welches aus allen bishero über 
diesen Gegenstand ergangenen Verordnungen zusammengesetzt wor- 
den ist" und am 3. April 1787 verkündet wurde, hatte daher nur 



78 Das „Hauptnormale über das Ansiedlungswesen" v. 1787. 

noch für die Vollendung und letzte Einrichtung der bereits be- 
gonnenen Ansiedlungen Bedeutung. Es handelt über die Arten der 
Kolonisten, ihre Instradierung und Einwanderung nach Galizien, 
die Einquartierung und Verpflegung der Ansiedler, die Behandlung 
der kranken Kolonisten, die Einbauung, Dotierung und Anlage 
der Kolonistenortschaften, die Seelsorge und das Schulwesen in 
denselben, ferner über das Vorgehen bei Sterbefällen und die Ver- 
sorgung der Witwen und Waisen, über die Polizeianstalten bei 
neuen Ansiedlungsorten, die Dotierung der Ansiedlersöhne und der 
als Knechte eingewanderten Ansiedler, endlich die Ansiedlung der 
Professionisten. Die Ausführungen sind eingehend und sehr über- 
sichtlich in 112 Paragraphen geordnet; nur über die Herbei- 
ziehung der Ansiedler nach Galizien wird kürzer gehandelt, „weil 
die weitere Einleitung fremder Kolonisten nach Galizien bereits 
aufgehört hat". Unzweifelhaft hätte das Ansiedlungsgeschäft einen 
günstigeren Verlauf genommen, wenn dieses „Normale" schon 
früher erschienen wäre ; es bedurfte aber zu seiner Abfassung der 
zahlreichen Erfahrungen, die im Laufe der Jahre oft teuer erkauft 
worden waren. 

Für die endgültige Vollendung („Finahsierung") der Kolo- 
nisation waren ferner von Wichtigkeit die zahlreichen Bereisungen 
der Ansiedlungen, welche besonders seit 1786 stattfanden. Der 
Statthalter hatte schon 1784 die Ansiedlungen besichtigt; ebenso 
hatte sich der Kaiser über ihren Zustand schon 1783 und 1786 
durch Augenschein unterrichtet und 1786 bereiste der Hofrat 
Dornfeld die Kolonien. Auch einzelne „Kreisbereisungsrelationen" 
der Kreishauptmänner aus dieser Zeit enthalten Nachrichten über 
die Ansiedlungen. Um „die bereits in ihrem Dotierungs- und 
Baustande beendigten Kolonien weiterhin in dauerhaften Stand zu 
setzen und alle sich ergebenden Gebrechen zu beseitigen", wurden 
seit 1787 die inzwischen angestellten Ansiedlungskommissäre in die 
ihnen zugewiesenen Kreise und Ansiedlungen geschickt. Sie hatten 
mit Hilfe des „Hauptnormales" und einer besonderen Instruktion 
die Zustände zu untersuchen und darüber zu berichten. Diese 
„ Bereisungsrelationen " und „ Bereisungsoperate " sind für die Kenntnis 
des damahgen Zustandes der Ansiedlungen wichtig, weil sie die 
mannigfaltigsten Fragen und Gegenstände berühren, z. B. Bitten 



Die „Finalisierung" d. Josephin. Ansiedlungen. Die „Halbprofessionisten". '79 

und Beschwerden der Ansiedler, Abrechnungen mit ihnen, Abstif- 
tungen und Ersatz durch andere Kolonisten, Bauzustand, Streit- 
fragen über die Grundbestiftung , Anträge auf Vermehrung der- 
selben, Schulfragen usw. Ebenso wichtig sind die Berichte mehrerer 
Gubernialräte und Kreiskommissäre. Nach Beendigung der An- 
siedlung wurde mit jeder Kameralkolonie ein Ansiedlungsvertrag 
abgeschlossen, der die Rechte und Pflichten der Kolonisten feststellte. 
Die Unterbringung der noch nicht bestifteten Einwanderer 
machte seit 1786 grofse Schwierigkeiten, da auf den Kameralherr- 
schaften kein Platz vorhanden war, die Privatansiedlung aber ver- 
sagte. Man suchte sich dadurch zu helfen, dafs man jene Ein- 
wanderer, die neben der Bauernwirtschaft ein Gewerbe betreiben 
konnten, als „Halbprofessionisten" nur mit geringen Gründen von 
5 bis 6 Korez bestiftete und sie anwies, ihren weiteren Unterhalt 
durch ihr Handwerk zu erwerben. Man beabsichtigte dadurch 
auch, sie in den Dörfern festzuhalten, wo an Handwerkern voll- 
ständig Mangel herrschte, zugleich aber auch nur geringes Be- 
dürfnis danach vorhanden war; denn die Landbevölkerung Ga- 
liziens deckte ihre primitiven Bedürfnisse durch ihre Hausindustrie. 
Durch die Ausstattung der Handwerker mit kleinen Ansässigkeiten 
hoffte man ihnen über die ersten Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, 
und so „Manufaktur und Industrie", die sonst nur auf wenige Städte 
beschränkt blieben, allgemeiner zu verbreiten. Dabei kam es vor,, 
dafs mitunter ein gewisser Zwang ausgeübt wurde, wie das Bei- 
spiel des in Neu-Kupnowice angesiedelten Daniel Armbruster be- 
weist. Dieser klagte 1788, er hätte „niemals eingewilligt, sich ala 
Handwerker ansiedeln zu lassen, indem er von Jugend auf beim 
Bauernstand erzogen worden und auch laut seines Passes ak 
Ackersmann und Schuster eingewandert" sei. Er könne nicht 
„etwa 2 bis 3 Stunden zusammengebogen dasitzen", ohne krank 
zu werden. Auch wäre „mit der Schusterei allhier nichts zu ver- 
dienen"; daher bat er, als Bauer bestiftet zu werden. Mit der 
geringen Grunddotierung konnten übrigens auch die anderen 
„Halbprofessionisten" nicht auskommen und brauchten daher noch 
weitere Unterstützung. Nach einem Ausweis vom 4. November 
1788 waren auf zehn Herrschaften zusammen 51 Halbprofessio- 
nisten angesiedelt. Sie besafsen zusammen 724 Korez lOy Garnez 



so Die Abfertigung der Einquartierten. 

Grund; ihre unentgeltliche Unterstützung (Verpflegung, Reise und 
Medikamente, „Professionistenvorschufs" ^), Dotierung an Saat, 
Vieh und Wirtschaftsgerätschaften) betrug 11176 fl. 391 Kreuzer, 
ihr „Vorschufs gegen Ersatz" (Haus- und Scheuerbau, Bargeld, 
Naturalien und Hausgeräte) 12 951 fl. 3i Kreuzer. Vom letzteren 
waren bis Ende 1787 1057 fl. 451 Kreuzer schon abgestattet. 

Im Mai 1787 befanden sich noch 578 Familien Einwanderer 
in der Einquartierung. Von diesen lebten nur neun vom eigenen 
Verdienste, die anderen mufsten vom Arar erhalten werden. Daher 
wurde immer wieder auf deren Unterbringung gedrängt. Im Herbst 
1788 war die Zahl der nicht untergebrachten Ansiedlerfamilien auf 
175 gesunken; sie waren in Medenice, Lemberg, Niepolomice, Za- 
mo^d, Sandec, Sambor, Sandomir und Leszaysk einquartiert. 
Darunter befand sich kein Ansiedler, der zur begünstigten An- 
siedlung eingewandert war, und nur fünf, die man zur unbegün- 
stigten angenommen hatte; die meisten gehörten zur Gruppe der 
:zur Privatan Siedlung bestimmten, nämlich 77 Familien; 28 waren 
auf eigene Gefahr gekommen, und 65 hatten keinen Hofpafs. 
Daraus ist zu ersehen, dafs der Staat seinen gegen die Ansiedler 
übernommenen Verpflichtungen nach Möglichkeit nachgekommen 
war. Dagegen wurde 1788 befohlen, die auf eigene Gefahr Ein- 
gewanderten von allen Begünstigungen und Unterstützungen aus- 
zuschhefsen, „sie nicht anders als Taglöhner und Handwerker, die 
auf Spekulation ins Land kommen, zu behandeln, und ihrem Schick- 
sale zu überlassen". Im April 1789 standen allein in Lemberg 
noch 215 Personen in Einquartierung und Verpflegung. Anfangs 
1791 wurde für die noch nicht Untergebrachten zum letztenmal 
eine zweimonatliche Verpflegung bewilligt und ihre möglichst baldige 
Unterbringung anbefohlen. Schliefslich erfolgte im Herbst 1791 
die kaiserliche Entscheidung, dafs den in Lemberg in Ararialver- 
pflegung stehenden undotierten 25 AnsiedlerfamiHen je 50 fl. bar 
zur Abfertigung ausgezahlt würden; aufserdem sollte ihnen das 
Kreisamt nach Möglichkeit zu einem Verdienst verhelfen. Dies 
geschah auch mit den sonst noch vorhandenen undotierten Familien, 
von denen sich in Zamo^d 36 aufhielten. So wurden diese Ein- 



1) 50 fl. für die Familie (s. oben S. 17). 



Kückwanderungen und Entweichungen von Ansiedlem. 81 

Wanderer, wie ein späterer Bericht sagt, „mit einem Zehrpfennig 
und ohne jemals den auf sie verwendeten beträchthchen Aufwand 
hereinzubringen, abgefertigt". Es geschah dies erst nach dem 
Tode Josephs. Erwähnt wurde schon, dafs unnütze Ansiedler ab- 
gestiftet und an ihre Stelle tüchtigere Wirte gesetzt wurden. An- 
dere Ansiedler kauften sich selbst an; mitunter gewährte der Staat 
auch solchen Unterstützungen. 

Manche Kolonisten hatten inzwischen sich wieder in ihre Hei- 
mat zurückbegeben. So erhielt im Sommer 1786 die Ansiedlers- 
witwe Maria Anna Kleinmann die Erlaubnis zur Rückkehr in die 
Heimat; sie war mit ihrem Mann, der das Zimmermannsgewerbe 
betrieb, aus Panzweiler in Zweibrücken gekommen. Da der Mann 
gestorben war und sie „als eine sehr elende Witwe mit zwei Kin- 
dern nicht leicht einen Mann bekommen werde*', wurde ihr der 
Vorschufs von 72 fl. 8 Kreuzern abgeschrieben und die Bewil- 
ligung zur Rückkehr erteilt, damit sie nicht dem Staate „lästig 
bleibe". Ebenso erhielt damals der als Förster und Bauer ein- 
gewanderte Ludwig Machwirt aus Nassau- Weilburg die Erlaubnis 
zur Rückkehr, weil er zur Wirtschaftsführung zu alt war; sein 
Weib, das ihn unterstützen konnte, war gestorben, und sein Sohn 
wollte aus der Heimat nicht nachkommen. „Um des alten kraft- 
losen Mannes los zu werden", sah man ihm auch den Vorschufs 
von 107 fl. 41 Kreuzern nach. Im Jahre 1787 wurde ein wahn- 
sinnig gewordener Ansiedler in die Heimat zurückgeschickt und 
259 fl. 35 Kreuzer für ihn gemachte Auslagen mufsten abgeschrieben 
werden. Im allgemeinen galt die Bestimmung, dafs jeder An- 
siedler, der noch nicht zehn Jahre im Lande wohnte, unbehin- 
dert auswandern durfte, wenn er die Vorschüsse bezahlte oder 
aber einen anderen Mann stellte, der alle Schulden auf sich nahm. 
Fremde, die schon zehn Jahre lang im Lande wohnten, wurden 
wie Inländer behandelt. Auch „Entweichungen" von Ansiedlem 
kamen vor, wobei das Ärar mitunter gröfsere Verluste erlitt. 

Inzwischen gingen die Ansiedlungen ihrer Vollendung entgegen. 
Von vielen liegen schon aus den letzten Jahren Kaiser Josephs 
die sogenannten „ Finalisierungsoperate " vor, die uns über ihren 
damaligen Zustand belehren. Von den vollkommen bestifteten An- 
siedlern wurde in feierlicher Weise der Untertaneneid gefordert. 

Kaindl, Gesch. d. Deutscben i. d. Karpath. III. 6 



83 Leistung des Untertaneneides und Dankeskundgebungen der Ansiedler. 

Dies hatte zuerst der Verwalter der Herrschaft Szczerzec „eigen- 
mächtig" in den ihm unterstehenden Kolonien getan; es fand dies 
aber die Billigung der vorgesetzten Behörden, „weil dergleichen 
Feierlichkeiten auf den gemeinen Mann besonderen Eindruck 
machen, der dadurch mehr sich an das Land und die ihm auf- 
erlegten Pflichten durch das Gewissen gebunden hält, und die 
Leichtigkeit, so durch so viele Beispiele bestätigt wird, doch 
einigermafsen verliert, selbst auszuwandern und andere zur Aus- 
wanderung zu veranlassen". Man gab hie und da bei der Eides- 
ablegung den Ansiedlern „zu einiger Ergötzlichkeit ein Fafs herr- 
schaftliches Bier, weil derlei Auslagen bei allen solennen Akten 
fast bei jeder Privatherrschaft in diesen und anderen Ländern ge- 
macht zu werden pflegen". 

Einzelne Ansiedlungen haben den Dank für die erfolgte Unter- 
bringung dem Kaiser abgestattet. So richteten die Kolonisten von 
Falkenstein an ihn 1786 ein Dankschreiben, in welchem sie für die 
Ansiedlung und den für sie „aus blofser Vaterliebe" gemachten Auf- 
wand danken, ferner für sich und ihre Nachkommen versprechen^ 
sich stets als „getreue, arbeitsame und im Staate nützliche Unter- 
tanen" zu verhalten. 

Schliefslich mufs der Annahme entgegengetreten werden, daf» 
Kaiser Joseph durch die deutsche Ansiedlung die Germanisation 
Galiziens bezweckt habe. Diese Anschauung ist ganz irrig: es 
geht vielmehr aus den Quellen und dem ganzen Verlaufe der An- 
siedlung klar hervor, dafs nur die Kultivierung des Landes, die 
Vermehrung der Bevölkerung und die Förderung des allgemeinen 
Staatsinteresses für die Kolonisation mafsgebend waren. Diese 
Motive werden immer wieder betont, nirgends wird die Absicht der 
Germanisation geäufsert. Schon in seinen ersten Vorschlägen von 
1772 denkt Joseph IL an Ansiedler cuiuscunque nationis, alsa 
jeder beliebigen Nation! Ausdrücklich erwähnt er darin, dala 
Posten, Wirtshäuser usw. Fremden und Polen verliehen werden 
soDen. Es ist ferner bekannt, dafs nicht nur Deutsche, sondern 
auch zahlreiche Nichtdeutsche („Nationalisten") gleichzeitig mit 
den deutschen Einwanderern in Galizien angesiedelt wurden. Hätte 
man germanisieren wollen, so wären nur Deutsche berücksichtigt 
worden; Auswanderungslustige waren in Deutschland in unbe- 



Durch die Ansiedluiit;- wurde keine Gormimisatiou boabsichtigt. 83 

schränkter Zahl vorhanden und hätten sich auf Kosten des Staates 
und des Landes m weit gröfseren Scharen herbeirufen lassen. 
Man hätte nur, wenn Germanisationsabsichten bestanden hätten, 
die starke Auswanderungslust der einheimischen, von ihren Grund- 
herren gedrückten Bauern nicht zu zügeln brauchen, und für 
Tausende von Deutschen wäre Raum geschaffen worden. Aber 
sowohl der Kaiser als auch seine Hofstellen hegten ganz andere An- 
schauungen. Die Auswanderung der einheimischen BeviJlkerung 
wurde nach Möglichkeit verhindert, und als Endziel der Ansied- 
lung erschien die Herstellung einer genügenden Anzahl von deut- 
schen Musterdörfern. Im übrigen sollten „repubUkanische" An- 
siedler (Polen) herbeigezogen werden (s. oben S. 61 u. 70); auch 
diese erfreuten sich nach dem Hauptnormale weitgehender Begün- 
stigungen. SchHefslich tut die ganze Art der Ansiedlung dar, dafs Ger- 
raanisation nicht beabsichtigt war. Wäre diese der Zweck gewesen, 
so hätte man die Deutschen nur in geschlossenen grofsen Dörfern 
ansiedeln müssen. Indessen wurden viele kleine Beisiedlungen 
gegründet; man begnügte sich damit, dafs etwa 8 bis 10 Familien 
zusammengesiedelt wurden, damit sie sich gegenseitig unterstützen 
könnten und nicht in den Zustand der einheimischen Bevölkerung 
verfielen. In Ansiedlungen auf Privatgütern begnügte sich die Re- 
gierung mit der Forderung, dafs nicht weniger als sechs Ansiedler 
zusammen untergebracht würden. Diese zerstreute Ansiedlung hatte 
die Entnationalisierung der kleineren Kolonien zur Folge. An die 
Germanisierung der Polen und Ruthenen hat also Kaiser Joseph II. 
sicher nicht gedacht; wohl aber hat er auch in Galizien auf die 
Einführung der deutschen Geschäftssprache in den Amtern und 
den Unterricht der deutschen Sprache in den Schulen grofses Ge- 
wicht gelegt, weil dies das Interesse des Staates erforderte. Schon 
die Instruktion für den ersten Statthalter in Galizien enthielt die 
Weisung, „dafs alles in deutscher oder lateinischer Sprache traktiert 
werden soll". 

Die deutsche Besiedlung Galiziens vom Tode Joseplis II. bis 

zur Gegenwart. 

Nach dem Tode Kaiser Josephs war die innere und äufsere 
Lage Österreichs überaus schwierig. An neue Ansiedlungen in 

6* 



84 Anregung neuer Ansiedlungen durch Erzherzog Karl 1801. 

Galizien dachte man um so weniger, als die bereits bestehenden 
erst jetzt vielfach beendet und die Verträge mit ihnen vollzogen 
wurden. Noch einige Jahre später waren die Abrechnungen über 
die galizischen Ansiedlungen nicht abgeschlossen. Anfangs der 
neunziger Jahre wurden daher Ansuchen um Ansiedlung abgewiesen. 

Auch als 1795 Westgalizien mit Krakau gewonnen worden 
war (s. oben S. 3), wurden anfangs einzelne Gesuche um An- 
siedlung in diesem Lande abgeschlagen. Erst am 20. Dezember 
1796 erschien eine Verordnung, die den Ansiedlern in Westgalizien 
zehnjährige Freiheit von Steuern und von der Rekrutierung, doch 
nur für ihre Person i), zusicherte. Besonderen Erfolg scheint in- 
dessen diese Kundmachung nicht gehabt zu haben. Von irgend- 
welchen Ansiedlungsanstalten ist in dieser Zeit keine Rede. 

Erst nach dem Frieden von Luneville (9. Februar 1801) wurden 
die Kolonisationspläne wieder aufgenommen. Ihr bedeutendster 
Förderer war aber kein anderer als der damalige Hofkriegsrats- 
präsident Erzherzog Karl, der nachmalige Sieger von Aspern. 

Als es sich nach dem Abschlüsse des Friedens um die Ent- 
lassung der auf die Dauer des Krieges geworbenen Mannschaften 
handelte, gab der Hofkriegsrat an alle Militärkommandanten den 
Auftrag, die Soldaten „zur Dienstfortsetzung zu bewegen, oder, 
wenn sie sich nicht dazu herbeilassen, zur Ansiedlung in den Erb- 
landen zu veranlassen". Am 14. Juli 1801 verordnete sodann ein 
Hofdekret, ausgediente fremde Kapitulanten, falls sie Künstler, 
Handwerker oder Feldbaukundige wären, zur Ansiedlung in den 
Erblanden zu verwenden und ihnen Ansiedlungsbegünstigungen zu 
gewähren. In gleicher Weise war schon unter Kaiserin Maria 
Theresia nach dem Siebenjährigen Kriege verfahren worden 2). 

Die Ansiedlungsbestrebungen blieben nicht auf die Soldaten 
beschränkt. Durch den Krieg und die neuen politischen Verhält- 
nisse war in Südwestdeutschland wieder die Auswanderungslust 
rege geworden. Bekanntlich war durch den Frieden von Lune- 
ville das linke Rheinufer an Frankreich gefalleo, und die durch 
diesen Verlust betroffenen deutschen Fürsten wurden durch säka- 



1) Also nicht auch für ihre Söhne, Gesellen u. dgl. 

2) Vgl. unten im 5. Buch. 



Auswanderungslust in Siidwestdeutschland u. in der Schweiz. 85 

larisierte und mediatisierte Gebiete schadlos gehalten. Durch diese 
politischen Veränderungen kamen viele „von einer gelinden ein- 
heimischen Regierung unter eine strenge auswärtige, deren Finanz- 
grundsätze und religiöser Neuerungsgeist ihnen gleich drückend 
erschienen". Die früheren Kommerzialverhältnisse wurden durch 
neue Mautsysteme ganz umgestürzt, neue Rekrutierungsgesetze ein- 
geführt, viele katholische Untertanen kamen unter protestantische 
Herrschaft. So kam es, dafs aus den säkularisierten Stiften, aus 
den Gebieten der in Landstädte verwandelten Reichsstädte, ins- 
besondere aus den an Württemberg, Hessen, Kurpfalz und Preufsen 
gefallenen Ländern, ferner aus den neu organisierten überrheinischen 
Departements viele Einwohner auswanderten. Aus der vorder- 
österreichischen Grafschaft Falkenstein, die schon zur Zeit Kaiser 
Josephs zahlreiche Ansiedler nach Galizien entsandt hatte und 
jetzt an Frankreich gefallen war^ wollten geradezu alle Unter- 
tanen nach Österreich auswandern, denn sie wünschten, infolge 
„einer seltenen Anhänglichkeit an ihren vorigen Landesfürsten, ihr 
Leben unter dem milden Szepter Seiner Majestät (des österreichi- 
schen Herrschers) zu beschliefsen". Hatte früher die österreichische 
Regierung Ansiedler aus den vorderösterreichischen Ländern nur aus- 
nahmsweise nach dem Osten ziehen lassen, so lag es jetzt in ihrem 
Interesse, möglichst viele Untertanen aus diesen verlorenen Ge- 
bieten an sich zu ziehen ^). Auch aus der Schweiz, besonders aus 
den nordöstlichen Kantonen (Glarus, St. Gallen, Appenzell) waren 
viele Fabrikanten und Gewerbetreibende zur Auswanderung be- 
reit, weil sie durch den Druck der französischen Gewaltherrschaft 
in ihrer Industrie und im Absätze ihrer Erzeugnisse (besonders 
Baumwoll-, Leinwand- und Seiden waren) gestört wurden. Die 
Auswandernden waren nicht unruhige, mittellose Leute, sondern 
zumeist tüchtige, wohlhabende Familien, die eine neue ruhige 
Heimstätte für ihre Arbeit suchten. So bot sich der österreichischen 
Regierung wie in früheren Jahrzehnten günstige Gelegenheit, deutsche 
Kolonisten für ihre dünn bevölkerten Karpathenländer zu werben. 
Dabei spielte wie unter Maria Theresia und Kaiser Joseph H. auch 
jetzt der Wetteifer mit Preufsen eine Rolle. 

1) Aus ähnlichen Gründen waren schon früher die Einwanderer aus Preufsisch- 
Schlesien besonders gefördert worden. 



86 Abneigung der österr. Zivilbehörden gegen die Ansiedlung. 

Die günstige Gelegenheit wurde sofort zur Heranziehung von 
Kolonisten ins Banat (Ungarn) benutzt. Bald darauf regte der 
Hofkriegsratspräsident Erzherzog Karl auch die Wiederaufnahme 
der Ansiedlungen in Galizien an. 

Im August 1801 wurde aus Bamberg von der Reichswerbungs- 
direktion an den Hofkriegsrat berichtet, dafs die preufsische Re- 
gieining in letzter Zeit durch Kundmachungen und durch eine 
„Kolonisten-Kommission" mit allen Mitteln dahin wirke, dafs An- 
siedler aus Süd Westdeutschland in das durch die Stürme der Re- 
volution sehr entvölkerte „ Neu - Ostpreufsen " ziehen. Die Wer- 
bungsdirektion hielt es daher für ihre Pflicht, den Hofkriegsrat 
auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die daraus der wieder 
begonnenen Ansiedlung im Banate erwachsen könnte. Da der 
Hofkriegsrat wohl schon damals voraussah, dafs nicht alle An- 
siedler in der Banater Militärgrenze untergebracht werden könnten, 
so teilte Karl am 2. September 1802 der galizischen Hofkanzlei 
mit, dafs im südlichen Deutschland viele Ausgewanderte vom 
linken Rheinufer und aus der Schweiz „gleichsam ohne Vaterland*' 
sich befanden; durch den Krieg wären sie in ihrem Gewerbe ge- 
stört worden. „Diese würden sich aber bei der besonderen An- 
hänglichkeit des südlichen Deutschlands an den Allerhöchsten Hof 
eher überreden lassen, in die Erblande als in die preufsischen 
Lande zu ziehen, wenn ihnen ähnliche Bedingnisse gestellt würden. 
Vielleicht sollte man daher für Ost- und Westgalizien Ansiedler 
durch die k. k. Werbkommandos aufnehmen." 

So wurde durch Erzherzog Karl die Wiederaufnahme der 
deutschen Ansiedlung in Galizien angeregt. Aber es zeigte sich 
gar bald, dafs die Behörden nicht geneigt waren, die schwere und 
verantwortungsvolle Arbeit willig auf sich zu nehmen. Am 10. Sep- 
tember antwortete die galizische Hof kanzlei wenig entgegenkommend. 
In einem Rückblicke auf das Ansiedlungswesen zur Zeit Maria 
Theresias und Josephs II. verschweigt sie die Erfolge der Koloni- 
sation, malt dagegen die Schattenseiten um so schwärzer aus. Sie 
verweist darauf, dafs „von diesen auf ärarische Kosten ins Land 
geschickten und daselbst jahrelang unterhaltenen Ansiedlern sehr 
viele flüchtig geworden sind, viele als schlechte Wirte von ihren 
Wirtschaften abgestiftet, andere, welche nur dem Bettel nach- 



Abneigung der österr. Zivilbehörden gegen die Ansiedlung. 87 

gingen, aufser Land geschoben werden mufsten". Die Hof kanzlei 
behauptet ferner, dafs „sowohl die im Banate als in Oberungarn, 
dann in Ostgalizien gemachten Erfahrungen bereits gelehrt hätten, 
dafs die deutschen Pflänzlinge der Erwartung nicht entsprachen 
und also den Nutzen nicht verschafft haben, den man von den zu 
ihrer Habhaftwerdung gemachten Auslagen zu erhoffen berechtigt 
war". Daher habe man nach der Erwerbung von Westgalizien 
dahin kommenden Ansiedlern nur zehnjährige Freiheit von Steuern 
und Rekrutierung zugesichert. Auch jetzt sollten die Ansiedler, 
welche sich aus dem Reich und aus der Schweiz auf ihre Kosten 
nach Galizien begeben würden, in Ostgalizien zehn Jahre Steuer- 
freiheit und ebensolange Freiheit von der Rekrutierung für sich 
und ihre Kinder, in Westgalizien zehnjährige Steuerfreiheit und 
die Freiheit von der Rekrutierung für ihre Person erhalten. Juden 
und Mennoniten (Wiedertäufer) sollten von der Ansiedlung aus- 
geschlossen sein. Mehr könne die Hofkanzlei nicht vorschlagen, 
weil sowohl die Zahl der Ackerbauer als jene der Professionisten 
sich ohnehin durch freiwillige Einwanderung vermehre. Wenige 
Tage später (15. September) richtete auch die vereinigte Hof kanzlei 
eine Note an den Erzherzog Karl, in welcher sie die Ansiedlung 
von Ackersleuten in den Erblanden wegen des Mangels an Grün- 
den als durchaus untunlich bezeichnete und nur die Herbeiziehung 
von „grofsen Künstlern und Manufakturisten " als wünschenswert 
hinstellte. Nur nach den beiden Galizien sollten Künstler, Hand- 
werker und Ackersleute nach dem Mafse des Bedarfs, und wenn 
sie eigenes Vermögen besäfsen, von der Reichswerbungsdirektion 
„instradiert" werden. Auch die galizische Staatsgüteradministration 
erhob gegen die Aufnahme von Ansiedlern Anstände. 

Die kühle Haltung der Behörden schreckte Karl nicht ab. 
Seinem Einflüsse ist es offenbar zuzuschreiben, dafs nicht nur an 
die Gubernien in beiden Galizien, sondern auch an die anderen 
Länderstellen die Anfrage erging, ob und wie viele Handwerker 
und Ackerbauer sie aufnehmen könnten. Ebenso dürfte wohl 
der Erzherzog seinen kaiserlichen Bruder veranlafst haben, am 
3. März 1802 eine Resolution über das Ansiedlungswesen zu treffen, 
die weit über die Vorschläge der Hofkanzlei hinausging. Kaiser 
Franz befahl vor allem, öde Bauernwirtschaften mit Nationalisten 



88 Kaiserliche Kesolution über die Ansiedlung v. 3. März 1802. 

(Einheimischen) oder Fremden zu besetzen. Dann erst sollten neue 
Kolonien errichtet werden, über welche der Kaiser Vorschläge er- 
wartete. Bei den Fremden wäre nicht so sehr auf ihre „Zahl als 
vielmehr auf die Eigenschaften, Sittlichkeit und Vermögen zu 
sehen ". Die Begünstigungen sollten für die Nationalisten und die 
fremden Ansiedler, ob sie nun auf Rustikalgründen (Bauern wirt- 
schaften) oder in den neuen Kolonien untergebracht würden, 
gleich sein. Gewährleistet wurde die fünfjährige Freiheit von der 
landesfürstlichen Steuer, zehn Jahre Freiheit vom Militärdienst 
auch für die mitgebrachten Söhne, unentgeltliche Lieferung des 
Materials für die erste Herstellung der Gebäude; in den neuen 
Kolonien sollte jeder Ackersmann 60 bis 80 Metzen Grund , jeder 
Handwerker nicht weniger als 12 Metzen erbeigentümlich erhalten; 
von den sofort ackerbaren Gründen wurde fünfjährige Freiheit von 
den obrigkeitlichen (grundherrlichen) Abgaben gewährt, während 
von öden Gründen zehn Freijahre bewilligt wurden; beim Besitz- 
wechsel sollte das sogenannte Laudemium (Übertragungsgebühr) 
nicht gezahlt werden. Nach diesen Vorschriften waren alle bereits 
angekommenen und die in nächster Zeit anlangenden Ansiedler zu 
behandeln. Dagegen sollte die Anwerbung neuer Kolonisten so 
lange unterbleiben, bis die Ansiedlungsorte bestimmt und die 
nötigen Mittel vorbereitet wären. Diese Grundsätze sollten nicht nur 
für Galizien, sondern auch für die ungarischen Kameralgüter gelten. 
Bevor noch diese kaiserliche Entscheidung bekannt geworden 
war, hatte sich die galizische Hofkanzlei nochmals ziemlich zurück- 
haltend geäufsert (l. April). Sie verwies auf die bisherigen An- 
siedlungsanträge und betonte, dafs alle Behörden Schwierigkeiten 
erhoben hätten. Daher seien die Ansiedlungsanträge nur auf die 
beiden Galizien beschränkt worden. Das Gubernium von West- 
galizien, wo die Staats- und Klosterdomänen für Ansiedlungen 
noch nicht verwendet waren, habe sich schon vor einiger Zeit ge- 
äufsert, dafs es einen Plan fertigstellen würde, wo ganze Kolonien 
anzulegen seien und wo einzelne Landwirte oder Handwerker, 
letztere besonders zum besseren Betriebe der Eisenwerke, angesie- 
delt werden könnten. Einstweilen hatte dieses Gubernium mehrere 
Familien aus Deutschland, die keine Unterstützung begehrten, 
untergebracht. Vom ostgalizischen Gubernium war bisher noch 



Einwände der Zivilbehörden. 89 

keine Auskunft erteilt worden ; es hatte nur angefragt, ob für die 
ausländischen Kapitulanten Auslagen gemacht werden dürften. Die 
Domänen waren bekanntlich in Ostgalizien bereits an Ansiedler 
verteilt worden. Ihre eigenen Anschauungen fafste die galizische 
Hofkanzlei dahin zusammen, dafs die Ansiedlungen auf Kameral- 
gütern sich wegen der grofsen Kosten nicht bezahlt machten. Den 
Ansiedlern Häuser zu errichten, sei nicht ratsam, weil die für die 
früheren Ansiedlungen auf ärarische Kosten erbauten äufserst 
schlecht waren und dabei Betrügereien der Beamten vorgekommen 
seien. Auf Privatgütern werde die Ansiedlung keinen Fortgang 
nehmen; die Privatgrundbesitzer boten den Ansiedlern wenig und 
stellten an sie gröfsere Forderungen. Die Bevölkerung Ostgaliziens 
nähme von selbst zu. Aus diesen Gründen war die Hofkanzlei 
nur zu geringen Zugeständnissen an die Kapitulanten und die an- 
deren Ansiedler bereit. 

Der Kaiser erledigte diese Vorlage mit dem Verweise auf seine 
Resolution vom 3. März. 

Damals stockten bereits auch die für die Banater Militärgrenze 
eingeleiteten Ansiedlungsanstalten. Auf die Kunde davon machte 
am 3. Juni 1802 der österreichische Gesandte in Kegensburg, Graf 
CoUoredo-Mansfeld, die Hof- und Staatskanzlei nachdrücklich auf 
die Nachteile der Einstellung der Ansiedlung aufmerksam. In 
den von Frankreich zufolge des Luneviller Friedens besetzten 
überrheinischen Provinzen waren zahlreiche wohlhabende Bauersleute 
mit der französischen Regierung unzufrieden. Der gröfste Teil 
wollte mit seinem Vermögen auswandern und sich nach Ungarn 
und Galizien wenden, da ihnen die gelinde österreichische Regie- 
rung bekannt war. Diese Leute würden durch ihre Kenntnis des 
Landbaues und der Industrie den kaiserlichen Erblanden zweifellos 
nützlich sein. Da bisher nur Ansiedler im Banat aufgenommen 
wurden, so zogen sie dahin; würde aber diese Aufnahme auch nur 
für kurze Zeit aufhören, so wäre zu befürchten, dafs ein grofser 
Teil der überrheinischen Emigranten nach Preufsen zöge. Aus 
einem anderen Berichte geht hervor, dafs auch Frankreich und 
die Kurpfalz Ansiedler anlockten. Als die Staatskanzlei infolge 
dieser Umstände die galizische Hofkanzlei aufforderte, Ansiedler 
aufzunehmen, verwies diese wieder darauf, dafs Ansiedlungen auf 



90 Das kaiserliche Handschreiben vom 7. Oktober 1802. 

Privatgütern in beiden Galizien unmöglich seien; die Staatsgüter 
in Ostgalizien wären schon verteilt; über die Besiedlung der Do- 
mänen in Westgalizien müfste aber erst der Plan ausgearbeitet werden. 

Wenn bei dieser ablehnenden Haltung für die Ansiedlung doch 
etwas geschah, so ist dies vor -allem dem Einflüsse Karls zuzu- 
schreiben. Wiederholt forderte er unter Hinweis auf die aus dem 
Reich einlaufenden Nachrichten von den Länderstellen Verzeich- 
nisse der erwünschten Ansiedler. So trafen im Juni 1802 end- 
lich einzelne Verzeichnisse aus Steiermark, Böhmen und vor allem 
aus Ostgalizien ein. Letzteres umfafste auch die Bukowina und 
führte jene Grundobrigkeiten und Städte an, welche deutsche Ackers- 
leute und Handwerker unter entsprechenden Bedingungen auf- 
nehmen wollten; im ganzen waren darin 199 Plätze für Kommerzial- 
hand werker und Professionisten , 332 für Polizeigewerbetreibende 
und 165 für Ackersleute ausgewiesen. Dieser Ausweis wurde 
dem Erzherzog mit der Bitte vorgelegt, die Einwanderungs- 
lustigen mit Ausnahme der Mennoniten, die in Ostgalizien zufolge 
kaiserlicher Vorschrift nicht mehr aufgenommen werden durften ^), 
durch die Reichswerbungsdirektion direkt an die galizischen Kreis- 
ämter anweisen zu lassen. Von Westgalizien lag auch jetzt noch 
kein Bericht vor. Der Erzherzog gab sofort der Reichswerbungs- 
direktion die entsprechenden Aufträge und ersuchte zugleich die 
Staatskanzlei, dafs der Gleichförmigkeit halber die k. k. Minister 
im Reiche die bei ihnen sich meldenden Ansiedler an diese Direktion 
verweisen möchten. 

Auf den Einflufs des Erzherzogs ist aber offenbar auch eine 
damals erfolgte Erweiterung der Ansiedlungsfreiheiten zurück- 
zuführen. Am 7. Oktober 1802 erliefs Kaiser Franz ein Hand- 
schreiben, in welchem die am 3. März gewährten Freiheiten für 
beide GaHzien „in Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse dieser 
Länder" vermehrt wurden. Die Ansiedler erhielten jetzt für sich 
und ihre im Ausland erzeugten Söhne die lebenslängliche Rekru- 
tierungsfreiheit; ferner wurde die Befreiung von der landesfürst- 
lichen Steuer für öde Gründe auf zehn Jahre aussredehnt. Die 



1) Kaiser Joseph II. hatte ihre Aufnahme gestattet (oben S. 51); es gibt 
auch heute in Galizien noch Mennoniten. 



Bericht d. Keichs Werbungsdirektion über d. Ansiedlungswerber. 91 

Privatdominien sollten zur Aufnahme von Ansiedlern aufgemuntert 
und zur Vorlage der Bedingungen, unter denen sie Kolonisten an- 
siedeln wollten, aufgefordert werden. Die Kreisämter hatten da- 
gegen Verzeichnisse der in den Städten benötigten Professionisten 
und Handwerker vorzulegen und die ihnen zugestandenen Vor- 
teile anzugeben. Dieser kaiserliche Auftrag wurde den Gubernien 
beider Galizien mitgeteilt ; vom ostgalizischen Gubernium wurden 
die vorgeschriebenen Verzeichnisse nicht abgefordert, da es sie 
schon vorgelegt hatte. 

Inzwischen wurde von der Reichswerbungsdirektion die An- 
nahme der Ansiedler im Reiche betrieben. Aus einem Bericht, 
den diese Direktion (Feldzeugmeister Fürst Reufs XIII.) am 25. Ok- 
tober 1802 aus Frankfurt an den Erzherzog Karl sandte, ist zu ent- 
nehmen, dafs bei der Anwerbung „die eingeschärfte Vorsicht*^ ge- 
nau beobachtet wurde und dafs man nur ganz vertrauenswürdige 
Offiziere mit der Werbung betraute. In den französischen Departe- 
ments, in den Niederlanden und in der Schweiz wurden die Nachrichten 
von der Ansiedlung durch „ Privatschreiben *^ verbreitet, wodurch 
niemand kompromittiert werden konnte. Bisher waren nach Ga- 
lizien etwa 15 Familien abgegangen, die allen Bedingungen ent- 
sprachen; etwa ein Dutzend war bereits wieder angenommen. 
Die Auswanderer stammten aus dem Spessart, ferner aus der 
Gegend von Mainz, Alzey, Kreuznach und AschafFenburg , also 
sämtlich aus der weiteren Umgebung von Frankfurt am Main. 
Elf von den nach Ostgalizien mit Pässen abgeschickten Familien 
zählten 47 Personen und hatten Vermögen von 66 Gulden bis 
lOüü Taler. Weitere Familien sollten entsprechend dem über- 
schickten Verzeichnisse in Frühjahr gewonnen werden, doch wäre 
es schwer, vermögende Leute zu finden. Die weite Reise auf 
eigene Kosten schreckte ab, zumal früher den Ansiedlern Reisegeld 
gegeben worden sei und die Auswanderer nach Preufsisch- Polen 
auch jetzt es erhielten. Die Leute konnten in der Regel nur das 
Mobiliar, selten die liegende Habe veräufsern; die Gründe wären 
im Preis gefallen. Auch liefen die Auswanderer infolge der An- 
stalten, welche die Obrigkeiten gegen die Auswanderung ergriffen, 
Gefahr, einen bedeutenden Teil ihrer Habe zu verlieren. Hinder- 
lich für die Anwerbung war es auch, dafs Ansiedler aus Galizien 



92 Eintreten des Erzherzogs Karl für die Ansiedlung. 

in sehr schlechtem Zustand zurückkamen und über die Mifshandlung 
durch die Beamten sowie die geringen Vorteile Klage führten. Die 
Reichswerbungsdirektion sprach sich dagegen aus, den Gesandten 
und Ministern einen Teil der Anwerbung zu überlassen; sie sollten 
nur „Stimmung machen" und alle Ansiedler nach Frankfurt an 
die Direktion schicken. Würde man nicht auf das Vermögen^ 
sondern blofs auf die Tüchtigkeit der Ansiedler sehen, so könnte 
man sehr viele erhalten. Vor allem wäre es möglich, Schweizer 
Baumwolle- und Musselinfabrikanten in die Erblande zu ziehen. 

Infolge dieses Berichtes richtete der Erzherzog am 22. November 
1802 an die vereinigte politische Hofstelle ein Schreiben, in dem 
er sich als ein überaus warmer Anwalt der deutschen Ansiedlung 
erwies. Er betonte, „dafs die jetzigen Verhältnisse zur Beförde- 
rung des Ansiedlungsgeschäftes die günstigsten sind und den Wunsch 
in ihm erregt haben, die Hindernisse, welche den bestmöglichsten 
Fortgang dieser Angelegenheit hemmen, so viel mögUch, behoben 
zu sehen". Die Forderung eines bestimmten Vermögens sei be- 
rechtigt, „allein der Fleifs und die Industrie der deutschen Hand- 
werker und Gewerbsleute dürfte dennoch über die Schwierigkeiten 
siegen". In Galizien herrsche Mangel an Handwerkern und die 
Industrie liege in der Wiege. Man dürfe nicht die schlechte Er- 
fahrung, die man seinerzeit mit minderwertigen Auswanderern ge- 
macht hatte, „auf den jetzigen Zeitpunkt anwenden, wo gewalt- 
same Störungen und die drückendsten Verhältnisse den arbeit- 
samsten Teil der Bevölkerung verdrängen". Daher riet der Erz- 
herzog unter Hinweis auf die kaiserliche Entschliefsung vom 7. Ok- 
tober zu „ gelinden Bedingungen und angemessenen Begünstigungen ". 
Armen sollte Reisegeld gewährt werden, wie auch den Ansiedlern 
für die Mihtärgrenze diese Unterstützung zukam; auch Preufsen 
biete sie. Schliefslich machte Karl nachdrücklich auf die Klagen 
der zurückgekehrten Ansiedler aufmerksam. 

Auch auf diese Zuschrift antwortete die Hofstelle ablehnend. 
Für die Ansiedler auf Kammergütern habe die Hofkammer zu 
sorgen. Auf Privatgütern fänden keine Ansiedlungen statt. „In 
den Städten, wo derlei deutsche Handwerker und Professionisten 
angesiedelt werden, haben sie weder eine unangenehme Aufnahme 
noch eine unanständige Behandlung zu besorgen, indessen sie ge- 



Eintreten des Erzherzogs Karl für die Ansiedlung. 93 

meiniglich so beredt sind, dafs sie fast überall die Oberhand über 
die Eingeborenen zu erhalten gewufst haben." Wenn einige von 
ihnen sich wieder in die vorige Heimat begaben, so würde man 
nirgends derartigen Landstreichern Glauben schenken. „Die ga- 
lizischen Städte haben fast durchgehends deutsche Professionisten 
und Handwerker, und ihr an Überflufs und Übermut grenzender 
Wohlstand liefern den besten Beweis von ihrer guten Aufnahme und 
inständigen Behandlung." Schliefslich äufserte sich die Hofstelle, 
dafs den Ankömmlingen aus fremden Staaten zwar die unbehin- 
derte Aufnahme zu gestatten wäre, sonst sollten aber keine Aus- 
gaben auf ihre Herbeiziehung gemacht werden, „weil einem Staate, 
wo die emsigen Menschen ihr Auskommen finden und gelinde re- 
giert werden, an Menschen nie gebrechen kann". 

Mitte Januar 1803 antwortete der Erzherzog auf diese Zu- 
schrift und trat wieder für die Ansiedlung ein. Er verwies auf 
einen Bericht des Grafen Metternich aus Dresden, wonach durch 
diese Stadt Familien vom linken Kheinufer nach Südpreufsen zogen. 
Die Reise wurde ihnen mit 9 Kreuzern für die Meile vergütet; 
sie hatten Pässe von preufsischen Kommissären. Nun endlich sah 
sich der Hof kanzler doch veranlafst, an alle österreichischen Län- 
derstellen Erlässe behufs Förderung der Ansiedlung zu richten. 
Daraus ist zu ersehen, dafs aus Westgalizien bisher noch immer 
kein Ausweis über die verfügbaren Ansiedlungsplätze eingelangt 
war. Der Kanzler forderte vom westgalizischen Gubernium ein 
Verzeichnis jener Besitzer von Privatgütern, die deutsche Ackers- 
leute und Professionisten, und jener Städte und Märkte, die deutsche 
Professionisten, Handwerker und Künstler aufzunehmen wünschten. 
Zugleich sollten sie sich äufsern, ob sie den Ansiedlern 8 bis 9 
Kreuzer für jede Meile an Reisegeld geben wollten. Die Obsorge 
für die Ansiedlungen auf Kameralgütern blieb der Hofkammer 
überlassen, die darüber abgesonderte Vorschläge zu erstatten hatte. 
Vom ostgalizischen Gubernium, das schon früher Ausweise vor- 
gelegt hatte, wurde nur die nachträgliche Erklärung wegen des 
Reisegeldes abgefordert. Schliefslich wurde den Amtern die gute 
Behandlung der Ansiedler anbefohlen. 

Wieder vergingen Monate, ohne dafs die Hofkanzleien etwas 
Entscheidendes für die Ansiedlung getan hätten. Da erschien am 



94 Das Handschreiben des Kaisers Franz vom 23. Mai 1803. 

23. Mai 1803 ein neues Handschreiben des Kaisers. Er verwies 
darin auf seine früheren Dekrete vom 3. März und 7. Oktober 1802 
und betonte, dafs ihm bisher kein Bericht über das Ansiedlungs- 
geschäft vorgelegt worden sei. Da aber inzwischen die Gubernien 
und die Hofkammer ihre Ausweise und Vorschläge vorgelegt haben 
müfsten, so sollte sofort eine gemeinsame Beratung der Hof kanzlei, 
der Staatskanzlei und der Hofkammer über die Ausgestaltung des 
Ansiedlungs Wesens stattfinden. Das „KonzertationsprotokoU" dar- 
über war dem Kaiser innerhalb drei Wochen vorzulegen. 

Es ist unzweifelhaft, dafs auf diese kaiserliche Entschliefsung 
wieder der Erzherzog Karl Einflufs genommen hatte. Im April 
und Mai waren aus dem Reich verschiedene Nachrichten ein- 
getroffen, die zur Annahme von Ansiedlern drängten. Es wurde 
berichtet, „ dafs die Unzufriedenheit in den sekularisierten und ver- 
tauschten weltlichen Reichslanden täglich allgemeiner werde und 
sichtbar zunehme". Aus dem „Neu- Württembergischen" wollten 
2000 Familien auswandern, wozu besonders das neue Rekrutierungs . 
System Veranlassung gab. Als der Herzog von Württemberg 
einem Kaufmann die Bitte um Befreiung seines Sohnes von der 
Rekrutierung abschlug, überreichte dieser ihm sofort ein zweites 
Gesuch, worin er sich als preufsischer Bürger meldete und um 
freien Abzug bat. Graf Colloredo-Mansfeld berichtete, dafs vorder- 
österreichische Familien ins Innere der Monarchie ziehen wollten, 
wenn ihnen die an ihrem bisherigen Wohnort zu entrichtende Ab- 
zugssteuer erlassen würde. Er empfahl die Gewährung dieses An- 
suchens, da sie sonst nach Preufsen ziehen wollten, wohin das 
grofse Reisegeld lockte. Später berichtete derselbe Gesandte, daf» 
die bisher überschickten Listen über die nötigen Ansiedler, ins- 
besondere jene für Ostgalizien, fast gefüllt waren. Es hatten sich 
aber noch mehrere Hunderte Familien an ihn gewendet, die 
durchaus wohlhabend waren, nämlich ein Vermögen von 300 bia 
400 Gulden besafsen. Die Leute wollten nicht warten und machten 
Anstalten, nach Preufsen zu gehen. Da in Westgalizien dieselben 
Anstalten getroffen würden wie in Ostgalizien, so könnte er die 
Ansiedler vielleicht nach Wien schicken, woher sie dann nach 
Westgalizien geleitet werden sollten. Auch hatten deutsche Ansiedler 
aus dem Banate an ihre Anverwandten geschrieben, dafs dort für 



Weitere Berichte über Ansiedlungswerber. 95 

Franzfelden bei Pancsova Ansiedler gesucht würden ; der Gesandte 
stellte daher die Anfrage, ob er nicht Ansiedler dahin schicken 
könnte. Aus den von CoUoredo vorgelegten Tabellen ging her- 
vor, dafs 133 Familien oder 421 Köpfe zur Einwanderung ent- 
schlossen waren; sie besafsen ein bares Vermögen von 15 250 fl., 
das sie mitbringen wollten, während sie noch 2 900 fl. an Ver- 
mögen zurücklassen mufsten. Die Familien stammten zumeist aus 
der Gegend von Mainz, Fulda, Hessen-Hanau und Hessen-Darm- 
stadt. Inzwischen hatten aber auch die verschiedenen Gubernien, 
insbesondere jenes für Westgalizien , ihre Berichte übermittelt, 
und damit war die Möglichkeit zur Ausgestaltung des Ansied- 
lungswesens geboten. Aus einem Schreiben Karls an die vereinigte 
Hofkanzlei vom 26. Mai 1803 erfahren wir, dafs er die Tabelle 
über die für Westgalizien erforderlichen Ansiedler (zusammen 
125 Kommerzial- und Polizeihandwerker) bereits der Reichs- 
werbungsdirektion mitgeteilt ^) und sowohl diese als auöh den Ge- 
sandten Colloredo angewiesen hatte, nur Familien mit wenigstens 
100 fl. Vermögen aufzunehmen; nur bei ledigen Professionisten sollte 
einige Nachsicht geübt werden. In diesem Schreiben schlug Karl 
zur Förderung der Ansiedlung eine gemeinsame Beratung der 
Hofstellen und die Einsetzung einer Kommission zur Leitung des 
Ansiedlungsgeschäftes vor. Daraus ersieht man, dafs er ganz offen- 
bar auf die gleiche, damals erfolgte Entscheidung des kaiserlichen 
Bruders Einflufs genommen hatte. In seinem zitierten Schreiben 
verwies Karl ferner nochmals dringend auf die Bestrebungen 
Preufsens und legte ein preufsisches Ansiedlungspatent mit sehr 
lockenden Bedingungen vor. Er gab den Rat, die emigrierenden 
Reichsbürger nach Österreich zu ziehen, weil diese „selbst in den 

1) Aufser den für Ostgalizien (s. oben S. 90) und für Westgalizien nötigen 
Ansiedlern wurden gefordert: für Steiermark 17 Handwerker und 15 Ackerbauer- 
familien, für Böhmen 115 Kommerzial- und Polizeihandwerker und 18 Familien 
Ackerbauer, für Niederösterreich 10 Familien Kommerzial- und Polizeihandwerker. 
Mit den schon oben ausgewiesenen Familien für Ostgalizien ergibt sich die 
Summe von 798 Familien von der „verzehrenden" (Handwerker) und 198 von 
der „erzeugenden" Klasse (Bauern), zusammen 996 Familien. Tirol, Triest, 
Krain und Mähren wollten gar keine deutschen Ansiedler. Die Alpenländer 
hatten auch schon zur Zeit Kaiser Josephs kein Bedürfnis nach fremden An- 
siedlern. Vgl. oben S. 42. 



96 Weitere Berichte über Ansiedlungswerber. 

kultiviertesten österreichischen Staaten, die der Kultur der Reichs- 
lande noch sehr zurückstehen, noch so manches Gute veranlassen 
und die Industrie fordern könnten". Ferner hob der Erzherzog 
hervor, dafs auch aus dem Neu-Badischen und aus Franken An- 
siedler herbeigezogen werden könnten; man müsse „die ungemein 
günstigen Verhältnisse benutzen, die vielleicht in Jahrhunderten 
nicht wiederkehren würden". Er schlug vor, ein Patent zu er- 
lassen, um den preufsischen Bestrebungen entgegenzuarbeiten, und 
versprach die möglichste Förderung des Ansiedlungsgeschäftes. 

Alle diese dringenden Berichte erledigte die vereinigte Hof- 
kanzlei in bequemer Weise mit dem Hinweise auf die vom Kaiser 
anbefohlene Kommissionsberatung, deren Beschlüsse abzuwarten 
wären. Inzwischen erhielt Karl von Colloredo einen neuen Be- 
richt. In diesem wurde mitgeteilt, dafs die k. k. kurböhmische 
Gesandtschaft vom 17. Mai 1802 bis zum 22. Mai 1803 zusammen 
498 Familien oder 2105 Köpfe nach Ungarn und nach Ostgalizien 
geschickt hatte. Diese Auswanderer besafsen ein bares Ver- 
mögen von 80 758 fl., ein anzuhoffendes von 67 401 fl., also zu- 
sammen 148159 fl. Die meisten Familien sollten aber aufserdem 
noch Vermögen besitzen, das nicht ausgewiesen werden konnte. Nur 
die aus der Grafschaft Falkenstein stammenden Ansiedler waren zu- 
meist mittellos ; „ da sie aber bei so vielen Gelegenheiten durch Treue 
und Anhänglichkeit an den allerhöchsten Hof sich vorzüglich aus- 
gezeichnet hatten", erbat der Gesandte für sie besondere Unter- 
stützung. Auch Colloredo legte des preufsische Ansiedlungspatent 
vor. Der Erzherzog leitete schon am 2. Juni diesen Bericht an 
die vereinigte Hofkanzlei und befürwortete die Berücksichtigung 
der Falken Steiner. Bei dieser Gelegenheit betonte Karl nochmals 
die Wichtigkeit der von ihm angeregten Ansiedlungskommission, 
„damit die Leute wissen, an wen sie sich wenden sollen, und keine 
Zeit und Geld hier in Wien verlieren". 

Die letzten Zeilen dieses Schreibens Karls decken einen argen 
Mifsstand auf. Wie zur Zeit der grofsen Ansiedlungsbewegung unter 
Kaiser Joseph II. waren also in Wien zahlreiche Einwanderer 
zusammengeströmt, die von hier an die Ansiedlungsplätze nicht 
befördert wurden, weil die Anstalten nicht getroffen waren. Wenn 
Kaiser Franz schon am 11. Juni ein Handschreiben erliefs, um 



k 



Die Verhandlung der Hofstellen über die Ansiedlung. 97 

diesem von Karl gerügten Ubelstande abzuhelfen, so ist dies wohl 
wieder auf dessen Einflufs zurückzuführen. Der Kaiser befahl: 
Da aus der ehemaligen Grafschaft Falkenstein und aus anderen 
Gegenden zahlreiche Einwanderer eintrafen, die sich nirgends hin- 
zuwenden wissen, hier unnütz verweilen und ihre Barschaft ver- 
zehren, so finde ich nötig, dafs bis zur Entscheidung über die an- 
geordneten Beratungen, Hofrat Stahl die Ansiedler nach Mafsgabe 
der einlaufenden Berichte und Ausweise mit Marschrouten an die 
Ansiedlungsorte versieht. Die Leute sollen beim Strafsenbau ver- 
wendet und ihnen sonstige Arbeit verschafft werden, damit sie 
nicht dem Staate zur Last lallen. Wenige Tage früher hatte das 
Polizeiministerium entschieden, dafs die Einwanderer auch ohne 
vorschriftsmäfsige Pässe und Kundschaften aufzunehmen wären. 
Im Juni 1803 fanden die vom Kaiser angeordneten Verhand- 
lungen der Vertreter der vereinigten Hofkanzlei, der Staatskanzlei 
und der Hofkammer statt. Aus den Akten geht hervor, dafs 
(abgesehen von Ungarn) bisher Ansiedler nur nach Ostgalizien 
abgegangen waren. Für die Ansiedlung auf Privatgütern, in 
Städten und Märkten konnte angeblich nichts mehr geschehen. Wenn 
die Hof kammer auf Staats- und öffentlichen Landesgütern Grund zur 
Dotierung deutscher Ansiedler zur Verfügung hätte, so müsse vor 
allem für die Unterbringung der Untertanen aus der Grafschaft 
Falkenstein, für welche sich Erzherzog Karl verwendet habe , ge- 
sorgt werden, „zumal diese Untertanen ihr Vaterland aus beson- 
derer Anhänglichkeit gegen ihren vormaligen Landesfürsten ver- 
lassen und diesem getreue Untertanen auch in der Zukunft unter 
einem anderen Himmelsstrich verbleiben wollen". Die Kommission 
mufste zugeben, dafs die Gelegenheit zur Anwerbung von recht- 
schaffenen und vermöglichen Ackersleuten, Fabrikanten und Hand- 
werkern vorhanden sei, weil viele katholische Untertanen im 
Kelche ihrem neuen protestantischen Landesherrn nicht unterworfen 
sein wollten und die Fabrikanten in der Schweiz in ihrer In- 
dustrie und ihrem Absatz gestört worden seien. Ein Bericht ver- 
wies auch darauf, dafs diese Fabrikanten durch die inneren und 
äufseren Vorzüge ihrer Waren und einen sehr gut dirigierten 
Schleichhandel die Industrie Vorarlbergs, Tirols und der Vorlande 
hemmten 5 daher wäre es wichtig, diese helvetischen Handelshäuser 

Kaiudl, Gesch. d. DeatBChen i. d. Karpatb. III. 7 



08 Die Verhandlung der Hofstellen über die Ansiedlang. 

und Fabrikanten für Osterreich zu gewinnen. Aber diese Leute 
wüi'den infolge ihres Zutrauens zur österreichischen Regierung auch 
selbst kommen, zumal schon viele von ihnen in den Erbländern 
sich ansässig gemacht hätten. Die Kommission riet, dafs über die 
durch das Handschreiben vom 7. Oktober 1802 gewährten Frei- 
heiten nicht hinausgegangen werde, „weil allzu begünstigte Kolo- 
nisten glaubten, dafs sie von solcher Wichtigkeit wie die Spanier 
vormals in Mexiko seien und die Eingeborenen verachten". Die 
eingeborenen Untertanen fühlten sich durch die bevorzugten Frem- 
den gekränkt. Die deutschen Ansiedler verlören an Wert, wenn 
sie in Provinzen kämen, wo die deutsche Sprache nicht im Ge- 
brauche sei. Durch die Reise verzehrten sie ihr Vermögen und 
wären dann mittellos. Dem Kaiser wurde anheimgestellt, ob er 
den Falkensteinem ausnahmsweise Reisegeld, Verpflegung und Vor- 
schüsse gewähren wollte. Zu ihrer Übernahme und Ansiedlung 
müfsten einige Beamte bestellt werden, „weil sie sich wegen der 
Unkunde der Sprache nicht zu helfen wissen, folglich eigene Führer 
und Leiter haben müssen". 

Einzelne Kommissionsmitglieder machten noch eine Reihe an- 
derer Gründe gegen die Ansiedlung der Deutschen geltend. In 
Galizien wäre die Kultur durch sie nicht merklich gebessert worden. 
Die Ansiedlung von Nationalisten (Einheimischen) sei viel woiil- 
feiler und leichter. Die Güter würden durch Zerteilung von 
Gründen an die Ansiedler entwertet. Auf öden Gründen angesiedelte 
Einwanderer müfsten während der Urbarmachung vom Ärar er- 
halten werden. Man kenne nicht die Denkungsar t und die Grund- 
sätze der Ansiedler. Durch ihre Aufnahme verletze man die be- 
freundeten Staaten, aus denen sie auswanderten ; feindlich gesinnte 
Staaten sollte man aber nicht von ihren mifsvergnügten und un- 
ruhigen Untertanen mit Mühe und Kosten befreien. Die deutschea 
Erbländer hätten für auswärtige Ansiedler keine Gründe; für die 
Bukowina und Westgalizien würden sich genug Einheimische 
melden. „ Die beste Bevölkerung ist, die sich selbst bildet." Die 
Förderung der Landeskultur werde nicht durch solche gewöhnliche 
Ansiedler bewirkt, sondern nur durch Einwanderer mit Vermögen 
und vorzüglichen Talenten, deren Herbeiziehung gefordert werden 
sollte. Nur vereinzelte Stimmen erklärten die Ansiedlung in West- 



Kais. Handbillett v.2 3. Juli 1803. Einstellung d. Annahme v. Ansiedlern. 99 

galizien und in Ostgalizien, ferner im Bukowiner Kreise für mög- 
lich. Doch müfste man für die Kolonisten auch entsprechende 
Vorbereitungen treffen, ihnen Häuser bauen, Unterstützungen ge- 
währen und einen Ansiedlungskommissar anstellen. Für jede Fa- 
milie würden wenigstens 800 fl. nötig sein, was die schwierige 
Lage des Staates kaum gestatte. Von der Ansiedlung Fremder 
wurde daher um so mehr abgeraten, als ohnehin schon 900 Fa- 
milien angeworben waren. 

Kaum ist jemals von den österreichischen Zentralstellen ein 
ungünstigeres, aber auch ungerechteres Urteil über die deutsche 
Kolonisation gefallt worden, als es dieses „Konzertationsproto- 
koU" enthält, das am 4. Juli 1803 dem Kaiser Franz vorgelegt 
wurde. Die Hofstellen erhielten aber auch durch das Handbillett 
des Kaisers vom 23. Juli eine wohlverdiente Abfertigung. In 
diesem Handschreiben befahl der Kaiser die sofortige Einstellung 
der Ansiedlung. „Der Grund dieser Verfügung", so heifst es 
wörtlich, „und der Einstellung der Ansiedlungen, die sonst zu be- 
fördern wären, beruht aber einzig darauf, weil man Leute hinein- 
lockte, ohne auf der anderen Seite und im voraus für sie Ansied- 
lungen ausgemittelt zu haben". Der Kaiser befahl daher wieder, 
ordentliche Ausweise über die Ansiedlungsplätze und Ansiedlungs- 
bedingungen nach dem Muster der für die Militärgrenze üblichen 
herzustellen. Innerhalb vier Monaten sollten diese ausführlichen 
Auskünfte vorgelegt werden. Dominien, welche Ansiedler auf- 
nehmen wollten, sollten ebensolche Ausweise liefern. Der Auf- 
schub der Ansiedlungen war in den Augsburger, Frankfurter und 
Hamburger Zeitungen zu verkünden. 

Es ist kaum zu zweifeln, dafs auch diese Entscheidung des 
Kaisers vom Erzherzog Karl beeinflufst war. Darauf deutet schon 
der Verweis auf die mustergültigen Ausweise für die Militärgrenze, 
deren Kolonisation vom Hofkriegsrate geleitet worden war. Die 
Wiener Hofstellen nahmen die kaiserliche Entscheidung, wiewohl 
sie ihnen eine bittere Wahrheit sagte, wohl mit einer gewissen Be- 
friedigung auf, weil ihnen eine grofse Arbeitslast erspart blieb. 
Die vereinigte Hofkanzlei verbot sofort auch die Auswanderung 
aus Mähren, Böhmen und Österreich nach Galizien und dehnte 
die Einstellung der Ansiedlung auch auf die von den Domänen 

7* 



100 Unterbringung der eingewanderten Ansiedler. 

und den Privatbesitzern gewünschten Kolonisten aus. Erzherzog 
Karl versuchte vergebens gegen diese Auffassung anzukämpfen. 

Die Einstellung der Ansiedlung durch den Kaiser hatte nur 
den Zweck, so lange keine neuen Ansiedler aufzunehmen, bis die 
bereits aufgenommenen untergebracht ^) und für weitere Kolonisten 
Ansiedlungsplätze ermittelt worden wären. Die galizischen Ka- 
meralbehörden erhoben aber auch bei der Aufnahme der schon 
ins Land geschickten Ansiedler Schwierigkeiten. 

Die überwiegende Mehrzahl der Eingewanderten war in Städten 
und auf Privatgütern untergebracht worden; auf diese Weise ist 
in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts eine Reihe von An- 
siedlungen entstanden. Zur Ansiedlung auf den Staatsdomänen 
wurde, entsprechend der Weisung des Kaisers vom 11. Juni, nur 
eine geringe Anzahl, nämlich die Falkensteiner und andere An- 
siedler, zumeist aus der Rheingegend, bestimmt. Zufolge eines 
Hofdekrets vom 18. Juli 1803 begaben sich 19 dieser Familien 
nach Ostgalizien, 71 nach Westgalizien. Ihr Schicksal gestaltete 
sich überaus traurig. 

Die ostgalizische Domänen- und Salinenadministration machte 
bei der Unterbringung der geschickten Ansiedler überhaupt Schwie- 
rigkeiten; ja man dachte geradezu an ein Zurückschicken dieser 
Leute. Dagegen erhob der Hofrat Stahl , dem der Kaiser die Unter- 
bringung dieser Einwanderer anvertraut hatte, Einspruch, indem 
er betonte, dafs sie ihr Hab und Gut auf der langen Herreise und 
zum Teil durch schlechte „Ansiedlungseinleitungen" verzehrt hätten. 
Das ostgalizische Gubernium verfügte, dafs die Administration sie 
auf den Staats- und Salinengütern unterbringe. Dabei kamen 
allerlei Unzuträglichkeiten zutage. Für die Ansiedler waren keine 
Gründe ausgemittelt und keine Wohnungen vorbereitet; viele 
von ihnen hatten auf der Reise ihre Habe verzehrt; sie forderten 
Begünstigungen, die nicht zugestanden waren ; Leute, die bei der 
Anwerbung sich als Ackerbauer erklärt hatten, behaupteten jetzt, 
vom Landbau nichts zu verstehen. Auch wurde erklärt, dafs in 
Galizien kein Mangel an Ackersleuten vorhanden wäre, sondern 



1) Dies bemerkt übrigens der Kaiser selbst in seinem Handschreiben vom 
7. Mai 1804 (unten S. 103). 



Unterbringung der eingewanderten Ansiedler. 101 

blofs an Handwerkern, welche die Landwirtschaft erforderte. Gleich- 
zeitig legte die Administration Vorschläge für die künftige An- 
siedlung vor, die ohne Gewährung ausreichender Unterstützungen, 
ohne Herstellung der Gebäude, Beistellung des Zugviehes usw. 
nicht durchführbar wäre. Für die Ansiedlung auf Staatsgütern 
seien überhaupt wenig Plätze vorhanden ; die Einwanderer müfsten 
auf isolierten Grundstücken, Meierhöfen u. dgl. angesiedelt werden. 
Ebenso traurig erging es den nach Westgalizien geschickten 
Ansiedlern. Unter diesen befand sich eine Anzahl Familien, die 
Johann Herbert, Zenthauptmann aus Frammesbach am Spessart, 
zuerst in die Gegend von Fünfkirchen im südlichen Ungarn 
hatte führen wollen. Herbert hatte nach und nach 133 Fa- 
milien angeworben, doch reiste von diesen nur etwa die Hälfte 
im Juni und Juli 1803 nach Osterreich. Herbert selbst kam 
mit 47 Haushaltungen, die 245 Köpfe zählten; sie besafsen 7103 fl. 
bares Geld und liefsen in der Heimat 14178 fl. zurück. Sie reisten 
über Regensburg, wo sie vom Grafen Colloredo mit einem Passe 
versehen wurden, über Linz zu Wasser bis Wien. Von hier wurden 
sie wahrscheinlich zugleich mit den Falkensteinern nach West- 
galizien geschickt. Die Staatsgüteradministration daselbst wies aber 
den Johann Herbert und die anderen Ansiedler zurück, da sie 
nicht über genügendes Vermögen verfügten, um die nötigen Haus-, 
Acker- und Wirtschaftsgeräte anzuschaffen und sich bis zum Ende 
des künftigen Jahres zu ernähren. Auch waren nicht für alle An- 
siedlungsplätze vorhanden, und die Nationalisten sollten vor den 
Fremden den Vorzug haben. Wie der in Ostgalizien zurück- 
gewiesenen Ansiedler nahm sich Hofrat Stahl auch dieser Kolo- 
nisten an. Das westgalizische Gubernium erhielt den Auftrag, die 
Leute unterzubringen. Tatsächlich wurden nun für die Einwanderer 
öde Grundstücke auf den Staatsherrschaften KamieAczyk und 
Kielce ^) ausfindig gemacht; 53 Familien konnten hier als Bauern, 
9 als Gärtier untergebracht werden. Im ganzen waren von den 



1) Diese Orte lagen in jenem Teile von Westgalizien, der nördlich von 
Krakau bis in die Nähe von Warschau sich erstreckte. Kielce liegt bei S;in- 
domir, Kamienczyk am Bug nordwestlich von Warschau. Letzterer Ort ist der 
fernste Punkt österreichischer Ansiedlungsbestrebungen. Bekanntlich sind diese 
Gebiete 1809 wieder verloren gegangen. 



10? Unterbringung der eingewanderten Ansiedler. 

71 instradierten Familien noch 65 vorhanden. Sie hatten, da sie 
schon vor Monaten aus ihrer Heimat weggezogen waren und den 
teueren Unterhalt bisher selbst bestritten hatten, ihr ganzes „nicht 
geringfügiges" Vermögen aufgezehrt und waren ohne eigenes Ver- 
schulden in solche Not versetzt, „dafs sie nunmehr in den hiesigen 
Gassen truppenweise betteln gehen". Weder das Gubernium noch 
die Güteradministration vermochte diesen „bedauernswürdigen An- 
kömmlingen, wovon die gröfsere Hälfte in den Kinderjahren war, 
anderweitigen Erwerb auch nur für den notdürftigen Unterhalt an 
die Hand zu geben". Ohne Mittel konnten die Leute nicht an- 
gesiedelt werden. Das Gubernium forderte daher, dafs wenigstens 
für diese Einwanderer günstigere Ansiedlungsbedingungen gewährt 
würden: Herstellung der Wohn- und Wirtschaftsgebäude, An- 
schaffung der Ackergeräte, des Zug- und Zuchtviehes, den Winter- 
anbau für das erste Jahr, endlich bis zur nächsten Ernte einen 
Nalirungsbeitrag aus Staatsmitteln, also ungefähr jene Begünstigungen, 
wie sie unter Kaiser Joseph geboten worden waren. Für die Ge- 
w^älirung dieser Aushilfe trat das Gubernium sehr warm ein. Es 
führte unter anderem aus : Der Ackerbau ist in diesem Lande die 
einzige Quelle des Wohlstandes; zu seiner Förderung könne nie- 
mals zu viel geschehen. „Zu diesem so heilsamen Zweck kann 
hierlands keine Anstalt wirksamer sein, als die möglichste Ver- 
breitung des deutschen landwirtschaftlichen Fleifses unter den 
hierländigen Nationalen, die bei dem abgängigen Verkehr mit 
kultivierten Nachbarn, bei ihrer Unkunde einer besseren Landes- 
kultur und bei der Untätigkeit, die eine Folge ihres Verhältnisses 
gegen die Herrschaft ist, nur durch handgreifliche Beispiele ge- 
weckt und zur Betriebsamkeit angespornt werden können." Wie 
sehr widerspricht dieses Urteil dem oben erwähnten Konzertations- 
protokoU ! 

Mitte September 1803 beriet die Hofkammer über die Vor- 
schläge der ost- und westgalizischen Behörden. Da die weitere 
Annahme von Ansiedlern inzwischen eingestellt worden war, konnte 
es sich nach ihrer Anschauung nur um die Unterbringung der bereits 
Eingewanderten handeln. Sie erkannte an, dafs diese Leute sich in 
kläglicher Lage befanden: „auf fremden Boden, ohne Freunde, 
ohne Verwandte, unter Menschen von einer anderen Sprache, Sitten 



Unterbringung der eingewanderten Ansiedler. lOS 

und Gewohnheiten, ohne Vermögen und aus Mangel an Fabriken, 
Gewerben und anderer Beschäftigung auch ohne Arbeit und Ver- 
dienst". An ihrer Notlage wären sie zwar zum Teil selbst schuld, 
weil sie ohne genügende Mittel gekommen wären: „aber der 
Würde des Staates und der Milde seiner Majestät ziemt es, diese 
armen Leute nicht hilflos ihrem Schicksale zu überlassen." Daher 
wurden die Vorschläge der galizischen Behörden über die Ansied- 
lungsunterstützung gebilligt. Die Hofkammer forderte auch noch 
drei Freijahre und geringe Bemessung der hierauf zu leistenden 
Gaben; die Abstiftung sollte nur erfolgen, wenn die Ansiedler die 
Gaben und Vorschufsraten nicht entrichteten, ohne dafs sie durch 
einen Unglücksfall verhindert wären. Auch erfahren wir, dafs 
die Einwanderer inzwischen bei deutschen Insassen einquartiert und 
ihnen Tagegelder, für Erwachsene 4 Kreuzer, für Kinder 2 Kreuzer 
täglich, ausgezahlt werden sollten. Die Gesamtkosten für die in 
Westgalizien unterzubringenden 65 Familien wurden mit 52000 bis 
53000 fl. berechnet, nämlich mit 800 fl. für jede Familie. 

Die schwierige politische Lage und die anderen wichtigen 
Staatsgeschäfte mögen es erklären, dafs der Kaiser erst am 7. Mai 
1804 zur Ansiedlungsfrage in einem Handschreiben Stellung nahm. 
Er verwies darin auf seine früheren Entschliefsungen , mit denen 
er die Einstellung der weiteren Aufnahme von Fremden für die 
deutschen und ungarischen Erblinde verfügt und nur die Unter- 
bringung der bereits aufgenommenen anbefohlen hatte. Die Falken- 
steiner sollten „vor allen anderen" versorgt werden. Der Kaiser 
betrieb ferner aufs neue die von ihm geforderten Berichte über 
die künftige Ansiedlung. Sollten vermögende Handelsleute, Fabri- 
kanten oder andere bemittelte Private die Aufnahme verlangen, so 
wäre darüber ein Gutachten vorzulegen. 

Näheres über die schliefslich erfolgte Ansiedlung der Falken- 
steiner und der anderen mit ihnen nach Galizien gekommenen 
Kolonisten ist nicht bekannt ; sie sind wohl in bereits bestehenden 
Kolonien, ferner in jenen, die im ersten Jahrzehnt des 19. Jahr- 
hunderts entstanden, untergebracht worden. In den folgenden 
Jahren ist von Ansiedlungen, also vom Staate planmäfsig betriebener 
Herbeiziehung und Sefshaftmachung von Fremden, keine Rede mehr* 
Dagegen sind Einwanderungen von vermögenden Leuten, wie sie 



104 Einwanderung vermögender Ansiedler. 

schon das „Konzertationsprotokoll" befürwortet und auch das letzt- 
zitierte Handschreiben des Kaisers berührt hatte, vorgekommen 
und gern gesehen worden. So berichtet z. B. Hofrat Schraut aus 
Stuttgart im April 1805, dafs er zufolge der ergangenen Weisungen 
viele Ansiedlungswerber abgewiesen habe ; nur im folgenden Falle 
hätte er eine Ausnahme gemacht. Michael Scherer, ein geborener 
Württemberger, war schon früher in Galizien und wies zwei rechts- 
gültige Kaufbriefe über den Besitz von zwei Gütern bei Stryj, 
die zusammen über 1000 Morgen Land umfafsten, vor. Ihm 
hatten sich 19 Familien, von denen mehrere 3 bis 11 Kinder 
zählten, angeschlossen; alle besafsen einiges Vermögen und die 
Entlassungsscheine ihrer Obrigkeit. Die Hausväter betrieben neben 
dem Ackerbau auch Handwerk ; sie besafsen viele Pferde und be- 
trächtlichen Hausrat, eine grofse Zahl Knechte und Mägde. Scherer 
gab diesen Familien Anteile an den schon erkauften Gütern. Unter 
Berücksichtigung aller dieser Umstände stellte Schraut sämtlichen 
Familien Pässe aus und fragte gleichzeitig an, was er in Zukunft 
zu beobachten habe. Ebenso meldete im Mai' 1805 Freiherr 
von Wessenberg, k. k. Minister des oberrheinischen Kreises, dafs 
zahlreiche Familien, meistens aus Westfalen, dem Fuldischen und 
den französischen Rheindepartements, darunter Ackersleute mit 
1000 bis 2000 fl. Vermögen, Ansiedlungspässe nach Polen und 
Ungarn forderten; auch er fragte, was er zu tun habe. Im Juni 
1805 entschied die vereinigte Hof kanzlei entsprechend den früheren 
Verfügungen, dafs die Aufnahme von gutgesitteten, vermögenden 
Einwanderern gestattet sei ; nur Ansiedler, die besondere Be- 
günstigungen vom Staate forderten, seien nicht aufzunehmen. Auch 
in den folgenden Jahren ergingen ähnliche Erlässe; 1811 wurde 
befohlen, dafs mit Ende jedes Jahres die Zahl der in Galizien 
Eingewanderten mit möglichster Verläfsli'shkeit anzugeben sei; 1812 
wurde die weitere Aufnahme von Mennoniten verboten ^). Daraus 
geht hervor, dafs Einwanderungen auch in dieser Zeit stattfanden. 
In den folgenden Jahren suchte die Eegierung die Einwan- 

1) Zu dieser Mafsregel veranlafste nach einer Angabe von 1812 die Ee- 
gierung blofs der Umstand, dafs die Mennoniten keine Militärdienste leisteten. 
Sie wurden sonst als „stille, lieifsige, ihre Geschäfte mit Eifer treibende Men- 
schen geschildert". 



Spätere Ansiedlungspläne auf Karaeralgütern. 105 

derung von Handwerkern zu fördern. Das galizische Landes- 
guberniura verwies 1813 darauf, dafs alle bisherigen Verordnungen 
und Privilegien nicht genügt hätten ; auch das Ansiedlungsnormale 
von 1787 konnte nur gemeine arme Handwerker anlocken. In 
Lemberg gab es z. B. blofs vier Maurermeister; besonders grofs 
war der Mangel an Kommerzialprofessionisten. Daher befürwortete 
das Gubernium auch 1815 die „Anlockung" von Professionisten 
aus dem Ausland und aus den anderen erbländischen Staaten, 
worauf sich die Hofkanzlei für die Gewährung zehnjähriger Be- 
freiung von der Erwerbsteuer für solche Ansiedler aussprach. Aber 
auch an bäuerliche Ansiedlungen wurde wieder gedacht. Zufolge 
einer kaiserhchen Entschliefsung vom 11. August 1818 erging am 
20. August an alle Landesstellen das Zirkular, dafs die Ansiedler 
auf den zur Zerstückelung bestimmten Dominikaiansässigkeiten 
wenigstens mit 80 Motzen Gründen ^) dotiert werden sollten. Gleich- 
zeitig wurde der Antrag erörtert, 15 deutschböhmische Familien 
Fafsdaubenarbeiter auf der Kameralherrschaft Borynia (Bezirks- 
hauptmannschaft Turka) anzusiedeln ; da diese zum Teil von ihrem 
Lohne leben würden, sollten sie nur eine Bestiftung von je 
15 Joch (45 Hetzen) erhalten. Im Jahre 1826 wurde zur 
Hintanhaltung von Verbrechen die Ansiedlung einer betriebsamen 
Bevölkerung in den menschenleeren Gegenden der Kreise Stanis- 
lau und Kolomea (Ostgalizien) und Czernowitz (Bukowina) an- 
geregt; nach jahrelanger Verhandlung wurde schliefslich entschie- 
den (1835), dafs auf den Staatsherrschaften in Galizien keine An- 
siedlungen mehr stattfinden könnten. Nur in Neu-Misun (bei 
Dolina) soll die Regierung 1844 zwölf Familien aus Deutschböhmen 
und Bayern ^) angesiedelt haben ; jede Familie erhielt jedoch nur 
8 Joch Feld, 2 Joch Wald und 2 Joch Hutweide. Hervorgehoben 
mufs noch werden, dafs die staatliche Beeinflussung der Einwan- 
derung ins Krakauer Gebiet und die weiter nördlich liegenden 
Teile von „ Westgalizien " schon 1809 aufgehört hatte, da diese 



1) Vgl. oben S. 88. 3 Metzen wurden auf 1 Joch gerechnet (S. 40 Anra.); 
es sollte daher jede Familie wenigstens 26| Joch erhalten. 

2) Auch aus anderen Berichten ist bekannt, dafs damals Ansiedler aus 
Bayern kamen (Kaindl, Das Ansiedlungswesen in der Bukowina S. 89). 



10^ Die Privatansiedlung im 19. Jahrhundert.. 

Landesteile wieder verloren gingen; erst 1846 ist Krakau wieder an 
Osterreich zurückgefallen. 

Während also die staatliche Ansiedlung vollständig versagte, 
hat die private im 19. Jahrhundert einen erfreulichen Aufschwung 
genommen: dies ist wohl der beste Beweis dafür, dafs die nähere 
Bekanntschaft mit den deutschen Kolonisten ein günstiges Zeugnis 
für sie ablegte ; während anfangs die Grundherren sich nur schwer 
zu deutschen Ansiedlungen entschlossen , nahmen sie seit dem Ende 
des 18. Jahrhunderts gern Deutsche auf ihren Gütern auf. So 
parzellierte z. B. schon etwa 1800 der Grundherr Sygnöw ein 
Gut bei Lemberg und siedelte daselbst 24 deutsche Familien aus 
Böhmen und Mähren an ; es entstand die Kolonie Sygnöwka. Ebenso 
wurden gegründet die Kolonien: Teresöwka bei Dolina (1818); 
Baginsberg auf einem Gute der Familie Baginski bei Kolomea 
(1818); Polowce bei Czortköw (1819); Knihinin bei Stanislau 
(1823); Machliniec, Kornelowka, Nowesiolo und Jzydoröwka, 
sämtlich um 1830 im Bezirk Zurawno; ferner um dieselbe Zeit Josefs- 
thal und Ludwigsdorf im Bezirk Dolina ; ebenso Annaberg, Felizien- 
thal und Karlsdorf im Bezirk Skole (1835) u. a. Zuweilen siedelten 
Pfarrer auf ihren ausgedehnten Pfarrgründen zu deren besserer 
Ausnutzung Deutsche an; so gründete Pfarrer Sobolöwski etwa 
1838 die aus protestantischen und katholischen Deutschen be- 
stehende Ansiedlung Sobolöwka (Zloczöw). Auch einzelne Städte 
haben ihre überflüssigen Gründe deutschen Ansiedlern überlassen. 
Der Magistrat von Kolomea übertrug z. B. schon 1811 waldbedeckte, 
sumpfige Gründe an etwa 40 deutsch -böhmische Familien, die aus 
Karlsberg in der Bukowina ausgewandert waren; auf diese Weise 
entstand die Kolonie Mariahilf, die eine Vorstadt von Kolomea bildet. 
Später wurden auf Kolomeer Stadtgebiet auch die Ansiedlungen 
Flehberg (um 1842) und Rosenheck (um 1866) gegründet. Auch die 
Stadt Sniatyn besafs zahlreiche ganz verwahrloste Gründe; das Kolo- 
meer Kreisamt berichtete schon 1830, dafs hier arbeitsame Menschen 
angesiedelt werden sollten. Der städtische Ausschufs von Sniatyn 
Buchte die Verhandlungen mit den deutschen Ansiedlungswerbern 
möglichst zu verzögern, um sie durch langes Warten zu ermüden 
und zum Rücktritt zu veranlassen; auf diese Weise sollte den 
städtischen Insassen der Genufs der Stadtgründe gegen Entrich- 



Die Privatansiedlung im 19. Jahrhundert. 107 

tung unbedeutender Zinse zum Nachteil der Stadtkasse gesichert 
werden. Erst 1835 wurde die Entscheidung zugunsten der 20 
deutschen Ansiedlerfamilien getroffen, die zusammen 366 Joch 
500 Quadratklafter in Erbpacht gegen entsprechenden Zins be- 
kamen. Die Ansiedlung erhielt nach dem damaligen Bürgermeister 
von Öniatyn den Namen Augustdorf und gehört als Vorstadt zut 
Sniatyn. 

Viele Ansiedler liefsen sich auf frei angekauften Gründen nieder. 
So kauften einige deutsche Familien schon vor 1809 das adelige 
Gut Grodske bei Neu-Sandec und siedelten sich daselbst an. Ins- 
besondere haben sich bereits bestehende Kolonien auf diese Weise 
bedeutend vergröfsert. Im Jahre 1883 kauften z. B. Gemeinde- 
mitglieder von Machliniec das angrenzende Gut, teilten es in 
21 Parzellen und vergröfserten auf diese Weise die alte Ansied- 
lung um 21 Wirtschaften. Ahnliches geschah in Baginsberg, 
Mariahilf, Teresöwka und an anderen Orten. Durch Ankauf ent- 
ßtanden auch ganz neue Kolonien. So ist Korost bei Drohobycz 
auf angekauften Gründen errichtet worden (etwa um 1833/4). 
Wola Oblaznica bei Nowesiolo wurde auf einem Gute begründet, 
das Deutsche aus Machliniec vom deutschen Grundherrn Albrecht 
Seelieb gekauft haben (um 1868). Ebenso ist das benachbarte 
Kontra wers bei Jzydorowka entstanden (etwa 1899). Auf an- 
gekauften Gründen siedelten sich auch an zahlreichen anderen 
Orten besonders in den letzten Jahrzehnten Deutsche an, so in 
Korolöwka bei Leszniöw im Bezirk Brody (1865), in Rudolfsdorf 
bei Stecowa im Bezirk Sniatyn (1884), in Sewerynowka bei Ka- 
mionka Mala im Bezirk Kolomea (1889) u. a. 

Aufserdem liefsen sich Deutsche in Städten und Industrie- 
orten nieder. Insbesondere boten die Petroleumgruben in Boryslaw, 
ferner die Sägewerke in Demnia Wyzna bei Skole, in Leopoldsdorf 
bei Ludwigsdorf (Dolina) u. a. Veranlassung zur Ansiedlung von 
Deutschen. 

Die Ansiedlungen im 19. Jahrhundert sind zum Teil von 
Deutschen aus den bereits bestehenden übervölkerten deutschen 
Kolonien gegründet; Einwanderungen aus Deutschland und den 
deutsch - österreichischen Ländern kamen seit etwa 1805 nur ver- 
einzelt vor, denn seit diesem Zeitpunkte hörte die planmäfsige 



108 Die Privatansiedlung ira 19. Jahrhundert. 

Herbeiziehung von Ansiedlern auf. Dagegen sind zahlreiche 
Deutschböhmen aus eigenem Antrieb gekommen. Sie haben sich 
schon seit Josephs II. Zeiten um Ansiedlungen in öalizien eifrig be- 
worben; damals (1784) klagten schon die Behörden über die „in 
Böhmen eingeschlichene Sucht zur Auswanderung". Die Herbei- 
ziehung deutsch - böhmischer Glasarbeiter und Holzhauer in die 
Bukowina, ferner die seit 1826 für Galizien und die Bukowina 
angeregten staatlichen Ansiedlungen haben zahlreiche Familien zur 
Einwanderung verlockt, die dann bei privaten Grundherren Unter- 
kommen suchen mufsten. Bereits im Lande ansässige Einwanderer 
haben hierauf Nachzüge aus Böhmen veranlafst ^). Zur Auswan- 
derung bereite Elemente fanden sich unter den Deutschböhmen 
stets in grofser Zahl, denn die Not des besitzlosen Teiles und der 
„Heute" (Inleute) war grofs; dazu kam, dafs die Burschen durch 
die gewaltsamen Rekrutierungen in die Fremde getrieben wurden -). 
Unter den Auswanderern befanden sich Leute, die daheim nur ein 
„ Trief häusl" hatten, d. h. es gehörte ihnen um ihre Hütte nur 
jener Grund, auf dem es vom Hausdach heruntertropfte. Von den 
Deutschböhmen erzählt man auch, dafs sie mit Hundewäglein 
kamen. Auf diese Weise sind zahlreiche deutsch- böhmische Kolonien 
in Galizien entstanden. 

Übersicht der Ansiedlungsorte. Herkunft und Zahl der An- 
siedler. 

Die Geschichte der einzelnen deutschen Siedlungen ist noch 
wenig erforscht; aktenmäfsige Studien wurden bisher selten be- 
trieben. Selbst die Angaben über die Gründungsjahre wider- 
sprechen sich sehr. Auch die im folgenden gebotene Übersicht 
der deutschen Ansiedlungen wird nicht vollständig befriedigen, ob- 



1) Bezeichnend ist die Gründungsgeschichte von Machliniec. Ein Deutsch- 
böhme, namens Christoph Angermann, der gegen Napoleon mitgekämpft hatte, 
kam zum Gestüte Wierzany bei Strj'j. Als er in seine Heimat zurückkehrte, 
warb er im Auftrage des Grundherrn Dobrzanski von Daszawa Ansiedler. Zu- 
erst kam nur einer. Auf sein Drängen und Bitten kamen 1823 weitere An- 
siedler, denen Nachschübe folgten. 

2) Näheres darüber bei P. Grassl, Geschichte der deutsch -böhmischrn 
Ansiedlungen im Banat (Prag 1904), S. 12 f. 



Übersicht der Ansiedlungsorte in Gaiizien. 109 

wohl alle zugänglichen Akten und Druckwerke benutzt wurden. 
Die den Namen beigesetzten Zahlen bezeichnen in der Regel das 
Jahr der ersten Erwähnung; viele von den Ansiedlungen werden 
also etwas früher entstanden sein. Wo die Jahreszahl zweifelhaft 
war, wurde sie Jcursiv gesetzt. Vielen Siedlungen konnte über- 
haupt keine Jahreszahl beigefügt werden. Ein Sternchen bezeich- 
net die Kolonie als ganz oder vorwiegend deutsch - böhmisch. 
Zwischen „ " sind einige Namen gesetzt, deren Identifizierung 
mit bestehenden Orten nicht gelungen ist. Gesperrt wurden 
die Namen der gegenwärtig beachtenswerten Ansiedlungen (etwa 
170); diese Beurteilung hängt von vielen Faktoren ab und 
dürfte nicht immer gelungen sein. Schon die Abschätzung der 
Zahl der Deutschen ist nicht leicht ^) ; viel schwieriger gestaltet 
sich aber die Einschätzung der Widerstandskraft und der völ- 
kischen Gesinnung. In den durch den Druck nicht ausgezeich- 
neten Orten sind die Siedlungen entweder schwach oder schon 
völlig eingegangen. Auch diese Unterscheidung ist sehr schwer, 
denn bei der Zählung von 1910 dürften infolge der seit einigen 
Jahren eingesetzten völkischen Bewegung an vielen Orten Deutsche 
hervortreten, die bei den Zählungen von 1890 und 1900 sich 
noch zu einer nichtdeutschen Umgangssprache bekannt haben. 
Nach den gegenwärtig vorliegenden amtlichen Nachrichten ist es 
oft gar nicht möglich, sich von der wirklichen nationalen Zusammen- 
setzung der Ortsbevölkerung ein richtiges Bild zu machen. Immer- 
hin dürften von den durch gesperrten Druck nicht ausgezeichneten 
Orten noch etwa 50 deutsche Minderheiten aufweisen, so dafs in 
Gaiizien in etwa 220 Orten Deutsche in beachtenswerter Zahl 
wohnen. Ungefähr die Hälfte dieser Orte sind selbständige deutsche 
Gemeinden; die anderen gehören zu nichtdeutschen Gemeinden, 
sind aber oft zu eigenen Schul- und Kirchengemeinden organisiert. 
An vielen der genannten Orte ist endlich das Deutschtum tatsäch- 
lich erstorben; dieses Schicksal traf aber in der Regel nur An- 
siedlungen, die aus wenigen Familien bestanden. Oft handelte es 
sich nur um vorübergehende Unterbringung: so sind z. B. die 1783 
in Jata angesiedelten neun Familien schon vor 1787 anderwärts 



1) Vgl. weiter unten S. 127. 



110 Übersicht der Ansiedlungsorte in Galizien. 

untergebracht worden ^). Viele Orte, in welchen gegenwärtig nur 
wenige Deutsche wohnen, werden gar nicht genannt. 

Im folgenden Verzeichnisse werden die Orte nach den Bezirks- 
hauptmannschaften angeführt; und zwar innerhalb derselben, so- 
weit möglich, in chronologischer Reihenfolge. Die Bezirkshaupt- 
mannschaften sind in der Richtung von Westen nach Osten an- 
geordnet. Alle Namensformen sind den amtlichen Akten oder der 
älteren Literatur entnommen; nur für einige kursiv gedruckte 
Namen fehlen diese Belege, doch sind sie heute üblich. Leider 
sind gegenwärtig schon zahlreiche von den deutschen Namenformen 
aufgegeben worden. 

In der Bezirkshauptmannschaft Biala erhielten einzelne der 
alten deutschen Orte kleine Nachschübe, so Biala und K^ty 
(1786), wohl auch Kunzendorf-Lipnik und Wilhelmsau- 
Welmesau- Wilamowice. Zur Zeit Kaiser Josephs IL soll die An- 
siedlung in Aizen-Halcnöw (1783) entstanden sein, doch ist sie 
wie die anderen deutschen Orte dieser Gegend wohl älteren Ur- 
sprungs. Gegenwärtig wohnen auch noch Deutsche in Brzezinka 
und Komorowice. Wegen ihrer einstigen Zugehörigkeit zu Schlesien 
und wegen der deutschen Bevölkerung wurde dieser Teil West- 
galiziens (die einstigen Fürstentümer Auschwitz und Zator) zum 
deutschen Bundesgebiete gerechnet. 

Die Bezirkshauptmannschaft Saybusch weist nur im gleich- 
namigen Orte eine Anzahl Deutscher auf. 

In der Bezirkshauptmannschaft Wadowice werden Andrichau, 
Wieprz, Patzdorf-Pazowice und Wadowice als Orte genannt (1786), 
die deutsche Ansiedler aufnahmen. 

Bezirkshauptmannschaft Krakau. In Kazimierz (zu Krakau) 
siedelten sich 1774 — 1777 viele Deutsche an (vgl. oben S. 7 ff.), 
ebenso in Krakau überhaupt, 1795 — 1809. Podgörze entstand seit 



1) Vorübergehend wohnten Deutsche gewifs noch an verschiedenen anderen 
Orten, die unten nicht genannt werden. Aus dem oben Bemerkten ergeben sich^ 
leicht die verschieden hoch angegebenen Zahlen der deutschen Siedlungen. So 
spricht Bohrer (1804) von 120 Pflanzdörfern, Bredetzky (1812) von über 
180, trotzdem in der Zwischenzeit nur wenige neue Ansiedlungen entstanden sind. 
Ebenso schwankt die Zählung in neuerer Zeit (Fritsche, Buzek, Harlos, 
Schmidt). 



Übersicht der Ansiedlungsorte in Galizien. 111 

1782 als freie königliche Stadt, in der sich viele Deutsche nieder- 
liefsen (oben S. 28 f.). 

In der Bezirkshauptmannschaft Wielicka entstand 1785 Led- 
nitz-Lednica Niemiecka. 

Bezirkshauptmannschaft Bochnia. 1783: Bartuschitz-Bratucice, 
Boguschitz - Bogucice, Steindorf- Kamionna, Klay - Klaj, Kretschof- 
Krzeczow, Fürstenau-Ksiaznice und Niepolomice. 1784: Gablau- 
Gawlow und Majkowitz-Majkov\ice. 1785: Trinitatis und Vogts- 
berg (Vogtsdorf) -Woytowst wo bei Bochnia ^); auch in dieser Stadt 
selbst liefsen sich Deutsche nieder. 

In der Bezirkshauptmannschaft Limanowa entstand nur eine 
Siedlung in Wachendorf (Wochendorf)- Strzeszyce (1783). 

Die Bezirkshauptmannschaft Neu-Sandec bildete wie im Mittel- 
alter auch jetzt ein wichtiges Kolonisationsgebiet. 1783: Gaben- 
Gaboii, Golgowitz-Golkowice Niemieckie, Hundsdorf-Kulm- 
Chelmiec Niemieckie, Laufendorf- Biegonice, Naszaczowice, Neu- 
dörfl (Mayersdörfel) - Podmajerz, Podritz -Podrzycze (Ünterbach)^ 
Tannendorf- Swierkla, Wiesendorf-Laczko und Bikowitz-Zbikowice. 
1784: Ernsdorf (Ernstdorf) - Szczerez , ,, Morau " - „ Morawina '', 
OUschau - Olszanka und Podegrodzie. 1785: Hutweide-Gaj und 
Katschau-Kadcza. 1786 erscheinen Deutsche in Podkamienica oder 
Zakamenica, einer Vorstadt von Neu-Sandec; in diesem Orte 
siedelten sich auch später Deutsche an. 1786 — 1812 wird auch 
Zaundorf genannt; es ist ein Teil von Podegrodzie. 1787: 
D^bröwka Niemiecka 2). 1788: Bartschitz-Barczyce, Bitschitz- 
Biczyce Niemieckie, Juraszowa, Marcinkowice, Mokra Wies, 
Pi^tkowa (Kolonia Piatkowska), Rytro, Stadlo, Swiniarsko und 
Zagorzyn. Vor 1809: Grodske (Grodzkie, Vorstadt von Neu- 
Sandec), Jamnica (zu Kunöw), Drzykowa (zu Rdziostöw), Zalubince 
und Zawada. Vor 1812: Gol^bkowice, Januszowa und Popardowa. 
Auch nach Biczyce Polskie und Gotkowice Polskie zogen sich 
Deutsche. 

In der Bezirkshauptmannschaft Gryböw erscheint seit 1788 

1) Die Ansiedlung entstand also auf den Gütern der Vogtei in Bochnia 
I, S. 192); heute ist sie in diesem Orte aufgegangen. 

2) Diese Ansiedlung war zunächst für Juden angelegt und hiefs Neu-Jer;- 
lem. Da sie nicht den Erwartungen entsprachen, wurden sie abgestiftet. 



113 Übersicht der Ansiodluagsorte in Galizien. 

Mystköw als Ansiedlungsort, ferner vor 1Ö09: Cienawa und Stara 
Wiei. 

Bezirkshauptmannschaft Tarnöw: Szczepanowice und Tarnöw 
(1786), Ostrau-Oströw (vor 1794). 

In der Bezirkshauptmannschaft Ropczyce erscheinen Deutsche 
nur in D^bica (1786). 

Bezirkshauptmannschaft Kolbuszowa. 1783: Ostrau-Ostrowy 
Tuszowskie Kolonia, Wildenthai und Ranischau. 8päter liefsen. 
sich Deutsche auch in Wilcza Wola und Wola Ranizowska nieder. 

Bezirkshauptmannschaft Mielec. 1783:Hohenbach, Josefs- 
dorf, Paden-Padew Kolonia, Reichsheim, Schönanger 
und Tuszöw Kolonia. 1786: Mielec. 1862: Preppendorf* (zu 
Wampierzöw). 1853: Goleszöw. 

Bezirkshauptmannschaft Tarnobrzeg: Sulichow (zu Krawce). 

Bezirkshauptraannschaft Nisko. 1783: Jattau-Jata, Jeschau- 
Jezowe, Klischof-Klyzow, Nisko, Grofs- und Klein-Rauchersdorf, 
Steinau und Tanefsau - Wulka Tanewska. Von Steinau zogen 
sich Deutsche auch nach Kamien. 

In der Bezirkshauptmannschaft Rzeszöw erhielt der gleich- 
namige Ort schon 1786 deutsche Ansiedler. 

Bezirkshauptmannschaft Lancut. 1786: Dornbach (anfangs des 
19. Jahrhunderts entstand auch Neu- Dornbach) und Königsberg. 
Angeblich schon 1783, jedenfalls vor 1788 wurde Gillershof- 
Gillarowa begründet. Lancut und Lezajsk erhielten deutsche Zuzüge 
(1786). Vor 1812 (angeblich 1801) entstand die Siedlung in Ba- 
ranowka-Hirschbach. Auch nach Lukowa kamen Deutsche. 

In der Bezirkshauptmannschaft Przeworsk erhielt Przeworsk 
schon 1786 deutsche Ansiedler; später bestand hier die kleine An- 
siedlung Manasterz (1869). 

Nach Jaroslau in der gleichnamigen Bezirkshauptmannschaft 
kamen gewifs schon unter Maria Theresia (s. oben S. 7 ff.), ferner 
unter Kaiser Joseph II. Deutsche (1786). Auch Przemy^l und 
Sanok in den gleichnamigen Bezirkshauptmannschaften weisen 1786 
deutsche Ansiedler auf. 

In der Bezirkshauptmannschaft Lisko wird 1783/4 die Kolonie 
Bandrow und 1788 Deutschberehy-Siegenthal genannt. Auch 
in Lisko wohnten 1786 Deutsche. 



Übersicht der Ansiedliingsorte in Galizien. 115 

Bezirkshauptmannschaft Dobromil. 1783: Engelsbrunn 
(Vorstadt von Dobromil; auch in Dobromil selbst liefsen sich An- 
siedler nieder 1786), Falkenberg, Makow-Makowa Kolonia, 
Obersdorf und Rosenburg. 1783/4: Steinfels. 178i: 
Prinzenthal. Deutsche wohnen auch in Kro^cienko, Liskowate 
Makowa Rustykalna und Stebnik. 

Bezirkshauptmannschaft Sambor. 1783: Kaisersdorf- 
Kalinöw, Neudorf (Niesterdorf, Neu-Czukiew), Sambor i). 1784: 
Kranzberg. 1785: Burtsc hitz-Neu-Burczyce. AuchinAlt- 
Burczyce (Burczyce Stary) wohnen Deutsche. 

In der Bezirkshauptmannschaft Stary Sambor entstand kurz 
vor 1812 eine Ansiedlung in Wolcza dolna. 

In der Bezirkshauptmannschaft Turka entstand eine Ansiedlung 
in Borynia* (1818). 

Bezirkshauptmannschaft Drohobycz. 1783: Bolechowce, Kö- 
nigsau, Luschkau-Luzek Dolny, Medenice, Neudorf und Stronau- 
Stronna. 1784: Gassendorf. 17H5: Billiz - Bilcze , Bistritz- 
Bystrzyca, Drohobycz, Josephsberg, Sommerau-Letnia und 
Ugartsberg. Vor 1812 : Dobrohostöw und Rolöw. ISSSjd: 
Korost* Vor 1869: Horucko. 1874: Mallmannstal* (zu Maj- 
dan). Ferner wohnen Deutsche inBoryslaw*, Krynica, Schod- 
nica, Stebnik und Ulyczno. 

Bezirkshauptmannschaft Stryj. 1783: Brigidau. 1786: 
Gelsendorf mit Neu-Oleksice (Oleksice Nowy). Vor 1800: 
Stryj. 1830: Grabowiec Stryjski. 1835: Annaberg* Fe- 
lizienthal* und Karlsdorf*. Ferner wohnen Deutsche in 
Bratkowce, Demnia Wyzna* (zu Skole Miastecko und Skole 
Wieä), Daszawa, Duliby, Holobutöw, Kawsko, Klimiec*, 
Komaröw mit Oleksice Stary, Jiawoczne, Lisiatyce, Pod- 
horce, Smorze Dolne* und Tucholka *. 

Bezirkshauptmannschat't Rudki. 1783: Neu-Kupnowitz^). 
1850: Horozanna Mala und Wielka. 1900: Kropielniki. 

1) Hier siedelten sich besonders Handwerker (Kimstweber) an. 

2) Für diesen Ort kommt 1784 auch die BHzei<-hnung Josephsdorf vor; sie 
ist offenbar lallen gelassen worden, weil 1783 schon ein Ort dieses Namens itt 
der BezirkshaupTmannschaft Mielec entstanden war (s. oben S. 112). 

Kaindl, Gesch. d. Deatschen i. d. Karpath. ni. 8 



114 Übersicht der Ansiedlungsorte in Galizien. 

Bezirkshauptmannschaft Jaworöw. 1783:Berdikau(zu Moos- 
berg), Fehlbach, Jaworöw, Jazöw Stary (Alt-Jazöw) mit No- 
winy, Muzylowice Kolonia (Münchenthal) und Olszanica. 1785: 
Schumlau und Podluby Wielkie. 1786: Moosberg. 1788: Reh- 
berg. 1792: Kuttenberg (Guttenberg, zu Zbadyn). Vor 1794: 
Kleindorf (zu Moloszkowice). Ferner wohnen Deutsche in Ber- 
dychöw und Ozomla. 

Bezirkshauptmannschaft Cieszanöw. 1783: Burgau, Felsen- 
dorf, Freifeld (zuweilen irrig Treufeld), Lindenau, Lubaczöw, 
Ostrowiec und Reich au. 1785: Deutschbach. Deutsche liefsen 
sich auch in Basznia Dolna und Görna, Brusno Nowy und Stare, 
in Oleszyce und in Oleszyce Stary nieder. 

Bezirkshauptmannschaft Rawa Ruska. 1783: Einsingen 
(früher Ainsingen) und Smolin. 1786: Bruckenthal. 1817: 
Josefinendorf. 1819: Michalöwka. 

Bezirkshauptmannschaft 2ölkiew. 1786: Mierzwica, Mo- 
krotyn Kolonia und Zölkiew. 1788:Wiesenberg. 1824 ; T h e o - 
dorshof. 1883: S am 6 wksi. (Rehdorf , zu Turynka). Deutsche 
wohnen auch in Glinsko, Krasiczyn*, Rözanka und Ignacöwka, 
Rudolfshof (zu Kupiczwola), Stanislöwka* und Zeldec. 

Bezirkshauptmannschuft Grödek. 1783: Hartfeld. 1785: 
Rottenhan und Schönthal. 1786: Wielkopole. 1788: Brunn- 
dorf, Burgthal, Ottenhausen, Vorderberg ^) und Weissen- 
berg. 1791: Ebenau. Anfang des 19. Jahrhunderts (1805): 
Walddorf. 1830: Neuhof. 1860: Kiernica (Peterswalde, Mag- 
dalenenhof). Aufserdem wohnen Deutsche in Grödek, Janöw, 
Karaczynöw, Müllersdorf (zum Gutsgebiet Artyszczöw) und 
Rzeczyczany. 

Bezirkshauptmannschaft Lemberg. In Lemberg siedelten sich 
seit der Erwerbung des Landes durch Österreich (1772) Deutsche 
an. 1783: Glinna und Kaltwasser. 1785: Falkenstein *), 



1) Vorderberg hiefs früher auch Wojtowstwo, ist also wie Vogtsberg bei 
Bochnia (s. oben S. 111, Anm. 1) auf Gründen einer Vogtei entstanden. 

2) Falkenstein, Einsiedel und Rosenberg sind die ältesten Niederlassungen 
der Mennoniten (Wiedertäufer, Taufgesinnte) in Galizien. Gegenwärtig leben 
Mennoniten auch in vielen anderen Orten Galiziens; doch sind sie infolge von 
Auswanderungen nach Amerika im Rückgang begriffen. 



Übersicht der Ansiedlungsorte in Galizien. 115 

ünterbergen und Weinbergen. 1786: Dornfeld, Ein- 
ßiedel und Rosenberg. 1788: Lindenfeld. 1789: Chrusno 
(Neu-Chrusno und Alt -Chrusno) und Reichenbach. 1800: 
Sygnöwka*. Vor 1812 waren in „Bogdanuwka" bei Lemberg 
deutsche Gärtner ansässig. Deutsche Siedlungen bestehen ferner 
in Bilohorszcze, Dobrzany, Kleparöw, Krasöw, Lubiana, Mostki, 
Oströw, Szczerzec, Tolszczöw, Winniki und Zimnawoda. 

Bezirkshauptmannschaft Böbrka. 1786:Mühlbach und Reh - 
feld. Zwischen 1794 und 1812: Emsdorf (früher Ernstdorf). 
1882: Heinrichsdorf (zu Strzeliska Stare). Auch in Chodorow 
wohnen Deutsche. 

Bezirkshauptmannschaft Zydaczöw. 1823: Machliniec*. 
Zwischen 1828 — 1835: Nowesioto *, Izydoröwka*, Korne- 
1 ö w k a * (zu Nowesiolo) und L u b s z a *. 1868 : Oblaznica*. 
1899: Kontra wers* (zu Izydoröwka). Schliefslich besteht eine 
Siedlung in Mazuröwka*. 

Bezirkshauptmannschaft Dolina. 1 7 84 : H o f f n u n g s a u. 1811 : 
Engelsberg. Vor 1812: Neu-Babilon i) (Neu - Bolechow). 
Damals wohnten schon in Dolina zehn deutsche Familien, die 
einen eigenen Richter hatten; stärkere Ansiedlungen von Deutschen 
erfolgten hier um 1850; gegenwärtig wohnen in den verschiedenen 
Vorstädten von Dolina Deutsche (Broczköw, Nowiczka, Obolonie, D^- 
browa und Obliska). 1817: Debelöwka. 1818: Teresöwka*. 
1830: Josefsthal* (zu Ludwiköwka). 1832: Ludwigsdorf* 
(zu Ludwikowka). 1836 :Föchersdori*. :?840; Ninöw görny*. 
1844 .-MizunNowy* 1848 : Jammerstal * (zu Polanica). 1870 : 
Leopoldsdorf* 1901: Diamantheim (zu Turza Wielka). 
Ferner siedelten sich Deutsche an in Bolechow und Bolechow 
R u s k i , Huziejö w Stary, J a w o r 6 w , Kniazoluka, Lisowice, Lolin, 
Maksym(5wka,MizunStary, Nadziejöw, Neuhusiejöw, Niniöw 
Dolny, Pacyköw, Räch in, Weldirz mit Zakla, endlich Woloska Wies. 

Bezirkshauptmannschaft Kalusz. 1783: Landestreu und 
Neu-Katusz. 1785: Ugartsthal. Aufserdem in Bereznica 
Szlachecka, Kalusz, Nowica, Mo^ciska, Siwka Kaluska und Zbora. 



1) War ursprünglich ebenso wie Neu-Jerusalem-Dfibrowka (s. oben S. 111) 
für Jaden bestimmt. 

8* 



116 Übersicht der Ansiedlungsorte in Galizien. 

Bezirkshauptmannschaft Bohorodczany. 1803 :Horocholina. 
1820: Manasterczany und Solotwina. 

In der Bezirkshauptmannschaft Nadwörna wohnen Deutsche 
in Nadwörna, ferner in dem 1881 begründeten Bredtheim 
(zu Majdan Öredni). 

In der Bezirkshauptmannschaft Stanislau siedelten sich Deutsche 
zunächst in Stanislau seit etwa 1800 an. Sodann im benach- 
barten Knihinin seit 1823; Knihinin - Kolonie ist seit den 
sechziger Jahren von Knihinin Wiei$ abgetrennt; auch im 
letzteren Orte wohnen Deutsche. 

Die Bezirkshauptmannschaft Rohatyn weist 1789 deutsche An- 
siedler auf dem Privatgut Swistelniki auf. 

In Brzezany, dem Hauptort der gleichnamigen Bezirkshaupt- 
mannschaft, erscheinen Deutsche schon 1786. Später haben sich 
hier viele niedergelassen. 

Bezirkshauptraannschaft Przemyiilany. 1784: Kimirz, Unter- 
waiden und Uschko witz-Uszkowice. 1786: Dobrzanitz- 
Dobrzanica. Ferner seien genannt: Alfredöwka, Jaktoröw und 
Podhajczyki. 

Bezirkshauptmannschaft Kamionka Strumilowa. Die ältesten 
Gründungen des um das deutsche Ansiedlungswesen hochverdienten 
Grafen Mier waren 1785: Jöseföw und Mierhoff-Mieröw. 
Hierauf gründete er (jedenfalls vor 1809): Sapiezanka, An- 
tonin (zu Peratyn, später siedelten sich Deutsche auch in 
diesem Orte an), Hanunin (Hanuska, Annonin), Stanin und 
Zabawa (zu Suszno). Mit letzterem Orte dürfte das 1812 ge- 
nannte St. Baven identisch sein. Deutsche siedelten sich auch an 
in Suszno (1804) und dem zu dieser Gemeinde gehörigen Hein- 
richsdorf (1810)y Romanöwka (1815) j Deutsch- Lany, Jagonia 
(Deutsch-Jagonia) und Sabinöwka, ferner in Kamionka Strurai- 
lowa, Krzywulanka, Niestanice, Radziechöw, Stojanöw und Wulka 
Suszanska. 

Bezirkshauptmannschaft Sokal. 1836: Zboiska. Ferner 
wohnen Deutsche in Rozdzalöw und Torki mit Swadkowce. 

In der Bezirkshauptmannschaft Brody dürften im gleichnamigen 
Handelsort frühzeitig sich Deutsche niedergelassen haben (vgl. oben 
S. 7 ff.). In Korolöwka (zu Leszniöw) entstand 1865 eine Ansiedlung. 



Übersicht der Ansiedlungaorte in Galizien. 117 

Bezirkshauptmannschaft Zloczöw. 1826: Angeld wka* {Engels- 
dorfy zuOzydöw). ^858; Bronislawöwka mitKazimierowka, 
ferner Sobolöwka. 

In der Bezirkshauptmannschaft Tarnopol entstand jedenfalls 
vor 1839 die Ansiedlung Konopköwka. 

In der Bezirkshauptmannschaft Trembowla begründeten 
Deutsche aus Mähren die Kolonie Neutitschein (zu Zasdrosd). 

Bezirkshauptmannschaft Czortköw. 1819: Polowce. 

Bezirkshauptmannschaft Podhajce. Hier wurde wahrscheinlich 
schon 1784 die Besiedlung von Falkenstein begonnen, das 1787 
in Beckersdorf umgenannt wurde ^). Wenig später entstand 
die Siedlung in Nowosiölka. 

Bezirkshauptmannschaft Tlumacz. 1820 ;Konstantyn6wka 
und Mogila (zu Slobödka). 1838: Sitanerowka (zu Ladzkie 
Szlacheckie). 1842 ; N e u d o r f. 1848 ; M i k u 1 s d o r f (zu Ottynia), 
später auch in Ottynia. 

In der Bezirkshauptmannschaft Kolomea begründeten zunächst 
1811 Deutschböhmen die Kolonie Mariahilf* auf Gründen von 
Kolomea. Dann entstand 1818 Baginsberg (auch zu Kolomea). 
Aus diesen beiden Kolonien breiteten sich die Ansiedler weiter 
über Flehberg* (1842)^ Rosenheck* (1866) und Slavitz 
(1873) aus, die sämtlich zu Kolomea gehören. Ferner entstand 
1889 Sewerynöwka (zu Kamionka Mala). Auch in Piadyki 
wohnen Deutsche. 

Bezirkshauptmann Schaft Sniatyn. 1836: Augustdorf (zu 
Sniatyn). 1883/4: Rudolfsdorf (zu Stecowa). 

In der Bezirkshauptmannschaft Zaleszczyki vermehrte sich die 
alte Ansiedlung im gleichnamigen Orte (oben S. 7) durch neue Zu- 
züge. Aufserdem wurde 1785 eine Ansiedlung in Bedrykowce be- 
gründet. 



Die Herkunft der deutschen Einwanderer in Galizien ist sehr 
mannigfaltig. 



1) Ein Falkenstein bestand bereits in der Lemberger Bezirkshauptmann- 
schaft (oben S. 114). 



118 Herkunft der deutschen Ansiedler. 

Seit der Erwerbung des Landes durch Osterreich kamen viele 
deutsche Beamte, Soldaten, Kaufleute und Handwerker zunächst 
aus den österreichischen Ländern. Andere Kaufleute und Gewerbe- 
treibende kamen aus dem heutigen Deutschen Reich, eine Anzahl auch 
aus den Städten Polens. So bot die deutsche Stadtbevölkerung in ihrer 
Zusammensetzung ein sehr buntes Bild. Ihre Zahl läfst sich nicht 
einmal annähernd feststellen. Sie war aber unstreitig sehr bedeu- 
tend, denn deutsche Bewohner begegnen in den galizischen Städten 
auf Schritt und Tritt. Eine planmäfsige Durchforschung der Kirchen- 
bücher, Grundbücher, Steuerverzeichnisse u. dgl. würde sicher 
überraschende Ergebnisse zutage fördern. Auch das Studium der 
Grabdenkmäler auf den Friedhöfen ist überaus belehrend. In der 
kleinen Stadt Brzezany fanden sich 1910 noch etwa 80 deutsche 
Familiennamen auf den erhaltenen Grabsteinen, darunter her- 
vorragende Männer, mehrere Bürgermeister und Ehrenbürger 
der Stadt. Ahnliche Ergebnisse bietet eine Umschau auf dem 
Friedhofe in Stanislau. Weit gröfser ist die Zahl dieser deut- 
schen Bewohner in den gröfseren Städten gewesen, z. B. in 
Lemberg; auch hier geben die Grabsteine auf den Friedhöfen 
Kunde von vielen ausgestorbenen oder polonisierten deutschen 
Familien. 

Von den deutschen Bauern kam die überwiegende Zahl aus dem 
heutigen Deutschen Reich. Die Zusammensetzung der „Reichs- 
emigranten " zur Zeit Kaiser Josephs II. war überaus bunt ; kaum 
ein deutsches Gebiet fehlt in der Aufzählung ihrer Heimatländer. 
Um diese bunte Mannigfaltigkeit zu kennzeichnen, sei eine „sum- 
marische Konsignation" über die Heimat und Seelenzahl der vom 
1. Juni 1782 bis letzten Januar 1783 in Galizien angelangten Fremd- 
linge angeführt i): Kurmainz 126 Seelen, Kurköln 15, Kurtrier 33, 
Kursachsen 34, Kurpfalz 111, Kurhannover 4, Preufsische Lande 
155, Fürstentum Nassau 55, Herzogtum Zweibrücken 11, Herzog- 
tum Mecklenburg 7, Markgrafschaft Baden-Durlach 82, Herzogtum 



1) Man vgl. dazu Bü schlug. Neue Erdbeschreibung (Hamburg 1771), 
III. TeU, 1., 2. u. 3. Bd.; die im folgenden zwischen „" gesetzten Namen sind 
hier nicht verzeichnet. Dazu Spruner-Menke, Handatlas f. d. Gesch. des 
Mittelalters u. d. neueren Zeit (Gotha 1880), besonders Karte Nr. 47 : Süd West- 
deutschland 1789. 



Herkunft der deutschen Ansiedler. 11 & 

Württemberg 214, Markgrafschaft Baden-Baden 64, Fürstentum 
Hessen-Hanau 78, Fürstentum Hessen - Darmstadt 6, Fürstentum 
Hessen-Kassel 3, Reichsgrafschaft Falkenstein 138, Markgrafschaft 
Bayreuth 8, Fürstentum Hohenlöhe 7, Salzburg 13, aus dem West- 
fälischen 10, aus dem Fränkischen 17, Fürstentum Usingen 20, 
Isenburg 22, Stift Fulda 9, Fürstentum Salm-Salm 15, Grafschaft 
„Lassenheim" 46, gräflich „Vieserisches" Gebiet 3, Fürstentum 
Leiningen 49, Frankreich 1, Elsafs 29, Lothringen 19 ^), Rhein- 
grafschaft Grumbach 7, freiherrlich „Krepenisches" Gebiet 27, 
Luxemburg 74, Kurland 1, gräflich Fuggerisches Gebiet 4, end- 
lich aus den übrigen Teilen des römischen Reiches 155, zusammen 
1672 Seelen. 

Aus dieser Übersicht ist leicht zu ersehen, dafs die Masse der 
Kolonisten aus dem südwestlichen Deutschland stammte. Andere 
ähnliche Übersichten ergeben dasselbe Verhältnis, nur dafs in ihnen 
auch noch andere deutsche Gebiete vorkommen. Hauptbestand- 
teile der Ansiedler bilden die evangelischen Württemberger und 
die reformierten Pfälzer. Infolge des starken Anteiles der Schwaben 
an der Einwanderung gewöhnte man sich, alle deutschen Ansiedler 
als „Schwaben" zu bezeichnen, insbesondere gilt dies von allen 
dörflichen Kolonien, in denen sich die überwiegende Mehrheit 
dieser Einwanderer aus Deutschland niederliefs. Da bei der An- 
siedlung das Bestreben vorhanden war, Landsleute, Verwandte und 
Religionsgenossen zusammenzusiedeln , so gibt es Orte, in denen 
wenigstens der Mehrzahl nach die Einwanderer aus derselben Hei- 
mat stammen; in vielen ist aber schon bei der Ansiedlung eine 
starke Mischung eingetreten. Die mundartlichen Besonderheiten 
wurden bisher wissenschaftlich nicht untersucht ; da jedoch einzelne 
Mundartproben aus Galizien als „unverfälschter Pfälzer Dialekt" 
bezeichnet werden, so dürften auch andere Mundarten ihren 
Charakter gewahrt haben. Bemerkt sei noch, dafs ein Teil der 
Einwanderer, besonders die aus Nassau - Weilburg und Nassau- 
Usingen stammenden, „klein und nicht selten häfslich gestaltet 



1) Einzelne von den Einwanderern konnten Französisch. So wird in Wiesen- 
berg erzählt, dafs manche der eingewanderten Frauen französisch sprachen, weil 
sie daheim in der alten Heimat französische Märkte besucht hätten. 



120 Erinnerungen an die alte Heimat. 

waren"; aber schon ihre Kinder übertrafen die Eltern „an Schön- 
heit und Stärke". Man nahm an, dafs die durch den Druck der 
Armut * verkümmerten Menschen durch die besseren Verhältnisse, 
aber auch durch das Klima veredelt worden seien. 

In den „Schwabendörfern" erinnert noch jetzt vieles an die 
alte Heimat. Oft hört man die Ansiedler das „Reich" nennen, 
aus dem sie gekommen sind. Altere Leute seufzten nicht selten 
nach dem Reich, wenn ihnen die Verhältnisse der neuen Heimat 
nicht gefielen. In Brigidau wird erzählt, dafs in den letzten Jahren 
mancher nur deshalb nach Posen ausgewandert sei, um wieder ins 
Reich zu kommen. Ebenda wird berichtet, dafs ein alter Mann, 
der im Sterben lag, sagte: „Ich will ins Reich"; darauf „kehrte 
er sich um und starb". Ein alter Mann in Dornfeld erinnert sich, 
dafs seine Grofsmutter oft erzählte, sie habe im Amtshaus zu 
Trier gedient. Dort sei ein heifser Brunnen gewesen; in diesen 
habe man Kartoffeln in einem Sack herabgelassen und gekocht 
herausgezogen. Ein interessanter Fall ist auch folgender. Der 
fast achtzigjährige Manz in Dornfeld erzählt, dafs man seinen 
Vater „Du Hunsrücker" geschimpft habe; tatsächlich geht aus 
dem Passe hervor, dafs die Familie Manz vom Nordabhange des 
Hunsrück stammt. In Dornfeld ist auch noch jetzt, wenn jemand 
etwas vergebens sucht, die bezeichnende Redensart üblich: „Es 
wird doch nicht in den Rhein gefallen sein." In diesem Dorfe 
erzählt man auch, dafs ein junger Ehemann sich auf dem Wochen- 
markte in Mannheim im Gasthaus zur Auswanderung bereden 
liefs; seine Frau konnte sich von den Eltern nicht trennen und 
blieb daheim. Als sie später nach Dornfeld kam, hatte ihr Mann 
auf Veranlassung Kaiser Josephs eine Witwe geheiratet ; aus Gram 
starb sie in Kürze. In Ugartsberg erinnert man sich noch daran, 
dafs der Ansiedler Frei seine Braut, eine Rickemann, in der Hei- 
mat den Eltern, die das schöne Mädchen ihm nicht geben wollten, 
gestohlen habe. In Ulm machten sie dann Hochzeit und wanderten 
nach Osten. 

Die Erinnerung an die alte Heimat wurde durch mancherlei 
Umstände wach erhalten. So heifst z. B. ein Teil des Dorfes 
Brigidau noch heute Matzenberg, weil sich da die aus der gleich- 
namigen Ortschaft in der Pfalz Eingewanderten niedergelassen 



Erinnerungen an die alte Heimat. 121 

hatten ^). Im Besitze mancher Familien, so der Kolb in Brigidau, 
befinden sich noch die aus der Heimat mitgebrachten alten Be- 
sitzbriefe, Geburts- und Trauzeugnisse, ferner die „Los-Scheine", 
mit denen die in der Heimat leibeigenen Bauern entlassen wurden, 
um in die Fremde zu ziehen 2). Vor allem aber finden sich hie 
und da auch noch Briefe aus der Heimat, welche beweisen, dafs 
noch lange nach der Auswanderung Beziehungen zu den daheim 
gebliebenen Familienangehörigen gepflogen wurden. So sind mir 
in Dornfeld Briefe vorgelegt worden, die aus den Jahren 1787 bis 
1805 herrühren. Sie sind aus Weisenheim am Berg (Pfalz) über 
Frankfurt am Main, Prag und Lemberg nach Dornfeld an die Familie 
Bechtloff^) gerichtet gewesen und belehren uns über viele Be- 
ziehungen, die zwischen alter und neuer Heimat lange Jahre 
hindurch erhalten blieben. Selbstverständlich bilden Mitteilungen 
und Anfiragen über allerlei Familienverhältnisse und Familien- 
mitglieder den Hauptinhalt der Briefe. Grüfse an Anverwandte 
und Freunde werden aufgetragen. Die Schwiegermutter teilt ihrem 
Tochtermann mit, dafs ihr Mann gestorben sei; sie vergifst nicht 
beizufügen, dafs man ihm „vor der Tür" als Leichengesang das 
Lied „Alle Menschen müssen sterben" und in der Kirche „0 du 
dreieiniger Gott" anstimmte. Sehr oft finden sich Auseinander- 
setzungen über Vermögensverhältnisse und Erbschaftsangelegen- 
heiten. Wir ersehen daraus, wie übrigens aus vielen anderen 
Akten, dafs ganz bedeutende Geldsummen allmählich aus der Hei- 
mat den Auswanderern nachgeschickt wurden. Das Geld wurde 
oft in der Frankfurter Kriegskasse eingezahlt und den Kolonisten 
in Galizien durch die Lemberger Kriegskasse übermittelt *). So 
erhielten zufolge eines Schreibens vom 26. Mai 1787 Joh. Friedr. 
BechtlofF 50 Reichsthaler, Heinrich Stüber 203 fl., Karl Breitwieser 



1) Matzenberg heilst amtlich Karlsberg (bei Grünstadt). Die Bewohner 
des Ortes waren zumeist „fahrendes Volk". 

2) Solche Manumissionsscheine, Attestate, Pässe" u. dgl. liegen auch in den 
Wiener Archiven. 

3) In Weisenheim am Berg und anderen Orten der Pfalz gibt es noch 
heute Bechtloffs. Ebenso sind in der Pfalz die weiter unten genannten Breit- 
wieser und Sauer noch jetzt nachweisbar. 

4) Vgl. oben S. 44. 



133 Die Tracht der Ansiedler. 

2 fl. 24 Kreuzer, endlich Lorenz Sauer 65 fl.; die ersten drei 
waren in Dornfeld, der letztere im benachbarten Szczerzec an- 
gesiedelt. In einem anderen Briefe wird eine wiederholte Geldfor- 
derung eines galizischen Ansiedlers mit folgenden bezeichnenden 
Ausführungen beantwortet: „Das Geld, was wir Euch geschickt, 
davor haben wir den Ochs verkauft, und bauen unser Feld mit 
Küh. Wir können als dermalen nichts schicken. Kein Feld greifen 
wir nicht an. Ihr wifst selbsten sobald man Feld angreift, wie 
es geht. Und wenn wir das Feld erhalten, ist der Nutzen vor 
Euch wie vor uns. So uns Gott das Leben fristet bis über Jahr, 
so wollen wir Euch wieder schicken." Und dann erfahren wir 
wieder, dafs eine Anna Magdalena dem Georg Thomas für eine 
Haube Taflet schickt, und eine Maria Eva hat ihren „Göthgen" 
(also den Pathenkindern) Geschenke übermittelt^ für deren An- 
schaffung sie das Geld nicht ohne Schwierigkeiten aufgebracht hat. 
Ebenso ist von der Übersendung einer „Bindhaube" und einer 
„seidnen Nestel" (Schnür band) nach Galizien die Rede. Aufser- 
dem finden sich in den Briefen Berichte über die kriegerischen 
Ereignisse, den Stand der Feldfrüchte und des Weines. Auch in 
der alten Heimat haben sich einzelne Briefe, die aus den Ansied- 
lungen dahin gerichtet wurden, erhalten. Die Ausgewanderten er- 
zählen den daheim gebliebenen Angehörigen über ihr Schicksal und 
die Zustände im neuen Lande. Aus den Briefen erfahren wir auch, 
dafs sie sich gegenseitig Samen zuschickten. 

Liebesgaben, wie die eben in den Briefen erwähnten, mögen 
zur Erhaltung der alten Tracht beigetragen haben. Am Anfang 
des 19. Jahrhunderts trugen noch die Kolonisten allgemein ihre 
„lichtblauen Müllerröcke, gelblederne Beinkleider, weifse Strümpfe, 
Schnallenschuhe und dreifach gespitzte Hüte". Die Frauentracht 
kennzeichneten vor allem die gestickten Hauben und die faltigen 
kurzen Röcke. Jetzt ist die alte Tracht verschwunden; nur die 
weiten, steifen Röcke der Frauen, die ihnen breite Hüften geben, 
sind hier wie in den anderen Karpathenländern bei den schwä- 
bischen Frauen noch üblich. 

Aufserdem hat mancher aus der Heimat mitgebrachte Haus- 
rat, aber auch alte Feuersegen und Himmelsbriefe, ferner Gebet- 
bücher die alten Erinnerungen wacherhalten. So sah ich in Ugarts- 



Deutsche Sitten und Bräuche. 133 

berg bei der Familie Höhn ein mit der Ansicht von Heidelberg 
geschmücktes und mit dem Heidelberger Katechismus verbundenes 
Gesangbuch der reformierten Pfalzer, das mit dem Privileg Karl 
Theodors, Pfalzgrafen bei Rhein, 1749 gedruckt worden ist. Am 
rückwärtigen Vorsetzblatt steht aber in schöner Schrift geschrieben : 
„Im Jahr anno 1780 den 30. Dezember ist Anamaria Krebsin zur 
Welt gebohrn in Leimen." Ein anderer Vermerk besagt, dafs das 
Buch von Wilhelm Reiss erkauft worden ist ; auch die Reiss stammen 
aus Leimen (bei Heidelberg). 

Treu haben die deutschen Ansiedler ihre heimatlichen Sitten 
bewahrt. Die alten Festgebräuche sind zum grofsen Teile erhalten. 
Zu Weihnachten kommt wie in der Heimat der Pelznikel, der weifs 
gekleidete Engel und das Christkind, das die Kinder beten läfst 
und sie mit Äpfeln und Nüssen beschenkt. In der Neujahrsnacht 
ist auch hier noch das „ Anschiefsen" der Burschen gröfste Lust. 
Zu Ostern bringt der Osterhas den Kindern Eier. Für den 1. Mai 
setzen die Jünglinge ihren auserwählten Mädchen den Maibaum 
und schmücken ihn auch wohl mit schönen Bändern; als Zeichen 
des Unmutes und der Verachtung wird aber vor die Türe Hecksei 
gestreut, ja in Dornfeld war es wie in der alten Heimat üblich, 
dieses Streuen bis zum Stall des Gemeindestieres fortzusetzen. Wer 
zu Pfingsten am spätesten erwacht, ist der Pfingstlämmel ; wie in 
Schwaben wird er mit einem Kranze oder mit Brennesseln ge- 
schmückt. Ebenso wird jener Knabe, der am spätesten auf die 
Weide kommt als „Pfingstlämmel" bezeichnet; er erhält einen 
Laubkranz und wird durch das Dorf geführt. Die Krone aller 
Feste ist wie in der Heimat das Kirch weihfest, die „Kerb", die 
auch hier allgemein im Herbst stattfindet. Da wird der mit 
Kränzen und Bändern geschmückte Kerwebom aufgestellt, der auch 
„Kranichbaum" oder „Maibaum" heifst; ein geschmückter Kerwe- 
hammel (Schafbock) oder ein grofses Kopftuch wird verlost; die 
„Buben" werden „geborscht", d. h. sie erhalten unter Beobach- 
tung gewisser Förmlichkeiten Burschenrechte. Und dazu wird viel 
gegessen, getrunken und getanzt, denn „s is nore emol im Johr 
Kerb ! " Überaus grofs ist die Zahl der beim Hochzeitsfest erhal- 
tenen alten Bräuche ^). Zunächst die „Hochzeitsläder", die zum 

1) Bemerkenswert ist, dafs in den ersten Jahren nach der Ansiedlang 



134 Deutsche Sitten und Bräuche. 

Zeichen ihrer Würde einen Stock mit rotem Bande tragen. Der 
Dienstag ist der herkömmliche Einsegnungstag und eine ordentliche 
Hochzeit währt wie in Schwaben vom Dienstag bis zum Donners- 
tag. Ferner sind die „drei Tänze" (Brauttanz, Ehrentanz) gleich 
nach der Trauung, womöglich im Freien, alte schwäbische Sitte. 
Ebenso der Raub des Brautschuhes. Das „Abbinden" der Braut, 
bei dem Kranz und Schleier mit einem Häubchen oder Tuch ver- 
tauscht werden, findet unter Gesang statt, insbesondere wird ein 
altes Lied über die Bedeutung des Ehestandes gesungen. Dabei 
wird die Braut beschenkt. Das Herumtragen einer Puppe, die 
den zu erwartenden Kindersegen andeutet, unter allerlei Gesängen, 
das Verstecken und Suchen der Brautleute, der arge Mutwille mit 
dem Brautbette wird bei den Schwaben Galiziens wie in der alten 
Heimat geübt. Auch die Sitte, dafs die Brautleute durch ein ge- 
spanntes Band auf der Gasse aufgehalten werden und sich lösen 
müssen, kommt hier und dort vor. Ebenso herrschen bei der 
Taufe ähnliche Bräuche wie in der Heimat, und jungverstorbenen 
Knaben und Mädchen setzt man nach alter deutscher Sitte in Dorn- 
feld Kronen (aus Papier gefertigt) auf das Grab. Viele von diesen 
schönen Bräuchen schwinden schon freilich dahin. So ist auch die 
Spinnstube nur noch in wenigen Dörfern erhalten, weil das Spinnen 
„sich nicht mehr auszahlt". Anders war es früher, als die An- 
sicht galt: „Selbst gesponnen, selbstgemacht, ist die beste Bauern- 
tracht." Gegenwärtig ist die Spinnstube noch völlig z. B. in Ban- 
drow, das schon tiefer im Gebirge liegt, erhalten. Die Zusammen- 
kunft findet abwechselnd in verschiedenen Häusern statt. Die 
Zusammenkommenden besorgen gemeinsam das Petroleum für die 
Lampe, die in der Mitte der Stube herabhängt. Ringsherum sitzen 
die Frauen und Mädchen und spinnen auf „Radeln" (Spinnräder) 
oder nähen, stricken usw. Die Frauen und Mädchen sind es auch, 



Burschen und Mädchen in sehr jugendlichem Alter heirateten. Nach dem Josephs- 
berger Trauungsbuch zählten viele Bräutigame unter 20 Jahren, einer blofs 
„16 Jahre nicht ganz 3 Monate", ein anderer 16 Jahre 8 Monate; unter den 
Bräuten finden sich auch einzelne unter 16 Jahren. Auch in Dornfeld heiratete 
ein 17jähriger Bursche. Die Kindersterblichkeit scheint anfangs grofs gewesen 
zu sein; dies dürfte durch die Not und die Unbequemlichkeit der ersten An- 
siedlungsjahre zu erklären sein. 



t 



Deutsche Lieder. 125 

die vor allem den alten Liederschatz bewahren und die „Spinn- 
stubenlieder" singen. Die Burschen kommen auch und erzählen 
Geschichten. Durch die Spinnstuben erhalten sich vielfach die 
alten aus der Heimat mitgebrachten Lieder. So geschah es denn 
auch in Bandrow, dafs die versammelte Gemeinde, Männer, Frauen, 
Jünglinge, Mädchen und Kinder auf meine Bitte, ein Lied zu 
singen, „den Pfalzgraf am Rhein" anstimmten. In anderen Ge- 
meinden ist dieses Lied schon vergessen, man weifs nur, dafs es 
früher gesungen wurde. 

Im Liederschatz der Schwaben in Galizien hat sich überhaupt 
eine reiche Anzahl von Liedern erhalten, die sie aus der Heimat 
mitgebracht haben. In jedem Dorfe findet man diese alten Volks- 
lieder, ja man darf sagen, dafs keines der geschriebenen Lieder- 
bücher, die Mädchen und Burschen besitzen, dieser Lieder ent- 
behrt. Manche von ihnen sind ebenso wie „Der Pfalzgraf" 
noch im ganzen Umfange erhalten, andere sind stärker ver- 
ändert, gekürzt oder erweitert, von noch anderen sind einzelne 
Strophen oder blofs Zeilen in andere, vielleicht neu gedichtete 
Lieder geraten. Der Kürze halber sei nur erwähnt, dafs z. B. 
folgende Lieder aus dem „Wunderhorn" unter den schwäbischen 
in Galizien ihre Seitenstücke finden: „Liebesprobe", „Auch ein 
Schicksal", „Edelkönigskinder", „Das Mädchen und die Hasel", 
„Der ernsthafte Jäger", „Der vorlaute Ritter", „Schwimm hin, 
schwimm her du Ringelein", „Abschied von Bremen (Steinau)", 
„Der Schild wache Nachtlied", „Unbeschreibliche Freude", „Reiter- 
lied auf des Vaters Knien " u. a. Eine besonders wichtige Gruppe 
bilden jene Lieder, die direkt an die Heimat erinnern; so nennen 
mehrere Lieder, die zum Teil sich ebenfalls im „ Wunderhorn " finden, 
den Rhein. Zu diesen gehört der „Rheinische Bundesring" (Bald 
gras' ich am Neckar, bald gras' ich am Rhein), das in Galizien 
zu jenen gehört, die während der Hochzeitsfeier beim „Abbinden" 
der Braut gesungen werden und wie ähnliche Lieder („Hört, ihr 
Herren, was ich euch erklär" und „Es ist keine Kreatur auf 
Erden") zu dem alten Liederschatz gehören. In anderen Liedern 
wird Schwaben und Strafsburg genannt. Deutsche Krippenlieder 
haben auch bei der einheimischen Landbevölkerung Eingang ge- 
funden. 



126 Anzahl der Einwanderer. 

Über die Zahl der unter Kaiser Josepli eingewanderten Deut- 
schen sind verschiedene Ausweise erhalten. Einer der wertvollsten 
ist jener, welcher den gesamten Kolonistenstand vom 31. Januar 
1786 angibt. Damals befanden sich in Galizien 2100 angesiedelte 
und 1008 einquartierte Familien, zusammen also 3108 Familien. 
Diese zählten 6764 männliche und 5601 weibliche Mitglieder, zu- 
sammen 12 365 Seelen. Der Religion nach gehörten zur katho- 
lischen 1240, zur evangelischen 1444, zur reformierten 398 und 
zur mennonitischen 26 Familien. Nach ihrer Heimat stammten: 
3006 Familien aus dem römischen Reich, 78 aus den preufsischen 
Landen, 3 aus dem republikanischen Polen und 21 aus den k. k. 
Erblanden (Österreich). Ackersleute waren 2988 Familien und 
Professionisten 120 Familien. Dazu mufs bemerkt werden, dafs 
eine gröfsere Anzahl eingewanderter Familien sich zerstreut hatte 
und im obigen Ausweise nicht mitgerechnet wurde; auch wan- 
derten nach dem 31. Januar 1786 noch Deutsche ein; man wird 
daher die Zahl der unter Kaiser Joseph eingewanderten meist süd- 
westdeutschen Familien samt den Nachzüglern zur Zeit des Kaisers 
Franz auf etwa 3300 Familien oder etwa 15 000 — 16 000 Seelen 
schätzen dürfen ^). 

Neben den Schwaben treten in ganzen Dorfgemeinden noch 
die Deutschböhmen hervor. Die meisten dieser Einwanderer 
stammten aus dem westlichen Böhmen ; der Pilsener und Elbogener 
Kreis, der Böhmer Wald und das Egerland werden als ihre engere 
Heimat zumeist genannt. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts 
kamen aus Nordböhmen Einwanderer, so nach Preppendorf und 
Mallmannstal. Auch die Deutschböhmen haben in Sprache und 
Sitten viele Eigentümlichkeiten gewahrt. Hervorgehoben sei der 
Gebrauch von Holzschuhen, die man auch bei ihren in die Buko- 
wina eingewanderten Stammesgenossen wiederfindet. Die Zahl der 
eingewanderten deutsch - böhmischen Familien läfst sich nur an- 
nähernd bestimmen; sie dürfte etwa 250 — 300 betragen haben. 

Abgesehen von den Beamten- und Bürgerfamilien, die sich in 
den Städten niederliefsen und nicht gezählt werden können, dürfte 

1) Im Jahre 1804 wurde die Anzahl der Kolonisten auf 19369 Köpfe und 
1812 mit rund 20000 Köpfen berechnet, doch sind hierin die Ansiedler in der 
Bukowina schon mitgezählt. 



I 



Gegenwärtige Zahl der Deutschen in Galizien. 187 

die Gesamtzahl der eingewanderten meist bäuerlichen Familien 
etwa 3600 betragen haben, also ungefähr 18 000 Seelen. Die gegen- 
wärtige Zahl der christlichen Deutschen in Galizien genau anzu- 
geben, ist sehr schwer. Abgesehen davon, dafs die letzte amtliche 
Zählung vor zehn Jahren (1900) stattfand ^), kommt dabei zunächst 
der Umstand in Betracht, dafs diese Zählungen nicht nach dem 
Grundsatz der Volkszugehörigkeit, sondern nach dem Gebrauch 
der Umgangssprache erfolgen. Dies erschwert schon die Ermitt- 
lung der Deutschen auf Grund der amtlichen Statistik. Dazu 
kommt, dafs es in Galizien sehr leicht zu erreichen war, dafs ganze 
irregeführte Gemeinden, die durchaus Deutsche sind und unter- 
einander nur deutsch sprechen, sich zur polnischen Umgangssprache 
bekannten. So wohnen in Burgthal bei Grödek, unter den 204 Ein- 
wohnern etwa 170 katholische Deutsche, echte biedere Schwaben ; 
nach dem Gemeindelexikon von Galizien, herausgegeben von der 
k. k. Statistischen Zentralkommission, gibt es aber in diesem Dorf 
überhaupt keinen Deutschen, sondern nur Polen und Ruthenen. 
Ebenso weist dieses Lexikon in der Kolonie Stadlo bei Sandec, 
die etwa 150 evangelische Deutsche zählt, nur 2 Deutsche nach, 
und in der benachbarten Ansiedlung Podrzyce- Unterbach, wo etwa 
180 evangelische Deutsche wohnen, spricht nach dem Gemeinde- 
lexikon niemand deutsch. Im grofsen nordgalizischen Dorfe Hohen- 
I bach wohnen in Wirklichkeit etwa 375 evangelische Deutsche; 
nach dem Lexikon sprechen hier nur 4 deutsch! Daraus ist zu 
rsehen, dafs die amtlichen Zählungen und darauf aufgebaute 
jrechnungen vielfach irreführen ^). Nach privaten Zählungen 
leben in Galizien etwa 100 000 arische Deutsche. Aufserdem 
sprechen aber über 800000 Juden noch deutsch oder zumindestens 
len deutschjüdischen Jargon. Ferner trägt zur Verbreitung der 
leutschen Sprache das Militär bei. 

1) Die Zählung von 1910 konnte nicht mehr heriicksichtigt werden. 

2) Es sei nur noch erwähnt, dafs z. B. in Kanisehau nach der Zählung 
ron 1890 kein Deutscher, 1900 aber 200 Deutsche lebten ; bei der ersten Zählung 

rurden also alle Deutschen verschwiegen. 



Zweites Kapitel. 

1. Das deutsche Ansiedlungsdorf und seine Bestiftung. — 2. Förderung der 
materiellen Kultur durch die Deutschen; wirtschaftliche Lage. Geistige Ar- 
beit. — 3. Die Bedrängung des Deutschtums in Galizien, Auswanderung und 
völkische Schutzarbeit. 

Das deutsche Ansledlungsdorf und seine Bestiftung. 

Die Anlage und Bestiftung der Josephinischen Ansiedlungen 
auf den Kameralgütern war für alle anderen mafsgebend und 
mustergültig. Sie erregt daher vor allem unser Interesse und wird 
im folgenden besonders berücksichtigt. 

Die deutschen Ansiedlungsdörfer entstanden in Galizien zumeist 
auf schon beurbarten Gründen; doch waren diese sehr schlecht 
bestellt, mitunter seit vielen Jahren nicht mehr beackert, zum teil 
mit Gestrüpp verwachsen oder unfruchtbar. Sehr viele von den 
Ansiedlungen wurden neben bereits vorhandenen Ortschaften an- 
gelegt. Daher führen auch jetzt noch Kolonistenorte slawische 
Namen. Doch war schon 1784 der Auftrag ergangen, die An- 
siedlungen, welche mindestens 10 Häuser zählten und eigene 
Gemeinden bilden konnten, auch wenn sie an Nationalortschaften 
fitiefsen, ganz abgesondert zu behandeln. Sie hatten einen eige- 
nen Namen zu erhalten, oder, wenn der Name der National- 
gemeinde beibehalten wurde, sollte ihm der Zusatz „Deutsch" 
hinzugefügt werden, also Deutsch- Kupnowice, Deutsch- Czukiew, 
Deutsch Kalinöw u. dgl. Auch mufsten diese Orte eigene Häuser- 
numerierung und einen eigenen Richter erhalten ^); in kleinen 
Ansiedlungen genügte die Bestellung eines „Geschworenen". In- 



1) Das Hauptnormale von 1787 hat dagegen die Anordnung getroffen, dafs 
kleine Ansiedlungen den benachbarten Nationaltiörfem einverleibt werden; dies 
ist 1788 wieder abgestellt worden. 



i 



Anlage und Benennung der Ansiedlungsdörfer. 139 

sofern die Ansiedlungsorte deutsche Namen erhielten, erinnerten 
diese zuweilen an die Heimat (z. B. Falkenstein) oder an die För- 
derer der Kolonisation: so heifst Josephsberg und Josephsdorf nach 
Kaiser Joseph ^) ; Brigidau nach dem Statthalter Brigido ; Ugarts- 
tal und Ugartsberg nach Ugarta, dem Vizepräsidenten des gali- 
zischen Landesguberniums ; Dornfeld nach dem gleichnamigen Hof- 
rat; Mierow nach dem Grafen Mier usw. 

Auf die ordentliche regelmäfsige Anlage der Dörfer wurde 
zur Zeit der Josephinischen Ansiedlung von den Behörden Gewicht 
gelegt. Das grofse „Hauptnormale" fafst im § 43 die beobachteten 
Grundsätze ausfuhrlich zusammen. Die Dörfer hatten in der Regel 
in der Mitte der zu verteilenden Grundstücke zu liegen, und zwar, 
wenn mögUch, auf einer Anhöhe, wegen der besseren Luft und 
Trockenheit. Kleinere Dörfer konnten blofs aus einer Gasse be- 
stehen; gröfsere sollten ein bis zwei Hauptstrafsen und mehrere 
Quer- oder Zwerchgassen erhalten. Die Gassen waren breit an- 
zulegen und „zur Verschönerung sowie zur Abwendung der 
Flammen " mit Bäumen zu bepflanzen ^) ; zu beiden Seiten der 
Gassen waren Gräben zu ziehen. Für die Kirche und das Pfarr- 
haus, Schule und Wirtshaus sollten passende Plätze bestimmt 
werden. Auch für die Herstellung der nötigen Brunnen war zu 
sorgen. Die Hausgründe wurden regelmäfsig zu beiden Seiten der 
Gassen ausgemessen, so dafs die Häuser einander gegenüber zu stehen 
kamen. Nach diesen Grundsätzen wurden die Josephinischen Ansied- 
lungen angelegt; aber auch die späteren auf Privatgütern beobach- 
teten sie. Aus einer Gasse bestehen z. B. die Ansiedlungen Rosenberg, 
Einsiedel, Neu-Chrusno, Reichenbach, Lindenfeld, Ugartsberg und 
Machliniec. Zwei sich kreuzende Hauptgassen haben Falkenstein, 
Wiesenberg und Kaisersdorf. In gröfseren Dörfern schneiden sich 
mehrere Gassen unter rechten Winkeln. So weist Josephsberg 
eine Hauptgasse und drei sie schneidende Quergassen auf; rings 
ums Dorf ziehen die äufseren Gassen und an diese stofsen die 



1) Jo3ephsberg erinnert auch durch sein altes Gemeindesiegel an den Volks- 
kaiser. Es stellt ihn dar, wie er den Pflug über einen Hügel führt. 

2) Auch als Schutz gegen die heftigen Sturmwinde wurden diese Bepflan- 
zungen empfohlen, nachdem in Pietnica- Rosenburg (Bezirk Dobromil) im Früh- 
jahr 1785 der Wind vier Scheuern der Kolonisten umgestürzt hatte. 

Kaindl , Gesch. d. Deutschen i. d. Karpath. IIT. 9 



130 Marktplatz, öfifentliche Gebäude und Brunnen. 

Halmorigärten (Halbmorgengärten) jener Wirte, für die zwischen 
den Häusern keine Gartengründe vorhanden waren. In Brigidau 
wird die Hauptstrafse von der Vordergasse, Mittelgasse und Hinter- 
gasse geschnitten; aufserdem ziehen noch rechts und links von 
der Hauptstrafse mit dieser parallel einige „Schleichwege", die 
auch schon auf dem alten bei der Anlage der Ansiedlung ent- 
worfenen Plane diese Bezeichnung führen. Nach diesem alten 
Plane kann man sich auch heute noch in dem Dorfe vollständig 
zurechtfinden; denn alle diese Dörfer bewahren ihre ursprüngliche 
Anlage, nur dafs am Dorfrande neue Wirtschaften entstehen oder 
Häusler sich niederlassen. Die durch die Strafsenzüge entstehen- 
den Vierecke sind regelmäfsig in die Haus- und Gartengrundstücke 
eingeteilt. In der Mitte des Dorfes liegt der Markt- oder Ring- 
platz. Eine ganz merkwürdige Anlage hat Königsau. Es ist 
kreisförmig oder vielmehr in der Form eines Fünfecks gebaut; 
um den in der Mitte liegenden Ringplatz ziehen in entsprechender 
Entfernung zwei konzentrische Gassen (die Mittelgasse und an der 
äufseren Peripherie die Hintergasse); diese werden von einigen 
radial verlaufenden Gassen und Steigen geschnitten. 

Zumeist im Mittelpunkt des Dorfes, um den Marktplatz herum, 
erheben sich die öffentlichen Gebäude, vor allen die Kirche und 
Schule. Auf diesem Platz und an den Gassenkreuzungen liegen 
die öffentlichen Brunnen, die zum Teil schon zurzeit der Ansied- 
lung von der Regierung hergestellt wurden. In Brigidau sollte 
nach dem ursprünglichen Entwürfe am Dorfplatze ein monumentaler 
Brunnen „a la rustique" mit Pumpwerk, von Hopfen und Wicken 
umrankt und mit zwei Sonnenuhren geschmückt, errichtet werden ; 
doch untersagte die Oberbehörde diesen kostspieligen Bau. Immer- 
hin ersieht man aus späteren Abbildungen, dafs einzelne dieser 
Brunnen sehr schön waren und, wahrscheinlich die sehr tiefen, 
Zahnradbetriebe aufwiesen. In Königsau sind die Brunnen bis 
28 Meter tief; daher graben die Wirte „Wasserlöcher", die sich 
mit Regen Wasser füllen und zur Viehtränke dienen. Die breiten 
Strafsen sind fast in allen Orten mit Bäumen bepflanzt, die sich 
tatsächlich als Schutz bei Feuersbrünsten bewähren. 

Die Gröfse der den Ansiedlern zugeteilten Gründe waren nach 
Ort und Zeit verschieden. In der Josephmischen Zeit kam schliefs- 



Grundbestiftung. 181 

lieh die Norm zur Geltung, dafs „kein Bauernansiedler mit weniger 
als 20 bis 25 Korez Grund, je nach Beschaffenheit der Gleba 
dotiert werde, weil eine mindere Grundzuteilung kein hinlängliches 
Auskommen reichet". Familien, die ein Vermögen von über 
200 fl. besafsen, erhielten 30 Korez, jene mit einem Vermögen von 
wenigstens 500 fl. 40 Korez an Grundstücken. Ansiedler mit 
20 bis 25 Korez wurden unbegünstigte, halbe oder ordinäre Bauern, 
jene mit 30 bis 40 Korez begünstigte oder ganze Bauern genannt; 
die Zahl der letzteren war verhältnismäfsig gering. So gab es 
1790 in Weifsenberg 4 begünstigte und 36 ordinäre, in Burgthal 
2 begünstigte und 22 unbegünstigte, in Ebenau blofs 22 ordinäre, 
in Vorderberg 2 begünstigte und 4 unbegünstigte Bauernfamilien. 
Mitunter unterschied man noch Dreiviertelbauern ^), ferner Halb- 
professionisten, die nur mit geringen Feldern bestiftet waren. In 
Neudorf (bei Sambor) zählte man 1783: 5 Halbprofessionisten, 
6 Halbbauern und 11 Dreiviertelbauern; in Kaisersdorf im Jahre 
1786: 2 Halbprofessionisten und 77 Dreiviertelbauern ; in Deutsch- 
Kupnowice gab es damals 1 Halbprofessionisten, 25 halbe und 
4 ganze Bauern. Nur in ganz vereinzelten Fällen ist die Rede 
von Viertelbauern ^). Aufserdem wurden den Gemeinden noch 
gemeinsame Hutweiden, ferner Gründe für Pfarrer, Schulmeister, 
Richter ^) und zur Erhaltung der Gemeindestiere und Hengste 
überlassen. Alle Grundstücke wurden ganz unentgeltlich zugeteilt. 
Über die Grundbestiftung wurden Grundbücher angelegt. Als 
Beispiel eines solchen mag jenes von Dornfeld besprochen werden. 
Dieses bietet zunächst eine Übersicht über die Ansässigkeiten mit 
Angabe der dazu gehörigen Korezanzahl. Danach erhielt jeder 
Wirt aufser dem Hausgrund 25 bis 40 Korez; femer wurden be- 
stimmt für das Wirtshaus 40 K., den Pfarrhof 50 K., das Schul- 
haus 16 K., das Gemeindehaus 30 K., die Kirche 2 K. 18 Garnez ^), 
für den Schulzen 32 K., für die Hengst- und Zuchtstiergründe 



1) Offenbar Wirte mit 30 Korez Grundbesitz ; während jene mit 40 Korez 
als ganze, jene mit 20 als halbe Bauern galten. 

2) Man vgl. dazu die Übersicht oben S. 49. 

3) Später wurden diese Richtergründe eingezogen und den Eichtern für 
ihre Mühe Besoldungen zugeteilt. 

4) 1 Korez = 32 Garnez; s. oben S. 40. 

9* 



133 Grundbestiftung. 

50 K., endlich für die gemeinschaftliche Hutweide 600 Korez. Zu- 
sammen umfafste die Ansiedlung 93 Grund buchskörper mit 3465 Korez 
18 Garnez, worin die Haus- und Gartengründe nicht mitgerechnet 
sind. Sodann wird der zu jeder Ansässigkeit gehörige Grund- 
besitzstand ausführlich nach seiner Lage verzeichnet. Zu jeder Wirt- 
schaft gehören kleine Abschnitte in den verschiedenen „Gewänden" 
(Flurteilen). So erhielt z. B. der Wirt Heinrich Stieber (oben S. 121) 
von Haus No. 1 aufser dem Haus- und Gartengrund von 1 K. 16 G. 
seine 30 K. Acker und Wiesen in 15 Abschnitten, von denen der 
kleinste 16 G., der gröfste 3 K. 15 G. umfafste. Sie lagen im 
Strafsenge wand , Monastierer Gewand, Hochgewand, Sträuchcr- 
gewand, Grabengewand, Horbaczer Grenzgewand, Obergewand, 
Mittelgewand, Triftgewand, Wald wiese, Krautgartensteil, Unter der 
Triftgewand, Krasower Gewand erste Abteilung und zweite Ab- 
teilung, endlich in der Zbudower Sumpfwiese. In diesen Gewannen er- 
hielt Stieber (aufser dem reinen Haus- und Gartengrund von 1 K. 
16 G.) : reines Ackerfeld 14 K. 20i G., zum Teil sumpfige Ackerrodung 
7 K. 161 G., Wieswachs 4 K. 8 G., endlich Wiesenrodung und 
Sumpf 3 K. 6 G.; Summa 31 K. 13 G. oder 33165 Quadrat- 
klafter = 201 Joch. Mit Einschlufs der Haus- und Gartengründe 
umfafste die Ansiedlung 3771 Korez 30 Garnez. Im Anhange 
des Grundbuches sind allerlei Änderungen verzeichnet, vor allem 
die Zuteilung der Gemeindehaus- und Schulzengründe an An- 
siedler ^). In ähnlicher Weise ist die Verteilung der Gründe auch 
in anderen Josephinischen Ansiedlungen erfolgt; nur ist der Um- 
fang der Bauernwirtschaften mitunter etwas kleiner und die Zahl 
der Gewanne in der Regel geringer. Die Beteiligung jedes An- 
siedlers in den verschiedenen Flurteilen hing mit der Dreifelder- 
wirtschaft 2) zusammen und hatte den Vorteil, dafs jeder nähere 

1) Vgl. Anra. 3, S. 131. 

2) Die Dreifelderwirtschaft war das seit dem Mittelalter bis zum Ad fang 
des 19. Jahrhunderts in den meisten europäischen Ländern verbreitetste land- 
wirtschaftliche Wirtschaftssystem. Dabei stand ein Drittel des Ackerlandes in 
Brache, ein Drittel war mit Winter- und ein Drittel mit Somraerfrüchten (Gerste, 
Hafer usw.) besäet. Da der unbebaute Teil als Viehweide benutzt wurde, so 
mufsten zur Vermeidung von Feldschäden die Brachfelder in einem Gewanne 
(Tafel) liegen, daher den Wirten ihr Ackerland in mehreren Tafeln angewiesen 
werden. 



Häuser und Wirtschaftsgebäude. 133 

und entferntere Stücke erhielt und an Bodenarten verschiedener 
Güte Anteil hatte. Auch war bei Hagelschlag die Gefahr geringer, 
dafs die Ernte eines Wirtes gänzlich vernichtet wurde. Dieser 
Vorteile sind sich die Ansiedler auch gegenwärtig wohl bewufst. 
Aber ebenso richtig ist es, dafs die Zerstückelung des Feldes dessen 
Bearbeitung bedeutend erschwert. Insbesondere mufs, wenn Ma- 
schinen zur Anwendung kommen sollen, die „Kom massierung" 
(Zusammenlegung) unbedingt durchgeführt werden. 

Wie die Gründe so wurden auch die Häuser und sonstigen 
Wirtschaftsgebäude in den Josephinischen Ansiedlungen den Kolo- 
nisten unentgeltlich zugeteilt. Sie waren je nach der GrÖfse der 
zugeteilten Gründe verschieden grofs. Das Haus sollte auf einer 
halben Ansässigkeit 8i bis 9 Klafter ^) , auf einer ganzen 9 bis 
10 Klafter lang sein; die Breite war mit 4t Klafter bestimmt. 
Es umfafste eine grofse Stube ^ eine Nebenkammer, ein Vorhaus, 
Küche und Backofen, eine kleine Gerätekammer, ferner die Stal- 
lung für Melk- und Zugvieh. Die Scheuern waren stets abseits 
vom Hause im Hintergrunde des Hofes besonders aufgestellt und 
wiesen je nach der Gröfse der Wirtschaft aufser der Dresch- 
tenne eine oder zwei Pansen (Vorratsräume für Garben und Stroh) 
auf. Das Baumaterial war je nach der Gegend verschieden; 
grofses Gewicht wurde darauf gelegt, dafs die Häuser stets ordent- 
liche Rauchfange erhielten, die Hausstube mit Brettern gedielt 
wurde u. dgl. m. Ebenso wurde der Forderung der Ansiedler 
Folge gegeben, dafs die Häuser mit ganzem Giebel und mit Giebel- 
fenstern gebaut wurden, damit der Dachboden als Vorratsraum 
benutzt werden könnte; dies war bei den einheimischen Rauch- 
hütten unmöglich, denn diese hatten keine Rauchfänge, so dafs der 
ganze Dachboden verraucht und verrufst war. Von solchen „ nach 
polnischer Weise" erbauten Hütten unterschied man die „nach 
deutscher Art" errichteten Kolonistenhäuser. Nach Zeit und Ort 
unterschieden sich freilich auch diese Häuser sehr in ihrer Aus- 
führung ; neben sehr ordentlichen Bauten, die zum Teil noch jetzt in 
Benutzung stehen, wurden viele schleuderhaft aufgeführt, so dafs sie 
in wenigen Jahren zusammenstürzten. Die Kosten waren verschieden. 



1) 1 Klafter = 190 cm. 



134 Gerätschaften, Zug- und Zuchtvieh. 

So kostete auf der Drohobyczer Herrschaft ein auf deutsche Art ge- 
bautes Kolonistenhaus samt Stall und Scheuer 238 fl. 471 Kreuzer, 
auf der Lubaczower Herrschaft 346 fl. 49 Kr., endlich im Gro- 
deker Kameraldominium für einen unbegünstigten Wirt 820 bis 
998 fl. und für einen begünstigten 941 bis 1029 fl. Die Häuser 
auf der letzgenannten Herrschaft waren „teuer, weil sie sehr be- 
quem und dauerhaft waren und die Materialien von weit zugeführt 
wurden ". 

Die Ansiedler erhielten ferner alle Wirtschafts- und Acker- 
gerätschaften unentgeltlich, ebenso das nötige Zug- und Zuchtvieh. 
Auch diese Ausstattung war zunächst sehr verschieden. Im Jahre 
1783 wurden als Kosten dafür angegeben: in der Herrschaft Dro- 
hobycz 55 fl. 41 Kr., Dobromil 85 fl. 34 Kr., Jaworöw 99 fl. 
14 Kr., Lubaczöw 100 fl. 22i Kr., endlich Sambor 107 fl. 56 Kr. 
Auf der letztgenannten Herrschaft wurden für den ausgewiesenen 
Betrag angeschafft: 2 Stück Zugpferde von besserer Art zu 30 fl. 
= 60 fl., 2 Stück Milchkühe zu 10 fl. = 20 fl., 1 Pferdewagen 
mit ordinärem Beschlag 9 fl. 30 Kr., 1 Pflug 3 fl. 32 Kr., 1 Paar 
Eggen mit 60 Zinken 3 fl. 20 Kr., 1 grofse Holzhacke 51 Kr., 
1 kleine Holzhacke 30 Kr., 2 Stück eiserne Grabscheite zu 51 Kr. 
= 1 fl. 42 Kr., 1 Stück Breithaue 45 Kr., 1 Stück Räuthaue 
oder Krampf 51 Kr., 1 Sense 37i Kr., 1 Sichel 15 Kr., 1 Stroh- 
messer 37i Kr., 1 Schleifstein 2t Kr., 1 Klopfhammer (für die 
Sense) samt Untersatz 30 Kr., 1 Holz- oder Zugsäge 1 fl. 45 Kr., 
1 kleine Handsäge 45 Kr., 1 Stemmeisen 15 Kr., 2 Bohrer (grofs 
und klein) 45 Kr., 5 Stück Getreidesäcke 1 fl. 15 Kr., endlich 

1 Getreidesieb 7t Kr. Spätere Vorschriften forderten noch sorg- 
faltigere Ausstattung; man findet in ihnen Zuggeschirr, Hafer- 
sensen und Grassensen, grofse und kleine Sicheln, Dunggabeln, 
Dunghaken und Heugabeln genannt; auch Spinnräder oder Spin- 
deln wurden zu den unentgeltlich verabreichten Wirtschaftsgeräten 
gerechnet, dagegen Äxte, Bohrer, Sägen u. dgl. den Hausgerät- 
Bchaften zugezählt, welche die Ansiedler nur gegen späteren Rück- 
ersatz erhielten. Das Hauptnormale von 1787 schreibt für die 
ganzen Bauern eine reichere Ausstattung mit Acker- und Wirt- 
schaftsgeräten vor; auch erhielten diese je 2 Pferde und je 2 Ochsen, 

2 Kühe und 1 Zuchtschwein unentgeltlich, während der halbe 



Sonstige Unterstätzungen. Nachlässe von Vorschüssen. 135 

Bauer nur 2 Pferde oder 2 Ochsen nebst dem anderen Vieh be- 
kam. Mit der Ausstattung war die Regierung also jedenfalls sehr 
entgegenkommend, so dafs es nicht wunder nimmt, wenn gegen- 
wärtig mitunter erzählt wird, man habe selbst^die Peitschenstiele 
den Ansiedlern gegeben. 

Auch sonst erhielten die Kolonisten vielfache Unterstützungen. 
Brunnen wurden für sie überall hergestellt. Auf der Drohobyczer 
Herrschaft erbaute man bei der Anlage der Ansiedlungen auch 
gemeinschaftliche Backöfen. In Bruckenthal, Falkenstein und an- 
deren Ansiedlungen unterstützte die Regierung die Errichtung von 
Flachsdörren. Die Feuerrequisiten wurden unentgeltlich beigestellt ; 
so erhielt z. B. Gelsendorf 3 mit Eisen beschlagene Wasserbodinge, 
7 Feuerhaken und 20 mit Pech ausgepichte Strohkörbe (Wasser- 
kübel), das kleinere Oleksice nur 1 Boding, 2 Haken und 6 Körbe. 

Unentgeltlich erhielten ferner die Ansiedler bis zu ihrer ordent- 
lichen Bestiftung die Verpflegung, Einquartierung, Arzeneien 
und die ärztliche Hilfe, ferner die erste Aussaat. Mit der 
ersten Ernte hörte in der Regel jede Unterstützung auf; nur in 
besonders berücksichtigungswerten Fällen konnte Aushilfe gegen 
Rückersatz geleistet werden. Solche Unterstützungen wurden be- 
sonders bei Feuersbrünsten und anderen Unglücksfällen gewährt. 
Zinsen wurden nicht gefordert; auch die Abnahme eines Uber- 
mafses vom vorgeschossenen Getreide wurde verboten (1783). 
Wenn trotzdem später bei Rückgabe von Getreidevorschüssen von 
jedem Korez (= 32 Garnez) 2 Garnez mehr gefordert wurden, 
so geschah dies, um diese Überschüsse für die Gemeinde selbst 
für Zeiten der Not aufzuspeichern (Gemeindespeicher). Von den 
gewährten Geld- und Getreidevorschüssen wurden unter Umständen 
Nachlässe bewilligt, so z. B. dem Ansiedler Konrad Weicheimer, 
der viele Kinder hatte, „da er fleifsig und wohlverhalten ist"; er 
wollte sein neuntes Kind „unter dem Beistande seiner Majestät 
taufen", doch ist es gestorben (1800). Den neun Ansiedlungs- 
gemeinden in der Herrschaft Dobromil wurde von ihren auf 
28 258 fl. angewachsenen baren Geldvorschüssen die Hälfte nach- 
gesehen und für den Rest eine fünfzehnjährige Zahlungsfrist zu- 
gestanden, weil die Ansiedler nur je 1 5 Joch Grund erhalten hatten, 
der „zur letzten Klasse gehörte und wegen des steinigen Bodens und 



136 Abstiftung von Ansiodlorn. Eichter und Geschworene. 

Unfruchtbarkeit ungeachtet aller Mühe nicht in besseren Stand ver- 
setzt werden konnte"; überdies erforderte die Beurbarung der zu- 
geteilten Rodgründe eine lange Reihe von Jahren (1794). Auch 
den ,,Halbprofessionisten" auf den Dörfern mufsten wegen ihrer un- 
verschuldeten Notlage Nachlässe gewährt werden (1788). Viele 
Vorschüsse gingen bei verstorbenen oder entwichenen Ansiedlern 
verloren; doch kam es auch vor, dafs jene Kolonisten, welche 
ihnen in den Wirtschaften folgten , ihre Schulden übernahmen. 
Noch um 1810 benötigten einzelne Ansiedlungen, die sehr schlechten 
Boden hatten oder von Unfällen heimgesucht wurden, Unter- 
stützungen. 

Nach Möglichkeit sorgte die Regierung auch für die Hinter- 
bliebenen verstorbener Ansiedler; erwachsene Söhne und mit- 
gekommene Knechte sollten nach Tunlichkeit kleine Ansässig- 
keiten erhalten. Untauglich gewordene Ansiedler wurden mit- 
unter unterstützt, doch suchte man nach Möglichkeit elende und 
krüppelhafte Leute loszuwerden (oben S. 81). Liederliche und un- 
ruhige Hauswirte wurden entlassen (abgestiftet), wenn Ermahnungen 
und Strafen nicht fruchteten. 

„Gemeindevorsteher" wurden schon zurzeit der Einquartierung 
bestellt. Sobald eine Ansiedlung stattfand, wurde für jede gröfsere 
ein Richter und ein bis zwei Geschworene, für kleine blofs ein 
Geschworener bestellt. So erhielten z. B. in der Grodeker Herr- 
schaft die Ansiedlungen Weifsenberg, Burgthal, Ebenau und Brunnen- 
dorf Richter, dagegen Vorderberg nur einen Geschworenen. Die 
Ansiedler nannten die Richter früher „Schultheifs", was übrigens 
auch die alten Kirchenbücher und sonstige Aufzeichnungen be- 
zeugen. Auch die Benennung „Schulze" kam vor. Schon das 
Hauptnormale von 1787 stellte die Pflichten und Rechte der Richter 
fest; 1788 wurde ein eigener „Unterricht für Richter und Ge- 
schworene der deutschen Ansiedlungsdörfer " erlassen. Danach 
hatten sie vor allem friedensrichterliche Aufgaben zu erfüllen; sie 
führten ein „Klagprotokoll" und hatten eine allerdings sehr be- 
schränkte Strafgewalt; auch hatten sie alle Polizeianstalten zu ver- 
sehen und auf gute Wirtschaft in der Gemeinde zu achten. Ur- 
sprünglich wurden den Schulzen für ihre Mühewaltung beson- 
dere Gründe überlassen; schon seit 1787 verloren sie aber diese 



Chirurgen und Hebammen. Pfarrer. 187 

zinsfreien Gründe und erhielten dafür einen jährlichen Lohn von 
12 fl. 

Für die Kolonisten wurden ferner Chirurgen und Hebammen 
bestellt (oben S. 47) ; zunächst wohl nur bis zur Fertigstellung der 
Ansiedlungen, doch wurde ihre Dienstzeit auch öfters verlängert. 

Kaum waren die ersten deutschen Ansiedlungen entstanden, 
so meldeten sich auch schon deutsche Pfarrer und Lehrer (1783); 
auch die Ansiedler begannen sofort um deren Anstellung zu bitten. 
Vor allem handelte es sich um die Seelsorger für die protestan- 
tischen Einwanderer, denn für die katholischen konnten den Gottes- 
dienst die vorhandenen Priester verrichten. Schon anfangs 1784 
wurden zunächst für die Sandomirer Ansiedlungen zwei vom 
Teschener Superintendenten zu ernennende Pastoren bewiUigt, 
welchen die Regierung für die ersten drei Jahre ein Gehalt von 
jährlich 300 fl. und 6 Korez Aussaat, jedoch ohne Steuerfreiheit, 
einräumte. Nach Ablauf der drei Jahre hatten die Gemeinden 
selbst ihre Pastoren zu erhalten. Für die Bet- und Pfarrhäuser 
versprach das Ärar das Material unentgeltlich zu liefern, die Her- 
stellung aber hatte die Gemeinde zu besorgen. In ganz ähnhcher 
Weise wurden die anderen Kolonien unterstützt, nur dafs das Gehalt 
für den Pastor mitunter geringer bemessen wurde. Auch Reisekostsn 
wurden den Pastoren vergütet, kamen sie doch in der Regel aus 
weiter Ferne. In berücksichtigungswerten Fällen leistete die Re- 
gierung auch nach Ablauf der ersten drei Jahre ihre Zuschüsse und 
zwar auch noch um 1810. Oft litten übrigens die Landpastoren 
grofse Not. Mancher von ihnen war ein unwürdiger Mann; in 
das fremde unkultivierte Land kamen leider oft nur solche, die 
daheim keine Stellung fanden. Gemeinden, die einen Pastor nicht 
erhalten konnten, mufsten sich begnügen, dafs der Seelsorger einer 
anderen Gemeinde sie bei Bereisungen aufsuchte. Mitunter leitete 
auch der Lehrer den Gottesdienst. Grofse Schwierigkeiten bereitete 
den Ansiedlungen die Erbauung der Bet- und Pfarrhäuser. Da 
die Beistellung von Material durch die Regierung nicht genügte, 
gewährte diese in der Regel auch Geldvorschüsse, die in Raten 
zurückgezahlt wurden. Ebenso bewilligte der Staat für die An- 
schaffung von Kirchengerätschaften Vorschüsse. In Weifsenberg 
wurde aus der Scheuer des Lehrers eine Kapelle auf Kosten der 



138 Schulen und Lehrer. 

Ansiedler errichtet, ;,die auf 30 Jahre haltbar ist". Es ist leicht 
begreiflich, dafs diese ersten Gotteshäuser sehr klein und ärmlich 
waren ^) ; erst später wurden sie zum Teil durch sehr nette Kirchen 
ersetzt. Auch von den Vorschüssen für Kirchen- und Schulbauten 
wurden den Gemeinden Nachlässe gewährt. So erhielten die Ge- 
meinden Ugartsthal und Landestreu 1798 den Nachlafs der Hälfte 
ihres Vorschusses, weil „diese Untertanen sich sehr fleifsig und ruhig 
betragen und trotz erlittener Beschädigungen die landesfürstlichen 
und obrigkeitlichen Gaben richtig abgeführt haben". 

Wie für Pfarrer so wurde frühzeitig auch für die Anstel- 
lung von Lehrern gesorgt. Schon 1784 ist davon die Rede, dafs 
Schulen errichtet werden sollten ; im folgenden Jahre wird für jede 
Kolonie eine Trivialschule ^) in Aussicht genommen. Da dafür die 
nötigen Mittel und Lehrer fehlten, so wurden zunächst nur in den 
Kreisstädten Schulen errichtet. Aber die Herstellung von Schulen 
in jeder Ansiedlung wurde immer wieder betrieben, „weil die An- 
siedler und ihre Abkömmlinge sonst in Unwissenheit verfallen und 
am Ende die Zahl unnützer Einwohner vermehren würden". Daher 
erfolgte im Mai 1786 die kaiserliche Entschliefsung, dafs sowohl 
für die katholischen als auch akatholischen deutschen Kolonien Tri- 
vialschulen errichtet werden sollten. Das Lehrergehalt wurde mit 
jährlich 100 Gulden rheinisch bestimmt; dieser Betrag wurde jenen 
Gemeinden, die für den Unterricht ihrer Kinder nichts leisten 
konnten, zunächst für 3 Jahre aus den Renten gereicht. In der Regel 
mufste für jedes Kind ein jährliches Schulgeld von 15 Kreuzer gezahlt 
werden, und der Staat leistete nur den bis zu 100 fl. bleibenden Fehl- 
betrag. Aufserdem erhielt der Lehrer einen mäfsigen Gartengrund 
und 6 Korez Acker, Wie die Pfarrgehalte so wurden auch die 
Besoldungsbeiträge für die Lehrer oft über die ersten drei Jahre 
hinaus vom Staate getragen, da die Gemeinden erklärten, dafs sie 
die Erhaltung des Lehrers nicht übernehmen könnten. Nach dem 
Aufhören der Beiträge aus den Renten mufsten die Lehrergehalte 



1) Man vgl. das Bild der Kirche von Fehlbach im „Kalender d. Bundes 
der christlichen Deutschen f. 1909", S. 195; das alte Kirchlein von Brigidau ist 
auf dem Kirchensiegel der Gemeinde abgebildet. 

2) Schulen, in denen vor allem das Trivium (Lesen, Schreiben und Eechnen) 
gelehrt wurde. 



Schulen uud Lehrer. 139 

aus dem Schulgeld, dem Mefsnerverdienst, Beiträgen der Herrschaft 
oder Gemeinde und endlich im Notfalle aus dem Normalschulfonds 
oder dem Rehgionsfonds bestritten werden. Auch zur Errich- 
tung der Schulgebäude erhielten die Gemeinden Beiträge; solche 
Staatsunterstützungen wurden auch im 19. Jahrhundert oft be- 
willigt. Nicht vergebens wurden übrigens diese Unterstützungen 
aufgewendet. „In Gelsendorf", lautet ein amtlicher Bericht von 
1794, „ist eine Schule, welche von allen Kindern aller Religionen 
fleifsig besucht wird, und erhalten selbe von dem dort befindlichen 
sehr geschickten Lehrer eine anständige Erziehung". Ein Bericht 
von 1812 hebt hervor, dafs viele Ansiedlungen mit grofser Auf- 
opferung Kirche und Schule zu unterhalten trachteten. „Oft sorgt 
schon eine Kolonie von 8 bis 10 Familien für ihren eigenen Lehrer, 
dessen Unterhalt, wenn er auch nur kärglich ausfallen sollte, immer 
Aufwand von Geld und Getreide notwendig macht." Die einheimische 
Bevölkerung mufste dagegen mit Gewalt zum Besuche der Schule 
angehalten werden, die ihr die Regierung errichtete. Daher 
hoben sich schon um 1810 die deutschen Rekruten, die lesen und 
schreiben konnten, von den „nationalen" vorteilhaft ab. Die Lehrer 
.waren freilich oft von sehr zweifelhaftem Wert. „Die meisten 
Lehrer in Galizien sind Bauern", bemerkt jener Bericht von 1812. 
Auch noch 1869 finden wir einen „verabschiedeten Feldwebel und 
Grundwirt " in Manasterz als Lehrer. Mit gleichen Schwierigkeiten 
kämpften die später entstehenden deutschböhmischen Kolonien. Der 
erste Lehrer in Machliniec mufste mit seinen Kindern von Haus 
zu Haus wandern; erst 1852 wurde ein Schulraum hergestellt; 
die jährliche Besoldung des Lehrers bestand damals in 105 fl., 
4 Klafter Brennholz, freier Wohnung und Nutzniefsung von 4 Joch 
Feld. Auch die spärlichen Besoldungen wurden den Lehrern mit- 
unter nicht ausgezahlt, so dafs sie über grofse Not klagten. Die 
Erhaltung ihrer privaten deutschen Schulen verursacht einzelnen 
Gemeinden auch jetzt schwere Sorgen; trotzdem bringen sie 
verhältnismäfsig bedeutende Opfer und besitzen zum grofsen Teil 
gute Schulhäuser. Die Besoldung der Lehrer dieser Schulen setzt 
sich aus einem meist kleinen Gehalte verbunden mit dem Genüsse 
freier Wohnung, eines Feldes oder einer Getreideschüttung und 
einer gewissen Brennholzmenge zusammen; dazu kommen Stol- 



140 Kosten der staatlichen Kolonisation. 

gebühren (besonders wo kein Pfarrer im Orte ist), Entschädigungen 
für den Konfirmandenunterricht u. dgl. Manche Kolonien können 
auch gegenwärtig nur einen „Winterlehrer" erhalten. Andere 
Schulen erhält der Deutsche Schulverein und das Land. 

Die Kosten für die Ausstattung eines deutschen Kolonisten 
wurden 1784 auf ungefähr 450 fl. berechnet; diese Kosten wurden 
gegenüber jenen, welche die Ansiedlung auf den böhmischen Kameral- 
herrschaften verursachte, um mehr als ein Drittel wohlfeiler bezeich- 
net. Tatsächlich stellten sich aber nach Vollendung der Ansiedlung 
auch in Galizien die Kosten viel höher. Nach einer späteren Berech- 
nung kosteten die Ansiedlungen von Anbeginn bis zum letzten April 
1786: Baulichkeiten und fundus instructus 987121 fl. 52 Kreuzer, 
Verpflegung und Medikamente 339 384 fl. 44 Kr., Vorschüsse an Geld 
und Naturalien 131115fl. 21 Kr., Reisegeld vom Bialer Mautamt aus- 
bezahlt 12 384 fl. ; zur Vollendung der Ansiedlung der in dieser 
Berechnung berücksichtigten 2425 Familien benötigte man noch 
519 850 fl. 28 Kr. Somit betrugen die Gesamtkosten für diese 
Familien 1989856 fl. 25 Kr. oder für eine Familie 820 fl., wo- 
bei freilich die rückzahlbaren Vorschüsse mitgerechnet sind. Als 
ein besonderes Beispiel für diese Ausstattungskosten möge die Be- 
rechnung von Gelsendorf angeführt werden (1794). Hier wurden 
35 Familien angesiedelt. Sie erhielten an unentgeltlicher Ausstat- 
tung, d. i. Haus samt Scheuer und Stall, Grundstücke, Aussaat, 
Vieh, Ackergeräte, Verpflegung, Medikamente und Reisegeld 
34 772 fl. 181 Kr. Gegen Rückersatz bekamen sie für das Schul- 
gebäude und Dörrhaus, ferner an baren Vorschüssen und an- 
geschafften Hausgeräten 1025 fl. 231 Kr., die in sechs Jahren zurück- 
zuzahlen waren. Zusammen betrug also der Aufwand 35 797 fl. 
41t Kr. oder für eine Familie etwa 1000 fl. Zwischen 800 und 
1000 fl. schwanken auch die Ausgaben für eine Familie in an- 
deren Ansiedlungen ; ausnahmsweise stiegen die Kosten der Siede- 
lungen bei Szczerzec sogar auf 1400 fl. für die Familie. 

Für ihre Bestiftung übernahmen die Kameralansiedler ent- 
sprechende Gegenleistungen. Die weitgehenden Patentbegünstigungen 
(s. S. 17) von 1781 blieben nicht in Geltung. Die zehn Freijahre wur- 
den blofs von öden Gründen und Rodungen bewilligt, während bezüg- 
lich der urbaren Meierhofgründe sich allmählich der Grundsatz ent- 



Leistungen der Ansiedler auf Kameralgütern. 141 

wickelte^ dafs ein ganzes Freijahr und drei halbe gewährt wurden, 
d. h. der Ansiedler hatte das erste Jahr völlig frei, während in 
den drei folgenden Jahren ihm nur die Hälfte des Zinsbetrages 
nachgesehen wurde. Diese Giebigkeiten sind aber nicht blofse 
Anerkennungszinse gewesen, wie sie das Patent in Aussicht ge- 
stellt hatte, sondern dem Grundbesitz entsprechende ordentliche 
Leistungen. Diese wurden von der sogenannten Robotabolitions- 
kommission festgesetzt, und die darüber mit den Ansiedlungen ab- 
geschlossenen Verträge („Kontrakte") bestätigte der Kaiser. Durch 
diese wurden die Gründe den Ansiedlern ins Erbeigentum über- 
lassen und ihre Grundzinse, Hauszinse und Diensttage festgesetzt. 
Der Grundzins trat an die Stelle des unbequemen Zehnten. Er 
wurde zunächst in eine „Getreideschüttung", d. h. eine nach dem 
durchschnittlichen Ertrage der Felder festgestellte Getreideabgabe 
berechnet, dann aber diese nach den Marktpreisen in eine Geld- 
abgabe umgewandelt. Entsprechend den geänderten Getreidepreisen 
sollte dieser Zins von Zeit zu Zeit neu berechnet werden. Zur 
Zeit Josephs 11. zahlten die Kolonien auf der Samborer Herrschaft 
vom Joch (1600 Quadratklafter) je nach der Güte des Bodens 
395 Kreuzer bis 2 fl. 15 Kr. rhein. ; von der Entrichtung der landes- 
fürstlichen Grundsteuer und der Zehntenabgabe an die Geistlich- 
keit waren diese Ansiedler befreit, weil die Kameralherrschaft sie 
aus ihren Renten entrichtete. Dagegen zahlten die Falkensteiner 
auf der Nikonkowicer Herrschaft vom Korez (= 1056 Quadrat- 
klafter) nur 24 Kr. bis 48 Kr.; aufserdem aber noch von jedem 
Korez 6 Kr. als „Dominikalkontributionsbeitrag" zur landesfürst- 
lichen Steuer. An Hauszins wurde von jedem Wirte in der 
Regel 1 fl. jährlich entrichtet; dafür erhielt er aus dem herr- 
schaftlichen Walde auch das erforderliche Brenn- und Bauholz. In- 
leute oder Bewohner ohne Grundbesitz, die in fremden Häusern 
wohnten, entrichteten jährlich nur einen ganz geringen Zins. An 
Diensttagen leisteten z. B. die Ansiedler auf der Samborer Herr- 
schaft für je vier Joch Grund einen zweispännigen Zugtag oder 
statt dessen zwei Handtage. 

In anderen Verträgen verpflichteten sich die Ansiedler, an 
Stelle der eben erörterten Steuer-, Zehnten- und Hauszinszahlung 
30 Prozent des Bruttoertrages und überdies auch die vorgeschrie- 



143 Verhältnisse in den Privatansiedlungen. 

benen Roboten zu entrichten; diese Leistung war sogar höher als 
die „Rustikalisten" (Bauern) regelmäfsig leisten sollten. In den 
Verträgen mufsten die Ansiedler auch versprechen, die Gründe 
ordentlich zu bearbeiten, sie nicht zu zerstückeln, noch weniger 
zu verkaufen; sie durften sie, ohne der Herrschaft einen anderen 
tauglichen Wirt zu stellen, auch nicht verlassen; die Viehzucht 
und besonders die Pferdezucht hatten sie zu verbessern. Dagegen 
konnten sie von ihren Gründen nur nach genauer Untersuchung 
abgestiftet werden. Für jeden Ort wurde zur Übersicht des Be- 
sitzstandes und der Verpflichtungen ein „Grundbuch", für jeden 
Ansiedler ein „Gabenbüchlein" hergestellt. Erwähnt sei noch, dafs 
die Ansiedler später auch Strafsenfrone leisten mufsten. Bei Wetter- 
schäden, Mifsernten und sonstigen Unglücksfallen wurden Nach- 
lässe von den Grundzinsen gewährt. 

Für die Privatansiedlungen zur Zeit Kaiser Josephs waren 
die Kameralkolonien vorbildlich. So gleicht der Vertrag, den die 
Gräfin Potocka mit ihren 7 deutschen Kolonisten zu Bedrykowce 
abschlofs (1785), in vielen Punkten den Kameraikontrakten. Die An- 
siedler erhielten je 30 Korez Gründe, ein ordentliches Haus mit 
einem Stall für 8 Stück Vieh, für die Scheuer jedoch nur das Holz. 
Dies alles bekamen sie ebenso wie die erste Aussaat unentgeltlich. 
Das Vieh, die Haus- und Feldgerätschaften erhielten sie gegen 
Rückzahlung in sechs Jahren; die erste Rate war am 1, Januar 
1792 zahlbar. Vom Korez Grund entrichteten sie je nach der 
Güte 35 bis 55 Kr. ; die Zahlung des Grundzinses begann am 
1. Januar 1789; sie hatten also drei Freijahre. Ferner verpflich- 
teten sich die Ansiedler jährlich je 12 Arbeitstage gegen Bezahlung 
von 10 bis 12 Kr. für den Tag zu leisten. Eine Hut weide er- 
hielten sie nicht, Klaubholz zum Brennen nur im ersten Jahr un- 
entgeltlich. Die Bestimmung über die Abstiftung, das Grundbuch 
und die Vormerkbücher gleichen jenen in Kameralverträgen. Das 
Dominium erhielt vom Staate als „gnädigste Unterstützung" für 
die Ansiedlung 8400 fl. polnisch, also für einen Ansiedler 1200 fl. 
polnisch oder 300 fl. rheinisch. 

Die Bedingungen, unter denen Privatgrundherren und Städte 
ihre Gründe im 19. Jahrhundert an die deutschen Ansiedler über- 
liefsen, waren weit ungünstiger. So wurden in Baginsberg jedem 



Verhältnisse in den Privatansiedlungen. 143 

Ansiedler 10 Joch Grund zu erbeigentümlicher Nutzniefsung über- 
lassen; dafür hatte jeder Ansiedler jährlich 13 „rheinische Gul- 
den in Konventionsmünze" an Grundzins zu bezahlen, ferner 
sieben Zug- und sieben Fufstage jährlich zu arbeiten, endlich an 
Kleingaben zwei Hühner und fünfzehn Eier zu leisten. Die An- 
siedler hatten ihre Gebäude ohne jede herrschaftliche Beihilfe zu 
erbauen und alle Ararialsteuern selbst zu tragen. Den Ortsrichter 
durften die Ansiedler ohne herrschaftliche Zustimmung weder wählen 
noch absetzen. Für den Lehrer überliefs die Herrschaft 4 Joch 
Gründe vollständig zinsfrei. In Knihinin erhielt ein Ansiedler 
20 Joch Dominikaigründe, das Baumaterial für Wohn- und Wirt- 
schaftsgebäude und jährlich 24 Fuhren Brennholz aus dem herr- 
schafthchen Walde. Dafür zahlte er jährlich 32 fl. 30 Kr. Kon- 
ventionsmünze und den Hornviehzins, auch leistete er 12 Fron- 
tage jährlich und entrichtete die Ararialsteuer. In Machliniec er- 
hielt jeder Ansiedler 19 Joch Waldboden, kein Stückchen urbares 
Feld. Rieseneichen umgaben die Wohnungen ; die Entwurzelung eines 
einzigen Baumes nahm Mann und Weib oft tagelang in Anspruch. 
Daher war hier, bevor urbarer Boden hergestellt wurde, die Not 
so grofs, dafs mancher Kolonist das Brot erbetteln mufste; beim 
Grundherrn fanden sie keine Hilfe. Aus dem gerodeten Holz wurden 
die Gebäude errichtet; ein Teil in die benachbarten Orte geführt 
und verkauft. Neben anderen Leistungen sollen hier die Ansiedler 
3, ja sogar 4 Tage wöchentlich Robot geleistet haben ; die geringste 
Verspätung zum Robotdienste wurde mit körperlichen Züchtigungen 
bestraft. In Kornelöwka erhielten die 23 Ansiedlungswerber „zur 
Anlegung der deutsch - böhmischen Kolonie" zumeist je 19 Joch 
„mit Sträuchern bewachsene Hutweide", die sie auf eigene Kosten 
zu roden und urbar zu machen hatten. Auch die erforderlichen 
Wohn- und Wirtschaftsgebäude hatten die Ansiedler „zwar land- 
artig aber solid und in der Ordnung, welche in der zur Anlage 
der Kolonie verfertigten Mappe angedeutet ist, auf eigene Kosten 
herzustellen". Holz zum eigenen Bedarf bekamen sie umsonst. 
In Nowesiolo erhielt jeder Ansiedler ebenfalls 19 Joch, darunter 
15 Joch Acker, 2 Joch Hutweide und 2 Joch Waldgrund; als 
die Behörden darauf drängten, dafs die Bestiftung laut kaiserlicher 
Entschliefsung von 1818 (oben S. 105) auf 261 Joch vergröfsert 



144 Widersprechende Urteile über die deutschon Ansiedler. 

werde, wurde geantwortet, dafs die Örundherrschaft zur Erhöhung 
bereit sei, die Kolonisten aber nicht mehr übernehmen wollten. 
In anderen Ansiedlungen war übrigens die Bestiftung noch ge- 
ringer, so in Teresöwka nur 10 Joch Feld und 5 Joch Hutweide, 
aufserdem für die ganze Gemeinde V« Joch Friedhof- und 4 Joch 
Schulgrund. Andere Gemeinden erhielten auch einen gemeinsamen 
Wald und eine gemeinsame Hutweide. An Streitigkeiten und Pro- 
zessen fehlte es nicht, so dafs die Behörden oft genug Grund zum 
Einschreiten hatten. Die Not der Ansiedler war besonders in den 
ersten Jahren ihrer Niederlassung in einzelnen Ansiedlungen sehr 
drückend, vor allem in Orten, wo kein urbarer Boden zur Ver- 
fügung stand. 

Förderung der materiellen Kultur durch die Deutschen; wirt- 
schaftliche Lage. Geistige Arbeit. 

Über das deutsche Ansiedlungswesen und die deutschen Ansiedler 
sind in Akten und Büchern die widersprechendsten Urteile nieder- 
gelegt ; bald wird volles Lob, bald wieder bitterer Tadel gespendet. 

Die Regierung hat sich von dem Kolonisationswesen grofsen 
Nutzen versprochen, sonst hätte sie dieses schwierige und kost- 
spielige Werk nicht in Angriff genommen. In kurzer bündiger 
Weise hat Staatsrat Kressl 1782 die Bedeutung der deutschen An- 
ßiedlung für Galizien gekennzeichnet: „Für Galizien ist die An- 
siedlung industriöser Ansiedler, wie der Pfalzer, sehr erwünscht. 
Die jetzigen Auslagen werden dem Staate in Zukunft Nutzen 
bringen. Der Ansiedler wird auch dem Nachbar Fleifs, bessere 
Bearbeitung des Grundes und andere Arbeiten lehren; so wird 
das Land nach und nach zivilisiert werden." Diesen Ausführungen 
stimmte Kaunitz vollständig bei und verwies darauf, dafs „darin 
der König von Preufsen leider zu lange und mit vielen Beispielen 
vorgeht". Ahnliche Aussprüche über das „für den Staat sehr 
wichtige und nützliche Ansiedlungsgeschäft" kommen in den Akten 
der Zentralregierung jener Jahre in grofser Anzahl vor. 

Bald aber begannen, und zwar zunächst in den Berichten der 
galizischen Amter, arge Klagen ; widerwärtige Umstände verbanden 
sich, die schliefslich bei vielen eine ganz unbillige Beurteilung des 
Ansiedlungswesens hervorriefen. 



Abfällige Urteile und ihre Erklärung. 145 

Es ist zunächst richtig, dafs sich besonders unter den ersten 
Ansiedlerzügen viel unnützes Volk befand. Selbstverständlich 
drängten sich nach der Kundmachung der lockenden Ansiedlungs- 
bedingnngen zunächst arme und verkommene Leute, die nichts zu 
verlieren hatten und an ordentliche Arbeit nicht gewöhnt waren, 
an die Werber heran. Ein MifsgrifF dieser war es aber, diese 
Elemente als Kulturträger aufzunehmen; in der ersten Hast und 
Eile ist dieser Vorgang erklärlich. Als später strengere Auslese 
getroffen wurde, konnte festgestellt werden, dafs auch ein ganz 
anderer Schlag von Ansiedlern ins Land kam. Freilich haben die 
für die unnützen Elemente getroffenen Auslagen das Schuldenkonto 
der tüchtigen Ansiedier schwer belastet, und die vorgefafste Mei- 
nung war nicht leicht zu beseitigen. 

Grofsen Schaden brachte auch der Umstand, dafs sich unter 
den Einwanderern viele Handwerker und des Ackerbaues unkundige 
Leute befanden, die trotzdem als Bauern angesiedelt wurden. Ihre 
Unkenntnis der Landwirtschaft erschwerte wenigstens anfangs den 
guten Fortschritt. Dazu kam, dafs die als Handwerker auf dem 
flachen Lande angesiedelten Deutschen kein Verdienst fanden, weil 
die Bedürfnisse der einheimischen Landbevölkerung fast ganz durch 
den Hausfleifs gedeckt wurden. Nur allmählich liefsen sich diese 
Schwierigkeiten überwinden. 

Ein grofser Übelstand war die massenhafte Herbeiziehung der 
Ansiedler, bevor die für sie erforderlichen Ansiedlungsanstalten ge- 
troffen waren. Die dadurch notwendige oft jahrelange Einquar- 
tierung der Einwanderer verursachte zunächst grofse Kosten, die 
als gewichtiges Moment gegen die Erspriefslichkeit der Ansied- 
lungen geltend gemacht wurden. Von den 39000 fl., welche die 
Ansiedlung Bruckenthal kostete, entfielen nicht weniger als 10639 fl. 
auf Reise-, Übersiedlungs-, Verpflegungs- und Medikamenten kosten; 
die Höhe dieser und ähnlicher Beträge wurde nur dadurch ver- 
anlafst, dafs die Einwandernden nicht sofort bestiftet werden 
konnten. Mit der Verzögerung der Ansiedlung waren aber noch 
mehrere andere höchst bedeutende Nachteile verbunden. Die Ein- 
quartierung war zum Teil für die Landeseinwohner eine Last und 
brachte die Fremden um deren Sympathien. Sie bereitete den 
Beamten ungemein viele Schwierigkeiten und nährte so deren Ab- 

Eaindl, Gesch. d. Deutschen i d. Karpath. IIL 10 



146 Abfällige Urteile und ihre Erklärung. 

neigung gegen das ohneLin überaus schwierige Ansiedlungswesen. 
Sie machte die armen, notleidenden Ansiedler unzufrieden und 
störrisch. Infolge der schlechten Unterbringung und Ernährung 
starben viele; bei zahlreichen wurde die Grundlage zu körperlichem 
Herabkommen gelegt, dessen einzelne Berichte gedenken. Vor 
allem aber wurden viele dieser jahrelang einquartierten Leute, wie 
schon ein Bericht von 1784 hervorhebt, >;Von ihrem sonst gewöhn- 
lichen Fleifs grofsen Teiles abgebracht"; sie gewöhnten sich an 
Müfsiggang und „eine mutlose schläfrige Untätigkeit". Diese Klage 
wird übereinstimmend von verschiedenen Berichterstattern erhoben. 

Die Zeit der Not und erzwungenen Untätigkeit, das Zu- 
sammenleben mit den leider fast durchaus in gleichgültiger Sorg- 
losigkeit dahinträumenden Landeseinwohnern waren geeignet, bei 
den sittlich schwächeren Elementen der Einwanderer jene Vorzüge 
zu unterdrücken, um derentwillen sie ins Land gerufen wurden. 
Dazu kam, dafs viele der Ansiedler in kleinen zerstreuten An- 
siedlungen untergebracht wurden, wo sie ohne Kirchen- und Schul- 
wesen entsittlichenden Einflüssen unterworfen waren. Kleine, schlecht 
dotierte Ansiedlungen mögen daher oft genug einen recht traurigen 
Anblick geboten haben. Auch auf die bürgerlichen Elemente hat 
der Einflufs der polnischen und jüdischen Stadtbewohner ungünstig 
eingewirkt. 

Zu dem allen kam, dafs in die ersten Jahre der An Siedlung 
allgemeine Mifs- und Notjahre in Galizien fielen. Wie schwer dieses 
Unglück die mit den Verhältnissen des Landes nicht vertrauten 
Ansiedler traf, ist leicht begreiflich. Nach einem Briefe des Bri- 
gidauer Pastors Kurz vom 3. April 1788 war die „Armut und 
Hungersnot in seiner Gemeinde so grofs, dafs viele Familien seit 
6 — 8 Wochen keinen Bissen Brot zu kosten bekommen und wirk- 
lich gefallenes Vieh, um sich zu sättigen, dem Schinder gewaltsam 
weggenommen" haben. Selbst einen bereits verscharrten Ochsen 
hatten die Notleidenden nachts wieder ausgegraben. 

Alle diese Umstände waren geeignet, rasche Fortschritte des 
Ansiedlungswesens zu hindern. Die wohltätigen Folgen der Ansied- 
lung auf die Landeskultur konnten sich ohnehin nicht so rasch 
zeigen. Dies mag manchen optimistisch gesinnten, der unerfüllbare 
Hoffnungen gehegt hatte, gegen die Ansiedlung eingenommen haben» 



I 



Abfällige Urteile und ihre Erklärung. 147 

Auch dem Feuergeist Josephs war der Fortgang zu langsam. So 
erklären sich viele ungünstige Urteile über die Ansiedlungen. 
Manches dieser Verdammüngsurteile ist in überaus voreiliger Weise 
gefallt worden. So erzählt der Lemberger Gelehrte Hacquet, 
dafs er (1788) in Kalusz den Lehrer der Kolonie Landestreu 
kennen gelernt habe. Diesen fragte er, woher er sei: „Die Ant- 
wort war: ich bin ein Pfälzer, so wie viele der übrigen dieses 
Dorfs auch aus dem Ringau ^) und anderen Weingegenden zu 
Hause sind". Daran knüpft Hacquet folgende Bemerkung: „Diese 
Nachricht war mir genug, ihm Glauben beizumessen, dafs das 
ganze Gesindel nicht viel nutz sei, indem Weinbauer selten für 
Kornländer etwas nutz und meistens durstige Brüder". Einen 
grofsen Teil der abfälligen Urteile, besonders in den Amtsakten, 
erklärt der Bericht des treflflichen Gubernialrates Kortum, der 
1786 eine Besichtigungsreise durch die Kolonien vorgenommen 
hatte. Die Ansiedler sind, so führt er aus, nicht so allgemein 
liederliche und widerspenstige Leute, als man vorgibt. „Selbst an 
den Orten, wo sie am schlechtesten beschaffen sind, sei der Grund 
davon vorzüglich in der Art ihrer Behandlung, ihrer Dotierung 
und schlechten Auswahl der im Dorf zusammengesetzten Familien" 
zu suchen. Er verweist auf die vielen Fehler bei der Ansiedlung, 
die arg zerstückelten Gründe, deren geringes Ausmafs und die oft 
dem „Rifs und Plan auch nicht halb ähnlich gemachten" Häuser, 
die „vom Anfang ihrer Erbauung baufällig" sind. „Auf ihre 
Erhaltung und Ausflickung müsse der Ansiedler fast ununter- 
brochen Arbeit, Zeit und Kosten verwenden, den gröfsten Teil 
des Winters aber mit Holzführen zubringen, um sich in einem 
Gebäude, wo Wind und Wetter von allen Seiten hineinschlägt, 
vor Kälte zu schützen." Mit diesen Ausführungen erklärte Kortum 
gar manche Klage über den geringen Fortschritt und das üble 
Aussehen einzelner Ansiedlungen. Dazu kommt noch, dafs die 
Gründe z. B. in der Sandomirer Herrschaft sehr schlecht waren 
und gleich in den Anfang der Ansiedlung Mifsjahre fielen. Aber 
Kortum gibt noch eine weitere Aufklärung: „Die Widerspänstig- 



1) Der Eheingau war (nach Büsching) der durch Weinbau berühmte 
Landstrich von Mainz abwärts am Kheinufer bis zur Stadt Bacharach. 

10* 



148 Ältere günstige Urteile. 

keit finde er bei diesen Leuten gar nicht, es wäre denn, dafs 
solche darin bestünde, dafs sie gegen ein und anderen Wirtschafts- 
beamten nicht so viel sklavische Unterwürfigkeit, Kriechen des 
Benehmens und Ausdruck der tiefsten Untertänigkeit bezeugen 
wie die polnischen Bauern. Der treuherzige Ausdruck und der 
freie Tritt des Deutschen gereicht schon manchem VVirtschafts- 
direktor zum Ärgernis/* In ähnlicher, nur etwas schärferer 
Weise äufsert sich 1812 der überaus verläfsHche Bredetzky: Die 
Deutschen haben den Mut, die unerlaubten Zumutungen der Unter- 
beamten, die vom Mark der Armut zehren, zurückzuweisen; das 
hat ihnen den Hafs der kleinen Tyrannen, die die armen polnischen 
Bauern auf das himmelschreiendste zu bedrücken gewohnt sind, 
zugezogen. Als weiteren Grund der üblen Beurteilung führt Bre- 
detzky den nationalen Hafs der polnischen und ungarischen Be- 
amten an. Aktenmäfsig kann nachgewiesen werden, dafs ein grofser 
Teil der Klagen und Beschwerden der Beamten über die Ansiedler 
ungerecht und gehässig war; in vielen Fällen trugen die Beamten 
die Schuld. 

Das Mitgeteilte wird genügen, um die oft übertriebenen un- 
günstigen Berichte über die deutschen Ansiedler zu erklären. Diesen 
Urteilen stehen übrigens zahlreiche überaus anerkennenswerte Aufse- 
rungen über die Einwanderer und ihre Tätigkeit gegenüber. 

So führt der bereits genannte Kortum in seinem amtlichen 
Berichte aus: Es seien zwar nicht alle Ansiedler „fleifsig, tätig 
und wohlgesittet",' aber er könne „mit Zuversicht behaupten, dafs 
sie sich hin und wieder sichtbar vor den Nationalisten auszeichnen 
und an vielen Orten auffallende Beweise ihres Fleifses geben ". Er 
verweist darauf, dafs sie schon dadurch für den Nationalisten 
mustergültig wurden, weil sie von diesem den Dünger erkauften 
und auf die Felder führten, die Städte mit frischem Gemüse ver- 
sahen, Gartenfrüchte, Erdäpfel und Klee bauten, ferner Pferdezucht 
betrieben. „Die dreitägige Arbeit eines einheimischen Bauern ist 
kaum mit einer eintägigen eines deutschen Bauern zu vergleichen''. 
Ebenso spricht er den deutschen Handwerkern das Wort und zieht 
sie besonders den jüdischen vor, die schlechter und liederlicher 
arbeiten. 

Ahnliche Urteile liefsen sich zahlreich anführen. So heifst 



Ältere günstige Urteile. 149 

es im Szczerzezer Finalisierungsoperat (1789): „Übrigens mufs 
man bemerken, dafs wie die Familienväter auch ihre angesie- 
delten Kinder den höchsten Stiftungsabsichten vollkommen ent- 
sprechen und sich allenthalben als tätige und sorgsame Wirte bis- 
her ausgezeichnet haben/^ Ahnlich wird im Finalisierungsoperat 
der Herrschaft Grodek (1790) bemerkt: „Die Grodeker Ansiedler 
haben bisher einstimmig vom Amte die Belobung ihrer Betrieb- 
samkeit und der Ackerbaukenntnisse erhalten, besonders empfiehlt 
sie ihre Viehzucht. Wenn auch einige wenige darunter als minder 
emsige und fleifsige Wirte angesehen werden können, so geben sie 
doch Hoffnung, dafs auch solche in ihrer Wirtschaft durch das 
Beispiel der anderen und gute Aufsicht können gebessert werden. 
Es ist also dermalen keiner zur Abstiftung angetragen und ge- 
eignet." Ebenso rühmt der Bericht über Gelsendorf und Oleksice 
(1791): „Ohngeachtet der Verschiedenheit der Religion leben alle 
Inwohner in guter und nachbarlicher Verträglichkeit und ihr arbeit- 
sames Betr agen läfst auch keinen Zweifel übrig, dafs alle Fremden 
ihr gutes Fortkommen finden werden, doch ist die Oleksicer Ge- 
meinde wegen viel erhaltener Rodgründe etwas härter daran als jene 
in Gelsendorf" Ahnlich lauten andere Urteile (vgl. S. 138 u. 151). Im 
allgemeinen kann gesagt werden, dafs sich mit den Jahren die 
Beurteilung günstiger gestaltete. Dies kommt auch in der Literatur 
zur Geltung; man braucht nur die Berichte Hacquets (1788) mit 
jenen Rohrers (1804) und Bredetzkys (1812) zu vergleichen. 

Erwähnt wurde schon, dafs die privaten Grundbesitzer, nach- 
dem sie in den deutschen Wirtschaftsbetrieb Einblick erhalten 
hatten, gern Deutsche aufnahmen. Mit Recht wird in den , »Vater- 
ländischen Blättern" (1810) bemerkt: „Wenn die polnischen Edel- 
leute trotz Apathie gegen alles, was deutsch ist, Deutsche auf ihren 
Gütern aufnehmen, so mufs der Vorteil einer solchen Mafsregel 
schon vielen einleuchten." Nicht mit Unrecht hat man auch auf 
den kläglichen Ausgang anderer Ansiedlungsversuche in Galizien, 
so der Ackerjuden in Neu- Babylon (bei Bolechow) und Neu- Jeru- 
salem (D^bröwka bei Neu-Sandec) hingewiesen; sobald Deutsche 
an ihre Stelle gesetzt wurden, entwickelten sich die Kolonien sofort. 
Ebenso interessant ist es, zu erfahren, dafs deutschen Wirten über- 
gebene Wirtschaften von diesen so rasch verbessert wurden, dafs 



150 Deutsche Kulturarbeit. Einflufs auf die ländliche Kultur. 

sie nach kurzer Zeit schon im Werte gestiegen waren: als die 
lahme Ansiedlerswitwe Magdalena Schwerdfegerin in Kaisersdorf 
genötigt war (17Ö7), die Wirtschaft aufzugeben, übernahm ein An- 
siedlungswerber nicht nur die darauf haftenden Ansiedlerschulden, 
sondern bezahlte der Witwe noch 42 fl. 

Die beredteste Sprache für den Nutzen der deutschen Ansied- 
lung spricht jedoch die von den Kolonisten geleistete Kulturarbeit. 

Die Deutschen sind unleugbar in ein Land gekommen, von 
dem ein altes Sprichwort sagte: „In Polen ist nichts zu holen." 
Ihnen sind oft Gründe übergeben worden, „die vom vorigen Nutz- 
niefser im schlechtesten Zustand übernommen wurden"; es gab 
darunter Acker, die „ehemals nur alle 7 oder 9 Jahre von den 
Nationaluntertanen bebaut wurden". Selbst in den besser kulti- 
vierten Gegenden, wie bei Lemberg, erhielten die Dornfelder nur 
1847 Korez reines und 1925 Korez unkultiviertes Land. In der 
Sandomirer Herrschaft waren die Ansiedler auf „sandigten Grün- 
den", „fast blofsem Flugsand", oder in Morästen und Rodungen 
untergebracht worden. Viel ärger war natürlich das Verhältnis 
in gebirgigen Dörfern, wie etwa in Bandrow. Wie es damals in 
Galizien aussah, das geht klar aus dem geradezu erschrecklichen 
Raubtierstand hervor, von dem die Ansiedler noch jetzt er- 
zählen. Dieser ungeheure Reichtum an Raubtieren ist auch ur- 
kundlich belegt. So sind in der Zeit von 1798 bis 1803 in den 
Kreisen Przemy^l, Zölkiew, Zamoäd, Zloczöw und Zaleszczyki 742, 
beziehungsweise 925, 1261, 735, 360 Raubtiere erlegt und dafür 
3339 fl., beziehungsweise 4162, 5701, 3307 und 1620 fl. an Prämien 
bezahlt worden. Zusammen wurden in der genannten Zeit in 
15 Kreisen 6156 Raubtiere erlegt und 27 702 fl. Prämien gezahlt. 
Im Samborer Kreise, in dem sich viele deutsche Ansiedlungen be- 
fanden, wurden 1796 bis 1803 86 Bären und 420 Wölfe getötet 
und 2277 fl. an Belohnung ausgezahlt. Geradezu erschrecklich 
lauten aber auch alle Nachrichten über den Stand der Landwirt- 
schaft und der bäuerlichen Kultur. Die Pflüge waren klein und plump ; 
gepflügt wurde nur eine viertel Elle tief, oft auch nur mit der 
Hacke das Feld etwas aufgelockert und darauf gesäet. Die Brache 
dauerte 3 bis 4, aber auch 7 bis 9 Jahre. In einzelnen Gegenden 
brannte man die Bäume und Sträucher nieder und säete auf der 



Deutsche Kulturarbeit. Einflnfs auf die ländliche Kultur. 151 

Brandstätte im ersten Jahr Weizen oder Korn, im zweiten Gerste, 
im dritten Hafer. Die Eggen bestanden oft nur aus einem 
schmalen mit etlichen eisernen Nägeln beschlagenen Brette. Ebenso 
schlecht und klein waren die Wagen; „an einem ganzen Wagen 
befindet sich öfters kein Lot Eisen". Das Düngen war un- 
bekannt; nach übereinstimmenden Berichten lachten ursprünglich 
die einheimischen Bauern die Deutschen aus, als diese auch 
von ihren Höfen den Dünger wegführten. Futterkräuter, Ge- 
müse, Obst und Handelskräuter wurden fast nicht gebaut. Noch 
kläglicher stand es um die Viehzucht. Das Vieh war krüppelhaft, 
elend, unansehnlich. Es gab fast keine Stallungen, so dafs das 
Vieh, besonders im Winter, furchtbar litt. Von ordentlicher Füt- 
terung und Pflege war keine Rede. 

Diese traurigen Verhältnisse fanden die Deutschen vor. Red- 
lich haben sie seither an der Urbarmachung des Landes ge- 
arbeitet; in öden, verwilderten Gegenden entstanden fruchtbare 
Felder, blühende Dörfer. Schon 1784 erkennt ein Bericht an, 
dafs die Ansiedler die Felder besser bebauen als die Eingeborenen. 
Ein Bericht von 1785 meldet, dafs die Ansiedler von Hujsko- 
Falkenberg „über tausend Fuhren Dünger" aus dem Nationaldorf 
auf ihre Felder geführt haben; auf ihren Richter waren sie „eifer- 
süchtig", weil diesem die Inländer Dünger auf seine Felder beför- 
derten. Die Rehberger Deutschen, welche als sehr fleifsig und arbeit- 
sam bezeichnet wurden, holten eine halbe Meile weit aus Krakowiec 
den Dünger auf ihre Felder (1788). Damals bauten schon deutsche 
Ansiedler „eine Menge Erdäpfel" i). Die Kolonisten auf der 
Tuszower Kameralherrschaft hatten bereits 1785 „eine Menge der 
besten und gröfsten Erdäpfel, dann Kraut und Hülsenfrüchte zur 
allgemeinen Verwunderung der dortländigen Wirtschaftskenner 
hervorgebracht; die aus der Gegend des Rheinstromes dahin ge- 
langten deutschen Ansiedler haben auch mit sich gebrachte 
Rebenableger zu versetzen angefangen". Den Gemüsebau haben 



1) Weil die Erdäpfel von den Schwaben verbreitet worden waren, erhielten 
sie hie und da den Namen „Schwabky". Das ordentliche Pflanzen der Kartoffel 
lernten die Ruthenen erst von den Deutschen; vorher machten sie mit einem Pflock 
ein Loch in den Boden, legten die Kartoffel hinein und verscharrten sie mit dem 
Fufse (Bericht aus dem Orte Nahujowice). 



152 Deutsche Kulturarbeit Eiuflufs auf die ländliche Kultur. 

überhaupt erst die Deutschen verbreitet. Dasselbe gilt von den 
Futterkräutern, besonders vom Klee. Die Kolonisten aus der Neu- 
Sandecer Gegend betrieben den Kleebau anfangs des 19. Jahr- 
hunderts so erfolgreich, dafs sie Kleesaraen über Danzig nach 
Norden, ferner nach Ungarn in grofsen Mengen ausführten. Nach 
Kaschau allein wurden von ihnen 1807 1000 Zentner im Werte 
von 50000 fl. verkauft: „diesem Handel verdankten diese An- 
siedler ihren Reichtum." Auch nach Schlesien wurde Kleesamen 
verhandelt. Ebenso wurde mit der Kultur des Tabaks, der Röte, 
der Rapsrübe und des medizinalen Rhabarbers begonnen. Die 
Rhabarberwurzeln hatten einige Ansiedler mitgebracht; der an 
mehreren Orten versuchte Anbau lieferte tatsächlich verwend- 
bare Wurzeln. Den Rapssamen schickte man aus Deutschland in 
Briefen i). überaus wurde der Obstbau durch die Kolonisten ge- 
fördert. Schon 1797 erhielten drei Kameralansiedler, weil jeder 
über 200 Obstbäume gepflanzt hatte, jährlich 2 Dukaten als Prämie; 
ein Ansiedler in Dobrzanica erhielt die auszeichnende Belohnung 
sogar doppelt. Nachdem die Ansiedler zwei Jahrzehnte im Lande 
waren, „glichen ihre Dörfer in den meisten Gegenden Gärten, in 
denen ihre Wohnungen Lusthäuser zu sein schienen''. „Reichen- 
bach sollte wegen seines Obstreichtums Reichenobst heifsen. Vor 
jeder Wohnung ist ein Obstgarten. Man sieht vor Obst und Laub 
kaum die Wohnungen der Kolonisten" (1809). Obstbaumhändler 
aus Württemberg und Franken führten jährlich Wagenlasten 
von Baumstämmchen und Pfropfreisern ein. Auch die Waldwirt- 
schaft, die völlig vernachlässigt war, ist erst durch die deutschen 
Beamten, Waldbereiter, Jäger und Förster gehoben worden. Ebenso 
zeichnet sich die Viehzucht der Ansiedler vorteilhaft aus: Stal- 
lungen, Stallfutterung, Verabreichung von warmen „Trankl", 
W^aschen des Viehes wurden erst durch die deutschen Kolonisten 
allgemein bekannt; auch der Hufbeschlag war vorher dem gali- 
zischen Bauer überflüssig erschienen. 

Unter deutschem Einflüsse hat auch die einheimische Bevöl- 
kerung seither viel gelernt ; doch unterscheidet man auch jetzt noch 
in vielen Gegenden das wohlbestellte deutsche Feld leicht von jenem 



1) Vgl. auch oben S. 122. 



Deutsche Kulturarbeit. Einflufs auf die ländliche Kultur. 158 

des Ruthenen und Polen i), ein deutsches Gespann und deutsches 
Vieh vom einheimischen. Kaum ist es nötig, zu bemerken, dafs 
die deutschen Kolonisten auch bessere Hand wer kszeuge und Acker- 
geräte gebrauchten und deren Verbreitung veranlafsten. Sie brachten 
solche zum Teil aus ihrer Heimat mit, z. B. gute Hecheln, wie 
sie in Galizien nicht zu erhalten waren , oder sie bestellten sie von 
dort, so etwa eine Ölmühle. Auch kam es schon um 1800 vor, 
dafs ein Wirt sich mit einem Aufwände von 100 fl. eine Rofs- 
mühle herstellen liefs, „um nicht ganz von dem Eigensinn und 
Eigennutze jüdischer Pächter der Wassermühlen abhängig zu sein". 
Windputzmühlen werden in den Inventaren der Bauern in Josephs- 
berg um 1840 regelmäfsig genannt. Auch jetzt findet man land- 
wirtschaftliche ]\raschinen bei den deutschen Ansiedlern in GaHzien 
weit häufiger als bei den anderen Bauern. Von ebenso bedeu- 
tendem Einflufs auf die einheimische Bevölkerung war der deutsche 
Hausbau und der deutsche Hausrat. 

Zur Kennzeichnung dieser Einflüsse möge eine Anzahl von 
heute üblichen polnischen und ruthenischen Ausdrücken angeführt 
werden: ganek, ganok = Gang (beim Hause), przydachy = Vor- 
dach, szopa = Schupfen, äpiklerz = Speicher, futryna = Fenster- 
stock (Fensterfutter), szeba = Scheibe, Fenster, sruba = Schraube 
(auch eine Art Fensterverschlufs), klamka = Klinke am Türschlofs, 
ferladuna = Fensterladen, koch = eine Art Herd, drajfus = 
Dreifufs, listwa = Leiste, szoflada = Schublade, spyrnal = Sperr- 
nagel beim Wagen, stelwaha = Stell wage, ortszek = Ortscheit, 
buksza = Radbüchse, hufnal = Hufnagel, zugli = Zügel, fartuch 
= Vortuch (der Frauen), gugla = Kapuzenmantel, manta = Mantel, 
taszka = Ledertasche, krysa := Krause, leybek = wollenes 
Unterkleid, magliunycia = Mangelholz (zum Rollen, Glätten der 
Wäsche) usw. 

Wie für die ländliche Kultur, so waren die deutschen Ein- 



1) Auf welcher niedrigen Stufe der Ackerbau im Durchschnitte auch heute 
noch in Galizien steht, geht daraus hervor, dafa die einheimische Bauernbevölkerung 
Getreide für eigenen Bedarf zukaufen raufs. Ein Samenkorn ergibt durchschnitt- 
lich nur 5 Körner, während in Deutschland der Ertrag 7 — 10 Körner ist. Für 
die deutschen Gemeinden in Galizien liegen leider keine besonderen Berech- 
nungen vor 



154 Deutsche Verdienste um d. Entwicklung d. Städte, d. Gewerbes u. Handels. 

Wanderer auch für die Eatwicklung der Städte von gröfster Be- 
deutung. Zur Zeit der Erwerbung durch Osterreich war das 
städtische Leben in Galizien im tiefsten Verfall. Die Unordnung 
auf den Strafsen und die Verwahrlosung der Häuser in den da- 
maligen Städten spottet jeder Beschreibung. Dies gilt nicht nur 
von den kleineren Landstädten; auch in Wieliczka gab es nur 
zwei gemauerte Häuser, in Bochnia keines. Selbst die Rathäuser 
waren gewöhnlich von Holz. Die Bauart war so unordentlich und 
feuergefährlich, dafs sclireckliche Feuersbrünste oft bedeutende 
Stadtteile vernichteten. In Bochnia und Wielicka starrten im 
Sommer die Strafsen von Staub und Schmutz, im Frühjahr und 
Herbst aber vermochten sechs Pferde einen leichten Wagen nicht aus 
dem Morast herauszuziehen. Ja es fehlte an den nötigsten Brunnen, 
so^dafs selbst Trinkwasser aus den Flüssen geholt wurde. Auch 
in Lemberg waren die Häuser elend, die Strafsen schmutzstarrend, 
das Pflaster vernachlässigt ^); an Handwerkern aller Art herrschte 
der grölste Mangel. Um Gewerbetreibende und Kaufleute herbei- 
zuziehen, hat schon Maria Theresia 1774 selbst die Aufnahme von 
Protestanten in den Städten gestattet, Kaiser Joseph vergröfserte 
1781 die Freiheiten für diese Einwanderer und liefs sie öfters 
kundtun. Trotz mancher Opfer des Staates blieb die Zahl der 
einwandernden Handwerker ungenügend; so wurden Ende 1783 
unter den Ansiedlern neben 1193 Ackerbauerfamilien nur 24 Fa- 
milien Handwerker, und 1786 an Ackersleuten 2988 Familien, 
und an Professionisten blofs 120 Familien gezählt. » Doch sind 
darunter jene Handwerker nicht inbegriffen, die ohne Unterstützung 
und Zutun des Staates einwanderten und sich niederliefsen. Infolge 
des Mangels an Handwerkern nahm das Ansiedlungsgeschäft ge- 
ringen Fortgang. Daher wurden alle Einschränkungen, die das 
allzu starke Zuströmen von Ackerbauern hintanhalten sollten, be- 
züglich der Handwerker aufser Kraft gesetzt; man nahm auch 
Auswanderer aus den österreichischen Ländern auf und drang 
nicht auf einen entsprechenden Vermögensnachweis. Nachdem die 

1) Als man nach der österreichischen Besitzergreifung in Lemberg An- 
stalten zur ordentlichen Pflasterung machte, soll man unter dem weggeräumten 
.Unrat drei Pflaster übereinander gefunden haben; es war also „immer auf 
das verwahrloste ein anderes gelegt und wieder verwahrlost worden". 



Deutsche Verdienste um d. Entwicklung d. Städte, d. Gewerbes u. Handels. 155 

Aufnahme von Landleuten eingestellt worden war, wurden Be- 
günstigungen für einwandernde Handwerker wieder verlautbart 
(1787), und seit 1813 wurden neue Versuche zu ihrer Herbeiziehung 
gemacht. All dies beweist nicht nur den grofsen Mangel an Ge- 
werbetreibenden, sondern auch die Unentbehrlichkeit und Brauch- 
barkeit der deutschen Handwerker; freilich waren nicht alle Ein- 
gewanderten tüchtig und ordentlich. 

Zur Ansiedlung wurden die mannigfaltigsten Handwerker und 
Fabrikanten aufgefordert: Ziegelbrenner, Maurer, Zimmerleute, 
Schmiede, Schlosser, Tischler, Töpfer, Schuster, Schneider, Hut- 
macher, Juveliere, Goldarbeiter, Seidenfabrikanten, Uhrmacher, 
WoU- und Leinenweber, Tuchmacher, Tuchscherer und Färber, Rot- 
und Weifsgärber, Steinhauer, Glaser, Drechsler, Wagner u. a. „Da 
die Mühlen im Lande schlecht sind, so sollen auch des Mühlbaues 
kundige Müller und Beuteltuchmacher aufgenommen werden" (l784). 
Besonders dringend erforderlichen Handwerkern wurden noch aufser- 
ordentliche Unterstützungen in Aussicht gestellt; so bot man guten 
Seilermeistern aufser den gewöhnlichen Patentbegünstigungen noch 
200 fl. Reisegeld und versprach dem tüchtigsten unter ihnen 
500 Dukaten Remuneration. Im Jahre 1784 baten die Lemberger 
Schlosser und Büchsenmacher, die durchaus Deutsche waren, dafs 
ein Feilenhauer aus Oberösterreich herbeigezogen werde, da sie ihre 
abgenutzten Feilen 40 bis 50 Meilen nach Kaschau schicken 

I müfsten. Dieser Bitte schlössen sich die Militärbehörden an, und 
so wurde der Feilenhauer Plank aus Oberösterreich unter Gewäh- 
rung von besonders günstigen Bedingungen in Lemberg angesiedelt. 
Durch ein Kreisschreiben wurde sodann auf diesen Meister auf- 
merksam gemacht, der nicht nur neue Feilen machte, sondern die 

I alten auch sehr gut wiederherstellte ^). Oft ist die Rede von der 
Herbeiziehung von Webern und Tuchmachern aus Böhmen, Schlesien 
und Sachsen. Um Biala im Westen und in Zaleszczyki im Osten 
des Landes hatte es schon früher deutsche Weber gegeben; nun 
machten sie sich an anderen Orten ansässig. In Jaroslau hatte 
der Tuchfabrikant Gottlieb Lischke schon 1786 eine Fabrik mit 
20 Stühlen vollkommen in Betrieb gesetzt; er erhielt einen Vor- 



1) Ähnliche Anempfehlungen kommen auch in anderen Kreisschreiben vor. 



156 Doutscho Verdienste um d. Entwicklung d. Städte, d. Gewerbes u. Handels 

schufs von 10000 fl. Der Seiden- und Zeugfabrikant Franz Müller 
errichtete 1784 in Lemberg eine Fabrik; nach kurzer Zeit hatte 
er bereits mehrere hundert Ellen „Dünntücher*' und „Marie" i), 
ferner aus Dünntuch zugerichtete Frauenzimmerröcke und Schürzen 
am Lager. In Sambor wurden Leineweber angesiedelt, unter ihnen 
eine Anzahl Kunstweber. Und so begegnen uns im ganzen Lande 
deutsche Handwerker, Fabrikanten und Kaufleute. Es sei nur 
erwähnt, dafs sich in Lemberg der deutsche Buchdrucker Piller 
ansiedelte, der auch eine Papiermühle besafs. Ebenda arbeitete 
1787 der erste Grofsuhrm acher Simon Engel mit Erfolg; er war 
vordem als Bauer auf einer Privatherrschaft angesiedelt gewesen. 
Friedrich Dargunt liefs sich daselbst als Siegellackmacher nieder. 
Schon um 1776 wird oft der Schiffsbaumeister Hepp genannt. Der 
deutsche Zimmermann Johann Andler erscheint auch als „Mühlen- 
arzt" oder „Mühlbauer"; Jakob Lang bat um die Erlaubnis, eine 
Sägemühle errichten zu dürfen. Ebenso finden wir bald deutsche 
Brauermeister, Glasmacher, Glockeiigiefser und Bildhauer in Ga- 
lizien. Nicht allen angesiedelten Handwerkern glückten ihre Unter- 
nehmungen ; vor allem fanden jene am Lande wenig Arbeit. Was 
sollten auch z. B. Strumpfwirker in den Dörfern machen, da 
doch die einheimische Bevölkerung auch jetzt noch zum grofsen 
Teile keine Strümpfe trägt. Aber einzelne Gewerbe entwickelten 
sich trotzdem auf den Dörfern. In Dobrzanica fertigten die An- 
siedler schon um 1812 viele Feuereimer, Bienenkörbe u. dgl. aus 
Stroh und versorgten damit die Umgebung. Auch jetzt werden 
z. B. in Brigidau jährlich viele tausend Schubkarren, ferner 
Pflüge, Wagen und Getreideputzraühlen hergestellt. Zahlreiche von 
den eingewanderten Handwerkern und Kaufleuten wurden überaus 
wohlhabend. Es gab aber auch unter ihnen geradezu hervorragende 
Männer; ein solcher war der treffliche Preschel (gest. 1808), der eine 
Reihe von Unternehmungen ins Leben gerufen hat. Er handelte 
mit allerlei Landesproclukten und führte fremde Waren ein, grün- 
dete eine Lederfabrik, betrieb ein Brauhaus, baute Hopfen, trocknete 
Moräste und errichtete darauf Gärten und Häuser; aufserdeni war 
er unermüdlich für die Gründung der Lem berger evangelischen 



1) Marly, ein gazeartigcr Stoff. 



Deutsche Verdienste um d. Eiitwickluag J. Städte, d. Gewerbes u. Handels. 157 

Gemeinde tätig und brachte dafür grofse Opfer. Freilich gab es 
unter den Eingewanderten auch allerlei Glücksritter, aber die 
nützlichen, ehrlichen Arbeiter haben weit überwogen. Sie bildeten 
einen Hauptbestandteil der städtij^chen Bevölkerung. Um 1800 war 
z. B. in Lemberg nicht nur der einzige Buchdrucker ein Deutscher 
(Piller), sondern auch das Kasino des Höchst galt als das einzige 
ordentliche Hotel. Zu den ersten Kaufleuten gehörten Klotz, 
Koberwein und die Gebrüder Bürger. Hier wohnte der beste 
„Traiteur" des Landes, ein Georg Hoffmann. Tanzmeister war der 
Elsässer Kurtz, Arzte waren Hildenbrand, Knee und Krausnecker. 
Und so gab es hier, ebenso in Krakau und anderen Städten, un- 
zähliche deutsche Vertreter der bürgerlichen und gelehrten Stände. 
Es sei nur erwähnt, dafs ein Verzeichnis der Krakauer Kaufleute 
von 1809 mehr als ein Drittel deutsche Namen aufweist; ein 
Karl Forkmann stellte in Krakau das erste Mikroskop zur öffent- 
lichen Besichtigung auf und ein Peter Steinkeller unterhielt eine 
Schnellpostverbindung zwischen Krakau und Warschau. ,,Jage 
man^^, so heifst es in der 1790 erschienenen Schrift „Magna 
Charta von Gahzien", „alle Teutschen aus Polen, so hat morgen 
die ganze Nation keinen echten Künstler und keinen guten Bürger 
noch Handwerker mehr." Im Laufe der Jahrzehnte haben sich 
diese Verhältnisse geändert; die einheimischen Nationen gewöhnten 
sich allmählich an bürgerliche Tätigkeit und verleideten durch ihre 
Unduldsamkeit deutschen Handwerkern und Kaufleuten den Auf- 
enthalt in ihren Städten. Ganz sind sie noch nicht verdrängt, 
doch bringt es die Abhängigkeit der bürgerhchen Berufe von 
ihrem Kundenkreise mit sich, dafs sie der Entnationalisierung an- 
heimfallen. 

Die deutschen Einwanderer haben aber nicht nur ihre Arbeits- 
kraft und ihre Kenntnisse mitgebracht, sondern zum Teil auch 
beträchtliches Vermögen. Anfangs kamen freilich zumeist arme 
Leute ; später forderte man aber den Nachweis von 1 00 bis 200 fl. 
und bevorzugte besonders die reichen Ansiedler. Im Januar 1784 
wurden z. B. 7 Familien aus Württemberg mit Vermögen von 150 bis 
1950 fl. angenommen und seither begegnen in den Akten wiederholt 
Berichte über den Vermögensstand der Einwanderer. Ein amtlicher 
Bericht vom August 1784 meldet, dafs seit Mitte Juni fast alle Kolo- 



158 Aus der Heimat mitgebrachtes Vermögen der Ansiedler. 

nisten über 100 fl. mitgebracht haben; viele hatten noch einen grofsen 
Teil ihres Vermögens im Reiche zu fordern. Allein die Ansiedler, 
die mit Metternichschen Pässen kamen, brachten damals über 
50 000 fl. nach Galizien. Der Vermögensstand aller Emigranten 
vom Sommer 1784: wurde mit 12(3 394 fl. in Barem und 75 339 fl. 
in ausstehenden Forderungen beziffert; viele hatten ein Vermögen 
von 300 — 800 fl. „Auch war der gröfste Teil dieser Leute sehr 
wohl gekleidet, von gutem Aussehen, und sie schienen, nach ihrer 
Rede zu urteilen, meist arbeitsame und geschickte Leute, und also 
von jenen sehr verschieden zu sein, die bei der Eröffnung der 
Ansiedelungsanstalten nach Sandomir und Niepolomice gekommen 
sind und über deren Unfleifs viele Klagen eingelofi'en sind." Zu 
dem bar mitgebrachten Vermögen kamen die überaus zahlreichen 
Vermögensansprüche der Auswanderer in der alten Heimat. Diese 
„Reichsforderungen" wurden bis gegen das Ende des 18. Jahr- 
hunderts mit Hilfe der Regierung geltend gemacht, und es erfolgten 
durch diese zahlreiche Auszahlungen einlangender Geldsummen. 
Gewöhnlich betrugen diese 100 — 200 fl., aber auch Beträge von 
400, 500, 600 und 700 Gulden trafen ein; dazu schickten die 
Anverwandten aus der Heimat noch manchen schwer erübrigten 
Gulden i). Auf diese Weise kamen nach Galizien bedeutende 
Geldsummen, die bei der damaligen Geldarmut grofse Bedeutung 
hatten. Man darf nicht übersehen, dafs damals eine Milchkuh in 
Galizien 10 fl. kostete, somit der Geldwert ungefähr zehnmal so grofs 
war als heute 2). Dazu kommt, dafs der galizische Bauer jener Zeit 
überhaupt kein Bargeld besafs. Die deutschen Einwanderer brachten 
aber auch Geräte und Kleider mit. Mancher von ihnen besafs 
ein Vermögen, und vor allem einen Hausrat, wie er auf ade- 
hgen „Schlössern" Galiziens nicht immer zu treffen war. Im 
Inventare des Simon Preisentanz in Reichau von 1787 fanden sich 
neben einigem anderen Geld 93 Dukaten, 1 silberne Sackuhr, 
1 Garnitur silberner Schnallen, 1 Paar silberne Hemdknöpfel, 
„10 Schnüre um den Hals von guten Granaten", Bettzeug, Tisch- 



1) Vgl. oben S. 121 f. 

2) Allerdings gilt dies nur im Verhältnisse zu Landesprodukten ; Handels- 
waren, Werkzeuge u. dgl. waren dagegen teuer. Vgl. oben S. 23 u. 134. 



Entwicklung der wirtschaftlichen Lage bis zur Gegenwart. 159 

tücher, Servietten, Wäsche, 2 Paar neue hirschlederne Beinkleider, 
Schuhe mit Schnallen, Tischlerwerkzeug, kupferne, messingene und 
eiserne Kochgeschirre, Efsgeschirr (darunter zinnerne und „por- 
zelanene" Teller), Hausgeräte (darunter eine Bettstatt mit grünen 
zeugenen Vorhängen) i), eine „Gugelbüchse" usw. Aus späterer 
Zeit sind uns Inventare erhalten', in denen Wanduhren, Bücher, 
Windputzmühlen u. dgl. häufig vorkommen, lauter Dinge, die bei 
der einheimischen Bevölkerung damals kaum zu finden waren. Nur 
kurz sei darauf verwiesen, dafs in Galizien zahlreiche Deutsche 
auch grofse Güter erwarben und noch heute besitzen und dafs 
deutsches Geld jederzeit viele grolse Unternehmungen ermöglichte. 
Es ist schon bemerkt worden, dafs viele von den deutschen Hand- 
werkern und Kaufleuten bedeutendes Vermögen erwarben; aber auch 
die dörflichen Ansiedler haben sich zum grofsen Teile wirtschaft- 
lich gut entwickelt. Anfangs fanden sie freilich für ihre Früchte 
keinen Absatz; ein Reisender erzählt (1786), dafs er selbst einst 
sah, wie einem Ansiedler für seine mit vier Pferden herbeigeführte 
Wagenlast Rüben blofs das Schandgeld von 14 Kreuzer geboten 
wurde. Aber seit dem Ende des 18. Jahrhunderts standen jahre- 
lang die Getreidepreise sehr hoch, auch hatten die Ansiedler Ab- 
satzgebiete für ihre Erzeugnisse gefunden. So wurden am Anfang 
des 19. Jahrhunderts besonders die Deutschen aus der Neu-Sandecer 
Gegend durch den Ackerbau geradezu reich. Von den Dörfern 
um Szczerzec (Reichenbach, Dornfeld, Neu-Chrusno) berichtet Bre- 
detzky in seinen „Reisebemerkungen" (1809): „Ihre Stallungen 
sind voll gesunden gut gepflegten Viehes, ihre Gerätschaften nett 
und reinlich. Ihr ganzes Hauswesen nähert sich schon dem bürger- 
lichen in kleinen Städten. In vielen Wohnungen fand ich aufser 
den nöthigen Stühlen wohl hie und da einen bequemen Schlaf- 
sessel, sogar ein bequem eingerichtetes, zur Aufnahme eines Fremden 
bereitstehendes Kanapee 2)". An einer anderen Stelle bemerkt 
derselbe Gewährsmann, dafs in einer grofsen Anzahl Ansiedlungen 

1) Hie und da sind noch jetzt Bettstellen mit Gardinen in Verwendung. 
Hierzu die Abb. bei K a i n d 1 , Das deutsche Ansiedlerhaus in Galizien. 

2) Dagegen berichtet nicht nur Kratter 1786, sondern auch noch Kohl 
1840, dafs galizische Edelleute ihren Gästen kein Bett, sondern blofs ein Stroh- 
lager bieten konnten. 



160 Entwicklung der wirtscliaftlidien Lage bis zur Gegenwart. 

„eine an Reichtum grenzende Wohlhabenheit den Reisenden an- 
spricht". Ahnliche Eindrücke erhält man auch heute in vielen 
deutschen Ansiedlungen; sie stehen oft in wohltuendem Gegen- 
satze zu den ruthenischen und polnischen Nachbardörfern, Freilich 
gab es und gibt es auch arme Dörfer; aber manches, das vor 
hundert Jahren als verfallen bezeichnet wird (z. B. Königsau), 
macht jetzt einen guten Eindruck Und erfreulicherweise ist gerade 
in den letzten Jahren manches zur Hebung der deutschen Siedelungen, 
geschehen. Der deutsche Bauer hat zur Selbsthilfe gegriffen und 
schafft Raiffeisenkassen, Warenhäuser und dergleichen. Kaisers- 
dorf bei Sambor besitzt ein genossenschafthches Warenhaus mit 
Tabaktrafik, Propination (Schankrecht) und Fleischbank. Dazu 
gehört ein Eiskeller, ferner eine Werksätte für Zementdachziegel 
und ebensolche Brunnenrohre. Ferner besteht eine Raiffeisen- 
kasse, alles in und um das Vereinshaus, in dem sich auch ein 
kleines Unterhaltungszimmer befindet. An Raiffeisenkassen zählte 
man im November 1910 in den deutschen Dörfern Galiziens 20; 
sie sind zum „Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften in 
Galizien" vereinigt. Erfreulich ist es, zu erfahren, dafs die Deut- 
schen von Augustdorf, einer der wohlhabendsten Kolonien, ihr Getreide 
oft zusammen an einen Grofshändler verkaufen und auf diese Weise 
bessere Preise erzielen als beim Verkauf der Erzeugnisse eines 
einzelnen Bauernhofs. Ebenso verkaufen die Ansiedler von Machliniec 
ihre schönen Mastochsen nicht einzeln, sondern liefern ganze Waggon- 
ladungen. Die Erkenntnis, dafs rationelle Viehzucht und modernes 
Molkereiwesen dem Landwirte' bessere Einnahmequellen als der 
Körnerbau gewährleisten, dürfte sich in Kürze durchringen. So 
ist berechtigte Hoffnung vorhanden, dafs manche Rückständigkeit, 
in die diese Kolonisten infolge ihrer Vereinsamung und Vernach- 
lässigung durch alle berufenen Faktoren zum Teil geraten sind, 
bald beseitigt werden wird. Erwähnt sei noch, dafs viele Dörfer 
kein Wirtshaus und keinen jüdischen Geschäftsmann aufweisen. ^) 
Bedeutenden Anteil an der Kultivierung Galiziens nahmen 
auch die deutschen Beamten, Geistlichen und Lehrer. Gleich 

1) Den Zutritt in die Einquartierungsortschaften verbot den Juden schon 
das Normale von 1787. In Mariahilf darf nach dem Ansiodiungsvertrag kein 
Jude wohnen; tatsächlich ist bis heute keiner hier sefshaft. 



Deutsche Beamte, Geistliche, Lehrer und Ärzte. 161 

nach der Erwerbung kamen deutsche Beamte der verschiedensten 
Berufszweige ins Land. Schon 1774 besteht das Personal der 
Kreisämter zum überwiegenden Teil aus Deutschen und dasselbe 
ist noch einige Jahrzehnte später der Fall. So waren z. B. 1804 
beim Kreisamt Neu-Sandec angestellt: Kreishauptmann Franz 
V. Riedelswaldt und folgende Bamte: Störr, Gramer, Haisei, Saenger, 
Hallauer, Raczynski, Blassy, May, Bobek, Schwarz, Schierl, 
Reisch und Lüzel ; also unter 14 Namen 11 deutsche. Ebenso 
wiesen die verschiedenen anderen Amter, insbesondere die Güter- 
administration zahlreiche deutsche Beamte auf ^). Nach dem Schema- 
tismus von 1831 gab es unter den 8000 galizischen Beamten un- 
gefähr 2600 deutsche. Gewifs befanden sich unter ihnen, wie 
dies auch in anderen Ländern Österreichs der Fall war, viele 
minderwertige: die grofse Mehrzahl hat sich aber bei der Hebung 
des Landes erfolgreich betätigt. Zu diesen Beamten gehört vor 
allem der geniale Ernst B. Kortum (gest. 1811), der für die Ver- 
waltung der galizischen Kameralgüter, Salzwerke und Forste über- 
aus viel geleistet hat, zugleich aber ein gewiegter Rechtsgelehrter, 
Schriftsteller und Kunstfreund war. Die Ausnutzung der galizischen 
Wälder und Salzlager ist überhaupt vor allem ein deutsches Werk. 
Aber auch die heute weltbekannte Petroleumindustrie geht auf 
einen deutschen Beamten zurück. Der Salinenkontrolor Josef 
Hecker war es, der 1815 in Truskawiec südhch von Drohobycz 
die erste Destillationsfabrik für „Naphtha" hergestellt und diese 
als Beleuchtungsmaterial in Anwendung gebracht hat. Da im 
Kaukasus und in Amerika die Destillation des Erdöls erst später 
begann, so verdankt Galizien einem Deutschen den Ruhm, den 
ersten Schritt zu dieser wichtigen Industrie getan zu haben. 
Hier ist ferner der treffliche J. Liesganig zu nennen, der 
im Auftrage der Kaiserin Maria Theresia und des Kaisers Joseph 
eine wertvolle Karte von Galizien hergestellt und ihr einen sehr 
brauchbaren „Judex" beigegeben hat, der nach Art der modernen 

1) In einem Pränumerantenverzeichnisse der 1785 in Wien erschienenen 
Gedichte von J. F. Eatschky erscheinen zahlreiche Deutsche, besonders Be- 
amte, aus Galizien. Es ist dies ein Beweis, dafs diese Beamten auch ein geistiges 
Interesse hatten ; die zahlreichen Bestellungen dürften durch die Freimaurerlieder 
Ratschkys veranlafst worden sein. 

Kaindl, Gesch. d. Deutschen i. d. Karpath. in. 11 



162 Deutsehe Beamte, Geistliche, Lehrer und Ärzte. 

Atlanten die Auffindung der Orte erleichtert (1794). Als „Navi- 
gations- und Geniedirektor" hatte er auch für die Schiff barmachung 
der Flüsse zu sorgen und Baupläne zur Verschönerung von Lem- 
berg herzustellen. Ebenso hat sich der Strafsenbaukommissar 
Zinn mit den Denkwürdigkeiten von Lemberg beschäftigt und 
darüber ein wertvolles Manuskript hinterlassen. „Die deutschen 
Wohltaten", welche Osterreich nach dem Berichte des Reisenden 
Kohl (1840) in Galizien auf dem Gebiete des Gerichtswesens und 
der Verwaltung durchgeführt hat, sind vor allem durch die deutschen 
Beamten bewirkt worden. Selbst Männer in untergeordneten 
Stellungen entfalteten mitunter eine segensreiche Arbeit. Der 
Verwalter Häusler (um 1800) in Uniöw in der Przemy^laner 
Gegend sorgte für den Anbau von steiermärkischem und hollän- 
dischem Klee ; er förderte mit Erfolg den Obstbau in vielen Dörfern, 
ebenso den Bau des Farbkrautes Safflor i), das bis dahin wenige 
deutsche Kolonisten im Lemberger Kreise pflanzten ; auch Runkel- 
rüben und Rhabarber wurden von ihm kultiviert. Ebenso zeich- 
neten sich deutsche Geistliche, Lehrer und Arzte aus. Der aus 
Schlesien stammende Pfarrer Zeisel (1804) in Inwald förderte 
die Landwirtschaft, besonders den Ackerbau; sein Landsmann 
und Zeitgenosse, der Normalschuldirektor Krömer in Wielicka 
gab von seinem Gehalte von 400 fl. jährlich acht Knaben 
Kleidung und Kost und unterrichtete sie in trefflicher Weise 
im Gartenbau und Wirtschaftsbetrieb. In dieser Zeit wurden die 
Kreis- und Wundärzte Schulz, Kramer, Schreiner und Kischler 
ausgezeichnet; sie hatten sich alle bei der Abwehr der Pest 
hervorgetan. Der Raummangel verbietet, zahlreiche ähnliche Nach- 
richten zu bringen. Erwähnt sei noch, dafs auch in der Republik 
Krakau (1815 — 1846) Deutsche zu den tüchtigsten Beamten 
zählten. Es möge nur der aus Iglau stammende Viktor Kopff ge- 
nannt werden, der seine aufserordentliche Kraft voll in die Dienste 
des Freistaates gestellt hatte. Sein Werk war das Projekt der Neu- 
gestaltung des Gerichtswesens, das Arbeitshaus für die Sträflinge, 
das Sparkassenstatut, die Organisation der Musikschule, die Theater- 
vorschriften , endlich aufser zahlreichen anderen auch der 184^ 



1) Bastardsafran, Färbedistel. 



Verbreitung der deutschen Sprache. 163 

dem Landtage vorgelegte „Bericht über den Zustand und die 
Organisation des Freistaates Krakau". Das Törichte des Auf- 
standes von 1846 hat er vorausgesehen, und nach der Besetzung 
Krakaus durch Österreich widmete er sich eifrig und erfolgreich 
der Arbeit an der Neugestaltung der Verhältnisse. 

Von grofser Bedeutung für die Verbreitung von Bildung und 
Kultur wurde das deutsche Schulwesen. Schon in der Zeit Maria 
Theresias wurde auf die Errichtung deutscher Normalschulen und 
Gymnasien sowie auf die Verbreitung der deutschen Sprache 
grofses Gewicht gelegt; dazu kam 1784 die Lcmberger Univer- 
sität, an der bis 1871 Deutsch die Vortragssprache war. Zu 
nennen sind ferner die deutschen Trivialschulen in den Ansied- 
lungen. Diese Schulen, ferner die zahlreichen deutschen Beamten, 
Bürger und Bauern haben zur Verbreitung der deutschen Sprache 
gewifs mehr beigetragen, als die gesetzlichen Verfügungen über 
ihren Gebrauch. Schon 1772 war dem ersten Statthalter in Galizien 
der Auftrag erteilt worden : „ Alles soll in deutscher oder lateinischer 
Sprache traktieret werden". Mit der Hofentschliefsung vom 1. De- 
zember 1785 wurde die deutsche Sprache, die sogleich nach der Er- 
werbung Galiziens beim Landesgubernium und bei den Kreisämtern 
eingeführt worden war, auch bei den galizischen Gerichtsstellen 
allgemein vorgeschrieben; jeder angestellte Beamte mufste inner- 
halb drei Jahren die deutsche Sprache erlernen, wenn er im Amte 
verbleiben wollte. Der Gubernialrat Kortum machte 1787 unter 
anderem auch den Vorschlag, zur Verbreitung der deutschen 
Sprache die im Lande ausgehobenen Rekruten nach 6 bis 7 Jahren 
zu entlassen und als Bauern anzusiedeln. Schon 1791 wird be- 
richtet, dafs die deutsche Sprache in Galizien sich „seit einigen 
Jahren ungemein ausgebreitet hat. Die Gesetze werden gewöhnlich 
in teutscher und polnischer Sprache kundgemacht ; die Geschäftsauf- 
sätze der Amter werden teutsch verfalstund der Unterricht der Jugend 
teutsch geleitet." Die Gesetzsammlungen, Amtsakten, Zunftschriften 
u. dgl. legen von der Richtigkeit dieser Behauptung durch Jahrzehnte 
Zeugnis ab. Erst seit 1869 begann infolge besonderer Verordnungen 
der Rückgang der deutschen Amtssprache. Um 1840 war in 
Lemberg Deutsch und Polnisch gleich stark verbreitet: „Alle In- 
schriften auf den Strafsen und öffentlichen Plätzen, wie alle Auf- 

11* 



164 Deutsche Schriftsteller, Gelehrte und Professoren. 

Schriften und Bekanntmachungen bei den Kaufläden sind deutsch 
und polnisch. Die deutsche Sprache ist so allgemein in Galizien 
verbreitet, dafs fast jeder einiger mafsen gebildete Pole sie spricht." 
Auch später bis vor einem Menschenalter war die Kenntnis des 
Deutschen allen Gebildeten eigen; erst die jüngere Generation er- 
lernt infolge der Beschränkung des Deutschunterrichts in den 
Schulen nichts mehr. Selbstverständlich lernen führende Polen 
auch heute die deutsche Sprache, nur der Menge wird ihre Kennt- 
nis vorenthalten, um der engherzigen Landespolitik Boden zu ver- 
schaffen. Unstreitig war die allgemeinere Kenntnis der deutschen 
Sprache überaus kulturfördernd. Aber auch heute gebraucht der 
Pole mitten in seiner Rede abgesehen von längst im Polnischen 
eingebürgerten deutschen Worten auch andere deutsche Ausdrücke, 
weil er Begriffe und Redensarten wie „Wetterprophet", „Lebe- 
mann", „zum bösen Spiel gute Miene machen" u. dgl. nicht leicht 
anders ausdrücken kann. Der Vorschlag eines polnischen Schrift- 
stellers, die zahlreichen deutschen Worte, die ein glänzendes, heute 
aber unliebsames Zeugnis deutschen Kultureinflusses sind, aus dem 
Polnischen auszumerzen, wird sich kaum durchführen lassen ^). 

Nicht zu unterschätzen ist der Einflufs deutscher Schriftsteller, 
Gelehrter und Professoren zu einer Zeit, da in Galizien die ein- 
heimischen Elemente noch geringes Interesse am geistigen Leben 
äufserten. An der Universität in Lemberg wirkten fast neunzig 
Jahre lang viele Deutsche, darunter in älterer und neuerer Zeit 
viele tüchtige und um die Wissenschaft verdiente Männer. Mehrere 
von ihnen haben sich um die Erforschung und Darstellung pol- 
nischer Geschichte und galizischer Verhältnisse besondere Verdienste 
erworben, so J. Rohrer, M. F. Stöger, E. Tomaschek, J. Wini- 
warter, Ferd. Bischoff, H. Zeifsberg, A. Handl u. a. Mancher 
von diesen Universitätslehrern erfreute sich grofser Beliebtheit, so 
der treffliche Josef Maufs, den die Bewunderung seiner Schüler 
mit fast legendarischem Nimbus umgeben hat. Aber auch Beamte, 
wie der Bibliothekar H. G. Bretschneider, der Domänenadministrator 



1) Mit Bezug auf meine Ausführungen im Bd. I glaubt G. Smölski, dafs 
Ausdrücke wie ratusz (Rathaus), burmistrz (Bürgermeister), rynek (Eingplatz), 
browar (Brauhaus), handl (Handel) und ähnliche „verunzierende" Worte aus 
dem Polnischen „ganz gut" entfernt werden könnten. 



Deutsches Zeitungs- und Theaterwesen, 165 

E. B. Kortum, ferner der evangelische Pfarrer und Superintendent 
S. Bredetzky und andere haben sich literarisch betätigt. Erwähnens- 
wert ist auch das deutsche Zeitungs wesen in Galizien in älterer 
Zeit. Neben den ersten seit 1783 herausgegebenen polnischen 
Blättern entstanden rasch nacheinander das Lemberger Intelligenz- 
blatt, die Lemberger wöchentlichen Anzeigen, die Militärische Zei- 
tung, das Priv. Lemberger Intelligenzblatt und die Lemberger Zei- 
tung. Letztere hat sich von 1787 bis 1867 erhalten; eine Über- 
setzung derselben war die seit 1811 erscheinende Gazeta Lwowska, 
die übrigens auch von Deutschen (den Brüdern Kratter) be- 
gründet wurde. In Krakau erschien von 1799 bis 1808 die Kra- 
kauer Zeitung. Gegenwärtig ist das „Deutsche Volksblatt für 
Galizien" und das „Evangelische Gemeindeblatt" zu nennen. 

Wie das geistliche Schauspiel im Mittelalter i) hat sich das 
moderne Theaterwesen in Galizien auch erst unter deutschem Ein- 
flufs entwickelt. Schon 1791/3 spielten in Krakau deutsche Truppen, 
denn es gab da viele reiche deutsche Bürger; aber die polnische 
Regierung verbot dieses Spiel. Eine lebhaftere Förderung des Schau- 
spielwesens erfolgte nach dem Anfalle Krakaus an Österreich (1795). 
Gleich anfangs 1796 kam aus Brunn der Direktor K. L. Wothe, 
der aber schon nach kurzer Zeit bankrottierte. Hierauf leitete 
Franz Horschelt das Theater. Den guten Besuch des deutschen 
Theaters beweist der Umstand, dafs 1798 der Unternehmer Klu- 
szewski ein grofses Gebäude errichtete und ein Theaterprivileg erhielt. 
In dem deutschen Theater wurden jedoch auch vereinzelt polnische 
Stücke gespielt. Unter den Schauspielern gab es viele Deutsche : Seelig- 
mann, Kratzer, Weis, Cygel, Senter, Weitland, Bauer, Eibel usw. ; 
einzelne waren überaus tüchtig. Zum Repertoir gehörte auch „Karl 
Moor " (die Räuber). Mit der Lostrennung Krakaus von Österreich 
(1809 — 1846) hörte hier auch das deutsche Theater auf. Doch 
begegnen uns deutsche Schauspieler auch später. Noch 1833 ist 
es möglich, dafs der Schauspieler Jerrmann seine Rollen deutsch 
und französisch deklamiert und sein Wiederauftreten gern gesehen 
wird. Deutsche Opernsänger hielten sich 1841 in Krakau auf. In 
Lemberg wollten schon 1774 die Wiener Schauspieler Preinfalk, 
Koberwein und Hellman Schaubühnen errichten; später (1784) hatte 

1) Vgl. Bd. I, S. 356 f. 



106 Zusammenfassendes Urteil über die deutsche Kulturarbeit. 

der Wiener Buchdrucker Trattner die Absicht, hier ein Theater, Re- 
dutensaal und Gasthaus zu erbauen. Sicher ist, dafs 1783 '4 Götters- 
dorf Unternehmer der „deutschen Schaubühne" war; er bat im 
März 1784 auch während der Fastenzeit moralische Schauspiele auf- 
führen zu dürfen. Im November 1784 führte seine Truppe anläfslich 
der Eröffnung der Universität ein von Prof. Zehnmark gedichtetes 
Trauerspiel „die beiden Freunde" auf. Die Schauspieler waren 
sämtlich Deutsche, doch scheinen nur die Damen Kroger und 
Meifsner von Bedeutung gewesen zu sein. Auch um 1840 wurde 
im Lemberger Theater gewöhnlich deutsch gespielt; nur zweimal 
in der Woche polnisch. Das Publikum bildeten vorwiegend die 
deutschen Kaufleute, Handwerker, Beamten und Offiziere. Jetzt 
finden in Galizien nur vereinzelt durch reisende Schauspieler 
deutsche Vorstellungen statt. Auch die Musik wurde in Galizien 
durch Deutsche vielfach gefördert. Unter den Ehrenmitgliedern 
des Vereins der Musikfreunde in Krakau (1818) erscheinen Namen 
wie Reibnitz, Morbitzer, Bartsch, Wasserrab, Girtler, Wentzel, 
Bayer, Fröhlich, Knotz, Arnold, Erber, Stummer, Kopf, Auer, 
Wohlleber, Getlich, Khittel u. a. 

Angesichts der geschilderten Tatsachen konnte der Reisende 
J. G. Kohl mit Recht sagen (1840): „Die deutschen Wohltaten, 
welche Galizien durch Österreichs Vermittlung zuströmten, sind 
so augenscheinlich und mannigfaltig, dafs es einem unparteiischen 
Reisenden, er mag von Rufsland oder Ungarn aus das Land be- 
treten, unmöglich ist, nicht gleich davon frappiert zu werden." 

Die deutsche Kolonisation war für Galizien unstreitig eine 
Wohltat. Ihre Wirkung wäre noch viel segensreicher geworden, 
wenn eine gröfsere Zahl von Deutschen sich augesiedelt hätte. 
Vor allem fand die bäuerliche Ansiedlung zu spärlich statt; der- 
selbe Übelstand haftete ihr schon im Mittelalter an. 

Die Bedrängung des Deutschtums In Galizien, Auswanderung 
und völkische Schutzarbeit. 

Als die deutschen Bauern, Handwerker, Beamte und Soldaten 
unter Österreichs Schutz nach Galizien einzogen, war der alte 
Hafs der Polen gegen die Deutschen nicht erstorben. Der 
damals ins Land gekommene französische Gelehrte Hacquet stellt 



Der Deutschenhafs in Galizien. 167 

1794 fest, dafs das polnische Sprichwort: „So lange die Welt 
bestehen wird, werden Deutsche und Polen nicht Freunde sein" 
noch seine volle Geltung hatte. „Aber der Polak", fügt er hinzu, 
„hat sehr unrecht den Teutschen von allen Seiten zu hassen. 
Wem hat er seine ganze Belehrung zu danken als den Teut- 
schen." Und ein anderer Schriftsteller (S. Bredetzky) bemerkt 
schon vor hundert Jahren (1812): „Die deutschen Kolonisten 
kamen mit der deutschen Regierung ins Land, was Wunder, dafs 
sie unwillkommen kamen"; er hätte hinzufügen sollen, dafs diese 
deutsche Regierung endlich der Willkürherrschaft, der polnischen 
Wirtschaft, der geradezu unmenschlichen Unterdrückung der 
Bauern ein Ziel setzte, und daher vor allem den Hafs der pol- 
nischen Machthaber auf sich, ihre Beamten und Ansiedler zog. 
Wenn dagegen J. Rohrer 1804 bemerkt, dafs der „Nationalhafs 
in Lemberg schon merklich vertilgt sei", und als Beweis dafür den 
Umstand anführt, dafs Deutsche polnisch und Polen deutsch 
sprechen, so war dies ein falscher Schlufs. Die Erinnerung des 
Dichters Kazimierz Brodzinski an seine Krakauer Schulzeit an- 
fangs des 19. Jahrhunderts gipfelt in der Bemerkung: „Ich weifs 
blofs, dafs wir die deutschen Mitschüler prügelten und sie Deutsche 
schimpften". Die Schimpfwörter „ szwabska dusza" „bestia 
szwab", „niemiecka psiakrew"^) u. dgl. gehören seit jeher zum 
polnischen Rüstzeug gegen die Deutschen. Natürlich schweigen 
auch die Deutschen nicht; nur haben sie vor allem die polnische 
Wirtschaft und den törichten Adelsstolz der Polen zur Zielscheibe 
ihres Spottes gemacht. 

Aber auch manche historisch bezeugte Tatsachen lassen den 
nie vergessenen Deutschenhafs erkennen. Als 1809 das Glück 
der Waffen auch in Polen gegen Österreich entschied, versuchten 
die Polen in der Umgebung von Stanislau (Ostgalizien) eine Aktion 
zugunsten der polnischen Sache. Die deutschen Beamten sollten 
abgeschafft werden; ein weintrunkener Advokat begehrte sogar, 
dafs man sie köpfe, und einer seiner Kollegen lief in die Apotheke 
und kratzte dort alle an Flaschen und Tiegeln angebrachten 
kaiserlichen Adler herab. In einer Flugschrift, welche die Revo- 



1) Sehwabenseele, die schwähisehe Pestie, die deutsche Hundeseele. 



168 Der Deutschenhafs in Galizien. 

lution von 1846 hervorrief, war zu lesen: „Es gibt keinen Gott, 
keine Religion, keine Seligkeit. Nur die Ermordung aller Deut- 
schen und Fremden zur Wiederherstellung des polnischen Staates 
sei Recht, Religion und ewige Seligkeit." In den ruthenischen 
Wahlaufrufen wurde 1848 vor den fremden (deutschen) Beamten 
gewarnt, die nur grofse Steuern veranlassen, um selbst grofse 
Gehalte zu beziehen. Die polnischen Agitatoren, welche damals 
das Volk zum Aufstand zu reizen suchten, dichteten auch ruthe- 
nische Lieder, in denen in schändlichster Weise gegen den 
„Schwaben" und „Deutschen" gehetzt wurde. Er wird als der 
Feind hingestellt, gegen den Polen und Ruthenen gemeinsam los- 
gehen sollten, als der Dieb, der sich mit „ unserem " Brote nährt, 
die Steuern stets vermehrt, Tabak zu bauen verbietet, das Recht 
beugt u. dgl. ; gegen ihn müsse man mit der frisch gedengelten 
Sense losgehen. Andere Aufzeichnungen sprechen mit sichtlichem 
Hafs von den Beamten „von draufsen", den „Schwarzgelben", 
die „mit unglaubHch blinder Achtung den hohen Behörden und 
ihren Befehlen" gehorchten und auf die Spottlieder verbreitet 
waren. Zu diesen Deutschhassern gehörten übrigens auch poloni- 
sierte Deutsche, die auch an den Aufständen teilnahmen. 

Seither hat dieser Hafs nicht abgenommen, er ist vielmehr 
wenn möglich gewachsen. Zwei Faktoren haben ihn in den 
letzten Jahren besonders entfacht : die preufsische Polenpolitik und 
die erstarkende deutschvölkische Organisation. 

Zeugnisse für den Deutschenhafs begegnen auf Schritt und 
Tritt. In den polnischen Zeitungen werden die Deutschen als 
eine Pest bezeichnet, die aus dem Lande auch mit Gewalt ent- 
fernt werden müsse. Die Deutschen gereichen Galizien zur gröfsten 
Schande; sie sollten wie tolle Hunde niedergeschossen werden; 
sie sind eine Personifikation des Teufels und bilden eine stete 
Gefahr für die polnische Kultur. Sie sollen dem Galgen überant- 
wortet, wie Tauben erwürgt werden u. dgl. m. Kaum braucht 
bemerkt zu werden, dafs diesen Zeitungen jede Objektivität bei 
der Besprechung der deutschen Verhältnisse und Bestrebungen 
abgeht. Im Jahre 1909 konnte man auch in den Räumen des 
Staatsbahnhofes in Lemberg die farbige Ankündigung einer Toilett- 
seife lesen; auf dieser sah man als Schutzmarke eine zur Faust 



Der Deutschenhafs in Galizien. 169 

geballte Hand und darunter die Worte: Mydlo Na Ha Ka Te 
(Seife für die Hakatisten). Diese Ankündigung und ihre Schutz- 
marke enthält also eine stetige Aufreizung gegen die Deutschen, 
wird aber von den galizischen Behörden trotzdem geduldet. Der- 
selbe Ton dringt immer mehr auch in wissenschaftlichen Arbeiten 
durch. Bei der Besprechung der ersten deutschen Zeitungen in 
Galizien begleitet ein Forscher die Mitteilungen über den kurzen 
Bestand einiger Blätter mit der Bemerkung: „glücklicherweise 
sind sie bald eingegangen". Ein anderer vergifst bei der Be- 
sprechung des deutschen Kultureinflusses nicht anzumerken, dafs 
die Polen ihm „nur widerwillig" unterliegen. Ein Dritter nennt 
das deutsche Recht Raub und Diebstahl; er rät, alle deutschen 
Ausdrücke aus dem Polnischen zu entfernen, um die Spuren des 
deutschen Kultureinflusses zu beseitigen. Noch ein anderer ver- 
öfi'entlicht in einer deutschen Zeitschrift über die galizischen Deut- 
schen entstellte Berichte. Wie stiefmütterlich werden die galizischen 
Deutschen im Prachtwerke „ Österreich - Ungarn in Wort und 
Bild " behandelt ! In den letzten Jahren hat der Deutschenhafs noch 
einen besonderen Ausdruck gefunden. Von Zeit zu Zeit tauchen Nach- 
richten über Projekte auf, welche die Verdrängung oder Poloni- 
sierung der galizischen Deutschen mit ganz besonderen Mitteln herbei- 
führen sollen. Anfangs 1910 hat ein Krakauer Blatt sogar einen 
Wettbewerb für populäre Artikel „Die deutsche Gefahr in Galizien 
und die Mittel zu ihrer Vorbeugung" ausgeschrieben. 

Bei den Beschimpfungen und Bedrohungen ist es jedoch nicht 
geblieben. Seitdem die österreichische Zentralregierung nach der 
Durchführung des ungarischen Ausgleiches (1867) ihre Machtfülle 
auch zugunsten der autonomen Behörden in Galizien aufgegeben 
hat, werden die Deutschen auf Schritt und Tritt vergewaltigt. 
Obwohl nach dem Staatsgrundgesetze die deutsche Sprache neben 
der polnischen und ruthenischen als gleichberechtigt zu gelten hat 
und die Deutschen insbesondere auf volle Berücksichtigung ihrer 
Muttersprache in Kirche und Schule Anspruch haben, werden sie 
vielfach ihres guten Rechtes beraubt. 

Es ist allgemein bekannt, dafs fast in allen katholischen 
deutschen Gemeinden polnische Geistliche angestellt sind, welche 
die Muttersprache ihrer Pfarrkinder nicht beherrschen und ihren 



170 Bedrückung des deutsch-katholischen Kirchenwesens. 

nationalen Bedürfnissen fern stehen. In vielen Gemeinden führen 
aber diese fremden Priester auch noch polnische Predigt, polnische 
Gebete und polnische Lieder ein; sie geben den deutschen Täuf- 
lingen polnische Namen und verfälschen ihr Volkstum. Als Vor- 
wand für dieses Vorgehen gilt gewöhnlich die Zugehörigkeit einer 
meist kleinen Anzahl polnischer oder polonisierter Gläubigen zur 
Gemeinde. Selbstverständlich kommt es vor, dafs deutschbegeisterte 
Kirchenbesucher das polnisch angestimmte Lied zu übersingen 
suchen, dafs sie Klage über ihren Pfarrer beim Bischof führen 
und dafs arger Zwiespalt zwischen der Gemeinde und ihrem 
Seelenhirten herrscht. Wahr ist, dafs Mangel an deutschen Priester- 
kandidaten vorhanden ist und dafs viele Pfarren so schlecht dotiert 
sind, dafs sie nicht anstrebenswert erscheinen. Wie in anderen 
Beziehungen so mufs sich auch auf kirchlichem Gebiete die natio- 
nale Selbsthilfe betätigen; vielleicht wäre auch die Niederlassung 
deutscher Mönche zu erstreben ^). Jedenfalls haben die deutschen 
Katholiken aber Anspruch, von ihrer zuständigen Kirchenbehörde 
mit gleichem Wohlwollen behandelt zu werden wie die Polen. Sie 
haben um so mehr darauf Anspruch, als ihr tiefreligiöser Sinn sonst 
tief verletzt wird. Als die Ansiedler von Machliniec anfangs keinem 
deutschen Gottesdienste beiwohnen konnten, versammelten sie sich 
an Sonn- und Feiertagen bei einer mächtigen hohlen Eiche, 
schmückten den Baum mit Bildern, zündeten geweihte Kerzen an 
und hielten ihre Andacht. Mit Tränen in den Augen klagt auch 
gegenwärtig mancher deutsche Katholik in Galizien: „Wie froh 
wäre ich, wenn ich einmal eine deutsche Predigt hören könnte". 
Kein Wunder, dafs unter diesen Umständen sich die deutschen 
Katholiken in Galizien stark zurückgesetzt fühlen ; diesem Gefühle 



1) Bei der Aufhebung der galizischen Klöster unter Kaiser Joseph II. fand 
man in allen viele Böhmen, Mährer und Deutsche, die dahin berufen worden 
waren, um sie „im Stande zu erhalten". Zeitungsnachrichten zufolge sollen 
in den letzten Jahrzehnten deutsche Mönche strenger Observanz in polnische 
Klöster geschickt worden sein, um Ordnung zu schaffen. In Krakau hatte ein 
bayrischer Augustinermönch dabei buchstäblich sein Leben aufs Spiel gesetzt. 
Leider stehen darüber keine ausführlichen Nachrichten zur Verfügung. Über 
die deutschen Mönche und Geistlichen in Galizien in früheren Jahrhunderten vgl. 
man Bd. I, S. lUff. 



Schädigung des deutschen Schulwesens. 171 

gaben sie beredten Ausdruck, als auf dem Breslauer Katholiken- 
tage von 1909 die reichsdeutschen Katholiken für die Rechte ihrer 
polnischen Mitbürger eintraten. Mit Recht forderten die katholischen 
Deutschen Galiziens von ihren deutschen Glaubensbrüdern im 
Reich zunächst Berücksichtigung ihres traurigen Schicksals. Glück- 
licher sind in dieser Beziehung die evangelischen Deutschen Ga- 
liziens daran; unter ihnen wirken zumeist für ihr Volkstum be- 
geisterte Pfarrer. 

Gleich harter Druck lastet dagegen auf dem Schulwesen der 
katholischen und evangelischen deutschen Gemeinden. Im Jahre 
1908 besafsen von den 220 deutschen Siedlungen nur 115 deutsche 
Schulen, und zwar zählte man 105 deutsche Privatschulen und 
20 deutsche öffentliche Schulen i). In 36 Siedlungen sind seit der 
Auslieferung Galiziens an die Polen ebensoviele deutsche Schulen 
polonisiert worden. Die anderen Ansiedlungen hatten gar keine 
oder von allem Anfang an nur polnische Schulen. Die deutschen 
konfessionellen Privatschulen erhalten die Ansiedler, seitdem die 
anfangs gewährten staatlichen Unterstützungen aufgehört haben, 
aus eigenen Mitteln. Obgleich sie hierin vom Gustav- Adolf- Verein 
und dem Deutschen Schulverein unterstützt werden, bilden die 
Schulkosten doch eine bedeutende Last, besonders da die Deutschen 
auch für die öffentlichen interkonfessionellen (polnischen und ruthe- 
nischen) Schulen beisteuern müssen. Für kleinere Gemeinden 
sind die Schulkosten oft unerschwinglich. Die Lage der Lehrer 
dieser Privatschulen ist daher wie übrigens auch jene vieler Pfarrer 
oft sehr mifslich; es fällt auch schwer, für die kärgliche Besol- 
dung tüchtige Männer zu gewinnen. Sobald die Gemeinden die 
Hilfe der Schulobrigkeiten in Anspruch nehmen, wird als Gegen- 
leistung die Einführung der polnischen Unterrichtssprache gefordert. 



1) Die deutschen konfessionellen Gemeindeschulen (s. oben S. 139) waren 
durch das Volksschulgesetz von 1869 zu Privatanstalten herabgedrückt worden. 
Sobald sie „öffentlich" werden wollen, müssen sie ihren konfessionellen Charakter 
aufgeben und laufen Gefahr, auch ihren deutschen Charakter zu verlieren. Von 
den deutschen Privatschulen wurde 1884 zunächst jene in Josefow Öffentlich. 
Im Jahre 1910 bestanden 130 Schulen mit deutscher Unterrichtssprache. Der 
1909 errichtete Deutsche Landeslehrerverein sucht für diese Anstalten einen 
eigenen deutschen Landesschulinspektor zu erlangen. 



1T3 SchädiguDg des deutschen Schulwesens. 

Auch gegen den Willen der Ansiedler werden beim Übergang in 
die öffentliche Verwaltung deutsche Schulen polonisiert oder doch 
mit polnischen Lehrkräften besetzt, die die deutsche Sprache nicht 
beherrschen. In solchen Schulen lernen die deutschen Kinder, 
denen insbesondere in Ostgalizien die polnische Sprache völlig 
fremd ist, weder deutsch noch polnisch; sie werden überdies von 
den feindlich gesinnten Lehrern verhöhnt und mifshandelt. Eines 
der erschreckendsten Beispiele dieser Entwicklung bietet die Schul- 
geschichte von Mariahilf ^); nicht viel besser erging es den deut- 
schen Siedlern in Zboiska, Rosenburg, Konstantynöwka, Angelöwka, 
Hanunin u. a. Deutsche Kinder, die Schulen mit ruthenischer 
Unterrichtssprache zu besuchen gezwungen sind, hören beim Unter- 
richte nie ein Wort deutsch, weil an allen diesen Schulen die 
zweite Sprache Polnisch, nie Deutsch ist. In zahlreichen Orten mit 
lebensfähigem Deutschtum, vor allem in deutsch-katholischen Ko- 
lonien, fehlen noch deutsche Volksschulen. Überaus arg steht es 
auch um das höhere deutsche Schulwesen. Nachdem die früheren 
Mittelschulen und die Lemberger Universität polonisiert worden 
waren, bestanden noch zwei deutsche Gymnasien in Lemberg und 
Brody. Letzteres wird seit 1907 allmählich aufgelassen, ersteres 
verdient kaum noch den Namen einer deutschen Anstalt. Das 
Versprechen, an Stelle des aufgehobenen deutschen Gymnasiums 
in einer anderen galizischen Stadt ein neues zu errichten, wird 
kaum bald erfüllt werden, daher streben die galizischen Deutschen 
die Errichtung eines privaten deutschen Gymnasiums an. Die 
polnischen Mittelschulen, Lehrerbildungsanstalten und Universitäten 
sind Polonisierungsstätten für die studierende deutsche Jugend. 
Der Direktor des Stryjer Gymnasiums verbot den deutschen 
Schülern, sich zur deutschen Nationalität zu bekennen, und wollte 
sogar den Religionsunterricht der deutschen evangehschen Schüler 
in deutscher Sprache verwehren. Bemerkt sei noch, dafs im 
Lemberger Gemeinderat die Ansicht vertreten wurde, dafs an den 
Volksschulen Galiziens die Unterrichtssprache nur die polnische 
oder ruthenische sein dürfe; ebenso sprach sich der polnische 

1) Im Herbst 1910 wurde hier mit Hilfe des Deutschen Schulvereins die 
erste Koseggerschule Österreichs eröffnet, die den schmählichen Verhältnissen ein 
Ende machte. 



Andere Bedrückungen der Deutschen. 178 

Pädagogentag für eine bedingungslose Entfernung des deutschen 
Sprachunterrichts aus allen galizischen Schulen aus (1909). 

Wie in Kirche und Schule versuchen die galizischen Behörden 
die Deutschen auch in anderen Beziehungen zu entrechten. Im 
Oktober 1909 ist es geschehen, dafs das k. k. Bezirksgericht in 
Jaworöw die Frau des deutschen Landwirtes Schönhofer zu 48 Stun- 
den Arrest verurteilt hat, weil sie unter Hinweis auf ihre sehr mangel- 
hafte Kenntnis der polnischen und ruthenischen Sprache eine 
Zeugenaussage in deutscher Sprache machen wollte. Die angesehene 
Frau mufste schliefslich sofort 24 Stunden im Arreste zubringen, 
obwohl sie darauf verwies, dafs sie ein drei Monate altes Kind 
zu stillen habe. An dem Widerstände des Polenklubs scheiterte 
die Hoffnung der galizischen Deutschen, dafs anläfslich der Reichs- 
ratswahlreform für die Stadt Biala und die Kolonistengemeinden 
ein besonderer deutscher Wahlkreis geschaffen werde. Ob bei der 
bevorstehenden galizischen Landtagswahlreform eine gerechte Be- 
rücksichtigung der Deutschen, die sie in sehr mafsvoUen Denk- 
schriften fordern, stattfinden wird, ist abzuwarten. Erwähnt mufs 
werden, dafs die galizischen Behörden die Selbsthilfe und Organi- 
sation der Deutschen stören, indem sie in einzelnen Fällen Ver- 
sammlungen und Feste unter allerlei Vorwänden zu vereiteln 
suchen. Ebenso wird geklagt, dafs polnische Vorgesetzte ihre 
deutschen Untergebenen veranlassen, nationalpolnische Zwecke zu 
Ibrdern. Als die galizischen Deutschen sich 1908 an den deutschen 
Landsmannminister Schreiner mit ihren Wünschen wandten, pro- 
testierte der Polenklub gegen jede Intervention Schreiners zu- 
gunsten der Deutschen Galiziens mit der sonderbaren Begründung, 
dafs alle galizischen Angelegenheiten in den Bereich des polnischen 
Landsmannministers gehören. Bei der Vornahme von Volkszäh- 
lungen werden die Deutschen vergewaltigt (s. oben S. 127). Auch 
bei der anfangs 1911 vorgenommenen Zählung fälschten die pol- 
nischen Kommissäre die Zählbogen zu Ungunsten der Deutschen. 

Ebenso wird auf wirtschaftlichem Gebiete der Kampf versucht. 
Der deutschen Erzeugnissen wiederholt angedrohte Boykott trifft 
indessen kaum die galizischen Deutschen. Schwerwiegender ist 
die Anregung, den Ankauf gahzischen Bodens durch Deutsche zu 
verhindern, und anderseits die Unterstützung polnischer sowie 



174 Die Auswanderung. 

ruthenischer Bauern beim Ankaufe deutschen Bodens. Indessen 
dürften bisher noch immer die Erwerbungen der Deutschen, die 
bekanntlich zu zahh'eichen Neugründungen deutscher Siedlungen 
geführt haben, weit gröfser sein als ihre Verluste. Bedeutend 
waren letztere nur, als vor einem Jahrzehnt künstlich eine ab- 
normale Auswanderungsbewegung hervorgerufen wurde. 

Die Lage der Deutschen in Galizien war niemals so günstig, 
dafs nicht Auswanderungen wie aus anderen Ländern stattgefunden 
hätten; Wanderlust und Hoffnung auf Verbesserung des Schick- 
sales haben seit Jahrzehnten auch aus den galizischen Kolonien 
Auswanderungen veranlafst. Die Gründe dafür werden die gleichen 
wie anderwärts gewesen sein. Seit dem Ende der 1860er Jahre 
machte sich eine stärkere Auswanderungsbewegung bemerkbar;, 
offenbar hat also das überhandnehmen des polnischen Einflusses 
in Galizien die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen vergröfsert. 
Die Auswanderungen fanden nach Rufsland, ferner nach Amerika 
und auch nach Bosnien statt. Die Auswanderung nach Amerika 
darf unbedingt als die stärkste bezeichnet werden. Man findet kaum 
eine Ansiedlung, aus der nicht Deutsche nach Amerika gewandert 
wären. Viele bleiben dort dauernd; mancher von ihnen hat 
Farmen und Vermögen erworben. Sehr viele von diesen Auswan- 
derern, zumeist Söhne kinderreicher ärmerer Familien, kehren mit 
den erworbenen Geldsummen zurück, helfen ihre verschuldeten 
väterlichen Wirtschaften zu entlasten oder kaufen weitere Gründe. 
Wenn nun auch durch diese Auswanderung die Zahl der Ansiedler 
vermindert wird, so wird anderseits dadurch die allzu grofse Zer- 
splitterung der Wirtschaften verhindert und die Kräftigung der 
materiellen Lage gefördert. Diese normal ohne äufsere Agitation 
verlaufende Bewegung kann daher nicht als unbedingt verwerflich 
bezeichnet werden; sie hat das alhnähliche, stetige Wachsen der 
Gemeinden nicht beeinträchtigt, noch weniger den Bestand der 
einzelnen Gemeinden gefährdet; es ist vielmehr bekannt, dafs von 
den alten Kolonien neue begründet wurden. Erst als die preufsische 
OstmarkenpoHtik sich die Verpflanzung der galizischen Kolonisten 
nach Posen und Westpreufsen zum Ziele setzte, trat eine gefahr- 
drohende Steigerung der Auswanderung ein. 

Die an ähnliche Verhältnisse gewöhnten Deutschen aus Galizien 



Die Auswanderung. 175 

erschienen „als das willkommenste Material für die deutschen An- 
siedlungen im Osten des Reiches". Da die deutschen „Vorposten" 
in Galizien seit der Überhandnähme der polnischen Herrschaft un- 
haltbar schienen^ wollte man ganze Gemeinden ins neue An- 
siedlungsgebiet versetzen. Daher wurde mit einer rücksichtslosen 
Agitation eingesetzt (1899), die nicht nur etwa die überschüssigen 
Elemente statt nach Amerika nach Posen ziehen sollte, sondern selbst 
in die besten Ansiedlungen eindrang, wo keine Not und kein Aus- 
wanderungsbedürfnis vorhanden war, so in Dornfeld, Augustdorf, 
Brigidau und Landestreu. Mit welchen Mitteln gearbeitet wurde, 
mag ein Beispiel lehren. In Landestreu hat der Agitator zunächst 
keinen Erfolg erzielt, weil nach Posen abgeschickte Kundschafter 
sich ungünstig ausgesprochen hatten. Darauf setzte er sich mit 
polnischen und ruthenischen Korporationen und Parzellierungsbanken 
in Verbindung, damit sie Nichtdeutschen für den Ankauf deutscher 
Höfe Geld vorschössen; auch veranlafste er zahlreiche Ankün- 
digungen in polnischen und ruthenischen Blättern, in denen die 
Höfe in Landestreu zum Verkaufe ausgeboten wurden. Tatsächlich 
erschienen nun zahlreiche Käufer, die überraschend hohe Preise 
boten; es fand ein förmlicher Sturm auf die deutschen Bauern- 
güter statt. Fast die Hälfte gelangte in nichtdeutschen Besitz. 
Nun zogen die Deutschen nach Posen; aber nur zwei oder drei 
Famihen blieben dort, 28 gingen nach Kanada. Landestreu ist 
über ein Drittel mit Mazuren besetzt, die Widerstandskraft einer 
der besten Kolonien geschwächt. Zu den Mitteln der Agitatoren 
gehörte ferner auch die Drohung, der Hauptvorstand des Gustav- 
Adolf- Vereins habe beschlossen, den galizischen Gemeinden fürder- 
hin keine Unterstützung zukommen zu lassen; dies erregte bei 
vielen grofse Besorgnis und machte sie für die Auswanderung will- 
fährig. So kam es, dafs besonders 1900 bis 1903 eine grofse 
Zahl von Deutschen aus Galizien wegzog; ihre Zahl läfst sich 
nicht angeben, denn nur für die evangeHschen Gemeinden 
liegen einige Angaben vor; die Zahl ihrer Bewohner hat sich 
trotz eines öOprozentigen Überschusses der Geburts- über die 
Todesfälle allein im Jahre 1902 um 768 und im Jahre 1903 um 
1459 Seelen vermindert. Dieser starke Rückgang bewog die 
Superintendentur für den 6. Oktober 1903 eine Versammlung der 



176 Die Auswanderung. 

Vertrauensmänner der evangelischen Gemeinden Galiziens zur 
Besprechung der Auswanderungsfrage zu veranlassen. An dieser 
in Lemberg stattgefundenen Besprechung nahmen 130 Geistliche, 
Lehrer, Presbyter und Gemeiudevertreter teil. Diese fafsten als 
Antwort auf die Aufforderung, die Auswanderung der gesamten 
deutsch-evangelischen Bevölkerung nach Posen zu betreiben, trotz 
aller Anerbietungen den einmütigen Beschlufs, gegenüber der Aus- 
wanderung grundsätzlich eine ablehnende Stellung einzunehmen 
und an alle Gemeinden den Aufruf zu richten, sich vor übereilter 
Auswanderung zu hüten. Zugleich wurde ein Aktionskomitee ge- 
wählt, welches die Aufgabe erhielt, nicht nur diese Angelegenheit 
zu betreiben, sondern auch die zur Hebung der wirtschaftlichen, 
nationalen und kirchlichen Notstände erforderliche Hilfsarbeit ein- 
zuleiten. Grofse Verdienste um die Sache erwarben sich Superinten- 
dent Fritsche in Biala und Pfarrer Zöckler aus Stanislau, die an der 
Spitze des Ausschusses standen. Durch Flugblätter und das neu 
begründete „Evangel. Gemeindeblatt für GaHzien und die Bukowina" 
wurde aufklärend gewirkt, wurden falsche Behauptungen abgewehrt, 
die Deutschen zum Zusammenhalten und Ausharren ermutigt. 
Zugleich wurde der evangehsche Oberkirchenrat, die Zentralleitung 
des Gustav- Adolf- Vereins und dessen österreichischer Hauptverein, 
ebenso der Allg. deutsche Schul verein (Verein für das Deutschtum im 
Ausland) über die Verhältnisse unterrichtet und um reichlichere Unter- 
stützung gebeten. Obwohl von gegnerischer Seite sofort der Kampf 
gegen diese Arbeit begann, ja selbst im Gustav- Adolf- Verein dagegen 
Stimmung gemacht wurde, zeigten sich gar bald die guten Wirkungen 
der Abwehrbewegung. Im Laufe des Jahres 1904 nahm die Aus- 
wanderung bedeutend ab und hat seither stetig an Bedeutung 
verloren. Beigetragen haben zu diesem Erfolge verschiedene 
Faktoren. In Deutschland selbst erhoben sich Stimmen gegen 
die mafslose Agitation, die dort die Auswanderung hervorrief, wo 
kein Bedürfnis danach vorhanden war. Nachdem man besseren 
EinbUck in die Verhältnisse gewonnen hatte, mufste sich die Er- 
kenntnis einstellen, dafs das Unternehmen verfehlt war. Da- 
her wurde schliefslich auch die Werbearbeit für die Ansiedlungs- 
kommission eingestellt ^). Dazu kam vor allem , dafs die Deut- 

1) Nach den Angaben der Ansiedlungskommission geschah dies, sobald 



Auswanderung. 177 

sehen in Posen vieles fanden, was ihnen raifsfiei. Die meisten 
hielt von der Auswanderung die „Rente ohne Ende" ab. In Ga- 
lizien ihr Eigentum aufzugeben, um in Posen 35 bis 50 Jahre 
für den ihnen übergebenen Grund und Boden die Rente zu zahlen, 
erschien überaus beschwerlich. Seit 1904 fanden bereits Rück- 
wanderungen aus Posen statt, die selbstverständlich andere Deut- 
sche vor der Auswanderung abschreckten. Zu dem allen kam, 
dafs sich seither die nationale und wirtschaftliche Organisation 
der Deutschen im Osten hoffnungsvoller zu entwickeln begann; 
anderseits wurde man gewahr, dafs der Kampf zwischen Deutschen 
und Polen auch in Posen überaus heftig sei, auch dort die Polen 
deutsche Güter gewinnen, und das Schicksal der Deutschen da- 
selbst sich durch einen Umschwung der Politik ebenso ändern 
könnte wie in Galizien. 

So ist die Übersiedlung der galizischen Deutschen nach Posen 
gescheitert. Den Gewinn , den die Ostmarken aus den dahin ab- 
gewanderten Ansiedlern zogen, ist verhältnismäfsig gering gegen den 
Verlust, den das Deutschtum in Galizien und damit der deutsche 
Einflufs in Galizien überhaupt erlitten hat. Nach der Berechnung 
der Superintendentur ist der Verlust der evangelischen Deutschen 
allein von 1900 bis 1905 etwa auf 6000 Seelen zu veranschlagen. 
Nach den Angaben der Ansiedlungskommission wurden von 1899 
bis Ende 1909 1350 Familien (also etwa 7000 bis 8000 Seelen) 
aus GaUzien in Posen und Westpreufsen angesiedelt. Infolge der 
starken Auswanderung lösten sich in vielen Orten die evangelischen 
Kirchen- und Schulgemeinden auf, weil die zurückgebliebenen Mit- 
glieder nicht mehr zur Erhaltung genügten: so 1900 Rudolfshof 
und Rehberg, 1904 Sulichöw, Walddorf, Alt-Jazöw und Bara- 
nowka, 1907 Zbora. Auch in Felsendorf und Suszno gingen die 
deutschen Schulen ein ^). 

Trotzdem ist das galizische Deutschtum noch durchaus lebens- 
fähig. Auf die Deutschen in den Städten ist mit einigen Aus- 



man von der Gründung des Bundes der Deutschen in Galizien (1907) Nachricht 
erhalten hatte. 

1) Das Kirchen- und Schulvermögen der aufgelösten Gemeinden , der Erlös 
für die verkauften Schulhäuser u. dgl. vs^urde zur Stärkung anderer Gemeinden 
verwendet. 

K » i n d 1 , Gesch. d. Deutschen i. d. Karpath. III. 12 



178 Deutsch völkische Gesinnung. 

nahmen wohl wenig Verlafs; sie stehen zumeist, wie dies auch 
anderwärts unter ähnlichen Verhältnissen zutrifft, unter dem Ein- 
flufs des herrschenden Volkes und schwimmen mit dem Strom. 
Doch ist auch in einzelnen Städten, z. B. in Stryj, ein merklicher 
Schritt zur Besserung der Verhältnisse geschehen, und Männer der 
bürgerlichen Berufe zählen zu den trefflichsten Führern der galizischen 
Deutschen. Vor allem lebt in zahlreichen geschlossenen deutschen 
Ansiedlerdörfern deutscher Geist und guter Mut. Viele von den 
Männern beherrschen wohl die polnische und ruthenische Sprache, weil 
sie mit den Amtern verkehren und sich im Geschäftsleben der Landes- 
sprachen bedienen müssen. Die Frauen benötigen diese Kenntnisse 
nicht, sie erhalten daher deutsche Sprache und Sitte in Haus und 
Dorf. Gut deutscher Geist herrscht an vielen Orten. Ein deut- 
scher Landmann aus Brigidau sang, als der christlich- deutsche Bund 
in Galizien entstand, sein „Mer wolle nore deutsch sein" und 
„Steh auf, steh auf, du deutscher Mann". Und von welchem 
regen deutschen Gefühl zeugt jener Brief eines schlichten deutschen 
Arbeiters aus ßoryslaw an den Deutschen Schulverein, in dem die 
Sehnsucht nach einem deutschen Lehrer zum Ausdruck kommt. 
Überall macht sich ein verheifsungsvoller Aufschwung deutschen 
Lebens bemerkbar. Unter katholischen und evangelichen Deut- 
schen findet man gleich tüchtige und völkische Gesinnung; eine 
Spannung zwischen beiden Bekenntnissen ist nicht vorhanden. Wenn 
bisher die katholischen Deutschen gröfsere Verluste erlitten haben 
als die protestantischen, so ist dies vor allem der Polonisierung der 
Stadtbevölkerung zuzuschreiben. ^) Ein Irrtum wäre zu glauben^ 
dafs die katholischen Bauern nicht widerstandsfähig wären ; gerade 
der Druck der polnischen Geistlichkeit ist geeignet, sie zum Be- 
wufstsein des erlittenen Unrechts und zur völkischen Gegenwehr 
zu bringen. Vor kurzem liefs sich der Ansiedler Josef Massinger ^y 

1) Wenn es richtig ist, dafs 1857 von den 114000 christlichen Deutschen 
82000 Katholiken waren, während gegenwärtig von den auf etwa 100000 ge- 
schätzten Deutschen blofs gegen 40000 katholisch sein dürften, so ist dieser 
grofse Verlust zum gröfsten Teile auf die früher zahlreiche deutsch - katholische 
Stadtbevölkerung zu setzen. 

2) Massinger ist übrigens auch in einem Aufsatz im Kalender d. Bundes, 
der Deutschen in Galizien f. 1910, S, 106 f. für das deutsche Kirchenlied ein- 
getreten. Man vgl. auch seine Gedichte im Kalender f. 1910 und 1911. 



Deutsche Vereine und Wohllahrtsanstalten. 179 

aus Münchental vier Wochen einkerkern, weil er jene Deutschen 
nicht verraten wollte, die gegen den Befehl des katholischen 
Pfarrers deutsch sangen! Berücksichtigt man die ungünstige 
Lage der katholischen Deutschen infolge des Mangels an deutschen 
Priestern und Lehrern, so wird man ihre völkische Ausdauer um- 
somehr anerkennen, als sie von aufsen bisher fast gar keine Hilfe 
erhielten. Unter ungünstigen Verhältnissen gehen auch evangelische 
Deutsche dem Volkstum verloren. ^) Katholische und evangelische 
Deutsche verdienen und bedürfen daher gleichen Schutz. 

Der 1907 begründete „Bund der christlichen Deutschen in 
Galizien" ist eine starke Stütze des Deutschtums geworden; das 
von ihm herausgegebene „Deutsche Volksblatt" fördert die kräftige 
Entfaltung des völkischen Bewufstseins und der völkischen Bewegung 
überaus. Es ist bezeichnend, dafs dieses Blatt selbst auf die lauen 
Zipser Sachsen schon einzuwirken sucht und besondere Zipser- 
Nummern herausgibt. Zu erwähnen ist hier auch die Gründung des 
evangelischen Kinderheims in Stanislau (1896), des evangelischen 
Waisenhauses in Biala (1905), des evangelischen Studentenheims in 
Lemberg (ebenfalls 1905), ferner der Jungmänner-, Jungfrauen- und 
Frauenvereine, der Lesehallen und endlich des deutschen Landes- 
Lehrervereins (1909). Seit 1904 wirkt Tauch das „Komitee zur 
Vermittlung von Gaben für Lehrerunterstützungen", das allein im 
Jahre 1907/8 fast 17 000 K. an 88 evangeHsche Lehrer verteilt 
hat. Wer in Stanislau die Früchte der regen nationalen Arbeit 
des Pfarrers Zöckler, die evangelische Kirche und Schule, das 
Warenhaus, das Knaben- und Mädchenheim mit den grofsen dazu- 
gehörigen Wirtschaften gesehen hat, der wird erkennen lernen, 
dafs die galizischen Deutschen hier eine starke Hochburg besitzen. 
Für die katholischen Deutschen wird leider nicht in gleicher 



1) Die heute als völlig polonisiert geltende Kolonie Deutsch -Lednica bei 
Wielicka ist evangelisch. Die evangelischen Deutschen in Gaben, Olszanka, Hut- 
weide, Juraszowa, Övsriniarsko, Bogucice, Krzeczovr, Gawlow, Majkowice u. a. be- 
kennen sich zur polnischen Umgangssprache, wobei man freilich nie weifs, ob 
nationale Lässigkeit oder Betrug im Spiele ist. Man vgj. oben S. 127. Auf 
Schmidts Karte „Deutsche Siedlungen in Galizien" findet man unter den 
eingegangenen Ansiedlungen sowohl katholische als protestantische. Vgl. auch 
die Ausführungen von Buzek im Przegl. prawa i administ. XXVIII, S. 523 fr. 

12* 



180 Widerstandsfähigkeit der galizischen Deutschen. 

Weise gesorgt. Auch wirtschaftlich sind die galizischen Schwaben 
nicht zu verachten. Neben minder gut gestellten Ansiedlungen 
gibt es wohlhabende, und die Mehrzahl hat mindestens nicht mit 
Not zu kämpfen; wo dies aber der Fall ist, dürften die sich 
günstig entwickelnden Wirtschaftsorganisationen ^) Abhilfe schaffen. 
Sie müssen dahin ausgebildet werden, dafs auch weiterer Erwerb 
von Gründen ermöglicht wird; insbesondere werden sie darüber 
zu wachen haben, dafs deutscher Besitz nicht in fremde Hände 
übergeht. An Kenntnissen, Fleifs, Nüchternheit und Sittlichkeit ^) 
überragen die Deutschen zumeist auch jetzt noch die andere Be- 
völkerung. Auch ihre Zahl ist zu bedeutend, als dafs man über 
sie ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen könnte. Jene 
Gemeinden, in denen infolge des Mangels an deutschen Schulen 
die Polonisierung um sich gegriffen hat, könnten zum gröfsten 
Teil zurückgewonnen werden. 

Die galizischen Deutschen besitzen somit noch alle Eigen- 
schaften, um treue Vorposten des deutschen Volkes gegen Osten 
zu sein. Sie haben sich bisher ganz wacker gehalten, ohne dafs 
ihre Volksgenossen sich allzuviel um sie bekümmert hätten. Der 
Gustav- Adolf -Verein hat wohl schon seit Ende der 1860er Jahre 
den evangelischen Deutschen seine Hilfe gewährt; aber um die 
katholischen hat sich niemand damals bekümmert. Für das geringe 
Interesse des deutschen Volkes für die galizischen Deutschen ist 
bezeichnend, dafs der Wiener Deutsche Schulverein gleich in seinem 
ersten Aufrufe (1880) wohl Böhmen, Mähren, Tirol und Krain als 
sein Arbeitsgebiet genannt hat, nicht aber Galizien. ^) Ebenso hob 



1) Vgl. oben S. 160. 

2) Die Zahl der unehelich geborenen Kinder ist fast durchaus verschwin- 
dend klein; in dieser Beziehung stehen die galizischen Schwaben auch den an- 
deren österreichischen Deutschen voran. In einigen Senioraten gibt es gar keine 
unehelichen Kinder ; die höchsten Prozente weist Biala (Fabriksort) auf, nämlich 
12 Proz. In den Alpenländern weisen einzelne Gegenden über 50 Proz. unehe- 
liche Geburten auf (Sammlung d. aUg. kirch. Verordnungen des k. k. evang. 
Kirchenrats 1907, Nr. 1). Schon am Anfang des 19. Jahrhunderts berichtet ein 
Priester, der über 20 Jahre in einer grofsen Gemeinde gewirkt hat: „Jungfem- 
kinder habe ich noch nie getauft; wohl aber etliche, die nicht lange nach der 
Hochzeit der Eltern das Licht der Welt erblickt haben". 

3) 1883 hat der Schulverein in Galizien die Schulvereinsschule in Kunzen- 



I 



Verhältnis der Ansiedler zum deutschen Volke einst und jetzt. 181 

der Allgemeine deutsche Schulverein (Berlin) bei seiner Abtrennung 
vom erstgenannten Verein (1881) wohl die Unterstützung der Deut- 
schen in Ungarn und Siebenbürgen besonders hervor, gedachte aber 
nicht der galizischen Schwaben. Man wufste eben von diesen Deut- 
schen nichts; man glaubte, dafs die Deutschen in Galizien zumeist 
Juden seien ; deshalb wollten die Deutschnationalen im sogenannten 
Linzer Programm von 1882 und später die Schönererpartei tatsäch- 
lich Galizien den Polen ausliefern ^). Es ist aber auch erklärlich, dafs 
das deutsche Volk nichts von diesen Vorposten hörte und sich um sie 
nicht kümmerte, denn die zerstreuten deutschen Siedelungen wufsten 
kaum etwas von einander, sie waren nicht organisiert und pflegten 
keine Beziehungen zu den Deutschen des Westens und jenen der 
anderen Karpathenländer : kein Wunder, dafs ihre Feinde mit 
diesen vergessenen Vorposten bald fertig zu werden hofften, er- 
innerten sie sich doch daran, dafs schon einmal ein kräftiges 
deutsches Leben in Galizien bestanden hatte und vernichtet 
worden war. 

Aber die Verhältnisse haben sich geändert. Das National- 
gefühl des deutschen Volkes ist erwacht, seine mächtigen Organi- 
sationen lenken ihre Aufmerksamkeit immer stärker auf die Deut- 
schen in der Zerstreuung. Die galizischen Deutschen haben sich 
organisiert und die Aufmerksamkeit des Westens auf sich gelenkt. 
Deutsche Abgeordnete beginnen ihre Ansiedlungen aufzusuchen. 
Die mifsglückte Auswanderungsbewegung mufs die Ueberzeugung 
hervorgerufen haben, dafs diese Kolonisten noch stark genug sind, 
um da, wo sie einmal stehen, deutsche Arbeit zu verrichten, dafs 
sie nicht daran denken, diese Vorposten aufzugeben. Das deutsche 

dorf-Lipnik errichtet. Aber noch 1905 wird in der Gedenkschrift zum 25jähr. 
Bestehen des Vereins folgendes gesagt: „Nicht Eiicksichten nationaler Politik 
waren es, wenn für Galizien Geldmittel, wenn auch nur in geringem Umfange, 
gewährt wurden, denn diese verstreuten deutschen Siedlungen haben keine aus- 
sichtsvolle Zukunft. Gleichwohl sind diese Unterstützungen aus dem GefüU 
nationalen Gemeinsinnes zu rechtfertigen". Erst die jüngste Zeit hat eine 
richtige Auffassung herbeigeführt. 

1) Das Programm fordert im 1. Punkte: „Personalunion mit Ungarn und 
Lostrennung, beziehungsweise Sonderstellung von Dalmatien, Galizien und der 
Bukowina ". Die Verwirklichung dieses Planes bedeutet eine völlige Auslieferung 
Galiziens an die Polen. 



182 Bedeutung der Ansiedlungen als Vorposten des deutschen Volkes. 

Volk mufs zur Erkenntnis kommen, dafs es keinen Schritt breit 
aus diesem Grenzgebiete zurückweichen darf; nicht die vorge- 
schobenen Vorposten zurückziehen, sondern sie stärken, mufs die 
Aufgabe der praktischen Politiker sein. Ins Grenzgebiet gehören 
überschüssige Kräfte aus den übervölkerten westlichen Gebieten! 
Die Rückziehung der Deutschen aus Galizien gibt die Deutschen in 
Schlesien und den Sudetenländern dem slawischen Ansturm preis; 
sie würde eine vollständige Isolierung des Bukowiner Deutschtums 
bedeuten, eine Wiederbelebung des oberungarischen Deutschtums 
unmöglich machen. Würde einmal der Abbröckelungsprozefs be- 
ginnen, so wäre nicht abzusehen, wie weit er fortschreiten könnte. 
Die Opfer, welche das deutsche Volk für die vorgeschobenen An- 
siedlungen bringt, denen insbesondere die Kirchen- und Schul- 
erhaltung bedeutende Lasten auflegt, sind ebenso nützlich an- 
gebracht, wie die Summen für die Erbauung einer Festung im be- 
drohten Grenzgebiet. 

Den Feinden des galizischen Deutschtums mufs alle Hoffnung 
genommen werden, dafs sie es niederringen können. W^ohl hat 
der mächtige polnische Adel einst vermocht, das deutsche Bürger- 
tum zu vernichten; aber Polen war damals ein fast rechtloser 
Staat; das Bürgertum auf den Reichstagen machtlos; die Bürger 
der einzelnen Städte hatten mit einander kaum engere Beziehungen, 
ja mitunter standen sie sich feindhch gegenüber; der Zusammenhang 
mit der alten Heimat hatte aufgehört; Nachschübe, Anregungen, 
Hilfeleistung von dort blieben aus ; von einem völkischen Bewufst- 
sein, das sie mit dem grofsen deutschen Volke und den Deutschen 
in den Nachbarländern geeint hätte, war keine Rede. Jenen 
deutschen Bürgern des 13. bis 15. Jahrhunderts hafteten dieselben 
Schwächen an, denen zum grofsen Teil bisher auch die neueren 
deutschen Stadtbewohner in Galizien zum Opfer gefallen sind. 
Nun aber lebt im deutschen Bauern deutsche Kraft fort und alle 
erwähnten Mifsstände sind günstigeren Verhältnissen gewichen. 
Viel ist in den letzten Jahrzehnten, ja noch in den letzten Jahren 
versäumt und verfehlt worden, noch ist es aber Zeit, die 
Stellung zu behaupten. Nicht wie im 16. und 17. Jahrhundert 
ist das deutsche Volk zerfahren und zersplittert, unfähig seine Ab- 
leger zu schützen. Die Ereignisse von 1866 haben die Reichs- 



Bedeutung der deutschen Ansiedlungen in Galizien für Österreich. 183 

deutschen erstarken lassen, die Lage der Deutschen in Österreich 
und insbesondere auch in Galizien erschüttert. Von dem wieder 
hergestellten innigen Bundesverhältnisse darf man mit Recht eine all- 
mähliche Erstarkung des österreichischen Deutschtums erhoffen. Das 
^eeinigte deutsche Volk wird seine Grenzer nicht erdrosseln lassen. 
Die Deutschnationalen Österreichs haben jetzt die Bedeutung des 
karpathenländischen Deutschtums erfafst, sie geben es nicht mehr 
auf und werden passende Gelegenheiten finden, um seine Rechte 
festzulegen und es zu schützen. Da überdies die Lage der Polen 
durch die aufstrebenden Ruthenen gefährdet ist, müssen die Polen 
sich Reserve auferlegen. Die Ruthenen stehen der deutschen Be- 
wegung in Galizien nicht unfreundlich gegenüber. ^) Wie diese 
müssen die Polen zur Erkenntnis kommen, dafs die Deutschen 
wohl stark genug sind, ihre erworbenen Rechte zu verteidigen, dafs 
sie aber die Polen nicht schädigen wollen. 

Schliefslich mufs aber auch die Regierung Österreichs zur 
Erkenntnis gelangen, dafs die Erhaltung des Deutschtums in Ga- 
lizien eine staatserhaltende Tat ist. Bredetzky hat vor hundert 
Jahren darüber noch heute sehr beherzigende Worte geschrieben : 
„Als vor dem Ausbruche des letzten französischen Krieges (1809) 
das junge Volk zum Militärdienst ausgehoben wurde, ergriff auch 
die gahzischen Deutschen das Feuer der Begeisterung für die 
Sache der Monarchie und des edlen Fürstenhauses. Mehrere 
Väter von den deutschen Ansiedlern (ich habe dies aus dem Munde 
angesehener Offiziere) stellten ihre Söhne selbst zum Militärdienst 
und ermahnten dieselben in kräftigen Worten zur Bravour und Treue, 
während sie den Schmerz über die Trennung von denselben 
männlich zu unterdrücken wufsten. Ein Betragen, das gegen das 
Heulen und Wehklagen der Eingeborenen, womit sie bei ähnlichen 
Veranlassungen die Luft erfüllten, sehr zur Ehre der Deutschen 
abstach. 



1) So haben z. B. die ruthenischen Abgeordneten im galizischen Landtag 
1903 einen energischeren Unterricht in der deutschen Sprache in den Mittelschulen 
begehrt. Die Gründung des Bundes der galizischen Deutschen wurde von ru- 
thenischen Zeitungen sympathisch begrüfst. Im Sommer 1910 forderten die 
Ruthenen einen deutschen Beamten für den Statthalterposten in Galizien, damit 
er endlich Ordnung schaffe. 



184 Bedeutung der deutschen AnBiedlungen in Galizien für Österreich. 

Als während des Krieges die deutschen Ansiedler in der 
Lubaczower Kameralverwaltung (welche von polnisch-sächsischen 
Truppen besetzt war) angehalten wurden, der neuen Regierung 
den Eid der Treue zu leisten, weigerten sich dieselben, es vor 
geschlossenem Frieden zu tun; als man ernstlicher in sie drang, 
erklärte einer im Namen aller, er wolle lieber seine Wirtschaft 
im Stiche lassen und arm, wie er ins Land kam, wieder aus- 
wandern, ehe er einer Regierung untreu würde, der er alles zu 
verdanken habe. Die männUche Erklärung hatte die gute Wirkung, 
dafs der gerührte Kommissär von der Eidesforderung abstand, 
und wirklich waren die Deutschen die einzigen, welche diesen 
voreiligen Eid nicht geleistet haben. Da nach hergestelltem Frie- 
den diese zur Zeit der Gefahr erprobte Denkart für die Frucht des 
guten Unterrichts ihres Seelsorgers angesehen wurde, so bewilhgte 
seine Majestät dem Pastor Schuchard zum Beweise der allerhöchsten 
Zufriedenheit eine Gehaltszulage von 200 fl. nebst einer goldenen 
Medaille. 

Möge nie eine Zeit kommen, in welcher man das Ansiedelungs- 
wesen in Galizien, diesen wichtigen Zweig der Staatswirtschaft, 
vernachlässigen, den von der Hand eines weisen Monarchen ge- 
pflanzten, in voller Blüte stehenden, eine reiche Ernte ver- 
sprechenden Baum zu Grunde richten lasse." 



Fünftes Buch. 

Geschichte der Deutschen in Ungarn und 
Siebenbürgen 

von 1763 bis zur Gegenwart. 



Erstes Kapitel. 

1. Das deutsche Ansiedlungswesen in Ungarn von 1763 — 1767. — 2. Die deut- 
schen Ansiedlungen in Ungarn von 1768 — 1780. — 3. Die deutsche Kolonisation 
in Ungarn von 1784 — 1800. — 4. Die deutschen Ansiedlungen in Ungarn im 
19. Jahrhundert. — 5. Deutsche Siedlungen in Siebenbürgen von 1763 — 1847. — 
6. Deutsche Kolonien in Kroatien und Slavonien. — 7. Die Herkunft der deut- 
schen Neuansiedler; ihre Zahl. Auswanderung. 

Das deutsche Ansiedlungswesen in Ungarn von 1763 — 1767. 

Schon nach den ersten zwei Schlesischen Kriegen hatte Maria 
Theresia erkannt, wie wichtig die innere Erstarkung ihrer Länder 
sei, wenn sie „von denen so mächtigen beiden Feinden Preufsen 
und Türken bei ermangelnden Festungen und baarem Gelde und 
geschwächten Armeen noch erhalten und beschützt" werden sollten. 
Deshalb geschah auch schon in den ersten zwei Jahrzehnten ihrer 
Herrschaft manches für die Besiedlung Ungarns i). Einen bedeu- 
tenden Aufschwung nahmen aber diese Bestrebungen seit der Be- 
endigung des dritten Schlesischen Krieges. 

Schon im letzten Kriegsjahre hat Maria Theresia mit den Vor- 
bereitungen für die Ansiedlungen in Ungarn systematisch begonnen. 
Sie gab bereits im Mai 1762 den Auftrag, die ungarischen Grund- 
herren zur Wiederbevölkerung jener Güter zu veranlassen, auf 
denen einst Dörfer gestanden hatten und die nun zum Schaden 
des Königs unbewohnt stünden. Die Kaiserin fafste auch schon 
die genaue Feststellung aller solcher Prädien und öden Gründe 
ins Auge. Zugleich wurde die mustergebende staatliche Ansied- 
lung fortgesetzt. Der ungarische Hof kammerpräsident Graf von Gras- 
salkovics erhielt die Weisung, sechs Kameralprädien im Bäcser und 
eines im Arader Bezirke zu bevölkern. In seinen Berichten ver- 



1) Vgl. Bd. II, S. 100 ff. 



188 Neue Anregungen zur Ansiedlung in Ungarn 1762/3. 

wies der Hof kammerpräsident auf seine bisherige erfolgreiche An- 
siedlungstätigkeit ^) und auf die schöne Entwicklung der von ihm 
bisher angelegten Kolonien im Bäcser Komitat. Unter den sieb- 
zehn Ansiedlungen hatte es Neu-KoUut auf 100, Bukin auf 130, 
Hodsäg auf 220 und der Markt Apatin sogar schon auf 600 Häuser 
gebracht. Alle waren von katholischen Deutschen bewohnt. Wir 
erfahren ferner aus diesem Berichte, dafs im Frühjahr 1762 eine 
neue Ansiedlung von katholischen Deutschen in Filipova begonnen 
worden war, die zunächst aus 20 Häusern bestand und auf 300 
vermehrt werden sollte. Graf Grassalkovics erstattete zugleich 
Vorschläge über weitere Anlagen von Kolonien. Daraufhin ent- 
schied die Kaiserin, dafs der Hof kammerrat Anton von Cothmann, 
der sich auch schon früher mit dem Ansiedlungsgeschäft beschäftigt 
hatte, mit der genauen Untersuchung der Prädien im Bäcser und 
Arader Komitate betraut würde. Er sollte, sobald es im Frühjahr 
1763 die Witterung zuliefse, das Ansiedlungsgebiet bereisen, von 
den Kameraldominien Karten herstellen und ihre Eignung zur Ko- 
lonisation feststellen. 

Anfangs 1763, da der Krieg seinem Ende zuneigte, machte 
sich eine rege Obsorge um das Ansiedlungswesen bemerkbar, | 
Schon am 1. Februar erging an die ungarische Hofkammer eine 
kaiserliche Resolution, die Besiedlung der Kameralprädien fort- 
zusetzen. Es sollten nicht nur grofse Orte, sondern auch kleine 
von 30, 40 oder 50 Häusern errichtet werden ; sie waren in ge- | 
ringer Entfernung voneinander besonders an den öffentlichen 
Strafsen anzulegen, um für den Verkehr den nötigen Schutz zu 
bieten. Die Herstellung von Karten über die Kameralgüter wurde 
wieder befohlen. Bald darauf wurden der Kaiserin Vorscliläge 
unterbreitet, die in Privatbesitz befindlichen Sümpfe anzukaufen, 
auszutrocknen und zu besiedeln; sie entschied, dafs vorläufig erst 
die Kameralprädien hinlänglich zu besiedeln seien, über die Privat- 
sümpfe aber nur Erhebungen anzustellen wären. Nach Abschlufs 
des Hubertusburger Friedens bestimmte die Kaiserin am 30. April, 
dafs die mittellosen ausgedienten Soldaten, die sich auf den Ka- 
meralgütem niederlassen wollten, auf Staatskosten dahin gebracht 



1) Vgl. Bd. II, S. 100 u. 180. 



Neue Anregungen zur Ansiedlung in Ungarn 1762/3. 180 

und mit Häusern, Vieh und Ackerbaugeräten versehen würden. 
Am 10. Mai erging der Auftrag, Handwerker nicht nur in den 
freien und königlichen Städten, sondern auch in geeigneten Kameral- 
orten, so in Miskolcz, Tokaj, Arad, Szolnok u. a. anzusiedeln und 
ihnen Hilfe zu leisten. Jene Gewerbsleute, die in die Städte ziehen 
wollten, um sich den Zünften anzuschliefsen, waren in Städte zu 
schicken, wo an solchen Mangel herrschte. An Tagegeld wurden 
bisher jedem Verheirateten zusammen mit der Frau 8 Kreuzer, Un- 
verheirateten und Witwern 5 Kr. verabreicht ; da das zu wenig war 
wurde der Betrag jetzt für Mann und Frau auf 12 Kr., für ein- 
zelstehende Personen auf 6 Kr. erhöht, und für jedes Kind wurden 
2 Kr. täglich festgesetzt. Die Ansiedler sollten diese Unterstützung 
solange erhalten, bis sie sich selbst ernähren konnten ; doch hatten 
die Arbeitsfähigen gegen entsprechenden Tagelohn bei der Errich- 
tung der Gebäude verwendet zu werden. Bis zur Vollendung ihrer 
Häuser waren sie in Gesellschaften einzuquartieren. Aufser den 
ausgedienten Soldaten sollten ferner Bauern aus den anderen Erb- 
ianden, besonders aus Böhmen, Mähren und Schlesien, endlich 
Leute aus den verschiedenen Reichslanden aufgenommen werden, 
wenn sie mit Hofkammerpässen versehen wären. Auch diese An- 
siedler waren zu unterstützen, wenn auch nicht in gleichem Mafse 
wie die Soldaten. Wenig später bestimmte die Kaiserin, dafs den 
Ansiedlern die Hälfte aller Vorschüsse nachzusehen sei. 

Überaus belehrend für die Ansiedlungspläne der Kaiserin ist 
besonders ihr Schreiben vom 18. August 1763 an den österreichi- 
schen Hof kammerpräsidenten Grafen von Herberstein, in welchem 
sie ihm jene Kolonisationsgrundsätze für Ungarn mitteilte, die er 
im ungarischen Landtage zum Vortrag bringen sollte. Die Kaiserin 
eröffiaete darin ihren Entschlufs, im Bäcser, Arader und Maroser 
(Csanäder) Distrikt eine Anzahl Prädien zu bevölkern; ebenso 
sollten Prädien in anderen Teilen des Landes, bei Szegedin, De- 
breczin und ganz im Norden die Herrschaft Ungvär kolonisiert 
werden. Die zur Besiedlung bestimmten Kameralgüter sollten nicht 
mehr verpachten werden, alle Kameralherrschaften waren zu „map- 
pieren " und ihr Bevölkerungsstand zu beschreiben. Die „ Einlösung '^ 
von Morästen und Sümpfen für die Kammer zur Austrocknung und 
Besiedlung war ins Auge gefafst. Die Bevölkerung sollte, um 



190 Feststellung d. Ansiedlungsbegünstigangen. Kolonisation des Banats. 

Steuerträger und Rekruten zu vermehren, ganz besonders gefördert 
werden , „ und zwar sind hiezu teutsche Kolonien zu präferieren, 
weil bei dem raitzischen (serbischen) Volk mannigfaltige Bedenk- 
lichkeiten obwalten, diese Nation auch mehres Terrain zum Feld- 
bau, als die teutsche, braucht. Wie nun wegen Anziehung der- 
gleichen Kolonien aus Schwaben viele Anordnungen bereits be- 
stehen, so sind solche zu erheben, einzusehen und hiernach das 
Diensame weiter zu veranlassen". Für die Ansiedlungen in Un- 
garn sollte ein jährlicher Fonds von 100000 fl. bestimmt werden; 
auch waren eigene Ansiedlungskommissionen in Wien und in Un- 
garn mit besonderen Instruktionen zu errichten und Beamte an- 
zustellen. Auch für Chirurgen sollte gesorgt werden, da viele 
Ansiedler erkrankten und aus Mangel an ärztlicher Hilfe starben; 
ebenso waren der deutschen Sprache kundige Seelsorger zu be- 
stellen. Die Ansiedler sollten sechs, in besonderen Fällen auch 
mehr Freijahre erhalten; ihre Verpflichtungen waren klar fest- 
zusetzen. Kolonisten konnten auch an Privatgrundbesitzer zur 
Ansiedlung überlassen werden. Aus späteren Akten erfahren wir, 
dafs die Handwerker auf Kameralgütern zehnjährige Kontributions- 
freiheit erhielten. Besondere Aufträge ergingen wegen der Vor- 
bereitung von Bauholz, Vieh und anderen Bedürfnissen für die 
Ansiedler. Erwähnt sei übrigens auch, dafs gleichzeitig die Ver- 
bote der Auswanderung aus den ungarischen Ländern erneuert 
wurden und der kaiserliche Befehl erging, die Untertanen (Bauern) 
gelinde zu behandeln; dadurch sollte vor allem die einheimische 
leicht bewegliche Bevölkerung im Lande festgehalten werden. 

Wie für Ungarn traf die Regierung auch für das Banat, das 
damals noch abgesondert von Ungarn verwaltet wurde, Ansied- 
lungsanstalten. Für dieses Land wurden als jährlicher Ansiedlungs- 
fonds 200000 fl. bestimmt. 

Die nächste Sorge mufste auf die Herbeiziehung von Ansiedlern 
gerichtet sein. 

Als solche boten sich in der Kriegszeit gleichsam von selbst 
zunächst die preufsischen Kriegsgefangenen und Deserteure an. 
Schon in früheren Jahren waren sie vor allem nach Siebenbürgen, 
doch auch nach Ungarn geschickt worden. So kamen 1761 in 
den Bäcser Kameraldistrikt 44 preufsische Deserteure zur Ansied- 



Ansiedlung von Kriegsgefangenen und ausgedienten Soldaten. 191 

lung als Ackerbauer und Handwerker. Die zumeist protestan^, 
tischen Soldaten wurden vor allem deshalb nach Siebenbürgen 
geschickt, weil man in Ungarn keine Protestanten ansiedelte. 
So befahl auch die Kaiserin am 1. Februar 1763, zur Ansiedlung 
auf den ungarischen Kameralherrschaften zwar nicht alle preufsi- 
schen Gefangenen zu bestimmen, wohl aber sollten jene Handwerker 
und Künstler unter ihnen, welche katholischen Glaubens waren 
und sich in Ungarn niederlassen wollten, in deutschen Ansiedlungs- 
orten, wo man dieser Handwerker und Künstler bedürfe, angesiedelt 
werden. Schon wenige Wochen später wurden tatsächlich preufsische 
Kriegsgefangene nach Südungarn geschickt. Es sind uns zwei 
Listen solcher Ansiedler erhalten, die *am 4. Mai 1763 vom Kriegs- 
kommissar Koller in Graz ausgestellt wurden und jene „in dem 
Herzogtum Steier verlegten preufsischen kriegsgefangenen Unter- 
offiziers et Gemeinen" verzeichnen, „so auf denen königlichen 
Kameralgütern sich ansiedeln wollen und durch Untersteier nacher 
Ofen in Hungarn abgeschicket werden". Wir finden in diesen 
Listen zusammen 18 Mann aus verschiedenen preufsischen Regi- 
mentern und Wafi'engattungen verzeichnet. Als ihre Heimat werden 
Brandenburg, Pommern, Polen, Preufsen, Österreich, besonders 
aber Schlesien angegeben; es sind zumeist gut deutsche Namen. 
Alle gehörten dem katholischen Glaubensbekenntnisse an. Sieben 
von ihnen verstanden eine Profession und erscheinen daher in 
einem besonderen Verzeichnisse aufgeführt. Jeder erhielt als Hand- 
geld 8 fl. 15 Kr. und an drei- bis sechsmonatlichem Sold 13 fl. 
30 Kr. bis 48 fl. In Ungarn bekamen sie täglich an Brot- und 
Monturgeld 9 bis 16 Kr. Diese Leute wurden nach Apatin im 
Bäcser Komitat gebracht. Doch befanden sich unter ihnen Trinker 
und Händelsucher, die den Ansiedlungsbeamten viele Beschwerden 
verursachten. Da sie nach dem Wege gegen Polen Erkundigungen 
einzogen, wurden ihnen ihre Originalpapiere (Pässe u. dgl.) ab- 
genommen und der Versuch gemacht, sie durch VereheÜchung fest- 
zuhalten. 

Nach der Beendigung des Krieges wurden auch Angehörige 
der österreichischen Armee für die Ansiedlung gewonnen. Schon 
wenige Tage nach dem Friedensschlüsse von Hubertusburg, erging 
am 20. Februar 1763 die kaiserliche Verordnung, alle jene Leute,, 



193 Ansiedlung von Kriegsgefangenen und ausgedienten Soldaten. 

die bei der Armee im Dienste standen, ferner andere bei der Armee 
sich aufhaltende Personen beiderlei Geschlechts als Tagarbeiter zu 
verwenden oder anzusiedeln; dadurch sollten Störungen der all- 
gemeinen Ruhe und Sicherheit durch diese Leute vermieden und 
nicht nur die inländischen sondern auch die auswärtigen den 
Erbländern erhalten bleiben. Am 25. Februar erschien ein Pa- 
tent, das in den kaiserlichen Heerlagern und in Dresden verlaut- 
bart wurde: „Jenen, welche sich in Ungarn, Siebenbürgen und 
im Temesvarer Banat ansiedeln wollen, werden Grundstücke und 
das Holz zum Bau ohnentgeltlich angewiesen; annebst ihnen zum 
ersten Anbau aller hilfreiche Beistand geleistet und sechsjährige 
Freiheit von allen Kontributionen und Steuern, den Professionisten 
aber eine zehnjährige Freiheit zugestanden. Katholiken konnten 
sich auch als Grenzer im Banat ansiedeln lassen und dadurch 
der diesen zustehenden Rechte teilhaftig werden." Auch griff 
man den schon im Jahre 1761 aufgetauchten Plan, zur Erleichte- 
rung der Invalidenaustalten die Invaliden in Ungarn, im Temes- 
varer Banat und in Siebenbürgen anzusiedeln , wieder auf Die 
Hofkammer zog in den Invalidenhäusem zu Wien, Pest, Prag 
und Pettau, ferner bei den Regimentern Erkundigungen nach 
Invaliden und Kapitulanten ein, die sich in Ungarn oder im 
Banate ansiedeln wollten. Diese Ansiedler sollten nebst den üb- 
rigen Vorteilen zehn bis zwölf Gulden „Handgeld" erhalten. Tat- 
sächlich begegnen seit April 1763 Verzeichnisse von Angehörigen 
verschiedener Regimenter und Waffengattungen, die zur Ansiedlung 
nach Ungarn geschickt wurden. Im April 1763 gingen Dragoner 
vom Hessen- Darmstädtischen Regiment nach Ungarn; im Mai 1763 
wurden zur Ansiedlung auf den ungarischen Kameralgütern 86 Fa- 
milien oder 369 Personen geschickt, „die infolge des Friedens bei 
der Armee und sonsten brotlos geworden waren"; im Sommer 
1764 zogen 41 Invaliden von den in den Niederlanden stehenden 
Regimentern über Nürnberg nach Ungarn; im folgenden Jahre 
erhalten wir Nachricht von Mannschaften der k. k. Feld- Artillerie - 
Regimenter, die auf den „kais. könig. Kameralgütern" in Un- 
garn angesiedelt wurden u. a. m. Auch in späteren Jahren (1769, 
1771) finden wir in den Ansiedlerlisten „verabschiedete Soldaten". 
Zuweilen wurden auch aus fremden Kriegsdiensten entlassene 



Werbung in Südwestdeutschland. 193 

Deutsche in Ungarn untergebracht; so liefs sich 1763 der aus 
dem russischen Kriegsdienste getretene Josef Karl Heckel in Leut- 
schau (Zips) nieder. Am wichtigsten wurde die Ansiedlung der 
Invaliden, später auch anderer deutscher Einwanderer im Süd- 
westwinkel des Banats. Es entstand auf diese Weise hier das 
„deutschbanatei Regiment", das einen Teil der sogenannten 
Militärgrenze bildete. ^) 

Die Masse der Kolonisten wurde aus Südwestdeutschland be- 
rufen. Am 11. April 1763 zeigte die Hofkammer der böhmisch- 
österreichischen Hofkanziei an, dafs sie vier „Emissäre" aussende, 
um 400 Ansiedler in Vorderösterreich aufzubringen. Sie bat, die 
in früheren Jahren verlautbarten Patente zur Beförderung dieses 
Geschäftes zn erneuern ^)j den Emissären Pässe auszustellen und 
die vorderösterreichischen Behörden wegen ihrer Sicherheit zu ver- 
ständigen. Die Hof kanzlei kam diesem Wunsche nach, bezeichnete 
es jedoch als wünschenswert, dafs die Emissäre vor allem in den 
fremden Reichslanden Familien anwürben, „massen durch Be- 
förderung der ungarischen Population mittelst Entvölkerung der 
deutschen (vorderösterreichischen) Erblande dem Universo der 
Monarchie nicht geholfen, sondern vielmehr geschadet würde." 
Diese Anregung entsprach vollständig den Anschauungen der 
österreichischen Regierung. Die Kaiserin selbst verfügte in einer 
damals ergangenen Resolution, „dafs alljährlich eine Quantität 
Kolonisten in Schwaben für die hungarischen Kameralherrschaften 
gesammelt werden sollen, um wenigstens mit Preufsen die Kon- 
kurrenz zu halten." In einem späteren Erlasse spricht Maria 
Theresia von Ansiedlern aus dem Römischen Reich (Deutschland) 
und aus auswärtigen Gebieten. 

Als Emissäre wurden nach Süddeutschland vier ungarische 

1) Die Militärgronze umfafste das südliche Kroatien und Slavonien, ferner 
den Südwesten und Osten des Banats , schliefslieh die Süd- und Ostgrenze Sieben- 
bürgens. Die waffenfähige Mannschaft hatte gegen Gewährung bestimmter Frei- 
heiten die Verpflichtung, Kriegsdienst zu leisten. Veranlassung zur Errichtung 
der Militärgrenze hatten vor allem die Türkeneinfälle gegeben. 

2) Schon 1759 ist in Vorderösterreich ein k. k. Patent von den Kanzeln 
publiziert worden, welches den deutschen Familien, die sich in Ungarn ansiedeln 
wollten, die Unterbringung in eigenen Ortschaften, die Ausstattung mit ent- 
sprechendem Grundbesitz und mehrjährige Abgabenfreiheit in Aussicht stellte. 

K a i n d 1 , Gesch. d. Deutschen i. d. Karpath. III. 13 



194 Werbung in Süd Westdeutschland. 

Ansiedler geschickt, Deutsche, die die Verhältnisse in der Heimat 
wohl noch aus eigener Anschauung kannten und bei ihren Lands- 
leuten die beste Aussicht auf Erfolg hatten. Diese Männer waren 
Bonifacius Stodor und Jakob Specht aus Apatin, ferner Joseph 
Hag und Anton Faist aus Hodsäg. Jeder von ihnen erhielt ein 
von Wien, den 16 April 1763 datiertes Patent, in welchem die 
Kaiserin den vorderösterreichischen Behörden und Herrschaften 
mitteilt, dafs der Emissär von der ungarischen Hof kanzlei „eigens 
abgeschickt sei, zur Bevölkerung des an der Theifs befindlichen 
Bäscer Bezirks und der an dem Marosflusse gelegenen Herrschaft 
Arad" in den vorderösterreichischen Landen 400 katholische Fa- 
milien aufzubringen. Die Ansiedler sollten genügend gutes Land, 
6 Freijahre von den k. k. landesfürstlichen Steuern und 3 Frei- 
jahre von den herrschaftlichen Verpflichtungen erhalten ^). Auch 
wurde ihnen die Erbauung von Kirchen und Pfarrhöfen, ferner 
die Anstellung von Seelsorgern „von ihrer Nation" versprochen, 
sobald sich die Bevölkerung genügend vermehrt haben würde. 
Die Kolonisten sollten stets „als unmittelbare k. k. Untertanen 
gehalten, an niemanden durch Kauf, Tausch oder Geschenk über- 
lassen und nicht als Leibeigene, sondern als freie k. k. Untertanen 
gehalten und angesehen werden"; die Kameralherrschaften , auf 
denen sie Aufnahme fanden, durften also niemals in Privatbesitz 
übergehen. Auch genossen die Angesiedelten volle Freizügigkeit, 
nur mufsten vor dem Abzüge alle Schuldigkeiten und die ge- 
wöhnlichen Abfahrtsgelder entrichtet werden. Gewährt wurde 
ihnen ferner die Anlage von Weingärten, gemeinsame Hutweide 
und das freie Bauholz für die Häuser; die „ Weinschankfreiheit " 
vom 1. Oktober bis Ende März; endlich Getreide für den Anbau 
und zur Nahrung vorschufsweise gegen nachträglichen Ersatz. 
Nach den Freijahren sollte ein „ganzes Haus" (das ist ein mit 
einer ganzen Bauernwirtschaft bestifteter Ansiedler) die Robot mit 
6 rheinischen Gulden, ein „halbes Haus" mit 3 Gulden ablösen; 
der Zehnte und die Steuern waren nach Landesbrauch zu ent- 
richten. Am Schlüsse des Patentes wurden alle Behörden aufge- 



1) Diese Freiheiten wurden 8ch(») im Patente von 1759 (siehe die vorige 
Anmerkung) zagesichert. 



Werbung in Süd Westdeutschland. 195 

fordert, die Werber und die mitgefuhrten Familien zu fördern, 
von ihnen keine Maut- und Abfahrtsgebühren zu erheben, dagegen 
ihnen jeden Vorschub zu leisten. 

Die genannten Abgeordneten arbeiteten mit Erfolg; sie führten 
Scharen von Ansiedlern nach Ungarn und erhielten dafür öfters 
Geldbeträge; so brachte z. B. Faist im August 1763 dreifsig Per- 
sonen aus verschiedenen Orten zur Ansiedlung nach Ungarn. Neben 
ihnen wurden auch andere ähnliche Emissäre benützt, z. B. Jakob 
Marckin, der aus Nollingen bei Rheinfelden im Schwarzwald nach 
Apatin gekommen war und sodann verschiedenen Herren in Ungarn 
durch sechs Jahre als Gärtner gedient hatte. Dieser Mann, der 
also schon zu den älteren Ansiedlern in Ungarn zählte, führt in 
einer Eingabe von 1767 aus, dafs er schon früher einmal mit 
einem allerhöchsten Patent in sein Vaterland gereist sei und viele 
Familien nach Ungarn zu ziehen bewogen habe. Da er 1767 wieder 
in die Heimat reisen mufste, um eine Erbschaft zu beheben, bat 
er um ein Patent und um Reisegeld: „er getraue sich wenigstens 
zwei Schiffe voll Emigranten von seinen Landsleuten naher Ungarn 
zu ziehen". Diese Emissäre erhielten für jede mitgebrachte Fa- 
milie 1 fl. 30 Kr. Die Ansiedler kamen in der Regel mit Donau- 
schiffen nach Wien und wurden mit k. k. Hof kammerpässen nach 
Ungarn weitergeschickt. Mit einem Pafs zog oft eine grofse An- 
zahl von Kolonisten. Im Mai 1763 wird z. B. ein Hofkammer- 
pafs für 27 Familien (127 Köpfe) Schwarz wälder ausgestellt, ein 
anderer für 16 Familien (47 Köpfe) aus dem Kurmainzischen. 
Wie stark die Auswanderungsbewegung sich gestaltete, geht aus 
der Nachricht hervor, dafs im Juni 1764 ein Zug von 300 Deutsch- 
lothringem zu Rheinhausen (Baden) ankam, um nach Ungarn zu 
ziehen; sie gaben an, dafs sie in Lothringen wegen der grofsen 
Teuerung nicht leben könnten. 

Eine kleinere Gruppe von Ansiedlern kam aus den öster- 
reichischen Sudetenländern. Schon im März 1763 wurde verfügt, 
dafs böhmische und mährische Untertanen (Hörige), Soldaten und 
Trofsleute, sobald sie von ihren Grundherren Losbriefe erhalten 
würden, zur Ansiedlung in Ungarn angenommen werden dürften. 
In den folgenden Jahren kommen nicht nur Ansiedlungsgesuche 
aus den Sudetenländern vor, sondern wir erfahren auch, dafs sich 

13* 



196 Ansiedler aus den Sudetenländern und aus Preufsen. 

z. B. 1763 Böhmen in Bezdän (Bäcser Komitat), und 1767 mährische 
Untertanen in Filipova (s. oben S. 188) niederliefsen. Da mährische 
Untertanen „allzu häufig'' nach Ungarn auswanderten, wurde am 
3. Februar 1768 verordnet, dafs die ungarische Hofkammer künftig- 
hin keinen nach Ungarn kommenden mährischen, böhmischen oder 
schlefsischen Untertan ohne Vorzeigung eines obrigkeitlichen Kon- 
sens- oder Losbriefes zur An Siedlung im Bäcser Bezirke oder den 
ungarischen Kameralgütern annehmen sollte. Im nächsten Jahre 
(1769) bewarben sich Deutschböhmen „mit obrigkeitUchen At- 
testen" um die Ansiedlung in Ungarn. Es kam auch vor, dafs 
akatholische Familien aus Böhmen und Mähren zwangsweise nach 
Ungarn versetzt wurden, wie dies in den früheren Jahrzehnten 
mit Protestanten aus verschiedenen österreichischen Ländern ge- 
schehen war. 

Schliefshch wanderten Ansiedler auch aus den preufsischen 
Ländern ein. So kamen z. B. 1768 vier Bauern- und eine Gärtier- 
familie aus Preufsisch- Schlesien nach Olmütz. Sie hatten einen 
Wagen und zwei Pferde mit und wurden über Brunn mit 20 fl. 
Reisegeld nach Prefsburg geschickt. Auch 1771 und 1772 wollten 
preufsische Emigranten nach Ungarn kommen. 

Inzwischen hatten bereits zahlreiche Ansiedlungen im Bäcser 
Distrikt (Baöka) und im B a n a t stattgefunden ; in beiden Gebieten 
erhielten teils die bereits bestehenden älteren Ansiedlerorte neue 
Zuzüge, teils wurden neue Kolonien gegründet. 

Über die Entwicklung des Ansiedlungswesens im Bäcser Be- 
zirk bieten die Reiseberichte Cothmanns von 1763 und 1765 wert- 
volle Aufschlüsse. 

Als Cothmann am 10. Mai 1763 in Apatin, dem Hauptort 
des Bäcser Komitats ankam, fand er einen glücklich aufblühenden 
Ort Die 1750 in der Nähe eines Räubernestes gegründete Ansied- 
lung war bereits 1756 zum Markte erhoben worden; 1763 zählte der 
Markt schon 500 Häuser ^) und eine schöne Kirche; die Acker 
waren gut bestellt und viele deutsche Handwerker betrieben ihr 
Gewerbe, darunter auch ein Buchbinder, der zugleich Bücher ver- 
kaufte. Ebenso erfreulich hatten sich andere ältere Kolonien in 



1) Nicht 600, wie es im Berichte von 1762 heifst (oben S. 188). 



Ansiedlungen im Bäcser Distrikt. 197 

diesem Gebiete entwickelt. Neu-Kollut zählte schon 200 Häuser 
und Csataalya war trotz des ursprünglich unfruchtbaren Bodens gut 
bebaut und bevölkert. Ganz entzückt war Cothmann über Hodsäg. 
Dieses hatte 1756 nur etwa 20 elende, schmutzige Serbenhütten 
gezählt ; bald darauf wurde die deutsche Ansiedlung hier errichtet und 
nun war es ein blühender Ort, der den kaiserlichen Kommissär zum 
Ausrufe bewog: „Nichts schöneres konnte ich sehen als dieses 
neue auf das schönste erbaute Dorf mit über 300 Familien, sehr 
bequemen Häusern, überaus breiten und wohlregulierten Strafsen; 
die Bewohner besitzen überaus fruchtbare Acker und sehr schöne 
Herden." In dem erst 1762 angelegten Neu-Filipova wurden 
innerhalb wenig mehr als drei Wochen (28. Mai bis 21. Juni 1763) 
zehn neue Häuser errichtet. Über die sehr rege Arbeit erzählt 
Cothmann, dafs die kaum vor einigen Tagen dahingekommenen 
Leute schon die ihnen für die Gärten angewiesenen Plätze um- 
ackerten, Gräben zogen und fleifsig ihre Gebäude herzustellen be- 
gannen. Aus seinem Bericht ist ferner zu ersehen, wie niedrig 
die Kultur der Landeseinwohner war und welche Bedeutung die 
deutsche Ansiedlung gerade deshalb hier hatte. So fand Cothmann 
den Ort Priglevicza - Szentivän , den er am 12. Mai besuchte, so 
verödet, dafs er hier eine deutsche Kolonie zu errichten vorschlug. ^) 
Am 20. Juni standen hier schon 1 6 Häuser, die auf Kameralkosten 
erbaut wurden, zum grofsen Teile fertiggestellt. Ebenso war der 
Ort Gäkova mit dem benachbarten Prädien so menschenleer, dafs 
Cothmann ihn mit Deutschen sofort zu bevölkern beschlofs. In 
Bukin (Bäcsbukin), wo schon seit 1749 Deutsche wohnten, liefsen 
die hier noch sefshaften Serben ihre Herden ohne Hirten umher- 
schweifen und verhinderten dadurch die Kultivierung; daher sollte 
Bukin völlig den Deutschen überlassen werden. Ebenso wurde das 
Gebiet von Alt- undNeu-Karavukovär(Karavukova) für eine deutsche 
Ansiedlung in Aussicht genommen ^); ersteres war ein alter serbischer 



1) In diesem Orte sollen schon 1743 Deutsche angesiedelt worden sein 
(nach Czoernig, Ethnographie d. österr. Monarchie III, S. 264 in dieser Gesch. 
d. Deutschen II, S. 180). Über diese älteren Ansiedler findet sich hei Coth- 
mann keine Bemerkung; vielleicht waren sie wieder weggezogen. 

2) Gesch. d. Deutschen II, S. 180 ist dieser Ort irrig unter den älteren 
deutschen Kolonien genannt. 



198 Ansiedlungen im Bacser Distrikt. 

Räubersitz, im letzteren waren Ungarn angesiedelt worden (1755), 
die aber Ackerbau und Hausbau völlig vernachlässigten und 
nur vom Fischfang lebten. Ahnliche Verhältnisse herrschten im 
Arader Kameralbezirk. Dort fand Cothmann z. B. in Glogoväcz 
katholische deutsche Ansiedler, die über die walachischen Mit- 
bewohner klagten, dafs sie keine Hirten hielten, weshalb ihre Herden 
die Acker und Gärten der Deutschen verwüsteten ; der Kommissär 
fiteilte daher den Antrag , die Walachen aus dem Orte zu ver- 
setzen und die deutsche Ansiedlung auf 250 bis 300 Häuser zu 
vermehren. Auch andere Ortschaften schlug Cothmann für deutsche 
Ansiedlungen vor, so insbesondere Palänka i) und Gajdobra ^) im 
Bäcser Bezirk; doch begann die Besiedlung des letzteren Ortes 
erst 1764. Nach Sziväcz kamen schon 1763 Deutsche, doch 
zogen sie wahrscheinlich bald wieder fort ^). 

Wertvolle Ergänzungen bietet Cothmanns Bericht von 1765. 
Wir erfahren, dafs nicht nur Filipova, Priv. Szentivän, Gäkova, 
Neu-Palänka und Gajdobra besiedelt wurden, sondern auch in 
Veproväcz *) und Bezdän in Bäcs sich Ansiedler niederliessen. 

Die älteren Orte erhielten fortwährend Zuzüge. Diese An- 
siedler kamen teils ohne irgendwelche staatliche Unterstützung, 
teils wurden sie von der ungarischen Hof kammer mit königlichen 
Pässen ins Ansiedlungsgebiet geschickt. Die Anzahl der Ansiedler 
betrug in der ersten Hälfte 1763 über 1400 Köpfe, darunter freilich 
viele Nichtdeutsche. In den ersten acht Monaten von 1765 kamen 
243 Familien, davon z. B. nach Szentivän allein 50, nach Gaj- 
dobra 68, nach Gäkova 39 und nach Filipova 32. Die meisten 
dieser Einwanderer waren Bauern, doch gab es auch viele Hand- 
werker unter ihnen. Aufserdem kamen viele deutsche Invaliden, 
die in den bereits genannten Orten Palänka, Veproväcz, Filipova, 

1) Wie aus Cothmanns Bericht von 1765 hervorgeht (s. unten im Text) 
ist hier Neu-Palänka (Uj palänka) gemeint. Dieser Ort soll nach Czoernig 
ni, S. 264 schon 1743 mit Deutschen besiedelt worden sein, wovon aber Coth- 
mann nichts erwähnt. Nemetpalanka (Deutsch-Palanka) entstand wahrscheinlich 
erst 1785. Vgl. weiter unten im Text 

2) Von diesem Orte gilt das oben S. 197, Anm. 2 über Karavukovar Gesagte. 

3) Die Kolonie Neu-Sziväcz ist erst 1786 entstanden. 

4) Dieser Ort soll nach Czoernig schon 1760 mit Deutschen besiedelt 
worden sein, worüber sich bei Cothmann nichts findet. 



Ansiedlungen im Bacser Distrikt. 199 

Bukin, Szentiväo, Gäkova, Kollut, Bezdän, Apatin und Gajdobra, 
ferner in Bäcsdoroszlö, Kernyäja, Kupuszina, Bäczkeresztur ^) und 
anderen angesiedelt wurden. 

Als Leiter des Ansiedlungswesens im Bäcser Bezirk (Ba^ka) 
erscheint 1763 der kais. könig. „Impopulationsprovisor" Simon 
Mathäus Fux. Ihm untergeordnet war ein „Impopulationsispan" 
oder „Spann" 2j. diese Stelle bekleidete damals der Ansiedler 
Georg Christophorus Regenspurger. Im Jahre 1765 erscheint neben 
dem k. k. Impopulationsprovisor Heinrich Stredula noch ein Plan- 
tagenprovisor Franz Joseph Modersfeld. Aus den Instruktionen, 
welche Cothmann für diese Beamten erliefs und aus seinem Berichte 
selbst ergibt sich die grofse Umsicht dieses Mannes, der wohl einer 
der tüchtigsten Förderer der deutschen Kolonisation in Ungarn war. 
Seine Ausführungen und Verfügungen fanden auch bei den vor- 
gesetzten Behörden und bei der Kaiserin ungeteilte Anerkennung. 

Als eine Hauptsorge wurde den Kolonisationsbeamten aufge- 
tragen, „dafs die neu ankommenden Leute gleich denen neu an- 
gesetzten jungen Bäumen anfangs wohl besorget, gut gepfieget 
und vor allem Unheil bewahret werden mögen". Alle Ansiedler 
wurden zunächst nach Apatin geschickt; die bemittelten und hand- 
werkskundigen versuchte man zum Ankauf eines Grundstückes 
daselbst zu bewegen, die übrigen wurden in die anderen Ansied- 
lungsorte befördert. Cothmann empfahl den Beamten für die An- 
siedler zu sorgen und alles Nötige für ihren Einbau bereit zu 
halten, auch verglaste Fenster, beschlagene Türstöcke samt den 
Türen, Ofen, Werkzeuge usw. Für die Grunddotation war ge- 
hörig zu sorgen; für den Häuserbau, den die Ansiedler hier selbst 
zu besorgen hatten, waren ihnen, ebenso wie für den Viehankauf 

1) Die Ansiedler an diesem Orte werden aber später im Verzeichnisse von 
1768 nicht mehr genannt (s. imten im Text S. 200 f.). 

2) Diese Spanns werden auch später öfter genannt. Über ihre Aufgabe be- 
lehrt uns am besten ein Akt von 1792. Danach sollen die Kolonisten in Franz- 
dorf (Banat), Josephsdorf (Baes), Neu-Lublau und Pudlein (Zips), so wie es in 
ÜDgvär schon geschehen war, durch Aufstellung von Spanns zur besseren Wirt- 
schaftspflege verhalten werden. Zum Spann wurde ein „wegen seiner Emsigkeit 
und Wirtschaftspflege bekannter Kolonist" bestellt. Er erhielt einen Gehalt und 
hatte die Ansiedler zum Fleifs anzuhalten, die Widerspänstigen der Administration 
anzuzeigen. 



200 Ansiedlungen im Bäcser Distrikt. 

Vorschüsse zu gewähren; auch die sich ansiedelnden Hand- 
werker sollten Vorschüsse erhalten. In neu zu erbauenden Ort- 
schaften waren stets zunächst ein geräumiges Wirtshaus und drei 
oder vier grofse Häuser auf Unkosten des Arars zu erbauen, 
damit die Leute bis zur Herstellung ihrer Häuser Unterkommen 
fanden. Dieses war freilich oft ein sehr unbequemes, da häufig 
mehrere Familien ein Haus, ja dieselbe Schlafstube bewohnten und 
für ihr Vieh keine Stallungen besafsen. Aufserdem traf Cothmann 
viele treffliche Verfügungen über die Anlage der Dörfer, den Bau 
der Häuser, die Förderung des Ackerbaues, der Gewerbe, der 
geistigen Kultur usw. Cothmann trat auch dafür ein, dafs jenen 
Soldaten, welche sich innerhalb drei Monaten nach ihrer Ankunft 
im Bäcser Distrikt verehelichten, 6 fl. und 6 Prefsburger Hetzen ^) 
Getreide gereicht würden; dadurch sollten sie rasch an geordnete 
Wirtschaft gewöhnt werden. Wie vorhandene Verzeichnisse be- 
weisen, bewogen die Begünstigungen tatsächlich viele zur Heirat. 
Die Soldatenansiedler genossen reichlichere Unterstützungen als 
jene Kolonisten, die durch Werber aus dem Deutschen Reich her- 
beigeführt wurden, aus eigenem Antrieb kamen oder von ihren 
schon in Ungarn anwesenden „Befreundeten" gerufen einwanderten 
und auch selbst einiges Vermögen mitbrachten. Handwerker hatten 
vor anderen den Vorzug. 

Die Kaiserin liefs Cothmann ihre allerhöchste Zufriedenheit 
aussprechen und befahl, die noch vorhandenen Prädien zu be- 
siedeln; die Verpachtung jener Güter, die zur Kolonisierung nötig 
waren, sollten allmählich gelöst werden. 

Über die gesamte Ansiedlung von 1763 bis zum 16. März 
1768 ist ein ausführlicher Ausweis erhalten. Danach haben sich 
im bezeichneten Zeitraum an folgenden Orten Ansiedler niederge- 
lassen; die beigesetzten Zahlen bezeichnen die Familienanzahl. 
An den mit * bezeichneten Orten wohnten Deutsche schon vor 
1762 2). Kernyäja 142, Krusevlya 43, Gäkova 2J0, Szentivän 
233, Doroszlö 14, Filipova 220, Veproväcz 14, Kollut* 120, 
Bezdän 45, Kupuszina 7, Hodsäg* 30, Gajdobra 162, Bukin* 19, j 



1) 1 Prefsburger Metzen = ungefähr 1 österr. Metzen (oben S. 34, Anm. 1). 

2) Man vgl. Bd. 11, S. 180 und berücksichtige oben die Anm. zu S. 197 f. 



AnsiedluDgen im Banat. 301 

Palänka 87, Karavukova 47, Apatin* 285. Zusammen waren 
also seit 1763 1678 Familien eingewandert; von diesen besafsen 
125 noch keine eigenen Häuser. Die Gesaratzahl der Bewohner 
der einzelnen Orte war selbstverständlich gröfser. So zählte Apatin 
damals schon 617, KoUut 218 Familien i). Im benachbarten 
Arader Komitat wurde entsprechend den Anträgen Cothmanns die 
deutsche Bevölkerung von Glogovacz vermehrt (1766). 

Gleichzeitig mit dieser Besiedlung des Bäcser Komitats ging 
die Kolonisation in dem jenseits der Theifs gelegenen Temesvärer 
Banat vor sich, das die heutigen Komitate Torontäl, Temes und 
Krassö-Ször^ny umfafste. Wie im Bäcser Komitat so waren be- 
kanntlich auch hier schon in früheren Jahrzehnten viele deutsche 
Ansiedlungsorte entstanden. Aber der gröfste Teil dieser „neuen 
Pflanzer" hatte das Land schon während des letzten Türken- 
krieges (1737 — 1739) verlassen. Deshalb hatte die Banater k. k. 
Landesadministration, die damals noch von Ungarn unabhängig war 
und unmittelbar der k. k. Hofkammer in Wien unterstand, neue 
Ansiedler ins Land gezogen. Der Landesadministrator Graf Perlas 
konnte im April 1763 berichten, dafs er seit seinem Amtsantritt 
(1752) 299 deutsche Familien angesiedelt hatte; er stimmte aber 
einer Vermehrung der deutschen Kolonisten um so mehr zu, 
als damals in den Distrikten Karänsebes, Orsova und Becs- 
kerek gar keine Deutschen wohnten. Viele Ansiedlerwohnungen 
standen leer. 

Wie in den Bäcser Komitat kamen auch ins Banat schon 

1762 deutsche Kolonisten. Mit Rücksicht auf die traurigen Be- 
völkerungsverhältnisse befahl die Kaiserin sofort nach dem Ab- 
schlufs des Siebenjährigen Krieges auch im Banat Deutsche an- 
zusiedeln. Zufolge des kaiserlichen Patentes vom 17. Februar 

1763 erhielten die Ansiedler Haus und Feld, das nötige Zugvieh, 
die Acker- und Wirtschaftsgeräte, ferner im ersten Jahre auch 
Futter und Getreide; bare Geld Vorschüsse hatten sie nach drei 
Jahren in kleineren Posten abzuzahlen. Am 25. Februar 1763 



1) Vergleicht man aber diese Zahlen mit jenen von 1768 (oben S. 196 f.), so 
ergibt sich, dafs die Zunahme der Bevölkerung geringer war, als die Zahl der 
zugewanderten Familien beträgt. Es zogen also ofiFenbar viele wieder an 
andere Orte. 



S03 Ansiedlungen im Banat. 

erging auch an die Temesvärer Administration der Auftrag, Sol- 
daten und preufsische Kriegsgefangene im Benat aufzunehmen. 
In diesem Gebiete war die Kaiserin „alleinige Grundfrau'*; die 
Ansiedlungen erfolgten durchaus auf Kameralgründen. 

Die Ansiedlungsbedingungen im Banat waren günstiger als 
jene im Bäcser Komitat; daher zogen von den in Wien ein- 
treffenden deutschen Auswanderern sehr viele mit Vorliebe ins 
Banat. Die Reise ging dahin über Ofen ; für diese Reise wurden 
jedem Ansiedler sechs Gulden gereicht. Vom April bis Ende 1763 
kamen etwa 1000 Kolonisten ins Banat; noch zahlreicher war der 
Zuzug im folgenden Jahre; 1766 kamen ins Banat beinahe 2300 Fa- 
milien. Der markgräfliche baden-badische Oberamtmann von 
Hauer schickte aus seinem Amtsbezirk allmählich allein über 200 
Familien zur Banater Ansiedlung; da er sich dabei viele Mühe 
gegeben hatte, bewilligte die Kaiserin eine Auszeichnung für ihn. 
Viele Leute meldeten sich, weil sie erfuhren, dafs es den Ansiedlern 
in Ungarn gut gehe. So kam es, dafs der Pfarrer Plenkner des 
kathoUschen Dorfes Syen ^) in der Markgrafschaft Baden-Baden 
von dort 200 wohlhabende AnsiedlerfamiHen nach Ungarn führte 
(1766). Um bemittelte Familien aus Kurköln ins Banat zu 
ziehen, wurde verordnet, dafs jede Familie aus diesem Gebiet, 
welche ein Vermögen von 100 fl. nachwies, 1 fl., und jede, die 
2U0 fl. besafs, 2 fl. als „Gratiale" aufser den übrigen Vorteilen 
erhalten sollte. 

Die Kaiserin befahl die deutsche Ansiedlung möglichst zu 
fordern und auf sie größeres Gewicht zu legen, als auf die Bei- 
behaltung von Staatsgütern. Von den Beamten der Landes- 
administration waren vor allem Knoll, Laff, Neumann und Hildebrand 
tätig. Die Einwanderer wurden in der Regel wegen ihres Wohlver- 
haltens belobt. Da jedoch auch nachlässige Wirte vorhanden 
waren, so wurden seit 1764 eigene Kolonisten-Inspektoren bestellt, 
welche das Betragen und die Arbeit der Ansiedler zu überwachen 
hatten. Unverbesserliche Kolonisten wurden abgestiftet und ent- 
lassen. Die Ansiedler hatten ihre Beschwerden unmittelbar bei 
der Landesadministration vorzubringen. Für Pfarrer, Schullehrer, 



1) Ich kann diesen Ort nicht bestimmen. 



Ansiedlungen im Banat. 203 

Chirurgen, ferner für die Hebung der materiellen Kultur wurde 
entsprechend den allgemeinen Ansiedlungsgrundsätzen gesorgt. 

Die Einwanderer wurden teils in den schon bestehenden Ort- 
schaften, insbesondere in den älteren Kolonien, teils in neube- 
gründeten Orten untergebracht. In den folgenden Verzeichnissen 
geben die den Namen nachgesetzten Zahlen die Summe der neu- 
errichteten Häuser (samt Schul-, Pfarr- und Wirtshäusern) an. 
In den mit einem * bezeichneten Orten waren auch schon vor 
1762 Deutsche angesiedelt worden ^). 

Zugebaute Ortschaften. Im Jahre 1762: Neu-Arad* 42, 
Gutenbrunn* 148. Im Jahre 1763: Neu-Bessenova * 104, Mercy- 
dorf* 143, Deutsch St. Peter (Nemetszentpeter) * 34, Temes- 
gyarmata* 235, Brukenau* 92, Rekas 42, Ujp^cs* 9, Versecz* 
30, Kudricz* 5, Weifskirchen* 4, Nömetlugos* 9, Temesvärer* 
Kalköfen 20. Im Jahre 1764: Deutsch St. Andreas (Szentandräs) 
34, Zädorlak* 5, Freidorf* 19, Lippa 71, Detta* 21, Mehädia* 
4, Grofs-Becskerek * 4, Perjämos 74. Im Jahre 1765: Neudorf 2) 
148, Deutsch St. Miklosch (N^metnagyszentmiklos) 152, Deutsch- 
Csanäd (Nemetcsanäd) 139. Im Jahre 1766: Csäkova* 5. End- 
lich im Jahre 1767 Facset* 35. Zusammen 1628 Häuser (Fa- 
milien). Auch nach Csiklova sollen schon 1767 Deutsche ge- 
kommen sein. 

Neuerbaute Ortschaften. Im Jahre 1765: Billed 254. Im 
Jahre 1766 : Hatzfeld 405, Szakalhäza 302, Engelsbrunn 106, 
Schöndorf 211. Endlich im Jahre 1767: Csatäd 204 und Grofs- 
Jecsa (Nagyjecsa) 204. Summa: 1686 Häuser (Familien). 

Neben dieser Ansiedlung auf den Kameralherrschaften des 
Banats fand abgesondert im Südwesten des Landes eine Koloni- 
station zu Militärzwecken statt. Das Gebiet einer Reihe von Ort- 
schaften im Winkel zwischen der Theifs und Donau wurden zur 
Militärgrenze (siehe oben S. 193) einbezogen, ein Teil ihrer ser- 
bischen Bevölkerung auf die Kameralherrschaften übersiedelt, an 



1) Dazu vgl. man Bd. 11, S. 179 f. 

2) Diesen Ort zählt Griselini, Geschichte des Temesvärer Banats I, S. 181 
zu den neuerbauten Orten. Er ist identisch mit Ujfalu im Norden des Temeser 
Komitats und ist zu unterscheiden vom gleichnamigen Orte im Süden dos Toron- 
täler Komitats (Militärgrenze; vgl. unten im Text S. 204). 



204 Kolonisation der Banaler Militärgrenze. 

ihre Stelle aber zunächst Veteranen, später auch andere Einwanderer 
angesetzt. In diesem „deutschbanater Regiment" i) wurden die 
auch sonst in der Militärgrenze üblichen Grundsätze durchgeführt. 
Die Ansiedler erhielten Gründe und Materialien für den Hausbau 
unentgeltlich; bei der Errichtung der Häuser mufsten sie gegen 
geringen Lohn mithelfen. Ferner bekamen sie den Samen für die 
erste Aussaat, ausgemusterte Kavalleriepferde für den Wirtschafts- 
betrieb, Vorschüsse für Ackergeräte und Hornvieh. Der Verkauf 
der erhaltenen Häuser und Gründe war untersagt ; starb ein kinder- 
loser Ansiedler, so wurden sie weiter verliehen. Selbst den Witwen, 
Töchtern und minderjährigen Kindern wurde die Beibehaltung der 
Wirtschaft des verstorbenen Familienvaters nur zugesichert, wenn 
sie andere Dienstmänner stellten. Die Ansiedler waren zum 
Militärdienst verpflichtet und erhielten unter Umständen dafür noch 
besonderen Sold; für die Masse der Mannschaft galt der Genufs 
der Grundstücke als „Soldäquivalent". Die Neuansiedler erhielten 
dreijährige Steuerfreiheit; bis zur endgültigen Ansiedlung Ver- 
pflegungsgelder. Bemerkenswert ist noch, dafs die bei den Süd- 
slaven übliche Hauskommunion bis zu einem gewissen Grade bei- 
behalten blieb. Anfangs wurden mehrere Ansiedler in einem 
Hause untergebracht; diese Hauskommunion hatte gemeinsamen 
Besitz und erhielt Haustiere und Hausgeräte zur gemeinsamen Be- 
nutzung. Zur Förderung der Landeskultur wurden eigene Wirt- 
schaftsbeamte bestellt. Die Ansiedlung der Invaliden, die zunächst 
aus den vier Invalidenhäusern von Wien, Pest, Prag und Pettau 
kamen, begann im März 1765; sie wurden in Staröova, Brestovac, Ho- 
molica, Jabuka, Neudorf (Ujfalu) und Kubin untergebracht. Noch in 
demselben Jahre kamen ferner nachOppova 68 Familien aus Deutsch- 
land, welche zur Bildung der „neunten Kompanie" verwendet wurden. 
Ebenso fanden in der Folge nicht nur ausgediente Soldaten, sondern 
auch Einwanderer aus Deutschland Aufnahme. Als sich Familien 
aus Deutschland zur Einwanderung meldeten (1769), wurde ihnen 
freie Vorspann zur Reise ins Banat und freier Transport auf der 



1) Ganz deutsch waren jedoch die Ansiedlungen nicht; unter den Invaliden 
befanden sich auch Nichtdeutsche und von der einheimischen Bevölkerung blieben 
viele Serben zurück. 



Neue Beratungen zur Fortführung der Ansiedlung. 305 

Donau, ferner während der Reise den Männern 8 Kr., den Weibern 
6 Kr. täglich zur Verpflegung bis zum Eintreffen am Bestimmungs- 
orte zugesagt. Die deutsche Ansiedlung wurde später nicht nur 
in der Banater Grenze fortgesetzt, sondern auch auf die slawonischen 
Grenzgebiete ausgedehnt. 

Die deutschen Änsiedlungen In Ungarn von 1768 bis 1780. 

Während so die Besiedlung im Bäcser Distrikt und im Banat 
die besten Fortschritte machte, verordnete Maria Theresia mit einem 
Handschreiben vom 22. Juli 1766 den Zusammentritt einer Hof- 
kommission zur weiteren Fortführung des„Impopulationsgeschäftes'' 
auf den ungarischen Kameralgütern und im Temesvärer Banat. 
Zu ihrem Vorsitzenden wurde Graf Lamberg, zu Räten Kempfen 
und Festetics ernannt; die erste Sitzung fand am 12. September 
1766 statt. Die Einsetzung dieser Kommission und ihre Verhand- 
lungen weisen daraufhin, dafs man zu besonderen Mitteln greifen 
wollte, um die ohnehin lebhafte Ansiedlungsbewegung noch zu 
fördern. Doch ist man im entscheidenden Augenblicke vor diesen 
aufserordentlichen Mitteln zurückgeschreckt. 

Eine Hauptaufgabe der Kommission bildete die Beratung über 
das „Avertissemenf (Ansiedlungspatent), das die ungarische Hof- 
kammer verfafst hatte und die Kommission vor der Drucklegung 
prüfen sollte. Während bisher, wie es scheint, die Werber blofs 
zu ihrer Beglaubigung „Patente" mitführten, in denen auch 
die Ansiedlungsbedingungen enthalten waren, wollte die Kaiserin, 
dafs dies neue „ Avertissement " in den Zeitungen von Köln, 
Regensburg, Frankfurt, Augsburg, Hanau u. a. verkündet werde. 
In dem Avertissement wurden im allgemeinen jene Begünstigungen 
den Ansiedlern zugestanden, wie sie schon in den letzten Jahren 
üblich waren. Sie sollten hinlängliches Erdreich, ferner Material 
und sonstige Unterstützungen für den Häuserbau erhalten; auch 
wurde ihnen die Herstellung der Brunnen in Aussicht gestellt. 
Aufnahme fanden in der Regel nur römisch katholische Familien, 
die sprachkundige Seelsorger und Lehrer erhalten sollten. Ge- 
treidevorschüsse wurden zur Nahrung und zur Aussaat gewährt 
und mufsten von den Ansiedlern in drei Jahren aus ihrer Ernte 
ersetzt werden. Unvermögende erhielten auch Vorschüsse für Zug- 



206 Neue Beratungen zur Fortführung der Ansiedlung. 

uüd Zuchtvieh, sowie fiir Geräte gegen allmählichen Rückersatz; 
arme Handwerker bekamen Vorschüsse für Werkzeuge und Ma- 
terial. Zur Deckung der Gemeindeauslagen wurde jährlich der 
Weinschank vom 1. Oktober bis letzten März der Gemeinde über- 
lassen ; dagegen fiel der Nutzen in den übrigen Monaten der Herr- 
schaft zu. Die Ansiedler hatten 6 Freijahre von der (landesfürst- 
lichen) Kontribution, den allgemeinen Landesabgaben, Quartier ^) 
und Vorspann, ferner 3 Freijahre von herrschaftUchen Abgaben 
und Roboten; Weingärten blieben auch von letzteren Leistungen 
6 Jahre frei. Ledigen Ankömmlingen, die sich im ersten Jahre 
verheirateten und ansiedelten, gab die Herrschaft aufser allen an- 
deren Begünstigungen noch 6 fl. bar und 6 Prefsburger Motzen 
Getreide zur Hochzeitsbeisteuer. Die Ansiedler konnten jederzeit 
frei wieder abziehen, wenn sie ihre Schuldigkeiten abgestattet oder 
einen anderen Kolonisten gestellt hatten, der ihre Verpflichtungen 
übernahm. Nach den Freijahren waren die Ansiedler zur gewöhn- 
lichen Kontribution und zu mäfsigen grundherrlichen Abgaben 
und Roboten verpflichtet. Die Ansiedler sollten zu Wasser nach 
Wien kommen und sich dort bei der k. k. Hofkammer melden. 
Von dieser erhielten sie Pässe und für die Verpflegung für jeden 
Erwachsenen 6 Kr., für jedes Kind 2 Kr. täglich. Die Beförde- 
rung zu den Ansiedlungsorten erfolgte auf Kosten des Ärars. An- 
siedler, die wegen ihrer Landsmannschaft, Verwandtschaft oder 
Bekanntschaft zusammenbleiben wollten, wurden an einem Ort an- 
gesiedelt. 

Im Texte der Ansiedlungskundmachung sollte alles vermieden 
werden, was Anstofs erregen konnte. So mufste die ausdrückliche 
Bemerkung, dafs die Ansiedler aus dem Römischen Reiche gerufen 
wurden, ausfallen, „weilen ein solches bei den Ständen des Römi- 
schen Reichs ein billiges Aufsehen erwecken, dem hohen Eurer 
Majestät Ansehn und Ruhm nachteilig, auch unschicksam zu sein 
scheinet, öffentlich Leute aus solchen Staaten, wovon Ihro Majestät 
der Kaiser dero AUerdurchlauchtigster Herr Sohn und Korregent 
das Oberhaupt ist, an sich zu ziehen". Auch wurde die ausdrück- 
liche Bemerkung, dafs „teutsche** Ansiedler aufgenommen werden, 



1) MüitäreiDquartierung, 



Neue Beratungen zur Fortführung der Ansiedlung. 307 

ausgelassen, damit auch andere Ansiedler kommen könnten. Da 
Ungarn und das Banat getrennte Verwaltungsgebiete waren, wurde 
für jedes dieser Länder ein besonderes „Avertissement" entworfen; 
beide weisen aber ungefähr denselben Inhalt auf. 

Um die Einwanderung noch mehr in Flufs zu bringen, wurde 
auch an die Aufstellung kaiserlicher Kommissäre in Ulm, „wo 
derlei Leute auf der Donau zu Schiffe gehn", ferner zu Köln, 
Frankfurt, Schweinfurt und Regensburg gedacht. Insbesondere 
sollten die im Reiche stehenden kaiserlichen Residenten und Ge- 
sandten mittelst der gedruckten Kundmachungen die Leute an- 
werben. Die angeworbenen Ansiedler wollte man in grofsen Trans- 
porten (zu je 100) unter der Leitung von „Führungskoramissären" 
nach Osterreich geleiten lassen, damit sie nicht für die branden- 
burgischen und sächsischen Lande abgeredet würden. Die Ansied- 
lungsanstalten sollten für 1000 Familien gemacht werden. Gegen 
diesen allzu offenkundigen Betrieb des Ansiedlungsgeschäftes wur- 
den aber bald Stimmen laut. Man verwies darauf, dafs ohne 
das Mitwirken von Kommissären und Residenten bisher sehr viele 
Ansiedler kamen; allein 1766 wanderten ins Banat beinahe 2300 
Familien ein. Die grofsen Transporte würden Aufsehen erregen. 
Die Regierungen könnten die Auswanderung durch verschärfte 
Emigrationspatente verhindern, „wie es bereits hie und da ge- 
schehen ist". Bisher kam die Masse der Einwanderer aus eigenem 
Antrieb. Die Ankömmlinge verständigten die in der Heimat zurück- 
gebliebenen von ihrem guten Unterkommen und diese kamen dann 
nach. Zuweilen reisten auch einige Ansiedler ins Reich zurück, 
um das zurückgelassene Vermögen zu holen. Diese zogen neue 
Kolonisten an sich und brachten sie mit nach Ungarn; die un- 
garische Hofkammer zahlte für jede mitgebrachte Familie 1 fl. 
30 Kr. ^). Da auf diese Weise genügend Familien kämen, so 
sollte die öffentliche Werbung vermieden werben. Tatsächlich ver- 
bot Maria Theresia die Mitwirkung der Residenten und Werbe- 
offiziere. Nur die geheime Werbung durch den burgauischen, zu 



1) Solche stille Werber waren die oben S. 193 ff, genannten. Daneben wirkten 
im Sinne der österreichischen Regierung doch auch andere Vertrauensmänner, wie 
der oben S. 202 genannte Hauer in Baden-Baden, ferner Sartori in Günzburg. 



308 Neue Beratungen zur Fortführung der Ansiedlung. 

Günzburg wohnenden Oberamtsrat v. Sartori wurde in Aussicht 
genommen. 

Auch über die Frage, welche Kolonisten aufzunehmen seien, 
wurde beraten. Es trafen nämlich verschiedene Meldungen über 
Einwanderungslustige ein. So berichtete der kaiserliche Resident 
zu Köln, V. Possart, dafs viele von den Bewohnern des Herzog- 
tums Berg infolge der aus Ungarn eingetroffenen guten Nachrichten 
dahin auswandern wollten. Ebenso meldete der Hofrat v. Giganth, 
er habe während seines Aufenthaltes in Günzburg (1766) erfahren, 
dafs nicht nur aus einigen österreichischen Vorlanden, sondern auch 
aus den benachbarten Ländern viele zum Teil bemittelte Leute 
zur ungarischen Ansiedlung abgehen würden, wenn man sie in 
Günzburg übernehmen und auf der Donau befördern wollte ^). 
Dabei wurde vor allem aber die Frage aufgeworfen, ob auch 
Protestanten, „welche etwan in besondere Dörfer und Bezirke zu 
versetzen wären", Aufnahme fanden. Auch baten viele sogenannte 
„ Freileute ", die sich mit dem Abdecken des toten Viehes beschäf- 
tigten und „von der übrigen Landesgesellschaft ausgeschlossen 
waren", aus Südwestdeutschland nach Ungarn als Ackerbauer ge- 
schickt zu werden. Zur Abweisung der letzteren entschlofs man 
sich rasch ^) ; aber die Frage der Ansiedlung von Protestanten 
wurde eingehend erörtert. Früher hielt man daran fest, dafs auf 
den Kameralgütern in Ungarn und im Banat nur Katholiken an- 
gesiedelt, Protestanten dagegen nach Siebenbürgen geschickt wurden. 
Schon 1765 wurde die etwas allgemeinere Entscheidung getroffen, 
dafs zur Ansiedlung sich meldende Akatholiken in jene Orte zu 
schicken wären, wo überhaupt Akatholiken wohnen dürften. Nun- 
mehr entschied sich sowohl die Kommission als auch die Kaiserin 
dahin, dafs taugUche Protestanten aufzunehmen und in besonderen 
Distrikten auf Kameralherrschaften anzusiedeln seien. Im Bäcser 
und Maroser Distrikt sowie im Banat sollten sie auch fortan nicht 
aufgenommen werden. Die Ortschaften für ihre Niederlassung waren 
auszumitteln ; die Aufnahme und Transportierung konnte aber so- 
fort beginnen. 



1) In der Regel mufsten die Ansiedler bis Wien auf eigene Kosten reisen. 

2) Es sollte höchstens der eine oder andere „mit passieret" werden. 



Fortgang der Ansiedlung 1768—1770. 309 

Da inzwischen mehrere Regierungen Südwestdeutschlands teils 
selbst gegen die Emigration Verfügungen herausgaben, teils den 
Kaiser um Erlassung eines Auswanderungsverbotes angingen ^), 
entschied Maria Theresia schliefshch im Juli 1767, dafs die fertig- 
gestellten Avertissements nicht veröffentlicht werden sollten. Es war 
„jeder öffentUche Schritt zur Herbeiziehung der Reichsemigranten 
sorgfähigst zu vermeiden, und lediglich dasjenige vorzukehren, was 
in der Stille und ohne alles besorgliche Aufsehen zur Beförderung 
dieses für meine Erbländer so heilsamen Endzweckes geschehen 
kann". Der Oberamtsrat v. Sartori in Günzburg sollte blofs „unter 
der Hand" Leute anwerben und nach Wien schicken; dafür würde 
er eine entsprechende Belohnung erhalten. 

Obwohl also auch die Ansiedlung seit 1767 unter Vermei- 
dung aufserordenthcher Mittel fortgeführt wurde, entbehrte sie 
nicht reicher Erfolge. Die Kaiserin selbst nahm stets regen Anteil 
an diesem Geschäfte. Im Dezember 1767 forderte sie einen Be- 
richt über den Fortgang der 1762 begonnenen Kolonisation, ins- 
besondere ob jeder Ansiedlungsort mit Pfarrern und Schullehrern, 
ferner einer Kirche, Pfarr- und Schulhaus versehen sei. Das „Im- 
populations-Geschäf't" hatte auch in Zukunft die zu diesem Zwecke 
bestellte Kommission zu führen. Die Werbung besorgte in Günz- 
burg Sartori „in all möglichster Geheim und ohne Aufsehn". 
Damit die Anwerbung in den vorderösterreichischen Ländern er- 
leichtert werde, erging der Auftrag, dals von den nach Ungarn 
Auswandernden nicht mehr als 5 Prozent an Abfahrtsgeld von 
ihrem Vermögen gefordert werde; ähnliche Aufträge waren übrigens 
auch schon früher ergangen. Von Sartori sind auch aus den 
folgenden Jahren Verzeichnisse über angeworbene Familien er- 
halten ; doch kam die Regierung gar bald zur Überzeugung, dafs 
die meisten Ansiedler teils aus eigenem Antriebe, teils auf Zu- 
schriften ihrer in Ungarn schon angesiedelten „Befreundeten" 
kamen. Die Auswanderer benutzten in der Regel die von Ulm 
abgehenden „ordinari Schiffe"; so gingen anfangs Mai 1769 mit 
«inem einzigen Schiff 400 Auswanderer nach Ungarn ab. Andere 



1) Diese Schritte führten schliefslieh zur Verkündigung des kaiserlichen 
Auswanderungsverbotes von 1768 (vgl. oben S. 19 u. 37). 

Kaindl , Gesch. d. Deutschen i. d. Karpath. III. 14 



310 Fortgang der Ansiedlung 1768—1770. 

Ansiedler besorgten ihre Reise „ mittels Erkaufung eigener Schiffe ", 
das heifst wohl auf Schiffen, die eigens für diese Fahrt gemietet 
wurden. Den Schiffslohn bis Wien zahlten die Auswanderer immer 
aus eigenen Mitteln. Im Herbst 1769 wollte man zur Beförderung 
der Ansiedler von Günzburg nach Wien eine „ Wasserdilegenc *', 
also einen Eilschiffsdienst, errichten und dieser allein den Trans- 
port der Kolonisten überlassen; doch wurde dies unter Hinweis 
auf die seit Jahren von den Ansiedlern nach eigenem Ermessen 
gewählten Schiffe widerraten: „man soll auf sie keinen Zwang aus- 
üben; sie sollen tun, was ihnen bequem und billiger ist''. Zur 
Übernahme der Ansiedler in Wien waren eigene Beamte bestimmt, 
und zwar einer für die Kolonisten, die nach Ungarn geschickt 
wurden, ein anderer für jene, die ins Banat gingen. Diese Be- 
amten hatten die Ansiedler zu verzeichnen, sie mit den Pässen 
und dem Reisegelde zu versehen, hierauf sie nach Ofen abzu- 
senden, wo sie vom Dreifsigstamte (Zollbehörde) in Empfang ge- 
nommen wurden. Die ins Banat bestimmten Kolonisten schickte 
man von Ofen mit Wagen dahin; seit 1769 wurden sie aber von 
Wien bis ins Banat mit Schiffen befördert. 

Der Andrang der Ansiedler war auch in diesen Jahren be- 
deutend. Im Spätherbst 1768 wurde der Kaiserin mitgeteilt, dafs 
in diesem Jahre 612 Familien nach Ungarn und ins Banat ge- 
schickt worden seien. Sie forderte, über die Einwanderer fortan 
genauere Tabellen zu führen. Schwierigkeiten bereitete auch jetzt 
die Unterbringung von Protestanten. In den königlichen Städten 
konnten nur jene angesiedelt werden, die ein Handwerk verstanden. 
Die beiden Hauptansiedlungsgebiete in Ungarn, der Bäcser Distrikt 
und das Banat, wurden auch jetzt nur mit Katholiken besetzt. 
Die Ausmittlung anderer für die Ansiedlung geeigneter Prädien in 
Ungarn und Siebenbürgen bereitete der Ansiedlungskommission 
grofse Schwierigkeiten. Brauchbare Staatsgüter wurden in sehr 
geringer Zahl ausgewiesen; dazu kam, dafs die ungarische Hof- 
kammer sich beeilte, die in zwei Ortschaften des Dominiums Arad 
neu erbauten 200 Häuser mit wohlhabenden einheimischen Familien 
zu besetzen. Nach dem Gutachten dieser Behörde (1768) gab es 
überhaupt nur noch im Bäcser Distrikte Ansiedlungsplätze , und 
zwar in Krusevlya, Kernyäja und Neu-Karavukova. Andere 



I 



Einschränkung der Aufnahme von Ansiedlern 1770. 211 

Prädien waren angeblich ungeeignet und daher die weitere An- 
siedlung unmöglich. Von welchem Geiste diese Ausführungen ein- 
gegeben waren, verraten die weiteren Ausführungen der ungarischen 
Hofkammer. Sie verwies darauf, dafs die Ansiedlung der Deut- 
schen in Ungarn von 1764 bis zum April 1768, nämlich die Be- 
siedlung von acht Bäcser Kameraldörfern, 120 636 fl. gekostet habe. 
Diese Ausgaben wären erspart worden, wenn die Bevölkerung 
dieser Orte mit ungarischen Familien bewirkt worden wäre, wie 
dies in den zwei Ortschaften des Dominiums Arad geschehen sei; 
ihre Anlage habe nur 2000 fl. gekostet. Daher bat die ungarische 
Hof kammer, die Absendung weiterer Kolonisten einzustellen. Dieser 
Bericht erregte den Widerspruch der Ansiedlungskommission (Ok- 
tober 1768). Sie verwies darauf, dafs die ungarische Hof kammer 
in früheren Jahren in Übereinstimmung mit dem Kammerrat Coth- 
mann noch eine Reihe von Ansiedlungsstätten und Prädien nam- 
haft gemacht habe. Daher sollten sofort auf einigen dieser Staats- 
güter für 1000 Familien Ansiedlungsanstalten getroffen werden. 

Der Mangel an Ansiedlungsplätzen machte sich immer mehr 
fühlbar, weil der Zuzug der Kolonisten stetig anhielt. Im Früh- 
jahr 1770 meldete die Reichswerbungskommission, der Ruf des 
Wohlergehens der ins Banat gezogenen Kolonisten habe solche 
Lust zur Ansiedlung in diesem Lande erweckt, „dafs in Kurzem 
leichtlich über 1000 Haushaltungen zu überkommen wären". In- 
zwischen war man im Banat mit den Ansiedlern so sehr ins Ge- 
dränge gekommen, dafs Sartori in Günzburg, ferner der neben 
ihm mit der Werbung betraute k. k. Notar Franz Leutner in 
Kehl 1) und die Reichswerbungskommission (General Freiherr Ried 
in Offenburg) den Auftrag erhielten, die Annahme von Kolonisten 
für das Banat einzustellen; nur jenen, die auf eigene Kosten nach 
Ungarn ziehen wollten, sollten Pässe erteilt werden. Daraufhin 
berichtete die Reichswerbungskommission, dafs diese Beschränkung 
der Aufnahme von Ansiedlern von Nachteil sei; die Leute wollten 
oder konnten den neuen Anforderungen nicht genügen, daher 
hatten die preufsischen, spanischen und russischen Werber leichtes 



]) Später wohnte dieser Notar in Offenburg; er besorgte also die Wer- 
bung im mittleren Baden. 

14* 



312 Einschränkung der Aufnahme von Ansiedlern 1770. 

Spiel. Zur Unterstützung dieser Ausführungen übermittelte die 
Reichswerbungskommission ein Exemplar des „ A vertissement für 
die königlich preufsischen Provinzen Minden, Ravensberg, Tecklen- 
burg und Lingen*' (datiert von Minden 21. April 1770), „worin 
die Wohltaten und Vorteile enthalten sind, welcher sich die Aus- 
länder, so sich in ermeldeten Provinzen niederlassen wollen, zu 
erfreuen haben *^ Trotz dieses Berichtes hielt sowohl die Kaiserin 
als auch Kaiser Joseph als Mitregent seiner Mutter an der aus- 
gesprochenen Beschränkung der Aufnahme von Ansiedlern fest; 
1771 ergingen dieselben Aufträge an die Kommissäre im Reich 
wie schon 1770. Gegen die Aufnahme von Protestanten machten 
sich jetzt Stimmen geltend, da sich genügend Katholiken meldeten; 
auch in Siebenbürgen wollte nun Maria Theresia auf öden Staats- 
gründen Katholiken ansiedeln. Nach dem Willen der Kaiserin 
sollten die nach Wien kommenden Ansiedler überredet werden, 
statt ins Banat zu gehen, auf Kameralgütern und Privatgütern in 
Ungarn sich niederzulassen. Auf den Kameralgütern waren die 
nötigen Vorbereitungen zu treffen; die Privatdominien hatten zu 
erklären, wie viele Ansiedler sie übernehmen wollten. Handwerker 
konnten auch in den Städten aufgenommen werden. 

Jahr für Jahr meldeten sich Ansiedler aus verschiedenen Län- 
dern; so aus Deutschböhmen, Bayern, Durlach, Kurtrier, Falken- 
stein, Fürstenstein, Lothringen, Burgund u. a. ; auch preufsische 
Deserteure baten um Ansiedlung. Bis in den Anfang der achtziger 
Jahre blieb Ungarn ein ersehntes Ziel der schwäbischen Auswan- 
derer. So baten auch noch 1781 elf Familien, die wahrscheinhch aus 
der vorderösterreichischen Grafschalt Falkenstein nach der Leopold- 
stadt (Wien) gekommen waren, um Ansiedlung „im gelobten Lande 
Ungarn". Noch immer kam es auch vor, dafs in Ungarn bereits 
Angesiedelte in die Heimat reisten und von dort zahlreiche Familien 
mit sich nach dem Osten führten. Im Jahre 1781 meldeten sich 
z. B. 30 kurtriersche Familien durch einen Schankwirt aus dem 
Trierschen, der schon „Bei den drei Mohren" in Mihäla (Vorstadt 
von Temesvär) ansässig war. Auch an abenteuerlichen Ansied- 
lungsplänen f^-hlte es nicht. Zu diesen gehörte jedenfalls das Pro- 
jekt eines gewissen Serione „zur Beförderung der Bevölkerung 
und des Ackerbaues in Ungarn" (1770). Zwei Jahre später mel- 



Fortführung der beschränkton Ansiedhing bis 1780. 313 

dete sich ein Franzose Duhamel comte de Precourt; er hatte 
100 Mann verschiedener Nationen zusammengebracht, gekleidet 
und bewaffnet, um sie den Konföderierten in Polen zuzuführen. 
Da aber deren Umstände sich inzwischen geändert hatten und sie 
ihm die ausgelegten 600 Dukaten nicht vergüten konnten, erbot 
er sich, diese 100 Mann mit ihren Weibern in den könighchen 
Erblanden auf einer Kameralherrschaft anzusiedeln. Selbstverständ- 
lich wurde er abgewiesen. Später (1782) meldete sich der Oranien- 
Nassauische Amtmann Rühle mit einem etwas abenteuerlichen Plane; 
doch auch daraus wurde nichts ^). 

Die vollständige Verweigerung jeder Unterstützung vermochte 
die Regierung nicht lange durchzuführen. Anfangs bestand sie wohl 
darauf, dafs nur Kolonisten „auf eigene Gefahr" Pässe erhalten 
sollten. So meldete z. B. der Resident Nagel in Basel am 6. Mai 
1771, dafs alltäglich zahlreiche Familien aus Lothringen und der 
Freigrafschaft Burgund durch Basel und benachbarte Orte hin- 
durchzögen, um ihren Weg nach der Donau und weiter nach Un- 
garn zu nehmen. Unter ihnen befanden sich viele nützliche Hand- 
werker, Wollfabrikanten und des burgundischen Weinbaues kun 
dige „Rebleute". Sie gaben an, dafs ihnen noch viele folgten. 
Obwohl sich unter diesen Auswanderern gewifs viele brauchbare 
Leute befanden, beharrte die Regierung doch auf ihrem Stand- 
punkt, dafs sie nur auf eigene Gefahr einwandern könnten, um 
auf Kameral- und Privatgütern, ferner in Freistädten angesiedelt 
zu werden. Ende 1771 und anfangs 1772 gestattete man auch 
Deserteuren aus Polen und Preufsen, die über Schlesien und Mähren 
nach Ungarn kommen wollten, nur auf eigene Unkosten sich in 
den königlichen Freistädten und auf Privatherrschaften niederzu- 
lassen. Anderseits gewährte man aber 1771 einer gröfseren Anzahl 
von Tirolern Reisegeld. Als dann im März 1772 51 bayrische 
Familien mit 114 Kindern nach Wien kamen und ihre Not so 
grofs war, dafs auch einige Kinder angeblich erfroren, befah 
Kaiser Joseph, sie in den königlichen Freistädten und auf den 
Kameralherrschaften baldigst unterzubringen ; als Almosen wurden 
unter die Notleidenden 100 fl. verteilt. In ähnlichen berück- 



1) Vgl. oben S. 21 f. 



314 Fortführung der beschränkton Ansiedlung bis 1780. 

sichtigenswerten Fällen sahen sich die Behörden immer wieder zur 
Nachgiebigkeit veranlafst. So überreichte Nikolaus Volckmar im 
Frühjahr 1780 ein Bittgesuch an Kaiserin Maria Theresia, in dem 
er ausführte, dafs er durch verschiedene Unglücksfälle und eine 
Feuersbrunst zur Auswanderung aus seinem Geburtsort Fulda ge- 
zwungen worden sei. Mit seinem Weib und fünf Kindern habe 
er die Reise von 100 Meilen nach Wien in der Art gemacht, 
„ dafs er aus gröfster Armut seine Kinder einen Weg von 80 Stun- 
den auf einem Schubkarren führen mufste ". Er war Gärtner, wies 
seine Atteste vor und bat um Ansiedlung in Ungarn. 

Für die Regierung hatte sich übrigens gar bald die Nötigung 
ergeben, gröfsere Scharen von Ansiedlern herbeizuziehen, weil be- 
sonders im Banate viele Ansiedlungshäuser leer standen und die 
Regierung sich veranlafst sah, sie neu zu besetzen. Daher mufste 
sie sich auch wieder zur Gewährung von Unterstützungen und 
Vorschüssen entschliefsen. Die ungarische Hofkammer sah dies 
auch jetzt nicht gern. Als z. B. 1780 35 kurtrierische Familien, 
die durch die Reise nach Wien „ganz verarmt" waren, um eine 
Beisteuer zu ihrem weiteren Fortkommen und um Ansiedlungs- 
begünstigungen im Banat baten, wurde zunächst darauf verwiesen, 
dafs der Ansiedlungsfonds ^) schon aufgehoben sei ; es mufste daher 
die beanspruchte Unterstützung besonders beschlossen werden. 
Darüber erstattete der ungarische Hofkammervizepräsident Graf 
V. Festetics am 20. April 1780 ein Gutachten. Er sprach sich 
dagegen aus, dafs das Arar weiter beschwert werde; er verwies 
darauf, dafs diese mittellosen Ansiedler die ihnen gewährten Vor- 
schüsse in den „von allem Verschleifs entfremdeten Gegenden" 
niemals zurückzahlen könnten. „Der Bäcser Kameraldistrikt ist 
ein klarer Beweis des wegen Mangel an Produktenverschleifs ob- 
waltenden aufserordentlichen Geldmangels." Selbst der einheimische 
Untertan, „ dem alle Mittel und Wege eines wenigen Verschleifses 
bekannt sind", mufste sich auf das äufserste anstrengen, um seine 
landesfürstlichen und grundherrlichen Abgaben zu leisten und seine 
Familie zu ernähren; dem Fremden fiele dies noch viel schwerer. 
Die noch vorhandenen Gründe reichten kaum für die Abkömm- 



1) Vgl. oben S. 190. 



Ansiedlungen im Bacser Komitat 1768—1780. 315 

linge der bereits angesiedelten Untertanen aus, die ihre Mittel be- 
säfsen und dem Ärar keine Kosten verursachten. Es wäre un- 
zweckmäfsig, sich aller Prädien zu entäufsern, da auch der Staat 
sie benötigte. In Würdigung dieser Gründe wäre auch schon die 
kostspielige Ansiedlung im Banat eingestellt worden, zumal es in 
den ungarischen Kameralorten nicht an Leuten mangelte, die Grund- 
stücke ohne allen Vorschufs zu übernehmen bereit wären und 
eigene Gerätschaften und Vieh besäfsen. Daher stellte die un- 
garische Hofkammer den Antrag, die Ansiedler abzuweisen; sie 
sollten auf Privatherrschaften unterzukommen trachten. 

Die Ansiedler, welche seit dem Ende der sechziger Jahre 
ankamen, wurden in ganz unbedeutender Anzahl im Bacser Ko- 
mitat angesiedelt; die Masse ging auch jetzt ins Banat; die Ko- 
lonisation auf Kameraldomänen, in den Städten und auf den Privat- 
gütern in den anderen Teilen Ungarns war gering. 

"Über die Ansiedlung im Bacser Komitat von 1768 bis zum 
Anfang der achtziger Jahre erfahren wir wenig. Doch berichtet 
ein Schriftstück von 1772, dafs seit der Einstellung der Koloni- 
sation (1770) die Einwanderer teils als Bauern, teils als Hand- 
arbeiter bei der Fabrik in Apatin ihren Unterhalt fanden. Da 
diese Tuchfabrik jedoch im Juli 1772 aufgelassen wurde, plante 
man grobe Leinwand und Kotzen (ordinäre Teppiche) zu erzeugen, 
damit die Leute Verdienst fanden. Auch sonst sind vereinzelte 
Nachrichten von Ansiedlern erhalten, die in den Bacser Bezirk 
geschickt wurden; bedeutend war aber ihre Anzahl in diesen 
Jahren nicht. 

Das Hauptkolonisationsgebiet von 1768 bis 1780 war das 
Banat. Hier gab es noch immer viele unbebaute Gründe; auch 
wurden gerade damals durch weitere Kanalisierungen Moräste aus- 
getrocknet. Anderseits brachte es die ungesunde Luft mit sich, 
dafs viele Hauswirte starben; andere liefen davon oder wurden 
wegen ihrer Liederlichkeit abgestiftet. So standen z.B. 1775 zu- 
sammen 179 Häuser leer; von ihren Besitzern waren 69 gestorben, 
98 desertiert und 8 abgestiftet. Deshalb lenkte die Regierung 
die Masse der Einwanderer hierher und gewährte ihnen hier auch 
nach der formellen Einstellung der Ansiedlungen (1770) Unter- 
stützungen. So sind insbesondere noch 1773 überaus viele An- 



216 Ansiedlungen im Banat u. d. Banaler Militärgrenze 1768 — 1780. 

Siedler auf Staatskosten ins Banat geschickt worden. Aber auch 
später wurden Ansiedler angenommen. Diese Einwanderer wurden zu- 
meist in den leeren Häusern untergebracht oder sie erbauten sich neue 
Wirtschaften. Das Ärar leistete ihnen Beihilfe und Vorschüsse für die 
Reparatur und die Herstellung der Häuser, für die Anschaffung von 
Vieh und Ackergeräten ; ferner wurde ihnen Getreide und Mehl zum 
Lebensunterhalt, ebenso Samen (Sommer- und Winter-Korn, Hafer, 
Gerste, Kukuruz und Weizen) vorgestreckt. So erhielt z. B. Jo- 
hann NoU, der 1780 zu Grofs-Jecsa Haus Nr. 183 neu angesiedelt 
wurde, für einen neuen Wagen 21 fl., für einen Pflug 4 fl., das 
Haus stampfen (d. h. die Wände aus gestampften Lehm herstellen) 
10 fl., Zimmermannsarbeit 7 fl, 800 Bund Rohr (zar Dach- 
deckung) 8 fl.. Bind weiden (zum Befestigen der Rohr bündel bei 
der DachdecKung) 1 fl., das Haus eindecken (Arbeitslohn) 7 fl., 
3 Stück Türen samt drei Paar Bändern 3 fl. 42 Kr., zwei Zentner 
Mehl zu 1 fl. 30 Kr. = 3 fl., 2 Pferde zu 18 fl. = 36 fl., 1 Kuh 
10 fl., 1 Paar Pferdegeschirre 1 fl. 30 Kr., 1 Anhalt-Streng 4 Kr., 
1 Pflugeisen 1 fl. 25 Kr., 1 Pflug-Saag i) 48 Kr., 1 Pflug-Striegl 2) 
9 Kr., 1 Holzhacke 30 Kr., zusammen 121 fl. 8 Kr. Die An- 
siedlungskosten für drei andere gleichzeitig angesiedelte deutsche 
Kolonisten betrugen 298 fl. 4 Kr.; der ganze „Vorschufs" von 
419 fl. 48 Kr. war „seinerzeit anwiederum rückeinzuheben *'. 
Anderen Ansiedlern wurde das Reisegeld bewiUigt, so 49 Tirolern 
aus Primör, die mit Schiff über Wien und Ofen ins Banat ge- 
schickt wurden (1771). Den Ansiedlern in Lovrin wurde das 
Holz zum Häuserbau unentgeltlich geliefert (1780). Bald darauf 
erhielten einige neue Ansiedler in Buchberg „für ihre Wirtschafts- 
einrichtung" 213 fl. Vorschufs u. dgl. m. 

Gröfsere Zuzüge fanden Ende der sechziger und Anfangs der 
siebziger Jahre statt; damals wurden noch viele Neugründungen 
von Kolonien vorgenommen. So kamen 1768 zusammen 462 Fa- 
milien oder 1888 Personen, 1769: 815 Fam. mit 3124 Pers., 
1770: 3214 Fam. mit 10 292 Pers., 1771 : 387 Fam. mit 1585 Pers. 
und 1773: 1385 Fam. mit 5568 Pers. Die meisten dieser Ko- 



1) = Sech (Sage, Säge) = vorderes Pflugmesser. 

2) Striegl, vielleicht das Schabeisen zum Eeinigen der Pflugschar. 



AnsiedluDgen im Banat u. d. Banater Militärgrenze 1768 — 1780. 217 

lonisten trafen alljährlich in den Frühjahrsmonaten ein; so war 
der stärkste Zuzug 1768 im Mai mit 202 Fam., 1769 ebenfalls 
im Mai mit 348 Fam., 1770 im April mit 930 Farn, und 1771 
im März mit 129 Fam. In späteren Jahren nahm der Zuzug 
sehr ab, denn auf eigene Kosten kamen nur sehr wenige Ko- 
lonisten, so 1772: 20 Familien, 1773: 17, 1774: 14, 1775: 12 
und 1776: 4, also in füüf Jahren nur 67 Familien oder 264 Per- 
sonen. Daher fanden seit etwa 1774 zumeist nur Beisiedlungen in 
den bereits bestehenden Ortschaften statt, wo gerade ein Haus leer 
war oder eine Siedlungsstelle zur Verfügung stand. Das Verfahren 
bei der Ansiedlung beschrieb sehr ausführlich die „Impopulations- 
Hauptinstruktion'' vom 11. Januar 1772 ^). 

Neuansiedlungen sind seit 1768 folgende zu nennen; die bei- 
gesetzten Zahlen geben die Anzahl der Häuser (Familien) an : Im 
Jahre 1768: Grabäcz 203; im Jahre 1769: Bogäros 201; im Jahre 
1770: Klein-Jeösa 101, Heufeld 80, Maszdorf 80, Marienfeld 125, 
Albrechtsflur 80, Blumen thal 95, Segenthau 77; im Jahre 1771: 
St. Hubert 78, Soltur 64, Charleville 64 % Wiesenhaid 100, Kreuz- 
stetten 65, Lichtenwald 42, Buchberg 30, Neuhof 30, Altringen 
32, Charlottenburg 32, Königshofen 30, Greifen thal 30; im Jahre 
1772: Triebswetter 203, Gottlob 203 und Ostern 52, zusammen 
2097 Häuser (Familien). Dazu kamen noch 1773 Steierdorf (34 
Holzhauerfamilien aus Oberösterreich und Steiermark), ferner 1776: 
Vojtek und Moravicza, 1778: Neu-Moldova, endlich vor 1780: 
Lovrin. 

Zuzüge erhielten seit 1775 teils diese neubegründeten Orte 
(z. B. Königshofen, Greifenthal, Charlottenburg, Altringen, Buch- 
berg, Neuhof, Blumenthal und Bogäros), teils die älteren Ansied- 
lungen (Grofs-Jecsa, Facset). 

Auch in der Banater Militärgrenze wurden weitere Ansiedler 



1) Diese ist bei Czoernig III, Anhang abgedruckt. 

2) Die Ansiedlungen St. Hubert, Soltur (Seultour, Secultura) und Charle- 
ville waren, wie schon die Namen andeuten, vor allem mit französischen Ein- 
wanderern (aus Lothringen, zwischen Metz und Nancy) besetzt worden; sie 
wurden allmählich germanisiert Auch in anderen Orten des Banats und im 
Bacser Komitat liefsen sich damals Franzosen nieder, die seither ebenfalls ger- 
manisiert wurden. 



218 Ansiedlungen in den anderen Teilen Ungarns 1768—1780. 

aufgenommen. Deutsche wurden angesiedelt in Kubin (1770), 
Glogon (1774), Horaolica und Jabuka oder Almas (1776). 

In den anderen Teilen Ungarns war die Ansiedlung 
von geringer Bedeutung. Dies gilt sowohl von den Kameralgütern 
und Städten, als auch von den Privatherrschaften. 

Auf den Kameralherr Schäften Ungarns aufserhalb der Bäöka 
und des Banats war nach den Erhebungen von 1772 für 817 
Familien Platz; zu diesen Prädien gehörte auch Bellye im Ko- 
mitat Baranya und Glogoväcz in der Arader Herrschaft, die schon 
früher deutsche Ansiedler erhalten hatten ^). Aufserdem konnten 
in mehreren Orten 180 Handwerker und Bauern untergebracht 
werden -). Auch in Buda (Ofen) schien für zahlreiche Familien 
(etwa 600) Raum vorhanden; bei Szegedin sollte der zur Stadt 
gehörige Flecken Kistelek mit Deutschen besiedelt werden. Man 
wollte an alle diese Orte vor allem Einwanderer, die eigene 
Mittel besafsen, schicken; den Handwerkern sollten zur Erleich- 
terung der Ansiedlung die Zunft- und Bürgerrechtstaxen er- 
lassen werden. Aber von allen diesen Vorschlägen scheint wenig 
ausgeführt worden zu sein. So wurden 1769 nach Ujpalota (Ko- 
mitat Bihar, Grofswardeiner Dominium) deutsche Kolonisten ge- 
schickt; 1775 siedelte man bei den Salzwerken in der Märmaros 
oberösterreichische Salzarbeiter an und gründete so Nemetmokra; 
1777 kamen Deutsche nach Kis-Jenö im Arader Komitat. Er- 
wähnt sei noch, dafs aus Mähren viele Irrgläubige (sogenannte 
Deisten) nach Ungarn geschickt wurden; man wollte sie bei den 
Bergwerken (auch in Siebenbürgen) und in Holzhauerkolonien 
unterbringen; schliefslich wurden sie in die Arader Kameralorte 
Kerek und Ternova geschickt (1780), Diese Ansiedler waren 
aber nach ihren Namen wohl zumeist Czechen; doch befand sich 
auch ein deutscher Irrgläubiger, Michael Hoflener aus Oberösterreich, 
unter den Verschickten. Alle diese Leute erhielten je 100 fl. 
zur Einrichtung ihrer Wirtschaft; ihre Kinder waren ihnen ge- 

1) Vgl. Bd. II, S. 127 und oben S. 201. 

2) Davon entfiel aber die gröfsere Hälfte doch wieder auf den Bacser 
Komitat; es sollten nämlich in Zombor 100 Handwerker angesiedelt werden. 
Die anderen Orte waren St. Georgen, Kreuz und Tyrnau, alle im nordwestlichen 
Ungarn. 



Ansiedlungen in den anderen Teilen Ungarns 1768—1780. 319 

nommen und katholischen Familien zugewiesen worden, die für 
jedes der Kinder 4 Kreuzer täglich erhielten. Im Banat hatte man 
diese irrgläubigen Familien nicht aufnehmen wollen. Bei dieser 
Gelegenheit wurde darauf verwiesen, dafs vor einigen Jahren 
mehrere lutherische Köhler bei den Banater Bergwerken gefunden 
worden waren; diese wurden nach Siebenbürgen abgeschoben, ihre 
jüngeren Kinder ihnen aber abgenommen und „anfangs aus aller- 
höchster Freigibigkeit ernähret, nachher aber an katholischdeutsche 
Familien an Kindesstatt verteilet". Die Unduldsamkeit gegen die 
Protestanten erschwerte auch die Niederlassung in den Städten. 
Für die protestantischen Einw^anderer war es nicht verlockend, 
sich an Orten niederzulassen, wo man sie bei den „ Ratserneuerungen " 
ausschlofs oder zugunsten protestantischer Schulen bestimmte Ka- 
pitalien einzog. Auch sonst wurden deutsche Bürger, besonders 
wo sie in der Minderzahl waren, bedrückt; so beschwerten sich 
z. B. 1775 die „teutschen Bindermeister" in Erlau über den 
Magistrat. 

Auf Privatgütern scheinen Ansiedlungen in dieser Zeit höchst 
vereinzelt stattgefunden zu haben. Die Ansiedler zogen es vor, 
auf Kameralherrschaften zu ziehen; 1779 kam es z. B. vor, 
dafs kurtrierische Familien ausdrücklich baten, dafs sie „lediglich 
unter Kameral- Jurisdiktion gezogen werden möchten". Andere 
Ansiedler aus dem Reich baten damals um Ansiedlung in Ungarn, 
doch so, „dafs wir unter keine Botmäfsigkeit einer (privaten) 
Herrschaft kommen". Anderseits fanden sich auch nur wenige 
Privatgrundherren bereit , fremde Ansiedler aufzunehmen ; sie 
scheuten offenbar die Kosten. Doch soll z. B. Graf Erwin von 
Schönborn für seine Dörfer bei Munkäcs, wo schon seit 1711 
Schwaben angesiedelt worden waren ^), durch einen „offenen Brief 
an alle deutschen Kolonisten" um Neuansiedler für seine Güter 
geworben haben. 



1) Bd. II, S. 172. Jetzt wohnen hier Deutsche in 8 Dörfern: Ober- und 
ünterschönborn, Pausing, Palanka (Värpalanka), Mädchendorf (Leänyfalva) , Bir- 
kendorf (Berezinka), Kutschowa (Nemetkuesova) und Sophiendorf (Zsofiafalva). 
Letzterer Ort kam erst am Anfang des 19. Jahrhunderts hinzu. 



220 Einleitung der Ansiedlung in Ungarn unter Kaiser Joseph II. 

Die deutsche Kolonisation in Ungarn 1784—1800. 

Die Einleitung der Ansiedlung in Galizien durch das Patent 
vom 17. September 1781 (oben S. 16 fF.) hat die damals ohnehin 
schon geringe Einwanderung nach Ungarn zunächst völlig zum 
Stillstand gebracht. Im Jahre 1782 ist von neu eintreffenden 
deutschen Ansiedlern in Ungarn nichts zu bemerken; Leute, die 
nach Ungarn ziehen wollten, wurden zurückgewiesen. 

Da aber die Aufnahme von Ansiedlern für Galizien schon in der 
zweiten Hälfte 1782 vorläufig eingestellt wurde, berichtete im Februar 

1783 der österreichische Ansiedlungskommissär Röthlein aus Frank- 
furt am Main, dafs bei ihm sich viele Leute meldeten, die auf 
eigene Kosten nach Ungarn gehen wollten i). Unter Hinweis auf 
die Gefahr, dafs diese Auswanderer sonst nach Preufsen ziehen 
würden, fragte er, ob er jenen Bauern und Professionisten , die 
auf eigene Kosten nach Ungarn ziehen wollten, Pässe erteilen 
dürfe. Diese Anregung hatte zunächst nur den üblichen Schriften- 
wechsel zwischen den verschiedenen Behörden zur Folge ; zu einer 
bestimmten Erklärung kam es in den nächsten Monaten nicht. 
Für Galizien angeworbene Ansiedler, die im Sommer 1783 nach 
Ungarn „ausreifsen" wollten, wurden von der Polizei „auf den 
vorgeschriebenen Weg" zurückgebracht. 

Erst Kaiser Josephs Schreiben aus Lemberg vom 30. Juni 
1783, das flir das österreichische Ansiedlungswesen neue Anregungen 
bot, befahl die Absendung von Ansiedlern auch nach Ungarn und 
ins Banat, wenn die ungarisch-siebenbürgische Kanzlei ihren Be- 
darf anzeigen würde. An diese Hofstelle ergingen sofort im Juli 
die entsprechenden Weisungen und Anfragen; doch noch anfangs 

1784 entnahm der Kaiser amtlichen Berichten, dafs die Ansiedlung 
in Ungarn nicht aufgenommen worden war. Unter dem Ein- 



1) Diea ist aber nicht infolge eines angeblichen Patentes vom 21. Sep- 
tember 1782 für Ungarn und Galizien geschehen. Im Herbst 1782 sind viel- 
mehr die Ansiedlungen eingestellt gewesen (oben S. 27). Das Patent fand ich in 
keinem Archiv. Es mufs daher, obwohl es zunächst bei Eimann erscheint, 
und dann von Czoernig, Famler, Jauss, Karmän, ferner im Pfälzischen 
Museum 1887 (nach Famler) nachgedruckt wurde, als Fälschung zurückgewiesen 
werden. 



Des Kaisers persönliches Eingreifen. 231 

drucke des kaiserlichen Unwillens traf die österreichische Hof- 
kanzlei im Februar die Verfügung, dafs jene deutschen Einwanderer, 
die nach Ungarn gehen wollten , dahin geschickt würden ; dabei 
ging die Hofkanzlei von der Voraussetzung aus, dafs die unga- 
rische Hof kammer seit Juli vorigen Jahres die erforderlichen Vor- 
bereitungen getroffen haben müfste. Die nötigen Weisungen er- 
gingen sofort einerseits an die ungarisch- sieben bürgische Hof- 
kanzlei, anderseits an den Ansiedlungskommissär Röthlein in 
Frankfurt. Als der Kaiser über diese Verfügungen von der 
österreichischen Hofkanzlei Bericht erhielt, befahl er nochmals 
wegen genauer Befolgung seines Auftrags vom 30. Juni vorigen 
Jahres mit der ungarisch - siebenbürgischen Kanzlei das Einver- 
ständnis zu pflegen und „sich gegen die schwerste Verantwortung 
genau danach zu halten ^^ Daher erging am 23. März an die un- 
garische Hofkanzlei die Aufforderung, die Ansiedlung in Ungarn 
derart zu betreiben, „dafs von den im Frühjahr eintreffenden An- 
siedlern jene, welche sich zur Ansiedlung in Ungarn bereden 
lassen würden, dahin gewiesen werden könnten, um für die ga- 
lizische Kolonisation Zeit zu gewinnen". Die ungarische Hof- 
kanzlei sollte einen Beamten bestimmen, an den die Einwanderer 
gewiesen werden sollten; ferner hatte sie anzuzeigen, wie viele 
Familien in neuerbauten Kolonistenhäusern, in kaiserlichen Ge- 
bäuden und aufgehobenen Klöstern untergebracht werden könnten. 

Jetzt erst kam das Ansiedlungsgeschäft in Ungarn wieder in 
Flufs. Da das Banat 1778 mit Ungarn vereinigt worden war, 
so wurden jetzt alle Anordnungen für das ganze Gebiet getroffen. 

Die ungarische Hof kammer fafste (23. April 1784) die näheren 
Bestimmungen über die Ansiedlung zusammen. Danach wollte 
diese Kammer auf den ihrer Verwaltung anvertrauten Krön- und 
Kammergütern, ferner auf den jüngst in die staatliche Verwaltung 
übernommenen geistlichen Gütern Ackerleute, Handwerker und 
Professionisten ansiedeln. Ebenso sollten in den königHchen Frei- 
städten Handwerker, Professionisten und Fabrikanten aufgenommen 
werden. Endlich hatten auch Privatgrundherren ihre Bereitwillig- 
keit, Ackerbauer anzusiedeln, kundgetan. Angenommen sollten 
Ansiedler werden, die aus dem Deutschen Reiche mit ordentlichen 
Pässen der dort bestellten k. k. Beamten in Wien eintreffen würden. 



222 Feststellung der Ansiedlungsbestimmungen. 

Hier sollten sie für jeden Kopf ein Reisegeld von 2 fl. erhalten und 
sodann auf der Donau nach Prefsburg reisen. Von da fand die 
Absendung nach den einzelnen Bestimmungsorten statt. Ging die 
Reise durch Pest, so erhielt jeder Ansiedler hier einen weiteren 
Gulden ; derselbe Betrag wurde jedem bei seiner Ankunft am An- 
siedlungsorte ausgezahlt. Ansiedler, welche ohne Pässe kamen, 
wurden angenommen, erhielten aber kein Reisegeld. Die Acker- 
bauer auf den Krön- und Kameralgütern erhielten ein Haus mit 
einem Zimmer, einer Kammer, einer „Küchel" und Stallung; ferner 
eine ganze, eine halbe, eine viertel oder eine achtel Ansässigkeit, 
und zwar Acker, Wiesen und Hutweiden. Eine ganze Ansässig- 
keit umfafste im Bäcser Komitat je nach der Lage der Ortschaft 
und der Güte des Bodens 32 bis 38 Joch Acker zu 1200 Qua- 
dratklaftern und 22 Tagewerk oder „Heumahden" Wiesen. Im 
Temeser, Torontäler und Krassöer Komitate (also im Banat) ge- 
hörten zu einer ganzen Ansässigkeit 24 Joch Acker (zu 1600 Qua- 
dratklaftern), 6 Joch Wiesen, 3 Joch Hutweiden und 1 Joch für 
den Hausgrund und Garten ^). Ferner erhielt jeder Ansiedler ein 
Paar Ochsen, zwei Pferde, eine Kuh, sowie Wagen, Pflug und Egge, 
und zwar alles unentgeltlich. Auch wurde zehnjährige Freiheit 
von allen allgemeinen Steuern und herrschaftlichen Verpflichtungen 
gewährt. Den Handwerkern auf dem Lande wurden Häuser ohne 
Acker und Wiesen mit zehnjähriger Freiheit von den Abgaben 
geboten. In den Freistädten wurden Handwerker, Professionisten 
und Fabrikanten ohne Unterschied der Religion angenommen. Sie 
erhielten das Bürger- und Meisterrecht unentgeltlich, ferner 50 fl. 
für Werkzeuge ohne eine Verpflichtung auf Ersatz. Beim An- 
kaufe von Häusern wurde ihnen Beistand in Aussicht gestellt; für 
Neubauten bekamen sie leere Hausstellen, ferner Ziegel, Stein und 
Kalk zum Erzeugungspreis, endHch das Bauholz unentgeltHch, wo 
dieses vorhanden war. Aufserdem hatten diese Ansiedler auf eine 
fünfzehnjährige Steuerfreiheit Anspruch. Von den Privatgrundherren 
wollte Graf Pejachevich in seinem Markte Ruma (Sirmien, östliches 
Slawonien), wo für 700 Hausstellen Platz war. Ansiedier aufnehmen. 



1) Man beachte, dafs 32 Joch Acker zu 1200 Quadratklaft. = 24 Joch zu 
1600 Quadratklaft. sind. Dazu s. oben S. 40, Anm. 1. 



Feststellung der Ansiedlungsbestimmungen. 32 S> 

Er versprach ihnen je 51 Joch Ackerfeld zu 2000 Quadratklafter 
unentgeltlich; ebenso freies Bauholz. Die Ansiedler sollten aufserdem 
durch 6 Monate den freien Ausschank und die Einkünfte von zwei 
Jahrmärkten geniefsen. Dem Grundherr hatte jede Familie nur 
4 fl. jährlichen Zins ohne sonstige Dienste und Roboten zu ent- 
richten. Ebenso erboten sich mehrere Grundherren in der Toron- 
täler Gespannschaft Ansiedler aufzunehmen, nämlich Jakob Lazär 
100 Familien, Isak Kiss 50 Fam. und Bogdan Karätson 15 Fam. 
Diese Grundherren versprachen den Kolonisten Hausgründe samt 
Ackern und Wiesen unentgeltlich; aufserdem für jedes Bauern- 
haus zwei Ochsen, nach Tunlichkeit auch Beiträge zum Hausbau. 
Auch die Stadt Temesvär wollte in ihrem neben der Stadt ge- 
legenen Dorfe Mihala 30 Familien ansiedeln. Aufserdem wollten 
die Städte Neusohl, Zombor, Pozega und Warasdin (letztere zwei 
in Slawonien- Kroatien) Ansiedler, besonders allerlei Handwerker 
aufnehmen, ohne ihnen irgendwelche Aushilfe in Aussicht stellen 
zu können. 

Bei der Bestimmung der oben angeführten Begünstigungen 
für die Kameralansiedler sind die Patente für Galizien berück- 
sichtigt worden. Der Kaiser genehmigte die Vorschläge der un- 
garischen Hofkammer, worauf diese den Ansiedlungskommissären 
im Reich mitgeteilt wurden. Gleichzeitig wurde zur Übernahme 
der für Ungarn bestimmten Ansiedler der Hofagent Schulz in 
Wien bestimmt; an ihn hatte der Ansiedlungskommissär Glant- 
schnigg die Ansiedler zu weisen. Der Hofkanzleiregistrator Fa- 
bianics versorgte die ungarischen Kolonisten mit Reisegeld; zu 
diesem Zwecke wurden ihm 1784 und 1785 bedeutende Geld- 
summen angewiesen, mitunter in einem Monat mehrere Tausend 
Gulden. 

Die Weisung, Ansiedler für Ungarn aufzunehmen, erging an 
die drei Kommissäre im Reich, die dieses Geschäft auch schon 
für Galizien besorgten, also an Röthlein, Metternich und Blank i). 
Röthlein hatte schon Ende Februar 1784 den Auftrag erhalten 
(oben S. 50), die für Galizien überzähligen Ansiedler nach Ungarn 
zu leiten, wo sie wie in Galizien angesiedelt und begünstigt werden 



1) Vgl. oben S. 35 ff. 



234 Anfängliche Abneigung gegen die Ansiedlung in Ungarn. 

sollten. Im April erhielten sodann alle genannten Kommissäre 
die Mitteilung, dafs sie für Ungarn Maurer, Zimmerleute, Wagner 
und alle jene Professionisten , die ihr Gewerbe auf dem Lande 
betreiben können, ferner Ackerleute annehmen sollten. Die An- 
zahl der Ansiedler wurde nicht beschränkt, doch sollte die un- 
garische Hofkammer von Zeit zu Zeit über den Fortgang der 
Werbung unterrichtet werden. Indessen hatte Röthlein berichtet, 
dafs die Ansiedler nicht nach Ungarn gehen wollten. Ihm war 
daher der Auftrag zugegangen, „das gegen die ungarische An- 
siedlung gefafste Vorurteil, als ob Hungarn der Deutschen Kirch- 
hof seie, zu benehmen, massen das Sprichwort lediglich Bezug auf 
die Armeen habe, die unter freiem Himmel kampieren und bei der 
so schnell abwechselnden Hitze und Kälte vielen Krankheiten aus- 
gesetzt sind". Es war aber nicht so leicht den Ansiedlern aus- 
zureden, „dafs ihnen die hungarische Luft nicht gedeihe". Seit 
die Ansiedlung in Galizien bekannt geworden war, wollten selbst 
in Ungarn und im Banat schon Ansässige nach Galizien auswandern. 
So bat 1783 der zu Gyarmata im Banat angesiedelte Tiroler Jo- 
hann Meng mit hundert anderen Ansiedlern aus diesem Orte nach 
der Bukowina oder Galizien versetzt zu werden. Auch später 
kamen solche Gesuche aus verschiedenen Teilen Ungarns vor. 
Um so gröfser war zunächst das Widerstreben der Neuangeworbenen 
nach Ungarn zu gehen. Gesuche nach Polen, nicht aber nach 
Ungarn geschickt zu werden, liefen häufig ein. Daher wurden 
Ansiedlern, die nach Ungarn gehen wollten, Erleichterungen ge- 
währt; man schickte dahin auch solche, die das für Galizien vor- 
geschriebene Mindestvermögen von lüO fl. nicht besafsen, ferner 
Leute ohne Pafs. Als aber die ungarische Hofkanzlei bemerkte, 
dafs der österreichische Kommissär Glantschnigg an den ungarischen 
Kommissär Schulz stets Leute „ohne alle Mittel" wies, erhob sie 
dagegen Einspruch; sie sprach die Besorgnis aus, „dafs das Land 
mit armen, unvermögenden Leuten angefüllt und das Arar des 
anzuhoffenden Nutzens verlustig würde". Bezüglich der Einwan- 
derer ohne Pafs verwies die ungarische Hofkanzlei aut die vom 
Kaiser bestätigte Bestimmung, dafs sie wohl angenommen würden, 
-aber kein Reisegeld erhielten. Die österreichische Hofkanzlei ant- 
wortete (10. Mai), dafs viele Ansiedler trotz der getroffenen Be- 



Erleichterung der Einwanderungsbedingungen nach Ungarn. 335 

Stimmungen ohne Pafs kämen, die man nicht zurückweisen könne. 
Man habe durchaus nicht die Absicht, nach Ungarn nur mittel- 
lose Ansiedler zu senden; doch könne man jene Einwanderer, die 
ausdrücklich die Ansiedlung in Galizien forderten, nicht wider ihren 
Willen nach Ungarn schicken. Um die Emigranten von ihrem 
Vorurteile gegen Ungarn abzubringen, wäre es nötig, wenigstens 
anfangs ihnen wegen der Pässe und des Vermögens keine Schwierig- 
keiten zu bereiten. Am 16. Mai 1784 entschied der Kaiser: „Die 
Leute, die ohne Pässe kommen, sind gewifs ärmer als jene, die 
damit versehen sind ; sie brauchen also die nämlichen Benefizien. 
Es sind ihnen auf allen Kameral-, geistlichen und Exjesuiten- 
Gütern die Freiheiten von zehn Jahren zu bewilligen und ihnen so 
viel Häuser und Gründe einzuräumen, als sie bedürfen und die aufzu- 
hebenden Meierhöfe Wohnungen und Gründe umfassen. Auch sind 
ihnen 4 fl. (für die Reise) zu verabfolgen. Die Handwerker sind 
in Städte und Marktflecken zu weisen, so viel möglich gegen 
Schlafkreuzer einzuquartieren und ihnen Freiheit zur Treibung 
ihres Gewerbes zu gestatten. Die Abfertigung dieser Leute, die 
sich hier (in Wien) aufzehren, ist aufs schleunigste zu befördern. 
Zu diesem Ende ist die Sache brevi manu von der Kanzlei ab- 
zutun, ohne sie durch den gewöhnlichen Umtrieb der Geschäfte 
in die Länge zu verschieben." Fast gleichzeitig erhielten aber 
auch die Kommissäre im Reich den Auftrag, mit Rücksicht 
auf die stets wachsende Zahl der Emigranten auch bei ihrer An- 
nahme für Ungarn auf einem Mindestvermögen von 100 fl. zu be- 
harren. Von der später für Galizien aufgestellten Forderung eines 
Vermögens von 200 fl. für die nach Galizien gehenden Ansiedler, 
wurde für Ungarn abgesehen; doch wurde gefordert, dafs die 
Handwerker geschickt, die Bauern nicht zu alt und schwächlich 
seien. Am 20. Mai 1785 entschied der Kaiser über die Ein- 
teilung der Ansiedler nach Galizien und Ungarn, dafs Ansiedler 
nur unter Berücksichtigung besonderer Umstände nach Galizien 
zu schicken wären ^), alle anderen müfsten nach Ungarn gehen. 

Infolge der geschilderten Mafsregeln stieg die Zahl der Ein- 
wanderer nach Ungarn beständig, besonders als anfangs 1785 wieder 



1) Vgl. oben S. 69. * 

Kaindl Gesch. d. Deutschen i. d. Karpath. III. 15 



ä36 Wachsende Zahl der Ansiedler. 

eine starke Einschränkung der Annahme von Kolonisten für Ga- 
lizien nötig wurde. „Die Fremdlinge kamen mit jedem Tag 
haufenweise." Daher erging auf Befehl des Kaisers an die ungarischen 
Behörden die Weisung, die Ansiedlung nicht nur im Temesvärer . 
und Bäcser Bezirke zu betreiben, sondern sie auf andere Kameral- j 
gebiete, ferner auf Exjesuiten-, Studienfonds- und geistliche Güter 
auszudehnen. Für die Ansiedler waren auch die Dominikaigründe 
und Meierhöfe, deren Pacht zu Ende ging, zu verwenden; sie 
sollten in Schlössern und Meierhöfen beherbergt werden; die Er- 1 
bauung ihrer Häuser war zu beschleunigen. Im Juli 1785 wurde 
die Erbauung von 2700 Kolonistenhäusern betrieben. Im Berg- 
wesen erfahrene Einwanderer sollten bei den Bergwerken unter- \ 
kommen; auch die Ansiedlung auf Privatgütern wurde wieder 
betont. Verwandte und eng befreundete Ansiedler sollten nach 
Möglichkeit an einem Orte zusammen untergebracht werdeu. 

Um gröfsere Ordnung bei der Anwerbung der Kolonisten 
herbeizuführen, wurden wie für Galizien ^) auch für Ungarn all- 
gemein gültige Normen geschaffen. Diese im September 1785 ^ 
fertiggestellte Belehrung über die Vorteile und Bedingnisse für die 
in die königlich ungarischen Kolonien einwandernden Emigranten 
sind gegenüber den im April 1784 festgestellten Bedingungen viel- 
fach erweitert und genauer gefafst; einzelne Bestimmungen haben 
wie in Galizien den Zweck, die Einwanderung zu erschweren. 
Vor allem wird jetzt von jedem Einwanderer gefordert, dafs er 
sich bei Röthlein in Frankfurt oder bei Blank in Rottenburg melden 
und einen Pafs beheben sollte. Die Ansiedler durften nicht zu alt 
und nicht ganz mittellos sein. Jedes Familienoberhaupt hatte den 
Tauf-, Kopulations- oder Totenschein mitzubringen ^). Wer wider 
diese Vorschriften handelte oder bei Fälschungen ertappt wurde, 
erhielt keine Begünstigung und wurde seinem Schicksale über- 
lassen. Die Begünstigungen für die Ackerbauer waren jenen von 



1) Vgl. oben S. 64. 

2) Die Kommissäre forderten von den Ansiedlungsbewerbern auch die Bei- 
bringung des „Auswanderungskonsenses" der Herrschaft, ferner obrigkeitliche 
Zeugnisse über ihr Wohlverhalten und ihre Kenntnisse. Nur unter dieser Be- 
dingung wurden ihnen Aufnahmescheine mit einer kurzen Aufzählung der Be- 
günstigungen eingehändigt. 



Neuordnung der Ansiedlungsnormen. 337 

1784 gleich^); doch war jetzt eine „gewölbte Küchel mit Schorn- 
stein" und eine Scheuer den Ansiedlern in Aussicht gestellt; auch 
wurde ausdrücklich betont, dafs die Ansiedler alles unentgeltlich 
und erbeigentümlich erhielten. Ferner nahm man die Ansiedlung 
von Weinbauern in geeigneten Gegenden in Aussicht. Wer 300, 
400, 500 oder auch 1000 fl. an Vermögen aufweisen würde, hatte 
auf besondere Berücksichtigung Anspruch. Landsleute, Verwandte 
und Freunde sollten möglichst zusammen angesiedelt werden, auch 
der Wunsch nach Ansiedlung an einem bestimmten Orte wäre 
nach Möglichkeit zu berücksichtigen. Leute derselben Religion 
und Sprache wurden in dieselbe Gegend gesandt und erhielten 
Seelsorger und Lehrer ihrer Religion. Bei Krankheiten hatten die 
Bezirksfeldscherer ihnen beizustehen. Zum ersten Anbau erhielt 
eine ganze Session (Ansässigkeit) 22, eine halbe 15 Prefsburger 
Hetzen ^) an Samenvorschufs ; dieser war nach drei Jahren zu er- 
setzen. Wenn die Häuser für die Ansiedler noch nicht fertig sein 
würden, so sollten diese in königlichen Gebäuden, Meierhöfen oder 
Klöstern einstweilen untergebracht werden. Sie erhielten Quartier 
und Brennholz unentgeltlich; ferner für jede erwachsene Person 
täglich 2 Kr. und monatlich 1/2 Prefsburger Hetzen Frucht, für 
jedes Kind 1 Kr. und ^/^ Hetzen Frucht. Maurer, Zimmerleute, 
Tischler, Schlosser und Schmiede würden überdies beim Baue der 
zahlreichen Häuser Verdienst finden. Überhaupt war es (bäuer- 
lichen) Kolonisten gestattet, im Winter auch ein Handwerk aus- 
zuüben. Für die „ eigentlichen Handwerker auf dem Lande " ^), 
ferner für jene in den Städten blieben die älteren Bestimmungen 
unverändert. Das gleiche gilt von dem Abschnitte über die Privat- 
ansiedler. Auch ein Verzeichnis der königlichen Freistädte, die 



1) Erwähnenswert ist, dafs die Gröfse eines Joches imBanat mit 1600 Qua- 
dratklafter angegeben wird; im Bäcser Komitat umfafste ein Joch 1200Quadrat- 
ilafter (s. oben S. 222), in Slawonien dagegen 2000 Quadratklafter (s. oben 
S. 223). 

2) S. oben S. 200, Anm. 1. 

3) Aus dem Wortlaute ist genau zu ersehen, dafs auch Handwerker als 
Bauern angesiedelt wurden; man vergleiche die „Halbprofessionisten" in Ga- 
lizien. Von diesen werden die nur von ihrem Handwerk lebenden Ansiedler unter- 
schieden. 

15* 



228 Neuordnung der Ansiedlungsnormen. 

um die Ansiedlung von Handwerkern angesucht hatten, wurde bei- 
gefügt. So bat Neusohl um einen Weifsgerber, „da der einzige 
vor drei Monaten verstorben war", und um einen Nagelschmied, 
„weil in der ganzen Gegend bis auf eine Tagreise keiner vor- 
handen " war. Ebenso waren hier erwünscht : ein Feilenhauer, ein 
Eisendrahtzieher und mehrere andere „nützliche Handwerker". In 
der Stadt gab es „ mehrere Brandstätten ", die durch die Ansiedler 
billig von ihren Eigentümern erstanden werden konnten. Die Stadt 
Temesvär wollte 20 — 30 Familien annehmen. Zombor begehrte: 

1 Drechsler, 1 Handschuhmacher, 6 Müller „zu trockenen Mühlen " i), 

2 Wagner, 1 Zinngiefser, 1 Uhrmacher, 1 Stärkemacher, 1 Karten- 
maler, 2 Gelbgiefser, 2 Siebmacher, 1 Flanellmacher, 3 deutsche 
Frauenschneider, 2 Tabakmacher u. a. In Pozega waren nötig: 
1 Kotzenmacher, 1 Nadler, 1 Weifsgerber, 1 Buchführer (Buch- 
händler), 1 Lederer, 1 Bleistiftmacher, 1 Handschuhmacher, 1 Nagel- 
schmied, 1 Buchbinder, 1 Uhrmacher, 1 Bildhauer u. a. Die Stadt 
Warasdin hatte für etwa 100 Familien Platz; hier waren ebenfalls 
zahlreiche Handwerker willkommen, wie Weifsgerber, Färber, 
Kupferschmiede, Brunnenmeister, Nagelschmiede, Messerschmiede, Po- 
samentierer, Zeugmacher, Seidenfarber, Tuchscherer, Papiermacher, 
Büchsenmacher usw. In diesen Städten wurden den Ansiedlern 
Gründe zum Teil umsonst angewiesen; andere Unterstützungen 
konnten jedoch nicht in Aussicht gestellt werden. 

Diese Bestimmungen wurden sofort an die drei Kommissäre 
im Reich mit der Weisung geschickt, sich bei der Anwerbung für 
die königlich ungarischen Kolonien daran zu halten, „und zwar 
mit der Erinnerung , dafs davon nur auf jene Art wie respectu 
der Belehrung für Galizien Gebrauch zu machen ist" ^). Auf 
Veranlassung Röthleins erhielten die Kommissäre Ende November 
1785 auch noch eine besondere Belehrung über die Begünstigung 
von Weinbauern. Diese bekamen teils in den von der Kaschauer 
Kameraladministration vorgeschlagenen Gegenden, teils in Tarczal ^) 



1) Offenbar sind Rofsmühlen gemeint, wie sie auch damals im Banat er- 
richtet wurden. 

2) Darüber oben S. 64. 

3) Kaschau (Komitat Abauj-Torna) liegt in einem rings von Weinbergen 
umschlossenen Tale; Tarczal (Komitat Zemplin) gehört zum Tokajorgebiet. 



Neuordnung der Ansiedlungsnormen. 330 

oder endlich in den Allodial Weingärten der Kameralfonds- und 
geistlichen Güter so viel Boden, wie sie sich zu bearbeiten ge- 
trauten. Mit Rücksicht auf den unsicheren Absatz des Weines 
und die Hindernisse des Weinbaues wurden ihnen überdies alle 
den anderen Ansiedlern gewährten Begünstigungen und wenigstens 
Achtelansässigkeiten zugestanden, damit sie auch Ackerbau be- 
treiben könnten. Dazu erhielten sie eine Kuh, zwei Zugtiere, zehn 
Jahre Steuerfreiheit von den Ansässigkeiten, zwölf Jahre von den 
neu anzulegenden Weinbergen und zwei Jahre von den bereits im 
wirklichen Bau stehenden und ihnen zur Pflege überlassenen Do- 
minikal- und K am er al wein gärten ; nach dem Verlauf dieser Frei- 
jahre hatten sie ein Zehntel der Einkünfte der^ Herrschaft zu 
überlassen. 

Schliefslich stellte Röthlein den Antrag, beide Belehrungen in 
eine zu vereinigen und einige kleine Änderungen vorzunehmen. 
Insbesondere sollte jetzt allen Ansiedlern je ein Joch erbeigentüm- 
licher Haus- und Gartengrund zugesichert werden ^), und die Be- 
messung der Acker- und Wiesengründe überall gleich erfolgen. 
Man wollte (wie bei Galizien) nun auch die ungarischen Distrikte 
nicht nennen, „um nicht den Endzweck der hierbei abgesehenen 
ungarischen Ansiedlung zu entdecken". Als endHch alles dies 
in Ordnung gebracht war, erfolgte zugleich auch der Befehl, die 
Bedingungen nicht zu publizieren, weil die Ansiedlung eingestellt 
sei (Januar 1786). 

Die Einwanderung nach Ungarn hatte, nachdem der anfäng- 
liche Widerwille der Ansiedler geschwunden war, rasch zugenommen. 
In der Zeit vom 18. April bis 30. April 1784 waren nur 68 Fa- 
milien oder 226 Personen eingewandert, meist arme Leute; ihr 
ganzes Vermögen betrug 940 fl. Aber schon im Mai kamen 
456 Familien oder 1964 Personen, die zusammen 9 464 fl. Ver- 
mögen hatten. Diese 524 Familien gingen ins Banat und in den 
Bäcser Bezirk. Bis Ende Oktober 1784 waren schon 2011 Fa- 
milien 2) gekommen, 1785 bis Mai weitere 909 Familien, zu- 



1) Früher galt diese Bestimmung nur für das Banat; s. oben S. 222. 

2) Die Angaben sind etwas schwankend; siehe die weiteren Ausführungen 
im Text. 



230 Grofser Andrang d. Einwanderer. Hohe Kosten d. Ansiedlung. 

sammen also 2920 Familien. Dagegen waren 1784 im Banate 
315 und in Bäcs 246, zusammen also blofs 561 Häuser erbaut 
worden. Im Jahre 1785 wollte man aber im Banat 1272 und 
im übrigen Ungarn 1428, zusammen 2700 Häuser erbauen, was 
mit Rücksicht auf die 1450 unbehausten Familien von 1784 und 
die fortdauernde starke Einwanderung von 1785 wieder zu wenig 
war. Dazu kam, dafs die Kosten der Einwanderung sich sehr hoch 
stellten. Jedes Haus kostete 200 fl. ; die Kosten für jede Familie 
(Haus, Gerätschaften und sonstige Ausgaben) wurden mit 408 fl. 
berechnet, wobei noch der erste Anbau, das Ackern u. dgl. nicht 
eingerechnet war. Somit betrugen die Kosten für die 1785 ge- 
plante Ansiedlung von 1272 Familien im Banat und 1428 Familien 
im übrigen Ungarn 1082 624 fl, und zwar ohne die anderen noch 
nicht eingerechneten Ausgaben. 

Bei dem beständigen Andrang von Kolonisten gestalteten sich 
die Schwierigkeiten immer gröfser. Schon im Herbst 1785 gab 
daher der Kaiser den Befehl, dafs man vorzüglich die Ansiedlung 
mit den im Lande bereits befindlichen Inwohnern befördern soll,, 
weil ihre Unterbringung weniger kostspielig sei und sie an das Klima 
schon gewohnt wären. Die ungarische Hof kanzlei entwarf sofort ein 
Normale, in welchem aufser den bekannten Bestimmungen für die 
Ansiedler aus dem Deutschen Reiche auch solche über die An- 
siedlung der Bauernsöhne und besitzlosen Inländer enthalten waren. 
Zugleich berichtete sie an den Kaiser, dafs bisher von den Reichs- 
emigranten im Jahre 1784 1780 Familien oder 8321 Köpfe und 
1785 4630 Familien oder 21836 Köpfe angekommen seien. Am 
1. Januar 1786 berichtete sodann die ungarische Hof kanzlei, daf» 
in Ungarn seit 1. Mai 1784 bis letzten November 1785 3291 Fa- 
milien mit 14128 Köpfen, davon im Bäcser Distrikt allein 2057 
Familien oder 9201 Köpfe eingewandert wären; aufserdem seien 
ins Banat noch 2372 Familien mit 11 768 Köpfen eingewandert ^). 
Für jede dieser Familien, die durchschnittlich zu vier Köpfe ge- 
jechnet wurde, betrugen die Ansiedlungskosten 507 fl. 54 Kr. 



1) Die Zahlenangaben vom Herbst 1785 und Januar 1786 weisen einen 
grofsen Unterschied auf. Nach ersteren waren zusammen 6410 Familien oder 
30157 Seelen, nach letzteren nur 5663 Familien mit 25896 Seelen gekommen. 



Einstellung der Aufnahme bäuerlicher Kolonisten. 331 

Dies würde allein für die nach Ungarn (ohne das Banat) eingewan- 
derten 3291 Familien 1645 500 fl. ausmachen. Bisher seien dafür 
490486 fl. 46i Kr. verausgabt, daher wären noch 1155 013 fl. 
131 Kr. auszulegen. Es würden jedoch 1000000 fl. genügen, „da 
öfters Familien aussterben und die für sie gemachten Kosten an- 
deren zugute kommen". Für neu Einwandernde (nämlich 1786 
ankommende) werde gar nichts acgetragen, weil aus der kaiser- 
lichen Anregung (vom Herbst 1785) sich ergäbe, „dafs künftig die 
Bevölkerung mehr durch Inländer, die das Klima besser gewohnt 
sind, als durch Reichseinwanderer zu geschehen habe". Sollte der 
Kaiser trotzdem noch weitere Ausländer aufnehmen wollen, so 
seien für diese für 1786 noch 805 Stellen frei. Einen genaueren 
Ausweis über die Ansiedlung stellte die Hofkanzlei für die Zukunft 
in Aussicht. 

Aus diesem Berichte ist leicht zu ersehen, dafs die eingewan- 
derten Familien nur zum geringen Teil untergebracht sein konnten, 
denn von der für ihre Ansiedlung nötigen Geldsumme war nicht 
einmal ein Dritteii bisher verwendet. Der Bericht schweigt sich 
daher auch über den Stand der eigentlichen Ansiedlung völlig aus. 
Der Kaiser nahm ihn deshalb „mit Mifsvergnügen" zur Kenntnis; 
er erhob den Vorwurf, „dafs dieses ganze dem Staat so wichtige 
Geschäft ohne Ordnung und ohne System geleitet und sozusagen 
nur dem blinden Ohngefähr überlassen werde ". Der grofse Rück- 
stand in der Unterbringung der Ansiedler veranlafste den Kaiser 
zum Befehle, dafs die Aufnahme „neuer Kolonisten auf Gründe^ 
(d. h. ländlicher Ansiedler) so lange zu unterbleiben habe, bis die 
im Lande schon befindlichen ihr Unterkommen gefunden haben 
würden. Nur Handwerker könnten weiter einwandern. Davon 
seien die Kommissäre im Reiche zu verständigen (Januar 1786). 
Eine ganz ähnliche Entscheidung des Kaisers war damals für Ga- 
lizien ergangen (oben S. 71). 

Die ungarische Hofkanzlei suchte die vom Kaiser gerügten 
Mifsstände vor allem damit zu rechtfertigen, dafs durch die Ent- 
scheidung des Kaisers über die Annahme der pafslosen Kolonisten 
die Unterbringung der aufserordentlichen Menge sehr erschwert 
worden sei. Die Nachricht von der Einstellung der Annahme von 
Bauernfamilien wurde sofort den Kommissären kundgetan. Diö 



232 Weitere Zuwanderungen. Schwierigkeit d. Unterbringung d. Ansiedler. 

Anzahl der noch vorhandenen Plätze für solche Ansiedler wurde 
jetzt auf 408 beschränkt. Nur so viele Familien durften ange- 
nommen werden ; wer darüber ohne Pafs käme, mufste auf Privat- 
herrschaften sein Unterkommen suchen oder werde sich selbst 
überlassen werden. Die 408 Familien sollte der Kommissär Blank 
allein befördern, damit durch die verschiedenen Kommissäre nicht 
mehr Familien geschickt würden. Die Einwanderung von Leuten, 
die nur von der Handarbeit leben wollten und keine Gründe von 
den Kameralherrschaften beanspruchten, ferner von Professionisten 
wurde nicht beschränkt. Ferner beantragte die Hofkanzlei, dafs 
auch den überzähligen Ansiedlern in Wien wenigstens das Reise- 
geld gereicht würde, „da viele unter ihnen teils durch eine lang- 
wierige Reise verzehret, teils durch unterwegs zugestofsene Krank- 
heiten oder Niederkunft ihrer Weiber von allen Mitteln entblöfset, 
und jene, die zu Wasser ankommen, den Schiffmann erst bei dem 
Empfange ihres Reisegeldes zu bezahlen imstande gewesen sind^*. 

Durch die teilweise Einstellung der Annahme von Kolonisten 
hat deren Zuwanderung nur wenig abgenommen. Sobald das Früh- 
jahr anbrach, kamen sie „von Tag zu Tag zahlreicher '^ Es waren 
zumeist Leute ohne Pässe oder Handwerker^ die also auf Privat- 
herrschaften und in den Freistädten unterzubringen waren. Die 
Ansiedler gingen aber nicht gern auf Privatbesitzungen, wo ihnen 
wenig Begünstigungen geboten wurden. Auch stellte es sich bei 
der Aufnahme der verfügbaren Plätze auf Privatherrschaften heraus, 
dafs die meisten Stellen schon besetzt waren. Man hatte nämlich 
dem Grafen Pejachevich 693, ferner an den Grundherrn Lazar 
100, an Isak Kiss 40 und der Stadt Temesvär für ihr Dorf 
Mihäla 19 Familien bereits geschickt. Sonst standen nur noch 
32 Plätze bei Privatgrundherren zur Verfügung. Auf den Kameral- 
herrschaften Raab, Neutra, Kaschau, Grofswardein und Pest waren 
zwar Plätze für 828 Einwandererfamilien ausgemittelt worden^}; 
aber es zeigte sich nachher, dafs einzelne der Güter für die An- 
siedlung nicht in Betracht kommen konnten, andere Plätze schon 
besetzt waren, so dafs die Zahl der freien Stellen im Juni schon 



1) Die Angabe der verfügbaren Plätze ist sehr schwankend. Vgl. oben 
im Text. 



Weitere ZuAvanderungen. Schwierigkeit d. Unterbringung d. Ansiedler. 233 

auf 616 zusammenschmolz. Nun stellte es sich aber heraus, dafs 
im Bäcser Bezirk 1544 Familien auf Unterbringung warteten, wäh- 
rend hier nur 1303 Plätze vorhanden waren; es mufsten also 
241 Familien auf die anderen ungarischen Kameralgüter geschickt 
werden, daher blieben nur 375 Ansässigkeiten für Neueinwanderer 
frei. Da auch im Banat ähnliche Verhältnisse herrschten, so stellte 
die ungarisch-si eben bürgische Hofkanzlei den Antrag, die Absen- 
dung von Kolonisten überhaupt einzustellen. Die österreichische 
Ilofkanzlei billigte diesen Antrag. Sie betonte, dafs seit 1. Mai 
bis 9. Juni 1786 wieder 1031 Familien nach Ungarn geschickt wor- 
den wären ; die Einwanderung der Leute scheine von Tag zu Tag 
häufiger zu werden. Da diese Leute, ohne dafs man ihnen irgend- 
welche Zusicherung gegeben hätte, kämen, so habe man auch 
gegen sie keine Verpflichtung. Man sollte sie bei anderen schon 
behausten Ansiedlern oder auf anderen Kameral- und geistlichen 
Gütern, besonders wenn sie eines Handwerks kundig wären, als 
„ Beiwohner ^^ oder „Iiileute^' unterbringen; überdies wäre ihnen 
zehnjährige Abgabenfreiheit und eine Milchkuh zuzuwenden. Würde 
man diese aus ihrer Heimat meist heimlich (ohne Pässe) ent- 
wichenen Leute zurücksenden oder sich selbst überlassen^ so wür- 
den sie dadurch sehr hart getroffen. Der Kaiser genehmigte diese 
Vorschläge ; doch forderte er Auskunft, ob für die Ansiedler auch 
dann kein Platz vorhanden sein würde, wenn die Verpachtungen 
einiger Kameralgüter zu Ende gegangen wären. Ferner regte er 
wieder die Unterbringung in Bergwerksgebieten, besonders im 
Maroser Salinenbezirk, an. 

Die Unterbringung der zur Privatansiedi ung bestimmten Ein- 
wanderer hat in der Folge viele Mühe bereitet. Denn es stellte 
sich heraus, dafs die Kolonisten mit Recht auf Privatgüter zu 
gehen sich scheuten, weil sie argen Enttäuschungen ausgesetzt 
waren. Eine kleine Anzahl dieser Leute wurde zur Kameral- 
ansiedlung angenommen ; anderen gab man auf Kameralgütern 
kleine Häuser und Gartengründe oder man brachte sie in den 
Häusern anderer unter, entsprechend der oben erwähnten Verord- 
nung. Als der Kaiser im Juli 1786 Ungarn besuchte und die 
Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen lernte, traf er in 
seinem Handschreiben aus Zombor (Bäcs), 8. Juli, besondere Be- 



234 Weitere Zuwanderungen. Schwierigkeit d. Unterbringung d. Ansiedler. 

Stimmungen zugunsten der Ansiedler, die sich auf Privatherr- 
schaften nicht niederlassen wollten. Gerade damals war es näm- 
lich durch das Schicksal der vom Grafen Pejachevich in Ruma 
angesiedelten Deutschen klar geworden, wie arg sie auf den Pri- 
vatgütern behandelt wurden. Joseph verfügte daher, dafs diese 
Leute aus Barmherzigkeit auf Kameralgründen in Häusern, deren 
Bewohner ausgestorben seien, ferner in jenen, die zwei Familien 
fassen könnten, untergebracht würden. Auf dieselbe Art wäre mit 
jenen, die von Ruma, „wo sie angeführt worden sind^', zurück- 
kommen, vorzugehen, „weil es nur arbeitsame Leute zu sein 
scheinen". „Übrigens ist der Administration, besonders aber ihren 
Untergebenen und Ispanen ^) alle Glimpflichkeit, Geduld und gute 
Behandlung, besonders der deutschen Kolonisten, nachdrucksamst 
einzubinden." 

Im Herbst 1786 wurde nochmals eingehend über das un- 
garische Ansiedlungswesen verhandelt. Der ungarische Statthalterei- 
rat Wolfgang V. Kempelen erstattete einen ausführlichen Bericht, 
der von der ungarischen Statthalterei und der ungarischen Hof- 
kanzlei begutachtet wurde (Oktober 1786). Mancher gute Rat- 
schlag kam jetzt zu spät, so z. B., dafs die Häuser für die An- 
siedler vor deren Eintreffen hätten hergestellt werden sollen; ferner 
dafs man die für Ungarn erforderliche Anzahl der Kolonisten im 
vorhinein hätte feststellen müssen u. dgl. m. Die mifsliche Lage 
der zur Privatansiedlung bestimmten Ansiedler wurde wieder be- 
stätigt. Über die Ansiedlung dieser Leute als blofse Beiwohner 
oder Inwohner (Inquilinen) wurde bemerkt, dafs man darauf sehen 
müsse, dafs sie nur jenen Orten zugewiesen würden, wo sie 
durch Lohnarbeit ihr Fortkommen finden könnten. Es sollte ver- 
kündet werden, dafs die im deutschen Reich verlautbarten An- 
siedlungsbegünstigungen aufgehoben seien; wer fortan kommen 
würde, könnte nur auf Privatherrschaften sein Unterkommen 
suchen; auf Reisegeld oder andere landesfürstliche Unterstützung 
habe er aber keine Ansprüche. Da es mit den Privatansiedlungen 
so schlecht ging, sollte man sich zur Herbeischaffung von An- 
siedlern für diese nicht herbeilassen. Am 30. Oktober entschied 



1) Vgl. oben S. 199, Anm. 2. 



Einstellung der staatlichen Kolonisation Ende 1786. 335 

darüber der Kaiser: „die auf Kosten des Staates bewirkte An- 
siedlung von Fremden mufs allerdings meiner bereits bestehenden 
Anordnung gemäls eingestellt bleiben ; künftighin wird die Ansied- 
lung von Kameralprädien, sowie schon mehrmals angeordnet habe, 
blofs mit Nationalisten (Einheimischen) bewirkt werden/' 

Im Dezember ergingen die Befehle wegen Sistierung der 
Ansiedlung an die Kommissäre im Reich; sie galten auch für 
Oalizien. Nur Blank erhielt noch die Bewilligung, 30 württem- 
bergische Familien, die er bereits 1786 für die vorhandenen freien 
Stellen aufgenommen hatte ^), zu schicken , damit sie in Liebling 
(Temeser Komitat) angesiedelt würden. Die Einstellung der An- 
siedlungen wurde in den ersten Wochen 1787 in der Frankfurter 
Zeitung bekannt gegeben. Aber auch das nützte nichts. Im 
April 1787 verständigte die ungarisch-siebenbürgische Hofkanzlei 
die Kommissäre Metternich, Röthlein und Bissingen -), dafs sich wieder 
„täglich mehr und mehr Einwanderer" in Wien einfänden. Da 
nun noch von den im vergangenen Jahre eingewanderten Fa- 
milien mehrere Hundert bisher nicht untergebracht worden waren 
•und vom Arar mit Brotfrüchteu und barem Geld verpflegt werden 
mufsten, forderte die Hofkanzlei, dafs die Einstellung der Ansied- 
lung wie früher deren Inangriffnahme durch „gedruckte Aver- 
tissements'' verlautbart würde; dies wäre nötig, weil die Land- 
leute selten Zeitungen läsen. Infolgedessen liefs Röthlein 400 Sonder- 
abdrücke herstellen und schickte sie an die 44 im Reiche ange- 
stellten k. k. Werbeoffiziere zur weiteren Verbreitung. 

Nunmehr soll der Vorgang bei der Josephinischen Ansied- 
lung in den verschiedenen Teilen Ungarns geschildert werden. 

Die ersten Ansiedlerzüge, die sich seit 1784 einfanden, wurden 
in den Komitat Bäcs und ins Banat geleitet; erst später begann 
die Ansiedlung in den anderen Teilen Ungarns, in den Freistädten 
und auf Privatgütern. 

Über die Ansiedlung im Komitate Bäcs sind wir besonders 
gut unterrichtet; für ihre Darstellung stehen uns nicht nur die 



1) Die ihm ursprünglich angegebene Anzahl (408) der verfügbaren An- 
sässigkeiten (s. oben S. 232) war später immer mehr herabgesetzt worden. 

2) Letzterer war an die Stelle Blanks getreten; vgl. oben S. 72. 



336 Die Ansie.Uunj^ ira Baoser Koraitat unter Joseph IL 

Akten, sondern vor allem auch die lebenswarme Schilderung eines- 
Ansiedlers zur Verfügung. Johann Eimann stammte aus Duchroth ia 
der Kurpfalz, war mit den Ansiedlern nach dem Komitat Bäcs ge- 
kommen und 1786 in Neu-Sziväcz Haus Nr. 66 angesiedelt worden. 
Er wurde 1793 Notar (Schreiber) der Gemeinde und versah diesen 
Dienst auch noch 1820, als er sich entschlofs, vor allem für die 
Deutschen selbst eine Geschichte ihrer Ansiedlung zu schreiben. 
Er „schmeichelte sich", dafs das Büchlein für sie „mehr wert sei, 
als hundert fade Romanen". Das Buch führt den Titel „Der 
deutsche Kolonist oder die deutsche Ansiedlung unter Kaiser Jo- 
seph IL in den Jahren 1783 bis 1787"; es war 1822 zu Pest von 
Job. Thomas v. Trattner gedruckt und bei Paul Gottlieb, Buch- 
binder in Apatin, vorrätig. 

Nach dieser Schilderung zogen die Auswanderer von der 
Rheingegend durch Franken über Würzburg und Nürnberg, oder 
durch Schwaben über Ulm, Günzburg und Donauwörth nach 
Regensburg. Hier erhielten sie vom kaiserl. Gesandten den Pafs, um 
durch Engelhartszell und Schärding mit allen Habseligkeiten frei 
in die kaiserl. Staaten einzutreten. In Wien meldeten sich die An- 
siedler bei der ungarischen Hofkanzlei. Hier wurden ihnen die 
in Deutschland ausgestellten Pässe abgenommen und neue zu- 
sammen mit 2 fl. Reisegeld für jede Person zugestellt. Nun be- 
gaben sich die Ansiedler nach Ofen, woher sie von der ungarischen 
Hofkammer nach ihrem Bestimmungsorte weitergeschickt wurden. 
Für diese Reise erhielt wieder jede Person 1 fl. ^). 

Die für Bäcs bestimmten Ansiedler hatten sich in Zombor 
zu melden. Aufser der Kameraladministration errichtete die un- 
garische Hofkammer hier zur Leitung des Ansiedlungswesens ein 
Rentamt und ein Bauamt. Ersteres hatte die Aufgabe, den An- 
siedlern ihre Gründe und sonstigen Begünstigungen zuzuweisen, 
letzteres für die planmäfsige Anlage der Ortschaften, die ordent- 
liche Ausmessung der Gründe und die vorschriftsmäfsige Errich- 
tung der Gebäude und Brunnen zu sorgen. Zu den Beamten der 
genannten Amter zählten auch die Deutschen Weifsenbach, Gromann 



1) Eimann rechnet ^om Ehein bis in den Bacser Komitat 160 Meilen oder 
320 Stunden. 



Die Ansicdiung im Bacser Koraitat unter Joseph II. 337 

und Perger. Zusammen sollten im Komitat Bäcs 3500 Familien 
angesiedelt werden. 

Sobald sich die Einwanderer in Zombor meldeten, erhielt wieder 
jeder 1 fl. Hierauf wurden sie in ein Protokoll eingetragen und 
ihnen statt ihrer Pässe Bücher übergeben, worin die ganze Familie 
und die ihr erteilten Begünstigungen eingetragen wurden ^). Fortan 
erhielt jede Person, die über zehn Jahre alt war, täglich 2 Kreuzer 
und eine Halbe Mehl, Kinder unter 10 Jahren 1 Kreuzer und 
ein Seidel Mehl 2)^ dann etwas Holz, Stroh und Essig. Diese Er- 
haltungsbeiträge wurden monatlich gereicht, bis die Familie Haus 
und Hof besafs und sich selbst ernähren konnte ^). Aufserdem 
wurden die Einwanderer in eine der alten Ortschaften z. B. Hod- 
säg, Filipova, Kernyäja, KoUut u. a. einquartiert, bis ihr eigenes 
Heim in dem bestimmten Ansiedlungsorte hergestellt war. In 
Neu Sziväcz, wo Eimaun selbst angesiedelt wurde, war der Vor- 
gang folgender: Auf Befehl des Rentamtes hatten sich am 1. Mai 
1786 alle Familienväter, die für diese Ansiedlung bestimmt waren, 
an der Siedlungsstätte einzufinden. Sodann erschien der Kontrolor 
Perger „mitten auf dem Platz in Neu-Sziväcz, stellte und ordnete 
alle Familienväter nach den Nummern ihrer Büchel in eine Reihe 
und so übergab er einem jeden seinen Hausplatz für erb und eigen". 
Hierauf wurden die Ansiedler bei den Raizen (einheimischen Serben) 
einquartiert, bis ihre Häuser erbaut wären. Allein viele bauten 
sich auf ihren Hausplätzen Rohrhütten, andere zogen in die neuen 
Häuser, sobald das Dach fertig war *). Die Ansiedler halfen den 
Bauarbeitern, damit die Gebäude rasch fertig würden. Innerhalb 
etlicher Monate konnte in Neu-Sziväcz jeder sein Haus beziehen. 
In jedem Orte wurde sofort bei der Ansiedlung ein Ortsvorsteher 

1) Es bestanden also hier wie in Galizien Einschreib-Biichel. 

2) 1 Prefsburger Hetzen (s. oben S. 200) = 75 Halbe = 150 Seitel 
(Seidel). Vgl. M. Schwartner, Statistik d. Königreichs Ungarn I (Ofen 1809), 
S. 392 f. 

3) Also gewöhnlich bis zur ersten Ernte. So waren die Ansiedler in Neu- 
Szivacz im Sommer 1786 angesiedelt worden. Die Verpflegung dauerte bis zur 
Ernte von 1787. 

4) Jedenfalls veranlafste die Deutschen die Unbequemlichkeit und der 
Schmutz in einheimischen Häusern zu diesem Schritte. Man vergleiche die ähn- 
lichen Zustände in Galizien oben S. 75. 



338 Die Ansiedlung im Bacser Komitat unter Joseph II. 

gewählt. Hierauf erhielt jeder Ansiedler die ihm gebührenden 
Geräte, Kühe und Pferde; ferner bekam jeder Bauer eine halbe 
oder eine viertel Session mit Winter- oder Sommerfrüchten angebaute 
Acker und die dazu gehörigen Wiesen. Die Saatfrüchte mufsten 
zurückerstattet werden (vgl. S. 227). Jeder Professionist erhielt zur 
Anschaffung seines Werkzeugs 50 fl. Ebenso wurde für die 
Kirche und Schule, ferner für die Anstellung eines Pfarrers, Lehrers 
und Dorf- Notars, für Feuerrequisiten und Brunnen gesorgt. Den. 
Ansiedlern kamen zehn Freijahre von allen Abgaben zu gute ^), 
nur dafs sie während des Türkenkrieges (1788 bis 1791) gegen 
Bezahlung Hilfe leisten mufsten. Auch wurden für die Kolonisten 
Spitäler errichtet, „wodurch — wie Eimann bemerkt — viele 
Hunderte, die die Veränderung des Klimas und andere Um- 
stände hin weggerafft hätten, vom Tode gerettet worden sind". 
Diese Spitäler bestanden jedoch nur bis zur Beendigung der An- 
siedlungen; 1789 wurde das letzte aufgehoben. 

Der günstige Fortschritt der Ansiedlung im Bäcser Komitat 
geht auch aus anderen Nachrichten hervor. Im Jahre 1784 konnten 
freilich statt der 250 geplanten Häuser nur 246 hergestellt und 
also ebenso viele Familien vollständig angesiedelt werden. Für 
1785 waren nur 760 Häuser im Antrag, es wurden aber 899 
Familien angesiedelt; freilich waren bis letzten November 1785 in 
den Bäcser Komitat zusammen schon 2057 Familien oder 9201 
Köpfe eingewandert, so dafs etwa 900 der Einwanderer noch in 
Einquartierung blieben. Im. Jahre 1786 wurden 1450 Familien 
untergebracht. Nach einem Statthaltereiberichte vom Herbst dieses 
Jahres hatte in Bäcs die Ansiedlung allen nur erwünschten Fort- 
gang. Die Ansiedler hatten nirgends über ihre Behandlung, 
Versorgung und Dotierung eine Klage vorgebracht, sondern wie 
der mit der Untersuchung betraute Statthaltereirat v. Revay be- 
richtete, „einhellig mit einem zufriedenen und ganz sichtlichem Ge- 
fühle der Dankbarkeit die aus der Freigebigkeit Eurer Majestät 
erhaltenen reichlichen Gaben anerkannt und geschätzt"; für die 



1) In Neu-Szivacz, das im Sommer 1786 gegründet worden war, begann 
im Juni 1796 die ordentliche Landeskontribution und Ende Oktober 1796 die 
Leistung der herrschaftlichen Schuldigkeiten. 



Die Ansiedlung im Bacser Komitat unter Joseph II. 231> 

noch unterzubringenden würden die Häuser trotz aller Schwierig- 
keiten, besonders der „ganz ungewöhnlichen unterirdischen Wasser- 
ergiefsungen", vor Eintritt des Winters fertiggestellt werden. Auch 
für die Ableitung der unterirdischen Wässer wurde Vorsorge ge- 
troffen. Bis Ende 1787 waren wieder 456 Familien untergebracht, 
zusammen also von 1784 bis 1787 3051 Familien. Ein Zeichen 
des tüchtigen Fortganges der Ansiedlung ist der Umstand, dafs 
im Januar 1788 nur 37 Familien in Verpflegung standen und der 
Ansiedlung harrten. Während nach diesem amtlichen Ausweise 
im ganzen von 1784 bis 1788 3088 Familien im Komitat Bäcs 
untergebracht wurden, gibt Eimann über den Ansiedlungserfolg 
folgende Übersicht: Auf Prädien wurden neu erbaut: 1784 Torzsa 
mit 250 Häusern; 1785 Cservenka mit 500 und Neu-Verbäsz 
mit 310 H.; 1786 Kisker mit 230 H., Szeghegy mit 230 H., 
Bulkesz mit 230 H.; 1787 Järek mit 80 H.; zusammen 1830 
Häuser mit ebensovielen Familien lutherischer und reformierter 
Deutschen. An bereits bestehende Dörfer wurden folgende Ko- 
lonien zugebaut: 1785 Palänka ^) mit 200 Häusern; 1786 Neu- 
Sziväcz mit 135, Sove mit 80, Kula mit 60, Parabuty mit 100, 
Raczmilitics mit 100, Brzestoväcz mit 150, Veproväcz mit 160, 
Kernyäja mit 100, Bezdän mit 85, Csonopla mit 100, Stanisics 
mit 100 und Almas mit 100 Häusern. Zusammen 1470 Häuser mit 
ebensovielen Familien, von denen nur die in Neu-Sziväcz und Söve 
reformiert, alle anderen katholisch waren. Im Ganzen wurden 
etwa in den genannten Ortschaften 3300 Familien angesiedelt, und 
da aufserdem noch zerstreut in anderen alten Dörfern etwa 200 
untergebracht wurden, so dürften etwa 3500 Familien angesiedelt 
worden sein. 

Die Gesamtkosten für jede Familie sollen nach der Schlufs- 
rechnung des Rentamts von 1789 500 fl. % somit für die 3500 Fa- 
milien 1750000 fl. betragen haben. Mit anderen Unkosten schätzt 
Eimann den Aufwand für die Besiedlung des Bäcser Komitats zur 
Zeit Josephs H. auf 2 Millionen Gulden. 

Hier mufs auch noch erwähnt werden, dafs zu Josephs Zeiten 

1) Wahrscheinlich entstand so Nemetpalanka. Vgl. oben S. 198. 

2) Dies entspricht dem Voranschlage der Hofkanzlei (507 fl.); vgl. oben 
S. 230. 



24:0 Die Kolonisation im Banat unter Joseph II. 

wohl auch schon im südöstlichen Winkel des Bäcser Komitats, der 
damals als sogenanntes Tschaikistenbataillon (eine Art Schiflfs- und 
Pioniertruppe) zur ungarischen Miiitärgrenze gehörte, sich Deutsche 
niederliefsen. Josephsdorf (Zsablya) mufs schon damals entstanden 
sein. Im Jahre 1790 wurden dem Tschaikistenbataillone 15 Fa- 
milien deutsche Einwanderer aus Südwestdeutschland zugewiesen. 
In Titel begegnet uns wenig später eine deutsche Schule (1803); 
es wohnten hier wohl vor allem deutsche Offiziere und Beamte. 

Weniger glücklich hatte sich die Ansiedlung im Banat ent- 
wickelt. Für 1784 war die Erbauung von 243 Häusern in Aus- 
sicht genommen; es wurden 315 erbaut und 302 Familien unter- 
gebracht. Für 1785 war die Errichtung von 1272 Häusern ge- 
plant, aber nur 719 Familien wurden wirklich untergebracht. Bis 
letzten November 1785 waren zusammen schon 2372 FamiHen oder 
11768 Personen eingewandert, so dafs über 1300 Familien auf die 
Ansiedlung warteten. Im Jahre 178G waren 1282 Häuser zu 
erbauen. Nach dem Berichte des Statthaltereirates Revay wurde 
wohl fleifsig gearbeitet und für die patentmäfsige Ausstattung der 
Ansiedler Vorsorge getroffen, aber es wurden 1786 nur 586 Fa- 
milien dotiert. Im Jahre 1787 wurden sodann 708 untergebracht, 
während 387 noch weiter warten mufsten. Zusammen waren seit 
1784 nach einem Berichte vom Januar 1788 27ü2 Familien zur 
Ansiedlung im Banat beantragt. Nach einem früheren Berichte 
von 1787 waren bis Ende dieses Jahres sogar 2880 Famihen unter- 
zubringen, während die Gesamtzahl der Eingewanderten 2988 be- 
trug. Bei Erstattung dieses Berichtes wurde bemerkt, dafs von 
den Einwanderern jedenfalls „noch viele aussterben oder entweichen 
würden". Tatsächlich hat sich, wie eben hervorgehoben wurde, 
die Zahl bis Anfang 1788 stark vermindert. Im grofsen und 
ganzen dürfte aber die Verteilung der Ansiedler in der Art erfolgt 
sein, wie sie der letztzitierte Bericht von 1787 angibt. Darnach 
wurden 14 Orte neuerbaut und 13 alte vergröfsert. 

Neuerbant wurden 1784 bis 1787 folgende Orte: Orczidorf, 
Niczkidorf, Bachövär, Liebling, Rittberg, Traunau, Daruvär, Herrn- 
dienst, Rekas, Freudenthal, Margitta (Margitfalva), Moritzfeld, 
Gladna, Ebendorf. Vergröfsert wurden: Szentandräs, Klein-Becs- 
kerek, Szakälhäza, Freidorf, Lovrin, Blumenthal, Mercydorf, Csä- 



Die Kolonisation im Bauat unter Joseph II. 341 

kova^ Moravicza, Gyertyämos, Versecz, Facset und Gross-Becskerek. 
Weitere Ansiedlungen fanden statt in Nagyzsäm (1787), Zichy- 
dorf (1789) und Vecsehäza (1790/1). Im deutschbanater Grenz- 
bezirk wurde aufserdem Brestovac besiedelt (1786). 

Der Hauptübelstand bei der Ansiedlung im Banat bestand 
darin, dafs man „aus Mangel an anderen bequemeren Gründen" 
mehrere Dörfer auf unbeurbarten, mit Gestrüpp verwachsenen oder 
auch wasserarmen Gebieten erbaute. Schon in dem erwähnten 
Berichte Revays heifst es, dafs die Kolonisten bei der Ansiedlung 
wenigstens eine ordentlich zubereitete Flur erhalten müfsten; 
zur Ausstockung und Reinigung der zweiten und dritten Flur 
sollte ihnen Robothilfe gewährt werden ^). Die Folge dieser un- 
genügenden Dotierung war, dafs einzelne Dörfer in gröfste Not 
gerieten. Dazu kam, dafs auch die Häuser mitunter schlecht ge- 
baut und Brunnen in nicht genügender Zahl hergestellt worden 
waren. So klagten in den folgenden Jahren die Rittberger Ko- 
lonisten wiederholt über Unfruchtbarkeit des Bodens und Wasser- 
mangel. Diese Klagen hörten auch nicht auf, als 1791 ein Teil 
der Ansiedier abgestiftet oder versetzt wurde und andere Ko- 
lonisten an ihre Stelle kamen; die Bestiftung von Rittberg liefs 
tatsächlich viel zu wünschen übrig. Die Felder waren den Ko- 
lonisten zumeist mit Gestrüpp bewachsen übergeben und nur all- 
mählich auf Ararialkosten gereinigt worden *, 1794 waren erst zwei 
Fluren brauchbar; 1798 mufste man ihnen noch vier Brunnen mit 
Schöpfmaschinen errichten und ihnen neue Freijahre gewähren. 
Trotzdem konnten sich die Deutschen hier nicht erhalten, da sie 
fortwährend von Räubern und Brandstiftern heimgesucht wurden. 
Schliefslich zogen sie in andere Orte fort und die Kolonie ging 
an die Magyaren verloren , heute heifst sie Vegvär ^). Ahnhche 
Mifsstände in der Bestiftung beklagten die Ebendorfer. Überdies 



1) Da es sich um die Beurbarung von Staatsgütern handelte, konnten die 
robotpflichtigen Eingeborenen zur Arbeit verhalten werden. Die Erwähnung der 
drei Fluren hängt mit der damals üblichen Dreifelderwirtschaft zusammen. Vgl. 
oben S. 132. 

2) Das Sengen und Brennen der walachischen Mitwohner bewog übrigens 
auch die Deutschen und Ungarn von Klopodia zum Verlassen ihrer Siedlungen 
(1818). 

Kaindl, Gesch. d, Deutschen i. d. Karpath. in. 16 



242 Die Kolonisation im Banat unter Joseph II. 

waren hier schon 1792 von den erst 1786 und 1787 errichteten 
120 Häusern 90 beschädigt, 15 ganz baufällig; man hatte bei 
der Gründung der Kolonie „den Bau äufserst betrieben"; die 
Ziegeln sollen „gröfstenteils von sehr schlechter Qualität gewesen 
sein". Dazu kam, dafs die Ebendorfer während des Türken- 
krieges (1788) die Flucht ergriffen und die Soldaten die Ge- 
bäude zugrunde richteten. Überdies waren hier die Gesundheits- 
verhältnisse sehr schlecht; von den 115 Familien, die in diesem 
Orte 1789 wohnten, waren 1796 schon 25 ganz ausgestorben 
und von 9 nur die Waisen vorhanden. Ebenso stand es um 
die Kolonie Daruvär. Infolge ihrer häufigen Klagen wollte man 
132 von den 202 Wirten wegjagen. Aber die Untersuchung 
von 1795 zeigte, dafs die Daruvärer Kolonisten „nicht in sehr 
glücklichen Umständen lebten", die Acker waren tatsächlich 
„nicht die besten", 42 Häuser mufsten zusammengerissen werden; 
es herrschte Wassermangel, da selbst die 25 Klafter tiefen Brunnen 
öfters ganz trocken waren. Schliefslich mufsten 1796 die bis- 
herigen 202 Ansässigkeiten auf 160 herabgesetzt werden; die 
besseren Gründe wurden ihnen zu Ackerstellen, die anderen aber 
zur Viehzucht und Waldpflege zugewiesen. Die hier abgestifteten 
Ansiedler wurden zu Moritzfeld und Freudenthal untergebracht 
und ihnen allerlei Unterstützungen gewährt. Die Moritzfelder An- 
siedler hatten aber auch mit mancherlei Übeln zu kämpfen. Auch 
ihnen waren nur wenige urbare Gründe übergeben worden; ein 
Teil ihrer Felder war Überschwemmungen ausgesetzt. Noch 1800 
wurden durch die Kameralherrschaft hier Absteckungen bewirkt. 
Sie besafsen bis 1799 nur einen einzigen brauchbaren Brunnen 
und hatten daher Wassermangel. Überdies litt die Entwicklung 5 
der Ansiedlung „ durch das Aussterben vieler Familienhäupter und 
durch die vielen Krankheiten der an das dortige Klima nicht ge- 
wöhnten Kolonisten". Manches Haus wechselte von 1787 bii 
1797 zwei-, drei- bis viermal durch Absterben und durch Verka 
seinen Besitzer. Von den 200 Häusern waren 1797 nur noch 5 
von ihren ersten im Jahre 1787 angesiedelten Kolonisten besetzt 
67 ganze und 7 halbe Ansässigkeiten waren infolge der geschili 
derten Umstände jahrelang unbebaut geblieben; im August 179 
standen 55 Häuser leer. Dazu war die Gemeinde auch noch währen 



Die AnsiedluDgen in d. übrigen Teilen Ungarns unter Joseph n. 243 

des Türkenkrieges (1788 bis 1791) durch Vorspann sehr hart mit- 
genommen worden und durch die von den Nationalisten ausgeübten 
Räubereien in gröfste Armut geraten. Schlecht erging es auch den 
Ansiedlern in Vecsehäza, denn diese besafsen nicht nur schlechte 
Gründe, sondern hatten auch weder Vieh noch Gerätschaften er- 
halten. Sie waren nämlich meistens aus anderen Orten Ungarns ge- 
kommen und hatten sich blofs unter Gewährung von drei Frei- 
jahren selbst angesiedelt. Da sie nicht zu Kräften kommen 
konnten, wurde 1794 ihre Dotierung mit Vieh und Gerätschaften, 
sowie die Verlängerung der Freijahre vorgeschlagen. 

Schliefslich ist noch ein Mifsstand zu erwähnen. Infolge der 
Schwierigkeit, die zahlreichen Ansiedler unterzubringen, ging man 
von dem sonst beobachteten Grundsatze ab, blofs Leute von der- 
selben Religion an einem Orte anzusiedeln. Später mufsten daher 
einige Übersiedlungen vorgenommen werden, um in einem Orte 
nicht Prediger und Lehrer für die verschiedenen Glaubensbekennt- 
nisse erhalten zu müssen. So erfolgte 1791 die Übersetzung der 
katholischen Ansiedler aus Rittberg nach Daruvär, Vecsehäza und 
Moravicza, während 78 evangelische Familien aus Daruvär nach 
Rittberg geschickt wurden. 

Verhältnismäfsig unbedeutend waren auch unter Kaiser Joseph 
die Besiedlungsergebnisse in den anderen Teilen Ungarns. 
Im Jahre 1784 fanden überhaupt keine Ansiedlungen aufserhalb des 
Komitats Bäcs und des Banates statt. Erst 1785 wurden nach 
einigen Gegenden des übrigen Ungarns deutsche Ansiedler ge- 
schickt; in diesem Jahre sollten 300 Häuser im Arader Bezirk, 
142 auf den geistlichen Gütern Czegl^d und Taksony im Pester 
Bezirk, 150 in der Abtei Földvär in der Fünfkirchner Gegend, 
40 auf der Herrschaft Särospatak im Komitat Zemplen und endlich 
36 im Märmaroser Komitat errichtet werden. TatsächHch wurden 
1785 im ganzen nur 108 Familien angesiedelt. Dieser geringe Erfolg 
veranlafste im folgenden Jahre eine Untersuchung durch den 
Statthaltereirat v. Revay. Dieser traf im Arader Bezirk, wo die 
gröfsere Anzahl der Ansiedler unterzubringen war, trostlose Ver- 
hältnisse. Vor allem war hier nicht für 300, sondern höchstens 
für 242 Familien Platz; sie sollten in Puszta Panät (Üjpanät), 
Pankota und Paulis (Üjpaulis) angesiedelt werden. Aber die 

16* 



244 Die Ansiedlungen in d. übrigen Teilen Ungarns unter Joseph II. 

Gründe waren noch nicht eingeteilt, nicht beackert und nicht be- 
baut. Von den Häusern war bis August 1786 nur etwa ein Viertel 
erbaut. Die Ansiedler hatten noch nicht ihr Vieh und ihre Ge- 
rätschaften erhalten. Im Jahre 1786 wurden nur 89 Familien 
hier angesiedelt, im folgenden Jahre 117, während 36 weitere erst 
1788 untergebracht werden sollten. 

Zu den Reichsemigranten gesellte sich auch jetzt eine kleinere 
Anzahl von Kolonisten aus Preufsen. Da in den Sudetenländern 
und in Galizien für preufsische Einwanderer kein Platz mehr vor- 
handen war, wurde 1786 die ungarische Hofkanzlei zu ihrer Auf- 
nahme aufgefordert. Am 9. Juni berichtete sie, dafs noch viele 
„Deutsche aus dem Reich" auf die Ansiedlung warteten. Es werde 
daher nicht möglich sein, die „ preufsischen Untertanen als Bauern 
mit Haus und Grundstücken zu versehen. Es bleibe daher nichts 
weiter übrig, als dafs sie nach Mafs ihrer Tauglichkeit entweder 
als blofse Inwohner mit Häusern und einem Grundstück zum 
Garten oder als Beiwohner in den Kameralgütern mit Zugebung 
einer Milchkuh untergebracht würden, wie das auch mit den übrigen 
Emigranten bereits geschehen sei ^). Die Professionisten , Hand- 
werker und Fabrikanten sollten aber in den königlichen Freistädten 
oder grofsen Marktflecken als bürgerliche Meister mit den für die 
deutschen Reichseinwanderer bewilligten Begünstigungen unter- 
gebracht werden." Kaiser Joseph genehmigte diese Vorschläge. 
Fast gleichzeitig traf bereits ein Bericht der ungarischen Statt- 
halterei ein, dafs die Kaschauer Kameraladministration 21 aus 
74 Köpfen bestehende preufsische Familien auf der Herrschaft 
Pekl^n 2) untergebracht habe. 

Im ganzen wurden in Ungarn aufserhalb des Komitates Bäcs 
und des Banats im Jahre 1785: 108, 1786: 758 und im folgenden 
Jahre 723 Famihen angesiedelt; 221 sollten 1788 untergebracht 
werden. Die Gesamtzahl betrug somit blofs 1810^). Angesiedelt 
wurden diese Kolonisten in folgenden Ortschaften: Altofen, (Cze- 
gl^d) Berczel, Taksony (Komitat Pest); Kirva (Kom. Gran); 

1) Vgl. oben S. 233. Die Beiwohner oder Inleute erhielten kein eigenes Haus. 

2) Jetzt offenbar Keczerpeklen, wo auch gegenwärtig Deutsche wohnen. 

3) Im eigentlichen Ungarn blofs 1738, da 72 in Kutjevo (Kom. Pozega) 
in Kroatien angesiedelt wurden. 



Die Ansiedlungen in d. übrigen Teilen Ungarns unter Joseph IL 245 

(N^met-) Diöszeg, Boleräz (Kom. Prefsburg); Mocsonok, Kolos, 
(Kom. Neutra); Ungvär (Kom. Ung); Bocskö (Kom. Ugocsa); 
Huszt (Kom. Märmaros); (Nemet-) Sövär, Boroszlo, Luzsänka, 
Pekl^n (Kom. Säros), Alsömislye, Reg^cz, Kaschaii (Kom. Abauj- 
Torna); Lechnicz (Sublechnicz und Omajor), Lublau (Kom. Zips); 
Särospatak und Tokaj (Kom. Zemplön) ; (Uj-) Palota (Kom. Bihar) ; 
Arad (Kom. Arad); (Duna-) Földvär (Kom. Tolna); Pöcsvärad 
(Kom. Baranya). Durch neuere Einwanderungen in die letztge- 
nannten zwei Komitate sind die älteren schwäbischen Ansiedlungen ^) 
in der sogenannten „schwäbischen Türkei" gestärkt worden. In 
den folgenden Jahren breiteten sich die Ansiedlungen auch 
über andere Orte aus; so in der Zips nach Pudlein, Rauschen- 
bach und „Kaltenberg", im Komitat Zemplön nach Hosszulasz, im 
Komitat Abauj-Torna nach Szina, im Komitat Säros nach Huv^sz, 
Kajata und Mochnya, in der Märmaros in Hosszümezö u. a. 

Aber auch diese verhältnismäfsig geringe Anzahl von Kolonisten 
war zum Teil schlecht untergebracht worden. Dies gilt besonders 
von den Ansiedlern in verschiedenen Gegenden des nördlichen 
Ungarns. So hatten die deutschen Ansiedler in Ungvär keine 
fertigen Häuser bekommen; da ihnen auch keine Scheuern herge- 
stellt worden waren, verdarben ihre Früchte. Darauf wurde be- 
fohlen, sie sollten ihr Heu und ihre Früchte unter dem landesüblichen 
Strohdach verwahren ; man bezeichnete sie als trag und gab ihnen 
zur Überwachung einen Spann. Die Leute baten aber teils um 
ihre Entlassung, teils um Versetzung an andere Orte, weil sie un- 
genügend ausgestattet wären. Unglück hatten auch die Ansiedler 
in der Märmaros. Den 5 deutschen Kolonisten in Hosszümezö: 
Ferdinand Eisert, Franz Mühlbacher, Niklas Lauber, Heinrich 
Konrad und Johann Steinbacher verbrannten schon 1789 ihre 
Häuser und Geräte. Den Kolonisten zu Huszt in demselben Ko- 
mitat mufsten die in den „notvollen" Jahren 1786 und 1787 er- 
haltenen „Nahrungs- und Samenfrüchte" im Werte von 526 fl. 
48 Kr. nachgesehen werden, weil „die Gegend rauh und dem 
Mifswachs sehr unterworfen war". Ebenso klagten die Ansiedler 
in den tief in den Karpathen liegenden Ortschaften Lublau und 



1) Vgl. Bd. II, S. 127 u. 181. 



246 Die Ansiedlungen in d. übrigen Teilen Ungarns unter Joseph II. 

Pudlein (Komitat Zips) über Unfruchtbarkeit und Unzulänglich- 
keit der Gründe. Man bestellte ihnen zunächst Spanns, die sie 
zu besserer Wirtschaft anhalten sollten, und stiftete Unverbesser- 
liche ab. Im Jahre 1792 sah man sich aber doch veranlafst, An- 
siedler aus den genannten zwei Orten ins Banat zu versetzen ^). 
Auch andere Kolonisten aus Nordungarn kamen schliefslich ins 
Banat. So wurden die Kolonisten aus Huvösz (Komitat Säros), 
die infolge der Unfruchtbarkeit ihrer Gründe und einer Feuers- 
brunst verarmt waren, auf 34 Hausstellen in Rittberg untergebracht, 
von denen die Ansiedler entwichen waren ; sie erhielten wie andere 
inländische Kolonisten drei Freijahre, ferner gegen künftigen Er- 
satz Kühe und Pferde (1790). Zahlreiche deutsche Kolonisten 
aus Kajata, Mochnya und Boroszlö (Komitat Säros) verliefsen 
wegen Mifswachs und Not diese ungünstigen Ansiedlungen eigen- 
mächtig und wanderten ins Banat; sie wurden in Csatäd aufge- 
nommen. Da wahrscheinlich auch noch andere in Nordungarn an- 
gesiedelte Deutsche wegzogen, so dürfte die Zahl der dort ver- 
bliebenen Ansiedler nicht grofs gewesen sein. Aber auch aus 
anderen Teilen Ungarns fanden Übersiedlungen statt. So zogen 
120 Kolonisten aus Czegl^dberczel (Komitat Pest) und 27 Familien 
aus Ujlak (Komitat Neutra) ins Banat. Viele von den in Ungarn 
entstandenen deutschen Siedlungen verschwanden also nach kurzem 
Bestände. Von mancher taucht nur hie und da eine Kunde auf. 
So baten 1784 die „Kalviner" zu Zänka und Szepezd im Ko- 
mitat Zala um das ihnen „als Ansiedlern aus dem Reich" zuge- 
sicherte „Rehgionsexerzitium*', und in demselben Jahre beschwerten 
sich die in Tasnäd im mittleren Szolnoker Komitat (jetzt Komitat 
Szilägy) angesiedelten „Schwaben" über ihre Grundherren. An 
allen drei genannten Orten wohnen jetzt nur Magyaren. 

Die zuletzt genannten Ansiedler scheinen auf Privatgründen 
sich angesiedelt zu haben. Die Privatansiedlung hatte überhaupt 
den geringsten Erfolg; sie mifslang in Ungarn ebenso wie in Ga- 
lizien. Zwar hatten sich einige Grundherren gemeldet und die 
Ansiedler waren an sie geschickt worden (vgl. S. 232), aber zu 

1) Selbst noch 1817 und 1831 kamen die Ansiedler in der Zips (Neu- 
Lublau, Pudlein und Ober-Kauschenbach) nicht zur Ruhe. Sie erhielten das Prä- 
dium Laczkova, wurden dann von ihm entfernt und darauf wieder eingesetzt. 



I 



Privatansiedlungen in Ungarn zur Zeit Josephs 11. 247 

einem erspriefslichen Fortgang dieser Kolonisation kam es nicht. 
Der Grundherr Kiss hatte inzwischen seine Gründe an einheimische 
Ansiedler vergeben und hatte überhaupt keinen Platz mehr für 
die Deutschen. Die anderen Grundherren boten so wenige Be- 
günstigungen, dafs die Ansiedler bei ihnen nicht bleiben wollten; 
sie drohten, wieder nach Wien zurückzugehen. Trotzdem die Re- 
gierung gegen diese blofs zur Privatansiedlung angenommenen 
Leute keine Verpflichtungen hatte, sah sie sich doch veranlafst, 
ihnen zur Hilfe zu kommen und sie in Kameraldörfern zur Not 
unterzubringen. Auch verschaffte man ihnen nach Möglichkeit 
Verdienst beim Hausbau und bei der Feldarbeit. 

Als ein typisches Beispiel, wie es Ansiedlern auf privaten 
Grundherrschaften erging, kann das Schicksal der Ansiedler auf 
der gräflichen Herrschaft Ruma gelten. Graf Pejachevich hatte 
sich bereit erklärt, mehrere hundert deutscher Ansiedler daselbst 
aufzunehmen. Vom April 1786 an trafen diese in Ruma ein. 
Einige Wochen später begannen die Ansiedler herbe Klagen zu 
führen; insbesondere überreichten sie Kaiser Joseph H., als er sich 
am 4. Juli 1786 in dem nahe gelegenen Mitrowitz aufhielt, ihre 
Beschwerden. Sie klagten, dafs die weite Reise viel Geld gekostet 
hätte; wer noch Geld besafs, habe jene, die nichts mehr hatten, 
unterstützt. Ihre Lage in Ruma wäre überaus schlecht: „Gott 
möge sich solchergestalt über alle Ansiedler in Ruma erbarmen". 
Sie könnten auf diesem Dominium nicht bestehen, weil sie nichts 
erhalten hätten als für jede FamiUe 5i Joch Grund, wovon man 
nicht leben könnte. Vom Komitat wurden ihnen zwar zehn Frei- 
jahre zugesichert, von der Grundherrschaft aber nur drei. Zum 
Häuserbau wollte man ihnen nur das Holz geben, das sie sich 
selbst zuführen sollten; sie hätten aber zum Bau kein Geld. Sie 
bäten daher, an einen anderen Ort versetzt zu werden, oder aber 
um die Begünstigungen, welche andere Ansiedler erhalten hätten. 
Andere ähnliche Gesuche wurden dem Kaiser in Peterwardein am 
6. Juli übergeben. Dreifsig elsäfsische Familien baten nach Fünf- 
kirchen geschickt zu werden; andere wollten ins Bäcser Komitat. 
Daher befahl der Kaiser schon am 8. Juli aus Zombor, dafs die 
aus Ruma zurückkehrenden Ansiedler nach Möglichkeit unter- 
gebracht würden (vgl. oben S. 234). Die Behörden, die zunächst 



248 Privatansiedlungeu in Ungarn zur Zeit Josephs II. 

^iese Kolonisten wenig berücksichtigen wollten, sahen sich schliefs- 
lich durch die Not der besonders nach dem Komitat Bäcs zurück- 
kehrenden Leute zu ihrer tatkräftigen Unterstützung genötigt. Ein 
Bericht vom 31. August 1786 führt aus, dafs die Ansiedler ihren 
Geldvorrat verzehrt hätten; durch die ausgestandene grofse Not 
und die infolge derselben eingerissenen Krankheiten wären sie aufs 
äufserste erschöpft, so dafs man die Kranken in die Spitäler 
bringen müfste. Der Kaiser habe gestattet, dafs man diese An- 
siedler bei behausten Kolonisten unterbringe, ihnen kleine Gründe 
zu Gärten und Melkkühe gäbe; eine vorläufige Verpflegung wäre 
jedoch nicht gewährt worden. Infolge der geschilderten traurigen 
Umstände sahen sich aber die Zomborer Administration, die unga- 
rische Statthalterei und die ungarisch - siebenbürgische Hof kanzlei 
genötigt, um weitere Aushilfe und um Zuteilung von Gründen an- 
zusuchen. Auch der Statthaltereirat v. Kempelen, der damals den 
Stand der Ansiedlungen in Ungarn untersuchte, nahm sich dieser 
Ansiedler warm an. Der Kaiser bewilligte die erbetene Unter- 
stützung, befahl aber gegen den Grafen Pejachevich, „der diese 
Leute wirklich angeführt hat", eine Untersuchung einzuleiten. Ins- 
besondere forderte das Staatsärar von diesem Grundherrn 2416 fl. 
8 Kr. als Ersatz für die Heilungskosten der erkrankten Rumaer 
Kolonisten. Pejachevich führte dagegen aus, dafs er den 700 über- 
nommenen Ansiedlern blofs deshalb das freie Bauholz nicht habe 
zustellen können, weil seine bei Ruma liegenden Wälder inzwischen 
dem Peterwardeiner Regiment zugesprochen worden wären; zur 
Herbeiführung des Bauholzes aus entfernten Waldungen oder zum 
Ankauf desselben hätte er nicht die Mittel gehabt. Daraufhin 
sprach der Kaiser den Grafen von aller Verantwortung frei. Die 
Ansiedler wurden bis auf eine geringe Anzahl, die in Ruma ver- 
blieben, zur Kameralansiedlung im Bäcser Komitat angenommen. 
Es wurden ihnen aber nur verminderte Ansiedlungsbegünstigungei 
gewährt; für einen Bauern sollten nur 301 fl. 38 Kreuzer, für^ 
einen Kleinhäusler 220 fl. 15 Kr. und für einen Handwerker mit 
Inbegriff des patentmäfsigen Vorschusses 268 fl. 28 Kr. ver- 
wendet werden, also beinahe um die Hälfte weniger als manj 
früher ausgegeben hatte. Der Kaiser genehmigte im Dezember 178( 
diese Vorschläge mit dem Zusätze, dafs auf gleiche Weise aucl 



AnsiedluDg von Handwerkern. 249 

andere auf eigene Gefahr gekommene Ansiedler behandelt werden 
sollten. Als die aus Ruma nach Bäcs eingewanderten Familien 
nochmals die ganze Kameralbegünstigung forderten, wurden sie 
abgewiesen. 

Wie diesen Privatansiedlern erging es später jenen, die der 
Reichsnotar v. Leutner zur Ansiedlung auf die Güter der Grafen 
Batthyany angenommen hatte. Graf Theodor Batthyany nahm sie 
nicht an, weil sie nicht genügendes Vermögen besafsen. Auf 
kaiserlichen Befehl wurden sie im Banat untergebracht (1790). 

Eine besondere Gruppe von Einwanderern bildeten die Hand- 
werker. Gewerbetreibende, die am Lande nötig waren, wie Zimmer- 
leute, Maurer, Tischler, Schmiede u. dgl. wurden auch auf den 
Dörfern angesiedelt; in den Ansiedlungsorten fanden sie sofort 
beim Baue der Kolonistenhäuser Verdienst. Viele Handwerker 
zogen es wie in GaHzien vor, sich als Bauern ansiedeln zu lassen. 
So erfahren wir aus einem Berichte von 1784, dafs sich verschie- 
dene Handwerker zur Ansiedlung in Temesvär gemeldet hatten ; nur 
drei liefsen sich tatsächlich nieder. Alle anderen behaupteten, dafs 
die als Unterstützung für Handwerker bestimmten 50 fl. ohne 
Haus-, Zug- und Melkvieh, ferner ohne Feldgeräte viel zu wenig 
seien, dafs sie also lieber auf die Dörfer gingen, um Ackerbau zu 
lernen und zu betreiben. Daher wurde der Antrag auf Erhöhung 
der Unterstützung für Gewerbetreibende gestellt ; man sollte ihnen 
nach Bedarf noch weitere 50 — 100 fl., Fabrikanten, insbesondere 
Tuchmachern, auch 100 — 200 fl. gegen Rückzahlung in 6 Jahren 
bewilligen. Tuchmacher nahm man sowohl aus Osterreich als auch 
aus Deutschland an. So sollte der Kommissär Blank den Tuch- und 
Zeugmacher Christian Müller in Neresheim (Württemberg) zur An- 
siedlung in Fünfkirchen gewinnen; er würde die vom Kaiser be- 
willigten Begünstigungen erhalten; auch wollte man ihm zu einem 
eigenen Hause verhelfen. Für den Wachsbleicher Ernst, der in 
Apatin angesiedelt worden war, wurde sogar ein Vorschufs von 
500 fl. beantragt. 

Aus der vorstehenden Schilderung geht hervor, welche 
Schwierigkeiten die Unterbringung der nach Ungarn gekommenen 
Ansiedler bereitete. Nach der Einstellung der Aufnahme neuer 
Kolonisten (1786,7) währte es noch Jahre lang, bis die nicht 



250 Kolonisation in Ungarn von 1790—1800. 

untergebrachten oder an ungeeigneten Ansiedlungsorten ange- 
siedelten zur Ruhe kamen. Diese Arbeiten waren auch beim Tode 
Kaiser Josephs (1790) nicht abgeschlossen. Was bis 1800 für die 
Ansiedlungen in Ungarn geschah, kann nur als Fortsetzung und 
Beendigung der Josephinischen Kolonisation betrachtet werden. 
Zu neuen gröfseren Unternehmungen liefsen es die inneren Wirren 
und die durch die französische Revolution heraufbeschworenen 
äufseren Verhältnisse nicht kommen. Aufser für die schon oben 
geschilderten Übersiedlungen von Kolonisten wurde vor allem 
für die Wiederbesetzung jener Ansässigkeiten Sorge getragen, 
die von deutschen Ansiedlern verlassen wurden. Solche Häuser 
gab es stets eine gröfsere Zahl, und zwar besonders im Banat und 
in den deutschbanatischen Grenzgebieten, die durch den letzten 
Türkenkrieg sehr gelitten hatten. Für diese leeren Ansässigkeiten 
wurden sowohl Einwanderer aus Südwestdeutschland als auch aus 
Österreich (z. B. steirische Holzknechte) aufgenommen ; doch wurden 
ihnen aufser einigen Freijahren keine Unterstützungen gewährt. 
Gröfsere Ansiedlungsanträge wurden geradezu zurückgewiesen. 
Daher kam es auch 1790 bis 1800 nur zur Begründung einer ge- 
ringen Zahl von Neuansiedlungen, und zwar nur im Banat. Wie 
sparsam dabei vorgegangen wurde, lehrt z. B. das Beispiel von 
Franzfeld im deutschbanatischen Grenzbezirk. Das Ärar hatte 
hier 100 Ansiedlerhäuser erbaut, doch mufsten die Ansiedler die 
Baukosten, sowie das Zugvieh und die gelieferten Gerätschaften 
bezahlen; nur die Grundstücke erhielten sie unentgeltlich. Ange- 
siedelt wurden hier zumeist Württemberger, ferner Baden-Durlacher, 
dann einige Einwanderer aus der linksrheinischen Pfalz und aus 
dem Elsafs. Es waren nämlich 1790 aus dem Elsafs, Lothringen, 
Schwaben, Württemberg, Baden, Nassau, ferner aus Basel und 
anderen Orten drei deutsche Kolonistentransporte mit zusammen 
1920 Seelen gekommen. Von diesen blieben 484 Familien, im 
deutschbanater Gebiet ^). 

Entstanden sind in dieser Zeit im Banat folgende Ansied- 

1) Eine Anzahl kam zum Tschaikistenbataillon (s. oben S. 240), andere 
wurden in der slawonischen Militärgrenze angesiedelt (s. unten). Vielleicht sind 
diese Ansiedler identisch mit jenen, die Graf Batthyany nicht angenommen hatte 
(8. oben S. 249). 



I 



Ansiedlungen in der Banater Militärgrenze im 19. Jahrhundert. 251 

langen : Mödos, Ndköfalva, Josefsdorf ( Jözsef faiva) und Franzdorf 
{1792), Nemeteeska (1793), endlich Katharinenfeld (Katalinfalva 
1795). Aufserdem wurden im deutschbanater Regimentsbezirk 
Deutsche in Orsova (1791) und Franzfeld (1792) angesiedelt. 
Manche geplante Kolonie ist nicht zustande gekommen. Dies gilt 
Äuch von den Ansiedlungen in Pakäczi und Cservena Media (Toron- 
täler Komitat), welche zur Erzielung der öffentlichen Sicherheit 
hätten angelegt werden sollen (1800). 

Die deutschen Ansiedlungen in Ungarn im 19. Jahrliundert. 

Eine neue Ansiedlungsperiode begann in Ungarn erst nach 
dem Frieden von Luneville (9. Februar 1801). Die günstigen 
Zeitverhältnisse, wie sie schon an einer anderen Stelle dieses 
Buches geschildert worden sind ^), wurden sofort vom Hofkriegs- 
rate „zur mehreren Bevölkerung und besseren Anbau der banatischen 
Militärgrenze" benützt. Die zahlreichen Kriege hatten nämlich 
die männliche Bevölkerung der Grenze sehr gelichtet und die Mi- 
litärbehörden sahen sich daher genötigt, neue Ansiedler ins Land 
zu ziehen. Um sie herbeizulocken, wurden die Freiheiten den auf 
den Kameral ansiedlungen üblichen angepafst. Schon Ende 1799 
war diese Ansiedlungsnorm entworfen worden, und nun begann 
unter der „stillen Mitwirkung" der k. k. Gesandtschaft im deut- 
schen Reich die Anwerbung der Ansiedler für das Banat. Als 
Reisegeld zahlte man jeder Familie, die kinderlos war oder nur 
ein Kind hatte, 35 fl.; Familien mit 2 bis 4 Kindern erhielten 52 fl.; 
noch kinderreicheren Familien wurden 70 fl. gezahlt. Der Erfolg 
dieser Vorkehrungen war so bedeutend, dafs bis Frühjahr 1802 
alle verfügbaren Häuser vergeben und nur noch freie Grundstücke 
vorhanden waren. Im folgenden Jahre wurden aber doch wieder 
Plätze für 132 Familien in dem deutschbanatischen Regimentsbezirk, 
und zwar in Franzfeld, Perlas, Oppova, Glogon, Kubin und anderen 
Orten ermittelt. Die Ansiedlungsbedingungen in dem Militärgrenz- 
gebiete waren recht günstig. Eine „Session" Grund bestand in 
24 Joch Acker, 10 Joch Wiesen und 8 Joch Hutweide. Je nach 
der Gröfse seiner Familie erhielt ein Ansiedler eine halbe bis 



1) Vgl. oben S. 84 ff. 



253 Ansiedliingen in der Banator Miiitärjijrcnze im 19. Jahrhundert. 

zwei Sessionen. Nach der Abnahme oder Zunahme der Familien» 
mitglieder wurde der Umfang der Session verkleinert oder ver- 
gröfsert; dies war möglich, weil hier die Gründe nicht erbeigen- 
tümHch verliehen wurden und daher auch nicht willkürlich ver- 
kauft werden durften. Nach einer Verordnung vom 17. September 
1800 genossen die neuen Ansiedler zehnjährige Freiheit von den 
Grundabgaben und der , , Enroullierung zum Waffenstand'', 
Nach Ablauf der Freijahre zahlten die Grenzer von jedem Joch 
Acker, Wiese oder Hut weide 26 Kr. und von jedem Joch Wein- 
garten 2 fl. 40 Kr. Ferner wurden sie „mit Rücksicht auf die 
Bestreitung der Wirtschaft und ihre körperlichen Eigenschaften" 
im Alter von 17 bis beiläufig 40 Jahren zum Waflfenstand „en- 
roulliert", so dafs von drei mannbaren Köpfen einer Familie einer^ 
von vier dagegen zwei zum Waffendienst genommen wurden. Diese 
erhielten die festgesetzte Löhnung und Waffen. Aufser der „ge- 
meinschaftlichen Robot" (zur Herstellung von Strafsen u. dgl.) gab 
es in der Militärgrenze keine besondere Robotschuldigkeit des An- 
siedlers für das Arar; waren Arbeitskräfte nötig, so erhielten die 
Grenzer für jeden Handrobottag 18 Kreuzer, für den Zugrobottag 
15 Kreuzer^). Jede Familie, die eine Session Grund innehatte, 
erhielt 2 Zugpferde, 4 Ochsen und 2 Kühe. 

Als neue Ansiedlung entstand damals Karlsdorf (1803). Im 
Jahre 1807 zählte man im deutschbanatischen Regimentsbezirk 
folgende ganz deutsche Dörfer: Franzfeld, Jabuka, Glogon und 
Karlsdorf; vermischt mit Serben wohnten Deutsche in Kubin, Ho- 
molica, Brestovac, Staröova, Plosicz und Oppova. Die Ansiedlung 
in der Banater Grenze wurde auch in den folgenden Jahrzehnten 
fortgesetzt. Die Orte Ruszkabänya (Ruskberg), Oppova, Ujfalu 
(Neudorf im Torontäler Komitat), Szent Helena, EUsabethfeld, 
Bozovics und Mramoräk erhielten zwischen 1810 und 1821 deutsche 
Zuzüge. 

Einige Jahre später wurde auch die deutsehe Besiedlung des 
Östlichen Teiles der Banater Militärgrenze angeregt. Während 



1) Der Umstand, dafs der Arbeitstag mit einem Wagen geringer bewertet 
wird als der blofse Handrobottag, verdient im Gegensatz zu den sonst üblichen 
Verhältnissen hervorgehoben zu werden. 



Ansiedliingen in der Banaler Militärgrenze im 19. Jahrhundert. 353 

nämlich der südweBtliche Teil dieser Grenze, also der deutschbanater 
Regimentsbezirk, der zur Banater Ebene gehört und wie diese 
fruchtbar ist, schon genügend besiedelt war, wies der östliche ge- 
birgige Teil gegen Siebenbürgen noch eine spärliche Bevölkerung 
auf. Bisher hatten sich hier nur in Neu-Karänsebes (Komitat 
Krassö) deutsche Ansiedler niedergelassen (1808). Für diesen roman- 
banater (walachischen) Regimentsbezirk regten 1826 die Militär- 
behörden die Ansiedlung von Familien aus Böhmen an, deren durch 
drückende Not (oben S. 108) veranlafste Auswanderungslust im Banat 
bekannt geworden war. Der Hofkriegsrat unterstützte diese Be- 
strebungen und veranlafste durch das böhmische Gubernium die 
Verkündung von recht verlockenden Ansiedlungsbedingungen. Die 
Zusicherung von täghchen Unterstützungen, von langjähriger Militär- 
und Steuerfreiheit, von Gründen, Bauholz und freiem Samen für 
den ersten Anbau erschien den besitzlosen, bedrückten Deutsch- 
böhmen als höchstes Glück. Dazu kam, dafs ihre 1827 ins Banat 
geschickten Kundschafter offenbar über das Ansiedlungsgebiet ge- 
täuscht wurden; sie scheinen die gebirgigen Waldtäler, in denen 
die Auswanderer später untergebracht wurden, gar nicht gesehen 
zu haben. Dagegen wurden die Ansiedlungsbedingungen nun noch 
verlockender gestaltet. Die Ansiedler sollten halbe Grundansäs- 
sigkeiten im Ausmafse von 9 Joch Acker und 3 Joch Wiesen 
nebst der erforderlichen Haus- und Hofstelle in der Gröfse eines 
Jochs erhalten. Die Freiheit von den Grundsteuern war fünf- bis 
zehnjährig, die Freiheit vom Militärdienste zehnjährig. Neben dem 
freien Bezug des Bau- und Brennholzes wurde auch unentgeltliche 
Wald- und Alpenweide zugesichert. Die nach Ablauf der Frei- 
jahre zu leistenden Arbeitstage wurden entsprechend bezahlt, die 
zum Militärstand übernommenen Ansiedler erhielten einen jährlichen 
„Unterhaltungs- und Bemuntierungsbeitrag" von 12 fl. Konv.-Münze 
und weitere Begünstigungen. Das alles machte die armen besitz- 
losen Leute, aber auch Handwerker, Kleinhäusler und selbst einige 
Bauernhofbesitzer schwindelig; sie konnten kaum den Tag des 
Abzuges aus Böhmen erwarten. So kam es, dafs sich trotz des 
Einspruchs des Guberniums gegen die Auswanderung schon im 
Herbst 1827 der erste Zug (56 Familien) nach Wien aufmachte, um 
von hier auf Schiffen ins Banat geschickt zu werden. Sie kamen 



254 Ansiedlungen in der Banater Militärgrenze im 19. Jahrhundert. 

dort tief im Spätherbst an, so dafs an ihre Ansiedlung nicht mehr 
zu denken war und ihre Einquartierung veranlafst werden mufste. 
Im Frühjahr 1828 kamen weitere 506 Familien (2868 Köpfe)^ 
darunter einige Tschechen, die bereits bestehenden tschechischen 
Ansiedlungen zugeteilt wurden. Alle diese Auswanderer stammten 
aus dem südwestlichen Böhmen (Böhmerwaldgebiet). Da die Zahl 
der Auswanderer überaus anwuchs, so wurden bald darauf 
strengere Mafsnahmen ergriffen, um ihre Zahl zu beschränken. 
Schon am 13. März 1828 bezeichnete der Hofkriegsrat die Auf- 
nahme so zahlreicher Familien in den Bezirk des walachischen 
Grenzregiments als einen Mifsgriff, weil sie Unordnung zur Folge 
habe. Für die Unterbringung der Auswanderer war gar keine 
Vorsorge getroffen worden ; das ganze Unternehmen war überstürzt 
und planlos ins Werk gesetzt. Die Folge war, dafs schon im 
Sommer 1828 einige Auswanderer nach Böhmen zurückkehrten 
und vom Banat die ungünstigsten Nachrichten verbreiteten. So 
kam es, dafs viele von den bereits angenommenen Familien Böhmen 
nicht mehr verliefsen. 

Die im Banat verbliebenen Familien hatten eine harte Prüfungs- 
zeit zu erdulden. Im Ganzen kamen zunächst 1828 vier Kolonien 
zustande: Weidenthal mit 126 Familien, Wolfsberg mit 98, Wolfs- 
wiese mit 99 und Lindenfeld mit 36, zusammen wurden also 359 
deutschböhmische Familien oder etwa 2080 Köpfe untergebracht. 
Eine fünfte Ansiedlung (Weidenheim) wurde nicht verwirklicht, 
weil die für diese Ansiedlung bereits angenommenen 140 Familien 
Böhmen nicht mehr verlassen wollten. Die Ansiedlungsgebiete 
waren fast durchaus mit dichtem Buchenwald bedeckt. Die Ein- 
wanderer mufsten zunächst mitten im Walddickicht ihre Nothütten 
errichten. Das Ärar liefs inzwischen durch Unternehmer die An- 
siedlerhäuschen aus Buchenrundholz herstellen; ein solcher Bau, 
der recht elend ausgeführt wurde, kostete 75 bis 81 Gulden Konv.- 
Münze. Überall mufsten erst die Bäume gefüllt, zersägt und ver- 
brannt werden. Die Baumstümpfe blieben jahrelang stehen; in den 
Stuben wurden diese Stümpfe als Tische verwendet. Die für 
die Ansiedlungen gewählten Namen Wolfsberg und Wolfswiese 
waren daher sicher sehr passend. Die Rodung des Waldes ging 
sehr langsam vor sich; auch gedieh das Getreide in den kleinen 



AnsiedluDgen in der Banater Militärgrenze im 19, Jahrhundert. 255 

Waldlichtungen äufserst schlecht, besonders da bis in den Sommer 
hinein Fröste nicht selten waren. Dazu kam, dafs unter den 
Ansiedlern viele Handwerker waren, die vom Ackerbau anfangs 
wenig verstanden. Unter den 36 Bewohnern von Lindenfeld war 
ein Bauer, ferner ein Kohlenbrenner, ein Schuster und 33 Weber ! 
Die Ansiedler kamen nicht vorwärts; was an Kleidern mitge- 
bracht worden war, wurde verbraucht, das Vermögen aufgezehrt. 
„Und je schöner und lieblicher sich die Auswanderer das Bild 
von dem gelobten Lande Banat ausgemalt hatten, desto gröfser 
und bitterer war die Enttäuschung." Als die tägliche Unter- 
stützung eingestellt wurde, wuchs die Unzufriedenheit; bald wurde 
der Ruf nach Absiedlung und Versetzung an andere Orte allge- 
mein. Eine 1832 durchgeführte Untersuchung ergab die Über- 
zeugung, dafs „hinsichtlich des Mifslingens des Ansiedlungsgeschäftes 
die Ansiedler selbst keinerlei Schuld treffe, sondern dasselbe 
dem Klima und den Elementarereignissen zugeschrieben werden 
müsse." Trotzdem versuchte man durch Drohungen und Strafen 
die Ansiedler festzuhalten; dies trieb sie zur Empörung. Selbst 
die Frauen gerieten in unbeschreibliche Aufregung; eine wurde 
wahnsinnig, andere überfielen den Martin Draxler, einen der 
1827 auf Kundschaft ins Banat geschickten Männer, und Hefsen 
ihre Wut an dem Verräter aus. Auch grausame Bestrafung der 
Unzufriedenen half nichts. Im September 1832 mufste die 
Absiedlung der vier deutschböhmischen Niederlassungen bewilligt 
werden. Von den Ansiedlern wurden 45 für die Niederlassung 
in Alt-Szadowa (Militärgrenze) gewonnen, die anderen zogen in 
das angrenzende Banat imd zerstreuten sich in verschiedene Ort- 
schaften. Am leichtesten begründeten ordentliche Handwerker 
hier ihre neue Existenz ; einen schwierigeren Stand hatten die 
Bauern. Wer noch einiges Geld hatte, kaufte sich eine Wirt- 
schaft; in dieser glücklichen Lage befanden sich aber nur einige 
wenige. Die meisten kamen auf schlechte Herrschaftsgründe oder 
erwarben ihren Lebensunterhalt durch Taglohn ^). Bald kamen 



1) Es wird erzählt, dafs die Not unter diesen Leuten im Banat so grofs 
war, dafs Weiber und Mädchen ihr schönes Kopfhaar für je 20 Kreuzer veir- 
kauften, um die Not der Ihrigen zu lindern. 



256 Ansiedliingon in der Banater Militärgrenze im 19. Jahrhundert. 

diese armen Leute zur Überzeugung, dafs es ihnen in den ,, Bergen", 
ihrem ursprünglichen Ansiedlungsort , doch noch besser ergangen 
sei. Und so begannen schon im Sommer 1833 viele der Ausge- 
wanderten die Militärbehörden um Wiederaufnahme in die ver- 
lassenen Ansiedlungsorte zu bitten. So wurden die Orte Weiden- 
thal, Wolfsberg und Lindenfeld wieder besiedelt; W^olfswiese wurde 
nicht mehr bevölkert. Aufserdem blieb die Ansiedlung in Alt- 
Szadowa bestehen. Da die Ansiedler in stark verminderter Zahl 
zurückkehrten, so konnten ihnen die besten Gründe zugeteilt 
werden. Auch erhielten sie wieder Tagegelder, ferner Vieh und 
Geräte, die ihnen bei der Absiedlung weggenommen worden waren. 
Fortan entwickelten sich diese vier Ansiedlungen in erfreulicher 
Weise. Nach und nach kehrten in diese auch noch andere 
Deutschböhmen aus dem Banat zurück und aus Böhmen zogen neue 
Ansiedler herbei. 

Eine der letzten gröfseren Ansiedlungen in diesem Gebiete 
veranlafsten 1865 bis 1868 die Militärbehörden. Es wurden an 
der unteren Donau in den sogenannten Riedbuchtungen (Über- 
schwemmungsgebieten) der Torontäler Gespannschaft einige neue 
Dörfer angelegt, so Rudolfsgnad, Elisenhain (Torontälerzöbetlak), 
Königsdorf, Albrechtsdorf, Giselahain und Marienfeld. Sie wurden 
mit Übersiedlern aus den älteren Banater Ansiedlungen bevölkert. 
Um die Ansiedlung hatten sich viel mehr beworben, als unter- 
gebracht werden konnten. Leider wurden einige von diesen An- 
siedlungen durch Überschwemmungen der Donau völlig zerstört; 
Rudolfsgnad, das sich am besten entwickelt hatte, wurde 1907 arg 
heimgesucht. 

Auch in die anderen Teile Ungarns bestrebte man sich seit 
1801 neue Ansiedler zu lenken. Hier erboten sich die Komitate, 
„unter meistens sehr beschränkten Bedingnissen" Kolonisten auf- 
zunehmen. Aber der Andrang war so grofs, dafs viele Ansässig- 
keiten bald vergeben waren. Erzherzog Karl versuchte wie das 
gahzische so auch das ungarische Ansiedlungswesen zu fördern. 
Das auf seine Veranlassung vom Kaiser Franz erlassene Ansied- 
lungsdekret vom 3. März 1802 (oben S. 87 f.) wurde auch der un- 
garischen Hofkanzlei mitgeteilt, da es auch für die Ansiedlungen 
auf den ungarischen Kameralgütern Anwendung finden sollte. 



Weitere Ansiedlungsbestrebungen in Ungarn. 357 

Aus dem März 1803 ist ferner eine Note^ die Erzherzog Johann 
in Vertretung seines Bruders Karl an die ungarische Hof kanzlei 
gerichtet hat, erhalten. In dieser wird auf Berichte des kur- 
böhmischen Komitialgesandten Kolloredo hingewiesen, dafs 21 Fa- 
mihen aus der Spessartgegend sich bei Fünfkirchen in Ungarn 
ansiedeln wollten; auch waren 200 Familien in der Schweiz jeden 
Augenblick bereit, die Heise nach Ungarn anzutreten. Da diese 
Zahl jene überstieg, zu deren Aufnahme sich die verschiedenen 
Komitate Ungarns erboten hatten, so schlug der Erzherzog unter 
Betonung der Vorteile der Ansiedlung vor, man solle in einem 
unangebauten Distrikt Ungarns eine eigene Kolonie von fremden 
Ackersleuten anlegen oder einen reichen Grundherrn Ungarns dazu 
bewegen. Er verwies ferner auf Dalmatien als Ansiedlungsgebiet. 
Auch betonte er, dafs die Auswanderer sonst nach Amerika und 
in die preufsischen Staaten wegziehen würden; man sollte doch „auf 
die Vorteile blicken, die Preufsen mit beträchtlichen Kosten tttr 
die Urbarmachung gänzlich unfruchtbarer Distrikte durch Ansied- 
lung und Anlegung von Kolonien sich verschaffe." Auch Bayern 
wollte die Donaumoose besiedeln. Die k. k. Staaten hätten das 
gröfste Interesse nach den langen Kriegen ihre inneren Kräfte zu 
stärken. 

Da die Zahl der Ansiedlungswerber sehr bedeutend war, er- 
folgte schon im Sommer 1802 die Verordnung, dafs auf den 
leeren Ansässigkeiten nur vermögende und ordnungsliebende Ein- 
wanderer aus dem Reiche angesiedelt würden. Man wollte nicht 
mehr wie früher oft über 500 Gulden für eine Familie opfern, da 
sich viele Kolonisten zum Schaden des Ärars wieder verHefen. Die 
Ansiedler sollten daher jetzt weder Schlaf kreuzer noch Frucht- 
vorschüsse oder Geldaushilfen erhalten, sondern sich mit der Über- 
lassung von leeren Ansässigkeiten und der Bewilligung von drei 
Freijahren begnügen. Trotz dieser Grundsätze erhielten aber 
Auswanderer, die sich durch Anhänglichkeit an das Kaiserhaus 
ausgezeichnet oder durch Kriegsereignisse ihre Habe verloren 
hatten, weitgehende Begünstigungen. Mittellosen gewährte man 
Vorschüsse, ganz arme Einwanderer wurden als Insassen unter- 
gebracht. Dabei wurde nach Möglichkeit der Grundsatz beob- 
achtet, Deutsche nur unter Deutschen anzusiedeln Im Sommer 

K a i n d 1 , Gesch. d. Deutschan i. d. Karpath. III. 17 



358 Die Kolonisation des Banats im 19. Jahrhundert. 

1803 wurde auch die Aufnahme von vermögenden Ansiedlern 
eingestellt, weil keine geeigneten leeren Ansässigkeiten vorhanden 
waren. Ganz hörte aber auch in der Folge die An Siedlung 
nicht auf. Es zeigte sich nämlich immer wieder, dafs von Zeit 
zu Zeit leere Ansässigkeiten in großer Zahl vorhanden waren; 
so betrug 1809 ihre Zahl in ganz Ungarn 2900, wovon auf das 
Banat 1380 entfielen. Ferner verblieb infolge des unglücklichen 
Kampfes von 1809 nicht nur Tirol bei Bayern, sondern es wurden 
auch die südösterreichischen Provinzen an Frankreich abgetreten; 
daher bewarben sich Bewohner dieser Länder, denen die Fremd- 
herrschaft verhafst war, um die Ansiedlung in Ungarn. Aber 
auch aus Südwestdeutschland wandten sich viele Familien, die durch 
den Krieg verarmt waren, nach dem Osten. 

Die meisten Ansiedlungen erfolgten wie in den früheren Perioden 
auch jetzt im Banat. 

Die Einwanderung aus den abgetretenen österreichischen Län- 
dern hierher begann bald nach 1809. Da es im Interesse der 
österreichischen Regierung lag, aus den verlorenen Ländern Be- 
wohner an sich zu ziehen ^) , wurden vor allem den Tirolern 
ganz besonders günstige Bedingungen gewährt. Zufolge einer 
kaiserlichen EntschHefsung vom 9. Juni 1810 wurden „in be- 
sonderer Rücksicht der bewiesenen Treue" ackerbautreibenden 
Auswanderern aus Tirol Vorschüsse von 1000 bis 2000 fl. be- 
willigt, die in bequemen Jahresraten zurückzuerstatten waren; 
Handwerker erhielten kleinere Vorschüsse; Salzarbeiter sollten 
in der Märmaros bei den Salzwerken unter gleichen Bedingungen 
wie die 1775 herbeigezogenen Oberösterreicher angesiedelt wer- 
den. Als aber die Tiroler trotzdem Bedenken trugen in das 
ferne Flachland zu ziehen, das sie noch immer als Grab der 
Deutschen fürchteten, wurde ihnen erklärt, „der Staat suche 
sie nicht zu seinem Vorteil nach Ungarn zu ziehen, sondern 
wünsche ihnen nur zur Belohnung ihrer Treue ein gesichertes 
Unterkommen zu verschaffen". Sie sollten nicht zerstreut, sondern 
beisammen angesiedelt werden. Den bekannten Führern Speck- 
bacher und Thalguter wurde Reisegeld bewilligt, um ins Banat 



1) Vgl. oben S. 85. 



Die Kolonisation des Banats im 19. Jahrhundert. 259 

zu reisen und die Ansiedlungsplätze zu besichtigen. Die von ihnen, 
getroffene Auswahl fiel jedoch nicht glücklich aus; sie liefsen sich 
dazu angeblich „durch den Schein, mehr noch durch die Über- 
redung der Beamten bestimmen ^^ Zufolge eines kaiserlichen Auf- 
trages wurden hierauf in Füzes 30 Häuser ganz nach Tiroler 
Art auf einer Anhöhe aus solidem Material erbaut. Reisegeld 
erhielten die Kolonisten für jeden Familienvater 30 fl. , ebenso- 
viel für das Weib, 20 fl. für den Dienstboten, schliefslich 8 bis 
15 fl. für jedes Kind. An Gründen erhielt jede Tiroler Fa- 
milie eine ganze Session, aufserdem auf besonderen Wunsch 
auch 1 bis 2 Joch Weingärten. Auch wurde ihnen gestattet ihre 
eigene Kleidung samt Stutzen beizubehalten. Nur ihre in Ungarn 
geborenen Söhne waren militärpflichtig. Bei Pachtungen von be- 
nachbarten leeren Gründen sollten die Tiroler bevorzugt werden. 
Schliefslich wurde auch der Bau einer Kirche und einer Schule in 
Aussicht gestellt. Da weder Speckbacher noch Thalguter sich 
zur Übersiedlung ins Banat entschlossen, wurde Euseb Steck zum 
Vorsteher dieser Tiroler Kolonie ernannt (1811). Eine andere 
Kolonie von Tirolern entstand in Königsgnad, zusammen 56 Häuser 
und ein Schulhaus (1813/14). Hier siedelte sich auch Simon 
Fiechter, der Scharfschützenhauptmann von Pillersee, an. Infolge 
verschiedener mifslicher Umstände waren die Tiroler mit ihrer 
Ansiedlung nicht zufrieden. Da sie deshalb teils zum Militär 
gingen, teils nach Tirol zurückkehrten, andere endlich in andere 
Orte übersiedelten, so wurden die leergewordenen Hausstellen in 
Königsgnad mit anderen Kolonisten besetzt; darunter befanden sich 
auch einige von jenen 55 württembergischen Familien, welche 1816 
durch Ungarn nach Rufsland (Kaukasus) zogen, jedoch im Banat 
wegen ihrer Mittellosigkeit nicht weiter konnten. Von den jetzigen 
Bewohnern in Königsgnad stammen nur zwei Familien von den 
eingewanderten Tirolern ab. Die Kolonie in Füzes ist ganz ein- 
gegangen. Die Erbauung der 30 Häuser in Füzes hatte 32153 fl., 
jene der 56 in Königsgnad 259 721 fl. Wiener Währung gekostet. 
Aus den an Frankreich abgetretenen südlichen Provinzen 
Österreichs kamen 56 Gottscheer Familien; sie wurden in Daru- 
vdr und anderen Orten angesiedelt (1812), und zwar wohl alle im 
Banat. 

17* 



260 Die Kolonisation des Banats im 19. Jahrhundert. 

Von den Einwanderern aus Südwestdeutschland erfreuten sich 
die Falkensteiner ebenso wie in Galizien besonderer Berücksichti- 
gung. Schon 1808 wurden leere Ansässigkeiten im Banat zu 
Daruvär, Niczkidorf, Bachövär und Vecsehäza, ferner im Bäcser 
Komitat zu Kula an 83 falkensteinische und andere deutsche 
Familien, die im Krieg verarmt waren, überlassen. Ebenso wurden 
sechs Jahre später 141 falkensteinische Familien, die im Kriege 
verunglückt waren, in Daruvär, Prebul, Välya und Dani an- 
gesiedelt. Auch zahlreiche andere Einwanderer aus Süd West- 
deutschland kamen nach Ungarn. Zu ihnen gehörte eine Anzahl 
von Baden- Durlachern, die in Liebing und in Szakälhäza, später 
in Perkoszova untergebracht wurden. Um Temesvär lagerten 
etwa 900 Württemberger, Badener und Hessen, die infolge der 
Kriegsnot aus Deutschland weggezogen waren, mittellos und hilflos. 
Man brachte sie schliefslich auf leeren Ansässigkeiten unter, und 
zwar in Ermangelung passender Orte auch unter Walachen. Vor- 
schüsse und Aushilfen wurden ihnen nicht gewährt, weil sie schon 
in der Heimat durch die k. k. Gesandtschaften in Stuttgart und 
Karlsruhe belehrt worden waren, dafs sie keine Unterstützung zu 
erwarten hätten. Zugleich wurden die Gesandten wieder beauf- 
tragt, künftig nur bemittelten Einwanderern Pässe zu erteilen. 
Diese Mafsregel war um so notwendiger, als die Deutschen, welche 
zerstreut unter Walachen angesiedelt wurden, verkümmerten, ja 
ihrer Habe und ihres Lebens nicht sicher waren, in deutschen 
Orten aber Ansässigkeiten nur in geringer Zahl leer standen. Trotz- 
dem kamen auch in den folgenden Jahren oft Ansiedlungsgesuche 
aus Baden, Württemberg, Falkenstein und Bayern; doch wurden 
sie zumeist abgewiesen, da geeignete Ansässigkeiten nicht vor- 
handen waren. Im Banat standen infolge der fast beständigen 
Nachsiedlung nur wenige zerstreut liegende Sessionen von schlechter 
BodenbeschafFenheit zur Verfügung. Deshalb erging auch 1829 
wieder die Weisung, künftig keine Kolonisten aus dem Deutschen 
Reiche, selbst wenn sie mit Gesandtschaftspässen versehen wären, 
über die österreichischen Grenzen zu lassen, wenn sie nicht ein 
Vermögen von 300 fl. vorweisen könnten. Trotzdem tauchen 
immer wieder neue deutsche Ansiedler auf und zahlreiche Orte 
erhalten auch noch in den folgenden Jahren deutsche Zuzüge. Zum 



Ansiedlungen in den übrigen Teilen Ungarns im 19. Jahrhundert. 261 

Teil sind diese jedenfalls auf Umsiedlung schon im Lande befind- 
licher Deutschen zurückzuführen. 

Aufser den bereits erwähnten Niederlassungen der Tiroler, 
Gottscheer, Falkensteiner und Baden - Durlacher fanden im Banat 
zahlreiche andere deutsche Ansiedlungen statt; so in Deutsch- 
Pärdäny (1801), Böka (1802), Deutsch-Sztamora (1803), Szärcsa 
und Deutsch-Eimer (1805), OfFszenica (1807), Deutsch- Czernya 
und Kisorosz (1808), Sigmundsdorf (Zsigraondfalva), Lukäcsfalva, 
Grofskikinda und Szentpeter (1809), Szanäd (1810), Szecsäny 
(1824), Deutsch - Bencsek (1825), Knez, Ujvär und Jänosföld 
(1826), Erneszthäza (1828), Maleniczfalva oder Nagygäj (1832), 
Czösztelek (1835), Dugoszellö oder Nyerö (1837) i), Doläcz und 
Csävos (1839), Deutsch-Szentmihäly und Bocsar (1842), Kisszent- 
p^ter, Kistelep und Ujhely (1843), Deutsch-Säg und Buziäs (1845) 
u. a. Seit 1846 wurden nach der alten Ansiedlung Steierdorf 
zahlreiche Bergarbeiter zum Betrieb der Kohlengruben aus Ober- 
ungarn, Böhmen und Mähren geführt; allein im Jahre 1858 wur- 
den hier 160 sehr gut ausgestattete Kolonistenhäuser erbaut. Von 
1846 bis 1859 wuchs die Bevölkerung von Steierdorf von 837 
auf 2991 Köpfe. Damit im Zusammenhang stand die Anlegung 
einer deutschen Kolonie bei der unfern gelegenen Anina- Eisen- 
hütte (1860). 

Aufserhalb -des Banats fanden in den anderen Teilen 
Ungarns verhältnismäfsig wenige Ansiedlungen statt. So kamen 
bald nach 1809 nach Alt-Sziväcz (Bäcs) 137 Einwandererfamilien, 
darunter vor allem Tiroler. Im Jahre 1810 siedelte der Abt 
Anton Dreta auf den Rat des Erzherzogs Joseph Deutsche und 
Magyaren auf der Pusta Ujmajor an und nannte das neue Dorf 
Herczegfalva (Stuhlweifsenburger Komitat). Im Arader Komitat 
erscheinen Deutsche in Soborsin (1810); auch in Almas und 
Zimänd wohnten Deutsche (1843), die aber seither von hier 
verschwunden sind, dagegen in Baumgarten oder Fakert sich 
niederliefsen. Herzog Albrecht von Sachsen - Teschen veranlafste 
die Ansiedlung von Deutschen in Albrechtsdorf (Albertfalu) im 



1) Wenigstens vorübergehend hatten sich deutsche Ansiedler hier schon 
1785 aufgehalten. 



362 Weitere Ausbreitung der Deutschen in Ungarn. 

Komitat Baranya und in Sachsenfeld (Albertfalva) im Komitat 
Pest (1814). Auf Erzherzog Karl geht die deutsche Siedlung 
in Kasimir (Albertkazimir) im Wiesel burger Komitat zurück 
(1815). In Madaräsz und Olähhomorog (Komitat Bihar) wurden 
1817 Tiroler angesiedelt, doch wohnen hier keine Deutschen 
mehr. Deutsche Holzknechte wurden 1820 in die Kameralwälder 
bei Viso (Märmaros) geschickt. Die deutsche Siedlung Saida 
(Wieselburger Komitat) wurde von Erzherzog Karl 1842 begründet 
und erhielt ihren Namen zur Erinnerung an den Sieg, den Erz- 
herzog Friedrich bei Saida in Syrien erfochten hatte. Im Jahre 
1846 hielt sich in Pest eine Anzahl württembergischer Familien 
auf, die nach Siebenbürgen bestimmt waren, dort aber nicht unter- 
gebracht werden konnten; schliefslich wurde verfügt, daß diese 
Leute auf den Kameralgütern Alt Ofen und Visegräd angesiedelt 
werden sollten. Inzwischen waren diese Einwanderer gröfstenteils 
bei Privaten untergebracht worden 

Die Geschichte zahlreicher anderer, besonders jüngerer An- 
siedlungen ist nicht erforscht. Die meisten von ihnen haben sich 
ohne besondere Anstalten unbemerkt vollzogen und noch jetzt 
finden allmähliche An- und Umsiedlungen statt. Viele von den 
zerstreuten deutschen Siedlern sind auch schon magyarisiert, so 
dafs nur eingehende lokalhistorische Untersuchungen, an denen es 
leider fast gänzlich fehlt, ihre Spuren aufdecken könnten. So 
haben eingehende Untersuchungen über die Bevölkerung der Ufer 
des Plattensees gelehrt, dafs hier nicht nur im Mittelalter ^) Deutsche 
wohnten, sondern auch seit dem 18. Jahrhundert in vielen Orten 
sich Deutsche niederliefsen ; sie stammten teils aus anderen Teilen 
Ungarns, teils behaupten sie (in Orv^nyes und Aszöfö), Würt- 
temberger zu sein, die vorher vorübergehend in Kis-Löd ge- 
wohnt hätten. Jetzt sind alle diese Ansiedler zum gröfsten Teil 
magyarisiert. In anderen Gebieten breitete sich durch Umsied- 
lung aus den älteren Kolonien das Deutschtum stetig aus. Die 
in den schwäbischen Ansiedlungen sich rasch vermehrende Be- 
völkerung suchte nach neuen Wohnsitzen. Schon ein Menschenalter, 
also etwa dreifsig Jahre nach der Josephinischen Ansiedlung, 



1) Vgl. Bd. II, S. 126. 



Ansiedlung der „Landler" in Siebenbürgen. 363 

fanden sich in den Dörfern viele Kleinhäusler oder Beisitzer 
(Mieter), Abkömmlinge der bestifteten Bauern, die in ihrem Ge- 
burtsort keine Wirtschaft erlangen konnten, sich daher in an- 
deren Orten ankauften und dahin übersiedelten. Andere liefsen 
sich in sogenannten „Kontraktualdörfern" als „Kontraktualisten" 
nieder, d. h. sie erhielten von der Regierung oder von Grund- 
herrschaften Gründe blofs kontraktlich zur Benützung. So ent- 
standen besonders im Banat neue deutsche Dörfer. Viele von den 
Bauernabkömmlingen siedelten hier in anderssprachige (rumänische 
oder serbische) Dörfer über und bewirkten, dafs diese allmäh- 
Hch in deutschen Besitz übergingen. Ahnlich breiteten sich die 
Deutschen auch in anderen Gegenden aus. 

Deutsche Ansiedler in Siebenbürgen von 1763 bis 1847. 

Verhältnismäfsig gering war der Anteil Siebenbürgens an der 
deutschen Einwanderung in den letzten Jahrzehnten des 18. und 
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 

Zunächst erhielt Siebenbürgen wie früher ^) auch in dieser 
Zeit noch Einwanderer aus Osterreich, die wegen ihres Glaubens 
aus der Heimat verdrängt wurden 2). Ihre Zahl wurde geringer, 
seitdem Joseph als Mitregent seiner Mutter Einfluß erhielt. Nur 
1774 ist noch ein gröfserer Transport aus Steiermark nach Sieben- 
bürgen gelangt. Es waren Leute aus Stadl, im Murtal oberhalb 
Murau, wo sich 200 Leute als Protestanten bekannt hatten. Wer 
von ihnen von seinem Glauben nicht lassen wollte, mufste aus- 
wandern, im ganzen 152 Personen. Die Kinder unter 15 Jahren 
wurden den Eltern genommen und teils bei katholischen Familien, 
teils im Grazer Waisenhause untergebracht. Nach einem anderen 
Bericht sollen 198 Personen aus Murau verschickt worden sein; 
l'Vielleicht werden in dieser Angabe auch kleinere Züge von Pro- 
.testanten mitgezählt, die aus derselben Gegend schon 1773 und 



1) Vgl. Bd. n, S. 193. 

2) Von den früher hierher Verbannten wollten 1764 aus Hermannstadt, 
■ Grofspold und den benachbarten Dörfern etwa 800 wieder in die Heimat zurück- 
kehren; einzelne von diesen wurden in schwerer Haft gehalten. Auch wurde 
ihnen gesagt, „dafs aus den österreichischen Landen abermals bis 2000 Mann 
hereinkommen würden". 



364 Einwanderung der „Hanauer" nach Siebenbürgen. 

dann 1776 verschickt wurden. Sie wurden in und bei Hermann- 
stadt, in Neppendorf und Grofspold angesiedelt, wo sich schon früher 
aus Österreich verbannte Protestanten ansässig gemacht hatten. 
Später gesellten sich zu diesen Einwanderern auch protestantische 
Kohlenbrenner und Holzhauer aus Oberösterreich und Steiermark, 
die sich zunächst bei den Bergwerken im Banat angesiedelt hatten. 
Da aber dort nur Katholiken geduldet wurden, mufsten sie nach 
ihrer Entdeckung (1778) nach Siebenbürgen ziehen. Ihre noch 
im unzurechnungsfähigen Alter stehenden Kinder wurden ihnen 
abgenommen und beim Oraviczer und St. Andreaser Rentamt 
katholisch erzogen. Im Jahre 1782 baten die in Siebenbürgen 
angesiedelten Eltern um Rückgabe dieser Kinder, von denen in- 
zwischen schon mehrere gestorben waren. Alle diese Ansiedler 
aus den österreichischen Ländern nennt man „Landler"; es sind 
„heitere und lebensfrohe Naturen und haben dem früher etwas 
schroffen und harten Burgherrncharakter der alten Ansiedler 
einen wohltuenden Einschlag gegeben." 

Auch schwäbische Ansiedler kamen nach Siebenbürgen. Als 
eine Fortsetzung der Ansiedlung der Baden-Durlacher ^) darf man 
die Zuwanderung seit 1770 auffassen. Damals herrschte im Breis- 
gau und den benachbarten Gebieten grofse Teuerung. Da liefs 
Maria Theresia durch den General Ried zu Offenburg (im mittleren 
Baden) verkünden, dafs sie eine Anzahl Ansiedler in Siebenbürgen 
und Ungarn aufnehmen wolle. Tatsächhch sammelten sich aus 
den um Offenburg liegenden Gegenden von Altenheim, Lahr (Loor) 
und Strafsburg, ferner aus dem Schwarzwalde eine Anzahl von 
Handwerkern und Ackerbauern, die nach Siebenbürgen geführt 
wurden. Es sollen zusammen etwa 150 Famihen gekommen sein, 
von denen 49 Familien in Mühlbach, die anderen in Petersdorf, 
Deutsch- Pien, Grofs-Scheuern, Stolzenburg, Burgberg und Birthälm 
untergebracht wurden. Viele von diesen Ansiedlern werden als 
„Hanauer" bezeichnet, weil sie aus dem Hanauerland (Herrschaft 
Hanau-Lichtenberg) im mittleren Baden herrührten. Die Ansiedler 
scheinen überall freundliche Aufnahme bei ihren Glaubensgenossen 
gefunden zu haben. So erfahren wir, dafs in Mühlbach zur ünter- 



1) Vgl. Bd. II, S. 102 und 193. 



Niederlassung von Hessen und Hauensteinern in Siebenbürgen. 265 

bringung dieser „ehrlichen teutschen Familien", denen „das 
grofse Wasser Rein" ihre Gründe weggenommen hatte, das Ge- 
meindegebiet neu eingeteilt wurde. Die Eingewanderten erhielten 
genügenden Acker- und Wiesengrund, Hofstellen mit anstofsendem 
Krautgarten, ferner vorschufsweise zum Lebensunterhalt Getreide. 
In anderen Orten hat man den Einwanderern auch die Häuser 
gebaut und ihnen bei der Bestellung ihrer Felder geholfen. Hier 
und da, insbesondere in Mühlbach, kam es zwischen den Neu- 
ansiedlern und der älteren Bevölkerung zu Streitigkeiten, die nur 
allmählich beigelegt wurden. 

Ungefähr gleichzeitig (1770) mit den „Hanauern" wurden 
auch 22 hessische Familien in verschiedenen Orten Siebenbürgens 
angesiedelt. Nach mehr als 30 Jahren liefsen sich 14 Familien 
aus dem Hauensteinischen (Baden) in Vajdahunyad nieder (1803). 
Hierauf verflofs aber fast wieder ein Menschenalter, bevor eine 
Ansiedlung stattfand. 

Veranlassung hierzu bot die stetig zunehmende Bevölkerung 
Württembergs, die die Regierung zwang, für deren Abwanderung 
zu sorgen. Man schickte sie nicht nur nach Amerika ^), sondern 
fragte auch bei der Wiener Regierung an, ob württembergische 
Landeskinder nicht wieder in Ungarn und Siebenbürgen Aufnahme 
finden könnten. Zufolge der durch das siebenbürgische Gubernium 
eingeleiteten Umfrage erklärte sich nur die sächsische Nation be- 
reit. Württemberger aufzunehmen, und zwar sowohl auf den ihr 
gehörigen adligen Gütern als auch in den freien sächsischen Orten; 
in letzteren konnten verständige Landwirte und geschickte Hand- 
werker nur in zerstreuten leeren Ansässigkeiten aufgenommen 
werden, wenn sie sich diese ankaufen würden. Gerade damals 
war der landwirtschaftliche Verein in Siebenbürgen zur Verbesse- 
rung des Landbaues auf sächsischem Boden entstanden; auch 
dieser förderte die Berufung und Ansiedlung tüchtiger deutscher 
Landwirte. Stephan Ludwig Roth, der wackere Pfarrer von 
Nimesch bei Mediasch, begab sich 1845 nach Stuttgart und warb 
sowohl durch Vorträge als auch durch einen im September, Ok- 
tober und November im „ Schwäbischen Merkur " und im „Würt- 



1) Scheffel, Eeisebilder (Stuttgart 1887), S. 106f. 



266 Ansiedlung von Württembergern in Siebenbürgen. 

tembergischen Beobachter" veröffentlichten Aufruf Ansiedler. Der ^ 
Aufruf enthält folgende für die Verhältnisse in Siebenbürgen und 
den Zweck der Ansiedlung bezeichnende Stellen: „Der Unter- 
zeichnete ist aus Siebenbürgen hierher gereist, um Auswanderungs- 
lustige in sein Vaterland einzuladen, u. z. ins Sachsenland, wo 
keine Untertänigkeit herrscht, sondern freies Bürgertum. Das Land 
hat grofse Ähnlichkeit mit dem guten Schwabenland, und alles, 
was hier gebaut wird, gerät dort auf das vollkommenste; denn 
der Boden ist fetter und die Witterung etwas milder. Weizen, | 
Welschkorn und Wein sind Haupterzeugnisse. Grund und Boden 
sind wohlfeil und der Ankauf leicht zu bewerkstelligen, weil von 
seinen Gründen jeder Bauer so viel oder wenig verkaufen kann, 
als er Liebe und Lust hat. Die evangelische Kirche ist eine der 
vier Landeskirchen. Es gibt kein deutsches Dorf, kein einziges, 
wo nicht Kirchen und Schulen mit Geistlichen und Schullehrern 
seien. Holz kaufen die Landleute in den wenigsten Orten. Die | 
Luft ist gesund und auch das Wasser; nur schmeckt der feurige 
und wohlfeile Wein einwandernden Deutschen gewöhnlich zu gut, 
woher sich der böse Leumund von Ungesundheit herschreiben 
mag. Die Abgaben sind mäfsig; die Landeskonstitution ist frei- i 
sinnig; alle sächsischen Beamten sind Ausdruck des Volks willens, ' 
weil sie, die Geistlichen nicht ausgenommen, vom Volke gewählt 
werden. Diejenigen nun, die eine neue Heimat suchen, können 
bei uns mit wenigen Geldkräften ein selbständiges, freies Anwesen 
sich verschaffen, und ich bin erbötig mit Rat und Tat jedermann 
hierzu an die Hand zu gehen. . . . Wollen wir in der Ökonomie 
vorwärts schreiten, so müssen wir Theorie und Praxis zugleich 
aus Deutschland holen, zunächst aus dem Teile Deutschlands, wo 
Klima und Boden unserem Lande am meisten ähnelt, das heifst 
mit anderen Worten: es müssen aus Württemberg Einwanderer 
nach Siebenbürgen gehen, die, im Lande verteilt, ihre Wirtschaft 
im Hause, Hofe, Stalle, Keller, Garten, Felde, Weingarten so be- 
treiben, wie sie sonst gewohnt gewesen, und wie es sich hier tun 
läfst, damit meine Landsleute etwas ihnen absehen und von ihnen 
erlernen können." 

Infolge dieses Aufrufes entschlossen sich zahlreiche württem-j 
bergische Familien zur Auswanderung. Einer der Auswanderei 



Ansiedlung von Württembergern in Siebenbürgen. 267 

Joh. Georg Haldenwang, hat wertvolle Mitteilungen darüber hinter- 
lassen. Anschaulich beschreibt er die Verhandlungen mit Pfarrer 
Roth, die Reise in die neue Heimat und die Schicksale daselbst. 
Auch diese Auswanderer fuhren zu Schiff von Ulm die Donau 
abwärts nach Wien. Im März 1746 trafen schon viele Familien 
in Wien ein; 138 Familien (748 Köpfe) brachten allein 58 646 fl. 
Konv.-M. mit. Nach dem Bericht des siebenbürgisch - sächsischen 
Land wirtschafts Vereins vom 6. Juni waren bis Ende Mai 1846 mit 
Einschlufs von 63 verwitweten und ledigen Personen 307 Familien 
{1460 Köpfe) in Siebenbürgen eingewandert. Sie waren in folgende 
Stühle eingeteilt worden : Hermannstadt, Mühlbach, Kronstadt, Me- 
diasch, Leschkirch, Reusmarkt, Broos, Schäfsburg, Grofs-Schenk 
und Reps. Von diesen Familien wiesen 116 ein Vermögen von 
67 582 fl. Konv.-M. nach; 33 hatten bereits liegendes Eigentum er- 
worben, 60 Haus und Grund gepachtet, 214 hatten blofs Gründe 
gepachtet, lebten von Lohndienst oder vom Handwerk. Daraus 
geht hervor, dafs viele Einwanderer doch wieder kein Vermögen 
besafsen ; andere verstanden nichts von der Landwirtschaft, da sie 
blofs Gewerbetreibende waren. Auch kamen mehr, als man er- 
wartet hatte und unterbringen konnte ^). Daher erklärte Roth im 
„Schwäbischen Merkur", dafs er vorläufig keine Einwanderer mehr 
benötige, und die Regierung erschwerte die Erteilung von Ein- 
wanderungspässen. Im Juni 1847 wurde im Regierungsblatt für 
das Königreich Württemberg verkündet, dafs fortan Handwerker 
für Siebenbürgen überhaupt nicht angenommen würden, weil deren 
Gedeihen durch die strengen Zunftverhältnisse in Siebenbürgen 
verhindert würde. Landleute erhielten nur Pässe, wenn sie „über 
ein gutes Prädikat und den Besitz eines Vermögens von 800 fl. 
rhein., über die Erwerbung eines bestimmten Grundstückes als 
Eigentümer oder Pächter und über die Aufnahme in eine be- 
stimmte Gemeinde (nicht blofs über eine Aufnahmszusicherung des 
Siebenbürger-sächsischen landwirtschaftlichen Vereins) sich auszu- 
weisen vermochten ". Infolge dieser erschwerten Bedingungen hörte 
die Einwanderung von Württembergern allmählich auf. An dem 
Mifslingen dieser Ansiedlung hat die Quertreiberei der sieben- 



1) Vgl. oben S. 262. 



368 Deutsche Kolonien in Kroatien und Slawonien. 

bürgischen Hofkanzlei und des Guberniums, denen die Vermeh- | 
rung des deutschen Elementes in Siebenbürgen unangenehm war, 
bedeutenden Anteil. Roth war bei den Magyaren durch seine 
kurz zuvor erschienene Schrift über den Sprachenkampf verhafst. 
Auch die magyarischen Zeitungen nahmen in gehässiger Weise 
gegen ihn und die Einwanderung Partei. Da die Ansiedlung über- 
stürzt und ohne entsprechende Geldmittel unternommen worden 
war, von der Regierung aber jede Unterstützung unterblieb^ so half 
auch die freundliche Aufnahme vieler Einwanderer in den säch- 
sischen Orten wenig. Zahlreiche von ihnen kehrten, besonder» 
infolge der Unruhen des Jahres 1848, in die Heimat zurück/ 
Andere schwangen sich aber durch redlichen Fleifs zu Wohlhaben- 
heit und Ansehen empor, so auch der oben erwähnte Haldenwang 
in Deutsch-Pien. 

Deutsche Kolonien in Kroatien und Slawonien. 

Seitdem Osterreich an der unteren Donau, Drau und Save 
festen Fufs gefafst hatte, kamen in alle gröfseren Orte und in die 
Festungsstädte Deutsche. Wie schon früher in Karlstadt ^) , so 
siedelten sich im 18. Jahrhunderte Deutsche in Peterwardein, 
Semhn, Karlowitz, Esseg, Belovar, Agram u. a. an. Die Ansiedler 
waren Soldaten, Beamte und Handwerker. Die Niederlassung in 
Peterwardein hiefs „ Schwabendörfl ", jene in Karlowitz „ Schwaben- 
dorf" oder „Teutsches Dorf". 

Die erste etwas unsichere Kunde von der Ansiedlung deutscher 
Dorfbewohner rührt aus dem Jahre 1770 her. Damals entstand 
in Alt-Pazua im östlichen Slawonien (Sirmien) eine Ansiedlung 
evangelischer Slowaken, als deren erster Seelsorger ein Samuel 
Spannagel, also jedenfalls ein Deutscher, erscheint. Ob schon da- 
mals auch andere Deutsche sich in diesem Orte niederliefsen , ist 
unbekannt; allmählich entstand hier eine deutsche Minderheit. 

Als 1784 durch Kaiser Joseph die Ansiedlung in Ungarn 
wieder aufgenommen worden war, wurde auch die Niederlassung 
von Deutschen in Kroatien und Slawonien ins Auge gefafst. Als 
Ansiedlungsorte erscheinen zunächst Ruma, Pozega und Warasdin 



1) Vgl. Bd. II, S. 194 f. 



Deutsche Kolonien in Kroatien und Slawonien. 360 

(vgl. oben S. 22 2 f.). Von diesen Orten liegt nur der letztere in Kroatien, 
die beiden anderen in Slawonien. Über den Erfolg der Ansiedlung 
in Warasdin ist nichts bekannt. Im Pozeger Komitat wurden in 
Kutjevo 1786 und 1787 72 Kolonisten angesiedelt; es entstand 
der Ort Kula ^) oder Josephsfeld. Nach Ruma sind vom Grafen 
Pejachevich ursprünglich mehrere hundert Deutsche gezogen wor- 
den (1786); doch verblieb schliefslich nur eine kleine Anzahl da- 
selbst 2). Später zogen aber zahlreiche andere Deutsche herbei, so 
dafs Ruma eine der bedeutendsten deutschen Ansiedlungen wurde. 
Damals sind frühestens auch Deutsche nach Neu - Slankamen ge- 
kommen. 

Zu den zahlreichen deutschen Auswanderern, die nach der 
Einstellung der Josephinischen Ansiedlung in Ungarn dort keine 
Unterkunft fanden, zählten auch etwa 100 württembergische Fa- 
milien, die 1790 auf der Donau in die Semliner Gegend kamen. 
Da diese Leute auf der Reise ihre Mittel verzehrt hatten, brachte 
man sie in den Grenzhäusern von Alt-Pazua unter, bis der Hof- 
kriegsrat sie schliefslich zwischen Alt-Pazua und Batajnica (nord- 
westlich von Semlin) anzusiedeln befahl und „ihnen gegen nach- 
trägliche Bezahlung Häuser baute, Nahrungsmittel und das nötige 
Hausgerät zur Verfügung stellte, sowie eine zehnjährige Befreiung 
von Abgaben und militärischen Dienstleistungen gewährte ^^ So 
entstand die Gemeinde Neu-Pazua, zu der auch die gleichzeitig 
begründete Tochtergemeinde Neu-Banovce an der Donau ge- 
hört. Beide Ansiedlungen entstanden im Militärgrenzgebiete. Diese 
und andere Ansiedler im östlichen Slawonien gehörten jedenfalls 
zu jenen Einwanderern, die 1790 aus Elsafs, Lothringen, Schwaben, 
Württemberg, Baden, Nassau, ferner aus der Schweiz (Basel) ge- 
kommen waren '^). 

Im Militärgrenzgebiete Slawoniens und Kroatiens fand das 
Deutschtum wie überhaupt in der Militärgrenze mancherlei För- 
derung. Am Anfang des 19. Jahrhunderts finden wir in Semlin, 
Karlowitz, Mitrowitz, Vinkovcze und Neu-Gradiska deutsche Nor- 

1) Zu unterscheiden von Kula in Bäcs. 

2) Vgl. oben S. 248. 

3) Andere von diesen Einwanderern kamen zum Tschaikistenbataillon (im 
Komitat Bacs, s. oben S. 240) und der gröfste Teil ins Banat (s. oben S. 250). 



370 Deutsche Kolonien in Kroatien und Slawonien. 

malschulen, ein Beweis, dafs durch die ganze slawonische Militär- 
grenze Deutsche zerstreut wohnten. Die Festungen und gröfseren 
Orte erhielten gewifs weitere deutsche Zuzüge. Bei Peterwardein 
wird 1802 das Dorf Bukowitz (Bukovac) mit 30 deutschen Fa- 
milien oder 120 Seelen erwähnt; über die Entstehung der Ansied- 
lung ist jedoch nichts bekannt. Ebenso scheint das Schwabendorf bei 
Karlowitz damals neue Zuzüge erhalten zu haben (Oberes Schwa- 
bendorf). Vielleicht ist die Gründung von Bukowitz und die Ver- 
gröfserung von Schwabendorf ebenfalls auf .die Einwanderer von 
1790 zurückzuführen. 

Auch in den folgenden Jahren kamen viele Einwanderer aus 
Württemberg und den Kheingegenden , so dafs auch später An- 
siedlungen entstanden. So hat Bischof Mandiö in Diakovär 
(Djakovo) so viele Deutsche, die angeblich aus Köln stammten, 
angesiedelt (1809 — 1811), dafs einige neue Gassen entstanden. 
Eine derselben heifst noch heute die „Deutsche Gasse". Als 1818 
auch das Broder Grenzkommando im Bereiche seines Regimentes 
die Ansiedlung gestattete, kamen 1819 etwa 40 deutsche Familien 
hierher, rodeten den Wald bei Vinkovcze und gründeten die An- 
siedlung Neudorf. Jede Familie bekam ein Darlehen, sowie zehn- 
jährige Freiheit von Steuern und Kriegsdiensten. 

Andere Ansiedlungen entstanden in Slawonien durch Über- 
siedlung von Deutschen aus dem Banat und dem Komitat Bäcs. 
Aus Lazarfeld im Banat kamen Deutsche und gründeten das 
Dorf Siegenthal bei Semlin (1816), das im nächsten Jahre anläfs- 
lich der Anwesenheit des Kaisers Franz in Franzthal umgetauft 
wurde. 

Die Anfange der Ansiedlung in India fallen ins Jahr 1828. 
Nachdem die Grundherren Pejachevich hier mit angesiedelten Serben 
und Tschechen schlechte Erfahrungen gemacht hatten, beriefen sie 
Deutsche, die zunächst aus Franzthal, ferner direkt aus dem Banat 
und der Baöka (Komitat Bäcs) kamen. Auf dem diesen An- 
siedlern von der Herrschaft überlassenen Boden entstand zunächst 
die Haupt- und die Schulgasse. Später nachkommende Ansiedler 
kauften Gründe von den Serben. Die Hauptmasse der An- 
siedler kam 1828 bis 1840. Für die ihnen zugewiesenen Felder 
lieferten die Kolonisten der Herrschaft ein Neuntel des Ertrags 



Deutsche Kolonien in Kroatien und Slawonien. 271 

ab, ferner waren sie zu Roboten und zu einer je nach der Gröfse 
der Ansässigkeit bemessenen Geldabgabe (von einer ganzen Session 
3 Gulden Konv.-M.) verpflichtet. Die Ansiedler unterstanden der 
richterlichen Gewalt der Herrschaft. Bis 1836 konnte diese jedem 
die überlassenen Gründe wieder wegnehmen, der nicht imstande 
war, die entfallende Robot zu leisten. Wenn eine Familie aus- 
starb, fiel das Feld der Herrschaft zu, die es weiter verlieh. Be- 
drückungen fehlten nicht. Trotzdem hat sich der Ort sehr gut 
entwickelt. Seit 1880 ist India für das südliche Sirmien einer 
der wichtigsten kolonisierenden Orte geworden. 

Unbekannt ist, wann die Deutschen nach Hrtkovci (Kom. 
Sirmien), Deutsch-Mihaljevici (Kom. Pozega), Deutsch - Breznica 
und Deutsch-Retfala (Kom. Virovitica), endHch noch Petrinja (Kom. 
Agram) kamen ; doch scheinen diese Siedlungen vor der Mitte des 
19. Jahrhunderts entstanden zu sein. Im ersten und im letzt- 
genannten Orte wurde um 1850 deutsch gepredigt. 

Ein Haupthindernis für die Entwicklung der deutschen An- 
siedlung in Kroatien-Slawonien bildete die unsichere Stellung der 
Protestanten, die die überwiegende Mehrzahl der Kolonisten 
bildeten. Gegen sie wurde so hart verfahren, dafs viele nach Süd- 
rufsland auswanderten. Nach dem Abschlüsse des Konkordats 
(1855) durften diese Ansiedler in der Militärgrenze ihre mühsam 
und redlich erworbenen Besitzungen gar nicht mehr auf ihren 
Namen grundbuchlich eintragen lassen; mifsHebige Protestanten 
wurden von den Grenzkommandanten in ihre Geburtsorte ab- 
geschoben. Erst mit dem Protestantenpatent vom 1. September 
1859 wurde die Religionsfreiheit in vollem Umfange auf Kroatien 
und Slawonien ausgedehnt, wodurch nicht nur die Lage der im 
Lande bereits befindlichen Protestanten verbessert und die Be- 
gründung ihrer kirchlichen Gemeinden ermöglicht wurde, sondern 
auch zahlreiche deutsche Ansiedler ins Land kamen. Seither 
wurden viele Deutsche von den Grundbesitzern gegen entsprechende 
Arbeitsleistung auf ihren Gütern angesiedelt; andere machten sich 
auf erkauften Gütern sefshaft. Auf diese Weise entstanden in den 
slawonischen Komitaten Sirmien, Pozega und Virovitica seit 1859 
an vielen Orten deutsche Ansiedlungen. Die Deutschen kamen 
dahin zumeist aus den südlichen ungarischen Komitaten; in 



^73 Deutsche Niederlassungen in Bosnien. 

jüngerer Zeit ziehen Deutsche aus Sirmien ins westliche Slawonien. 
Zu den in den letzten Jahrzehnten entstandenen Kolonien gehören 
im Komitat Sirmien: Beska, Sid, Kröedin, Bezanija, Dobanovce, 
Obrez, Asanja, Deö, Semlin, Klenak, Mitrovica, Bingula, Neu- 
Banovce, Kuzmin, Neu-Banovce a. d. Donau, Njemci, Vukovar, 
Vinkovci, Tovarnik, Tovarnik bei Ogar, Sotin, Putince, Öalma. 
Im Komitat Pozega: Autuno vac, Hrastovac (mit Kapitanovopolje, 
Bordaji mali und Bordaji weliki), Uljanik, Daruvartrg, Pozega, 
Brod, Garöin, Andrijevci dolnji, Trnjani, „ Babinogora ", endlich 
Darkovac und Milanlug (beide bei Pleternica). Im Komitat Viro- 
vitica: Laslovo mit Ernestinovo, Seliste (bei Nasice), Adolfsdorf 
(1866), Slatina, Krndija, Grabid (1866), Golinci (1870), Josipovac- 
Kravice, Jovanovac, VeHskovci, Mrzovid, Vußevci, Sarvas (Drava- 
sarvar). 

Dieses Verzeichnis ist nicht vollständig; denn einerseits sind 
über diese privaten Ansiedlungen keine genauen Nachrichten zu 
erlangen, anderseits finden sie noch in der Gegenwart unaus- 
gesetzt statt. So konnte man z. B. im Sommer 1909 in den 
Zeitungen lesen, dafs ein Grofsgrundbesitzer in Neu-Gradiska 
(Kom. Pozega) einige deutsche Familien für seine Güter suche. 
Zur deutschen Besiedlung tragen überhaupt deutsche Grundherren 
viel bei, indem sie deutsche Beamte, Arbeiter und Pächter herbei- 
ziehen. Zu diesen Grundherren gehört auch der Fürst von Schaum- 
burg-Lippe im Viroviticer Komitat, Graf Ernst Schlippenbach in 
Heiligenkreuz bei Agram u. a. ^). 

1) Seit der Besitzergreifung Bosniens durch Österreich (1878) ist hier 
nicht nur die deutsche Dienst- und Verkehrssprache in starke Aufnahme ge- 
kommen, sondern es entstanden auch deutsche bäuerliche Siedlungen, so Wind- 
horst und Maglay, gegründet von katholischen Eeichsdeutschen, Rudolfstal von 
Tirolern, Franz Josephsfeld von Banater Schwaben aus Franzfeld; in jüngeren 
Ansiedlungen wohnen zahlreiche Deutsche aus Ungarn, Slawonien, Kroatien, Ga- 
lizien und der Bukowina. Die älteren Ansiedlungen fanden auf Gründen statt, 
welche die Kolonisten erkauften ; später wurden an die Einwanderer auch Staats- 
ländereien zu billigen Bedingungen überlassen. In den Ansiedlungen entwickelt 
sich die materielle und geistige Kultur sehr gut. Viele Deutsche wohnen in 
Serajevo. In neuerer Zeit wird mit Kecht dafür eingetreten, dafs die ungarischen 
Schwaben und Sachsen den Überschufs ihrer Volkskraft, statt in ferne Gebiete, 
in das benachbarte Bosnien lenken. Es gibt auch schon einen „Verein der 
Deutschen in Bosnien und der Herzegowina" (Sitz Serajevo). 



Die Herkunft der deutseben Neuansiedler. 373 

Die Herkunft der deutschen Neuansiedler; ihre Anzahl. Aus- 
wanderung. 

Die deutschen Ansiedler, die in dieser Periode nach Ungarn 
und dessen Nebenländern kamen, stammten aus denselben Heimats- 
ländern wie die Kolonisten, die sich in Galizien niederliefsen. 
Die weit überwiegende Mehrzahl kam aus Südwestdeutschland, 
und zwar vorwiegend aus den rechtsrheinischen Gebieten, doch 
auch aus Elsafs, Lothringen und der Schweiz, Daher werden 
diese Ansiedler gewöhnlich Schwaben genannt; nur auf die nach 
Siebenbürgen und in die Zips eingewanderten wurde diese Bezeich- 
nung nicht ausgedehnt. Von den anderen Ländern Deutschlands er- 
scheint Preufsen als Heimat einer geringen Anzahl von Ansiedlem; 
ferner werden genannt: Sachsen, Thüringen, Hannover, West- 
falen, Niederlande, Luxemburg, Franken, Bayern u. a. Aus den 
österreichischen Ländern kamen Ansiedler sowohl nach Ungarn als 
auch nach Siebenbürgen; im letzteren Lande werden sie „Landler" 
genannt. Schliefslich ist noch vor allem Böhmen als Heimat der 
Ansiedler zu nennen ^). 

Über die Verteilung der schwäbischen Ansiedler auf die ver- 
schiedenen Gebiete ihrer Heimat gilt das über diese Frage bei 
Galizien gesagte -). In der Liste ihrer Heimatsländer fehlt kaum 
einer der zahlreichen Gebietsteile des damals so überaus zerstück- 
ten Deutschlands. Zur Kennzeichnung dieser bunten Zusammen- 
setzung mögen hier z. B. die Heimatländer der 135 Famihen auf- 
gezählt werden, die 1786 in Neu-Sziväcz angesiedelt wurden. 
Sie stammten aus: Herzogtum Zweibrücken, Nassau- Saarbrücken, 
Rheingrafschaft Grumbach, Kurpfalz, Hessen-Darmstadt, Grafschaft 
Witgenstein, Baden am Hunsrück 3), Kurtrier, Herzogtum Kleve, 
Hessen-Hanau, Hessen-Kassel, Grafschaft Wied-Runkel, Grafschaft 
Braunfels, Grafschaft Neuwied, Schaumburg und endlich Nassau- 
Usingen. 



1) Die Ansiedler der drei benachbart liegenden Orte St. Hubert, Soltur 
und Charlevüle im Banat waren Franzosen; sie sind aber seit einigen Jahrzehnten 
vollständig germanisiert worden. 

2) Vgl. oben S. 118 f. 

3) Zur Markgrafschaft Baden-Baden gehörten Teile der Grafschaft Spon- 
lieim im Hunsrückgebiet. Man vgl. übrigens oben S. 118, Anm. 1. 

K a i n d 1 , Gesch. d. Deutsclien i. d. Karpath, III. 18 



874 Tracht, Sitten und Lieder. 

Infolge dieses Zusammenströmens von Deutschen aus ver- 
schiedenen Gegenden entwickelten sich besondere Sprachverhält- 
nisse. Der Neu-Sziväczer Kolonist Eimann äufsert sich darüber: 
„Durch den Zusammenflufs dieser Reichsmitglieder aus ver- 
schiedenen Gegenden entstand ein lächerliches Mischmasch in der 
Sprache. Die Hessen, deren Sprache sich dem Plattdeutschen 
nähert, waren am schwersten zu verstehen, minderer war dieses 
der Fall bei denen Nassau- Saarbrückern und Hundsrückern, wie 
auch bei denen Braunfelsern. Die Sprache zwischen Mosel und 
Rhein, wie die Pfalzer solche sprachen, behielt dahier den Sieg 
und wird solche in allen evangelischen Kolonikaldörfern gleich- 
förmig gesprochen." Die schwäbischen Mundarten weisen auch 
heute mit jenen in der Heimat die engste Verwandtschaft auf, 
und zwar auch im Wortschatz ; ihren verschiedenen Ursprung merkt 
man den ungarländischen „Schwaben" an ihrer abweichenden 
Aussprache an. Die Landler in Siebenbürgen haben bis zum 
heutigen Tage ihren österreichischen Dialekt gewahrt ; sie sprechen 
untereinander landlerisch, mit den Sachsen sächsisch und beherr- 
schen überdies das Schriftdeutsch. 

Die Mannigfaltigkeit der Abstammung äufserte sich auch in 
der Tracht. Darüber bemerkt Eimann folgendes: „Die Ver- 
schiedenheit in der Kleidertracht war lächerlich. Die Mannsbilder 
hatten durchgängig dreieckige spitzaufgestülpte Hüte, lange tuchene 
und auch leinene Röcke, meistens kurze lederne Hosen, Strümpfe 
von verschiedenen Farben und dann Schuhe mit Schnallen. Die 
Weibsbilder hatten wiederum verschiedenartig geformte Hauben, 
wunderbare Röckel, Kittel von Tuch und von allerhand Zeug, 
welche auf einer dicken Wulst oder Wurst um die Hüften herum- 
hingen und darnebst ziemlich kurz waren ; dann schmale Schürzen, 
allerhandfarbige Strümpfe und hochbeabsatzte Schnallenschuhe. 
Viele Jahre verstrichen, bis sich diese alten Moden ausarteten. 
Jetzt ist die Kleidertracht beim männlichen und weiblichen Ge- 
schlecht für Bauersleute sehr geschmackvoll, und die schön geformte 
Pfalzerhaube ist eine wahre Zierde der Weiber in den evangeli- 
schen Orten." Erwähnt sei, dafs den Schwäbinnen in Süd-^ 
Ungarn auch jetzt breite Hüften als besonders schön gelten, un( 
dafs man sie oft künstlich durch Polster und viele brettsteife 



Anzahl der eingewanderten deutschen Kolonisten. 375 

rauschende Röcke herstellt. Die schwäbischen Einwanderer haben 
ihre Sitten treu bewahrt ; daher kommt es, dafs sie bei der Hoch- 
zeit und Kirchweih ganz ähnliche Bräuche üben wie die An- 
siedler in Galizien. Ebenso sind Feiertagssitten, wie etwa das 
Verspotten des Pfingstlümmels, erhalten. Noch erklingen hier auch 
die aus der Heimat mitgebrachten Lieder. Kein Wunder, dafs 
Schwaben, die in die Dörfer Südungarns kommen, „nimmer lang 
zu fragen brauchen, wen sie vor sich haben", übrigens haben 
auch die altansässigen ungarländischen Deutschen zahlreiche inter- 
essante Volksbräuche bewahrt. 

Eine genaue Berechnung über die Anzahl der seit 1763 nach 
Ungarn eingewanderten Deutschen wird sich wohl niemals an- 
stellen lassen. Nur für die Ansiedlung in der Zeit von 1763 — 1787 
liegt ein einigermafsen verläfsliches Material vor. Danach wan- 
derten unter Maria Theresia von der Wiederaufnahme der Kolo- 
nisation bis 1768 in den Bäcser Komitat 1678 Familien ein. Da 
in den folgenden Jahren auch noch Ansiedler kamen, so darf man 
wenigstens 1750 Familien oder jede Familie nur zu 4 Seelen ge- 
schätzt 1), 7000 Seelen annehmen. Ins Banat wanderten bis 1767 
zusammen 3314 Familien, in den folgenden Jahren noch 6330 
Familien, also 9644 Familien oder etwa 40000 Seelen ein. Unter 
Kaiser Joseph kamen in die Baöka nach der geringsten Angabe 
3088 Familien 2), also wenigstens 12 500 Seelen, ins Banat 2702 
Familien oder 11000 Köpfe, ins übrige Ungarn 1810 Familien 
oder 7500 Seelen ^). Als gesamte Einwanderungszahl von 1763 bis 
1787 ergibt sich die ansehnliche Summe von rund 19 000 Familien 
oder etwa 80 000 Ansiedlern ^). Die Anzahl der später, insbesondere 



1) Nach vorhandenen Akten zählten 5159 Einwandererfamilien 21 051 Seelen, 
2212 Familien 10060 Seelen; jede Familie zählte also über 4 Seelen. 

2) Nach anderer Berechnung 3500 Familien; s. oben S. 239. 

3) Als Gesamtsumme der unter Kaiser Joseph auf Staatskosten wirklich 
angesiedelten Familien gibt ein Bericht vom 22. September 1789 7188 Fa- 
milien an; also etwa um 400 weniger als oben ausgewiesen wurde. 

4) Obige Berechnung beruht auf dem Aktenmaterial, das freilich nicht 
ganz lückenlos ist. Rohr er gibt die Anzahl der eingewanderten Familien mit 
17000 an. Schwicker berechnet die Kopfzahl mit 80000, doch scheint die 
von ihm angenommene Verteilung auf die Zeit Maria Theresias und jene Josephs 

18* 



376 Gegenwärtige Zahl und Ausbreitung der Deutschen in Ungarn. 

im 19. Jahrhundert eingewanderten Deutschen läfst sich nicht ein- 
mal annähernd angeben, da nur ganz vereinzelte Angaben be- 
kannt sind. 

Nach der Zählung von 1900 lebten in Ungarn 2114 423 
Deutsche, davon im eigentlichen Ungarn 1750534, in Sieben- 
bürgen 229 889 und in Kroatien und Slawonien 134000. Im 
Komitate Bäcs-Bodrog wohnten allein 192 267 und im Banat 
(Komitate Temes, Torontäl und Krassö) 450517 Deutsche! Seit 
1890 hat die Zahl der Deutschen in Ungarn um 27 604 zu- 
genommen; während sie aber 1890 12,2 Prozent der Gesamt- 
bevölkerung bildeten, waren sie 1900 nur 11,1 Prozent. Der Rück- 
gang im Hundertsatz ist vor allem in den Städten, ferner in den 
Komitaten Wieselburg und Zips erfolgt ; in letzterem Gebiet leben 
heute nicht mehr Deutsche als zur Zeit Kaiser Josephs (etwa 
42 885). Die geringe Zunahme der Deutschen ist vor allem der 
Magyarisierung in den Städten ^), ferner auch der Auswanderung 
zuzuschreiben; auf dem flachen Lande nehmen die Deutschen im 
allgemeinen stetig, wenn auch langsam zu. Nicht übersehen darf 
man, dafs bei den Zählungen erwiesenermafsen Beeinflussungen 
stattfinden. Man treibt in Ungarn seit jeher den Unfug, dafs man 
jeden, der sich einen Ungarn nennt, als Magyaren ausgibt. Über- 
dies wurde auf den Volkszählungsblättchen nicht schlechtweg die 
Angabe der Muttersprache verlangt, sondern die „Muttersprache, 
bezw. die Sprache, die man am häufigsten und liebsten spricht". 
Es ist leicht begreiflich, dafs danach Beamte und andere in ab- 
hängiger Stellung befindliche Personen ihre Angaben einrichteten. 
Das Deutschtum ist daher weit stärker als die Ergebnisse der 
Zählung schliefsen lassen; dies gilt vor allem von den Städten, 
und ganz besonders von Ofenpest. Besonders erwähnenswert ist 
noch, dafs in Ungarn 564 Orte mit mehr als 90 Prozent, und 
493 Orte mit 50 — 90 Prozent Deutschen bestehen, also zusammen 



unrichtig zu sein. Er nimmt für die letztere Periode 9011 Familien an, was zu 
viel ist. 

1) 1890 bekannten sich in Ofenpest 24 Proz., 1900 aber blofs 14 Proz. als 
Deutsche; ebenso sank der Hundertsatz der Deutschen in Prefsburg von 60 
auf 50, in Ödenburg von 64 auf 54, in Kremnitz von 77 auf 65, in Hermann-j 
Stadt von 61 auf 55 usw. 



Auswanderung. 377 

1057 Orte mit ausgesprochen deutschem Charakter; sie haben 
1359 860 deutsche Bewohner. Ferner werden 268 Orte mit 20 
bis 50 Prozent Deutschen gezählt, von denen infolge des kulturellen 
Übergewichtes der Deutschen der weitaus gröfste Teil auch noch 
deutsches Gepräge aufweist. Einen Hundertsatz von 10 — 20 
Deutschen weisen noch 332 Orte auf. 

Die Auswanderung hatte in der Zips schon gegen das Ende 
des 18. Jahrhunderts eingesetzt. Damals zogen Zipser Bergleute 
in die Bukowina; ebenso wanderten Zipser nach Rumänien, 
Kroatien, Serbien, ja selbst nach Kleinasien. In den letzten Jahr- 
zehnten setzte die Einwanderung nach Amerika ein. Aus dem Banat 
wollten sich Schwaben schon vor fünfzig Jahren nach Serbien, 
Rumänien und nach Rumelien wenden ; doch mifsglückten diese Aus- 
wanderungsversuche. Gegenwärtig befinden sich 10 bis 20 Prozent 
der Bevölkerung der schwäbischen Dörfer des Banats in Amerika. 
Ebenso wandern aus dem südlichen Ungarn, der „schwäbischen 
Türkei", sehr viele Schwaben nach Amerika. Andere Schwaben 
aus dem Banat und Südungarn wandern nach Slawonien und 
Bosnien. Aus Siebenbürgen wandern Sachsen nach Rumänien; 
auch die „Sachsengängerei" nach Deutschland, um Arbeit und 
Verdienst zu suchen, ist nicht selten; vor allem hat aber auch 
hier das Amerikafieber Platz gegrifien. Die Ursachen der Aus- 
wanderung sind bei den Schwaben vor allem im grofsen Kinder- 
reichtum zu suchen; infolge der Landnot zieht ein Teil der Be- 
völkerung fort. Die Erwerbung von Grund und Boden ist in 
Ungarn durch die vielen Fideikommisse (gebundener Grundbesitz) 
oft sehr erschwert. Auch Arbeitsnot zwingt zur Auswanderung; 
Ungarn hat Mangel an Industrien, in denen überschüssige Kräfte 
Verwendung finden könnten. In Siebenbürgen veranlafste der 
Niedergang des Kleingewerbes infolge des Zollkriegs mit Rumänien 
viele Handwerker zur Auswanderung. Siebenbürgische Weinbauer 
trieb die Phylloxeranot in die Fremde. Auch der Frauenüber- 
schufs und die Verteuerung aller Lebensmittel machen sich geltend. 
Dazu kommen die unleidlichen politischen Verhältnisse. Viele von 
den nach Amerika Ausgewanderten kehren zurück. Fast jede 
gröfsere Gemeinde Südungarns hat ihr „amerikanisches Viertel" 
von Feldern und neuerbauten Bauernhöfen, die mit dem in Amerika 



278 Kasche Vermehrung der Schwaben. 

erworbenen Gelde angekauft wurden. Ebenso hat die amerika- 
nische Erwerbswanderung die völlige wirtschaftliche Erneuerung 
mancher Gebiete des siebenbürgischen Sachsenlandes gefördert. 
Ein Teil der Ausgewanderten bleibt aber drüben und geht seinem 
Volkstum verloren ^). Mit Recht wurde daher angeregt, dafs sich 
überschüssige Deutsche aus Ungarn und Siebenbürgen vor allem 
nach Bosnien wenden sollten: den Schwaben bietet sich hier 
genügender Boden zum Anbau, den Sachsen lohnende Aussicht 
in der Wald- und Bergwerkindustrie. Noch eine andere mifsliche 
Folge der Auswanderung mufs betont werden. An Stelle der aus 
deutschen Dörfern ausgewanderten Arbeitskräfte werden von ma- 
gyarisch gesinnten Faktoren magyarische Knechte aus entfernten 
Komitaten herbeigezogen, angeblich „um der Arbeitsnot ein Ende 
zu machen". Diese setzen sich fest, heiraten in deutsche Wirt^ 
Schäften ein und gefährden das Deutschtum. 

Vergleicht man die Zahl der eingewanderten Schwaben mit 
der gegenwärtigen, so ergibt sich trotz der bedeutenden Verluste 
(in alter Zeit durch Seuchen, dann durch Auswanderung und Magya- 
risierung) ein geradezu erstaunliches Anwachsen. Dies ist ihrer 
grofsen Fruchtbarkeit zuzuschreiben. Die Zahl der Kinder ist in 
den schwäbischen Familien sehr grofs. So hinterliefs z. B. die 
im August 1910 in India verstorbene Frau Marianne Kohl 7 Kinder, 
33 Enkel, 56 Urenkel und 4 ürurenkel, also eine Familie von 
100 Köpfen. Bei den Sachsen ist leider die Vermehrung nur 
gering. 

1) Vor einigen Jahren richtete der sächsische Bischof Teutsch ein Send- 
schreiben an die sächsischen Auswanderer in Amerika, in dem er sie zum Fest- 
halten an ihrem Volkstum und ihrer Kirche, ferner zur Bückkehr nach der Heimat 
aufforderte. Der Verein der Siebenbürger Sachsen in Amerika antwortete in 
seiner Zeitschrift „Heimatsklänge" (Erie, Pa.) mit dem Gelöbnis der Anhäng- 
lichkeit an die verlassene Heimat. Auch eine Studienreise wurde veranstaltet 
(1908), um die Verhältnisse der Ausgewanderten in Amerika kennen zu lernen 
und ihre Verbindung mit der alten Heimat zu festigen. Vgl. 0. Wittstock, 
Unsere Volksgenossen in Amerika (Hermannstadt 1910). 



Zweites Kapitel. 

1. Die deutschen Kolonistendörfer; ihre Ausstattung und Entwicklung. — 

2. Deutsche Arbeit und wirtschaftliche Lage. Förderung der materiellen und 
geistigen Kultur. — 3. Politische Stellung. Deutschenhafs und deutschvölkische 

Bewegung. 

Die deutschen Kolonistendörf er ; ihre Ausstattung und Ent- 
wicklung. 

Auf die regelmäfsige Anlage der neuen Ansiedlungsdörfer 
wurde schon frühzeitig grofses Gewicht gelegt. Im Ansiedlungs- 
normale, das Cothmann 1765 für den Bäcser Komitat feststellte ^), 
befahl er, die Hauptstrafsen der Ansiedlungen 20 Klafter (fast 
40 m) breit herzustellen, „damit bei entstehender Feuersbrunst, 
die der gütige Gott gnädigst abwenden wolle, die Flammen nicht 
allsogleich die gegenüberliegende Reihe erreichen und in Brand 
stecken könnten; ferner, damit die Luft freier durchstreiche und 
zur Gesundheit der Inwohner vieles beitrage". Auch erhaltene 
Pläne der Ansiedlungen beweisen, dafs man auf eine regelmäfsige 
Anlage der Dörfer und rechtwinklig sich schneidende Gassen be- 
dacht war. So sollte die Ansiedlung Gäkova aus zwei sich kreuz- 
förmig schneidenden Strafsen bestehen; in der Mitte des Dorfes 
hatten die Kirche, das Pfarr- und Schulhaus, die Fleischbank und 
die Schmiede ihre Stätten zu erhalten. Die „Impopulationshaupt- 
instruktion" für das Banat von 1772 enthält über die Aussteckung 
der Gassen und die Anordnung der öffentlichen Gebäude, zu denen 
auch das Wirtshaus gehörte, besondere Vorschriften. Diese Arbeit 
hatte ein Ingenieur vor dem Beginn der Ansiedlung zu besorgen ; die 
Hauptgassen waren 18 bis 20, die „ Zwerggassen " (d. h. Quergassen) 
6 bis 8 Klafter 2) breit anzulegen ; die öffentlichen Gebäude stets in der 

1) Vgl. oben S. 199 f. 

2) 1 Klafter = 190 cm. 



380 Anlage der Kolonistendörfer. 

Mitte des Ortes zu errichten; in den Gassen öffentliche Brunnen 
herzustellen. Die Hausgründe sollten 75 bis 100 Klafter lang und 
12 bis 15 Klafter breit sein; alle Häuser waren nur auf einer Seite 
des Hausgrundes mit der Giebelwand gegen die Strafse zu bauen, 
so dafs zwischen den Gebäuden zweier Nachbarn stets ein Zwischen- 
raum von wenigstens 9 Klaftern vorhanden war. Hinter dem Hause in 
gerader Linie gegen den Garten hatten Ställe, Schupfen und Scheunen 
ihren Platz zu finden; niemals durften sie quer über den Hofgrund 
gestellt werden, „damit bei Feuersbrünsten die Flammen nicht 
soweit durch derlei Zwerg- oder Mittelgebäude sich von einem 
Haus zum anderen verbreiten können^'. Gröfsere Ansiedlungen 
hatten mehrere sich kreuzende Haupt- und Nebengassen; so z. B. 
Engelsbrunn und Schöndorf im Banat; diese Dörfer bildeten ein 
Rechteck oder Quadrat. Charlottenburg erhielt dagegen eine kreis- 
förmige Anordnung; Gassen und Hausgründe sind radial ange- 
ordnet ^). Zu den Musterdörfern zählte auch Billöd mit 18 Klafter 
breiten Gassen. 

Das Ausmafs der Grundlose war nicht gleich. Die Instruktion 
von 1772 schrieb für eine ganze Wirtschaft 37 Joch vor, und 
zwar 24 Joch Acker, 6 Joch Wiese, 6 Joch Weide und 1 Joch 
Hausgrund (samt Garten) ; eine halbe Wirtschaft umfafste 21, eine 
viertel 13 Joch 2). Entsprechend der Dreifelderwirtschaft wurden 
die Acker in drei Tafeln oder Breiten abgeteilt; in jeder dieser 
Abteilungen erhielt jeder Ansiedler ein Drittel seiner Acker. Eine 
Tafel blieb jedes dritte Jahr brach liegen und wurde als Vieh- 
weide verwendet. Für den Pfarrer, den Lehrer, die Distrikts- 
beamten, ferner für das Wirtshaus, den Fleischhauer und 
andere Handwerker waren Gründe bei der Verteilung zurück- 
zuhalten. Unter Kaiser Joseph wurden die Lose in der Baöka 
und im Banat verschieden grofs bemessen, doch hatten die Acker- 
lose zum Teil die in den früheren Instruktionen bezeichnete Gröfse ; 
sie erhielten nämlich 32 Joch zu 1200 Quadratklaftern oder 24 



1) Man vgl. die Anlage von Königsau oben S. 130. 

2) Auch nach einer Bestimmung von 1767 wurden im Banat 24 Joch Äcker 
und 6 Joch Wiesen zugeteilt; aufserdem jedenfalls auch Hutweiden und Haus- 
plätze. 



Gruüdbestiftung 381 

Joch zu 1600 Quadratklaftern i). Die späteren Ansiedlungen unter 
Kaiser Joseph erhielten infolge des Mangels an besseren Gründen 
oft minderwertigen oder mit Bäumen bestandenen Boden. So be- 
kamen z. B. die 200 Ansiedlerfamilien in Moritzfeld (Banat) folgende 
Grundbestiftung : Ackerfelder in drei Fluren 4560 Joch, Wiesen 
in zwei Fluren 1160 Joch, Hut weide 580 Joch und Hausplätze 
200 Joch, also zusammen 6500 Joch. Von den Ackern waren 
aber 1787 blofs 1106 Joch abgestockt, also blofs ein Viertel. Da 
die Absteckung nur geringe Fortschritte machte und eine der 
Fluren öfters überschwemmt wurde, geriet die Ansiedlung in arge 
Not. In der Militärgrenze bestand eine „Session" Grund aus 
24 Joch Ackern, 10 Joch Wiesen und 8 Joch Hutweide. 24 Joch 
Acker gehörten also zur fast regelmäfsigen Ausstattung eines 
ganzen Bauerngutes in Kameralansiedlungen. In den privaten war 
die Bestiftung in der Regel viel geringer. 

Bei Ansiedlungen, welche an ältere bereits bestehende Ort- 
schaften angebaut wurden, bereitete den deutschen Ansiedlern die 
Lage ihrer Gründe zwischen denen der einheimischen Bevölkerung 
mancherlei Beschwerden; deshalb wurde die Ausscheidung der 
„vermischten" Gründe angestrebt. Darüber berichtet z. B. der in 
Sziväcz angesiedelte Eimann: „Kaum waren die Deutschen ange- 
siedelt, so sahen sie ein, dafs sie durch die Vermischung mit den 
Raizen (Serben) unmöglich emporkommen können, sondern sicher 
zugrunde gehen und arme Leute bleiben müssen; dann die ange- 
wöhnten Unordnungen, das Herumlaufen des Viehes in allen 
Früchten ^) und die innerliche schlechte Ortsverwaltung liefsen 
daran gar keinen Zweifel übrig". Daher wurde in Neu-Sziväcz 
schon ein Jahr nach der Ansiedlung die „Separation" der deut- 
schen Gemeinde von den serbischen angestrebt, und man schickte 
zu diesem Zwecke „Deputierte" an Kaiser Joseph (1787); doch 
wurde die Trennung erst von Kaiser Franz 1796 bewilHgt und 
1797 durchgeführt. Dadurch wurde der Kaiser, wie Eimann be- 
merkt, „ein wahrhafter Vater und Erretter der Neu-Sziväczer 
deutschen Gemeinde". 



1) Vgl. oben S. 222. 

2) Vgl. oben S. 197 u. 198. 



2St Grundankäufe der Ansiedler. 

Frühzeitig begannen die Ansiedler ihren Grundbesitz durch 
Ankauf von Ackern, Weingärten u. dgl. der benachbarten ein- 
heimischen Bevölkerung zu vergröfsern. Ebenso wurden benach- 
barte Felder massenhaft in Pacht genommen. Gegenwärtig sind 
im Banat Dörfer, die früher von Serben und Rumänen bewohnt 
wurden, in deutschem Besitz. Ebenso haben in Slawonien die 
Schwaben schon viele serbische Dörfer ausgekauft. „Manche 
halten die Zeit nicht mehr fern, wo der gröfste Teil von Sirmium 
(östliches Slawonien) den Deutschen gehören wird." In diesem 
Sinne äufsert sich der serbische Pfarrer Radoslav MarkoviÖ in 
seiner Schrift über die in Sirmien gelegenen Gemeinden: „Wenn 
dies auch fürderhin so geht, werden die Serben aus diesen 
Gegenden ganz verschwinden müssen". Leider hat der „Land- 
hunger" der Schwaben eine bedeutende Steigerung der Boden- 
preise bewirkt und erschwert dem Überschusse deutscher Volks- 
kraft die Ausbreitung. An Stelle der Preistreiberei des Einzelnen 
müfste planmäfsiger Aufkauf durch Raiflfeisenkassen treten. 

Die Häuser erhielten die Ansiedler in der Baßka wenigstens in 
den ersten Jahren der Ansiedlung nicht umsonst. Nach dem bereits 
angeführten Ansiedlungsnormale Cothmanns stampften sich die Kolo- 
nisten ihre Häuser ^j in der vorgeschriebenen Reihe und Form ; sie 
mufsten Rauchfänge aus Ziegeln bauen, wozu ihnen die Herrschaft 
das Tausend Ziegel für 4 fl. verkaufte. Hölzerne Rauchfänge wurden 
wegen der Feuersgefahr verboten. Zur Dacheindeckung diente 
in der Regel Rohr; da dieses aber oft fehlte, so wurde der Rat 
erteilt, Stroh anzuwenden. Aus anderen Mitteilungen geht hervor, 
dafs aber auch der Staat Häuser errichtete oder dafs er doch den 
Ansiedlern schon in den ersten Jahren der Ansiedlung Vorschüsse 
für den Bau gewährte. Die von 1762 bis 1768 im Bäcser Ko- 
mitat angesiedelten Einwanderer bewohnten teils von der „Impo- 
pulationskasse " erbaute Häuser, teils hatten sie sich selbst die 
Gebäude errichtet und nur die Materialien erhalten; noch andere 
hatten auch den gröfsten Teil der Baustoffe erkauft und nur einen 
Teil der Balken, Bretter und des Rohrs oder Türen, Fenster und 



1) Die Wände dieser Häuser bestanden aus festgestampften Lehm (Ton). 
Vgl. weiter im Text. 



Das deutsche Kolonistenhaus. 383 

Eisenwerk erhalten. Die für den Hausbau gewährten Vorschüsse 
sind später zum gröfsten Teile nachgesehen worden. Im Banat 
scheinen die Ansiedler die Häuser überhaupt frei erhalten zu haben. 
Nach der Hauptinstruktion von 1772 errichtete der Staat hier alle 
Ansiedlerhäuser in derselben Gröfse und Gestalt auf eigene Kosten ; 
Kolonisten, welche die Mittel hatten, konnten sich nach Belieben 
„gröfsere, schönere und bequemere" Häuser bauen. Für Ställe, 
Schupfen und Scheuern erhielten die Ansiedler blofs das nötige 
Bauholz, dafs sie sich überdies aus den Waldungen selbst herbei- 
führen mufsten. Jedes Haus hatte aus der „Küchel" und zwei 
Zimmern zu bestehen; es konnte entweder „aufgestampft oder von 
Kothziegeln gesetzt oder auch von Holz mit Flechtwerk dazwischen 
erbaut werden, wie es nämlich der Grund und die Umstände zu- 
lassen und auf welche Art es am wohlfeilsten sein kann". Nach 
einer aus dem Jahre 1780 herrührenden Beschreibung der An- 
siedlerhäuser im Banat wurde in die Tonerde, die zum Herstellen 
der Wände diente. Streu gemengt; die Wände wurden aus diesem 
Ton entweder gestampft oder aus Tonklumpen zusammengesetzt. 
Andere Häuser wurden aus ungebrannten Ziegeln erbaut. Die 
aus Flechtwerk bestehenden Wände, die mit zäher Tonerde be- 
kleidet waren, sollen dem festesten Mauerwerk an Härte gleich- 
gekommen sein. Zur Dachbedeckung dienten auch die Stengel 
(Halme) des Mais (Kukuruz). „Ein Schlafzimmer und die Küche 
machen die Teile des Hauses; einige haben auch drei Abteilungen. 
Jedes Haus hat einen Garten, nebst einem Dach für das Acker- 
geräte und den nötigen Viehställen". Aus erhaltenen Abbildungen 
geht hervor, dafs die Häuser in der Mitte der Längsseite die Tür, 
von dieser rechts und links je ein Fenster aufwiesen. Die Dächer 
hatten keine senkrechten Giebel wände, sondern bestanden aus vier 
schief abfallenden Flächen. Ein Josephinisches Ansiedlerhaus mit 
gestampften Wänden im Bäcser Komi täte kostete ungefähr 200 fl. 
Diese Häuser waren elf Klafter lang, drei Klafter breit, acht Schuh 
hoch und umfafsten ein Zimmer, eine Küche, Kammer und Stall. 
Jedes erhielt zwei Kachelöfen. Später baute man aber wieder 
viel billigere Häuser i). 

1) Von den Josephinischen Häusern waren z. B. in Szeghegy vor 25 Jahren 
noch einige erhalten. 



284 Sonstige Unterstützungen. 

Aufser den freien Gründen und der Unterstützung beim Haus- 
bau erhielten die Ansiedler auch schon zur Zeit Maria Theresias 
gegen Ersatz: Vieh, Geräte und Getreide, schliefslich Vorschüsse an 
Geld. So hatten die 1762 bis 1768 im Bäcser Komitat angesiedelten 
1678 Familien erhalten: 184 Zugochsen, 1945 Wagenpferde, 186^ 
Kühe, 1550 Jungvieh, 263 Maulesel, 3464 Schafe, 616 Ziegen, 127^ 
„ subellicos " ^) und 97 Bienenstöcke. An Bargeld und an Anschaf- 
fungen, die für die Ansiedler mit Bargeld bestritten wurden (Häuser, 
Vieh, Holz, Eisenzeug usw.), waren 47898 fl. 441 Kr. ausgelegt wor- 
den; davon zahlten die Ansiedler 2257 fl. 24 Kr. zurück. An Getreide 
erhielten sie: Weizen 8687 i, Gerste 47651 und Hafer 27691 Prefs- 
burger Motzen, wovon sie nur ganz unbedeutende Mengen zurück- 
gaben. Es stellte sich bald heraus, dafs die Ansiedler die ihnen ge- 
währten Vorschüsse nicht so bald zurückerstatten konnten-, daher 
wurde 1768 von der Kaiserin zunächst die Hälfte nachgesehen^ 
hierauf befahl sie 1774, „dafs über diese ganze Sache auf einmal 
ein Strich gemacht und die annoch haftenden Rückstände gänz- 
lich und vollkommen nachgesehen werden". Dies sei den An- 
siedlern „zu ihrer Ermunterung" kundzumachen. 

Diese Erfahrungen trugen dazu bei, dafs den Ansiedlern unter 
Kaiser Joseph nicht nur die Gründe, sondern auch die Häuser 
und die gesamte Ausstattung frei zur Verfügung gestellt wurde. 
Danach betrugen die Kosten für eine angesiedelte Familie im 
Bdcser Komitat : das Reisegeld für eine Familie, zu vier Personen 
angenommen, jede zu 4 fl., 16 fl.; die Verpflegung bis zur ersten 
Fechsung an Barem 27 fl., an Frucht 12 fl. 9 kr.; an Schlaf- 
kreuzer durch 9 Monate 27 fl., zusammen 66 fl. 9 Kr.; das Hau* 
„nach mittelmäfsigem Plan" 196 fl.; ein Paar Pferde 44 fl.; ein 
Paar Ochsen 50 fl. ; eine Kuh 18 fl. ; Gerätschaften und Utensilien 
91 fl. 45 Kr.; für Krankheitsauslagen 10 fl.; für den ersten An- 
bau, Bearbeitung der Felder, Zufuhr der Gerätschaften, Mahlen 
der Brotfrüchte usw. durchschnittlich 16 fl.; Summe 507 fl. 54 Kr. 
Wie weit die Vorsorge der Regierung ging, geht aus dem Ver- 
zeichnisse über die den Ansiedlern bewilligten „Requisiten und 
Wirtschaftsgeräte" hervor. Danach wurden für die oben ausge- 



1) Vielleicht Schweine? Ich finde dieses Wort in keinem Wörterbuche. 



Sonstige Untorstützungen. 385 

wiesenen 91 fl. 45 Kr. angeschafft: 2 Bettstätten, 2 Strohsäcke, 
4 Kopfpölster, 4 Leintücher, 2 Kotzen (Teppiche, Decken), 1 Egge 
mit hölzernen Nägeln, 1 Holzhacke, 4 Sicheln mit Zubehör, 
1 Wagenseil, 3 Bohrer (grols, mittel, klein), 2 Sägen, 1 Hand- 
hacke mit Stiel, 1 eiserne Schaufel mit Stiel, 2 hölzerne Schaufeln, 
1 Milchkübel, 1 Wasserschaf, 1 Butterfassl, 1 Backmolter, 2 Leuchter 
samt „Lichtbutzen" ^), 1 Sieb, 1 Wagen, 1 Sperrkette, 1 Backen 
(Bastmatte) 2), 8 Fruchtsäcke, 1 Reibeisen, 1 Holzaxt, 2 Brot- 
schiefser, 2 Halfter, 4 Strenge, 1 Spitzkrampen, 1 eiserne Mistgabel 
mit Stiel, 1 Axt, 1 eiserner Kessel, 2 eiserne Pfannen, 2 Heu- 
gabeln, 1 Wasseramper (Eimer), 1 Beifszange, 2 Schnitzer, 1 eiserner 
Hammer, 1 Scheibtruhe samt Beschlägen, 1 Schleifstein, 1 ganzer 
Pflug, 1 eiserner Rechen, 2 Pferdegeschirre, 1 Beil, 1 SchUtten, 
1 Striegel, 2 Spinnräder, 2 Bettladen, 2 Kukuruzhauen, 2 Stock- 
hauen, endlich 1 Reifmesser. Ahnlich lautet der Bericht des Ko- 
lonisten Eimann über die Ausstattung der Ansiedler; auch nach 
seinem Bericht mufsten blofs die Saatfrüchte zurückerstattet werden. 
Jeder Handwerker erhielt 50 fl. zur Anschaffung seines Werkzeugs. 
Ein Schriftsteller, der am Anfang des 19. Jahrhunderts das Jose- 
phinische Ansiedlungswesen beschreibt, ruft anerkennend aus: „Man 
vergafs selbst Messerbestecke, Leuchter und Feuerzeuge nicht". 

Die Regierung sorgte aber auch für zahlreiche andere Gegen- 
stände. Die Gemeinden wurden mit Feuerrequisiten ausgestattet; 
dazu gehörten in der Josep hinischen Zeit ein Wagen mit einem 
6 Eimer fassenden Wasserfafs, 3 Leitern, 4 Feuerhaken, 12 lederne 
und 4 hölzerne Eimer. Wo die Brunnen sehr tief waren, versah 
man sie mit Schöpfmaschinen, so in Rittberg. Ferner wurde im 
Banat für die Erbauung einer Rofsmühle bei jedem Dorfe Sorge 
getragen. Apatin erhielt sogar schon unter Maria Theresia eine 
Uhr auf Kameralkosten. Die Instruktion für das Banat von 1772 
befahl die Anstellung von Chirurgen und die Errichtung von 
Krankenhäusern. Zur Zeit Josephs werden Spitäler sowohl in der 
Backa als im Banat erwähnt. Der Ansiedlungschirurg Weber er- 

1) Scheere zum Abschneiden des verkohlten Kerzendochtes; Abb. findet 
man bei Kaindl, Geschichte von Czernowitz (Czernowitz (1908), S. 152. 

2) Diese Deutung scheint die richtigste zu sein. Vielleicht ist an eine 
Wagendecke zu denken, wie sie noch jetzt üblich sind. 



386 Sonstige Unterstützungen. 

hielt im Banat zum Unterhalt für jeden Kranken 5 Kreuzer täglich ; 
die Spitäler wurden durch einen Medicus visitiert. Auch Hebammen 
wurden augestellt. Gleich in den ersten Jahren der Ansiedlung 
sorgte man für die Bestellung von Richtern (Dorf Vorstehern). Nie- 
mand wollte in den ersten Jahren wegen Mangels an Einkünften 
diese Stellung übernehmen; deshalb wurde dem Richter eine ge- 
wisse Getreidemenge zuerkannt. Neben dem Richter wurden Ge- 
schworene bestellt. Vor ihnen wurden Käufe und Verkäufe ab- 
geschlossen und zur Sicherheit in ein Grundbuch eingetragen. Auch 
die Lehrer erhielten von der Kameralherrschaft freie Wohnungen^ 
halbe Bauernsessionen und ein Getreidedeputat. Die fleifsigsten 
Kinder bekamen als Belohnung Gebetbücher aus der Impopulations- 
kasse. In Apatin wurde schon um 1765 ein Waisenhaus errichtet. 
Kaiser Joseph setzte zum täglichen Unterhalt unmündiger Kinder 
verstorbener Ansiedler 3 Kr. aus; dieser Betrag wurde an jene 
Personen, die die Kinder zur Pflege übernahmen, so lange ausge- 
zahlt, bis diese selbst erwerbsfähig wurden. Die Instruktion von 
1772 schrieb die Errichtung von Schulhäusern und Kirchen vor; 
auch die Ausstattung mit Mefskleidern, Kelch und anderen Kirchen- 
gegenständen sollte auf Staatskosten „nicht prächtig, aber doch 
reinlich und anständig" erfolgen. Unter Kaiser Joseph erhielten 
auch die protestantischen Prediger und Schullehrer Besoldungen, 
und zwar erhielt der Prediger 200 fl. jährlich. Manchen protes- 
tantischen Gemeinden liefs der Kaiser auch die Pfarrhäuser er- 
bauen; ebenso wurden für die Schulhäuser Unterstützungen ge- 
währt. Die Obsorge für protestantische Prediger, Schulen und 
Schulmeister hörte auch nach dem Tode Josephs nicht ganz auf; 
den jüngeren Kolonien wurden auch unter Kaiser Franz für diese 
Zwecke Unterstützungen gewährt. Mit unverkennbarer Dankbarkeit 
schildert der öfters genannte Eimann in seinen Aufzeichnungen die 
Obsorge der Regierung für die Kolonisten. 

Auch den Gemeinden suchte der Staat einige Einkünfte zu ver- 
schaffen. Nach Cothmanns Vorschlag sollten die Gemeindeglieder ge- 
meinsam einige Felder bebauen, um aus dem Erträgnisse gemeinsame 
Auslagen zu tragen, fiir die einquartierten Soldaten den Hafer zu 
liefern u. dgl. m. Ferner überliefs man schon damals den Neuan- 
siedlern für ein oder zwei Jahre das herrschaftliche Recht des 



Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung. Freijahre. 287 

Schankes und der Fleischbank, um davon für die Kirche Glocken 
zu kaufen und andere Gemeindebedürfnisse zu decken. Auch 
später durften Gemeinden, welche Weingärten besafsen, von 
St. Michael bis St. Georg, also das Winterhalbjahr hindurch, in 
eigenen dazu gemieteten Wirtshäusern zu ihrem Vorteile Wein 
ausschenken. Durch dieses Recht erzielte die Gemeinde Neu-Sziväcz 
in 2 Wirtshäusern innerhalb 23 Jahren 16 537 fl.; im Jahre 1816 
betrug dieses Einkommen allein 2110 fl. 

Auch auf die wirtschaftliche Entwicklung der Ansiedler war 
die Regierung bedacht. Besondere Fürsorge entfaltete in dieser 
Beziehung der tüchtige Cothmann im Bäcser Komitat. In seiner 
Instruktion von 1765 gab er dem damaligen k. k. „Plantagen- 
provisor" — schon dieser Name ist bezeichnend für die weit- 
ausgreifenden Pläne — ausführliche Belehrungen, wie die Land- 
wirtschaft und die damit zusammenhängende Industrie gehoben 
werden sollte. Man versuchte Tuch- und Leinenfabrikation, Woll- 
und Baumwollspinnerei, ja selbst die Seidenmanufaktur einzuführen. 
Zu diesem Zwecke wurde der Bau von Flachs, Hanf, Baumwolle 
und Maulbeerbäumen (für die Seidenraupenzucht), ferner der An- 
bau von Farbkräutern (Waid, Krapp, Röte), endlich die Ein- 
führung von persischen Ziegen und mazedonischen Schafen ge- 
fördert ^). Ebenso wurde die Anlegung von Obstbaumschulen an- 
befohlen. Zur Förderung des Handwerkes sollten „Zunftartikel" 
(Zunftordnungen) erteilt werden. Auch die Anstellung von Wirt- 
schaftsinspektoren wurde schon 1767 anbefohlen. Unter Kaiser 
Joseph wurden nachlässige Wirte durch besondere Aufseher zum 
besseren Wirtschaftsbetriebe angehalten. 

Über die Freijahre und Schuldigkeiten der Ansiedler wurden 
1764 folgende Bestimmungen getroffen. Die neuangesiedelten 
Bauern waren 6 Jahre frei von der Kontribution (landesfürstlichen 
Abgabe), den Vorspanndiensten und der Militäreinquartierung, 
ferner 3 Jahre von den herrschaftlichen Roboten und der Abgabe 
des Zehntels und des Neuntels ^). Handwerker, die nur von ihrem 



1) Die Baumwollindustrie gab man bald auf; die Seidenraupenzucht hat 
sich bis auf die Gegenwart erhalten. 

2) Eimann setzt die Schuldigkeit des Neuntels und Zehntels gleich einem 



1388 Hemmende Momente. 

Gewerbe lebten, waren von den landesfürstlichen Leistungen durch 
10 Jahre, von den grundherrlichen 5 Jahre lang frei ; nach Ablauf der 
Freijahre leisteten Handwerker nur die Kontribution und die Ein- 
quartierung, ferner zur Ablösung der anderen Pflichten eine „Taxe". 
Unter Joseph erhielten die Bauern 10, die Handwerker 10 bis 15 
Freijahre ^). Die öfFentHchen Häuser wurden überhaupt von Abgaben 
frei gehalten; solche „Freihäuser" waren die Kirche, die Pfarre, 
die Schule, das Gemeindehaus, das Haus des Notars (Gemeinde- 
schreibers) und das Gemeindewirtshaus. 

Trotz der mannigfaltigen Unterstützungen durch den Staat 
war die Lage der Kolonisten anfangs oft sehr schwierig und die 
Entwicklung der Ansiedlungen gering. Die neuen Verhältnisse, 
das ungewohnte Klima, Seuchen u. dgl. traten störend dazwischen. 
Der Absatz landwirtschaftlicher Produkte war äufserst gering und 
schwer. Dazu kam die grofse Unsicherheit der Gegend; die An- 
siedlungen waren zum Teil zum Schutz gegen das geradezu er- 
schrecklich umsichgreifende Räuberwesen errichtet worden und 
hatten besonders im Banat durch diese Unsicherheit viel zu leiden. 
Die walachischen Räuberhorden überfielen selbst die Dörfer und 
«rprefsten von ihnen Geld und Lebensmittel. Aus Klopodia (Banat) 
waren die Deutschen wegen der Gefahrdung ihres Gutes und 
Lebens durch die Walachen weggezogen; an ihre Stelle kamen 
Ungarn. Aber 1815 klagten auch diese, dafs sie wegen des 
•Sengens und Brenneus der dortigen walachischen Mitbewohner 
nicht bestehen könnten; 1818 wanderten daher auch sie aus. 
Schwere Heimsuchungen brachte über viele Ansiedlungen auch 
'der Türkenkrieg von 1788 bis 1791; die Ansiedler wurden in 
ihrer Arbeit gestört, mufsten Vorspann leisten, ihre Häuser wurden 
verdorben, ihr Viehstand geschädigt. Dazu kamen Wetterschäden,^ 
Mifswachs und Überschwemmungen. Überdies waren manche voi 
^en Ansiedlungen mit unfruchtbaren Gründen bestiftet worden.- 
Da unter den Ansiedlern sich auch untaugliche Leute befandei 
so fehlte es nicht an Beschwerden und Widerspenstigkeit. Viek 
Ansiedler verliefsen ihre Siedlungsstätten, manche kehrten in di( 

Fünftel; diese Abgabe war von allen Bodenerträgnissen, auch den Weinbergen, zi 
leisten. 

1) Vgl. oben S. 222. 



Hemmende Momente. 281) 

Heimat zurück; kranke Ansiedler wurden von der Behörde dahin ent- 
lassen. Dazu kam, dafs als Bauern auch viele Handwerker angesiedelt 
wurden. So betont auch Eimann (1820), selbst ein Kolonist, dafs 
anfänglich viele kein Geschick zur Landwirtschaft hatten. „Was 
verstanden Schuster, Schneider, Leineweber und solche Handwerker 
von Pferden und Wagen, von Ackerbau und Säen. Das Fuhr- 
wesen war demnach sehr lächerlich anzusehen. An einem Acker 
von 3 Jochen wurde 4 bis 6 Tage geackert. Beim Früchteaus- 
treten ging es noch komischer zu ; viele wollten verhüten, dafs der 
natürliche Abgang der Pferde nicht in die Früchte fallen sollte 
und hatten ihnen kleine Säcke hintenhin gebunden. Jetzt sehe 
man aber heutzutage die Neu-Sziväczer Bauersleute, wo wird ihnen 
in Ungarn vorgetan?" Und an einer anderen Stelle bemerkt der- 
selbe Gewährsmann: „Es ist merkwürdig, dafs während denen 
Freijahren in allen Zweigen der Landwirtschaft kein merklicher 
Fortschritt gemacht wurde, als müfste man bald sagen, dafs zehn 
Jahre zur Erholung und Angewöhnung fremder Ansiedler erforder- 
lich . . . Jetzt (etwa 35 Jahre nach der Ansiedlung) ist wirklich 
das Hottar (Gemeindegebiet) für die fleifsig arbeitenden Hände 
viel zu klein; mehrere tausend Gulden werden jährlich für ander- 
wärts in Arrenda (Pacht) genommene Felder fortgeschleppt. Aber 
reichlich wird auch diese Arbeitsamkeit belohnt, denn die Wohl- 
habenheit der Einwohner leuchtet an allem sichtbar hervor. Dieses 
bestätigen der sehr ansehnliche Viehstand, vornehme Hausmöbeln, 
die vielen und mannigfaltigen Wirtschaftsgeräte und der überflüssige 
(massenhafte) Getreidebau. Ferner strotzt auch diese Ortschaft 
(Neu-Sziväcz) mit schönen öffentlichen und privaten Gebäuden, 
deren viele mit Dachziegeln eingedeckt prangen. Den Anfang 
zur Erzeugung dieser Ziegeln hat der Neu-Sziväczer Heinrich 
Schüber gemacht; ihm ahmte die ganze Gegend nach." Die 
rasche Entwicklung des Ortes wird auch durch folgende Zahlen 
bekräftigt. Bei der Gründung (1786) zählte die Ansiedlung aufser 
den öffentlichen Gebäuden (Kirche und 5 „Freihäuser", s. oben 
S. 288) 130 Bauern, 5 Kleinhäusler und 1 Krämerhaus; im Jahre 
1820 waren 141 Bauern und 95 Kleinhäusler, ferner 12 „Land- 
mühlen" und 3 Ölpressen vorhanden. Die Anzahl der Bewohner 

K a i n d 1 , Gesch. d. Deutschen i. d, Karpath. III. 1 9 



390 Die Hauskommunion in der Militärgrenze. 

stieg überaus rasch: im Jahre 1786 zählte man 475 Seelen; 1804: 
1213, 1819: 1760 und 1820 schon 1800 Köpfe. 

Eine ähnliche Entwicklung haben die meisten anderen An- 
siedlungen genommen, wie sich dies aus der weiteren Darlegung 
ergeben wird. 

Euer mag noch auf die besonderen Zustände in jenen Teilen 
des deutschen Siedlungsgebietes hingewiesen werden, welche zur 
Militärgrenze gehörten und wo die südslawische Hauskommunion 
auch bei den Ansiedlern Eingang fand^). Ein neurer Reisender 
berichtet darüber : „Die Familien lebten im sogenannten Hauskommu- 
nismus. Die Söhne und Töchter blieben, auch wenn sie sich ver- 
heirateten, im Elternhause wohnen. Natürlich war das Haus sehr 
gross und hatte zahlreiche Anbauten. So wohnten oft 6 bis 7 Fa- 
milien in einem Hause. Der älteste hatte das Kommando. Die 
Küche war gemeinsam. Die Frauen wechselten sich in der Küche 
jede Woche ab. Ich habe auf vielfache Fragen gehört, dafs in 
der Regel die verschiedenen Familien sich gut vertragen haben. 
Nur habe ich bei meinen Besichtigungen gefunden, dafs der Plata 
hier meist etwas beschränkt war. Die erzielten Überschüsse ge- 
hörten allen gemeinsam. Nur entspricht der Kommunismus nicht 
dem modernen Zeitgeiste. Deshalb werden diese gemeinsamen 
Häuser neuerdings meistens aufgelöst. Für die Serben ist diese 
Auflösung vielfach verhängnisvoll. Sie sind nicht an Selbständig- 
keit gewöhnt und gehen dann häufig zugrunde. Die Deutschen 
aber heben sich.*' 

Deutsche Arbeit und wirtschaftliche Lage. Förderung der 
materiellen und geistigen Kultur. 

Kurz und klar gibt eine Zuschrift der Wiener Zentralregierung 
an die ungarisch-siebenbürgische Hofkanzlei aus 1784 den Zweck 
und die Bedeutung der deutschen Ansiedlung an. Die deutschen 
Ansiedler sollen in Ungarn angesiedelt werden, „allwo das Volk 
den echten Begriflf von ordentlicher Wirtschaftsverfassung nicht hat 



1) Vgl. oben S. 204. Nach Demi an, Statistische Beschreibung der Mili 
tärgrenze I, S. 47 gab es Häuser, in denen 30 bis 60 Personen zusammen- 
wohnten. 



1 



Förderung der Landwirtschaft dun^h die Sehwaben in Ungarn. 291 

und nebstdem in manchen Wirtschaftszweigen der wahre Fleifs 
nicht angewendet wird, auch von allen Gattungen guter Handwerker 
ein Abgang ist". Diesen Übelständen sollte durch die Kolonisten 
abgeholfen werden. 

Vor allem handelte es sich um die Hebung der Landwirtschaft 
und der ländlichen Kultur; denn die ungarischen Städte standen 
seit jeher unter deutschem Einflufs. 

Der grofse Aufschwung, den die Landwirtschaft unter den 
fleifsigen Händen der Schwaben in Südungarn nahm, machte 
sieh schon kurze Zeit nach ihrer Ansiedlung bemerkbar. Am An- 
fang des 19. Jahrhunderts stellte ein Schriftsteller fest: „Im Temes- 
värer Banat sieht man den Ackern von weitem an, ob sie durch Wa- 
lachen oder Schwaben bearbeitet werden". Und ein anderer be- 
merkt damals: „Deutsche Landwirtschaft wird (in Ungarn) mit 
Nutzen angewendet". Ein späterer hebt hervor, dafs die für die 
Ansiedlung ausgelegten Geldmittel wohl angewendet waren, denn es 
wurden fleifsige Hände gewonnen, „welche anfingen, die Steppen-, 
Sumpf- und Sandstellen des Landes in dessen Kornkammern um- 
zuwandeln". Vom Johannisberg bei Budapest sieht man nach 
Westen die zahlreichen deutschen Ansiedlungen : „Nie werde ich", 
bemerkt einer der besten deutsch- ungarischen Schriftsteller, „den 
verblüfften und zugleich aufrichtig bewundernden Ausruf des Ma- 
gyaren vergessen, dem sich zum erstenmal dies entzückende Bild 
auftat : , Das ist nicht Magyarenland, das ist deutscher Boden ! ^ " 

Ebenso stellen neuere Berichte übereinstimmend fest, dafs der 
deutsche Einflufs auf die einheimischen Bevölkerungselemente sehr 
wohltätig gewirkt hat. So sind die Serben im Banat infolge dieses 
Einflusses heute „fast ebenso gute Landwirte wie die Schwaben. 
Nur der Rumäne des Banats ist rückständig geblieben, weil er all- 
gemein konservativ und Neuerungen schwer zugänglich ist". Ebenso 
wird über die Verhältnisse Slawoniens berichtet: „Anderseits haben 
die tüchtigeren unter den Serben schon viel gelernt Ihre Dörfer 
sehen heute viel besser aus als vor 30 Jahren". Wenn die Ru- 
mänen im Banat von „crumpir" (Grundbirnen, Kartoffeln), „para- 
dais", „petersil", „ruben" u. dgl. sprechen, so sind dies ebenso- 
viele Beweise schwäbischen Kultureinflusses. Ahnliche Beobach- 
tungen kann man selbstverständlich auch in anderen Gebieten 

19* 



393 Förderung der Landwirtschaft durch die Schwaben in Ungarn. 

machen; im weiten Umkreise um die deutschen Siedlungsgebiete 
sind deutlich die Einwirkungen deutscher Kultur bemerkbar. 

Von welcher Bedeutung diese Einflüsse sind, geht erst klar 
hervor, wenn man einen Blick auf die früheren Zustände wirft 
Zu diesem Zwecke mögen einige Bemerkungen über den ein- 
heimischen Kulturzustand in Südungarn, Slawonien und Kroatien 
um 1800 folgen. 

Schon an früherer Stelle (S. 197) ist erwähnt worden, wie elend 
und schmutzig die Serbenhütten im Bäcser Komitat waren. In der 
Militärgi'enze waren die Häuser fast durchaus schlecht und zu- 
meist ohne Schornstein. Statt der Fenster fanden sich oft nur kleine 
Öffnungen, die mit einem Stück Brett geschlossen wurden; andere 
Fenster waren überaus klein und ganz eingemauert, weshalb sie nicht 
geöffnet werden konnten. In den beiden Vorstädten von Peter- 
wardein waren „die meisten Häuser gestampft und mit Rohr ge- 
deckt, so wie in Karlowitz; auch nur mit hölzernen Rauchfängen 
versehen *^ Diese Rauchfänge waren aus Ruten geflochten. Einen 
Backofen hatte der gröfste Teil der Häuser nicht aufzuweisen. 
Bei ihren Bewohnern „ist fast durchgehends die sogenannte Pequa 
im Gebrauch, eine eiserne oder irdene Brotform, die auf den ge- 
säuerten zu einem Laib gebildeten Teig, den man auf den Feuer- 
herd legt, gestürzt, und dann mit Glut zugedeckt wird, bis das 
Brot ausgebacken ist". Sonst wurden auch ungesäuerte, in der 
Asche gebackene Kuchen und Breie gegessen. Im Banat war die 
Hütte der Rumänen noch zur Zeit der deutschböhmischen Einwan- 
derung (um 1830) ein kleines Blockhäuschen, aus Bachenrundholz 
nur mittelst der Hacke aufgezimmert; lot- und wagerechte Linien 
waren daran selten zu entdecken. Der Küchenraum war allenthalben 
rauchgeschwärzt und erglänzte stellenweise von Rufs, weil der 
Rauchfang stets ein offener, aus Reisig geflochtener war oder ganz 
fehlte. „Anstatt des Herdes ist eine Feuerstelle am Fufsboden 
vorhanden, über welcher ein an einer Kette befestigter eiserner 
oder hölzerner Haken herabhängt, an dem eiserne oder kupferne 
Kesselchen über Feuer gehalten werden". Zu dem erstaunlich 
armseligen und ursprünglichen Hausrat gehörte auch hier „ein 
mächtiger gufseiserner Sturz (csestu), unter welchem auf einer er- 
hitzten Steinplatte das Maisbrot (malei) gebacken wurde". Im 



Förderung der Landwirtschaft durch die Schwaben in Ungarn. 293 

gröfsten Teil der Militärgrenze waren die Stallungen schlecht oder 
fehlten ganz; infolge dessen ging im Winter sehr viel Vieh zu- 
grunde, der Rest wurde so kraftlos, dafs im Frühjahr 8 bis 12 
Tiere vor den Wagen oder Pflug gespannt werden mufsten. Im 
Banater walachisch-illyrischen Regimentsbezirk gingen infolge der 
schlechten Futterwirtschaft im Winter 1803 62 836 Stück Vieh 
zugrunde; überdies fielen 4 902 Stück noch durch Wölfe. Auch 
sonst wurde die Viehzucht überaus nachlässig betrieben. Da 
Scheuern vollständig mangelten, so mufste das Getreide gleich nach 
der Fechsung unter freiem Himmel durch Pferde oder Ochsen aus- 
getreten werden; dadurch ging nicht nur viel Frucht verloren, 
sondern auch das Stroh wurde ganz unbrauchbar ^). Natürlich 
stand der Feldbau auch sonst auf sehr niedriger Stufe. Ordent- 
liche Düngung fand nicht statt. Der Pflug war so plump und 
schwer, dafs das Pflügen eines Joches zwei Tage erforderte, und 
zwar hatten dabei 6 bis 8 Ochsen und 4 bis 5 Menschen zu 
tun. Eigentliche Eggen und Walzen waren am Anfang des 
19. Jahrhunderts noch eine grofse Seltenheit, „denn nach der Aus- 
saat pflegt hier der Grenzer anstatt zu eggen, nur mit einem Stück 
Holz, woran ein Bündel Reisig befestigt, über das Feld zu fahren, 
wodurch aber der Same kaum zur Hälfte mit Erde bedeckt wer- 
den kann und daher meist ein Raub der Vögel ist". Die Ru- 
mänen im Banat „pflügen den Acker wenig oder fast gar nicht 
und denken nicht daran, den Mist der Tiere als Dünger zu ver- 
wenden". „Die Wagen sind so plump und die Räder so schlecht 
gerundet, dals einen solchen Wagen zwei Pferde oder Ochsen kaum 
leer zu ziehen vermögen". Bei den walachischen Wagen war 
aufser dem Jochnagel „auch nicht ein Stückchen Eisen zu finden". 
Der Gartenbau war ohne Belang; „nur die Deutschen in dem 
Bezirk des deutsch-banatischen Regimentes bauen einige Gattungen 
von Gemüse". Von den Deutsch- Banatern wird auch ausdrück- 



1) Man konnte daher auch keine Dächer damit decken; statt dessen diente 
Eohr oder Kukuruzhalm. Erst die österreichische Eegierung forderte von den 
Ansiedlern die Erbauung von „Fruchtstadln", damit sie „in selben ihre Frucht 
auf teutsche Art mit Flegeln austreschen und hernach das Stroh in Schab bin- 
den ". Dieses könnte dann zum Dachdecken dienen ; die reinere Frucht würde 
aber von gröfserem Werte sein. 



294 Förderung der Landwirtschaft durch die Schwaben in Ungarn. 

lieh am Anfang des 19. Jahrhunderts bemerkt, dafs sie Erdäpfel 
bauten. „Mit dem KartofFelbau hat Schlesien den ungarischen 
Norden, den Süden (Ungarns) haben deutsche Kolonisten und Sol- 
daten um die Hälfte des vorigen (18.) Jahrhunderts damit bekannt 
gemacht." Der Obstbau war ebenso gering. Die kroatischen 
Grenzer verstanden nicht das Pfropfen und Okkulieren der Bäume. 
„Die Raupen vernichten fast alle Jahre den gröfsten Teil des 
Obstes". 

So stand es um die Kulturverhältnisse Südungarns, Kroatiens 
und Slawoniens, bevor deutscher Einflufs sich hier geltend machte ^). 
Selbstverständlich betrieben die Eingewanderten zunächst nur Drei- 
felderwirtschaft 2) ; ja sie haben im Drange der ersten Ansiedlungs- 
arbeiten sogar ihr Getreide nach Art der Einheimischen von 
Pferden austreten lassen. Aber gar bald wurden auch aus den 
angesiedelten Handwerkern tüchtige Bauern, die sich die Fort- 
schritte der Landwirtschaft zunutze machten. Banater Viehzucht 
und Banater Weizen haben einen Weltruf erlangt. Der ungeahnte 
kulturelle Erfolg dieser Siedlungen geht aber am besten hervor 
aus der Betrachtung der deutschen Ortschaften. Auch auf den 
verwöhnten Reisenden, der aus Deutschland kommt, machen fast 
alle Ortschaften im Banat „einen äufserst behäbigen Eindruck". 
Einer von ihnen vergifst nicht hervorzuheben, dafs er Dörfer ge- 
sehen habe, die in ihrer Mitte Plätze mit Parkanlagen haben. Als 
Beispiel einer Banater Schwabengemeinde mag hier das 1792 ent- 



1) Trotzdem versucht eine offizielle Schrift, die, von der ungarischen Re- 
gierung veranlafst, 1898 in Berlin erschien, abzuleugnen, dafs die Deutschen 
„die Pioniere und Kulturapostel Südungarns" waren. Und den Beweis dafür 
soll ein Zitat aus einem ungarischen Geschichtswerke erbringen, darin vor allem 
die glänzenden Hofhaltungen einzelner ungarischer Könige in Temesvar geschil- 
dert werden, bei denen die verschwenderischen Gelage manchmal kaum ein Ende 
fanden! Von den Zuständen im Banat zur Zeit, da Österreich es den Türken 
entrissen hat (vgl. Bd. II, S. 97), weifs der Verfasser nichts; er möchte am 
liebsten überhaupt den germanischen Einflufs auf Ungarns Kultur leugnen und 
im Gegenteil beweisen, dafs in einem grofsen Teile des Landes die alte ma- 
g}-ari8che Kultur gewaltsam durch deutschen Einflufs unterdrückt worden sei. 
Vgl. E. V. Egan, Landwirtschaftliche Skizzen aus Ungarn. Berlin 1898. 

2) Diese wird übrigens z. B. in der Schwäbischen Türkei (Komitate Tolna 
und Baranya) auch jetzt noch mit wenigen Ausnahmen gepflegt. 



Wirtschaftliche Lage der Schwaben. Entwicklung ihrer Siedlungen. 295 

standene Franzfeld, wie es heute ist, mit wenigen Strichen charakteri- 
siert werden. Unter den öffentlichen Gebäuden sind vor allem die 
schmucke evangelische Kirche, die Schulgebäude und das schöne Rat- 
haus zu nennen. Der Sitzungssaal des letzteren ist geradezu sehens- 
würdig. „ Ein Wiener Kunstmaler hat alle Ereignisse, die mit der 
Gründung der Gemeinde im Zusammenhang stehen, bildlich darge- 
stellt. Die Decke ziert unter anderen ein Deckengemälde, das die 1792 
erfolgte Einwanderung darstellt. Die Seiten- und die Stirnwände 
sind mit Begebenheiten aus der Grenzzeit und aus dem Wirtschafts- 
leben geschmückt; man sieht da ein Gemälde „Viehzucht" und 
„Landwirtschaft", ferner eine Taufe und einen Hochzeitszug aus 
der Zeit der Einwanderung. Ebenso machen die ungefähr 700 Pri- 
vathäuser samt Wirtschaftsgebäuden und Wirtschaftshöfen ob ihrer 
Sauberkeit einen sehr günstigen Eindruck. Die Strafsen haben 
eine Breite von 17 Meter, die Gehstege sind alle gepflastert und 
von alten Baumpflanzungen begleitet. Das Trinkwasser liefern 
sieben Tiefbrunnen, während das Nutzwasser den Hausbrunnen 
entnommen wird. Und dies alles leistet die Gemeinde nur mit 
einer verhältnismäfsig geringen Umlage (Gemeindesteuer). Dafür 
ist aber mit dem Gemeindeamte eine Sparkasse verbunden, die 
von den Gemeindebeamten geleitet wird. Diese erhalten für ihre 
Tätigkeit 5 Prozent vom Reingewinn, während der Rest in einen 
Wirtschaftsfonds fliefst, aus welchem die Erhaltung und Erbauung 
von Schulgebäuden, die Errichtung von Tiefbrunnen sowie sonstige 
gemeinnützige Anstalten bestritten werden. Im benachbarten Sir- 
mien ist z. B. India eine ebenso mufsterhafte Gemeinde. Ein 
süddeutscher Forscher, der sie vor kurzem besucht hat, schreibt 
darüber: „Ein paar hübsche Häuser, darunter ein gutes Gasthaus 
mit netten Wirtschaftsgarten, machten schon gleich einen vorteil- 
haften Eindruck auf den aus dem Orient Kommenden, und die 
Überraschung wächst beim Wege zum Orte hinein, zur Rechten 
ein durch Wege mit Bänken zu einem Dorfpark hergerichtetes 
kleines Gehölz, auch auf der Strafse schattige Baumreihen, wie 
denn auch die gut gehaltenen, mit Rinnen und gepflasterten Geh- 
wegen eingefafsten Ortsstrafsen solche zeigen. Und an diesen 
Ortsstrafsen Häuser, zwar meist nur ein- oder anderthalbstöckig, 
aber stattlich und so schmuck gebaut, dafs sie auch einer Stadt 



206 Wirtschaftliche Lage der Schwaben. Entwicklung ihrer Siedlungen. 

Ehre machen würden, ich möchte sagen, beinahe zu städtisch für 
eine Landgemeinde, mit geschmackvollen Stuckverzierungen, hohen 
Fenstern, grofsen Scheiben. Die Häuser kehren hier meist die 
Langseite an die Strafse und sind oft aneinander angebaut, höchstens 
durch einen Torbogen getrennt; die^ Wirtschaftsbauten sohliefsen 
sich, von der Strafse kaum sichtbar, hinten an, um einen grofsen 
Hof herum. Im Innern der Häuser selbst paart sich mit dem 
Bauernstolz der hochaufgeschichteten Prunkbetten, städtische Ein- 
richtung, vom lakierten oder gar gewichsten Boden bis zum Klavier. 
Tadellos reingehalten waren aach die Höfe und die landwirtschaft- 
lichen Räume, und die Arbeit, bei der wir dort die Besitzer trafen 
an ihren landwirtschaftlichen Maschinen, in den Ställen, den 
Gärten, und ihre Arbeitshände zeigten, dafs über dem Wohlstand 
die deutsche Bauerntüchtigkeit nicht verloren gegangen ist." Ahn- 
lich berichtet (1907) ein Reisender aus Berlin über die Ansiedlungen 
in Slawonien: „Im ganzen geht einem das Herz auf, wenn man durch 
diese deutschen Ansiedlungen wandert. Sie sind wohl der Teil 
Ungarns, wo die Deutschen, von Siebenbürgen abgesehen, sich 
am wohlsten fühlen. Der Boden ist äufserst fruchtbar. Der Wohl- 
stand daher bei den Deutschen ganz allgemein. Es gibt in jedem 
deutschen Dorfe eine ganze Anzahl deutscher Bauern, die auf 
50 — 60000 Gulden eingeschätzt werden. Manche kommen auf 
200000 Gulden. Viele lassen ihre Söhne studieren. Die Ort- 
schaften machen einen äufserst sauberen Eindruck. Einzelne Bauern- 
höfe gleichen den besten in unseren reichsdeutschen Dörfern. Zu 
Semlin gehört ein Dorf, Franzthal, rein deutsch. Hier haben be- 
reits manche Bauernhöfe elektrisches Licht, das ihnen die Stadt 
liefert. Die Ackerwirtschaft ist sehr intensiv. Alle möglichen 
Maschinen stehen den Bauern zu Gebote. Es gibt nicht wenig 
Bauern, die für sich eine Dampfdreschmaschine besitzen. Trotz- 
dem die landwirtschaftliche Betriebsweise sehr fortgeschritten ist, 
ist in der übrigen Wirtschaft manches recht altmodisch: in manchen 
Dörfern weben die Bauern aus ihrem Hanf noch selbst ihre Unter- 
kleider. Die Wolle ihrer Schafe verspinnen und verweben sie zu 
Röcken und Hosen. Die Textilerzeugnisse sind natürlich etwa* 
sehr ursprünglich ; aber den äufserst bescheidenen Ansprüchen ge- 
nügen sie. Dieser Konservativismus hält sich nur in äufserst ab- 



Wirtschaftliche Lage der Schwaben. EntwickliiDg ihrer Siedlungen. 2 9 "7 

gelegenen Orten. Die Nahrung der Bauern ist möglichst kräftig. 
Jeden Tag ifst man zu Mittag Fleisch. In einigen Orten, wie in 
Franzthal, ist die Ernährung sogar opulent. Da gibt es jeden 
Mittag Suppe, Fleisch, Gemüse und Mehlspeise. Die Wohnungen 
sind komfortabel eingerichtet. Die besseren Wohnungen weisen 
1 — 2 gute Zimmer auf, die kaum benutzt werden. Man findet 
Plüschmöbel und Klaviere. Die Speisekammer enthält zahllose 
Büchsen feinen Kompots. Der Weinkeller liefert aufser dem 
eigenen Bedarf in der Regel auch noch einiges zum Verkauf. Be- 
sonders eine Sitte ist ein Zeichen guten Wohlstandes: die Aus- 
stattungsbetten, die die Frau erhält, werden in der guten Stube 
als Zierde aufgestapelt und bleiben unberührt. Häufig bekommt 
sie die Tochter noch unberührt mit." Erwähnt sei nur noch, dafs 
die Deutschen den dritten Teil der Steuern in Kroatien und Sla- 
wonien bezahlen sollen , während sie blofs etwa 6 vom Hundert 
der Bevölkerung zählen. Über die grofsen wirtschaftlichen Fort- 
schritte der Schwaben gegenüber den Serben und Rumänen ist 
schon (s. oben S. 282) berichtet worden. Erwähnt sei noch, dafs 
in Südungarn in letzter Zeit auch deutsche Spar- und Darlehns- 
vereine entstehen. Manche von ihnen sind vom siebenbürgischen 
Raiffeisenverband ins Leben gerufen worden. In Slawonien ist vor 
allem die „Deutsche Volksbank" in Ruma (seit 1905) zu nennen. 
Das alles sind Zeichen von bedeutender Kultur kraft und emsiger 
ehrlicher Arbeit, denn der deutsche Ansiedler verdankt seine Er- 
folge nur diesen. Es mufs aber betont werden, dafs es nicht 
wahr ist, alle Ansiedler seien ohne Mittel gekommen. Viele von 
ihnen haben aufser ihrer Arbeitskraft auch für jene Zeiten be- 
achtenswertes Vermögen mitgebracht oder nachträglich aus der 
Heimat erhalten. Von den Einwanderern, die 1764 bis 176G aus 
Kurköln und Fianken kamen, brachten viele 100 bis 300 fl. mit. 
Bald darauf erfahren wir aus den Akten, dafs sowohl aus Deutsch- 
land als auch aus Osterreich früher Ausgewanderten Vermögen 
und Erbschaften ausgefolgt wurden. Im Jahre 1786 wird in einem 
amtlichen Berieht über die Einwanderer seit 1784 bemerkt: „Es ist 
verläfslich erhoben worden, dafs die Ansiedler, ob sie gleich nur die 
Hälfte oder den dritten Teil ihres wahren Vermögens anzugeben und 
das übrige aus einem Vorurteil zu verschweigen pflegen, ein reines 



298 Aus der Heimat mitgebrachtes Vermögen der Ansiedler. 

vorgezeigtes Vermögen von 210815 fl. mit sich nach Ungarn 
brachten. Und zumal die im Jahre 1784 nach GaHzien beförderten 
Kolonisten ohngleich vermöglicher gewesen, so kann man umso- 
mehr mit Grund schliefsen, dafs ohne die arbeitsamen Hände und 
den Nachwuchs der Jugend, ohne den künftigen Kontributions- 
stand überhaupt in Anschlag zu bringen, den k. k. Staaten mehr 
denn eine halbe Million fremdes Vermögen durch diese Einwande- 
rung zugeflossen ist." Übrigens sind in der Folge unzählige mit- 
unter beträchtliche Geldbeträge den Ansiedlern aus der Heimai 
nachgeschickt worden. Hier sei nur für die Zeit von 1786 bis 
1797 eine kleine Zahl von Geldsendungen aus Deutschland ange- 
führt; in Klammer ist der ungarische Ansiedlungsort genannt: 
Agnes Steinmetzin (Torzsa, Bäcs) 810 fl., weitere 100 fl. hat sie zu 
fordern; Georg Hellstab (Nägocs, Somogy) 456 fl. 40 Kr.; Joh. 
Schweitzer (Hird, Bäranya) 866 fl. 40 Kr.; Magdalena Schmidlin 
(Räczpeter, Bäranya) 1030 fl. 33iKr. ; Joh. Lindner (Ungarn) 
500 fl.; zwei Schwestern (Neudorf, Temes) 633 fl. ; Katharina 
Jegglerin (Dugoszellö, Torontäl) 1631 fl. 23 i Kr.; Anton Kind 
(Hodsäk, Bäcs) 750 fl.; Joh. Metzinger (Apatin, Bäcs) 1425 fl.; 
Katharina Marzluffin (Apatin) 975 fl.; Mathias Sutter (Mägocs, 
Bäranya) 1233 fl. 20 Kr.; Barbara Fischer (Hodsäk, Bäcs) 1674 fl. 
Auch aus Tirol kam z. B. für Andreas Handl (Csadät, Torontäl) 
eine Erbschaft. Ahnliche Mitteilungen enthalten die noch vor- 
handenen Akten massenhaft aus verschiedenen Jahren. Auch 1798 
wurde verkündet, dafs zwar den Ansiedlern, welche im Reiche 
Forderungen einzutreiben hätten, keine Pässe erteilt würden; da- 
gegen sollten die Behörden nach Vorlage der Urkunden ihre Rechte 
geltend machen. 

Nach dieser Betrachtung der wirtschaftlichen Verhältnisse in 
den jüngeren deutschen Siedlungsgebieten wenden wir unseren Blick 
auf das alte Kolonisationsland der Sachsen in Siebenbürgen. 
Für die Tüchtigkeit ihrer Landwirtschaft mögen zunächst einige 
Zahlen sprechen: Ende 1883 standen in den 227 Landgemeinden 
Siebenbürgens, in denen Sachsen wohnen, 34 Dampfdreschma-J 
schinen in Verwendung, und zwar waren alle diese Maschinei 
in sächsischem Besitz. Von 502 Göpeldreschmaschinen gehörtei 
den Sachsen 462, von 546 Handdreschmaschinen entfielen auf sie 



Kulturarbeit u. wirtschaftl. Verhältnisse d. Deutschen in Siebenbürgen. 399 

495, von 1202 Sortierreutern 1124. Somit waren damals fast 
alle landwirtschaftlichen Maschinen im deutschen Besitz. Im Jahre 
1874 warf ein Joch sächsischen Ackers 33 Ü. 87 Kr. Rohertrag 
ab, während der nichtsächsische Boden nur 25 fl. 59 Kr. vom 
Joche ergab. Dieses Verhältnis kommt auch in folgenden Zahlen 
zum Ausdruck: im genannten Jahre ergab ein Joch nach der Be- 
rechnung für ganz Siebenbürgen an Weizen 5,9 Hektoliter^ an Roggen 
7,7, an Gerste 8,0, an Hülsenfrüchten 5,5 Hektoliter; dagegen 
betrugen diese Erträgnisse in den 149 reinsächsischen Gemeinden: 
7,3, 8,7, 9,7 und 7,2 Hektoliter. Daraus geht klar hervor, wie 
sehr die sächsische Landwirtschaft jene der anderen Mitbewohner 
des Landes überragt. Damit ist nun freilich nicht gesagt, dafs 
sie völlig einwandfrei sei. Dies ergibt sich schon daraus, dafs in 
dem minder fruchtbaren Württemberg ein Joch an Weizen 15,3, 
an Roggen 10,4, an Gerste 12,9 und an Hülsenfrüchten 11,0 Hek- 
toliter lieferte. Der sächsische Bauer hat in seiner Abgeschieden- 
heit noch vor dreifsig Jahren durchaus an der Dreifelderwirtschaft 
festgehalten ; der eiserne bessere Pflug hat nur allmählich Eingang 
gefunden, ja er fehlte 1884 noch in 22 Gemeinden gänzlich. „Der 
Umstand, dafs in patriarchalischer Weise Sohn und Schwiegersohn 
seit jeher jahrelang unter dem Szepter der bedächtigen Alten wirt- 
schaften mufsten, und erst nach dem Tode dieser eine eigene 
selbständige Wirtschaft und Haushaltung gründen konnten ", trugen 
sehr viel zum Festhalten am Althergebrachten bei. 

So hat die Einführung neuerer Wirtschaftsformen einen langen 
Kampf gekostet. Der siebenbürgisch - sächsische Landwirtschafts- 
verein hat schon 1845 durch die Ansiedlung tüchtiger Landwirte 
aus Württemberg eine Verbesserung versucht; das Unternehmen 
mifslang aber zunächst. „Der Starrsinn unseres Bauern wider- 
setzte sich nicht nur einem Aufgeben der Dreifelderwirtschaft, 
sondern machte es auch den Eingewanderten unmöglich, Muster- 
wirtschaften anzulegen." Die Eingewanderten mufsten sich den 
Alten Verhältnissen anpassen, um nicht zugrunde zu gehen. So 
blieb die Dreifelderwirtschaft und die freie Weide im Brachfelde 
weiter bestehen. „Wollte man", so schreibt der Chronist von 
Agnetheln, „alle Übelstände dieser Einrichtung aufzählen, wollte 
man auch nur einen kleinen Teil jener Schäden, die die Vieh- 



300 Kulturarbeit u. Wirtschaft!. Verhältnisse d. Deutschen in Siebenbürgen. 

besitzer durch Nachlässigkeit und Unachtsamkeit der (rumänischen) 
Hirten erlitten, näher beleuchten, so könnte man hierüber viele, 
viele Bände schreiben^'. Jahrzehntelang wirkte der Landwirtschafts- 
verein, besonders seit den 186üer Jahren, für die Durchführung 
der „ Kommassation ", d. h. die Zusammenlegung der jedem Wirte 
gehörigen zerstreuten Grundstücke in ein Stück, um an Stelle der 
Dreifelderwirtschaft geregelte Fruchtwechselwirtschaft zu treiben ^). 
Dieser Gedanke wurde zunächst fast allgemein bekämpft, fürchtete 
doch jeder die von den Vätern ererbten Grundstücke zu verlieren. 
Erst seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam die 
Kommassation in Flufs; 1894 war sie schon in 40 Gemeinden 
durchgeführt. Seither haben die Sachsen immer mehr die Drei- 
felderwirtschaft als veraltet aufgegeben, während die Rumänen sie 
übernahmen. Aber noch immer wird geklagt, dafs viele Sachsen 
nur dieselben Fruchtgattungen, die schon Grofsvater und Urgrofs- 
vater angebaut haben, pflegen; dafs sie die Fortschritte des Ma- 
schinenbaues sich nicht genügend zu Nutzen machen, ja es gibt 
noch Gemeinden, wo man den eisernen Pflug, die Walze u. a. bis^ 
zum heutigen Tage nicht benutzt. Noch hört man zuweilen sagen : 
„Ich bleibe bei der Wirtschaftsweise meiner Vorfahren; wie sie 
dabei ausgekommen sind, will ich auch auskommen". Die säch- 
sischen Gemeinden zählen zu den viehreichsten des Landes; doch 
auch die Viehzucht läfst noch manches zu wünschen übrig. „Nicht 
an der mangelhaften Rasse, sondern an der mangelhaften Pflege 
und Wartung der Tiere liegt es, dafs unsere Rind Viehzucht in 
quahtativer Beziehung zu wünschen übrig läfst." Auch die Milch- 
wirtschaft, besonders die Buttererzeugung, wurde stark vernach- 
lässigt. Doch alle diese Rückstände weichen dank der Bestre- 
bungen des Land wirtschafts Vereins und der landwirtschaftlichen 
Ortsvereine. Auch der Rückgang im Weinbau, den die Phylloxera 
verursacht hatte, ist zum grofsen Teile überwunden, nachdem die 



1) Über die Dreifelderwirtschaft s. oben S. 132. Die Fruchtwechselwirt- 
schaft ist bekanntlich jenes Wirtschaftssystem, bei dem das Ackerland in regel- 
mäfsigem Wechsel das eine Jahr mit Halmfrucht, das andere mit Blattfrucht 
bestellt wird. Durch den Wechsel von flach- und tief wurzeln den Pflanzen wer.len 
verschiedene Bodenschicliten zur Nahrung herangezogen und daher läfst sich 
unter Anwendung von Düngung die Brache vermeiden. 



Kulturarbeit u. wirtschaftl. Verhältnisse d. Deutschen in Siebenbürgen. 301 

anfängliche Mut- und Ratlosigkeit der Weinbauer gewichen ist. 
Die neuen Weinberge haben sogar den grofsen Vorteil, dafs so 
saure Weine, wie sie früher öfters erzeugt wurden, nicht mehr 
vorkommen; freilich ist in ihnen auch noch kein so feiner Wein 
erreicht worden, wie ihn die alten berühmten Weinjahre von 1811, 
1834, 1862, 1866, 1869, 1876 und 1889 gezeitigt haben. Der 
Weinhandel Siebenbürgens nimmt in neuerer Zeit einen raschen 
Aufschwung. Sehr verbreitet ist auch der Obstbau ; einzelne Ge- 
meinden, wie z. B. Windau bei Bistritz, erzielen überaus ansehn- 
liche Summen aus dem Erlöse ihrer Obsternten. In Stolzenburg 
wurden innerhalb zehn Jahren (1897 — 1907) 13 249 veredelte Obst- 
bäumchen versetzt ^). 

Den Sachsen stehen die neu eingewanderten „ Landler '* in ihrer 
Wirtschaft nicht nach. Ebenso behäbig wie etwa das altsächsische 
Rosenau bei Kronstadt sieht das landlerische Neppendorf bei Her- 
mannstadt aus. Diese und andere Dörfer haben, besonders wenn 
man die sonstigen Verhältnisse in den Karpathenländern berück- 
sichtigt, das Aussehen netter kleiner Städte. Der Wohlstand der 
Deutschen Siebenbürgens kommt auch darin zum Ausdruck, dafs 
ihnen in den 227 Gemeinden, in denen sie wohnen, im Jahre 1884 
vom gesamten Privatbesitz 72 Proz,, den Nichtsachsen blofs 
28 Proz. gehörten. Auf eine Seele entfielen bei den Sachsen 
3,56, bei den Nichtsachsen blofs 1,89 Joch. Der gesamte Wert 
des in den Händen der sächsischen Bauern befindlichen Grundes 
betrug etwa 86 Millionen Gulden. Auch die Betrachtung der Ab- 
gaben ist interessant. In Kronstadt zahlten 1900 die Deutschen 
72,8 Proz. der Grundsteuer und 64,2 Proz. der Hauszinssteuer, 
obwohl sie nur 29 Proz. der Bevölkerung bilden; dagegen 
leisteten z. B. die Rumänen in Rosenau, obwohl sie dort 54 Proz. 
der Gesamteinwohnerschaft ausmachen, nur 15,3 Proz. der Grund- 
steuern. Ahnlich stehen die Verhältnisse in anderen Gemein- 
den. Trotzdem fällt es den Sachsen nicht leicht, ihren Grund 
und Boden überall gegen die Rumänen zu verteidigen. So 



1) Erwähnt sei, dafs von den Siebenbürger und Zipser Sachsen gerühmt 
wird, sie seien grofse Blumenfreunde. Ältere Forscher brachten das mit der An- 
nahme ihrer flandrischen Abkunft in Zusammenhang. Vgl. Bd. 11, S. 207 ff. 



303 Kulturarbeit u. wirtschaftl. Verhältnisse d. Deutschen in Siebenbürgen. 

konnte aus den Grundbüchern von Mediasch der Rückgang de» 
sächsischen Grundbesitzes und das Wachstum des rumänischen 
nachgewiesen werden. In manchem Dorfe sieht man ein seiner 
Bauart nach sächsisches Haus, das jetzt ein griechisches Kreuz als 
rumänischen Besitz kennzeichnet. Seit einem viertel Jahrhundert 
helfen aber die RaifFeisenkassenvereine den verarmten Sachsen 
ihren Besitz zu erhalten. In der Zeit von 1886 bis 1906 sind bei 
40 von den bestehenden Spar- und Vorschufsvereinen 503 Fälle 
vorgekommen, in denen mit Vereinsmitteln sächsischer Grund und 
Boden dem Besitzer erhalten blieb, nachdem er ihn mit eigener 
Kraft nicht zu wahren vermochte. Ferner wurde von 57 Vereinen 
in 494 Fällen zum Verkauf gelangter sächsischer Besitz erstanden 
und dafür gesorgt, dafs er wieder in sächsische Hände überging. 
Die auf diese Weise erhaltenen und verteidigten Gründe und Hof- 
stellen kommen dem Besitzstande von zwei kleineren oder dem eines 
gröfseren sächsischen Dorfes gleich. Ebenso wurde von diesen 
Kassen viel Boden zurückerworben oder geradezu erst für säch- 
sischen Besitz aufgekauft; er entspricht dem Gebiete einer der 
gröfsten Sachsengemeinden. Das Geld, das nach Rumänien, Deutsch- 
land und Amerika wandernde Sachsen erwerben und in die Heimat 
schicken, wird zum gröfsten Teil zur Behauptung der Scholle ver- 
wendet. Was ein RaiflPeisenkassen verein für den Bodenschutz 
leisten kann, wenn er unter der Leitung eines tüchtigen selbstlosen 
Mannes steht, das ersieht man aus der Geschichte dieses Vereins 
im kleinen Schaas. 

Den Sachsen sind ihre nationalen Geldanstalten, seitdem ihre 
Tore, Türme und Basteien nicht mehr zum Schutze ihrer Rechte 
genügen, starke Befestigungen geworden, wenn auch nicht von 
Ziegel und Stein. Diese moderne Burg hat der Kronstädter Peter 
Lange vor mehr als fünfundsiebzig Jahren zu bauen begonnen, 
als er die Kronstädter Sparkasse ins Leben rief, die erste derartige 
Anstalt auf dem w^eiten Wege von Wien bis an den Karpathen- 
saum (1835). Derselbe Lange ist auch Begründer der Kronstädter 
allgemeinen Pensionsanstalt, des bürgerlichen Gewerbevereins, des 
städtischen Versatzamtes und anderer gemeinnütziger Institute. Im 
Jahre 1841 wurde sodann die Hermannstädter allgemeine Spar- 
kasse eröffnet, und ihr folgten die Bodenkreditanstalt in Hermann- 



I 



Deutsche Kulturarbeit im übrigen Ungarn. 303 

Stadt, der Bistritzer Kredit- und Vorschufsverein , der Hermann- 
städter Vorschufsverein und andere Delitzschische Vorschufsvereine 
in Stadt und Land; dann entstanden seit 1885 die Raiffeisen sehen 
Spar- und Vorschufsvereine, die 1886 einen Verband errichteten 
und deren Zahl sich 1908 schon auf 139 belief. Aufserdem bestehen 
noch andere ähnliche Institute. Ihre Zahl und Mannigfaltigkeit 
ist so grofs und sie stehen auf einer solchen Stufe, „wie sie selbst 
in den westlichen Kulturländern nicht überall erreicht ist". Unter 
den Mitbewohnern des Landes nehmen die Sachsen seit jeher durch 
ihre Geldinstitute eine hervorragende Stellung ein. Erwähnt sei 
noch, dafs diese Anstalten jährlich sehr bedeutende Summen für 
deutsche Kultureinrichtungen widmen. Die Hermannstädter Spar- 
kasse hat allein in einem der letzten Jahre 80 000, ebenso die Boden- 
kreditanstalt 86 000, die Kronstädter Sparkasse über 53 000 Kronen 
für Kirchen, Schulen, den Landwirtschaftsverein u. dgl. gespendet. 
Der vor zehn Jahren gegründeten Genossenschaftsbank in Elisabeth- 
Btadt verdankt die dortige kleine Sachsengemeinde ihren Auf- 
schwung; unter ihrem Schutz fangt die einstige deutsche Siedlung 
(Epposdorf, Eppeschdorf), die lange Zeit völlig daniederlag, wieder 
zu erstarken an. In der wirtschaftlichen Überlegenheit liegt hier 
wie überall im Kampfgebiete die Möglichkeit der Erhaltung für 
die Zukunft. 

Auf eine genauere Darlegung der Verhältnisse in den anderen 
Teilen Ungarns mufs hier verzichtet werden. Auch hier haben die 
Deutschen tüchtige Kulturarbeit geleistet: sie haben das „Magyaren- 
land" in „deutschen Boden" verwandelt (s. oben S. 291). Dies 
gilt vor allem von dem Siedlungsgebiete in Mittel- und Westungarn. 
Aber auch aus Nordungarn wäre neben Betrübendem manches 
Erfreuliche zu berichten. Selbst in abgelegenen und zerstreuten 
Ansiedlungen, wie in jenen um Munkäcs (Bereger Komitat) erblühte 
frisches deutsches Leben. Ein Forscher, der z. B. die Siedlungen 
Ober- Schönborn, Unter - Schönborn und die Nachbar kolonien be- 
suchte, rühmt ihre wohlgeordnete Wirtschaft, ihren Fleifs und ihre 
Ordnungsliebe (1874). „Die deutschen Bauern bei Munkäcs halten 
fest zusammen, und dadurch gelingt es ihnen, von Jahr zu Jahr 
ihre Keile in die anstofsenden Ruthenendörfer tiefer und breiter ein- 
zutreiben, sie erwerben dort ein Bauerngut nach dem anderen. 



304 Deutsches Gewerbe und Fabrikswesen. 

Sie selbst lassen keine Fremden ein, dulden auch aufser Schenk- 
wirten keine Juden. Vor zwei Jahren brannten in Ober-Schön- 
born fünf Häuser nieder. Der Pfarrer predigte Sonntags: ,Was 
tun die Ameisen, wenn ihre Wohnung zerstört wird?^ Am Mon- 
tag beschlofs die Gemeinde, mit gesamter Hand die Häuser wieder ; 
aufzubauen; in zwei Monaten standen sie wieder fix und fertig 
mit Ziegeln gedeckt und hübsch geweifst und verziert. Auch die 
umwohnenden Deutschen hatten geholfen und meist ganz umsonst. 
Weniger erfreulich gestaltet sich die Lage des Gewerbes 
und Fabrikwesens der Deutschen. Der vor Jahrhunderten blü- 
hende Handwerkerstand hatte durch die Not der Zeiten über- 
aus gelitten. Der Absatz war geschwunden; die bäuerliche Be- 
völkerung deckte einen grofsen Teil ihres Bedarfes durch Haus- 
industrie; die besseren Stände und der ungarische Adel begannen^ 
da infolge der geänderten Verhältnisse die Bekanntschaft mit den 
besseren Waren des Westens sich verbreitete, seit dem 18. Jahr- 
hundert die einheimischen Erzeugnisse zu verschmähen; die alte 
Bürgertracht wich in den Städten der neuen Mode, die mit den 
modernen Sitten hier Einzug hielt ^). Deshalb sank die Zahl der 
Handwerker ; viele von ihnen betrieben auch Landwirtschaft, andere 
Bürger wandten sich höheren Berufen zu. Trotzdem blieb noch 
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts der Gewerbestand 
Siebenbürgens und Ungarns vorwiegend deutsch. Unter den 
Sachsen Siebenbürgens kam 1833 ein Gewerbetreibender schon auf 
1 1 Köpfe, während unter der anderen Bevölkerung erst auf 38 ein 
Handwerker entfiel. Kronstadt zählte 1839 zusammen 22 886 Ein- 
wohner, davon waren 9116 Deutsche ; aus diesen entstammten fast 
alle Handwerker, deren es im Jahre 1844 zusammen etwa 4450 
gab. Wie man sieht, gehörte die deutsche städtische Bevölkerung 
noch immer zum grofsen Teile dem Gewerbestande an. Aber 
dieser hatte nur im sicheren Gehege der Zunft und im Allein- 
besitz des Bürgerrechtes zu schaffen gelernt. Als diese Schutz- 
wehren zusammenfielen, strömten nicht nur die anderen Volks- 
stämme dem Gewerbe zu, sondern es zeigte sich auch, dafs die 



1) Erhalten hat sich die alte städtische Tracht teilweise nur noch in den 
Dörfern. 



Deutsches Grewerbe- und Fabrikwesen. 305 

deutschen Handwerker hier in noch geringerem Mafse als im Westen 
dem Fabriksbetriebe gewachsen waren. Dazu kam die Vernach- 
lässigung durch die Regierung und die Sperrung der rumänischen 
Grenze. Trotzdem ist der sächsische Gewerbestand, weil er seinen 
Nachwuchs vorwiegend der städtischen Bevölkerung entnimmt, noch 
immer der tüchtigste im Lande. Auch macht sich das Bestreben 
bemerkbar, ihn durch Gewerbeschulen und Gewerbevereine zu 
heben. Die sächsische Hausindustrie ist nicht zu unterschätzen; 
die Tucherzeugung in Heitau hat so sehr an Ausdehnung ge- 
wonnen, dafs sie längst den Rahmen der Hausindustrie über- 
schritten hat. Auch in Kronstadt hat die Tuchindustrie einen 
grofsen Aufschwung genommen. Ebenso war in Ungarn das Ge- 
werbe und die allerdings bescheidene Industrie bis um die Mitte 
des 19. Jahrhunderts völlig deutsch ^). L. Kossuth bezeugt 1842 
dies selbst; gerade weil die Gewerbe und der Handel Ungarns 
damals noch ganz deutsch waren, bekämpfte er den Anschlufs an 
den deutschen Zollverein, „weil sonst unsere deutschen Städte, 
unsere deutsche Industrie, unser deutscher Handel nie und nimmer 
magyarisch würden". Anderseits befürchtete Kossuth, dafs Massen- 
magyarisierung der Deutschen den Verfall des Gewerbes herbei- 
führen würde. Auf der ersten ungarischen Gewerbeausstellung in Pest 
(1842) hatten von 80 Auszeichnungen die Deutschen 50 erhalten 2). 
Noch um 1865 wurde festgestellt, dafs in Ungarn die Gewerbe 
sich nur dort im entschieden guten oder doch leidlichen Zustand 
befanden, „wo der Deutsche seinen Fufs als Städtegründer setzte". 
Hinzugefügt mufs werden, dafs auch die Ansiedlungen in Süd- 
ungarn für den Aufschwung der Gewerbe von gröfster Bedeutung 
waren. Um zu zeigen, wie viele Gewerbsleute sich in den Neu- 



1) Ein altes Industriegebiet wie Siebenbürgen war die Zips. Hier wurde 
noch im 19. Jahrhundert besonders viel Leinwand hergestellt. 

2) Zu den früher fast nur von Deutschen betriebenen Gewerben gehörte 
auch die,,Kaffeesiederei". Erwähnt mag werden, dafs um 1800 Sebastian Tuschl 
in Pest ein Kaffeehaus mit Restaurationssälen geschaffen hatte, das damals in 
ganz Mitteleuropa seinesgleichen suchte. Die Reisenden bewunderten es überaus ; 
zu ihnen gehörte auch der Dichter Arndt, der unter anderem berichtet, dafs 
alles Service aus echtem Silber war und alle Aufwärter in Schuhen und Strümpfen 
gingen; 30 Zeitschriften lagen auf. 

K ain dl, Gesch. d. Deutschen i.d Karpath. III. 20 



806 Förderung des Bergbaues durch Deutsche. 

ansiedluDgen einfanden, genügt es, jene zu nennen, die an der 
1810 von der Gemeinde Neu-Sziväcz (Bäcs) mit einem Kosten- 
aufwand von 17 000 Gulden erbauten Kirche mitgearbeitet haben : 
Maurermeister Franz Gfeller, Kupferschmiedemeister Josef Kargel 
und der Vergolder Franz Hainisch, sämtlich aus Zombor; Zimmer- ; 
meister Josef Aigler aus Kula; die Tischlermeister Christian Bartel 
und Kaspar Schäfer, Schmiedemeister (auch Schlosser) Wilhelm 
Küffer aus Neu-Sziväcz; Tischlermeister (für Kanzel und Altar) 
Heinrich Häuser aus Apatin ; in diesem Orte baute Kaspar Fischer | 
auch die Orgel, die „einzig in ihrer Art" war; die Glaserarbeit 
stellte Glasermeister Georg Walther aus Alt-Becse (Obecse), end- 
lich die Lackierung und Vergoldung Friedrich Birnbaum aus 
Kissztapär her. Aufserdem erfahren wir, dafs der Apatiner Buch- 
binder Paul Gottlieb auch den Neudruck des 1784 in Mannheim 
erschienenen Gesangbuches für die Ansiedler in Neu-Sziväcz be- 
sorgte, damit sie einen „ herzübereinstimmenden " Gottesdienst halten 
könnten. Da nämlich die Ansiedler aus verschiedenen Gegenden 
gekommen waren, hatten sie auch verschiedene Gesangbücher 
mitgebracht, deren Verwendung beim Gottesdienste sich störend 
bemerkbar machte. So hatte auch in Süd Ungarn deutsches Gewerbe 
rasch Eingang gefunden. Erwähnt mag noch werden, dafs der 
steierische Holzschläger Matthias Hammer in Steierdorf (Banat) 1790 
die ersten Steinkohlen hier entdeckte; jetzt ist der Ort ein wich- 
tiger Sitz der Steinkohlengewinnung. Den Bergbau haben überhaupt 
im Banat, ebenso wie im übrigen Ungarn und Siebenbürgen, be- 
sonders die Deutschen gefördert. Bekannt ist, dafs viel reichs- 
deutsches Kapital im Industrie- und Bergwerksbetrieb in Ungara 
angelegt ist. Die Vermehrung wäre zur Hebung des Deutsch- 
tums sehr zu wünschen, nur müfsten die Unternehmer auch di& 
völkischen Interessen im Auge behalten. Indessen wagen die 
deutschen Industriellen kaum, sich zu ihrer Nation zu bekennen. 
Dies ist auch der Grund, weshalb wir so wenig über diese deut- 
schen Unternehmungen wissen. Die offiziellen Darstellungen ver- 
meiden selbstverständlich alle darauf bezüglichen Angaben. 

Von denselben mifslichen Verhältnissen wie das deutsche Ge- 
werbe wurde auch der Handel beeinflufst. Wie sehr der einst 
blühende Handelsfleifs der siebenbürger Sachsen infolge der ge> 



Deutscher Anteil am Handel. 807 

änderten Handelsverhältnisse ^) und der steten Unruhen gesunken 
war, ist aus einem Berichte von 1781 zu ersehen. Danach 
hatten die Sachsen infolge der durch die mifslichen Verhält- 
nisse „entstandenen Feigheit" den Handel mit der Türkei, Wa- 
lachei und Moldau fast völlig aufgegeben; Griechen und Wa- 
lachen kauften um billiges Geld dem sächsischen Handwerker seine 
Erzeugnisse ab und führten sie aus. Zahlreiche Kaufleute in den 
alten Handelsstädten Hermannstadt und Kronstadt wurden zahlungs- 
unfähig. Bemerkenswert ist aber, dafs die ersten Versuche, die 
untere Donau und den Altflufs zu Handelszwecken zu befahren, 
von Deutschen unternommen wurden. Im Jahre 1784 hat Ignaz 
Pürkher, Grofskaufmann aus Hermannstadt, von Rothenturmpafs 
auf der Aluta Waren bis Galatz verschickt. Die untere Donau 
bis ins Schwarze Meer befahren damals auch Willeshofen und 
Taufferer, ferner der Karlstädter Kaufmann Valentin Gollner, der 
1786 in Semlin den schönsten Banater Weizen verfrachtete. Diese 
Versuche blieben zunächst ganz vereinzelt. Grofse Befürchtungen 
vor der Konkurrenz des Westens erregte in Siebenbürgen die am 
Anfang der dreifsiger Jahre des 19. Jahrhunderts erfolgte Schiff- 
barmachung der Donau und die Eröffnung der Donaumündung 
für den Welthandel; dazu kam, dafs sich in der Walachei und 
Moldau allmählich Gewerbetätigkeit zu entwickeln begann. Aber 
gerade diese Umstände wirkten auch anregend. Während der ganze 
Geldumsatz der siebenbürgischen Einfuhr und Ausfuhr um 1790 
blofs etwa 2100000 fl. betrug, hatte er 1842 bereits 5 723 000 fl. 
erreicht und stieg im folgenden Jahre schon auf 6144000 fl. 
Freilich war, wie das Gewerbe, auch der Handel zum Teil in 
fremde Hände gelangt. So waren in Kronstadt 1844 nur 21 säch- 
sische und 118 rumänische Kaufleute, die aus Bukarest kamen, 
tätig. Seither hat sich die Zahl der nichtdeutschen Kaufleute, zu 
denen besonders Armenier und Juden zählen, stark vermehrt. 
Ihrem Spekulationsgeiste ist der deutsche Kaufmann nicht ge- 
wachsen. Ganz ähnlich entwickelten sich die Verhältnisse in Un- 
garn. Schon oben ist bemerkt worden, dafs noch um 1840 der 
Handel fast ganz in deutschen Händen lag. Seither hat sich das 



1) Vgl. Bd. n, ö. 335. 

20' 



308 Deutscher Charakter der Städte. Geistige Kultur. 

Verhältnis sehr zu Ungunsten der Deutschen geändert. Eine ge- 
nauere Berechnung des heutigen Anteils der Deutschen am un- 
garischen Handelsbetrieb ist nicht möglich, weil die nötigen sta- 
tistischen Erhebungen fehlen. 

Wie die ungarische Industrie und der ungarische Handel 
deutschen Ursprungs sind, so verraten sich auch jetzt noch die 
meisten Städte als deutsche Gründungen. Wo die Häuser eng 
zusammenstehen, ununterbrochene Häuserreihen bilden, oft auch 
noch ihre Giebelseite zur Strafse kehren, dort standen in der Regel 
Niederlassungen deutscher Gäste oder es liegt mindestens Nach- 
ahmung deutscher Bauart vor. Die magyarischen Städte haben 
doriahnlichen Charakter. Übrigens hat sich das oberdeutsche Haus 
auch die Dörfer in fast ganz Ungarn erobert. 

In der geistigen Kultur waren die Deutschen noch bis vor 
wenigen Jahrzehnten tonangebend; jetzt haben sie freilich die 
führende Rolle verloren, doch stehen sie in der allgemeinen Volks- 
bildung noch immer obenan. 

Im Schulwesen übertreffen die siebenbürger Sachsen alle an- 
deren deutschen und nichtdeutschen Bewohner Ungarns. Die alte 
Liebe zu ihren konfessionellen Schulen ist nie erloschen. Ein 
rührender Beweis dafür ist das Spendenverzeichnis zugunsten ihres 
evangelischen Gymnasiums in Hermannstadt von 1757 bis 1850. 
Getreide und Geld, liegende Güter, Münzen, Skelette, Präparate, 
Bücher, Instrumente u. dgl. wurden geschenkt. Die Spenden 
wurden für die Erhaltung des Schulhauses, zur Unterstützung armer 
Studenten, zur Zahlung des Schulgeldes für arme Waisen, zu Ge- 
Bchenken für Lehrer und Schüler, Schulprämien u. dgl. bestimmt. 
Ein Job. Jakob Müller schenkte 1790 dem Gymnasium „40 Spezies- 
dukaten aus Erkenntlichkeit für die auf dem Gymnasium ge- 
nossenen Lehren". Die Sparkasse in Herraannstadt widmete 1844 
bis 1883 für Schulzwecke dieser Stadt 85 472 Ü. Ebenso forderte 
die Nationsuniversität das Schulwesen. In allerjüngster Zeit ist der 
reiche Ertrag der sogenannten „Siebenrichterwälder" für Schul- 
zwecke gewidmet worden ; freilich mufs ein Teil des Einkommens 
magyarischen und rumänischen Kulturzwecken überlassen werden. 
Die siebenbürger Sachsen unterhalten gegenwärtig 7 Gymnasien, 
2 Realschulen, 1 theologisch - pädagogisches Seminar für Lehrer, 



Deutsches Schulwesen. $09 

1 Lehrerinnenseminar, 9 Gewerbeschulen, 2 Handelslehrlings- 
schulen und 3 Ackerbauschulen, ferner 299 Volksschulen und 
höhere Volkschulen, endlich 7 Bürgerschulen. Wie man sieht, ist 
die Anzahl im Verhältnis zur Seelenzahl der siebenbürger Sachsen 
(jetzt etwa 230000) recht stattlich! Dazu kommt, dafs die Schul- 
pflicht bei ihnen sehr ausgedehnt ist, denn sie umfafst bei Knaben 
das 6. bis 15., bei Mädchen das 6. bis 14. Lebensjahr. Und dies 
nicht nur so, dafs die Kinder vom vollendeten 12. Lebensjahre 
blofs etwa eine Wiederholungsschule besuchen, vielmehr müssen 
sie die ganze Zeit in die Alltagsschule gehen, in der wöchentlich 
während der Wintermonate 30, während der Sommermonate 1 2 Stun- 
den Unterricht erteilt werden. Die Fortbildungsschulen haben die 
konfirmierten Burschen mindestens bis zum 19., die konfirmierten 
Mädchen bis zum 18. Lebensjahre zu besuchen. In Ungarn legen 
vor allem die Zipser, entsprechend ihren alten Traditionen, Wert 
auf höhere Schulbildung; die Leutschauer Mädchenschule galt am 
Anfang des 19. Jahrhunderts als Musterschule für die Protestanten 
Ungarns, und das Gymnasium daselbst gehörte zu den besten des 
Landes. Auch gegenwärtig sind die Zipser sehr bildungsfreund- 
lich; doch ist ihr Schulwesen magyarisiert. In Westungarn waren 
die deutschen Schulen schon vor einem Jahrhundert schlecht; 
gegenwärtig sind sie völlig magyarisiert. In Budapest ist das Schul- 
wesen soweit magyarisiert worden, dafs es hier 1910 keine deutsche 
Volksschule gab; erst in dem genannten Jahre wurde die Er- 
richtung einer deutschen Privatelementarschule unter überaus eng- 
herzigen Bedingungen bewilligt. Die Neuansiedler in Südungarn 
haben entsprechend der heimatlichen Gewohnheit sofort nach der 
Niederlassung für Errichtung von Schulen gesorgt, wobei sie 
von der Regierung unterstützt wurden. Zum Lehrer wurde oft 
ein Ansiedler bestellt. Diese konfessionellen deutschen Gemeinde- 
schulen haben aber die Schwaben zumeist der Regierung aus- 
geliefert, worauf sie magyarisiert wurden. In Kroatien- Slawonien 
gibt es über 30 Schulen mit deutscher Unterrichtssprache; aber 
in Esseg besteht z. B. keine deutsche Schule, obwohl sich hier im 
Jahre 1909 von den 2051 Schülern 952 zur deutschen und nur 
800 zur kroatischen Muttersprache bekannten. Von deutschen Mittel- 
schulen ist in ganz Ungarn und Kroatien keine einzige vorhanden. 



310 Deutsche Gelehrte, Dichter und Künstler. 

Der durchschnittliche Bildungsgrad ist in Ungarn bei den 
Deutschen der höchste. Nach der Zählung von 1900 sind unter 1000 
im Durchschnitt 629 schriftkundig, in Siebenbürgen sogar 678 ^); 
unter den Magyaren können dagegen von 1000 nur 537 schreiben. 
Ahnliche günstige Ergebnisse förderten auch schon frühere Er- 
hebungen zutage. Auch die „ungarische Staatssprache" lernen 
die Deutschen in Siebenbürgen und Ungarn williger als alle an- 
deren Nichtmagyaren. Gelehrte Berufe ergreifen besonders häufig 
die Siebenbürger und Zipser Deutschen. Ihnen ist vor allem die 
Förderung der Forschungen über die ungarländische Deutschkunde 
zu verdanken, wie dies auch die im vorliegenden Werke benutzte 
und zitierte Literatur beweist; aber auch auf anderen Wissens- 
gebieten haben sie tüchtige Vertreter aufzuweisen. Weniger be- 
deutend ist die gelehrte Bildung bei den anderen Deutschen Un- 
garns, doch gingen auch aus ihnen bedeutende Männer hervor. 
Dichter und Künstler — man denke nur an Lenau und Liszt — 
fehlen ebenfalls nicht unter den siebenbürgischen und ungarlän- 
dischen Deutschen; auch namhafte Künstlerinnen entstammen 
ihnen. Am bedeutendsten ist die Literatur der siebenbürger 
Sachsen; sie hat sich insbesondere seit den vierziger Jahren des 
19. Jahrhunderts rasch entwickelt; seither ist eine starke Wand- 
lung im Leben des sächsischen Volkes vor sich gegangen, nach- 
dem schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wenigstens in 
Hermannstadt ein modernerer Zug sich geltend gemacht hatte. 
Seit etwa zwei Menschenaltern haben die Sachsen überaus viel 
geleistet, was um so mehr anerkannt werden mufs, als die 
Forscher und Schriftsteller zumeist Mittelschulprofessoren, Pfarrer, 
Lehrer und Beamte sind, also die literarischen Arbeiten im „Neben- 
amte" geleistet werden. Überaus wohltuend berührt im Schrifttum 
der Sachsen der sittliche Ernst und die Liebe zu ihrem Volkstum. 
Zu den hervorragendsten Förderern der Wissenschaft und Kunst 
in Siebenbürgen zählte Samuel Freiherr v. Brukenthal (geb. 
1721 zu Leschkirch); das von ihm errichtete Museum und die 



1) Bei der Berechnung werden die noch nicht schulpflichtigen Kinder mit- 
gezählt; die Veihältnisse stehen also wesentlich günstiger, als es bei flüchtiger 
Betrachtung aussieht. 



Deutsches Theaterwesen. Sil 

damit verbundene Gemäldegalerie und Bibliothek bilden noch 
gegenwärtig den Stolz der Hermannstädter. Erwähnt sei ferner, 
dafs das 1896 in der ungarischen Akademie der Wissenschaften 
eröfihete Goethe-Zimmer, das 4000 auf Goethe bezügliche Stücke 
enthält, aus der Sammlung des Ofenpester Bürgers Balthasar 
Elischer hervorging; deshalb hat es nicht geringen Neid der ma- 
gyarischen Chauvinisten erregt. Unter den Schwaben Südungams 
beginnt sich in neuerer Zeit das geistige Leben verheifsungsvoll 
zu regen; grofse Verdienste erwarb sich darum Adam Müller- 
Guttenbrunn. 

Ebenso kurz mufs hier die Geschichte des deutschen Theaters 
behandelt werden. In Siebenbürgen wurden um 1750 neben den 
Jesuitenkomödien Harlekinstücke aufgeführt. Bald darauf machte 
sich aber bereits die von der Neuberin, der Leipziger Freundin 
Lessings, ausgehende Richtung bemerkbar: 1761 führte die „Ko- 
mödiantin " Podenbergerin mit ihren „ teutschen Schauspielern '^ in 
Hermannstadt „gut gelernte Stücke, wie auch kleine Ballets" auf. 
Welchen Aufschwung in der nächsten Zeit das Schauspielwesen 
hier nahm, geht daraus hervor, dafs 1778 (also acht Jahre nach 
Lessings Hamburger Dramaturgie) ein „Theatralisches Wochen- 
blatt'* entstanden ist. Die Schlagworte seiner Mitarbeiter sind: 
Moral, deutsch-nationale Kunst und Geschmack ; sie kämpfen gegen 
die Hanswurststücke und empfehlen den Schauspielern Nachahmung 
der Natur und das Studium grofser Meister. Man ersieht schon 
daraus, dafs es sich um eine Nachahmung der Hamburger Drama- 
turgie handelte; wie diese ging auch das Wochenblatt wegen 
des Unverstandes der Leser bald wieder ein. Damals wur- 
den in Hermannstadt Stücke von Lessing, Goldoni, Garrick, 
Shakespeare, Iffland, Schröder, Schiller, Goethe und Mohere auf- 
geführt; auch eine dramatische Bearbeitung von Goethes „Leiden 
des jungen Werther" wird erwähnt. Mozarts Oper „Entführung 
aus dem Serail" wurde in Hermannstadt 1792 gegeben. In Kron- 
stadt führte man gegen das Ende des 18. Jahrhunderts Stücke 
von Goethe und Schiller auf. Auch Liebhabertheater gab es in 
Hermannstadt, Klausenburg und Karlsburg. In Ungarn und Kroatien 
traten im 18. Jahrhundert deutsche Schauspieler in Temesvär, 
Szegedin, Pest, Raab, Tyrnau, Prefsburg, Ödenburg, Kaschau und 



312 Deutsches Theaterwesen. 

Esseg auf; im 19. Jahrhundert auch in Leutschau, Iglö-Neudorf^ 
Oravitza, Eperies, Fünfkirchen, Raab, Grofs - Becskerek , Arad, 
Lugos, Versecz, Pancsova u. a. In die kleineren Orte kamen 
„ freilich meist verunglückte Schauspielgesellschaften ". Das deutsche 
Theater in Prefsburg läfst sich bis etwa 1730 zurückverfolgen; 
1785 wurden hier aufgeführt: Nathan der Weise, Kabale und 
Liebe, Die Räuber, IfiFlands Mündel und Jäger, Clavigo und Shake- 
spearesche Stücke. Um 1800 erschien als Beilage der „Prefs- 
burger Zeitung *' eine „ Allgemeine Theaterzeitung ". In Budapest 
hatten die deutschen Theater von 1770 bis 1837 die Alleinherr- 
schaft. Sie machten in dieser Zeit die Hauptstadt beinahe mit 
allen Bühnengröfsen Wiens und Deutschlands bekannt. Um 1800 
gab es hier 3 bis 4 deutsche Theater; 1808 bis 1812 wurde von 
deutschen Bauleuten das neue grofse Theater in Pest erbaut, da- 
mals das gröfste der Welt. Die Bühne hatte 90 Fufs (30 m) 
Tiefe und konnte zu Einzügen mit Pferden und Wagen noch um 
114 Fufs nach rückwärts verlängert werden; es hatte für 3000 Zu- 
schauer Raum. Gleich in den ersten Jahren des Bestandes dieser 
Bühne fanden Körner, Schiller, Goethe, Lessing und Shakespeare auf 
ihr eine Heimstätte. Neben den deutschen Theatern rang sich das 
magyarische nur langsam empor ; anfangs wollte niemand von ihm 
etwas wissen, da es ohnehin nur „ein deutsches Theater in un- 
garischer Sprache war". Über die Verfolgung der deutschen 
Theater in Ungarn seit 1880 wird an anderer Stelle berichtet 
werden. Seit 1889 gibt es in Pest kein deutsches Theater mehr. 
In Ungarn besitzen nur noch Prefsburg und Odenburg solche An- 
stalten. In Esseg soll ein neues Theater gebaut werden, in dem 
abwechselnd deutsche und kroatische Vorstellungen stattfinden 
werden. In dem gegenwärtig hier bestehenden kroatischen Natio- 
naltheater, das aber zumeist von deutschem Geld erhalten wird, 
fand bisher eine deutsche Nachspielzeit statt; in letzter Zeit ver- 
suchen kroatische Heifssporne dies zu verhindern. In Sieben- 
bürgen besitzt Hermannstadt ein städtisches deutsches Theater^ 
dessen Truppe während des Sommers auch in Kronstadt, Bistritz, 
Schäfsburg, Mediasch, Sächsisch-Reen, Mühlbach, Broos, Reps und 
Agnetheln zeitweilig spielt. 

Auch das ältere Zeitungswesen war in Ungarn deutsch. Vor 



Deutsche Zeitungen und Kalender. Deutsches Vereinswesen. 315 

1780 gab es hier nur lateinische und deutsche Zeitungen. In 
deutscher Sprache erschien der „Ofnerische Merkurius" im dritten 
und vierten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts. Die „Prefsburger 
Zeitung" besteht von 1764 bis jetzt. Von grofsem Einflufs war 
das „Prefsburger Ungar. Magazin" (1781 — 1787) und dessen Fort- 
setzung „Neues Ungar. Magazin" (1787 — 1791). Erst seit 1780 
entwickelte sich die ungarische Journalistik, und zwar anfangs 
„langvsam und sprunghaft". Noch um 1860 konnte sich z. B. in 
Kaschau ein Blatt in magyarischer Sprache nicht erhalten. In 
Siebenbürgen erschienen gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufser 
der schon genannten Theaterzeitung vor allem 1790 die „Sieben- 
bürgische Quartalschrift ", die erste wissenschaftliche Zeitschrift des 
Landes, die der tüchtige Buchhändler M. Hochmeister verlegte. 
Um diese Zeit wird auch der „Hermannstädter Kriegsbote" oder 
„ Siebenbürger Bote " erwähnt. Die siebenbürger Sachsen besitzen 
gegenwärtig eine grofse Anzahl Tagesblätter und wissenschaftliche 
Zeitschriften ; seit einigen Jahren erscheint in Kronstadt sogar eine 
grofse moderne Halbmonatsschrift „Die Karpathen". In Ungarn 
ist die Zahl der deutschgeschriebenen Blätter grofs; aber nur 
wenige dienen der deutschen Sache. Auch in Kroatien gibt es 
deutsche Blätter deutschfreundlicher und deutschfeindlicher Rich- 
tung. Die Banater Schwaben besitzen seit 1 909 eine schöngeistige 
Monatsschrift „Auf der Heide". Auch auf die reiche deutsche 
Kalenderliteratur mufs verwiesen werden. Darin gingen die sieben- 
bürger Sachsen den anderen Deutschen Ungarns stets voran; sie 
besitzen seit dem 17. Jahrhundert Kalender, die eine Fülle inter- 
essanter Aufsätze enthalten. 

Ebenso bezeichnend für das rege Interesse der Deutschen an 
wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bestrebungen wie am ge- 
sellschaftlichen Leben ist ihre grofse Anzahl von Vereinen. Für 
Ungarn steht seit lange fest, dafs in den von Sachsen (und den 
Deutschen überhaupt) bewohnten Komitaten das Vereinswesen am 
besten gedeiht, insbesondere blühen daselbst landwirtschaftliche, 
industrielle und Bildungsvereine und Gesellschaften. Ansätze zur 
Vereinsbildung bestanden schon im 18. Jahrhundert; infolge der 
wirtschaftlichen und nationalen Bestrebungen hat sich die Bedeu- 
tung und Zahl der Vereine in letzterer Zeit stark vermehrt. Der 



314 Deutsche Beamte und Militärs. 

älteste sächsische Verein ist der 1841 ins Leben getretene Verein 
für siebenbürgische Landeskunde, dessen Schriften in diesem Werke 
oft zitiert werden. Daran schliefst sich eine lange Reihe wissen- 
schaftlicher und wirtschaftUcher, politischer und geselliger Vereine 
an. In Südungam blühen gegenwärtig als starke Stütze völkischer 
Bestrebungen vor allem die Turn- und Gesangsvereine auf. Be- 
merkt sei noch, dafs die in Wien, Graz und Berlin weilenden 
ungarländischen Deutschen sich ebenfalls zu Vereinen zusammen- 
schliefsen. Es gilt dies insbesondere von den siebenbürger Sachsen 
und den südungarischen Schwaben ^). 

Nur kurz kann hier noch erwähnt werden, dafs deutsche Be- 
amte und Militärs sich zahlreiche Verdienste um Ungarn erworben 
haben. Viele von ihnen wurden daher durch die Verleihung des 
ungarischen Indigenats ausgezeichnet. 

Die hohe Bedeutung der Deutschen für die Kultur in Ungarn 
wird wenigstens zuweilen auch von den Magyaren anerkannt. So 
sagt A. V. Szirmay (1804): „Den Deutschen in Ungarn verdanken 
die meisten adeligen Familien ihre Abkunft, die königl. Städte ihre 
Begründung, die freien Künste und Gewerbe ihren Fortschritt« 
Darum heifst der (neuere) Magyare den Deutschen seinen Schwager, 
weil wir sie schon seit neun Jahrhunderten unter uns haben« 
Sie kamen nicht mit Gewalt in unsere Mitte, sondern wir be* 
riefen sie und teilten mit ihnen brüderlich unsere Acker, unsere 
Weingärten und unser Brod, wir gaben ihnen unsere Töchter und 
sie uns die ihrigen, und unser Blut ward mit dem ihrigen ver- 
mischt. Die Deutschen sind daher unsere Verwandten, Mitbürger und 
Tischgenossen." In einem in der „Ungar. Revue" 1881 erschienenen 
Artikel heifst es : „ Aber der deutsche Geist zieht wie ein mächtiger 
Sturm durch das Gefilde unseres intellektuellen Schafi'ens und Her- 
vorbringens, er dringt durch tausend unsichtbare Kanäle in die 
Häuser und in die Institutionen, er sickert durch die Fundamente 



1) Diese Vereine sind: Vereinigung deutscher Hochschüler aus den Ländern ^ 
der ungarischen Krone in Wien; Verein der siebenbürgisch - sächsischen Hocl 
Schüler in Wien; Verein der Siebenbürger Sachsen in Wien; Sektion Wien de 
Siebenbürger Karpathenvereins ; Verein der Banater Schwaben in Wien; Vei 
der Bacskaer (Wien); Verein der Siebenbürger Sachsen in Graz; Verein d( 
Deutschen aus Ungarn (früher Verein der Siebenbürger Sachsen) in Berlin. 



Magyarische Urteile über die Kulturbedeutung der Deutschen. 315 

unseres Staatswesens, er beeinflufst leider nur zu ausschÜefslich 
und zu einseitig alles wissenschaftliche Weben und Walten, seinen 
Manifestationen begegnen wir auf den Höhen der Volkserziehung 
und in den Niederungen gesellschaftlicher Verirrungen, auf den 
Gipfeln der Staatskunst und in den Thälern des Handels und Ge- 
werbefleifses , und solche Macht übt er noch heutigen Tages aus, 
dafs selbst die krankhaften Zustände des deutschen Volkes sich 
zu uns herüberpflanzen, wie Epidemien, gegen welche es keinen 
menschlichen Schutz gibt." In einem jüngst erschienenen Werke 
über den Bdcs-Bodroger Komitat führt der magyarische Verfasser, 
S. Borovszky, über die deutsche Bevölkerung des Komitates folgen- 
des wörtlich aus: „Viel Schönes hören wir von den durch Maria 
Theresia und Joseph II. angesiedelten, aus dem Reiche stammen- 
den Schwaben. Durch eisernen Fleifs haben sie sich Wohlstand 
errungen; Grofs und Klein liest und schreibt; es gibt kaum ein 
Haus, wo man im Winter nicht eine Zeitung, eine landwirtschaft- 
liche Zeitschrift hielte. Fast in jedem Hause finden wir eine 
kleine Bibliothek. Ihr Temperament, ihre Denkweise, ihre Lebens- 
auffassung unterscheidet sich scharf von den sie umgebenden 
Nationalitäten, und dadurch ist es ihnen gelungen, sich eine geistige 
Selbständigkeit zu erkämpfen, deren sie sich allezeit lebhaft bewufst 
sind. Der Schwabe ist überaus praktisch gesinnt ; er träumt nicht, 
politisiert nicht, greift jede nützliche Neuerung auf, prüft aber 
Alles vorsichtig, ehe er sich in ein Unternehmen einläfst. Doch 
hat er auch Fehler, die seiner Liebe zum Gelde und zu den welt- 
lichen Freuden entspringen. Auf Ehrenhaftigkeit hält er grofse 
Stücke; er ist geraden Charakters, gerechtigkeitsliebend, in Gesell- 
schaft jedoch eckig, eintönig. Der religiöse und der Familiensinn 
ist bei ihm stark entwickelt. Die von den Deutschen bewohnten 
Ortschaften sind die schönsten, reinsten und wohlhabendsten. Im 
Übrigen sind sie gute Patrioten, die ihre Kinder ebenso in diesem 
Sinne erziehen; so manche ihrer Söhne nehmen im Komitate und 
im Lande hervorragende Stellungen ein." In Erinnerung ist noch 
die Rede, welche der ünterrichtsminister Graf Apponyi am 18. Sep- 
tember 1908 beim Frieden skongrefs in Berlin über die Bedeutung 
deutscher Sprache und Kultur hielt. „Fiele einmal", sagte er 
unter anderem, „ein Mann aus dem Monde auf die Erde, und 



S16 Pflege der deutschen Sprache bei den Magyaren. 

würde er mich fragen, welche Sprache er lernen soll, um das 
Kulturleben der Menschen auf unserem Planeten zu begreifen, 
so würde ich ihm unbedingt das Studium der deutschen Sprache 
empfehlen." 

Deshalb pflegen die magyarischen Mittelschulen auch die 
deutsche Sprache. Vor 30 Jahren bekannten sich nur 19,60 Pro- 
zent der Mittelschüler zur deutschen Muttersprache, aber 45,15 Pro- 
zent sprachen deutsch, also unter 1000 Schülern stets 451,5. 
Gegenwärtig dürfte infolge des Überhandnehmens des „Patriotis- 
mus" die Zahl der Deutschsprechenden sich verringert haben; 
doch kennen die deutsche Sprache gewifs viele, die unter Um- 
ständen sie verleugnen oder auch beschimpfen. Erst 1909 ist 
wieder die Notwendigkeit der deutschen Vermittlungssprache durch 
den Beschlufs des Ofenpester Magistrates bestätigt worden, der 
hundert deutsche Lehrkurse für je 25 Schüler errichtet hat. 
Übrigens werden auch deutsche Gouvernanten und Privatlehrer 
in Ungarn gesucht. Magyarische Schriftsteller und Gelehrte be- 
herrschen zumeist die deutsche Sprache. Ebenso ist es bekannt^ 
dafs die magyarische Literatur durch zahlreiche Übersetzungen 
deutscher Werke bereichert wird. Dies verhindert freilich nicht, 
dafs man aus politischen Absichten den Deutschen die Erlernung 
ihrer Muttersprache erschwert, um sie zu Magyaren zu machen. 

Je wertvoller die Kulturarbeit der Deutschen in Ungarn ist, 
um so eifriger wird ihre Magyarisierung betrieben ; so soll wenigstens 
der Anschein erweckt werden, dafs die Magyaren die Entwicklung 
und den Fortschritt fördern. 

Politische Stellung der Deutschen in Ungarn. Deutschenhaf» 
und deutschvölkische Bewegung. 

Die Deutschen haben seit jeher in Ungarn einen harten Stand 
gehabt. Abgesehen von anderen verderblichen Umständen, hat vor 
allem die feindliche Haltung der Magyaren ihnen schweren Scha- 
den zugefugt. In Nord- und Südungarn gesellten sich zu diesea 
Gegnern die Slawen, in Siebenbürgen die Rumänen. Verhängnis- 
voll war es, dafs die Reformen jenes Kaisers, der für die deutsche» 
Ansiedlungen so Bedeutendes getan hatte, gleichzeitig den grim- 
migsten Hafs gegen das Deutschtum erweckten und den nationalen 



Politische Stellung der Deutschen in Nordungarn. 317 

Widerstand der Ungarn stärker denn je wachriefen. So wurden 
die besten Absichten Josephs II. auch in dieser Beziehung von 
schwerem Mifsgeschick verfolgt. 

In Nordungarn hatte sich die Lage der Deutschen seit Jahr- 
hunderten überaus traurig gestaltet. Kriegsnot und religiöse Verfol- 
gungen, Uneinigkeit zwischen den Deutschen und das Eindringen 
fremder Elemente, wachsende Not und infolge dessen sinkende Wider- 
standskraft des Deutschtums haben hier seit Jahrhunderten vereint 
den Niedergang des einst blühenden Ansiedlungsgebietes bewirkt. 
Sein Hauptkern, der grofse Bund der Zipser Städte, war durch die 
Verpfandung von dreizehn Orten an Polen schon 1412 geschwächt 
worden. Die bei Ungarn verbliebenen elf Städte gerieten in Ab- 
hängigkeit vom Komitat und dessen Adel; so verloren sie ihre 
Freiheit und ihren Wohlstand. Aus den einstigen reichen Frei- 
städten wurden zumeist arme Dörfer, die Adligen gehörten; Ma- 
gyarisierung und vor allem Slawisierung griff rasch um sich. Auch 
die an Polen gelangten Orte hatten manches Mifsgeschick zu er- 
dulden; doch war im allgemeinen ihre Lage besser als jene der 
bei Ungarn verbliebenen. Sowohl die Wahrung ihrer Freiheiten als 
auch ihres Glaubens ward ihnen hier leichter ; auch ihr Wohlstand 
war höher als jener der Bruderorte. Es war daher für diese Orte 
durchaus kein Glück, dafs sie 1772 nach der ersten Teilung Polens 
von Kaiserin Maria Theresia wieder mit Ungarn verbunden wur- 
den. Zwar erklärte die Kaiserin mit ihrer Resolution vom 4. No- 
vember 1774 diese dreizehn Städte samt den mit ihnen verbun- 
denen d:ei Burgherrschaften zu einem besonderen „Körper der 
sechzehn Städte" und verlieh ihnen nebst einem Wappen ein 
ziemlich bedeutendes Mafs von Selbstverwaltung; sie behielten 
ihren Grafen, ihre Senatoren (engeren Rat) sowie ihren äufseren 
Rat, unterstanden unmittelbar der königlichen Statthalterei und 
waren von der Komitatsgewalt unabhängig. Diese Freiheiten kamen 
aber den anderen Zipser Städten nicht zugute; sie waren unfrei 
geworden und konnten, wie ein älterer Schriftsteller treffend sagt, 
„selbst nach der Revindizierung der dreizehn Städte kein Herz 
fassen und für die Behauptung ihrer alten Freiheiten etwas tun". 
In dem damahgen „Gemische" der Bevölkerung dieser Orte spielten 
die Nachkommen der alten tüchtigen „Gäste" nur eine unter- 



818 Politische Stellung der Deutschen in Nordungarn. 

geordnete Rolle; nur Leutschau und Eäsmark hatten noch ihr 
Deutschtum gewahrt und genossen die Rechte königlicher Frei- 
städte. Das Hauptbestreben des Komitats war es, auch die re vin- 
dizierten Städte ihrer Freiheiten zu berauben. Der Landtag von 
1802 wälzte neue Steuern auf sie und nur mit Mühe wurde da- 
mals verhindert, dafs sie nicht unter die Herrschaft des Komitata- | 
fielen. Ein warmfühlender Deutscher, der einige Jahre später die 
Zips bereiste, fafst seine Anschauungen über die Lage daselbst in 
dem Ratschlage zusammen : „ Jetzt muls die ganze Aufmerksamkeit ; 
der Zipser dahin gerichtet sein, zu sorgen, dafs sie der Komitats- 
jurisdiktion nicht einverleibt werden!" Für die Dauer ist dies 
aber nicht gelungen. Die durch die österreichische Regierung 
veranlafste deutsche Zuwanderung war zu gering, als dafs sie das 
Deutschtum genügend gestärkt hätte. Dazu wanderten infolge der 
Arbeitsnot viele Bergleute aus ^). Trotzdem begann in den ersten 
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts das Deutschtum wieder etwaa 
aufzuleben. Es gelang sogar einigen Orten, sich von ihren Grund- 
herrschaften loszukaufen. So hat Gölnitz 1838 beim Familien- 
konkurse der Csäky das Eigentum seines Gebiets mit Wäldern 
und Regalien erstanden und ist 1844 zur privilegierten freien Berg- 
stadt mit den Rechten einer Freistadt geworden. Ebenso kaufteij 
sich Einsiedel und Wagendrüssel los und andere erleichterteu 
wenigstens ihre Stellung. Der Ausgleich von 1867 lieferte aber 
die Zips sowie die anderen Deutschen Ungarns den Magyaren aus. 
Im selbständigen magyarischen Staate gab es für die Sonderorgani- 
sationen der Deutschen keinen Raum mehr. Mit dem 1. Oktober 
1876 hörte der Körper der sechzehn Städte zu bestehen auf; er 
wurde dem Komitate einverleibt. Dadurch kam das Bürgertum 
in volle Abhängigkeit vom Adel, der im Komitate die Übermacht 
hatte. Auch die bisherigen Freistädte Käsmark und Leutschau 
verloren ihre Freiheiten und gerieten unter die Komitatsjurisdiktion, 
Diese Mafsregeln drückten das Zipser Deutschtum überaus nieder. 
Ahnlich wie in der Zips entwickelten sich die Verhältnisse in 
den anderen Teilen Nordungarns, insbesondere in den Bergstädten. 
Auch hier hat die Slawisierung, zum Teil auch die Magyarisie- 



1) Vgl. oben S. 277. 

i 



Politische Stellung der Deutschen in Nordungarn. 319 

rung grofse Fortschritte gemacht. Wie weit es damit schon gegen 
das Ende des 18. Jahrhunderts gekommen war, geht aus folgenden 
Bemerkungen Korabinskys in seinem Geographisch - historischen 
Lexikon von Ungarn (1786) hervor: „Die deutsche Sprache wird 
hier (in Neusohl) recht rein, aber unter 5000 Einwohnern nur von 
wenigen der Vornehmeren gesprochen ; im täglichen Umgange mufs 
man sich wegen der Dienstboten aus den benachbarten Ortschaften 
der slawischen bedienen. Auch die Kinder der Deutschen, beson- 
ders das Frauenzimmer, dem doch diese schöne (deutsche) Sprache 
überaus wohl anstehet, lernen sie erst bei reiferen Jahren." Noch 
düsterer ist die Schilderung, welche zwei Jahrzehnte später der 
mit den Verhältnissen in Nordungarn gut vertraute Bredetzky 
entwirft. Er fand das Deutsche in Neusohl schon „voll falscher 
Akzentuierung und slowakischer Konstruktionen: in zweimal zwanzig 
Jahren wird man, denk ich, von der deutschen Sprache in Neu- 
sohl weder Gutes noch Böses sagen." Er fuhrt diese traurige Er- 
scheinung sowohl in den Bergstädten als auch in der Zips auf die 
zahlreichen slawischen Dienstboten zurück; auch liebe der Deutsche 
seine Sprache zu wenig. „Dazu kommt sein Streben nach ge- 
meinnützigen Kenntnissen, wozu besonders auch die Sprachen ge- 
hören. Wenigen Familien zulieb hält man oft an ganz deutschen 
Orten slowakischen oder ungarischen Gottesdienst: in kurzem mufs 
die Muttergemeinde der Tochter weichen." Schliefslich betont 
Bredetzky die Vernachlässigung der deutschen Sprache in den 
Schulen gegenüber der lateinischen: „Ewig Schande für zum 
Teil wohlhabende, angesehene Bürger in ungarischen Städten, wenn 
sie nicht zwei Zeilen richtig schreiben, wenn sie deshalb zu jeder 
Familienverhandlung sich fremder Hilfe bedienen müssen. Wozu 
nützt es solchen Menschen, wenn sie etwas Latein plappern?" 
Was dieser Forscher scharfsichtig damals beobachtete, bildet noch 
heute die Krebsschäden des Deutschtums in Oberungarn. Ins- 
besondere betonen auch neuere Berichte die Slawisierung durch die 
Dienstboten und die Festsetzung von slowakischen Dienstboten, 
Taglöhnern und Handwerkern in den deutschen Orten. Was Bre- 
detzky über den Rückgang der deutschen Sprache vorausgesagt 
hat, ist leider zum grofsen Teil in Erfüllung gegangen. Heute 
stehen die Deutschen nur noch in Kremnitz an erster Stelle, in 



320 Politische lÄge der Deutschon in West-, Mittel- und Süduugarn. 

anderen Orten (Scheranitz, Neusohl, Briesen) behaupten die Slo- 
waken die erste, die Magyaren die zweite und die Deutschen erst 
die dritte Stelle; in noch anderen (Libethen, Königsberg, Rosenau 
u. a.) ist deutsches Leben ganz verschwunden. Die Freiheiten der 
Städte sind 1876 auch hier beseitigt worden: die Freistädte kamen 
unter die Gewalt des Komitats; nur Schemnitz behielt seine Selb- 
ständigkeit. 

Auch im westlichen und mittleren Ungarn ist die 
Schwächung der deutschen Stellung stetig vor sich gegangen. Was 
1730 der Geograph Bei über die Zuneigung der Prefsburger und an- 
derer Deutschen zum Magyarentum bemerkt hat, verlor auch für 
die Folgezeit nicht seine Geltung ; ohne Führer, ohne engere Ver- 
bindung miteinander waren diese Deutschen der Entnationalisierung 
ausgesetzt. Wenn das Deutschtum sich trotzdem hier besser als 
in Nord Ungarn erhalten hat, so ist dies teils auf den Einflufs der 
benachbarten deutsch- österreichischen Gebiete, teils auf die Einwan- 
derung von neuen deutschen Ansiedlern zurückzuführen ; doch sind 
auch von diesen viele schon magyarisiert ^). Die Gründe für die 
geringe Widerstandskraft der westungarischen Deutschen hat schon 
Bredetzky, der unter ihnen gelebt hat, charakterisiert: „Übrigens 
findet man unter ihnen die nämliche Geschäftigkeit im Wein- und 
Ackerbau, das nämliche sorglose Hingeben in Rücksicht eines be- 
haglichen Genusses, die nämliche ünbehilflichkeit und Schwer- 
fälhgkeit, über welche sich die Ausländer lustig machen. Zu- 
frieden mit demjenigen Grade von Geistesbildung, den sie entweder 
ihren Eltern oder irgend jemand anderem zu verdanken haben, 
streben sie eben nicht so ungestüm nach den höheren Geistes- 
gütern. Und läfst man ihnen ihr Gläschen Wein und ihr gut 
Stückchen Rindfleisch, so tun sie, was in ihren Kräften ist, um 
zusammenzuhalten, was ihre Vorfahren eingerichtet und Gott und 
ihre Obrigkeit angeordnet haben. Ein gutmütiges Volk, unter 
welchem man nur einige Zeit leben darf, um es recht lieb zu ge- 
winnen.'* Auch die Schulverbältnisse liefsen viel zu wünschen 
übrig. Unter diesen Umständen konnte von völkischem Selbst- 
gefühl keine Rede sein. Und so haben auch hier ohne allen 



1) Vgl. oben S. 262. 



Zusammenfassende Charakteristik d. politischen Lage d. Deutschen in Ungarn. 32 1 

Widerstand im Jahre 1876 die Freistädte Eisenstadt, Güns und 
Rust ihre alten Rechte verloren und wurden dem Komitate unter- 
geordnet. 

Die Deutschen in Südungarn spielten bis vor kurzem im 
politischen Leben Ungarns keine Rolle. Zum gröfsten Teile 
Neuansiedler, waren sie vor allem bedacht, ihre wirtschaftliche 
Stellung zu stärken; das gelang ihnen auch trefflich, denn sie 
wurden darin von den Magyaren nicht gestört. Politische Rechte 
und Freiheiten besafsen und beanspruchten diese Deutschen 
nicht, deshalb hatte ihre Entwicklung für das herrschende Volk 
kein Interesse. Die benachbarten Serben und Rumänen vermochten 
aber mit diesem lebenstrotzenden Bauernvolke weder auf wirt- 
schaftlichem Gebiete in den Wettkampf zu treten, noch dessen 
völkische Stellung za gefährden. Eine Vermischung der Deutschen 
mit diesen einheimischen Elementen verhinderte schon der verschie- 
dene Glaube. So retteten die Schwaben ohne grofse Anstrengung 
ihre Vollkraft in die Stürme der Gegenwart hinüber. 

Unter den geschilderten Umständen ist es begreiflich, dafs die 
Deutschen Ungarns an der politischen Entwicklung des Landes keinen 
Anteil nahmen. Im Landtag des vormärzlichen Ungarns hatten alle 
Städte nur eine Stimme; die Bürger wurden von den Ständen als 
„Fremdlinge" gebrandmarkt. Dem andringenden Magyarentum boten 
sie höchstens passiven Widerstand ; von einem zielbewufsten Auftreten 
war keine Rede. Vielmehr suchten viele Deutsche im magyarischen 
Lager ihr Heil, wozu die Abneigung gegen den Absolutismus der 
österreichischen Regierung und ihren Protestantenhafs nicht wenig 
beitrug. So kam es, dafs sich 1848/9 zahlreiche Deutsche der Revo- 
lution anschlössen; erst als der Gedanke der Trennung von Öster- 
reich aufkam, verlor die Bewegung ihre Sympathie. Man mochte 
doch das Gefühl haben, dafs sich in einem selbständigen Un- 
garn die Lage der Deutschen noch verschlechtern würde. Einige 
Erfahrungen mit der magyarischen Herrschaft hatten die Deut- 
schen schon gemacht. Der alte Hafs bezeichnete sie oft genug 
als Bettler, hergelaufenes Volk, Eindringlinge, die vom Fette Un- 
garns zehren; selbst in der deutsch - ungarischen Grammatik von 
TäncsicB konnte man unter den Übungssätzen lesen: „Wer ist 
Landsverräter? — der Deutsche, er nährt sich von den Einkünften 

Kaindl, Gesch. d. Deutschen i. d. Karpath. IIL 21 



322 Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Eechtskämpfe. 

Ungarns." Die Landtagsgesetze von 1839/40 und 1843/4 prokla- 
mierten bereits das Magyarische als allgemeine Amts- und Unter- 
richtssprache. Selbst klugen Ungarn erschienen diese Mafsregeln 
als überstürzt und ungerecht ; vor allem hat Graf Stefan Szechenyi, 
der „gröfste Ungar", schon 1842 seine Landsleute eindringend 
davor gewarnt. 

Während sich die Deutschen Ungarns fast willenlos ihrem 
Schicksal ergaben, haben die Sachsen Siebenbürgens um ihre 
alten Rechte einen langen Kampf geführt. Ihre Schicksale nehmen 
daher unsere Aufmerksamkeit im besonderen Grade in Anspruch. 

Zur Zeit Maria Theresias machte sich in Siebenbürgen die 
religiöse Unduldsamkeit und die einseitige Förderung der Katho- 
liken gegenüber den Protestanten überaus fühlbar. Aus dem Gut- 
achten des römisch-katholischen Bischofs von Siebenbürgen, Frei- 
herrn Josef Bajtay, das er 1766 über die Mittel zur Förderung 
der katholischen Kirche erstattet hat, geht hervor, dafs man zu 
diesem Zwecke Konvertiten unter die Beamten, Hundertmänner 
usw. brachte; dabei fanden auch solche Männer Berücksichtigung, 
die zur Bekleidung gewisser Amter „öfters die nötigen Fähigkeiten 
in der Tat nicht besitzen". Da die Sachsen zur Fernhaltung 
fremder Elemente eine hohe Bürgertaxe von 30 Dukaten einge- 
führt hatten, so sollte diese beseitigt werden, damit sich Katho- 
liken unter ihnen niederlassen könnten. Auch wurde vorgeschlagen, 
die Amtsdauer der Königsrichter und Bürgermeister auf zwei 
Jahre zu beschränken, damit Katholiken leichter an ihre Stelle 
treten könnten; selbst der Königsrichter von Hermannstadt, der 
Nationalgraf, sollte durch einen Katholiken ersetzt werden. Ebenso 
bekämpfte man die geplante Hochschule in Hermannstadt, damit 
sie der katholischen Kirche nicht Schaden zufüge. Die Konver- 
titen wurden so bevorzugt, dafs die Bezeichnung „ Konvertit " neben 
den Eigennamen „ gleichsam zur Bezeichnung einer höheren Würde, 
die besondere Beachtung erheische", gesetzt wurde. Dazu kamen 
die verfehlten Experimente des kaiserhchen Kommissärs Seeberg 
zur Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Sachsen; der 
Prozefs des Fiskus wegen Nachzahlung des Martinszinses, den die 
Sachsen seit 1705 nicht mehr entrichteten, da andere Steuer- 
leistungen an seine Stelle getreten waren; ebenso Prozesse des 



Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Kechtskämpfe. 333 

Fiskus wegen Eigentumsrechten an Gebieten, die zum Sachsen- 
boden gehörten u. dgl. m. Doch wurden auch überaus wohltätige 
Reformen, wie das neue Steuersystem und die neue Schulordnung 
durchgeführt. Grofse Verdienste um die Sachsen erwarb sich da- 
mals ihr Volksgenosse Samuel von Brukenthal, der als viel ver- 
mögender Fürsprecher bei d«r Kaiserin für die sächsischen Inter- 
essen überaus glücklich eintrat. Vor allem gelang es ihm, die 
schon unter Maria Theresia geplante Beseitigung des ausschliefs- 
hchen Eigentums der Sachsen an ihrem Boden, also die Gewäh- 
rung der sogenannten „ Konzivilität " an die anderen Nationen i), 
schon im Keime zu ersticken. Näheres soll darüber weiter unten 
gesagt werden. Wie gewogen Maria Theresia dem Sachsenvolke 
war, zeigt schon der Umstand, dafs sie Brukenthal zum Gouver- 
neur von Siebenbürgen ernannte; weder vor noch nach ihm hat 
ein Sachse eine solch hohe Stellung erreicht! Der sächsischen 
Nation verlieh die Kaiserin den Titel „inclyta" (berühmt), den die 
beiden Mitnationen (Magyaren und Szekler) schon lange führten. 
Auch in ihrem Testamente hat sie der Sachsen gedacht, indem sie 
unter die mit eigener Hand niedergeschriebenen 32 österreichischen 
Städte, in denen Seelenandachten für sie gehalten werden sollten, 
auch Kronstadt und Hermannstadt aufnahm und in jeder 500 Rhein. 
Gulden zu verteilen befahl. 

Schweren Zeiten gingen die Sachsen unter Kaiser Joseph II. 
entgegen. Zu den Verordnungen, welche ihnen schädlich waren, 
zählte die Verbindung der siebenbürgischen Hofkanzlei mit der 
ungarischen, ohne dafs für eine Vertretung der Sachsen in 
dieser neuen ungarisch-siebenbürgischen Hofkanzlei gesorgt worden 
wäre. Der seit 1705 rückständige Martinszins wurde jetzt wirk- 
lich eingefordert; bis 1823 hatten die Sachsen daran zu zahlen. 
Auch sonst wurden neben manchen wohltätigen Neuerungen viele 
ausgeführt, die für das Sachsenland nicht pafsten. In der Folge- 
zeit wurde besonders die Periode von 1795 bis 1805 durch ihre 
zahlreichen, oft widersinnigen Verwaltungsreformen (die „Regu- 
lationen") berüchtigt. Unstreitig gab es manches im Gemeinwesen 
der Sachsen zu bessern; die Schuldenlast vieler Orte war er- 



1) Vgl. Bd. II, S. 75 u. 82. 

21* 



3S4 Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen: ihre Eechtskämpfe. 

drückend, die Beamten zum grofsen Teil ungeeignet, der alte 
Widerstreit zwischen Kommunitäten ^) und Magistraten nahm im 
18. Jahrhundert zu. Bei den Neuerungen, wie sie um 1800 
durchgeführt wurden, waren aber weniger die sachlichen Bedürf- 
nisse mafsgebend, vielmehr wurden sie von Gegnern der Sachsen 
zu deren Schaden veranlafst. „Die Feinde der Sachsen in der 
Hofkanzlei sahen in der Regulation ein Mittel, ihrem Hafs und 
ihrer Rachsucht freien Lauf zu lassen, und es ist nicht zum ersten 
und leider auch nicht zum letztenmal gewesen, dafs die Regierung 
ihre Autorität und ihre Macht zur Befriedigung persönlicher Ge- 
lüste lieh." Gegen die Härte der Regulationen haben die Sachsen 
vergebens Widerspruch erhoben ; ihrem Beschützer, Grafen Bruken- 
thal, wurde 1799 Amt und Gehalt genommen. Das Hauptergebnis 
der Regulationen war, dafs sich die wirtschaftlichen Verhältnisse zwar 
besserten, die alte sächsische Verfassung aber vernichtet wurde 
und die Nation in völlige Abhängigkeit von der Regierung gelangte. 
Es begannen die Bollwerke zu sinken, denen die Sachsen inmitten 
fremder Völker ihren völkischen Bestand zu verdanken hatten. 
Wäre die Regierung deutsch geblieben, so hätten selbstverständ- 
lich diese Verluste der Sonderrechte zugunsten einer starken deut- 
schen Zentralregierung den Sachsen geringeren Schaden zugefügt. 
Leider wurde aber diese Schutzwehr zugunsten der nachfolgenden 
magyarischen Herrschaft zerstört. 

Zu den die alte feste Stellung der Sachsen erschütternden 
Neuerungen gesellten sich noch drei andere: die Gewährung der 
Konzivilität am Sachsenboden an die zwei anderen Nationen des 
Landes; die neue Verwaltungsorganisation Siebenbürgens; endlich 
die Union des Landes mit Ungarn. 

Zufolge ihrer alten Rechte besafsen die Sachsen an dem ihnen 
von den ungarischen Königen eingeräumten Gebiete das ausschliefs- 
liche Eigentumsrecht ; „ fremden Nationsverwandten war die Nieder- 
lassung auf sächsischem Boden, der Erwerb von Grund- und Haus- 
eigentum, womit nach der alten AufPassung auch die Ausübung 
der politischen Bürgerrechte hätte verknüpft sein müssen, nicht 
gestattet". Die Sachsen erblickten in diesem Rechte stets ihren 



1) Vgl. Bd. II, S. 90 u. 295. 



Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Rechtskärapfe. 335 

sichersten Schutz ; sie haben daher die von den anderen Nationen 
angestrebte Konzivilität stets mit gröfster Entschiedenheit bekämpft. 
Wenn ungarische Historiker darin einen Beweis sächsischer Eng- 
herzigkeit und Selbstsucht erblicken, so vergessen sie, dafs jene 
Bürgerrechte ein notwendiges Gegengewicht gegen die Adelsvor- 
rechte waren. Sehr treffend bemerkt der sächsische Historiker 
Herrmann schon 1793 darüber: „Das Recht der Sachsen, ein 
eigenes Volk für sich auszumachen, und also andere Nations- 
verwandte auszuschliefsen, ist ein Beweis, dafs die alten ungarischen 
Könige die vorteilhafte Bevölkerung ihrer Staaten, die Anpflanzung 
industriöser Völkerschaften besser verstanden haben, als man sie 
vielleicht selbst in neueren Zeiten verstanden hat. Auf keine an- 
dere Art und unter keiner anderen Bedingung hätten sich je diese 
Fremdlinge in den Wüsteneien am Ende der ungarischen Staaten 
zu einem blühenden Volke hervorbilden und unter den Stürmen 
ungünstiger Schicksale erhalten können als durch die Freiheit, 
selbständige Gemeinschaften aus sich selbst zu machen, in welchen 
sie die Sitten, Gewohnheiten, Rechte ihrer Väter üben, sich nach 
eigener Weise bilden, in freiem Genufs ihres Bodens und in freiem 
durch keine Leibeigenschaft gestörten Verkehr sich Kräfte sammeln 
und den durch öftere feindliche Störungen von aufsen erlittenen 
Verlust durch die Energie der eigenen Selbständigkeit ersetzen 
konnten. Lange wäre das Andenken der Sachsen vertilgt und 
schmutzige Erdhütten und Strohdächer, das traurige Denkmal der 
Leibeigenschaft, stünden auf dem platten Lande statt der ge- 
mauerten Häuser, wenn die Sachsen nicht ein eigenes, so viel als 
möglich unvermischtes freies Volk geblieben wären." Deshalb 
hatten also die Sachsen die Forderung der Adligen, Häuser und 
Güter auf Sachsenboden kaufen zu dürfen, stets bekämpft. Auf 
dem Landtag von 1653 war die Entscheidung zu ihren Ungunsten 
ausgefallen; die gesetzlichen Bestimmungen von 1692 und 1693 
wahrten dagegen wieder das alte Recht der Sachsen. Nach dem 
Wortlaute der betreffenden Urkunde des Kaisers Leopold I. sollte 
die zugunsten der Sachsen getroffene Bestimmung ein für alle 
Zeiten geltendes Gesetz sein. Aber die Verhältnisse waren stärker 
als solche Zusagen. Zu den Adligen, welche Bürgerrecht auf 
Sachsenboden forderten, gesellten sich die zahlreich eingeführten 



336 Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Rechtskämpfe. 

Beamten und viele andere Einwanderer, deren Ziel die Ansiedlung 
in den sächsischen Städten und Dörfern war. Auch lag es im 
Interesse der Gegenreformation, dafs Katholiken das Bürgerrecht 
erwarben, um sie in die Magistrate zu bringen. So kam es, dafs 
der magyarische Adel gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts seine 
Bestrebungen wieder aufnahm, sich in sächsische Orte einzudrängen 
und einige ihm verpfändete Besitzungen der Sachsen in sein Eigen- 
tum zu bringen. Auf dem Landtag von 1751 wurden die Sachsen 
aufgefordert, ihre Privilegien vorzulegen, auf Grund deren sie den 
Adligen die Konzivilität verweigerten. Die Sachsen wiesen ihre 
Urkunden vor und erhielten wieder die Bestätigung ihres Rechtes 
(1753). Aber damit hörten die Gegenbestrebungen nicht auf. Am 
19. Oktober 1766 legte der damahge Präsident der siebenbürgi- 
schen Hof kanzlei, Graf Kornis, der Kaiserin Maria Theresia einen 
Vorschlag vor, „wie durch eine Konzivilität oder einzuführende 
Gemeinschaft der Rechte und Vorzüge den zwischen den verschie- 
denen Nationen Siebenbürgens öfters entstehenden Uneinigkeiten 
zu steuern sei". In seiner Denkschrift nimmt der Graf keinen 
Anstand, falsche Angaben zu machen; insbesondere behauptet er, 
dafs über die AusschUefsung der anderen Nationen vom Sachsen- 
boden kein gültiges Gesetz bestehe und dafs der Sachsenboden 
„pures Fiskalgut" oder „fundus regius" sei. Er verweist ferner 
auf die Vorteile für die kathoHsche ReHgion, „wenn die sächsischen 
Stuhle und Magistrate, so nunmehr meistenteils aus Lutheranern 
bestehen, mit KathoUken untermengt würden ". Schliefslich rät er, 
eine Bürgerrechtstaxe für die sächsischen Städte festzustellen, da- 
mit die Sachsen „durch die Erhöhung der Taxe die Erreichung 
der heilsamsten Absicht" nicht zu hintertreiben vermöchten. Die 
Kaiserin übergab dieses Schriftstück dem Freiherrn von Bruken- 
thal, der damals Vorsitzender des Guberniums war, zur Begut- 
achtung. In überaus gründlicher und sachlicher Weise widerlegte 
dieser die Ausführungen des Grafen Kornis und verwies auf die 
rechtsgültigen Vereinbarungen von 1692 und die kaiserlichen Be- 
stätigungen von 1693 und 1753; auch sprach er sich dahin aus, 
dafs durch die Konzivilität „die abgezweckte heilsame Absicht 
schwerlich erwirkt", vielmehr „die Uneinigkeit wahrscheinlicher 
Weise vervielfältigt" würde. Zum Beweise verwies er auf die 



Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Rechtskämpfe. 327 

ungünstige Entwicklung von Klausenburg infolge der Aufnahme der 
anderen Nationen und auf den Niedergang derjenigen Sachsen, unter 
denen Walachen überhandnahmen. Diese Darlegungen überzeugten 
die Kaiserin von dem Rechte der Sachsen ; die Konzivilität wurde 
den anderen Nationen nicht erteilt. Aber neue Angriflfe folgten 
auf dem Fufs. Streitigkeiten der Sachsen mit eingewanderten 
Rumänen gaben Komis bald darauf Gelegenheit, seine An- 
schauungen nochmals zu vertreten, und die Kaiserin selbst hätte 
gern die Niederlassung handeltreibender Armenier in Hermann- 
stadt gesehen. Aber auch diesmal gelang es Brukenthal, die 
Kaiserin zugunsten der Sachsen umzustimmen (1767). Als aber 
Kaiser Joseph II. zur Regierung kam, mufsten dem deutschen 
Einheitsstaate zulieb, den der Kaiser zu errichten strebte, auch 
die Freiheiten und besonderen Rechte der Sachsen weichen. Durch 
die Entschliefsung vom 4. Juh 1781 gestattete Joseph den rezi- 
pierten Nationen auf Sachsenboden Besitz zu erwerben und verheb 
ihnen damit den VoUgenufs der politischen Rechte, die Konzivilität. 
„ Den Zeitgenossen erschien damit der Untergang der (sächsischen) 
Nation besiegelt." „ Nun wünsche ich nicht mehr zu leben ! " rief der 
Gubernialrat v. Hannenheim, und Johann Herrmann, der Sekretär 
des Gubernators, gab seiner Verzweiflung mit den Worten Aus- 
druck: „Wahr scheinlicher weis werden in 40 — 50 Jahren kaum 
noch Spuren der alten sächsischen Nation angetroffen werden." 
Als der Kaiser 1783 nach Siebenbürgen kam, bestand die Absicht, 
ihn um Aufhebung seiner Verfügung zu bitten; doch man kam 
davon ab : „ denn der Kaiser wollte den Unterschied der Nationen 
aufheben". Das Restitutionsedikt Leopolds II. vom 28. Januar 
1790 hob die Neuerungen Josephs auf; doch der Klausenburger 
Landtag von 1790/1, der sonst mit allen Josephinischen Gesetzen 
aufräumte, sprach den Adligen das Bürgerrecht im ganzen Lande 
zu. Die Sachsen führten einen hartnäckigen Kampf um ihr Recht ; 
sie wollten sogar zum äufsersten Mittel greifen unl gaben einer 
Deputation, die nach Wien ging, den Auftrag, die Aufhebung 
der Union, also die Lösung der sächsischen Nation aus dem poli- 
tischen und administrativen Verbände mit den beiden anderen 
Nationen zu betreiben. Komes Brukenthal sah dagegen in weiser 
Mäfsigung ein, dafs die Konzivilität in irgendeiner Form doch 



338 Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Rechtskämpfe. 

zugestanden werden müfste; er vertrat daher den Gedanken, „es 
solle jeder, der das Bürgerrecht auf Sachsenboden erlange, dem 
Munizipalgesetz sich fügen, den Ortsbehörden sich unterwerfen, 
die Steuern zahlen und kein Vorrecht beanspruchen, das die ge- 
setzliche Ordnung stören könne". Dadurch wurden die Gefahren^ 
die die Konzivilität in sich schlofs, bedeutend verringert. Im 
Sinne Brukenthals erfolgte am 10. April 1793 die Entscheidung 
der Krone, der die Adligen (Ungarn) und Szekler in der Land- 
tagssitzung vom 2. Februar 1795 beistimmten. Dabei blieb e& 
trotz einer erneuerten Verwahrung der Sachsen. Glücklicherweise 
hat die neue Ordnung der Dinge, die seither in ununterbrochener 
Geltung blieb, die gefürchtete verderbliche Wirkung auf das 
Sachsenvolk nicht geübt. Die Adligen hatten in den seither herr- 
schenden ruhigen Zeiten kein Interesse, sich in den Städten an- 
zukaufen, um wie früher in ihnen in Fällen der Not Zuflucht 
zu suchen. Auch hatten die Sachsen ihre Widerstandskraft unter- 
schätzt 1). 

Gerade dieser Kampf hatte nämlich das nationale Empfinden 
gestärkt und überdies die Aufmerksamkeit der Stammesgenossen 
in Deutschland auf die Sachsen gelenkt. Anfangs der 1790er 
Jahre wurden von Sachsen mehrere Schriften herausgegeben, die 
nicht nur die Rechte ihres Volkes historisch darlegten, sondern 
auch das nationale Bewufstsein betonten. „Die siebenbürger 
Sachsen sind Deutsche ; ihre Sprache, Sitten und Gebräuche lassen 
daran nicht zweifeln", so beginnt eine dieser Kampfschriften. 
Diese Arbeiten haben zum erstenmal reiches historisches Material 
zur sächsischen Geschichte mitgeteilt und erweckten die Aufmerk- 
samkeit des Göttinger Professors A. L. Schlözer; er begann sich 
nun selbst mit der bisher unbekannten Geschichte der Deutschen 
in Siebenbürgen zu beschäftigen und erweckte durch seine Arbeiten 
das Interesse Deutschlands an den Geschicken des fernen Sachsen- 
volkes. So wuchs in diesem durch den ihm aufgedrungenen Kampf 



1) Interessant ist, dafs sich schon wenige Jahre später unter den Sachsen 
selbst philanthropische Stimmen dahin geltend machten, die Konzivilität sei „in 
der gemeinen Menschenliebe und in der patriotischen Bruderliebe aller Vater- 
landskinder" gegründet. Auch das anfangs sehr herbe Urteil über Josephs Re- 
formen machte einer gerechteren Würdigung des Kaisers Platz. 



Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Eechtskämpfe. 32^ 

ums Recht die Kenntnis seiner Vergangenheit; die innere Teil- 
nahme an den nationalen Interessen gewann an Stärke; und dazu 
begannen die vergessenen Beziehungen zum Mutterlande aufzukeimen^ 
die seither sich glücklich weiter entwickelt haben. 

Aus denselben Verwaltungsrücksichten^ welche zur Gewährung 
der Konzivilität geführt hatten, verfügte Kaiser Joseph am 4. Juli 
1784 noch eine andere Mafsregel. Die alte Landesverfassung Sieben- 
bürgens wurde aufgehoben, die drei ständischen Nationen aufgelöst 
und das Land in elf Komitate eingeteilt. Selbstverständlich war 
dadurch die alte Einteilung des Sachsenbodens in Stühle zerstört, 
da auch diese der Komitatseinteilung unterworfen wurden. An 
die Spitze der Komitate traten Obergespane; in der Komitats- 
verwaltung machte sich jetzt wie überall in Ungarn das Über- 
gewicht des Adels geltend, der sein altes ausschliefsliches Recht 
der politischen Alleingeltung in Anspruch nahm. „Der freie 
sächsische Bauer, der freie Bürger, der bisher gleichberechtigt die 
Angelegenheiten in Stadt und Stuhl geordnet hatte, war im neuen 
Komitat rechtlos und den Untertänigen, den Hörigen, gleich- 
gestellt.*' Vergebens waren alle Einwendungen der Sachsen; die 
Bestürzung darüber war nicht geringer als jene nach der Ver- 
leihung der Konzivilität, denn die neue Organisation lieferte die 
Deutschen den feindlich gesinnten nichtdeutschen Majoritäten aus. 
Durch das Restitutionsedikt von 1790 wurde zwar der alte Zu- 
stand wieder hergestellt, aber fortan warteten die Magyaren nur 
auf eine passende Gelegenheit, die für ihre Herrschaft günstige 
Einrichtung wieder zu beleben. 

Vollendet wurde die Schwächung der sächsischen Stellung 
durch die Verbindung (Union) Siebenbürgens mit Ungarn und 
durch die ungarische Gesetzgebung seit 1867. 

Siebenbürgen hatte bekanntlich bis 1526 zu Ungarn gehört; 
seither war es selbständig geworden. Die Wiedervereinigung war 
schon auf dem Landtage von 1741 von den Magyaren angestrebt wor- 
den; dann war sie wieder am Landtage von 1790/1 zur Verhand- 
lung gekommen. Die Sachsen sprachen sich dagegen aus : ,, Ein Gut- 
achten der Kronstädter Kommunität und des dortigen Magistrats 
vom 6. März 1791 erwog eingehend die Vorteile und Nachteile 
der Union und kam zu dem Schlüsse, dafs die höchst nachteilige 



830 Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Rechtskämpfe. 

Union abgewehrt werden müsse, denn die Nation hätte jedenfalls 
nur Nachteile von ihr; von hundert Punkten, die Ungarn beträfen, 
würde kaum einer für Siebenbürgen und noch weniger für die 
Sachsen passen." Wieder aufgerollt wurde die Frage auf dem 
siebenbürgischen Landtag von 1834/5. Aber auch jetzt kam es 
zu keiner Lösung; die Sachsen verhielten sich ablehnend. Zu einer 
in Wien erschienenen sächsischen Gesandschaft sagte Kaiser Franz: 
„Die Sachsen sind brav, ich bin mit ihnen zufrieden; ihre Depu- 
tierten waren auf dem Landtage standhaft. Glauben Sie mir, 
wenn ein kleiner Körper mit einem gröfseren vereinigt wird, so 
verliert der kleinere dabei gemeiniglich. In eine Vereinigung 
Siebenbürgens mit Ungarn werde ich nie einwilligen." Wie richtig 
der Kaiser geurteilt hatte, sollte die Folgezeit lehren. Kaum war 
die Bewegung von 1848 ausgebrochen, so forderten die Magyaren 
die Verbindung des Grofsfürstentums mit Ungarn. Am 2. Mai 
erklärte bereits der siebenbürgische Gouverneur Graf Teleki dem 
Magistrat und der Nationsuniversität in Hermannstadt: „Die Frage 
der Union müsse von vornherein als entschieden betrachtet werden ; 
bei der Deputation, die über die Durchführung zu beraten haben 
werde, könnten die Sachsen ihre Wünsche vorbringen. Die Ge- 
schäftssprache im Land müsse die magyarische sein und eine neue 
Gebietseinteilung in Siebenbürgen zu Verwaltungszwecken (also 
die Zerreifsung des Sachsenlandes) sei notwendig. Bei prinzipiellem 
Widerspruch gegen die Union dürfte für die Widersprechenden 
in Klausenburg aufserhalb des Landtags kaum Sicherheit zu fin- 
den sein." 

Die Folge dieser Drohung war, dafs Hermannstadt sich sofort 
gegen die Union mit Ungarn und für das Zusammengehen mit 
Österreich entschied; überall zeigten sich schwarzgelbe Kokarden 
und Fahnen. Aber die wichtige Frage fand die Sachsen ungeeint. 
Wie schon in früheren Zeiten i), so zeigte sich insbesondere auch 
jetzt Zwiespalt zwischen Kronstadt und Hermannstadt: die Kron- 
städter hatten sich schon am 19. April 1848 für die Union er- 
klärt; hier trug ein grofser Teil der Bürger Kokarden in den 
ungarischen Farben und berauschte sich im Singen von Freiheits- 



1) Vgl. Bd. U, S. 91. 



Die politische Stellung der Sachseu in Siebenbürgen; ihre ßecbtskämpfe. 331 

liedern. „Der Streit der Meinungen wuchs zu tiefgehender Er- 
bitterung zwischen den stets rivalisierenden Städten Hermannstadt 
und Kronstadt an, zu einer Erbitterung, die noch lange die Ge- 
müter hüben und drüben beherrschte und die für das sächsische 
Volk so sehr notwendige Einigkeit immer und immer wieder ge- 
fährdete." Schliefslich gaben die sächsischen Deputierten unter 
dem Drucke der magyarischen Drohungen auf dem Landtage die 
Zustimmung zur Union (30. Mai) : die Masse hatte auf der Strafse 
ihnen „Union oder Tod!" zugerufen. In der Verwirrung hatten 
die Abgeordneten selbst die Festlegung der Bedingungen, unter 
denen sie der Union beistimmten, unterlassen. Im sächsischen Volke 
nahm man den Beschlufs über die Union und die Haltung der 
eigenen Abgeordneten mit Bestürzung auf: man wufste, dafs nun 
die Magyarisierung kommen würde. Aus Hermannstadt wandten 
sich schon nach wenigen Tagen 1240 Frauen an die Kaiserin, 
„weil durch die mit List und Trug, auf scheinbar gesetzlichem 
Weg durchgeführte Union Siebenbürgens mit Ungarn unseren 
Vätern, Brüdern, Gatten und Söhnen das ererbte Gut der teueren 
deutschen Muttersprache und Gesittung, seit Jahrhunderten in den 
gröfsten Stürmen treu bewahrt von unseren Vorfahren, plötzlich 
gewaltsam entrissen wird". 

Bald zeigte es sich, wie die Magyaren gegen die Sachsen ge- 
sinnt waren. Der ungarische Reichstag, in dem nun auch säch- 
sische Abgeordnete erschienen, wollte nichts zugestehen, was die 
Sachsen als Bedingung der Union betrachteten. Schon im August 
1848 sandte der sächsische Abgeordnete Karl Goofs in die Heimat 
die Nachricht, man solle Pulver und Gewehre kaufen und sich 
rüsten, „denn man hintergeht uns". Im Gesetzentwurfe, der zur 
Durchführung der Union nötig war, fand sich keine Spur einer 
Gewährleistung irgendwelcher Rechte für die Sachsen. Da dieses 
Gesetz trotz des Einspruches des Abgeordneten Goofs geradezu in 
betrügerischer Weise angenommen wurde, legten sechs Sachsen 
ihre Mandate nieder, „weil das Haus den Boden des Gesetzes ver- 
lassen hätte ". Nun drohten die Magyaren „ mit Hilfe der kriege- 
rischen Szeklernation die Reaktion der Sachsen in der Wiege zu 
erwürgen". Als bald darauf der Revolutionskampf losbrach, fielen 
tatsächlich die Szekler in das Sachsenland ein ; die Sachsen stellten 



332 Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Kechtskämpfe. 

sich aber für den Kaiser ins Feld, und zwar sowohl die Unionisten 
als auch die Gegner der Union. Mit begeisterten Worten pries der 
junge Kaiser Franz Joseph kurz nach seiner Thronbesteigung die 
Tapferkeit, Ausdauer und Treue der Sachsen. Der Krieg brachte über 
die sächsischen Gebiete viel Unglück; Sächsisch-Reen wurde voll- 
ständig niedergebrannt. Zu den gröfsten Verlusten der Sachsen zählte 
aber die standrechtliche Erschiefsung des trefflichen Pfarrers Ste- 
phan Ludwig Roth. Da er im Brennpunkte der literarischen^ 
nationalen und wirtschaftlichen Bestrebungen seines Volkes ge- 
standen, eine Streitschrift über den Sprachenkarapf veröffentlicht 
und die Herbeiziehung neuer deutscher Elemente versucht hatte ^)^ 
wurde er von den Rebellen erschossen (11. Mai 1849). Jüngere 
Freunde hatten ihm zur Flucht verhelfen wollen, er verschmähte 
sie im Gefühle seiner Unschuld. So mutig starb dieser schlichte 
Pfarrer, dafs der kommandierende Offizier bebend vor die Front 
trat und seinen Soldaten zurief: „ Soldaten, lernt von diesem Manne, 
wie man für sein Volk stirbt!" 

Mit der Niederwerfung des ungarischen Aufstandes kam das 
Jahrzehnt der österreichischen absoluten Herrschaft. Durch diese 
ist zunächst die Durchführung der Union von 1848 verhindert 
worden. Zugunsten der einheitlichen Verwaltung wurde aber die 
besondere Verfassung der Sachsen neuerdings aufgelöst; ihre 
„Nation" hörte also wieder zu bestehen auf. Siebenbürgen wurde 
in zehn Kreise geteilt und dadurch das sächsische Verwaltungs- 
gebiet zerrissen ; unter den zehn Kreisvorständen war kein einziger 
Sachse. „So w^aren wir tot, mausetot. Ohne vorhergehendes Ur- 
teil hatte man uns totgeschlagen und sine cruce et luce (ohne 
Kreuz und Licht) zu Grabe getragen. Das war der Lohn für 
alles, was wir in den Jahren der Gefahr geleistet und gelitten 
hatten." Trotzdem war aber die Zeit der österreichischen Herr- 
schaft vielfach fruchtbar. Strafsen wurden durch Österreichische 
Ingenieure hergestellt und durch das Standrecht von Räubern ge- 
säubert, das Post- und Telegraphenwesen eingeführt, auch die Er- 
bauung einer Eisenbahn in Aussicht genommen ; für bessere Justiz- 
pflege und Verwaltung wurde gesorgt: „ein freierer Luftzug be- 



1) Vgl. oben S. 265 flF. 



Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Rechtskämpfe. 333 

gann dftn Moderduft aus den Gerichtsstuben hinwegzufegen". Um 
die durch den Krieg geschlagenen Wunden zu heilen, gewährte 
die Regierung den Sachsen ein unverzinsliches Darlehen von 
li Millionen Gulden auf zehn Jahre und verteilte unentgeltlich 
Saatgut; auch wurden nach der Überschwemmung von 1851 den 
Notleidenden Entschädigungen bewilligt. Das deutsche Hermann- 
stadt wurde in dieser Zeit die wirkliche Landeshauptstadt. 

Trotz dieses erspriefslichen Wirkens der österreichischen Re- 
gierung fühlten doch auch die siebenbürger Deutschen die Härte 
des absolutistischen Regiments. Es war aber ein schwerer Irrtum, 
wenn sie trotz der bisherigen Erfahrungen hofften, durch engen 
Anschlufs an die Magyaren ihre Lage zu verbessern. Anläfslich 
der Versammlung des siebenbürgischen Vereins für Landeskunde, 
die 1860 in Bistritz stattfand, wurde ein Verbrüderungsfest zwischen 
Sachsen und Magyaren gefeiert, bei dem sich die biederen Deut- 
schen von den schönen Worten der magyarischen Wortführer über 
„Bruderliebe" und „Eintracht" umgarnen liefsen. Wohl ist es 
richtig, dafs dieser Umschwung der Stimmung der Sachsen seit 
1848 ein vernichtendes Urteil über den Österreichischen Absolutismus 
war, aber er ist ebenso ein Beweis, dafs die Sachsen ihren Haupt- 
feind auch damals noch nicht erkannt hatten! 

Einig waren die Sachsen zwar auch jetzt nicht in ihren An- 
schauungen. Als mit dem Oktoberdiplom von 1860 und dem 
Februarpatent von 1861 eine konstitutionelle österreichische Ge- 
samtmonarchie geschaffen wurde, schlofs sich ein Teil der Sachsen 
(besonders die Hermannstädter) völlig dieser Idee an : Siebenbürgen 
sollte ein selbständiger von jedem anderen Lande unabhängiger 
Bestandteil des österreichischen Reiches sein, das Ungarn mit um- 
fafste. Die Kronstädter Zeitung verkündete aber schon im Sommer 
1861: „Wir sind zur Überzeugung gekommen, dafs die Sachsen 
ihre Angelegenheiten nicht auf einem siebenbürgischen Landtage, 
sondern in Pest ins Reine bringen müssen. Die Ungarn verlangen 
Vertrauen und verbürgen sich mit ihrer Ehre, dafs sie den Nationen 
Siebenbürgens gebührende Rechnung tragen würden, von einem 
siebenbürgischen Landtage aber wollen sie nichts wissen und er- 
klären jeden für einen Feind des Vaterlandes, der einem solchen 
das Wort redet." Die Kronstädter bekannten sich also schon da- 



334 Die politische Stellung der Sachsen in Siebenbürgen; ihre Rechtskämpfe. 

mals als Anhänger der Union mit Ungarn und ebenso erklärte 
sich später der Kronstädter Abgeordnete bei den Beratungen der 
Nationsuniversität für die Union von 1848. Die Mehrzahl der 
Sachsen war aber für den Anschlufs an das österreichische Reich 
und schickte seine Abgeordneten ins Zentralparlament nach Wien. 
In offener Sitzung begrüfste diese der Staatsminister Schmerling 
mit den Worten : „ Das schöne Land Siebenbürgen wird es erfahren, 
was es heifst, zum Reiche zu halten. So Gott will, wird in 
kürzester Zeit das geflügelte Dampfrofs von Wien nach Hermann- 
stadt eilen." Aber gerade dieser Eisenbahnbau war der Zankapfel 
der Sachsen. Wie schon öfters trennte auch jetzt die Rücksicht 
auf Sonderinteressen die zwei sächsischen Vororte. Damit die 
Bahn nicht über Hermannstadt zum Rotenturmpasse, sondern über 
E^ausenburg und Kronstadt geführt werde, suchten die Kronstädter 
den Anschlufs an Budapest. 

So kam die Katastrophe. Als der Gedanke des österreichischen 
Einheitsstaates zusammenbrach, beschlofs der Klausenburger Land- 
tag von 1865 die Union Siebenbürgens mit Ungarn; auch eine 
Anzahl sächsischer Abgeordneter hatte dafür gestimmt. Vergebens 
war der Widerspruch der überwiegenden Mehrzahl der sächsischen 
Landtagsboten, vergebens alle anderen Anstrengungen der Wohl- 
gesinnten, die in der Durchführung der Union für die sächsische 
Nation die gröfste Gefahrdung erkannten. Und dieses Unglück 
kam nicht allein. Der unglückliche Bruderkrieg von 1866 schwächte 
die Stellung aller Deutschen in Österreich und lieferte die ungar- 
ländischen völlig den Magyaren aus. Durch den infolge der 
Niederlage Österreichs notwendigen Ausgleich mit Ungarn von 
1867 wurden auch die Sachsen dem in seiner inneren Verwaltung 
völlig selbständigen Staate Ungarn preisgegeben. Noch immer er- 
kannten aber nicht alle Sachsen die Gefahr; die Zahl der magyaren- 
freundlichen Abgeordneten wuchs sogar, und manche Belohnung 
wurde ihnen zuteil. Bald aber ist die Freude dieser Verblendeten 
über die hergestellte Verfassung getrübt worden; das ungarische 
Parlament und die ungarische Regierung zeigten bald ihr wahres 
Gesicht. Angriff auf Angriff erfolgte, und zwar nicht nur auf die 
Verfassung, sondern auch auf das Nationalvermögen der Sachsen. 
Da erst einigten sich die streitenden Brüder (1872). Aber es war 



I 



Die Bedrückung der Deutschen in Ungarn. 335 

ZU spät. Als die sächsischen Abgeordneten das Recht ihres Volkes 
vom Reichstag in Budapest forderten, hiefs es: „Sie sollen kommen 
und es sich holen!" Und so kam das Jahr 1876, das auch im 
anderen Ungarn viele alte Rechte zerstört und die Freistädte zu 
Komitatsorten herabgedrückt hat. Aus dem alten Sachsenlande 
wurden vier Komitate gebildet und mit anderen Komitatsteilen in 
so ausgeklügelter Weise zusammengesch weifst, dafs die Sachsen 
überall nur Minderheiten bildeten. Die sächsische Nation wurde 
innerhalb eines Jahrhunderts zum drittenmal aufgelöst und die 
Nationsuniversität, früher die oberste politische und richterliche Be- 
hörde der Sachsen, zu einer blofsen Verwaltungsbehörde des säch- 
sischen Nationalvermögens herabgedrückt. 

Seitdem 1876 das siebenbürgische Sachsenland durch diese 
Mafsregeln völlig dem Organismus des ungarischen Staates einver- 
leibt worden ist, werden alle ungarländischen Deutschen vereint 
von den Segnungen magyarischer Gesetzgebung und Herrschaft 
getroffen. 

Von den Mafsregeln, welche zur Unterdrückung des Deutsch- 
tums von der ungarischen Regierung angewendet oder doch von 
ihr gefördert werden, können hier nur einige ausführlicher be- 
sprochen werden. 

Durch das Nationalitätengesetz von 1868 ist zwar eine ent- 
sprechende Berücksichtigung der nichtmagyarischen Völker, alsa 
auch der Deutschen, festgestellt; durch neuere Gesetze und Gewalt- 
mafsregeln erfolgt aber in Wirklichkeit eine Vergewaltigung dieser 
Völker auf allen Gebieten. 

Eine der drückendsten Mafsregeln ist die durch das Gesetz 
von 1879 eingeführte zwangsmäfsige Erlernung der magyarischen 
Sprache in den Volksschulen. Da nach einem weiteren Gesetze 
jeder Lehrer entfernt werden kann, wenn seine Schüler nach Be- 
endigung des 4. Jahrganges der magyarischen Sprache in Wort 
und Schrift nicht mächtig sind, so werden selbstverständlich die 
anderen Gegenstände als etwas Nebensächliches behandelt. Ob- 
wohl die Kinder selbst magyarisch beten müssen und in den 
Zwischenstunden untereinander deutsch nicht sprechen dürfen, er- 
lernen sie das Magyarische nicht ^), können schliefslich aber auch 

1) „Ich kann nicht Ungarisch, ich bin a Schwab", lautete die Antwort 



S36 Die Bedrückung der Deutschen in Ungarn. 

nicht ordentlich deutsch. Da das Gesetz dem Unterrichtsminister 
Handhaben bietet, die bisherigen deutschen Gemeinde- oder kon- 
fessionellen Schulen völlig seinem Machtgebote zu unterwerfen, 
ist Gefahr vorhanden, dafs sie allmählich völlig magyarisiert wer- 
den. „Ungarn mufs durch die magyarischen Schullehrer zum 
zweitenmal erobert werden." Deshalb ist es in Ungarn auch 
schwer, die Erlaubnis zur Errichtung einer deutschen Privat- 
schule zu erhalten (oben S. 309). Um den Elementarschulen 
vorzuarbeiten, errichtet man seit 1891 Kinderbewahranstalten 
und Kindergärten, die die Kinder an das Magyarische gewöhnen 
sollen. 

Ebenso verderblich ist für die Deutschen das Mittelschulgesetz 
von 1883. Durch dieses wird auch den Gymnasien und Real- 
schulen der Betrieb der magyarischen Sprache in solchem Umfange 
aufgenötigt, dafs der Unterricht in anderen Gegenständen zurück- 
treten mufs. Die Lehramtskandidaten müssen ihre Prüfungen in 
magyarischer Sprache ablegen und werden daher vielfach ab- 
gehalten, deutsche Universitäten zu besuchen i). Durch dieses 
Oesetz ist es nahezu unmöglich gemacht worden, Mittelschulen 
mit anderer als magyarischer Unterrichtssprache zu gründen. Es 
richtet sich vor allem gegen die sächsischen höheren Schulen. 
In den magyarisierten Bildungsanstalten werden viele deutsche 
Jünglinge ihrer Familie und ihrem Volke entfremdet. So war der 
hervorragende ungarische Schriftsteller Adolf Falkenburg (gestorben 
1884) zu Deutsch- Kreuz im Ödenburger Komitat geboren, wo er 
nur deutsche Rede hörte. Der Universitätsprofessor St. Horvath 
schrieb dem Vater des jungen Studenten: „Der Junge hat eine 



eines deutschen Knaben in der Umgegend von Grofs-Kanisza, den der Erzherzog- 
Thronfolger magyarisch ansprach (1910). 

1) Bis 1907 besuchten jene sächsischen Jünglinge, welche sich zu „aka- 
demischen" Pfarrern und Professoren heranbilden wollten, drei Jahre lang 
deutsche Universitäten ; seither begnügt man sich infolge der übermäfsigen staat- 
lichen Forderungen auf dem Gebiete des magyarischen Unterrichtes mit zwei 
Jahren für die deutsche Studienzeit. Ebenso besuchen aber auch sächsische 
Juristen und Mediziner aufser den durch den Prüfungszwang vorgeschriebenen 
ungarischen Hochschulen deutsche Universitäten in Österreich und im Deutschen 
ileich. 



Die Bedrückung der Deutschen in Ungarn. 337 

journalistische Ader, er soll aber ungarisch schreiben!" Das ge- 
schah auch; Falkenburg bediente sich später fast nur der magya- 
rischen Sprache; „doch wenn er auch deutsch schrieb, tat er es 
stets in der Absicht, einem ungarischen Interesse zu dienen". 
Die Herausgabe einer Sammlung seiner deutschen Gedichte unter- 
blieb aus „politischen Gründen". Dieses Beispiel für viele! 

Die Magyarisierung der Schulen bedeutet aber stets einen 
Rückschritt, denn es ist bekannt, dafs das magyarische Schulwesen 
minderwertig ist. Das hat nicht nur der sächsische Abgeordnete 
Lindner im ungarischen Abgeordnetenhause bei einer Schuldebatte 
19U8 gesagt, sondern es klagen auch führende Rumänen über den 
Niedergang der sittlichen und geistigen Bildung ihrer Jugend, seit 
sie statt in den „ernsten, soliden deutschen Schulen" in den ma- 
gyarischen Anstalten ihre Bildung geniefsen. Dazu kommt, dafs 
nach den gesetzlichen Bestimmungen die in der Volksschule ver- 
wendeten Lehrmittel „keine Beziehung auf fremde Geschichte und 
Geographie enthalten und nur vaterländische Erzeugnisse sein 
dürfen". Auf Lehrbücher, die den chauvinistischen Auffassungen 
und Bestrebungen irgendwie widerstreben, wird geradezu Jagd 
gemacht. 

Ebenso durchbrechen neuere Bestimmungen über das Gerichts- 
wesen das Nationalitätengesetz. Während dieses den Gerichten 
die Berücksichtigung der nichtmagyarischen Sprachen vorschreibt, 
wurde später den Gerichtspräsidenten freigestellt, aus eigener 
Machtvollkommenheit den ausschliefsHchen Gebrauch des Magya- 
rischen einzuführen. Ferner wurde die Eignung zum Geschworenen 
an die Beherrschung der magyarischen Sprache in Wort und Schrift 
geknüpft; die magyarischen Richter betonen dagegen mit einem 
gewissen Stolze, dafs sie der anderen Sprachen nicht mächtig sind. 
Bei politischen Prefsprozessen dürfen die beanstandeten Aufsätze 
den Geschworenen nicht im Urtexte vorgelesen werden; in Han- 
delsprozessen müssen die Kaufleute selbst die Rechnungen in no- 
tariell beglaubigter magyarischer Übersetzung vorlegen. Die Arader 
Advokatenkammer machte es ihren Mitgliedern zur Pflicht, nur 
magyarische Firmentafeln zu führen, da fremdsprachige Schilder 
mit der Ehre des Standes unvereinbar seien; diese Verfügung be- 
stätigte der oberste Gerichtshof. 

K a i n d 1 , Gesch. d. Deutschen i. d. Karpath. III. 22 



338 Die Bedrückung der Deutschen in Ungarn. 

Wie bei den Wahlen alle Nichtmagyaren, also auch die Deut- 
schen, vergewaltigt werden, ist allgemein bekannt. Ebenso werden 
unleugbar durch entsprechende Mafsregeln die Volkszählungen 
zu ihrem Ungunsten durchgeführt. Der Staat unterläfst es, auch 
in vollständig nichtmagyarischen Gegenden auf Amtern u. dgl. 
Aufschriften in den dort üblichen Sprachen anzubringen; dagegen 
mufs z. B. auf allen deutschen Schulen neben der deutschen Auf- 
schrift die magyarische gesetzt werden. Mifsachtungen des Ver- 
sammlungsrechtes Deutschen gegenüber sind an der Tagesordnung. 
Deutschen Bewohnern wird die Aufnahme in den Gemeindever- 
band mit ungesetzlichen Begründungen verweigert; dadurch wer- 
den sie um alle damit verbundenen Rechte gebracht. Auch das 
Briefgeheimnis wird nicht gewahrt. 

Die Meinungsäufserungen in deutschen Zeitungen werden durch 
Prefsprozesse nach Möglichkeit unterdrückt. „Aufreizungen zum 
Hafs gegen eine Nationalität" (gemeint ist natürlich immer nur 
die magyarische) sind bei den ungarischen Geschworenen leicht 
nachgewiesen und haben empfindliche Freiheits- und Geldstrafen 
zur Folge. Um „ gefährlichen " Schriftstellern beizukommen, scheut 
man sich vor Rechtsbeugungen nicht; auf diese Weise wurde z. B. 
1903 der bekannte Sachsenführer und Schriftsteller Lutz Korodi 
zu einem Jahre Staatsgefangnis und 2000 Kronen Geldstrafe ver- 
urteilt. Mifsliebige Schriftleiter werden unter Anwendung unwür- 
diger Kunstgriffe ausgewiesen. Eine der willkürlichsten Verurtei- 
lungen widerfuhr dem Redakteur und Schriftsteller Orendi-Hommenau 
in Temesvär Ende 1909 ^). Ebenso leicht kann es einem Ver- 
sammlungsredner widerfahren, dafs er der Aufreizung gegen die 
magyarische Nation und Staatsidee schuldig gesprochen wird, ohne 
dafs er bei seiner Rede auch nur daran gedacht hätte. Als vor 
einigen Jahren die Bistritzer Advokaten Karl Lang und Gustav 
Kel beim Besuche des Erzherzogs Josef ihre Häuser mit sieben- 
bürgisch- sächsischen Farben beflaggten, wurden sie nicht nur vom 
Oberstadthauptmann, sondern auch von der Advokatenkammer hart 
bestraft. Gegenwärtig wird der Gutsbesitzer Karl Wollinger in 



1) Anfangs 1911 wurde Orendi durch einen königlichen Gnadenakt die Ge- 
fängnisstrafe nachgesehen. 



Die Bedrückung der Deutschen in Ungarn. 339 

Heiligenkreuz bei St. Gotthard a. d. Raab wegen seiner deutschen 
Gesinnung und der Förderung der ungarländischen deutschen Volks- 
partei von den ungarischen Behörden vergewaltigt. 

Ebenso wird die Kirche in schändlichster Weise zur chauvi- 
nistischen Propaganda ausgenutzt. Magyarisch gesinnte Männer 
werden bei der Besetzung von Kirchenämtern begünstigt. Diese 
mifsbrauchen ihr Amt zu Magyarisierungszwecken. Dies gilt nicht 
nur von der katholischen, sondern auch von der protestantischen 
Geistlichkeit ; deutsch gesinnt sind zumeist nur die Pfarrer der sieben- 
bürger Sachsen. Ein protestantischer Prediger in Prefsburg, der den 
deutschen Namen Hering führt, liefs sich in einer magyarischen 
Predigt folgendermafsen vernehmen : „Man wird es einst einsehen, 
dafs das magyarische Volk im höheren Grade auserwählt war als 
Israel, und dafs Arpad dieselbe Verheifsung empfangen hat wie 
Abraham." Magyarische Predigt und magyarischer Religionsunter- 
richt wird zuungunsten der Deutschen häufig eingeführt. Sowohl 
die katholischen als auch die protestantischen Priester in Ungarn 
und Kroatien sind an den magyarischen theologischen Fakultäten 
herangebildet ; weit glücklicher sind in dieser Beziehung die sieben- 
bürger Sachsen. Hier verdient noch bemerkt zu werden, dafs in 
neuester Zeit den Deutschen in Budapest verwehrt wird, auf die 
Grabsteine ihrer Angehörigen deutsche Inschriften zu setzen i). 

Eine wichtige Episode im Kampfe gegen das Deutschtum 
bildet die Verfolgung der deutschen Theater in Ungarn. Dem alten 
deutschen Theater der Hauptstadt wurde 1880 die abgelaufene 
Konzession verweigert; dieser Beschlufs war mit 77 gegen 76 
Stimmen vom Stadtrat gefafst und vom Ministerium des Innern 
bestätigt worden. Dagegen begann aber ein tieferregter Kampf, 
der auch in den auswärtigen deutschen Zeitungen einen gewaltigen 
Widerhall fand. Auch Kaiser Wilhelm nahm sich der Sache an. 
Nun wurde die Konzession wieder erteilt. Aber 1889 brannte 
das deutsche Theater in Pest „mit Gottes Hilfe" ab, wie ein Ab- 
geordneter in einer Sitzung des ungarischen Parlamentes sagte. 
Seither werden alle Gesuche um Wiedererrichtung eines deutschen 

1) Die Aufnahme der Grabschriften auf den älteren städtischen Friedhöfen 
Ungarns wäre sehr wichtig; sie sind sicher zum gröfsten Teü deutsch, so z. B. 
auch in Arad. 

22* 



840 Die Bedrückung der Deutschen in Ungarn. 

Theaters in Pest vom Stadtrat abgelehnt. Deutsche Schauspiel- 
gesellschaften, welche vorübergehend in Budapest auftraten, wurden 
beschimpft und die Vorstellungen gestört. Auch den deutschen 
Singspielhallen werden Schwierigkeiten in den Weg gelegt. An 
die Leitungen der verschiedenen ungarischen Badeorte erging 1896 
ein Erlafs, an deutsche Gesellschaften kein Theater mehr zu ver- 
mieten. In Prefsburg und Odenburg wurde versucht, durch eine 
ministerielle Verordnung die deutschen Theatervorstellungen kurz- 
weg abzuschaffen; aber der Widerstand war so grofs, dafs es bei 
den früheren Verhältnissen blieb. Die ständigen deutschen Theater 
in Südungarn wurden dagegen beseitigt; man behilft sich vieler- 
orten mit Liebhabervorstellungen. 

Angeblich zum Schutze der Magyaren gegen die Angriffe der 
anderen Nationen werden zahlreiche „Kulturvereine" gegründet. 
Zugunsten eines solchen Vereines in Prefsburg erliefs Graf Albert 
Apponyi, damals Präsident des ungarischen Abgeordnetenhauses, 
einen Aufruf, in dem er sich folgende patriotisch klingende So- 
phismen leistete: „Unter unseren nichtmagyarischen Brüdern wütet 
eine verwegene Agitation, vergiftet ihre frommen Seelen und schürt 
unter dem Vorwande der Anhänglichkeit an die Muttersprache den 
Hafs gegen das Magyarentum, erschüttert die Treue zum Vater- 
lande, verdunkelt den Glanz der von den Widerwärtigkeiten der 
Jahrhunderte geheiligten gemeinsamen Traditionen, lockert das Ge- 
fühl der gesetzlichen und geschichtlichen ungarischen nationalen 
Einheit, ja predigt den Zerfall des tausendjährigen Reiches in 
Rassengruppen." In Wirklichkeit sind die Kulturvereine aus- 
gesprochene Magyarisierungsanstalten, denen die gesamte Beamten- 
schaft, der Klerus und die staatlichen Schullehrer freiwillig oder 
unfreiwillig als Mitarbeiter dienen. 

Zu diesen Vereinen gehört auch die „ Gesellschaft für Namens- 
magyarisierung ". Die Gebühr für Namensänderungen betrug früher 
5 Gulden; 1881 wurde sie auf Wunsch der Magyarisierungsvereine, 
deren Bestreben der Schriftsteller Jokai unterstützte, auf 50 Kreuzer 
herabgesetzt. Seither fanden Namensänderungen schwunghaft statt ; 
allein im Jahre 1896 wurden an 2000 gezählt. Es ist bekannt, dafs 
vorgesetzte Beamte auf ihre Untergebenen entsprechenden Druck 
ausüben, damit diese ihre Namen ändern. Der sächsische Ab- 



Die Bedrückun*^ der Deutschen in Ungarn. 341 

geordnete Oskar Meltzl hat diesen Amtsmifsbrauch schon 1897 
im Reichstag als niedrigen Seelenschacher gerügt, worauf ihm ein 
magyarischer Abgeordneter zurief: „ Schämen Sie sich, ein solcher 
Sachse zu sein und kein Magyar, gehen Sie nf>oh Dresden I"^) 
Eine magyarische Zeitung schrieb einmal: Gerade die Namen der 
Gelehrten und Künstler müssen wir magyarisieren, sonst bleibt der 
Ausländer bei dem Glauben, dafs die magyarische Nation alles den 
unter ihr lebenden fremden Stämmen verdankt ^). 

Diese Magyarisierung der Personennamen überbietet bei weitem 
noch die infolge des Gesetzes von 1898 planmäfsig betriebene Ver- 
drängung der alten deutschen Ortsnamen und ihr Ersatz durch 
magyarische. Mit welcher Willkür dabei vorgegangen wird, er- 
gibt sich z. B. daraus, dafs selbst so ehrwürdige Namen wie Her- 
mannstadt und Kronstadt trotz der Gegenbemühungen der Stadt- 
vertretungen aus dem amtlichen Gebrauche verschwinden mufsten. 
Sie dürfen höchstens neben dem magyarischen an zweiter Stelle ge- 
setzt werden; es heifst also z. B.: „Jahresbericht der Nagyszebener 
(Hermannstädter) städtischen Gewerbeschule". Welche Schwierig- 
keiten diese Namensänderungen dem Verkehre bieten, weifs jeder 
Reisende, der den offiziellen Eisenbahnfahrplan benutzt. Kein 
Wunder, wenn in einer Zeitung zu lesen war, dafs in Hermann- 
stadt und Nagyszeben ein Erdbeben verspürt wurde! In welcher 
Weise die magyarischen Namen fabriziert werden, mögen folgende 
Beispiele lehren. Bei Kronstadt gibt es einen „ Hungrigen Stein " ; 
daraus machten die magyarischen Beamten einen „hungrischen 
oder ungrischen Stein" und deshalb heifst die Eisenbahnhaltestelle 
am Abhänge des Berges „ Magyarkö " (Magyarenstein). Nufsbach 
im Burzenland heifst jetzt offiziell Magyaros (das magyarische); 
dazu kam man auf folgendem Umweg: Nufs heifst magyarisch 
mogyorö, daraus wurde Magyaros gemacht und ein echt ma- 
gyarischer Ortsname war fertig! Wie rücksichtslos Heifssporne 



I 



1) Nebenbei bemerkt , beweist dieser Zuruf eine unglaubliche Unkenntnis ; 
die ungarländischen „Sachsen" haben nichts gemein mit denj Königreich Sachsen. 

2) Jedenfalls werden die Magyaren auch aus ihrem Wortschatz jene zahl- 
eichen deutschen Ausdrücke entfernen müssen, die den deutschen Kultureinflufs 

beweisen (Bd. II, S. 348 ff.). Bei den Polen wurde der Vorschlag schon gemacht 
(vgl. oben S. 164). 



343 Die Bedrückung der Deutschen in Ungarn. 

in Ungarn für die Anwendung der magyarischen Namen eintreten, 
lehrt der Fall, dafs vor einigen Jahren die Klausenburger Uni- 
versität eine Zuschrift der Giefsener nicht annahm, weil diese 
nicht den magyarischen Namen Koloszvär angewendet hat. In 
einer Schule beanstandete der Schulinspektor, wenn der deutsche 
Lehrer und Schüler sagte, „die Donau fliefst vor Prefsburg nach 
Ungarn"; es mufs nach des Beamten Auffassung heifsen: „Die 
Duna fliefst vor Pozsony nach Magyarorszäg ". In den offiziellen 
neuesten Ortschaftsverzeichnissen sucht man die Namen Hermann- 
stadt, Kronstadt, Bistritz, Prefsburg, Neusohl u. dgl. vergebens; 
wie störend dies für den mit den magyarischen Namen Unver- 
trauten ist, ergibt sich von selbst. Von magyarischer Seite wird 
freilich behauptet, dafs das Gesetz von 1898 nur gröfsere Sicher- 
heit im Verkehr bezwecke. Die deutschen Namen unbekannterer 
Orte werden zunächst noch neben den magyarischen geduldet. 

Eine der krassesten Verletzungen des Nationalitätengesetzes 
ist es, dafs in Ungarn Beschimpfungen der Deutschen an der 
Tagesordnung sind, ohne dafs dagegen ernstlich eingeschritten 
würde. Die Deutschen sind den Ungarn „Bettler", „zusammen- 
gelaufenes Volk", „Einwanderer, die sich von den Einkünften des 
Landes nähren^), „hundsgeworfene Deutsche" u. dgl. Es gibt 
ein magyarisches Volkslied mit dem Kehrreim „Der Deutsche ist 
ein Hundsfott " ; darin wird auch gewünscht , dafs aus dem Fell 
des Deutschen ein Dudelsack gemacht wird und dafs der Krebs 
ihm Lunge, Leber und Rippen zerfressen soll. In den magyarischen 
Zeitungen der letzten Jahre konnte man über die Deutschen Be- 
merkungen wie folgende lesen: „Man soll sie niederschlagen wie 
einen tollen Hund oder an den ersten besten Baum knüpfen", 
„tollkühne, impertinente Kreaturen", „lumpige Bestien" u. dgl. 
Ein Kossuthblatt beginnt und schliefst am 10. Februar 1903 einen 
Artikel mit den Worten: „Das alte magyarische Sprichwort sagt: 
jeder Hund ist ein Deutscher". In der Budapester „Reform" 
konnte man lesen, dafs die Deutschen „nach Schmarotzerart sich 
mästen an unserem (magyarischen) Leibe und saugen an unserem 
Blute, und keine Ahnung davon haben, wie verabscheuungswürdig 



1) Vgl. oben S. 321. 



Magyarische Kampfweise. 343 

sie sind". Ahnliche Auslassungen findet man auch in tonangeben- 
den Zeitschriften. In der „Ungarischen Revue" charakterisiert 
Paul Hunfalvy den Kampf der siebenbürger Sachsen gegen die 
Reformen Kaiser Josephs „als ein gar klägliches Gejammer", und 
L. Hoffmann spricht die Hoffnung aus, die Magyaren würden die 
Sachsennot wie die Türkennot überstehen : „ Nicht die magyarischen 
Peiniger werden sie (die Sachsen) tödten, ihre eigenen Fehler, ihr 
Blödsinn, ihr Übermut, ihr Grofsdeutschtum, ihr Zweikindersystem 
werden sie langsam aber sicher vom Erdboden vertilgen." 

Ebenso wird die deutsche Sprache als Hundesprache bezeichnet. 
Im ungarischen Parlamente wurde vom „unverschämten Eindringen 
der deutschen Sprache" gesprochen; ein Abgeordneter leistete sich 
das Kraftwort: „der deutschen Sprache die Hundepeitsche ! " Man 
wählt jetzt oft besonders zu den fürs Ausland bestimmten Kund- 
gebungen ostentativ die französische Sprache, um die Gering- 
schätzung der deutschen zum Ausdruck zu bringen. Die Ofen- 
pester Universität versuchte ihre Korrespondenz mit reichsdeutschen 
Universitäten mit Ausschlufs der deutschen Sprache zu besorgen; 
erst als einige Universitäten dagegen Stellung nahmen, erinnerte 
sich die magyarische Universitätsbehörde, dafs sie auch der deut- 
schen Sprache mächtig sei (1910). Schon an früherer Stelle ist 
bemerkt worden, dafs sich die Magyaren trotz ihres Deutschen- 
hasses aus Nützhchkeitsgründen die deutsche Sprache aneignen. 

Aus dem Mitgeteilten läfst sich ersehen, wie sehr die Interessen 
der Deutschen in Ungarn zugunsten der Nationalpolitik, die aus 
allen Nichtmagyaren Magyaren machen will, geschädigt werden ^). 
Die Härte dieser Mafsregeln erfahrt jedoch noch durch andere 
Umstände eine ganz besondere Verschärfung. 

Sz^chenyi, einer der bedeutendsten Männer Ungarns, sagte 
einst; „Gegen die Willkür als solche fühlen die Menschen keine 
Antipathie. Aber was ihnen nicht behagt, sie empört, sie anekelt, 
sie erbittert, wissen Sie, was das ist? Das ist jene Gleisnerei, 
welcher zufolge man den Völkern etwas weifs machen will; wenn 



1) Man vergleiche die Definition der „einheitlichen magyarischen Nation ", 
welche Graf Apponyi in seinem politischen Katechismus für Schulkinder bietet 
(Grofs-Österreich, Wien 1911, Nr. 16). 



344 Magyarische Kampfweiso. 

man ihnen zum Beispiel sagt: ihr habt eine Prefsfreiheit und es 
ist nicht wahr; über euch entscheidet nur das Gesetz und es ist 
nicht so ; man will euere Freiheit nicht schmälern und es geschieht 
das Gegenteil; euere Nationalität wird nicht gefährdet und es ist 
eine Lüge." 

Diese Bemerkung des grofsen Magyaren pafst auf kein Ver- 
hältnis besser, als auf jenes der Deutschen in Ungarn. 

So ist das Nationalitätengesetz mit allen seinen billigen Vor- 
schriften über die Berücksichtigung der nichtmagyarischen Natio- 
nalitäten eine der bittersten Ironien. Während insbesondere der 
Deutsche auf Schritt und Tritt Zurücksetzung und Hafs erfährt, 
nehmen führende Männer der Magyaren keinen Anstand, das rund- 
weg abzuleugnen. So läfst sich in der 1880 zur Verteidigung der 
magyarischen Gewaltherrschaft vor dem Deutsch lesenden Europa 
gegründeten Zeitschrift „Ungarische Revue" der bekannte Gelehrte 
Paul Hunfalvy folgendermafsen vernehmen: „In unserem öffent- 
lichen und Privatleben gibt es gar Vieles, das Tadel verdient, und 
wir selbst sind gar nicht in die eigenen Fehler verliebt. Aber 
einen Hafs gegen das Deutschtum, gegen deutsche Wissenschaft, 
deutsche Tüchtigkeit dürfte doch niemand als Charakterzug weder 
dem öffentlichen noch dem Privatleben in Ungarn vorwerfen." 
In derselben Zeitschrift behauptet Johann Hunfalvy, der Präsident 
der ungarischen geographischen Gesellschaft, folgendes : „ Aber nur 
blinder Hafs oder krasse Unwissenheit kann es behaupten, dafs 
die Magyaren alles Deutsche feindselig verwerfen und dafs sie die 
geistige Brücke, die deutsche Sprache, abbrechen wollen. In allen 
Mittelschulen des Landes, ohne Ausnahme, ist die deutsche Sprache 
und Literatur ein obligater Lehrgegenstand, in keinem nichtdeut- 
schen Lande finden die deutschen Bücher einen verhältnismäfsig 
gröfseren Absatz als in Ungarn. Und selbst die Torheiten des 
Deutschen Schulvereins werden es nicht dahin bringen, dafs man 
die deutsche Sprache aus den Mittelschulen entferne." Und in 
einer ganz neuen Kampfschrift des Grafen Mailäth lesen wir: 
„ Mit Ausnahme der Schweiz gibt es vielleicht keinen zweiten Staat 
in der Welt, der seinen fremdsprachigen Bürgern so viel Freiheiten 
sichern würde, als Ungarn." 

Derartige Erklärungen (zu ihnen zählt auch die oben S. 315 f. 



Magyarische Kampfweise. 345 

erwähnte Berliner Rede Apponyis) gehören zur Taktik der Magyaren, 
die bekanntlich schon bei ihrem ersten Auftreten in Europa ver- 
stellte Flucht und Hinterhalt bei ihrer Kriegführung anwandten. Zur 
Charakteristik dieser auch jetzt angewendeten Kampfmethode möge 
noch folgendes dienen. 

Schon vor Jahrzehnten merkte man, dafs in Ungarn die 
deutsche Sprache bedrängt werde. Als dagegen Stimmen laut 
wurden und der Deutsche Schulverein für die Deutschen in Un- 
garn eintrat, verwiesen die magyarischen Schriftsteller unermüd- 
lich darauf, dafs an ungarischen Mittelschulen die deutsche Sprache 
gelehrt werde. Job. Hunfalvy rief in einem seiner Aufsätze aus: 
„Dafs die deutsche Sprache aus dem Volksleben beseitigt wäre, 
das kann nur ein Mitglied des Deutschen Schul Vereins behaup- 
ten." Die Unaufrichtigkeit in dieser Beweisführung liegt klar 
zutage. Die Magyaren lernen freilich Deutsch, weil sie dessen 
Wert kennen; aber ebenso wahr ist es, dafs sie der Masse der 
Deutschen den Unterricht und den Gebrauch ihrer Sprache zu 
verwehren suchen, um sie zu Magyaren zu machen. Das Höchste 
in dieser Beziehung hat Franz Kossuth vor einigen Jahren in 
Temesvär geleistet. Da sagte er zu den dortigen Deutschen in 
einer öffentlichen Versammlung wörtlich: „Ein jeder halte fest an 
seiner Muttersprache. So wie wir (Magyaren) an unserer Mutter- 
sprache festhalten, so achten wir nur diejenigen hoch, die ihre 
angestammte Muttersprache lieben und sie nicht aussterben lassen." 
Sprachs und verlangte flugs die Verdrängung der deutschen Be- 
fehls-, Regiments-, Unterrichts- und Verkehrssprache beim Heer. 

Als das Interesse Deutschlands für die bedrängten Deutschen 
in Ungarn erwachte, hiefs es in einer offiziellen ungarischen Zeit- 
schrift: „Wem wollen die Herren also in Ungarn zuhilfe eilen? 
Die Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen besitzen eine Presse, 
welche sich einer so vollständigen Freiheit erfreut, wie man 
sie in keinem Lande Europas vollständiger kennt, und wahrlich, 
sie weifs von dieser Freiheit gehörig Gebrauch zu machen ! " Jede 
weitere Bemerkung über diese und ähnliche Ausführungen ist über- 
^flüssig. 

Als zufolge des allgemeinen Entrüstungssturmes die Magyaren 
dem Budapester deutschen Theater 1880 die Konzession wieder 



346 Magyarische Kampf weise. 

erteilten, konnte man in verschiedenen Artikeln der „Ungarischen 
Revue " Bemerkungen wie die folgenden lesen : „ Rasch genug ist also 
der Fehler gutgemacht worden, den die Minorität der Stadtver- 
tretung an einem dies nefastus verübt hat. . . . Wir hier in Buda- 
pest betrachteten diesen Beschlufs der Repräsentanz als eine 
betise, die früher oder später aus dem Wege geschafft werden 
mufs und werden wird.^' In einem Artikel wurde die Sperrung 
gar auf die Feuergefährlichkeit und Baufälligkeit des Gebäudes 
zurückgeführt. Wie diese für das Ausland bestimmten Ausfüh- 
rungen gedacht waren, ergibt sich zur Genüge aus dem weiteren 
Schicksal des deutschen Theaters (oben S. 339 f). 

Übrigens ist es in Ungarn nichts ungewöhnliches, dafs man 
in Schriften, die für das Ausland bestimmt sind, andere Töne an- 
schlägt, als in der Heimat. Dieses Verfahren wird selbst bei wissen- 
schaftlichen magyarischen Werken in ihren deutschen Ausgaben an- 
gewendet. Dies hat beispielsweise der Historiker Marczali-Morgen- 
stern nachweislich in zwei seiner Arbeiten getan, indem er in den 
deutschen Ausgaben „diejenigen Stellen fortliefs, milderte oder 
umgestaltete, in denen er in magyarischer Sprache zur Freude 
seines Leserkreises auf deutsche Wissenschaft und Gelehrte Seiten- 
hiebe führte". 

In einer Kampfschrift gegen Professor Kiepert, der infolge 
eines ehrenrührigen Ausfalles gegen die deutschen Kartographen 
in den Mitteilungen der ungarischen geographischen Gesellschaft 
deren Ehrenmitgliedschaft niederlegte, gab der Präsident der Ge- 
sellschaft Joh. Hunfalvy zu: „In Spezial werken, besonders in 
enzyklopädischen Werken und Ortslexikons ist es nützlich, ja 
notwendig, neben den offiziellen und allgemein gültigen Ortsnamen 
auch diejenigen anzuführen, die als Nebennamen bei einem oder 
dem anderen Volksstamm faktisch im Gebrauch sind und eine 
lokale Bedeutung haben." Wie sehr verschieden von dieser für 
die deutsche Lesewelt abgegebenen Erklärung ist aber die Praxis 
in Ungarn! 

Schliefslich sei nur noch zur Charakteristik der ungarischen 
Kampfweise erwähnt, dafs man das beliebte Schimpfwort „Deut- 
scher Hundsfott" damit vor den Reichsdeutschen zu beschönigen 
sucht, dafs darunter immer nur der deutsche Österreicher gemeint 



Lage d. Deutschen in Kroatien. Gründe d. Deutschenbasses d. Magyaren. 347 

sei. Und S. Radö behauptet in seiner in Berlin erschienenen Schrift, 
die trotz der Versicherung im Vorwort jedenfalls von der un- 
garischen Regierung veranlafst ist, dafs das magyarische Lehnwort 
hunczut nicht die schimpfliche Bedeutung von Hundsfott habe. 
Mit solchen Mitteln glaubt man die Reichsdeutschen für sich zu 
-gewinnen ! 

So viel über die Bedrängnis der Deutschen in Ungarn. Etwas 
besser steht es in dieser Beziehung in Kroatien-Slawonien. Die 
deutsche Sprache wird hier mehr geduldet, und die Rechte der Deut- 
schen werden weniger geschädigt. Doch ist dies nicht so sehr der 
-Zuneigung zum Deutschtum zuzuschreiben, als der verhältnismäfsig 
stärkeren Position der Deutschen, die hier im Kampfe gegen die 
-Slawen auch von den Magyaren unterstützt werden. Deutsche 
und Magyaren gelten den Kroaten in gleicher Weise als „ Fremd- 
linge ". 

Die Gründe des Hasses gegen die Deutschen sind mancherlei 
Art und liegen weit zurück. Die älteren ungarischen Könige riefen 
Deutsche ins Land, um sich auf sie gegen ihre zu Aufruhr ge- 
neigten Untertanen zu stützen; sie verliehen ihnen Land und Frei- 
heiten; durch ihr Wissen und ihren Fleifs gewannen die „Gäste" 
Ansehen, Einflufs und Vermögen. Das alles erregte die Ab- 
neigung und den Hafs gegen sie. Dieser Gegensatz wuchs, als 
die deutschen Habsburger sich in den Besitz Ungarns setzten, er 
hat durch die Germanisationsbestrebungen Josephs H. und schliefs- 
lich durch den Versuch der Errichtung einer österreichischen Ge- 
samtmonarchie, in der Ungarn anderen Provinzen gleichgestellt 
werden sollte, neue Nahrung erhalten. Da die Träger der habs- 
burgischen Gesamtstaatsidee überwiegend deutsche Beamte und 
.Soldaten waren, so kehrte sich der Hafs gegen die Deutschen. 
Wie ungemessen der Hafs gegen die Österreichische Herrschaft ist, 
geht daraus hervor, dafs z. B. Szentkläray, Mitglied der ungarischen 
Akademie der Wissenschaften, in einer vor einigen Jahren er- 
schienenen Schrift behauptet, dafs die 164jährige türkische Herr- 
schaft im Banat nicht so verhängnisvoll war, wie die österreichische 
Herrschaft von 1716 bis 1779! Man traut seinen Augen nicht, 
wenn man in wissenschaftlichen Arbeiten derartige Behauptungen 
liest. 



348 Gründe des Deutsehenhasses der Magyaren. 

Ein weiterer Grund der Abneigung gegen das Deutschtum ist 
die Furcht vor demselben. „Der tiefste Grund des Hasses gegen 
das Deutschtum liegt in der Kulturmacht des deutschen Geistes/^ 
Die oben erwähnte ungerechte Verurteilung des Temesvärer Schrift- 
stellers Orendi-Hommenau erfolgte blofs, weil er in ruhiger Weise 
die Vorzüge des deutschen Charakters geschildert hatte. Der 
Staatsanwalt mufste selbst zugeben, dafs der Artikel keine Auf- 
reizung gegen die Magyaren enthielt; aber er fühlte doch durch 
die Schilderung der Deutschen sein Volk zurückgesetzt und bat 
die Geschworenen, „im Namen der als minderwertig hingestellten 
Magyaren den Angeklagten schuldig zu sprechen". Und die Ge- 
schworenen kamen dieser Bitte willfährig nach. 

Verwandt mit dieser Scheu vor deutscher Tatkraft ist die 
Anklage, dafs die ungarländischen Deutschen pangermanischen 
Bestrebungen huldigen und eine Zerschlagung Ungarns planen. 
Die Magyaren sind sich dessen bewufst, dafs ihre Unduldsamkeit 
gegen die anderen ungarländischen Nationalitäten geeignet ist, diese 
in die Arme ihrer Stammesgenossen jenseits der Grenzen zu treiben. 
Bezüglich der Deutschen traut diese Annahme ihnen geradezu unglaub- 
liches zu, denn für eine Anlehnung an das Deutsche Reich fehlt 
die geographische Vorbedingung. Aber nicht einmal eine Verbin- 
dung Westungarns mit Osterreich kann anstrebenswert erscheinen^ 
weil dadurch das übrige Deutschtum in Ungarn geschwächt würde. 
Die Deutschen Ungarns erklärten übrigens feierlich, dafs pan- 
germanische Ideen ihnen völlig fremd seien ; sie wollen gute 
ungarische Staatsbürger sein, aber ebenfo auch deutsch bleiben i). 
In neuerer Zeit bezeichnen die Magyaren freilich auch die „Kon- 
solidierung des eigenen (deutschen) Volkes gegen die herrschende 
magyarische Nation" als „ Gefühls -Pangermanismus". Da ist ihnen 
freilich nicht zu helfen! 

Dazu kommt der grundverschiedene Charakter beider Nationen. 
Dem Magyaren, vor allem dem Adeligen, ist der deutsche Bauer 



1) Leider scheint die Erkenntnis, dafs man guter ungarischer Staatshürger 
sein kann, ohne Magyare zu werden, noch immer nicht Geraeingut aller Deut- 
schen in Ungarn geworden zu sein. Die Magyaren geben sich eben alle Mühe, 
den politischen Begriff der ungarischen Nation (= alle Staatsbürger Ungarns) 
mit dem ethnographischen der magyarischen Nation zu verwirren. 



Gründe des Deutschenbasses der Magyaren. 349 

und Bürger durch seinen Fleifs, der deutsche Gelehrte durch seine 
Pedanterie, der deutsche Beamte durch seinen Diensteifer und seine 
Unparteilichkeit verhafst. Der Magyare besitzt ungemessenen 
Stolz und setzt sich und sein Volkstum über alles; er verachtet 
deshalb nicht nur den Deutschen, sondern ebenso die anderen Mit- 
wohner. 

Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, dafs die Deut- 
schen zum Teil selbst an der Mifsachtung durch die Magyaren Schuld 
tragen. Einem selbstbewufsten Volke flöfsen nur Gleichgeartete 
Achtung ein. Nun ist es leider wahr, dafs ein Teil der ungar- 
ländischen Deutschen sich an der Ehre seines Volkstums schwer 
versündigt hat und dem Magyaren daher Anlafs zur Minder- 
bewertung gab. Unter den deutschen Bürgern ist schon frühzeitig 
starkes Anschmiegen ans Magyarentum nachweisbar, wobei freilich 
zu berücksichtigen ist, dafs der Handwerker und Kaufmann seiner 
Kundschaft entgegenkommen mufs. Auch darf man nicht ver- 
gessen, dafs viele Deutsche der Hafs gegen die absolute Herrschaft 
ins Lager der Magyaren trieb, die die freiheitlichen Ideen zu ver- 
treten schienen. Davon liefs sich vor allem die Jugend blenden, 
auf die die Schule, die Tagesliteratur, die Gesellschaft, das unge- 
wohnte Pathos und der Glanz der Reden in Vereinen und Versamm- 
lungen stark einwirkte. In ihrer politischen Zerfahrenheit hat der 
Grofsteil der ungarländischen Deutschen, besonders in neuerer Zeit, 
eine klägliche Rolle gespielt; auch deutsche Stimmen urteilen 
darüber sehr abfallig. So erzählt Max Schlesinger im Jahre 1850: 
„Der Prefsburger Bürger war seit einer Reihe von Jahren ultra- 
magyarisch, mochte es nicht leiden, dafs seine Kinder anders als 
magyarisch sprachen, trug einen Rock mit Schnüren vorn und 
hinten. . . . Deutsche Bürger setzten magyarische Schilder über ihre 
Kramläden, klebten magyarische Namen an die Strafsenecken. . . . 
Der deutsche Städtebürger wufste nichts besseres zu tun als Eljen 
zu schreien, wenn der Schatten von Kossuths Kaipak (Mütze) um die 
Ecke bog, und schwarzgelbe Fahnen aufzustecken, wenn ein öster- 
reichischer Korporal mit sechs Mann am Horizont seines Weich- 
bildes erschien." Ein trauriges Zeichen des geringen völkischen 
Bewufstseins sind ferner die seit Jahrzehnten erfolgenden Namens- 
änderungen. Einzelnen genügt es, die magyarische Schreibweise an- 



350 Gründe des Deutschenhasses der Magyaren. 

zunehmen; so wurde aus Henselmann ein Henszelman, aas Sonntag- 
ein Szontägh, aus Schulz ein Sulcz u. dgl. Die meisten übersetzten 
ihren Namen ins Magyarische oder änderten ihn so, dafs er nicht 
mehr erkenntlich ist. So hiefs, um zunächst einige Politiker zu- 
nennen, der einstige Präsident der Kossuthpartei Iranyi ursprüng- 
lich Halbschuh; der Präsident der Ugronpartei Szederkenyi hiefs 
Schönnagel und der gröfste Schreier dieser Partei Csatar hatte 
den gut deutschen Namen Löffelholer; der gewesene Ackerbau-, 
minister Daranyi nannte sich früher Grieskorn, der Abgeordnete 
Endrei — Engel, der Abgeordnete Gajari — Bettelheim. Ebensa 
finden sich solche magyarisierte Deutsche unter den Schrift- 
stellern und Künstlern: die bekannten Gelehrten Paul und Jo- 
hann Hunfalvy waren Zipser Deutsche und hiefsen Hundsdorfer, 
der Kulturhistoriker Ipolyi — Stummer, der Literaturhistoriker 
Toldy — Schedel, der Maler Munkacsy — Lieb, die Malerin 
Vilma Parlaghy — Brachfeld usw. Bekannt ist, dafs der Minister- 
präsident Wekerle ein Sohn schwäbischer Eltern ist. Die Kos- 
suthistische Partei zählte 1906 zu ihren Mitgliedern unter anderen 
folgende Abgeordnete: Beck, Ebner, Eitner, Fernbach, Günther, 
Hammersberg, Hentaller, Hermann, Hilbert, Hinleder, Hirtenstein, 
Keller, Mahler, Pleininger, Rath, Steiner, Weber, Ziegler. Dazu 
kommen die feilen deutschen Pfarrer und Lehrer, die sich des 
deutschen Vaternamens schämen und willige Werkzeuge der Ma- 
gyarisierung sind. Überläufer werden geduldet, aber nicht ge- 
achtet. Die neu einwandernden Reichsdeutschen sind nach ihrem 
eigenen Geständnisse an den nationalen Kampf nicht gewöhnt; sie 
sind in diesem Sinne nicht genügend völkisch erzogen und in der 
Selbsthilfe unerfahren. Daher stehen sie ratlos da. Aufserdem 
scheuen sie sich ihre Geschäfte zu schädigen. Sie machen daher 
leider im allgemeinen keinen guten Eindruck. 

Die Bedrückung des Deutschtums hat glücklicherweise das 
völkische Bewufstsein wachgerufen und gestärkt. Den wirtschaft- 
lichen und sozialen Kampf führten die Deutschen in Ungarn seit 
Jahrhunderten; die nationale Bewegung konnte erst entstehen, als 
die Angriffe gegen das Volkstum und die Sprache eintraten. Die 
völkische Bewegung ist überhaupt nicht alt und die deutschnationale 
wohl die jüngste. 



Deutschvölkisclie Bewegung und Schutzarbeit. 351 

Von einem völkischen Bewufstsein findet man bei den Deut- 
schen des eigentlichen Ungarns im 18. Jahrhundert nur ge- 
ringe Spuren. Vereinzelt begegnen uns aber Männer von hervor- 
ragend deutscher Gesinnung. Zu diesen zählt vor allem der 1772 
im Säroser Komitate geborene und in der Zips erzogene Samuel 
Bredetzky, der spätere evangelische Superintendent Galiziens, dessen 
Schriften warme Liebe für sein Volk und dessen Sprache dartun. 

Vor allem war das deutsche Volksbewufstsein aber bei den 
Sachsen Siebenbürgens nicht erstorben. „Fidem genusque ser- 
vabo" (ich will meinem Glauben und meinem Volkstum treu bleiben) 
war der Wahlspruch Samuel von Brukenthals, des bedeutendsten 
Sachsen im 18. Jahrhundert. Als infolge der übereilten Germa- 
nisationsbestrebungen Kaiser Josephs das Nationalgefühl bei den 
Magyaren auflebte, wirkte dies auch auf die Sachsen ein. Die 
Zurückweisung der Union Siebenbürgens mit Ungarn (1790/91) 
geschah unter starker Betonung des sächsischen Standpunktes. 
Als sich nämlich die Magyaren wegen eines in deutscher Sprache 
abgefafsten Hofreskriptes beschwerten, erhoben die Sachsen dagegen 
kräftigen Widerspruch und zwar mit der Begründung, „weil sie 
ansonsten ihrer eigenen Muttersprache widersprechen müfsten". 
Darauf rief ihnen ein magyarischer Deputierter zu: „So gehen Sie 
nach Deutschland !" 1) Auch in den folgenden „stillen Jahren", 
einer sonst wenig regsamen Zeit, ging dieses Gefühl nicht verloren. 
Die Sorge um das Sein und Nichtsein des deutschen Volkes in 
der Zeit der Befreiungskriege, der Jubel über den endlichen Sieg 
hat auch das deutsche Gefühl der Sachsen gestärkt. Seit 1830 
begann dieses sich stärker zu regen, so dafs überall „neues Leben" 
sich kundtat. Auf dem Landtage von 1841 vertraten die sächsi- 
schen Abgeordneten mutig das Recht ihrer deutschen Sprache im 
öffentlichen Leben. In dem damals entbrannten Sprachenkampfe 
forderten sie völlige Gleichberechtigung für die deutsche Sprache 
unter den Magyaren. Der Pfarrer Roth trat damals mit einer 
Schrift „Der Sprachenkampf in Siebenbürgen" (1842) für sein 
Volk in die Schranken; die prächtige Abhandlung ist noch jetzt 



1) Wie man sieht, ist dieses auch jetzt vorkommende Manöver (s. obea 
S. 341) nicht neu. 



^02 Deutsch völkische Bewegung und Schutzarbeit. 

lesenswert. Wie kräftig der Verfasser das Wort führte, dafür 
spricht der Umstand, dafs diese Schrift zunächst jenen Hafs der 
Magyaren hervorrief, der ihrem Verfasser 1849 sein Todesurteil 
sprach. Das war die Zeit, wo Geltchs „Liederbuch der Sieben- 
bürger Sachsen" erschien, in dem es „von Zweig zu Zweig vom 
Deutschtum und immer wieder vom Deutschtum hallte". Hier 
ruft der Dichter den Sachsen schon die Worte zu: „Ja auch ihr 
seid Hermanns Sohne !^' Dieser Geist führte 1848 zur Gründung 
des Jugendbundes der sächsischen Jünglinge, dessen Zweck die 
Belebung und Kräftigung einer zeitgemäfsen volkstümlichen Ent- 
wicklung der Sachsen war. Welche Begeisterung in vielen dieser 
Jünglinge aufflammte, das zeigt das Beispiel eines Theodor Fabini, 
der später anfangs 1849 den Heldentod für seinen Kaiser starb. 
Die Aufserung der nationalen Idee fand ihren Ausdruck aber auch 
in der Schöpfung des landeskundlichen Vereins (1841) und in der 
Pflege des deutschen Schulwesens. Am 22. August 1850 widmete z. B. 
die Nationaluniversität aus den Erträgnissen ihres Vermögens jähr- 
lich 50000 Gulden für Schulzwecke, davon 25 000 für die fünf 
vollständigen Gymnasien, 7000 für Seminarien und 8000 für Haupt- 
volksschulen. Die folgende kurze österreichische Herrschaft ge- 
fährdete nicht das Deutschtum und deshalb tritt die nationale Idee 
wieder zurück. Erst die Gefahr der magyarischen Verwaltung hat 
sie von neuem stärker aufleben lassen. Die Debatten über die 
Zertrümmerung des Königsbodens (1876), über die Einführung des 
Magyarischen in alle Volksschulen (1879) und über das Mittel- 
schulgesetz (1883) zeigen wieder das Aufflammen nationaler Be- 
geisterung. 

Die Gewaltherrschaft seit 1867 hat auch allmählich im eigent- 
lichen Ungarn und in Kroatien die nationale Bewegung hervor- 
gerufen; sie ist freilich nicht in allen Landesteilen gleich stark. 

Am geringsten ist das nationale Bewufstsein in Nordungarn. 
Das Deutschtum ist hier infolge der langen ungünstigen Entwick- 
lung zu schwach und völlig willenlos. Von einem Widerstände, 
«inem nationalen Verein u. dgl. ist hier keine Spur zu finden; 
kaum dafs die Magyarisierung der Ortsnamen als überflüssig be- 
zeichnet wurde. Infolge des magyarisierten Schulwesens spricht 
die Jugend oft schon magyarisch, während Eltern und Grofseltern 



Deutschvölkische Bewegung und Schutzarbeit. 353 

sich noch der deutschen Sprache bedienen. Man spricht aber noch 
weit mehr deutsch, als der Fremde etwa aus den magyarischen 
Strafsennamen, Ankündigungen, Ladenschildern u. dgl. einer Zipser 
Stadt schliefsen würde. Horcht er auf das Gespräch der Vorüber- 
gehenden, tritt er in die Läden, ins Gasthaus, fahrt er im Eisen- 
bahnwagen, so hört er stets den deutschen Laut. Man wird auch 
noch die Auskunft erhalten: „Käsmark ist eine deutsche Stadt", 
„in Iglö (Neudorf) und hier überall wird viel deutsch gesprochen ''; 
wenn man aber die Frage stellt: „Warum denn die magyarischen 
Aufschriften?^' so heifst es: „Das ist in Ungarn schon so." Aus 
dieser Bemerkung spricht eine ganz hoffnungslose Ergebung ins 
Schicksal. Deshalb nennen sich die Deutschen hier: Krausz Istvan, 
Arpad Gretzmacher, Gesa Payer u. dgl. Darum kann man in 
einem der wenigen deutschen Blätter der Zips Bemerkungen wie 
folgende lesen : „ Den edlen Leitern des Festes, die auch im Dienste 
der Magyarisierung vieles tun, den besten Erfolg ! " ^) So hat auch 
Dr. Bela Forberger dem anfangs August 1909 in Käsmark statt- 
gefundenen Kongresse der Zipser in einer magyarisch geschriebenen 
Schrift den Vorschlag gemacht, blofs für die Erhaltung des Deutsch- 
tums in den Dörfern zu sorgen, dagegen die Städte zum Schutze 
gegen das Slawentum zu magyarisieren. Die Zipser Deutschen 
sind eben nicht imstande, der magyarischen Gewalt und der slawi- 
schen Masse zu widerstehen; deshalb schliefsen sie sich an die 
Magyaren an. Betont mufs werden, dafs den Zipser Deutschen 
Arbeitstüchtigkeit und Bildungsfreudigkeit nicht abgeht. Wie in 
früherer Zeit zeichnen sich die Zipser auch gegenwärtig durch ihre 
Vorliebe zum Studium aus; da sie aber dann auf dem engen 
Räume ihres Komitats keine Anstellung finden, verlassen sie die 
Heimat ; so sinkt nicht nur das Zipser Deutschtum der Zahl nach, 
sondern es gehen dem Volke auch tüchtige Köpfe verloren: dafs 
die beiden Hundsdorf er - Hunfalvy geschätzte ungarische Gelehrte 
wurden, brachte ihren Stammesgenossen keine Förderung. Da 
ferner viele Zipser des Erwerbs halber nach Amerika auswan- 

1) An deutschen Zeitungen erscheinen gegenwärtig in der Zips nur die 
„ Karpathenpost " (Käsmark) und „Evangelischer Glaubensbote" (Sträzsa). Der 
„Zipser Bote" ist ma^arisch geworden. 

Kaindl, Gesch. d. Deutschen i.d. Karpath. IIL 23 



354 Deutschvölkische Bewegung und Schutzarbeit. 

dem, so rücken an ihre Stelle Slawen. Die Bemühungen der 
Zipser um die Geschichte ihrer Heimat sind sehr anerkennenswert; 
aber auch in ihren historischen Schriften kommt keine nationale 
Begeisterung zum Ausdruck. So preist z. B. der verdienstvolle 
S. Weber in seinen „Zipser Geschichts- und Zeitbildern" alle 
bürgerlichen Tugenden seines Volkes, aber den völkischen Stand- 
punkt betont er kaum. Dafür werden die Zipser Deutschen von 
den Magyaren als „wackere Ungarn deutscher Abstammung" 
gepriesen. Ob das im übrigen Ungarn und im benachbarten 
Galizien erwachte nationale Leben schliefslich auch die Zips er- 
fassen wird, ist abzuwarten. Der „Verein der christlichen Deut- 
schen in Galizien " versucht in diesem Sinne zu wirken ^). 

Neben den nordungarischen Deutschen leisten jene in West- 
und Mittelungarn der Magyarisierung den geringsten Wider- 
stand, und zwar gilt dies wie übrigens überall unter ähnlichen 
Verhältnissen vor allem von der städtischen Bevölkerung. Aber 
auch in den westungarischen Städten ist das Deutschtum noch 
stärker eingewurzelt, als es die zur Schau getragene Magyaren- 
tümelei vermuten läfst. So ist Prefsburg trotz allem noch immer 
eine „Vorstadt Wiens ", ein „deutsches Nest". Vor einigen Jahren 
war darüber in einem Kossuthblatte eine bewegliche Klage zu 
lesen: „Seit etwa zehn Jahren lieben es die Prefsburger von sich 
zu verkünden, dafs sie sich im Sturm magyarisieren. Weifs Gott^ 
in einzelnen Aufserlichkeiten ist auch ein Fortschritt auf diesem 
Gebiete geschehen. Dank dafür jener Handvoll begeisterter Pa- 
trioten, die für die heiUge Sache des Magyarentums einen Titanen- 
kampf führen. Aber im Innern ihrer Seele sind die Prefsburger 
Kraxelhuber auch heute noch verstockte Deutsche, die ihr Herz 



1) Im Jahre 1910 meldete „Die Karpathenpost " (Käsmark), dafs Herr Jo- 
hann Kobialka den Gymnasien in Käsmark und Iglo (Neudorf) Stiftungen von 
je 1(X)0 Kronen zukommen liefs, deren Zinsen jährlich einem braven floifsigen 
Schüler zufallen sollen, „der in der deutschen Sprache vorzügliche Fortschritte 
aufweist ". Ob die Beweggründe dieser schönen Tat völkisch waren, ist nicht be- 
kannt; jedenfalls ist die Stiftung für das Deutschtum höchst wertvoll. Als 
traurige Folge der Entdeutschung der Zipser Städte meldeten die Zeitungen an- 
fangs 1911, dafs die bisherige Stadt Lublau zu einer einfachen Gemeinde herab- 
gesetzt wurde. 



Deutschvölkische Bewegung und Schutzarbeit. 355 

nicht nach Ofenpest, sondern nach Wien zieht." Erwähnt wurde 
schon früher, dafs die Prefsburger und Odenburger sich für ihr 
deutsches Theater mit grofser Entschiedenheit einsetzten. Es 
schlummert also doch noch in diesen Deutschen das Bewufstsein 
nationaler Pflicht. In ihrer Geschlossenheit, besonders auf dem Lande, 
kommen sie mit magyarischen Elementen so wenig in Berührung, 
dafs der Gegensatz völkischen Bewufstseins noch nicht zur vollen 
Geltung kommen konnte : sie empfinden noch zu wenig die Gefahr 
der Magyarisierungspolitik. Argen Schaden richten die magyari- 
sierten Schulen an. Aber es regt sich auch hier der bessere Geist. 
So hat 1908 Heiligenkreuz bei St. Gotthard an der Raab die 
Wiedereinführung der deutschen Verhandlungssprache nach dem 
Nationalitätengesetze von 1868 beschlossen; es ist die erste Ge- 
meinde im Eisenburger Komitat, in der der Kampf um die deutsche 
Verhandlungssprache aufgenommen wurde. Gegen die Magyari- 
sierung der ungarländischen Deutschen erhob im Sommer 1909 
der Prefsburger „Westungarische Grenzbote", ein sonst nicht 
national gesinntes Blatt, scharfen Protest; vor allem wird die Schul- 
politik verdammt: „Das macht böses Blut! Das peitscht die Leute 
auf! Von überall vernimmt man Klagen." Schon fafst die ungar- 
ländische deutsche Volkspartei in Westungarn Boden. Auch 
in Mittelungarn beginnt sich die Liebe zur deutschen Muttersprache 
zu regen; die Schulgesetze haben, wenn man einzelnen Berichten 
glauben darf, auch hier viel Mifsmut erweckt. In Budapest ist- 
bisher nichts von einer nationalen Bewegung zu merken. Selbst 
den hier zahlreich angesiedelten Reichsdeutschen sagt man nach, 
dafs sie sich geschäftlich zu schädigen fürchten, wenn sie nicht 
ihre Kinder über Nacht zu Stockmagyaren erzögen. 

Sehr erfreulich hat sich die völkische Bewegung bei den 
Schwaben in Südungarn entwickelt. Lang schienen sie den 
Magyaren ungefährlich und wurden von diesen wie die Zipser 
deshalb gelobt; aber sie hatten sich in den „braven" Leuten 
getäuscht. Aus Schwabenmund soll man oft die Worte hören: 
„Wir erwachen langsam, man kann uns lang reizen; aber 
wo wir dann einmal drein haun, da wächst kein Gras." Tat- 
sächlich hat sich die Bewegung in Südungam sturmartig entwickelt. 
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hörte man nichts von einer 



Deutschvölkische Bewegung und Schutzarbeit. 

politischen Betätigung der Schwaben; sie liefsen sich ihre deutschen 
Schulen nehmen, duldeten den Druck, entzogen sich ihm höchstens 
durch Auswanderung. Dann aber wui'de 1900 in Temesvär das 
„Deutsche Tagblatt für Ungarn" begründet, das als „Deutsch- 
ungarischer Volksfreund" weiter fortbesteht. Hierauf wurde 1904 
in Ruma das „ Deutsche Volksblatt für Syrmien " gegründet ; und 
im Oktober desselben Jahres versammelten sich im genannten Orte, 
den man mit Recht als eine Hochburg des Deutschtums in Sla- 
wonien bezeichnen kann, deutsche Hochschüler, Bürger und Bauern 
und hielten eine vertrauliche Versammlung, die die Polizei vergebens 
zu verhindern gesucht hatte. Man beriet über die Erhaltung der 
deutschen Schule, Gründung von Volksbüchereien, Schaffung und 
Unterstützung einer nationalen Presse, sowie über gemeinsame 
politische und wirtschaftliche Organisation, Darauf wurde anfangs 
1907 die „Ungarländische deutsche Yolkspartei" zur Wahrung 
der bedrohten materiellen und geistigen Interessen geschaffen, die 
in kurzer Zeit 8000 Mitglieder zählte und die man schon im Ent- 
stehen so fürchtete, dafs man ihr jede Versammlung unmöglich 
machte. Und diese Entwicklung vollzog sich trotz alles Geschreies 
über die „pangermanische" Bewegung, trotz der Deutschenhetze, 
an der Politiker, Parlamentarier und Journalisten Anteil hatten, 
und trotz der unerhörtesten Vergewaltigung der deutschen Re- 
dakteure. Dem Herausgeber der Grofs-Kikindaer Zeitung, Arthur 
Korn, ist sein Gedicht „Gedenke, dafs du ein Deutscher bist" mit 
Ausweisung auf ewige Zeiten belohnt worden. Übrigens mufste 
Ministerpräsident Wekerle in Beantwortung einer Interpellation im 
ungarischen Parlament feststellen, „dafs die pangermanischen 
Bestrebungen Phantasien seien, vor denen man sich nicht zu 
fürchten brauche". Da sich trotz aller Hindernisse die deutschvöl- 
kische Bewegung in Südungam ausbreitete, griff man zu einem 
anderen Mittel. Wie seinerzeit gegen den Schul verein ^), so ver- 
anstaltete man jetzt Versammlungen, in denen sich zusammengetrom- 
melte Deutsche gegen die Bewegung aussprechen sollten. Graf 
Apponyi, der damals Unterrichtsminister war, suchte die Leute 
durch seine glänzende Beredsamkeit irre zu führen. Ein Mit- 



1) Vgl. unten S.. 363. 



1 



Deutschvölkische Bewegung und Schutzarbeit. 357 

glied der Volkspartei, das den Mut besafs, dem mächtigen Manne 
auf seine Anwürfe antworten zu wollen, erhielt das Wort nicht. 
Trotzdem liefsen sich die Schwaben nicht zu einer flammenden 
Verurteilung der Deutschen Volkspartei herbei, die bezweckt 
wurde, sondern sie antworteten mit einem einstimmig angenom- 
menen Antrage, der die wesentlichen Punkte des Programms 
der Partei enthielt. Entsprechend diesem neu erwachten Leben 
begann ein lebhafter Kampf gegen die weitere Magyarisierung der 
Schulen; in verschiedenen Gemeinden will man deshalb von 
weiterer Verstaatlichung der Gemeindeschulen nichts wissen. Der 
Ruf nach deutscher Unterrichtssprache in den Schulen und deutscher 
Verhandlungs- sowie Protokollsprache in den Gemeinden wird 
immer lauter; auch der Geistlichkeit gegenüber wird die billige 
Forderung nach deutscher Predigt und deutschem Kirchenlied 
allmählich zur Geltung gebracht. Da sich die schwäbischen 
Hochschüler national zu regen beginnen, darf man hoffen, dafs die 
Schwaben Südungarns fortan nicht mehr ihre Intelligenz an die 
Magyaren verlieren werden. Dies war hier wie in anderen Teilen 
Ungarns ein Krebsschaden; während der bäuerliche Grundstock 
der Schwaben gegenüber den umwohnenden Serben und Rumänen 
an Zahl und Boden gewann, mufsten sie den Schmerz beklagen, dafs 
ihre eigenen Kinder, soweit sie höhere Schulen besuchten, sich oft 
gegen sie wandten. Erfolgreich vertreten jetzt diese Deutschen 
auch ihre Interessen bei den Gemeindewahlen ; ebenso schicken sie 
sich an, den ihnen gebührenden Platz im ungarischen Reichstag 
und im kroatischen Landtage zu erringen. Echt deutsches Leben 
beweisen ferner die an Zahl zunehmenden Gesangs- und Turn- 
vereine; aus den Berichten über die Turnfeste sprüht echt deutscher 
Geist, und man merkt es, dafs man es mit einer Bewegung zu 
tun hat, die aus dem Herzen des deutschen Volkes kommt. „Heil 
Jünger Jahns, deutsche Art in Ewigkeit stets treu gewahrt" ruft 
ein einheimischer Sänger den Turnern von Semlin und Ruma zu. 
Überaus warm und kräftig sind auch die Töne, welche das 
„Deutsche Volksblatt für Syrmien" und „Der deutschungarische 
Volksfreund" anschlagen. Hier als Probe einige Sätze aus dem 
Leitartikel des ersteren Blattes vom 24. Juli 1909: „Und trotz 
alledem und alledem bleibt der Deutschenhafs und die Deutschen- 



358 Entwicklung völkischer Beziehungen zwischen Sachsen u. Schwaben. 

Verfolgung in Ungarn auf der Tagesordnung, man will diesem an- 
erkannt tüchtigen Volke, diesen guten Patrioten ihr Heiligstes mit 
Gewalt entreifsen, man will ihnen ihre teuere Muttersprache, ihre 
deutschen Schulen und ihre völkische Eigenart rauben, man will 
sie einfach von der Bildfläche verschwinden machen. In Ungarn 
soll es fortan keine Deutschen mehr geben, man will einfach das- 
jenige vernichten, was zur Kräftigung und Stärkung dieses Staates 
am meisten beigetragen hat. Aber dieser Vernichtungsdrang wird 
für alle Zukunft nur ein Hirngespinst bleiben, denn fest ist des 
Deutschen Faust und fest und unerschüttert ist des Deutschen 
Glaube an sein Volkstum. Die Chauvinisten in Ungarn mögen 
noch so viel vergewaltigen, drangsalieren und unterdrücken, das 
»deutsche Wesen werden sie nicht imstande sein gänzlich zu ver- 
mischen, es wird und mufs für die bedrängten Deutschen — un- 
geachtet der , mächtigen^ Vizegespane — auch ein Morgenrot 
dämmern, und zwar vielleicht gar bald!" 

So entwickelt sich in Ungarn eine verheifsungsvoUe deutsche 
Bewegung, von der man hoffen darf, dafs sie sich stets weiter aus- 
breiten wird. Zu bedauern ist nur, dafs bisher die Sachsen Sieben- 
bürgens noch eine Sonderstellung einnehmen. Sie hoffen noch 
immer, die Reste ihrer alten Rechte durch Anschlufs an die Re- 
gierung zu bewahren; auch ist ihre Stellung zwischen Magyaren 
und Rumänen so schwierig, dafs sie wohl den Kampf nach zwei 
Seiten nicht aufnehmen können. Dazu kommt, dafs die Sachsen 
erst seit 1876, da ihr Gebiet vollständig der allgemeinen un- 
garischen Verwaltung angeglichen wurde, aus ihrer Isolierung 
heraustraten; bis dahin schieden sie ihre Sonderrechte völlig von 
anderen Deutschen Ungarns. Vergessen darf man nicht, dafs 
die ungarische Regierung seit dem Beginne der konstitutionellen 
Ära die Sachsen stets mit besonderer Aufmerksamkeit für die 
ungarische Staatsidee zu gewinnen suchte. Ihnen wurden kluge 
Obergespane geschickt, die durch ihr persönlich konziliantes Wesen 
auf die führenden Männer unter den Sachsen Eindruck machten. 
Auch an schönen Versprechungen liefs man es nicht fehlen. „Ein- 
mal war der Kaufpreis für den Anschlufs an die Regierungspartei 
Staatshilfe für die autonome sächsische Schule und Kirche — ein 
Regierungswechsel liefs dann alle Hoffnungen zuschanden werden 



Entwicklung völkischer Beziehungen zwischen Sachsen u. Schwaben. 359 

ein andermal, viele Jahre lang, wa- es wieder die Aussicht auf 
Zuerkennung des Verfugungsrechtes über das Nationalvermögen 
der sächsischen Universität, womit man sich das Schweigen der 
sächsischen Abgeordneten zu erkaufen suchte. Und so kam es, 
dafs Männer, denen es an Mut nicht gebrach, trotzdem einer weit- 
gehenden parlamentarischen Opportunitätspolitik das Wort redeten, 
weil sie in lauterster Absicht und zugleich im wohlverstandenen 
Staatsinteresse handelnd den kulturellen Besitz erhalten und mehren 
wollten." Am 31. März 1911 hielt der frühere Sekretär des un- 
garischen Handelsministeriums, Josef Szterenyi, eine überaus sachsen- 
freundliche Rede: Die deutschen Zeitungen bemerken dazu sehr 
treffend, dafs die Magyaren dadurch nur solange die Sachsen an 
sich zu fesseln suchen, bis die Bauern in Süd- und Westungarn 
entdeutscht sein würden; die Sachsen allein könnten dann der 
magyarischen Vorherrschaft in Ungarn nicht mehr widerstehen. 
Aber es mehren sich die Anzeichen, dafs sich zwischen Sachsen 
und Schwaben nähere Beziehungen entwickeln. So wurde z. B. 
1907 ein Hilfgesuch um Gaben für die durch Überschwem- 
mung heimgesuchte Gemeinde Rudolfsgnad im Banat auch von 
den siebenbürgischen Vereinen in Wien unterschrieben. Der 
„Verein der Siebenbürger Sachsen in Berlin" änderte 1909 seinen 
Namen in „Verein der Deutschen aus Ungarn". An der Aus- 
sprache darüber nahmen Deutsche aus Südungarn Anteil, und es 
wurde der Wunsch ausgesprochen, „dafs auch zu Hause in unserem 
Vaterlande die Deutschen verschiedener Gegend zusammenstehen 
zur Wahrung ihrer Kultur". Ebenso verschmolz 1909/10 der 
„Verein der siebenbürgisch- sächsischen Hochschüler in Wien" mit 
der „Vereinigung deutscher Hochschüler aus den Ländern der un- 
garischen Krone in Wien ". Und gleichzeitig fordert in der Sieben- 
bürger Zeitschrift „Die Karpathen" der banater Bauer, Dichter 
und Schriftsteller Josef Gabriel Schwaben und Sachsen auf, Hand 
in Hand zu gehen und gemeinsam Bosnien zu kolonisieren. Erwähnt 
wurde schon (S. 297), dafs einzelne deutsche Sparvereine in Süd- 
ungarn vom siebenbürgischen Raiffeisenverband gegründet wurden. 
Ende 1908 ist in Hermannstadt die „Deutsche Bürgerzeitung" ins 
Leben gerufen worden, welche es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die Ver- 
bindung zwischen Sachsen und Schwaben zu pflegen. Im Sommer 



360 Erstarkende Beziehungen der Deutschen Ungarns zu 

1909 veröflPentlichte sie einen bemerkenswerten Artikel, der gegen 
das von den sächsischen Abgeordneten bisher geforderte Plurali- 
tätswahlrecht sich wendet und für das von den Schwaben Ungarns 
gewünschte allgemeine gleiche Wahlrecht eintritt: „um ein paar 
Abgeordnetenmandate würden wir Verrat begehen an den Hundert- 
tausenden von Deutschen Ungarns". Auch sonst gehen durch die 
Blätter in letzter Zeit Aufrufe und Artikel, die einen festen Zu- 
sammenschlufs besonders der ungarischen Schwaben mit den Sieben- 
bürgern vorbereiten. An der Spitze der Kämpen für diese Idee 
steht der banater Schwabensohn Adam Müller- Guttenbrunn, der 
nicht nur in zündenden Vorträgen, sondern auch in seinen völki- 
schen Romanen mit eindringlicher Stimme dafür eintritt. Vor 
allem erhoflft man von dem Besuche der sächsischen Mittelschulen 
durch ungarländische Deutsche die Schaflfung einer national ge- 
sinnten Intelligenz. Dazu kommt, dafs dieses Zusammengehen aller 
Deutschen in Ungarn, wiederholt von den befreundeten Kreisen im 
Ausland angeregt, dem ungarländischen Deutschtum grofse Sym- 
pathien verschaflfen würde. 

Die erstarkenden Beziehungen der Deutschen Ungarns zu 
ihren Stammesgenossen in Osterreich und im Deutschen Reiche 
sind überaus erfreulich. In früheren Jahrhunderten waren diese sehr 
spärlich; sie waren nur durch die Reformation und die zeitweilige 
Neueinwanderung Deutscher aufgefrischt worden. Bei der Erwer- 
bung Siebenbürgens durch Osterreich am Ende des 17. Jahrhun- 
derts wird das Deutschtum der Sachsen bedeutungsvoll hervor- 
gehoben. Zu derselben Zeit lenkte Leibniz die Aufmerksamkeit 
der deutschen Wissenschaft auf die Sachsen. Erwähnt wurde 
auch schon das Interesse, das z. B. Schlözer dem Kampfe der 
Sachsen um ihre Rechte am Ende des 18. Jahrhunderts entgegen- 
brachte. In der Napoleonischen Zeit bewiesen dagegen wieder 
diese ihren Anteil an dem Mifsgeschicke Deutschlands. Der Sachse 
Georg Paul Binder betrauert m seinen Gedichten Preufsens Fall 
und erhoflft dessen Wiedererhebung. Als Österreich 1809 den 
Kampf gegen Napoleon aufnahm und die sächsische Nation ein 
Jägerbataillon ins Feld stellte, veröflfentlichte der junge Sänger 
begeisterte Lieder. Schon 1810 sieht er prophetisch voraus, dafs 
Sachs und Bayer, Preufse und Österreicher als Deutsche zusammen- 



den Stammesbrüdern in Österreich und im Deutschen Keich. 361 

stehen, und „hehr und herrlich winkt das Banner des Einen 
Volkes". Und als vollends Napoleon besiegt war, da jubelte er 
in die Welt hinaus: 

Triumph, Triumph, ihr deutschen Waffenbrüder, 
Gerettet ist das teuere Vaterland, 
Mit Hohn und Sehimpf trat uns der Fremdling nieder, 
Wir haben Hohn und Schimpf ihm heimgesandt, 
Wir sind erlöst; die Fessel ist gebrochen, 
Der Herr hat uns und unsere Schmach gerochen. 

Der deutsche Ehein, auf deutscher Alp entquollen, 
Ergiefset wieder sich ins deutsche Meer, 
Und seine freigeborenen Fluten zollen, 
Nun keinem fränkischen Despoten mehr. 
Nur Fug und Eecht kann ewiglich bestehen. 
Der Zwingherr und sein Dienst mufs untergehen. 

Die folgende Zeit, die stillen Jahre (bis 1830), war nicht für 
eine Verinnigung dieser Beziehungen geeignet. Kaum regte sich 
aber neues Leben, so geht Pfarrer Roth nach Württemberg, um 
von dort Ansiedler herbeizuführen, die die rückständige Landwirt- 
schaft in Siebenbürgen beleben sollen. Job. Fried, Geltch dichtet 
sein Gedicht „ Die Siebenbürger Sachsen und ihre Stammesgenossen 
in Deutschland", in dem er die „ heifsgeliebten Brüder" erinnert, 
dafs „euer schönes Land auch uns gebar". Das Jahr 1848 
schlang das Band noch enger. Auf eine Eingabe der Sachsen 
„um Aufrechterhaltung ihrer Nationalität" hatte der Fünfziger- 
ausschufs des Frankfurter Parlaments schon am 5. Mai 1848 be- 
schlossen, der Nationalversammlung zu empfehlen, an den unga- 
rischen Reichstag das freundnachbarliche Ersuchen zu stellen, 
„Ungarn, durch die wichtigsten politischen Interessen mit Deutsch- 
land verbunden, wolle die Sachsen in ihrer Nationalität und Ver- 
fassung nicht beeinträchtigen ". Und als bald darauf die sächsische 
Nation vier Jünglinge, darunter die uns schon bekannten Theodor 
Fabini und Job. Fried. Geltch, nach Deutschland schickte, um 
die Sympathien der Frankfurter Nationalversammlung für die Sachsen 
zu gewinnen, wurden diese auf ihrer Reise mit Freundschaftskund- 
gebungen überhäuft. Am höchsten stieg die Begeisterung in Leipzig 
und beim Wartburgfeste: es waren herrliche Huldigungen für das 
sächsische Volk. Als die Abgeordneten am 1. Juli 1848 der 



362 Erstarkende Beziehungen der Deutschen Ungarns zu 

Nationsuniversität Bericht erstatteten, wurde manches Auge tränen- 
feucht. Zweifellos haben die Sympathiekundgebungen Deutsch- 
lands und des „Vereins der Deutschen in Österreich zur Auf- 
rechterhaltung ihrer Nationalität" in dieser bangen Zeit die Zu- 
versicht und die Ausdauer des sächsischen Volkes gestärkt, ob- 
schon wirkliche Hilfe ganz ausblieb und wohl auch nicht zu er- 
warten war. 

Als dann durch die Vorgänge von 1866 und 1870/1 das Deutsche 
Reich mächtig emporstieg, dagegen die Schwächung des Deutschtums 
in Osterreich erfolgte, wurden die ungarischen Deutschen durch 
den Ausgleich von 1867 völlig den Magyaren preisgegeben. Und 
da bald darauf aus Ungarn die Kunde von der Unterdrückung 
des Deutschtums erscholl, begann eine regere Teilnahme für das- 
selbe. Seit den siebziger Jahren erschien eine Fülle von Publi- 
kationen, welche für die Deutschen in Ungarn Partei ergriffen. 
Wichtige Fragen, wie die Zertrümmerung des Sachsenbodens und 
die Sperrung des deutschen Theaters in Budapest riefen besonderen 
Anteil hervor. Der 1881 begründete Allgemeine deutsche Schul- 
verein (Verein für das Deutschtum im Ausland in Berlin) be- 
zeichnete sofort die Hilfeleistung für die Deutschen in Ungarn 
und Siebenbürgen als seine erste Aufgabe. Wie sehr dieses 
Auftreten der deutschen Gelehrten, Schriftsteller, Zeitungen und 
Vereine den Magyaren ungelegen kam, beweisen die Gegen- 
schriften, die Gründung der zur Abwehr bestimmten „Ungarischen 
Revue" (seit 1881) und vor allem der Ton der versuchten Ab- 
wehr. Hier einige Proben aus der „ Revue ". Die deutschen Zeit- 
schriften werden als „ literarischer Janhagel im Reich " bezeichnet 
und ihnen „ Pöbelhaftigkeit " vorgeworfen. In einem anderen Ar- 
tikel heifst es : „ Denn wo waren die deutschen Gelehrten, als man 
die hohe Dynastie (der Habsburger) trotz ihrer uralten Rechte aus 
Deutschland verdrängte". Die „germanische Wissenschaftlichkeit" 
und „Gründlichkeit" wird recht oft spöttisch zitiert. Dann ist 
wieder die Rede von „verblüffender Fülle bajuvarischer Wut und 
Grobheit". Am ärgsten kommt der Allg. Deutsche Schulverein davon. 
Ihm werden blinder Magyarenhafs vorgeworfen, dann wird von Tor- 
heiten des Deutschen Schulvereins gesprochen ; sein Vorgehen wird 
als „politische Bauernfängerei", „Lächerlichkeit" und „Aufdring- 



den Stammesbrüdern in Österreich und im Deutschen Reich. 363 

lichkeit" bezeichnet. Ein Aufsatz gegen den Schulverein sucht 
dessen Aufrufe durch die Bemerkung lächerlich zu machen, dafs 
sie von den „Blättern im Reiche weise verborgen werden zwischen 
den Ankündigungen über verlaufene Hunde und neue Methoden 
der Schokoladefabrikation". Natürlich fehlte nicht die Frage: 
„Wer berechtigt die Herren vom Deutschen Schul verein im Namen 
der Deutschen in Ungarn zu sprechen?" Ebenso nahmen die 
Magyaren durch bestellte Artikel in der „deutschen" Presse Un- 
garns und in zu diesem Zwecke besonders zusammengerufenen 
Versammlungen gegen den Schulverein Stellung. Diese „Schul- 
vereinsdemonstrationen " in Ungarn hatten aber zur Folge, dafs 
Tausende und aber Tausende besonders in Siebenbürgen er- 
klärten, sie seien deutsch und wollten deutsch bleiben (1882). 
Und dann suchte man wieder durch andere Mittel die wachsenden 
Beziehungen zu unterbinden. Am 8. September 1902 brachte es Graf 
Apponyi zustande, den Schwaben in Werschetz (Versecz) zu verkün- 
den: „Sie gehören nicht zu dem westlichen deutschen Kulturvolk, 
das sich nicht um sie kümmert. ... Sie kennen Schillers , Ritter 
Toggenburg ^, der an sich ein schönes Thema für ein Gedicht ist; 
wenn aber zwei Millionen Toggenburger nichts anderes tun, als 
nach dem deutschen Kulturvolke schielen, so ist das schon ein 
Gegenstand der Lächerlichkeit." Ebenso preist Radö in seiner 
schon oben genannten Schrift die Zipser und Banater Schwaben, 
die sich den Magyaren anschlössen, „denn das eherne Band der 
ungarischen Staatsgenossenschaft werde ihnen mehr Schutz und 
Schirm gewähren, als die Gunst der hochvermögenden Vettern im 
Reich, von denen sie durch eine Welt von Gegensätzen getrennt 
sind". Aber auch das verfing nicht; immer neue Beweise des 
Mitgefühls gelangten nach Ungarn und da glaubte Graf Josef Mai- 
läth (1908) mit folgendem Ton kommen zu müssen: „Das un- 
garische Publikum lacht ja über die ungarfeindlichen Auslassungen 
der alldeutschen Presse, aber endlich kann es den fortgesetzten 
Verleumdungen der Herren Lüge wacker doch überdrüssig werden 
und Antwort auf die Frage fordern: Warum duldet das offizielle 
Deutschland dieses Geschimpfe?" 

Inzwischen wächst das Interesse für das ungarländische Deutsch- 
tum stetig. In Wien ist 1907 der rührige ,^ Verein zur Erhal- 



364 Ausblick iu die Zukunft. 

tuDg des Deutschtums in Ungarn " begründet worden ^). Auch in 
Berlin sollen die Absichten bestehen, einen ähnlichen Verein zu 
errichten. Aber auch andere Vereine veranstalten Vorträge und 
andere Veranstaltungen zu demselben Zwecke. Für die Stärkung 
der Beziehungen des österreichischen und reichsdeutschen Deutsch- 
tums zu den ungarländischen Deutschen sorgen auch die Ver- 
einigungen letzterer in Wien, Graz und Berlin (oben S. 314). 
Ebenso werden deutsche Arbeiter, die aus Ungarn für einige Zeit 
ins Deutsche Reich ziehen, manche Verbindungen anregen. In 
Büchern und Zeitschriften ertönt immer häufiger die Mahnung, 
das seit 1867 mächtige Deutsche Reich müsse den seit jenem Zeit- 
punkte den Magyaren ausgelieferten ungarländischen Deutschen 
Hilfe leisten. Auch mehren sich die Nachrichten, dafs reichs- 
deutsches Kapital in industriellen und wirtschaftlichen Unter- 
nehmungen in Ungarn angelegt wird. Erfreulicherweise wächst 
auch jährlich die Zahl der deutschen Reisenden, die ihre Volks- 
genossen in Ungarn und Siebenbürgen aufsuchen. Die freundnach- 
barlichen Beziehungen zwischen den Deutschen in Ungarn, der 
Bukowina und Galizien erstarken. Deutsche Sänger aus der Buko- 
wina unternehmen nach Siebenbürgen eine Fahrt und werden dort 
jubelnd begrüfst. Die Sachsen erwidern diesen Besuch. Für eine 
verunglückte Gemeinde im Banat sammeln die bukowiner Deutschen 
Liebesgaben. Kaum sind die galizischen Deutschen zu frischerem 
Leben erwacht, so suchen sie das schlummernde Deutschtum in 
der Zips zu erwecken. Auch mit den Deutschen Rumäniens 
knüpfen die anderen Karpathendeutschen Beziehungen an. Für 
den Sommer 1911 ist eine völkische Tagung von Vertretern aller 
Karpathendeutschen in Czernowitz geplant. 

Aus allem Mitgeteilten ist zu ersehen, dafs die Stellung der 
Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen sich derart gestärkt hat, 
dafs die Magyaren sie niemals zu unterdrücken und aufzusaugen 
vermögen werden. Dazu kommt ihre ansehnliche Anzahl und die 
starke Vermehrung der Schwaben. Vor 45 Jahren hat noch ein 
deutscher Schriftsteller die Hofibung, „dafs die ungarländischen 



1) Diesem Vereine wurde 1910 in Ungarn der Postdebit entzogen und die 
Konfiskation aller Postsachen des Vereins angeordnet. 



Ausblick in die Zukunft. 365 

Deutschen sich zu einem deutsch-nationalen Gefühle aufraffen wer- 
den", als „Utopie" bezeichnet. Wie er, so haben sich auch die 
magyarischen PoHtiker über die Lebenskraft dieser Deutschen ge- 
täuscht; die magyarische Gewaltherrschaft hat sie aus ihrem Schlafe 
erweckt. Freilich bleibt noch viel zu tun übrig. Bei den letzten 
Reichstagswahlen im Sommer 1910 ist aufser den 13 sächsischen 
Abgeordneten kein Deutscher gewählt worden ^) ; nur einem, dem 
Kandidaten der Ungarländischen deutschen Volkspartei, Ingenieur 
Reinhold Heegn in Werschetz ist es gelungen, in eine Stichwahl 
zu kommen. Anfangs 1911 ist aber der einzige deutsche Ab- 
geordnete des kroatischen Landtages, Ferdinand Riester, als De- 
legierter in den ungarischen Reichstag gewählt worden; mit ihm 
zieht der erste Schwabe ins ungarische Abgeordnetenhaus. Be- 
dauernswert ist es, dafs es bisher den ungarländischen Deutschen 
nicht gelungen ist, mit einem der anderen unterdrückten Völker 
gegen die Magyaren ein festes Bündnis zu schliefsen; dabei 
kämen vor allem die Rumänen in Betracht. Die stetig anwachsende 
Bewegung der nichtmagyarischen Völker in Ungarn wird sich nicht 
aufhalten lassen ; ihr werden die Magyaren allein nicht standhalten, 
zumal da die zahlreichen Juden ihre Reihen verlassen werden, sobald 
es ihr Vorteil erheischt. Der Slawenflut könnten die Magyaren nur 
im Bunde mit den Deutschen und Rumänen Widerstand leisten. 



1) Sehr bemerkenswert ist, dafs zu den sächsischen Abgeordneten der Volks- 
schuldirektor Brandsch gehört, der der eifrigste Verfechter des Anschlusses der 
Sachsen an die anderen Deutschen Ungarns ist. Brandsch wurde in Hermann- 
stadt einstimmig gewählt. 



Sechstes Buch. 

Geschichte der Deutschen in der 
Buko^vina 

von 1774 bis zur Gegenwart. 



I 



Erstes Kapitel. 

1. Die Erwerbung der Bukowina durch Österreich. Die ersten Kolonisations- 
pläne. Ansiedlung deutscher Bürger, Bergleute und Glasarbeiter. — 2. Die 
schwäbischen Bauernansiedlungen. — 3. Die Ansiedlung im 19. Jahrhundert. 
Deutsch-böhmische Bauernkolonien. Privatansiedlungen. — 4. Abstammung und 
Anzahl der Deutsehen in der Bukowina. 

Die Erwerbung der Bukowina durcli Österreich. Die ersten 

Kolonisationspläne. Ansiedlung deutsclier Bürger, Bergleute 

und Glasarbeiter. 

Im Herbst des Jahres 1774 wurde der nördliche Teil des 
Fürstentums Moldau von österreichischen Truppen besetzt; im 
folgenden Jahre sah sich die Pforte genötigt, dieses Gebiet an 
Österreich abzutreten. Damit begann für das Deutschtum in 
diesem Lande, das fortan unter dem Namen Bukowina (d. i. 
Buchenwald) erscheint, eine neue Periode der Entwicklung. Hatten 
sich schon vor 1400 Deutsche in einigen Orten, vor allem in 
Sereth und Suczawa, angesiedelt, hatten sie schon damals die 
materielle und geistige Kultur wirksam gefördert i), so sollten nun 
unter Österreichs Schutz deutsche Ansiedler in diesem Lande eine 
an Erfolgen überaus reiche Tätigkeit entwickeln. Mitten zwischen 
anderssprachigen Völkern wurde zu deren Heil eine deutsche 
Kulturinsel geschaffen, auf welche benachbarte Gebiete mit Neid 
blicken können. 

Als die Bukowina an Österreich fiel, glich sie einer grofsen 
Ode. Im ganzen Lande wohnten nur 11421 Familien oder etwa 
57 000 Seelen; da das Land 10 441 qkm mifst, wohnten auf jedem 
qkm wenig mehr als eine Familie (6 Seelen). Daher hat schon 
der erste österreichische Landes verweser, General v. Spleny, die 
Ansiedlung der Deutschen angeregt. Auch in diesem Lande waren 
also die Militärbehörden Förderer der Kolonisation. Schon in 



1) Vgl. Bd. II, S. 367 ff. 

Kaindl, Gesch. d. Deatacben i. d Earpath. HI. 24 



370 Anregung der Kolonisation. Deutsche Ansiodlung in d. Städten. 

seinem Berichte vom 10. Dezember 1774 riet Spleny die Herbei- 
ziehung guter Handwerksleute aus auswärtigen Ländern unter 
Gewährung gewisser Freiheiten an ; angeregt wurde er offenbar zu 
diesem Vorschlag durch das kurz zuvor für Galizien ergangene 
Ansiedlungspatent ^). In seiner Denkschrift von 1775 führt Spleny 
aus, dafs man sich die besten Hoffnungen machen könnte, auch 
aus den „entferntesten nordischen Ländern" „namhafte" und die 
„nützlichsten" Kolonisten herbeizuziehen, wenn man „die gänzliche 
Freiheit der tolerierten protestantischen Religion" gewähren würde. 
Dafs Spleny unter den protestantischen Kolonisten aus den nordi- 
schen Ländern Deutsche verstanden hat, ist unzweifelhaft. Noch 
nachdrücklicher weist auf die Nützlichkeit der Ansiedlung deut- 
scher Bauern wenige Jahre später der damals in der Bukowina 
tätige Mappierungsdirektor Budinszky hin, wenn er sagt, dafs diese 
„der Landwirtschaft sehr wohl kundig seien und den anderen 
Einwohnern zu einem guten Beispiel dienen könnten". 

Vor allem erhielt zunächst die städtische Bevölkerung viele 
deutsche Elemente. Mit der neuen Regierung kamen deutsche 
Beamte, die hier ihren Wohnsitz nahmen ; deutsche Soldaten blieben 
nach Vollendung ihrer Dienstzeit im Lande, und zu ihnen gesellten 
sich Handwerker und Kauf leute. Um die Ansiedlung von Bürgern 
zu fördern, wurden ihnen öde Gründe unentgeltlich überlassen. 
Einzelne Handwerker, die in die Bukowina ziehen wollten, er- 
hielten in Wien auch Reisegeld. In der Bukowiner Städteordnung 
von 1786 wurde bestimmt, „dafs deutsche, gelernte und gute Hand- 
werker herangezogen und die Vermehrung der deutschen Bürger 
so viel wie möghch befördert werde". Handwerker, Künstler und 
Manufakturisten erhielten zehnjährige Freiheit von allen landes- 
fürstlichen Abgaben und „immerwährende" Befreiung von Fron- 
diensten, Rekrutenstellung, Militäreinquartierung und Vorspann. 
Auch beim Häuserbau wurden sie unterstützt; Neubauten waren 
30 Jahre frei von der landesfürstlichen Steuer und 10 Jahre vom 
städtischen Grundzins. Man gewährte also den deutschen Hand- 
werkern ähnhche Freiheiten wie in Galizien. Infolge dieser Be- 
günstigungen siedelten sich schon seit den ersten Jahren der öster- 



1) Vgl. oben S. 8. 



Herbeiziehung deutsclier Bergleute. »571 

reichischen Herrschalt in dem zur Landeshauptstadt erwählten 
Czernowitz, dann aber auch in Sereth und Suczawa deutsche 
Bürger und Hausbesitzer an, welche sich zum Teil durch beson- 
deren Fleifs und Unternehmungslust auszeichneten, und deren Nach- 
kommen auch gegenwärtig noch oft zu den angeseheneren Bürger- 
famiHen gehören. Aber auch in anderen Städten und gröfseren 
Orten bilden die Deutschen keinen geringen Teil der Bevölkerung. Be- 
sonders ist noch Radautz zu nennen, das man oft die „deutscheste" 
Stadt der Bukowina zu nennen pflegte. 

Mit der Ansiedlung der Deutschen hingen auch die Eröffnung 
von Bergwerken und die Errichtung von Glashütten zu- 
sammen. 

Bei den in den achtziger und neunziger Jahren des 18. Jahrhun- 
derts bei Solka und in Kaczika errichteten Salzsiedereien waren 
zahlreiche deutsche Beamte und Arbeiter beschäftigt, die sich in 
diesen Orten niederliefsen. Sie kamen zumeist aus Deutschböhmen 
und Österreich. Die um dieselbe Zeit erfolgte Entdeckung der 
Eisenlager von Jokobeny gab Veranlassung zur Herbeiziehung 
und Niederlassung von deutschen Bergleuten (1784). Sie wurden aus 
Siebenbürgen und der Zips in Ober Ungarn herbeigerufen und durch 
Nachschübe vermehrt. Auch die Beamten des Bergwerks waren 
Deutsche. Weitere Schürfungen führten zur Entdeckung der silber- 
haltigen Bleiglanzlager von Kirlibaba, zu deren Ausbeute ebenfalls 
Zipser angesiedelt wurden: 1797 entstand die Kolonie Mariensee- 
Kirlibaba. Ebenso wurden Gründner aus der Zips bei den 
1805 erschlossenen Kupfergruben bei Pozoritta angesiedelt, una es 
entstand die nach der Prinzessin Luise, der nachmaligen Gattin 
Napoleons, benannte deutsche Ortschaft Luisenthal. In ähnhcher 
Weise wurde 1808 Eisenau und 1809 Freudenthal begründet. 
Alle diese Bergwerksansiedlungen liegen im südwestlichen Gebirgs- 
anteile der Bukowina. Auch in andere Orte dieses Gebietes haben 
sich Deutsche gezogen, ohne dafs eine besondere Koloniserung er- 
folgt wäre, so nach Bukschoja und Stulpikany. 

Frühzeitig waren auch Pläne aufgetaucht, Glashütten zu er- 
richten; denn man erhoffte einen bedeutenden Absatz nach der 
Moldau und Walachei, die sich im 18. Jahrhundert aus Polen 
oder gar aus Venedig mit Glaswaren versorgten. Im Jahre 1782 

24* 



372 An Siedlung deutscher Glasarbeiter und Holzhauer. 

dachte man an die Herbeiziehung von Glasarbeitern aus Nie- 
nover in Hannover, die sich durch den aus Waldheim in 
Böhmen stammenden Glasmacher Johann Kamm zur Ansiedlung 
in Galizien gemeldet hatten i); doch dieser Plan kam nicht zur 
Ausführung. Ein Jahrzehnt später (1793) wurde aber von einem 
Pächter der Religionstbndsgüter eine Glashütte bei Krasna errichtet, 
die Althütte. Zu ihrem Betriebe wurden deutsch- böhmische Glas- 
arbeiter gegen mündliche Zusage von Lohn und Unterkunft be- 
rufen und auf den für die Hütte nach und nach abgetriebenen 
Waldstrecken angesiedelt. Nachdem das Holz um Althütte all- 
mählich verbraucht worden war, so dafs seine Zufuhr beschwerlich 
wurde, ging die Glasm acherei hier ein, und eine halbe Stunde 
weiter im Walde wurde im Bereiche von Czudin die Neuhütte 
errichtet (um 1815). Da die Insassen von Althütte, zumeist schon 
die Nachkommen der erstberufenen Arbeiter, zu anderen Beschäf- 
tigungen gegriffen hatten, mufsten abermals Glasarbeiter aus Böhmen 
berufen werden. Diese siedelten sich auch bei den später ent- 
standenen Glashütten in Krasna Ilski und Lunka Frumosa 
(bei Krasna) an. Inzwischen war 1797 in der Nähe des altbe- 
rühmten Klosters Putna eine Glashütte errichtet worden, zu der ' 
ebenfalls Deutschböhmen berufen wurden Sie kamen aus der 
galizischen Glashütte Lubaczow ^). Nachdem die Putnerhütte im ■ 
Jahre 1827 aufgelassen worden war, wurden die einundzwanzig 
beschäftigungslosen Familien unter Zuweisung von Grundstücken 
als Bauern angesiedelt; so entstand die Kolonie Karlsberg. Im 
Jahre 1803 ist ferner ebenfalls als eine Ansiedlung deutsch- 
böhmischer Glasmacher Fürstenthal entstanden. Sowohl in Karls- 
berg und Fürstenthal als auch an anderen Orten sind am Ende des 
18. und am Anfange des 19. Jahrhunderts deutsch- böhmische Holz- 
hauer angesiedelt und mit Gründen bestiftet worden, so in Fr assin 
an der Moldawa und in Paltinossa-Kapukodrului (1817). 

Die schwäbischen Bauernansiedlungen. 
Wie in Galizien kam es auch in der Bukowina während der 
Regierungszeit Maria Theresias zu keiner Ansiedlung von Land- 

1) Vgl. oben S. 20. 

2) Vgl. oben S. 21. 



Die schwäbischen Bauernansiedhingen. 373 

leuten. Auch hier ist sie erst unter Kaiser Joseph aufgenommen 
worden und steht im Zusammenhange mit den Kolonisations- 
bestrebungen in Ungarn (Banat) und in Gahzien. 

Das erste Eintreffen von deutschen Bauern in der Bukowina 
erfolgte ohne besondere Veranlassung der Regierung. Infolge einer 
„widersinnigen Aufserung" eines Beamten waren aus dem Banate 
schwäbische Ansiedler aufgebrochen und langten im Juni 1782 in 
Czernowitz an. Zunächst erschienen nur zwei Familien, allmählich 
mehrte sich aber ihre Zahl auf 22. Sie stammten aus der Main- 
und Rheingegend. Die Bukowiner Landesverwaltung war von 
dem Eintreffen dieser Ansiedler nicht verständigt und daher völlig 
unvorbereitet. Da erst die verschiedenen Oberbehörden befragt 
werden mufsten, so waren die Ankömmhnge teilweise selbst auf 
milde Gaben angewiesen, bevor sie vom Staate genügende Unter- 
stützung erhielten und angesiedelt wurden. Man brachte sie in 
Czernowitz und in den nahe gelegenen Ortschaften Rosch, Mo- 
lodia und Zuczka, ferner in Mitoka -Dragomir na auf herrschaft- 
lichen Gründen unter. Infolge der eigentümlichen Agrarverhältnisse 
der Bukowina i) hatten sie bei der alljährlich im Frühjahr erfolgen- 
den Ackerverteilung manches Ungemach zu erleiden. Manche 
von ihnen kauften sich auch selbst Gründe. Aufserdem erhielten 
sie bis Ende Juni 1783, also bis zu ihrer ersten Ernte, unentgelt- 
lich Mehl und Getreide, sowie auch tägliche Unterstützungsbeiträge. 
Pflüge und andere Wirtschaftsgeräte, wie auch Beträge für den 
Ankauf von Vieh bekamen sie gegen Rückzahlung. Aufserdem 
genossen sie eine mehrjährige Befreiung von der landesfürstlichen 
Steuer (Kontribution); die herrschaftlichen Abgaben mufsten sie 
jedoch an ihre Grundherren gleich von ihrer Ansiedlung an ent- 
richten. Ihre Anzahl vermehrte sich durch spätere Ankömmlinge, 
in Rosch z. B. auch durch verabschiedete Soldaten, sehr bedeutend. 

In besonders engem Zusammenhange steht die deutsche Kolo- 
nisation der Bukowina mit jener in Galizien. Schon an früherer 
Stelle wurde erzählt, dafs infolge der Ansiedlungskundmachungen 
für Galizien sich einzelne Ansiedlungswerber auch für die Buko- 



1) Vgl. dazu Kaindl, Das Ansiedlungswesen in der Bukowina (1902), 
S. 518 f. und „Das Untertanswesen in der Bukowina" (1899). 



374 Die schwäbischen Bauornansiedlunf^en. 

wina meldeten, so der Glasmacher Kamm und der Amtmann 
Rühle von Lilienstern aus Nassau (vgl. oben S. 20 f.); keiner von 
ihnen kam aber in die Bukowina. Da aber infolge der regen 
Werbung für die Kolonisation in Galizien die Zahl der dahin ge- 
langten deutschen Ansiedler so grofs war, dals sie nicht sofort 
angesiedelt werden konnten, vielmehr auf Kosten des Staates in 
aufgehobenen Klöstern u. dgl. erhalten werden mufsten, so wurde 
die Ableitung dieser Überfülle in die Bukowina schon im August 
und September 1782 anbefohlen. Leider brachte die damalige 
Militärverwaltung der Bukowina unter General Enzenberg der 
deutschen Kolonisation keine Zuneigung entgegen. Die Schwierig- 
keiten, welche die Unterbringung der Kolonisten aus dem Banate 
bereitet hatte, die Abhängigkeit von den verschiedenen Ober- 
behörden, endlich die Absichten Enzenbergs, aus der Bukowina 
eine Fortsetzung der Militärgrenze ^) zu bilden, scheinen den 
General gegen die deutsche Ansiedlung gestimmt zu haben; da- 
gegen hat er z. B. die Ansiedlung von Szekler-Ungarn, weil diese 
seinen militärischen Absichten mehr entsprach, eifrig betrieben. Auch 
der persönliche Wunsch Kaiser Josephs, der im Jahre 1783 die 
Bukowina besucht hat, vermochte die Ansiedlung der Deutschen 
nicht zu fördern. Über weitläufige Pläne kam man infolge des 
Widerstreites der Landesverwaltung jahrelang nicht hinaus. So 
hat man um Kotzman in der nördlichen Bukowina zunächst 4000, 
dann 400, schliefslich nur 40 deutsche Ansiedler unterbringen 
wollen; aber auch in der beschränkten Zahl kam die Ansiedlung 
nicht zustande. Die Verhandlungen darüber bieten ein überaus 
betrübendes Bild des schleppenden Geschäftsganges und der frucht- 
losen Vielschreiberei. Auch nach der Übernahme der überaus 
ausgedehnten griechisch - orientalischen Religionsfondsgüter in die 
Verwaltung des Staates gab es angeblich keinen Platz für deutsche 
Ansiedlungsdörfer. Durch diese Mifserfolge verstimmt verfügte ' 
Kaiser Joseph nach einem zweiten Besuche der Bukowina 1786 
die Einstellung der Kolonisation des Landes ; nur eine Anzahl der 
in Galizien auf ihre Bestiftung harrenden Ansiedler sollte in der 
Bukowina, und zwar in jenen Häusern und auf jenen Grundstücken, 



1) Vgl. oben S. 193. 



Die schwäbischen Bauernansiedlungen. 375 

welche durch die häutigen Auswanderungen leer standen, sogleich 
untergebracht werden (6. August 1786). 

Da gleichzeitig die Bukowina mit Galizien vereinigt wurde, 
so erleichterte die fortan zur Geltung kommende einheitlichere 
Behördenorganisation die Durchführung des kaiserlichen Befehles. 
Doch wurden die Deutschen nicht in selbständigen, neu errichteten 
Ortschaften (für die angeblich kein Platz war), sondern im An- 
schlüsse an schon bestehende Dörfer untergebracht, also in ähn- 
licher Weise, wie dies schon mit den Übersiedlern aus dem ßa- 
nate geschehen war. Zu diesem Zwecke wurden Verzeichnisse der 
leeren Hofstellen in der Bukowina angelegt. Besonderes Verdienst 
hat sich um die nun folgende deutsche Ansiedlung der Vorstand 
der Staatsgüter-Administration in Lemberg, Regierungsrat Ainser, 
erworben, der im August 1787 selbst die Bukowiner Religionsfonds- 
Güter bereiste. Schon zuvor waren die nötigen Vorbereitungen 
getroffen worden, und so erfolgte bereits während der Anwesenheit 
Ainsers in der Bukowina die Absendung von 50 deutschen Fa- 
milien in dieses Land. Aus dem uns erhaltenen Verzeichnisse der 
.,aus der galizischen Einquartierung in die Bukowina zur Ansied- 
lung abgeschickten Kolonisten" ersehen wir, dafs diese Familien 
93 männliche und 89 weibliche Mitglieder zählten. Sie stammten 
aus verschiedenen Gegenden des westlichen Deutschland. Die 
meisten gehörten der evangelischen, einige der reformierten und 
katholischen Religion an. Alle waren Bauern, doch verstanden 
zwei Schuhflickerei, einer wird geradezu als „Bauer und Schuster" 
bezeichnet; ferner verstanden zwei Ziramermannsarbeit, einer 
Maurerei, einer Brettschneiderei und zwei Tischlerei. Die meisten 
waren nach Galizien zur Privatansiedlung eingewandert, wenige 
zur unbegünstigten Kameralansiedlung. Nachdem sie in Galizien 
oft jahrelang von Herrschaft zu Herrschaft geschoben worden waren, 
wurden sie nun mittels Vorspann, für die „per Meil und Pferd *' 
10 Kreuzer zu zahlen waren, nach der Bukowina geschickt. Dem 
ersten bereits erwähnten Transporte folgten andere nach. Wie 
schon in Galizien, so wurde auch in der Bukowina diesen An- 
siedlern vielfache Hilfe zuteil, insbesondere bis zu ihrer ersten 
Ernte im Jahre 1788, doch auch darüber hinaus. Freilich stockte 
wiederholt das Ansiedlungsgeschäft, besonders da Osterreich dem 



876 Die schwäbischen Bauernansiedlungen. 

1787 zwischen Rufsland und der Türkei ausgebrochenen Kriege 
beitrat und daher die Befürchtung um sich griff, dafs die Buko- 
wina von den Kriegsereignissen heimgesucht werden könnte. Die 
Folge war, dafs die Ansiedlung stark beschränkt wurde: im 
ganzen sind schliefslich nur 74 Familien bestiftet worden, und 
zwar in Fratautz 16, in Satulmare, Milleschoutz-Badeutz, 
St. Onufry und Itzkany je 8, in Arbora und Tereblestie 
je 7, endlich in Ilischestie 12 ^). Da die Anzahl der in den 
einzelnen Orten angesiedelten Deutschen gering war, so bildeten 
sie ursprünglich keine selbständigen Gemeinden, doch erhielten 
sie ihre eigenen Schulzen. 

Die Ansiedler bekamen Holzhäuser, welche zumeist aus Stube, 
Kammer und Vorhaus bestanden; daneben die notwendigsten Wirt- 
schaftsgebäude, vor allem Stall und Scheuer mit der Dreschtenne. 
Diese Bauten erhielten die Ansiedler zumeist nicht ganz fertig- 
gestellt. Ferner wurden ihnen genügende Felder überlassen, und 
zwar samt der für das Jahr 1788 gemachten Aussaat. Dazu an 
Vieh zwei Ochsen, sowie gewöhnlich eine Kuh und ein Kalb. 
Unentgeltlich, wie alles bereits Aufgezählte, erhielten die Ansiedler 
auch die Ackergeräte ; dagegen war für die Hausgeräte und Werk- 
zeuge Ersatz zu leisten. Gegen Rückzahlung wurden in Notfallen 
auch Geldvorschüsse gewährt, ebenso Vorschüsse an Getreide gegen 
Rückstellung einer etwas gröfseren Menge nach der Ernte. Über- 
dies erhielt auch jede Gemeinde Gründe für die Schule, den Ge- 
meindestier u. dgl., ferner auch Feuereimer und Feuerhaken. Da 
zu allen diesen Ausgaben für die Ansiedler noch deren Reisegelder, 
die Verpflegung und die Medikamente hinzukamen, so betrugen 
die baren, nicht zu ersetzenden Kosten für manchen über tausend 
Gulden. Alle Ansiedler waren Erbzinsler; sie erhielten also ihre 
Gründe gegen gewisse Abgaben in erblichen Besitz, vorausgesetzt, 
dafs sie sich deren nicht durch irgendwelche Vergehen verlustig 
machten. Die Erbzinsler leisteten ihrer Herrschaft (dem Religions- 
fonds) weder Robot noch Naturalgiebigkeiten , sie zahlten blofs 
einen Grund- und Hauszins. Auf der Fratautzer Herrschaft 



1) In Itzkany wurden am Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhun- 
derts noch einige Ansiedler vom Eeligionsfonds angesiedelt. 



Kolonisationspläno im 19. Jahrhundert. 377 

betrug der erstere 15 bis 18 fl., der letztere 1 fl. Von diesen 
Leistungen hatten die Kolonisten einige Freijahre erhalten. 

Die Änsiedlungen im 19. Jahrhundert. Deutschböhmische 
Bauernkolonlen. Privatansiedlungen. 

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts kam man 
über ziemlich fruchtlose Pläne zur Herbeiziehung ländlicher Kolo- 
nisten nicht hinaus. Der gute Fortgang der Bergwerks- und Glas- 
hüttenansiedlung mag den das Militärgestüt in Radautz leitenden 
Obersten Cavallar veranlafst haben, die Herbeiziehung weiterer 
Ansiedler auf die Herrschaft Radautz zu versuchen. Cavallar hatte 
auch die An Siedlung von deutschböhmischen Glasarbeitern und Holz- 
hauern in Karlsberg (s. S. 372) gefördert; er liefs nun durch Privat- 
personen in Mähren, Böhmen und Oberösterreich eine Einladung zur 
Ansiedlung unter Gewährung von Begünstigungen verkünden. Als die 
Hofkanzlei davon Kenntnis erhielt, bestand sie darauf (1803), dafs 
vor allem die sich damals meldenden fremden Ansiedler aus Deutsch- 
land aufgenommen würden ^). Dieser Plan wurde jedoch nicht 
ausgeführt. Als nach den erschütternden Ereignissen von 1809 
die Ansiedlung jener Bewohner angeregt wurde, die aus den an 
fremde Mächte abgetretenen Gebieten übersiedeln wollten, wurde 
neben Ungarn auch die Ansiedlung in der Bukowina in Aussicht 
genommen. Es wurden Gründe für 891 Familien ausfindig ge- 
macht und entsprechende Unterstützungen zugesichert; aber auch 
jetzt scheinen keine Ansiedler gekommen zu sein. Anfangs der 
zwanziger Jahre verbreitete sich in mehreren Kreisen Galiziens 
das Gerücht, dafs in der Bukowina Änsiedlungen stattfinden 
sollten. Sofort meldeten sich viele Ansiedlungswerber; man liefs 
aber durch die Kreisämter und Seelsorger verkünden, dafs in der 
Bukowina keine Änsiedlungen beabsichtigt würden. Erst nach- 
dem im Jahre 1826 zur „ Hintanhaltung von Verbrechen die An- 
siedlung einer betriebsamen Bevölkerung in den menschenleeren 
Gegenden" des südöstlichen Galiziens und der Bukowina angeregt 
worden war und anfangs der dreifsiger Jahre sich die Kunde hier- 
von verbreitet hatte, trafen neue Zuzüge von Deutschen, und zwar 
von Deutschböhmen, ein. 

1) Vgl. oben S. 96 ff. 



378 Ansiedlung von deutschböhmischen Bauern. 

Deutschböhmen waren, wie bereits oben erwähnt wurde, 
schon im 18. Jahrhundert in die Bukowina gekommen; insbeson- 
dere hängt die Errichtung aller Glashütten in der Bukowina und 
der Holzhauerkolonien mit der Ansiedlung von Deutschböhmen 
zusammen. In den dreifsiger Jahren des 19. Jahrhunderts begann 
das Zuströmen von Bauern dieses Stammes. Auch diese länd- 
lichen Kolonisten hatten, wie fünfzig Jahre früher die „ Schwaben ", 
mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Ihr Los war in der 
Bukowina ebenso wie in Galizien und Ungarn in mancher Beziehung 
sogar noch härter als jenes der im 18. Jahrhundert angesiedelten 
Ackerbauer. Abgesehen davon, dafs auch sie erst oft nach jahre- 
langem Herumirren und Darben ihre Ansiedlung erreichten, ist 
ihnen bei weitem nicht jene weitgehende Unterstützung zuteil 
geworden. Sie erhielten weder Reisegelder noch andere Geld- 
aushilfen ; für die Anschaffung von Wirtschaftsgeräten , Vieh 
u. dgl. mufsten sie selbst Sorge tragen. Für den Hausbau erhielten 
sie nur das rohe Material unentgeltlich. Vor allem sind ihnen 
nicht urbare Acker- und Wiesengründe zugeteilt worden, sondern 
zum guten Teile Urwald, der erst mühsam urbar gemacht werden 
mufste. Während die Schwaben im Hügellande ihre Ansiedlungen er- 
halten hatten, wurden die Deutschböhmen im rauheren Vorgebirge 
untergebracht. Überdies erhielten sie die ihnen zugesicherte Dotation 
in den seltensten Fällen vollständig, vielmehr mufsten sie sich die 
längste Zeit oder auch für immer nur mit einem Bruchteil davon 
begnügen. Schuld daran trug vor allem der Umstand, dafs die 
höheren Behörden, die Gefällen Verwaltung in Lemberg und die 
Hofkammer, die von den Bukowiner Lokalbehörden mit den An- 
siedlern geschlossenen Verträge nicht anerkennen wollten. Die Zu- 
teilung der Gründe und die vollständige Ansiedlung wurden von 
der Durchführung weitgehender Beratungen abhängig gemacht; da 
diese nie ein erspriefsliches Ende fanden, vielmehr jede werktätige 
Reform in einem Wüste von Schreiberei begraben wurde, so 
griffen die traurigsten Mifsstände um sich. Nur durch die Not der 
Ansiedlungswerber und ihr dringendes Bitten, die auch das Bu- 
kowiner Kreisamt unterstützte, sind die Behörden gezwungen wor- 
den, jene Ansiedlungen wenigstens provisorisch zu vollziehen. 

Oben ist von einem „Zuströmen" von Deutschböhmen in den 



Ansiedlung von deutschböhmischen Bauern. 379 

.1830er Jahren nach der Bukowina gesprochen worden. Dieser 
Ausdruck ist tatsächlich berechtigt, denn die Zahl dieser Ansied- 
lungswerber war sehr bedeutend. So meldeten sich am 16. Juni 
1835 beim Solker Wirtschaftsamte zuerst 19, dann 54 Familien 
Deutschböhmen zur Ansiedlung auf Staatsgründen. Ein höchst 
interessantes Verzeichnis dieser 54 Ansiedlungswerber belehrt uns 
sehr eingehend über sie und ihre Angehörigen. Die Einwanderer 
kamen zumeist aus dem Böhmerwaldgebiete, dem früheren Prachiner 
Kreise, vor allem aus der Bezirkshauptmannschaft Schüttenhofen, 
ferner aus jener von Klattau und Prachatitz. Als ihre Heimats- 
orte werden genannt Sattelberg, Seewiesen, Unterkörnsalz, Hurken- 
thal, Unterreichen stein, Stadln, Zwoischen, Langendorf, Rehberg, 
Liedlhöfen, Neubrunn, Lukau, Nuserau, Eisenstrafs, Hammern, Win- 
terberg u. a. Einzelne Familien stammten aus Bayern und Mähren. 
Nur 5 von den Einwanderern standen allein da, 49 kamen mit ihren 
Angehörigen, zumeist Ehefrau und Kindern. 50 Ansiedlungswerber 
waren männlichen Geschlechtes, darunter jene 5 alleinstehenden 
Männer und 45 Familienväter. Nur 4 Frauen hatten sich ohne 
männliche Begleitung eingefunden, hiervon 2 mit je 1 Tochter und 
2 mit je 1 unehelichem Sohne. Die meisten brachten recht zahl- 
reiche Familien mit sich; Georg Schaf hauser kam mit 14 Personen 
im Alter von 3 bis 48 Jahren. Auch Kinder unter 1 Jahr be- 
fanden sich unter den Eingewanderten. Zusammen waren 252 Per- 
sonen, und zwar 124 männliche und 128 weibliche gekommen, 
wobei jedoch Josef Stingl seine Familie nicht näher nachgewiesen 
hatte, daher diese nicht mitgezählt erscheint. Die Familienvorstände 
und selbständigen Ansiedlungswerber standen meist im besten Alter : 
von den Männern waren 5 unter 30 Jahren, 35 im Alter von 30 
bis 45 Jahren, 10 endlich im Alter von über 45 Jahren, davon 
je einer 65, 68 und 72 Jahre alt; die 4 selbständigen weiblichen 
Ansiedlungswerber standen im Alter von 32 bis 48 Jahren. Viele 
von den Ansiedlungswerbern verstanden, wiewohl sie um ländliche 
Ansiedlungen sich bewarben, irgendein Gewerbe, und zwar zählte 
man 1 Zimmermann, 2 Fleischhauer, 1 Schmied, 1 Binder, 1 Tischler, 
1 Schuhmacher, 1 Bäcker, 4 Weber, 2 Maurer, 1 Schmelzer, 
1 Wagner, 1 Schneider, 2 Handarbeiter und 5 Holzhauer; 26 wer- 
den als Taglöhner bezeichnet und 4 ohne besonders bezeichnete 



880 Ansiedlung von deutscbböhmischen Bauern. 

Beschäftigung aufgeführt. Als Abgeordnete der Ansiedlungswerber 
erschienen Christof Reichardt, Georg Hellinger und Johann Schaff- 
hauser. Nur mit grofser Mühe gelang es den Lokalbehörden, diese 
Ansiedler im Vorgebirge der Bukowina am Humorabache unter- 
zubringen; es entstand die erste deutschböhmische Bauernkolonie 
Bori (1835). In demselben Jahre wurde auch an der Kaiserstrafse 
zwischen Mardzina und Glitt, einer durch Räubereien berüchtigten 
Gegend, eine zweite deutschböhmische Kolonie, Lichtenberg, er- 
richtet. Hier wurden die meisten Ansiedlungswerber untergebracht, 
welche in dem oben näher besprochenen Verzeichnisse namhaft 
gemacht sied und in Bori kein Unterkommen gefunden hatten. 
Hierauf stellte aber auch die Bukowiner Bezirksverwaltung an das 
Kreisamt das Ersuchen, es möge dahin wirken, dafs zunächst keine 
Deutschböhmen einwandern, weil man sie im Winter nicht unter- 
bringen konnte. Trotzdem haben z. B. am 28. Dezember 1835 
wieder eine Anzahl von Deutschen, darunter Mühlner Josef, Zimmer 
Jakob, Schwertel Martin, Hammer Jakob, Schwarz Franz Anton, 
um Ansiedlung in der Bukowina gebeten, und am 3. April 1836 
teilte das böhmische Landesgubernium dem gahzischen mit, dafs 
Lang Andreas, Göschler Mathias, Klement Josef und Johann, 
Kollars Kaspar und Waldmann Josef mit 30 Ansiedlern in die 
Bukowina übersiedeln wollen; es möge eröffnet werden, ob dort 
wirklich Gelegenheit für Ansiedlungen vorhanden wäre, und unter 
welchen Bedingungen die Ansiedler unterkommen könnten. Da 
noch immer bedeutende Schwierigkeiten vorhanden waren und die 
bereits Eingewanderten kaum untergebracht werden konnten, so 
mufste sich am 3. Oktober 1836 die Bezirksverwaltung wieder an 
das Kreisamt mit der Erinnerung wenden, dafs die Ansiedlungs- 
auträge der Gefällenverwaltung an die Hofkammer noch nicht 
bestätigt seien und dafs bis zu dieser Entscheidung neue Ansiedlungen 
nicht begonnen werden könnten; das Kreisamt sollte daher beim 
Gubernium beantragen, dafs die Einwanderung der „ Böhmen ^^ in 
die Bukowina einzustellen wäre, weil sie kein Geld und Arbeits- 
vieh hätten: die Waldungen müfsten aber mit Kraft- und Zeit- 
aufwand erst gerodet werden, was sie nicht durchführen könnten. 
Auch hätte die Bukowina an arbeitslosen Leuten Oberflufs. Trotz 
dieser Schritte liefen immer wieder Bittgesuche von Deutschböhmen 



Ansiedlunj;^ von deutschböhraisohen Bauern. 381 

aus dem Piseker Kreise ein, welche in ihrem Namen von Andreas 
Lang^ Franz Kraus und Josef Bauer überreicht wurden. Anfangs 
hatten sich 20, dann sogar 50 Familien gemeldet. Auf ihr vom 
9. März 1837 datiertes Gesuch gab am 21. desselben Monats die 
Gefällen Verwaltung der Bezirksverwaltung den Auftrag, die Bitt- 
steller nach Tunlichkeit auf bäuerlichen Ackergründen gegen 
Leistung der Giebigkeiten unterzubringen oder aber zu berichten, 
ob sie auf herrschaftlichen entbehrlichen Grundstücken unter- 
gebracht werden könnten. Die Bezirksverwaltung erklärte sodann, 
dafs urbare Ansiedlungsgründe für so viele Familien nicht vor- 
handen wären; dagegen könnten mehrere 100 Familien in den 
öde liegenden Waldabschnitten bei Stulpikany und im oberen Hu- 
moratale untergebracht werden. Mit diesem Antrage erfolgte 
gleichzeitig auch der Vorschlag, slowakische Ansiedlungswerber in 
diesen Gebieten zu bestiften. Im September 1837 meldeten sich 
61 Ansiedlungswerber, denen die Ansiedlung im Humoratale ober- 
halb der schon bestehenden Kolonie Bori zugesagt wurde. Da 
aber nichts Entscheidendes geschah, richteten am 11. Juli 1838 
Andreas Lang, Johann Schaller und Wenzel Schöllbauer an den 
Kreishauptmann ein Bittgesuch, in welchem die vor drei Jahren 
eingewanderten Familien um endliche Ansiedlung baten. Endlich 
wurde im August desselben Jahres eine Kommission in die zur 
Ansiedlung bestimmten Gebiete entsandt; gleichzeitig wurden so- 
wohl die deutschen als slowakischen Ansiedlungswerber zur Be- 
sichtigung der Plätze aufgefordert. Da in Schwarzthal bei Stulpi- 
kany die Slowaken gar nicht erschienen, im oberen Humoratale 
aber auch nur ein Teil von ihnen sich ansiedeln wollte, so konnten 
zwei deutschböhmische Kolonien errichtet werden : Schwarzthal 
und Buchenhain oder Deutsch - Pojana Mikuli. Bis diese An- 
siedlungen zustande kamen, waren aber nach Einsetzung der er- 
wähnten Kommission noch drei Jahre vergangen. Erst 1841 kamen 
die Deutschböhraen in den Besitz ihrer Lose oder vielmehr nur ge- 
ringer Teile davon. Sowohl in Schwarzthal als auch in Buchen- 
hain waren je 40 Familien angesiedelt worden. Am letzteren 
Orte wurden neben den deutschen Familien auch ebensoviele Slo- 
waken untergebracht. 

Trotz der schlechten Erfahrungen, welche die deutschböhmischen 



383 Ansiedlung von deutschböhmischen Bauern. 

AnsiedluDgswerber in der Bukowina gemacht hatten und obwohl 
über die nach vielen Mühen errichteten Kolonien und ihre Rechte 
und Pflichten noch immer nicht endgültige Beschlüsse gefafst 
waren, kamen doch immer wieder Deutschböhmen in die Buko- 
wina in der Hoffnung, hier angesiedelt zu werden. Wie grofs der 
Zuflufs von Ansiedlungswerbern anfangs der vierziger Jahre war, 
ergibt sich aus folgender Zuschrift der Bezirksverwaltung an die 
Gefällenverwaltung vom 18. Oktober 1843: Im Sommer 1843 seien 
200 Deutschböhmen zur Ansiedlung in die Bukowina eingewandert, 
weil sie erfahren hätten, dafs auf Bukowiner Fondsgütern Ansied- 
lungsplätze zu vergeben wären. Diese Leute hatten kein Geld 
und zerstreuten sich in der Bukowina, um Verdienst zu finden 
und einen Ansiedlungsplatz auf der Herrschaft Solka oder llischestie 
zu erhalten. Da noch immer Ansiedler aus Böhmen und selbst 
aus Bayern kämen, so sollte die Gefällen Verwaltung das Landes- 
gubernium in Böhmen angehen, Ansiedlungswerbern keine Pässe 
zu verabfolgen und den Leuten zu berichten, dafs keine Ansied- 
lungsplätze zu vergeben wären. Die Gefällenverwaltung schritt im 
Sinne dieser Zuschrift am 31. Oktober 1843 bei der böhmischen 
Landesregierung ein. Im Dezember meldeten sich sodann aus der 
Herrschaft Kauth im Klattauer Kreise ^) sogar 1000 Familien zur 
Ansiedlung in der Bukowina und baten um Bekanntgabe der Be- 
dingungen und sonstiger Verhältnisse. Daher richtete die Bezirks- 
verwaltung am 18. Dezember 1843 an die Gefallen Verwaltung eine 
Zuschrift, dafs ohnehin schon aus dem Prachiner Kreise eine be- 
deutende Zahl von Ansiedlungswerbern sich eingefunden hätte. 
Da keine Ansiedlungsplätze vorhanden wären, so sollten die poli- 
tischen Behörden ernstlich einwirken, dafs die Leute von der Reise 
abgehalten und darüber durch ihre Seelsorger belehrt würden. 

Ein kleiner Teil dieser Ansiedlungswerber kam ohne Da- 
zwischenkunft der Wirtschaftsbehörden in Glitt, in der Nachbar- 
schaft von Lichtenberg, unter. Diese Kolonisten gaben Veran- 
lassung, dafs das Bukowiner Ansiedlungswesen auch im ersten 
österreichischen Reichstage (1848) zur Rede kam, was auch Er- 
örterungen über die innere Kolonisation in Osterreich überhaupt 



1) Jetzt im Gerichtsbezirk Neugedein, Bezirkshauptmannschaft Taus. 



Ansiedlung von deutsohböhmischen Bauern. 383 

zur Folge hatte. Diese Verhandlungen sind überaus interessant; 
sie bieten nicht nur ein Zeugnis für den aufkeimenden Hafs gegen 
die Deutschen, sondern zugleich auch einen Beweis für das selbst- 
lose, aber auch recht kurzsichtige Verhalten der liberalen Vertreter 
des deutschen Volkes, 

Veranlassung zur Besprechung des Ansiedlungswesens im 
Reichstag gaben zwei aus der Bukowina eingelangte Gesuche 
um Ansiedlung. Schon unter den ersten Petitionen, welche im 
Vorstandsbureau des Reichstages gleich nach dessen Zusammen- 
tritt (10. Juli) einliefen, ist unter Nr. 14 die Eingabe „mehrerer 
aus Böhmen in die Bukowina eingewanderter Inwohner zu Glitt 
nächst Solka" eingetragen, vermöge welcher sie „um die Zuteilungs- 
genehmigung von Ansiedlungsplätzen und Grundstücken^' baten. 
Und unter Nr. 15 bittet „Mathias Newdona, ausgedienter Kapitu- 
lant, um Zuteilung eines Ansiedlungsplatzes und eines Grund- 
stückes". Zur Beratung kamen diese Petitionen in der 26. Sitzung 
am 21. August. Hier teilte der Berichterstatter des Petitionsaus- 
schusses mit, dafs 16 Ansiedlungsväter im Jahre 1843 auf die 
Sage, dafs im Jahre 1833 eine Ansiedlung in der Bukowina ver- 
lautbart war, ihre Heimat in Böhmen verlassen und sich in der 
Ortschaft Glitt, Kameralherrschaft Solka im Bukowiner Kreise, 
ansässig gemacht hatten. Auf ihre Bitte um Ansiedlung erhielten 
sie zur Antwort, dafs „keine Genehmigung (der Ansiedlungsgrund- 
Sätze) bei Sr. Majestät erfolgt ist". Dieses Gesuch hatte der bereits 
genannte Newdona mitunterzeichnet, aufserdem aber das an zweiter 
Stelle angeführte überreicht, in welchem er auch noch besonders 
seine Bitte „um Anweisung eines Grundstückes gegen Zins in der 
Kameralherrschaft Solka" vortrug und diese durch den Hinweis 
auf den Umstand, „dafs er sechszehn Jahre als Unteroffizier beim 
Militär gedient habe" unterstützte. Der Ausschufs trug an, diese 
Petitionen dem Ministerium befürwortend vorzulegen, obwohl die 
Bittsteller auf keine Ansiedlungsannahme der Herrschaft Solka 
hinweisen konnten. Aus einer weiteren Mitteilung des Bericht- 
erstatters geht noch hervor, dafs diese Leute an der Strafse (Glitt 
liegt neben Lichtenberg an der „verdeckten" Strafse) schon Woh- 
nungen besafsen und sich kleine Ausrodungen gemacht hatten, 
dafs aber dieses nicht zu ihrer vollen Erhaltung hinreichte und 



884 Deutsche Privatansiedlungen. 

sie den Wunsch hegten, gröfsere und ansehnlichere Grundstücke 
zu besitzen, über den Antrag des Petitionsausschusses entspann 
sich eine längere Debatte, wobei sowohl der Widerspruch solcher 
An Siedlungsverträge mit der künftigen Gemeindeverfassung und 
mit dem Kudlichschen Antrag auf Aufhebung des Untertans- 
verhältnisses, als auch die vorläufige Schwierigkeit, im Prinzipe 
sich über die Kolonisation auszusprechen^ betont wurde. Schwierig- 
keiten bereitete dem Antrage der Bukowiner Abgeordnete Czuper- 
kowicz, indem er darauf hinwies, dafs den (National-)Gemeinden 
Hutweiden und Waldabschnitte weggenommen und den Ansied- 
lungen zugeteilt worden seien; das sei nicht recht, denn die Ge- 
meinden hätten selbst nichts; „alles wurde abgenommen und den 
Ansiedlungen zugeteilt**. Daher stellte dieser Abgeordnete den 
Antrag, auf die Bitten der Ansiedler keine Rücksicht zu nehmen, 
weil dadurch die Eingeborenen gefährdet würden, indem Untertans- 
gründe eingezogen und unter die Ansiedler verteilt würden. Diese 
übertriebenen Aufserungen veranlafsten z. B. selbst den deutsch- 
böhmischen Abgeordneten Brauner, wiewohl er das Schicksal 
seiner Landsleute beklagte, sich gegen die Unterstützung der 
Petitionen auszusprechen, damit man nicht „in die Rechte der 
Nationen" eingreife, „wie eine absolutistische Regierung es tat". 
Schliefslich wurde doch der Antrag der Kommission, nachdem auch 
der Justizminister Bach sich dafür erklärt hatte, von der Mehrheit 
angenommen. Gefruchtet hat dies freilich den Bittstellern nichts; 
denn die staatliche Ansiedlung in der Bukowina ist nicht mehr in 
Flufs gekommen. 

Die übrigen in die Bukowina eingewanderten Deutschböhmen 
haben in verschiedenen Orten des Landes Unterkunft gefunden ; viele 
von ihnen liefsen sich neben den Schwaben in Rosch (bei Czernowitz) 
nieder. Im Jahre 1850 entstand auf einem Privatgute die deutschböh- 
mische Ansiedlung Augustendorf bei Moldauisch- Banilla. Den 
Namen führt dieselbe nach ihrer Stifterin, der Gutseigentümerin 
Augusta Petrunella Theodorowicz, welche 20 Familien aus Deutsch- 
böhmen daselbst unterbrachte. Die Ansiedler waren durchaus Hand- 
werker: Tischler, Schuster, Weber, Schneider, Wagner, Schmiede 
und Kohlenbrenner. Jeder der Ansiedler erhielt vertragsmäfsig 24 
Joch Gründe unentgeltlich in ewigen Besitz ; dagegen waren sie ver- 



Deutsche Privatansiedlungen. 385 

pflichtet, die Waldung auszuroden und daraus Ackerfelder und 
Wiesen herzustellen, ferner den einheimischen Bauernstand mit 
dem Handwerk bekannt zu machen. Da ferner die geringe An- 
zahl der Ansiedler einen Lehrer nicht selbst erhalten konnte, 
schenkte die Gutsbesitzerin denselben 8 Joch Feld unter der Be- 
dingung, dafs darauf eine Schule erbaut und das Feld zur Bestif- 
tung des Lehrers verwendet werde. 

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind auch noch andere 
deutsche Ansiedlungen ohne Dazwischenkunft des Staates entstanden. 
Aus den übervölkerten Kolonien der Bukowina wandten sich 
Deutsche in andere Orte, um sich hier anzukaufen. Zu ihnen 
gesellten sich Auswanderer aus einigen galizischen Ansiedlungen. 
So entstanden in bereits bestehenden Ortschaften allmählich deutsche 
Niederlassungen, z.B. in Balaczana (seit 1848), in Storozynetz 
(seit 1851), in Hliboka (seit 1857/58), in Unter-Stanestie (seit 
1860) u. a. Aber auch einige neue deutsche Ortschaften wurden 
von diesen Übersiedlern begründet. So pachteten 1863 zwanzig teils 
einheimische, teils aus Brigidau in Galizien eingewanderte Deutsche 
von Alexander Freiherrn von Wassilko-Serecki einen öden 311 Joch 
messenden Grundkomplex und begründeten auf demselben noch 
in demselben Jahre die Ortschaft Alexandersdorf. Ebenfalls 
auf Wassiikoschem Grunde wurde 1869 von 30 Familien Katha - 
rinendorf erbaut. Auf ähnliche Weise ist in dieser Gegend auch 
Neu-Zadowa am Sereth (1885) und Nikolausdorf (1893) ent- 
standen. Aber auch in andere Ortschaften der Bukowina haben 
sich allmählich deutsche Ansiedler gezogen, so dafs sie auch in 
denselben ansehnliche Teile der Bevölkerung bilden. Genannt seien 
hier Kotzman, Zastawna, Waschkoutz am Czeremosz, Ber- 
hometh am Sereth, Terescheny, Solka, Gurahumora, 
Kimpolung, Dorna Watra und viele andere. In letzter Zeit 
wird vom Verband deutscher landwirtschaftlicher Genossenschaften 
in der Bukowina die Innerkolonisation in Angriff genommen ; man 
hat zu diesem Zweck bereits Gründe in Zadowa und dem be- 
nachbarten Slobodzia Komarestie gekauft. 



K ain dl, Gesch. d. Deutschen i.d Earpath. III. 25 



386 Abstammung u. Anzahl der Deutschon in der Bukowina. 

Abstammung und Anzahl der Deutschen in der Bukowina. 

Die bunte Zusammensetzung des Bukowiner Deutschtums er- 
gibt sich schon aus der vorangegangenen Darstellung. Unter den 
Vertretern der gelehrten und bürgerlichen Berufe finden sich 
Deutsche aus allen deutschösterreichischen Ländern, in ge- 
ringerer Zahl auch aus dem Deutschen Reich. Die deutsche Land- 
bevölkerung weist neben Elementen aus den altösterreichischen 
Ländern vor allem reichsdeutsche Einwanderer auf. Über ihre Ab- 
stammung gilt das über die gleichzeitig nach Galizien und Ungarn 
Eingewanderten Gesagte (S. 118 u. 273). Auch sie stammen zumeist 
aus Südwestdeutschland und werden daher allgemein „Schwaben" 
genannt; Württemberg und Pfalz zählen auch hier zu den am 
häufigsten genannten Heimatländern dieser Ansiedler. Die kurzen 
glockenförmig aufgebauschten Röcke der schwäbischen Frauen, 
die z. B. in Rosch bei Czernowitz getragen werden, erinnern noch 
jetzt lebhaft an die Beschreibung der Kittel der nach Südungarn 
eingewanderten Ansiedierinnen ^). Auch alte Sitten und Bräuche 
haben sich erhalten; sie gleichen überaus jenen der galizischen 
Schwaben. Ebenso klingt auch in den schwäbischen Dörfern 
manches Lied, das man nicht nur in der alten Heimat am Rhein, 
sondern auch bei den Deutschen in Galizien und Südungarn wieder- 
findet, so z. B. „Es stand eine Linde im tiefen Tal" u. a. Be- 
ziehungen zur Heimat haben die Auswanderer noch längere Zeit 
erhalten. So besuchte 1817 der Gerbergeselle Joh. Georg Zach- 
mann aus Illischestie auf seiner Wanderschaft den Heimatsort 
seines Vaters Kieselbronn bei Pforzheim; er berichtete darüber 
seinen Eltern in der Bukowina und forderte sie auf, zur Er- 
langung einer grofsväterlichen Erbschaft die nötigen Schritte 
zu tun. Einen bedeutenden Teil des Bukowiner Deutschtums 
bilden ferner die Deutschböhmen, die zumeist aus dem Böhmer- 
waldgebiete stammen. Auch sie haben heimische Art bewahrt. 
Ein deutscher Forscher aus den Sudetenländern, der vor etwa 
30 Jahren seine Landsleute in Bori besuchte, schreibt darüber: 
„An den meisten Häusern fand ich das Wahrzeichen der heimischen 
Dörfer: St. Johann von Nepomuk, geschnitzt oder gemalt. An 



1) Vgl. oben S. 274. 



Abstammung u. Anzahl der Deutschen in der Bukowina. 387 

ihn erinnerte mich der erste Flachskopf, den ich sah: er hiefs 
Johann. Sein Bruder nannte sich Wenzel, wie die Mutter hinzu- 
fügte, nach dem Vater genannt. Kein Zweifel mehr, dafs ich 
mich in einem echt deutschböhmischen Dorfe befand." Und ein 
ebenfalls mit den Verhältnissen Deutschböhmens vertrauter Schrift- 
steller urteilte vor kurzem (1910) folgendermafsen : „Wunderbar ist 
es, wie sich hier (in der Siedlung Schwarzthal) die Wäldler Kleidung, 
Sitten, Gebräuche, Wohn weise und Sprache vollständig erhielten. 
Der Bursche, mit dem ich den weiten holperigen Weg zurücklegte, 
trug seinen Havelock, seine Strümpfe und seinen grünen Hut wie 
einer aus den böhmischen Wäldern, und wenn man mit den Leuten 
bei Tisch sitzt, und sie ihre Pfeifen dampfen, da denkt man keinen 
Augenblick, dafs man fern im Osten im fremden Lande ist." 
Ferner verweist der Berichterstatter auf das in diesen deutsch- 
böhmischen Kolonien allgemein übliche Tragen von Holzschuhen, 
die im Osten sonst unbekannt sind; man hat für die Böhmer- 
wäldler geradezu den Spitznamen der „Holzpantoffeln" geprägt. 
„In Schwarztal kann man auch den Böhmerwäldler Webstuhl und 
den ausgesprochen Böhmerwäldler Ofen finden. Die Unmenge von 
Heiligenbildern, die aufgetürmten Betten, der hl. Geist im Fenster, 
die Ofenbänke vervollständigen den stilgerechten Ausschnitt Böhmer- 
wäldler Lebens." Schliefslich wohnen im Gebirgsanteil der süd- 
westlichen Bukowina Nachkommen der eingewanderten Zipser, die 
man auch stets mit diesem Namen bezeichnet. 

Die Zahl der eingewanderten deutschen Handwerker, Kauf- 
eute, Beamten, Lehrer usw. auch nur annähernd zu bestimmen, 
ist unmöglich. An deutschen Bauern, Glashütten- und Bergarbeitern 
sind jedenfalls nur einige hundert Familien eingewandert; seither 
hat ihre Zahl infolge der starken natürlichen Vermehrung überaus 
zugenommen. Die gegenwärtige Kopfzahl der christlichen (arischen) 
Deutschen in der Bukowina wird auf etwa 76 000 berechnet. Die 
Zahl der Juden, welche sich zur deutschen Umgangssprache be- 
kennen, dürfte etwa 100000 betragen. 



25 



Zweites Kapitel. 

1. Deutsche Arbeit in der Bukowina, Schaffung städtischer Kultur. Förderung 

der materiellen und geistigen Verhältnisse. — 2. Wirtschaftliche Lage der Buko- 

winer Deutschen. Politische Stellung. Deutschvölkische Schutzarbeit. 

Deutsche Arbeit in der Bukowina. Schaffung städtischer Kul- 
tur. Förderung der materiellen und geistigen Verhältnisse. 

Als die Bukowina an Osterreich kam, war sie ein armes, ödes 
Land. Zum gröfsten Teil von Wäldern und Sümpfen bedeckt, 
durch die türkische Mifswirtschaft ausgesogen, durch zahlreiche 
Kriege verwüstet und entvölkert, mufs sie nach den verläfslichsten 
Berichten geradezu einer Wildnis geglichen haben. Der deutschen 
Regierung, ihren deutschen Beamten und den deutschen Bürgern 
und Bauern verdankte das Land allein seinen raschen Auf- 
schwung. Schon einige Jahrzehnte später machte es gegenüber den 
Nachbarländern den Eindruck einer Kulturoase. Der bekannte 
Forscher J. Rohrer jubelt förmlich in seinen Reisebriefen auf, 
als er 1802 aus der Moldau in die Bukowina kam und in 
Suczawa eine ordentliche Bettstelle fand. Der Reisende Kohl, der 
vor 1840 aus Rufsland kommend, die Bukowina betrat, schildert 
Czernowitz als eine ganz nach deutscher Art gebaute Stadt und 
bemerkt dazu: „Wir glaubten, aus den Niederungen Bessarabiens 
und von den gestalt- und ordnungslosen Ortschaften Podoliens 
kommend, bei diesem Anblick uns in eine andere Welt versetzt, 
und allerdings war es auch wirklich so. Bei dem Anblicke von 
Czernowitz schien uns der ganze europäische Westen nahe vor die 
Augen gestellt zu sein und wir glaubten Deutschland deutHch 
durchzufühlen. Die Stadt kam uns nicht anders als eine Vorstadt 
von Wien vor, freilich 150 Meilen von der Hauptstadt entfernt," 

So rasch hatte sich durch deutsche Arbeit und unter deutschem 
Einflufs das städtische Leben in der Bukowina gegenüber ihren 



Einflufs der Deutschen auf die städtische Kultur. 389 

Nachbarländern gehoben! Auch Czernowitz war bei der öster- 
reichischen Besitzergreifung nur ein elendes Dorf von zweihundert 
Lehmhütten. Kein einziges bemerkenswertes Gebäude war vor- 
handen; keine Brücke, keine ordentliche Strafse, ja nicht einmal 
die nötigen Brunnen. Für die Wohlfahrt der Bevölkerung waren 
nicht die einfachsten Mafsregeln getroffen; von Gesundheitsfür- 
sorge, Feuerlöschwesen u. dgl. fand sich keine Spur. Ebenso 
traurig waren Handel und Gewerbe bestellt ; an die Pflege geistiger 
Bedürfnisse dachte niemand. Nicht anders waren die Verhältnisse 
in den zwei anderen gröfseren Orten des Landes, in Sereth und 
Suczawa, bestellt. Von städtischem Wesen war auch hier kaum 
etwas zu bemerken : die städtische Kultur ist erst durch die Deut- 
schen geschaffen worden. Die neuen Stadtordnungen wurden ganz 
nach deutschem Muster gegeben, und Deutsche hatten an der Neu- 
gestaltung und Verwaltung der Städte bedeutenden Anteil. Daher 
haben auch die Städte vorwiegend deutschen Charakter, wie schon 
einmal im Mittelalter, angenommen und trotz der mehr als sechzig- 
jährigen Verbindung mit Galizien (1786 bis 1849) bewahrt. Eine 
Prüfung der Anschläge, Firmenschilder u. dgl., der Besuch öffentlicher 
Orte, der Verkehr in der Gesellschaft genügt für den Beweis, dafs 
die Städte und gröfseren Märkte der Bukowina zunächst auf 
deutscher Grundlage beruhen und dafs diese überall hervortritt ^). 
Der Einflufs des deutschen Wesens hat sich hier überhaupt um- 
fassender und kräftiger als z. B. in Galizien entwickeln können, 
weil der Boden fast jungfräulich war und die einheimische Be- 
völkerung, die bisher nur Not und Elend erfahren hatte, sich gern 
leiten und lehren liefs. Auch waren hier zu Lande jene scharfen 
Gegensätze zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Deut- 
schen nicht vorhanden, wie sie in Ungarn und Galizien seit Jahr- 
hunderten fortbestanden. 

Wie in der moldauischen Zeit, so haben auch seit 1774 die 
Deutschen vor allem zum Aufschwünge der Gewerbe und des 
Handels beigetragen. Zur Zeit der österreichischen Besitzergreifung 

1) Am 20. Dezember 1910 erklärte der Wortführer der Juden im Czemo- 
witzer Geraeinderate unter lebhafter Zustimmung, „dafs Czernowitz eine mo- 
derne deutsche Stadt ist und dafs in dieser Beziehung österreichische Ver- 
waltung und deutsche Kultur vieles geleistet haben." 



390 Förderung des Gewerbes und der Industrie durch die Deutschen. 

herrschte gänzlicher Mangel an ordentlichen Handwerkern, denn 
das Landvolk deckte und deckt zum Teil auch jetzt noch seine 
Bedürfnisse durch die Hausindustrie. Als 1785 für die Verwalterei 
Onufry an Stelle der vier kleinen papierenen Fenster solche mit 
Glasscheiben bewilligt wurden, zweifelte man daran, ob diese Arbeit 
in der „Stadt" Sereth vollführt werden könnte. Nur allmählich 
veranlafste die deutsche Einwanderung einen Wandel dieser trau- 
rigen Verhältnisse. Der erste Apotheker in Czernowitz hiefs 
Mathias Winkler, der erste Uhrmacher Eisenbart, der erste Buch- 
drucker Eckhart ^) , der erste Bierbrauer Josef Weineck. Die 
neue Bauordnung, welche Schornsteine vorschrieb, führte die ersten 
Rauchfangkehrer nach Czernowitz; sie hiefsen Teinert und Neun- 
teufel. Ebenso wurden zahlreiche andere Gewerbe erst durch 
Deutsche eingeführt, nachdem sie seit dem Rückgang der früher 
deutschen Städte eingegangen waren ^). Auch die ersten ordent- 
lichen Gasthäuser wurden von ihnen errichtet. Viele von diesen 
Gewerbetreibenden waren durch ihre Tüchtigkeit bekannt, und 
einzelne der alten Bürgerfamilien erfreuen sich noch heute be- 
deutenden Ansehens. Über die Förderung der Glasfabrikation und 
des Bergwerksbetriebes durch Deutsche ist schon oben gesprochen 
worden. Bemerkt sei nur, dafs die erste Glashütte durch Ritter von 
Kriegshaber ins Leben gerufen wurde; das Bergwesen fand aber 
durch die steiermärkische Familie Manz hervorragende Förderung. 
Erst unter dem Einflüsse der deutschen Bauern hat sich in der 
Bukowina ein ordentlicher Ackerbau entwickelt. Um diesen Ein- 
flufs richtig zu beurteilen, mufs man wissen, dafs bei der Besitz- 
ergreifung der Bukowina die Landleute insgesamt ihre Acker sehr 
schlecht bestellten, dafs vom Düngen derselben gar keine Rede 
war, ja dafs statt des Dreschens zum Teil noch das Austreten der 
Körnerfrüchte durch Ochsen üblich war ! Der gute deutsche Pflug, 
mit Pferden bespannt, galt noch in späterer Zeit der einheimischen 
Bevölkerung für ein Wunderwerkzeug, welches die „Schwaben" 
aus der Werkstatt des Teufels erhielten; freilich ackerte auch der 



1) Diese Firma errichtete auch in Radautz die erste Papiermühle in der 
Bukowina. 

2) Vgl. Bd. II, S. 402. 



Hebung der Landwirtschaft; Urbarmachung des Landes. 391 

Deutsche mit seinem Gaul in einem Tage viel mehr, als drei bis 
vier eingeborene Bauern mit vier Paar Ochsen vor ihrem landes- 
üblichen Pflugungetüm. Welcher gewaltige Fortschritt durch 
das Beispiel der deutschen Kolonisten unter diesen Verhältnissen 
herbeigeführt wurde, wird im Lande auch allgemein anerkannt. 
Ebenso haben die Deutschen in der Viehzucht und der Milch- 
wirtschaft manche Verbesserung eingeführt; denn wiewohl diese 
früher die Hauptbeschäftigung der Bukowiner Bevölkerung war, 
so ist sie doch auch nur sehr nachlässig betrieben worden. Weder 
auf die gute Rasse der Tiere noch deren Pflege wurde Gewicht 
gelegt. Stallungen fehlten fast gänzlich: das Vieh überwinterte im 
Freien, so dafs jährlich viele Tiere durch Kälte und Raubtiere zu- 
grunde gingen. Auch in dieser Beziehung wurden die deutschen 
Ansiedler die Lehrmeister der einheimischen Bevölkerung. Ordent- 
lich gebaute Bauerngehöfte lernten sie überhaupt erst von ihnen 
herzustellen. In der moldauischen Zeit hatte der Bauer nur 
„kleine, hin und her zerstreute Hütten, mehrenteils ohne Garten, 
ohne Hof, ohne Brunnen". Die „elenden Hütten" waren „schlecht 
von Kot, Strauchwerk und Holz zusammengesetzt". Hinzu kommt 
noch, dafs die deutschen Ansiedler, und zwar vor allem die Deutsch- 
böhmen, auch zur Urbarmachung des Landes ihren redlichen Teil 
beitrugen. Es gilt dies sowohl von den deutschböhmischen Glas- 
arbeitern und Holzschlägern, die bedeutende ürwaldstätten rodeten, 
als auch von den in Bori, Lichtenberg, vor allem aber in Schwarz- 
thal und Buchenhain angesiedelten deutschböhmischen Bauern. Als 
in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts die bei Krasna an- 
sässigen Slowaken die Behörden übermäfsig mit Bitten um bessere 
Ansiedlungsplätze bestürmten, wurde darauf hingewiesen, dafs dort 
auch Deutschböhmen (Althütte, Neuhütte) sefshaft wären, denen 
es nicht einfiele, um andere Gründe zu bitten, da sie wüfsten, dafs 
sie sich nur durch Anstrengung ihrer Kräfte ernähren könnten. 
Von einer Ansiedlung im wilden und rauhen Gebirgstale der Sucha 
(Schwarzthal) wollten die Slowaken nichts wissen, während die 
deutschen Kolonisten die Ansiedlung dort annahmen und im 
wildesten Urwald eine neue Heimstätte begründeten. Eine leichte 
Arbeit war das freilich nicht; die Behörden hatten selbst ge- 
zweifelt, ob die vermögenslosen Ansiedler das schwierige Werk 



392 Hebung der Landwirtschaft; Urbarmachung des Landes. 

vollbringen würden. Aus einem Schreiben des Solker Wirtschafts- 
amtes erfahren wir, dafs sich in Schwarzthal und Buchenhain 
keine freien und unbestockten Plätze zur Unterbringung der An- 
siedler fanden, deshalb waren in beiden Gegenden an der für den 
künftigen Verkehrsweg geeignetsten Stelle möglichst grade Aus- 
lichtungen in der Breite von 15 bis 20 Klaftern durch die An- 
siedler anzulegen. Diese Auslichtung wurde in so viele gleiche 
Strecken abgeteilt, als Ansiedler beantragt wurden. Möglichst in 
der Mitte jeder dieser Abteilungen nächst der zur Stralse be- 
stimmten Linie sollten die Hausplätze abgesteckt werden. Es 
handelte sich also tatsächlich hier um An Siedlungen mitten im 
Urwald, und zur Rodung eines Loses waren nach einer Berech- 
nung aus jener Zeit zehn Jahre nötig, was aber gewifs noch nicht 
langte. Die gröfste Schwierigkeit bestand darin, dafs in diesen 
Gebirgsgegenden kein Verdienst zu finden war, von dem die 
Kolonisten, während sie ihre Gründe rodeten, hätten leben können. 
Erst als Pottaschehütten errichtet worden waren, konnten sie auf 
ihren Ansiedlungsstätten ausharren. Mit dem Roden wurde z. B. 
in Schwarzthal in der Regel der Anfang in der Weise gemacht, 
dafs man von einem starken Ahornbaum einen 1t Klafter (3 m) 
hohen Stumpf stehen liefs und in seiner Nähe alle Bäume bis auf 
weitere vier entsprechend hohe Stümpfe niederhieb. Diese Stümpfe 
bildeten die Pfeiler des Hauses, dessen Seitenwände aus Bretter- 
verschlägen bestanden und dessen Dach aus Brettern hergestellt 
wurde, die man mit Steinen beschwerte. Solch eine Hütte sah 
noch vor etwa 30 Jahren der bekannte Historiker Loserth, der, 
selbst ein Deutscher aus den Sudetenländern, hierher gekommen 
war, um seine Landsleute zu besuchen, und dem wir manche 
wissenswerte Mitteilung über sie verdanken. Nachdem sich die 
wackeren Leute so eingerichtet hatten, begann dann das Lichten 
der Wälder. Gegenwärtig sind dieselben nur allzusehr nieder- 
gehauen ; an ihrer Stelle finden sich saftige Wiesen und in tieferen 
Lagen auch Korn- und Gerstenfelder oder Klee wiesen. Die Häuser 
stammen meist aus jüngerer Zeit und sind recht schön. Da aber 
für die anwachsende Bevölkerung — man zählte 1900 in Schwarz- 
thal 508 Deutsche — das schmale Tal zu eng wurde, so zogen 
sie sich abwärts nach Negrilassa, wo sie bedeutende Grunderwer- 



Deutscher Anteil am Handel und an der Holzindustrie. 393 

bungen machten, indem sie von der einheimischen, meist rumäni- 
schen Bevölkerung die an der Talsohle liegenden Gründe erstanden. 
Hier erbauten Deutschböhmen auch einige Sägewerke, wozu zu 
bemerken ist, dafs schon 1843 Schwarzthaler Bauern aus wert- 
vollem Holze (Eschen und Ahorn) Bretter schnitten und sich da- 
durch mehrere hundert Gulden verdienten. Aber auch noch weiter, 
nach Ostra, zogen die Ansiedler aus Schwarzthal, ebenso ver- 
breiteten sie sich über andere Orte. Das Gesagte möge genügen, 
um uns von der von diesen Kolonien geleisteten Arbeit ein Bild 
zu machen. Erwähnt sei nur noch, dafs auch viele deutsche 
Wirtschaftsbeamte sich Verdienste um die Kultivierung des Landes 
erworben haben. 

Wie schon angedeutet wurde, begann unter deutschem Einflufs 
auch die Ausnützung der grofsen und reichen Wälder des Landes. 
Als die Bukowina an Osterreich kam, hatte der Wald keinen 
Wert. Holzhandel wurde nicht betrieben. Im ganzen Lande gab 
es keine Brettsäge : jedes Brett mufste mit der Axt zu rechtgehauen 
werden ; Deutsche errichteten die ersten Brettsägen. Ein Deutscher 
war es auch, der den ersten gröfseren Holztransport aus den 
schönen bukowiner Wäldern versuchte. Im Jahre 1816 unternahm 
Michael Steurer auf der Goldenen Bistritz die erste Holzflöfsung 
nach Konstantinopel, nachdem er am Bache Kolbu in der süd- 
lichen Bukowina eine Brettmühle hergestellt hatte. Steurer kam aber 
mit den mühsam zusammengestellten Holzflöfsen nur kaum zwanzig 
Meilen weit in die Moldau; dort wurde ihm das ganze Material 
abgenommen und blieb trotz mancher Versuche verloren. Später 
hat Steurer, dem sich auch Gottlieb Hügel beigesellte, ähnliche 
Versuche gemacht. Aber erst dem energischen Kameralmandatar 
Peter Strohmeyer ist im Jahre 1843 ein bedeutender Transport 
von Schiffsbauholz nach Galatz gelungen. Im folgenden Jahre 
brachte derselbe schon 120 Flöfse bis ebendahin, von wo er sich 
nach einem günstigen Verkaufe des dahingeschafften Schiffsbau- 
materials bis Konstantinopel verfügte und daselbst günstige Be- 
ziehungen für die Entwicklung des bukowiner Holzhandels ab- 
schlols. Seither hat sich der Holzhandel und die Holzindustrie 
der Bukowina sehr erspriefslich entwickelt; sie werden auch gegen- 
wärtig zum grofsen Teile von Deutschen betrieben. 



894 Einflufs der Deutschen auf die geistige Kultur. 

Aber nicht nur die materielle Kultur haben die eingewan- 
derten Deutschen gefördert; es gilt dies in gleichem, wenn nicht 
noch in bedeutenderem Mafse von der geistigen. Zur Zeit der 
Besitzergreifung der Bukowina durch Osterreich war hier die 
Bildung gleich Null. „Der Edelmann sowohl als der geistliche 
Stand hat fast gar keine Studien oder sonstige Edukation, und 
der Bauernstand ist folglich um so roher *^, lautet ein Bericht des 
ersten Landesverwesers Spl^ny (1775). Von den Adligen war nach 
den Angaben seines Nachfolgers im Amte, des Generals Enzenberg, 
Basil von Balsch „der einzige sowohl vom geistlichen als welt- 
lichen Stand, der eine andere als die walachische Sprache erlernt 
hatte und auf die Rechte und Wissenschaften sich verlegte". Viele 
von den anderen Adligen konnten auch nicht lesen und schreiben. 
Die Geistlichen sind gegen das Ende der moldauischen Regierung 
durch Drohungen zum Lesenlernen gezwungen worden; konnte 
doch selbst der Vikar des moldauischen Erzbischofs, welcher zur 
Zeit der Okkupation die Bukowina pastorierte, weder lesen noch 
schreiben! Von allen bukowiner Geistlichen und Mönchen hatte 
keiner die Eignung, an den von der österreichischen Regierung 
begründeten Schulen als Lehrer angestellt zu werden. In den 
bukowiner Dörfern waren nur wenige Leute zu finden, welche 
auch nur das Vaterunser zu beten wufsten. Schulen waren so 
gut wie gar keine vorhanden. So standen die Verhältnisse, als die 
Bukowina an Osterreich gelangte. Welch ungeahnten Aufschwung 
hat die Volksbildung, das höhere ünterrichtswesen und die Wissen- 
schaft seither genommen ! Über 500 Volksschulen, an denen neben 
Rumänisch, Ruthenisch und Polnisch auch Deutsch gelehrt wird, 
sorgen für die niedere Volksbildung; an vielen dieser Schulen ist 
Deutsch geradezu die Unterrichtssprache ^). Die zahlreichen Mittel- 
und Fachschulen sind vorwiegend deutsch. Und vollends die östlichste 
deutsche Hochschule, welche dem Lande zur Feier der 100 jährigen 
Verbindung mit dem Kaiserstaate im Jahre 1875 geschenkt wurde 
und die sich allgemeiner Sympathien in allen Kreisen und bei 



1) Am 31. Dezember 1909 war an 76 Volksschulen Deutsch die ausschlief s- 
liche Unterrichtssprache; an 33 Schulen wurde Deutsch neben anderen Landes- 
sprachen als Unterrichtssprache gebraucht. 



Einflufs der Deutschen auf die geistige Kultur. 305 

allen Nationen des Landes erfreut! Welch gewaltiges Stück 
deutscher Kulturarbeit bedeutet der Umstand, dafs in dem Lande, 
wo im Jahre 1775 nur wenige die Landessprachen lesen konnten, 
nach nur hundert Jahren die Begründung einer deutschen Uni- 
versität möglich wurde, welche einem allgemeinen Bedürfnisse ent- 
gegenkommt! Kaum bedarf es einer näheren Erörterung, von 
welcher Bedeutung diese Hochschule für die Erweiterung und Ver- 
tiefung der Bildung in der Bukowina geworden ist. Ein bedeu- 
tender Gewinn war schon der durch sie veranlafste Zuzug zahl- 
reicher deutscher Gelehrten. Näher darauf einzugehen, müssen 
wir uns versagen; es dürfte genügen, auf die im Jahre 1900 zur 
Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestandes der Universität er- 
schienenen Festschriften zu verweisen. Ausdrücklich möge nur 
erwähnt werden, dafs Professoren, Beamte und Schüler der Uni- 
versität an der in der jüngsten Zeit sich entfaltenden landes- 
kundlichen Forschung lebhaften Anteil nehmen. Die Pflege der 
Landeskunde ist überhaupt vorzüglich durch Deutsche gefördert 
worden. 

Deutschen vor allem verdankt auch das Landesmuseum sein 
Bestehen und seine Entwicklung; in den Jahrbüchern desselben 
begegnet man fast ausschliefslich deutschen Mitarbeitern. Ebenso 
ist das Bukowiner Gewerbemuseum eine deutsche Gründung. 
Deutsch ist das einzige ständige Theater des Landes, Deutsche 
nehmen regen Anteil an dem Verschönerungsvereine von Czemo- 
witz und an ähnlichen gemeinnützigen Unternehmungen. In deutscher 
Sprache finden die zahlreichen Vorträge in Czernowitz statt, dar- 
unter seit einigen Jahren vor allem die von den Professoren und 
Dozenten der Universität veranstalteten volkstümlichen Kurse. 

Doch es würde zu weit führen, wollten wir hier ausführlich 
alle Seiten der Tätigkeit der Deutschen in der Bukowina beleuchten. 
Was die Bukowina heute ist, verdankt sie vor allem deutschen 
Kultureinflüssen und zum grofsen Teile deutscher Arbeit. 

Wirtschaftliche Lage der bukowiner Deutschen. Politische 
Stellung. Deutschvölkische Schutzarbeit. 

Die wirtschaftliche Lage der Mehrzahl der Deutschen in 
der Bukowina beweist, dafs sie rührig zu schaffen verstehen. 



396 Wirtschaftliche Verhältnisse der bukowiner Deutschen. 

Dies gilt vor allem von den deutschen Bauern. Wie nach Ga- 
lizien und Ungarn haben auch die bukowiner Ansiedler zwar 
manchen Gulden aus der alten Heimat mitgebracht, auch sind 
allerlei Reichsforderungen für sie nachträglich eingetrieben worden^ 
im grofsen und ganzen aber haben sie sich erst hier zu Wohlstand 
emporgeschwungen. Am besten erging es den im Hügel- und 
Flachland angesiedelten „Schwaben". Fruchtbringend erweisen 
sich vor allem die Wirtschaften der Deutschen in der Nähe von 
Czernowitz, welche Stadt sie zum grofsen Teile mit den Bedürf- 
nissen des täglichen Lebens versehen. Frühmorgens sieht man die 
reinlich in ihren überaus weiten gesteiften bunten Röcken einher- 
schreitenden Frauen mit den Milchgefafsen in die Stadt und von 
Haus zu Haus eilen. Grofse Wagen, hochbeladen mit Körben, in 
denen allerlei Gemüse, Obst u. dgl. enthalten sind, führen die 
Männer zum Marktplatz, wo dann die Frauen den Verkauf be- 
sorgen. Sind doch die Schwaben als besonders eifrige und ge- 
schickte Gemüsebauer bekannt, wie sie nicht minder zum grofsen 
Teile das bessere Obst feilbieten, und nicht wenige Hausfrauen 
wollen auch nur von den deutschen Wirtinnen Butter, Rahm u. dgl. 
kaufen, weil diese reinlicher damit umgehen. So ist die „Schwäbin" 
stets ihres guten Erlöses sicher und bringt manches schöne Stück 
Geld heim. Natürlich wirft auch der Getreidebau, ferner die Vieh- 
und besonders die Pferdezucht guten Nutzen ab. Hierzu kommt 
noch, dafs die Männer als Handwerker, und zwar insbesondere als 
tüchtige Maurer und Zimmerleute, einen guten Erwerb finden. So- 
wohl in der Bukowina als auch in Rumänien, wohin diese Leute sich 
für die Sommermonate in grofser Zahl begeben, finden sie bei 
allen Bauten leicht reichliche Arbeit. Insbesondere in Rumänien, 
wo an tüchtigen Bauleuten Mangel herrschte, war der Verdienst früher 
so lohnend, dafs die bukowiner Deutschen von dort erkleckliche 
Summen Geldes mitbrachten. So sind auch z. B. in Glitt und im 
benachbarten Lichtenberg die im Vergleich mit den örtlichen Ver- 
hältnissen geradezu stattlichen Häuser mit Geldmitteln erbaut 
worden, welche in der Moldau erworben wurden. Hierzu möge 
ausdrücklich bemerkt werden, dafs diese Handwerker in der Regel 
nicht auf diesen Verdienst allein angewiesen sind; denn während 
sie ihrer Beschäftigung nachgehen, werden von den Frauen und 



Wirtschaftliche Verhältnisse der bukowiner Deutschen. 31^7 

männlichen Anverwandten die Wirtschaften bestellt. Die deutschen 
Wirtschaften erkennt man auch heute noch leicht auf den ersten 
Blick; so vorteilhaft zeichnen sie sich vor jenen der einheimischen 
Bauern aus. Viele von den deutschen Landwirten sind Grofs- 
bauern im besten Sinne des Wortes. Die Gemeinde Deutsch- 
Tereblestie ist in der seltenen glücklichen Lage, keine Gemeinde- 
umlagen ausschreiben zu müssen. Sie besitzt eine grofse Hut- 
weide, die parzellenweise an Ortsinsassen verpachtet wird und von 
deren Pachtschilling alle Umlagen bestritten werden. 

Anders verhält es sich mit jenen Kolonien, deren Insassen als 
Bergleute, Werkarbeiter und Glasmacher angesiedelt worden sind. 
Durch das Einstellen fast aller dieser Betriebe, welches in den 
letzten Jahrzehnten infolge Mangels an Unternehmungslust eintrat, 
ist diesen Ansiedlungen der Lebensnerv abgeschnitten worden, und 
diese, zumeist in gebirgiger, wenig fruchtbarer Gegend und ohne 
hinreichende Gründe angesiedelten Menschen sind bitterer Not 
ausgesetzt. Dies ist z. B. in den früheren Glashüttenansiedlungen 
Alt- und Neuhütte, ferner in Karlsberg der Fall; nur die An- 
lage von Holzindustrie werken hat am letzteren Orte jetzt wieder 
das Elend gemildert. Vor allem begegnet man aber in den früheren 
Bergwerks- und Gewerksorten den bittersten Klagen; insbesondere 
wird von den Leuten die Verwaltung des griechisch-orientalischen 
Religionsfonds, welche die vom früheren Besitzer Manz übernommenen 
Werke brach und kalt liegen läfst, mit Vorwürfen überhäuft. 
Schon Loserth stellte dies fest. „Im Jahre 1881, schreibt er, fand 
ich noch ein altes Mütterchen, das mir von ihrer Einwanderung 
anno 1806 erzählte und von Kaiser Franz, der es besser mit ihnen 
gemeint habe, als es ihnen nunmehr ergehe." Ahnliche Klagen 
kann man in allen diesen Ansiedlungen hören. Die als Berg- und 
Hüttenleute herbeigerufenen Ansiedler müssen ihr Brot als Holz- 
knechte, Flöfser u. dgl. verdienen oder in die Fremde ziehen. Mit 
Sehnsucht wünschen sie daher die Wiederaufnahme des Betriebes 
in den verlassenen Werken. Diesem Wunsche ist tatsächlich 
einigermafsen entsprochen worden, indem besonders die Mangan- 
werke in Jakobeny erweitert wurden; dagegen werden über den 
Betrieb der Schwefelkiesgruben in Luisental wieder laute Klagen 
geführt. Auch mit anderen Schwierigkeiten hatten die Bergwerks- 



898 Wirtschaftliche Verhältnisse der bukowiner Deutschen. 

kolonien zu kämpfen. Den Ansiedlern war der Boden, auf dem 
sie sich niederliefsen und ihre Häuschen erbauten, niemals rechts- 
gültig in erblichen Besitz übergeben worden. Als die Bergwerke 
in den Besitz des griechisch-orientalischen Religionsfonds kamen, be- 
trachtete dieser sein Verhältnis zu den Ansiedlern stets als Pacht- 
vertrag. Dies hatte zur Folge, dafs den Kolonisten, mit denen die 
Bergverwaltung aus irgendeinem Grunde unzufrieden war, gekün- 
digt wurde, so dafs sie den nach ihrer Meinung erbgesessenen Boden 
verlassen mufsten. Nach langjährigen Bitten und Vorstellungen 
wurden endlich 1898 bis 1909 in den Kolonien Eisenau, Freuden- 
tal, Jakobeny, Kirlibaba, Pozoritta und Luisental allen Ansiedlern 
Haus- und Gartengründe gegen mäfsiges in Raten abzustattendes 
Entgelt verkauft; auch Familien, die bisher keinen Grundbesitz 
hatten, wurde Gelegenheit zur Erwerbung geboten. Weniger 
günstig wurde eine zweite Forderung dieser Ansiedlungen gelöst. 
Wiewohl einzelne von ihnen, z. B. Eisenau, früher selbständige 
Gemeinden waren, sind sie in den letzten Jahrzehnten als soge- 
nannte Gutsgebiete behandelt worden , in denen die Vertreter des 
Religionsfonds die Gemeindegeschäfte besorgten. Ahnlich verhält 
es sich mit anderen deutschen Siedlungen auf privaten Gutsgebieten, 
z. B. in Neu-2adowa. Das Streben dieser Ansiedlungen ging da- 
hin, in selbständige Gemeinden umgewandelt zu werden. Indessen 
sind sie durch eine Verordnung von 1909 den benachbarten anders- 
sprachigen Gemeinden einverleibt worden und werden von deren 
Majoritäten bedrückt. Ahnliches ist in jenen Ansiedlungen der 
Fall, die auf dem Boden anderssprachiger Ortsgemeinden entstanden 
sind und bisher von ihnen politisch noch nicht getrennt wurden ^); 
sie werden in ihren wirtschaftlichen und völkischen Interessen 
schwer geschädigt. 

Die politische Lage der Deutschen in der Bukowina hat sich 
leider in der letzten Zeit bedeutend verschlechtert. Ungefähr ein 
Jahrhundert lang hat die einheimische Bevölkerung, vor allem die 
Rumänen und Ruthenen, die deutschen Verdienste gern anerkannt 

1) Von den bereits von den Stammgemeinden abgesonderten Kolonien ist 
Deutsch- Arbora Yor etwa 45 Jahren wieder mit Kumänisch-Arbora vereinigt wor- 
den; dagegen bestehen nebeneinander z. B. Deutsch- und Rumänisch -Fratautz, 
Deutsch- und Rumänisch-Satulmare, Deutsch- und Rumänisch-Tereblestie. 



Politische Lage der Deutschen in der Bukowina. 399 

und den Deutschen die ihrer Arbeit und ihrem Wissen entsprechende 
Stellung eingeräumt. Diese günstige Entwicklung ist dem Um- 
stände zuzuschreiben, dafs die Deutschen, von altösterreichischer 
Hberaler Gesinnung erfüllt, eifrig sich der Kulturarbeit widmeten, 
ohne dafs sie eine überragende Stellung oder auch nur die Siche- 
rung ihrer Positionen angestrebt hätten. So wurde alles vermieden, 
was einen Gegensatz zur einheimischen Bevölkerung verursachen 
konnte. Anderseits war die Lage in der Moldau vor dem An- 
falle der Bukowina an Osterreich so zerrüttet, dafs von einem 
staatlichen oder nationalen Gefühle bei der armen Bevölkerung 
kaum die Rede sein konnte. Sie nahm daher die Wohltaten der 
deutschen Regierung und der deutschen Kulturarbeit willig und 
dankbar entgegen. Dazu stand die Masse der bukowiner Be- 
völkerung in ihrer weltfremden Zurückgezogenheit den modernen 
Geistesströmungen fern. So kam es, dafs die Deutschen ihre Arbeit 
ruhig fortsetzen konnten, ihr Kultureinfluss stetig um sich griff. 
Es ist noch nicht lange her, dafs einer der hervorragendsten Führer 
der bukowiner Rumänen, Baron Nikolaus v. Mustazza, zum König 
von Rumänien sagte; „Wir (bukowiner Rumänen) sind deutsch 
erzogen." Und noch vor einigen Jahren, am 2. September 1905, 
enthielt die rumänische Zeitung „Vointa Poporului" einen Aufsatz, 
der folgenden Wortlaut hatte: „Brüder, lebet gut mit den Deut- 
schen. Die deutschen Kolonisten sind fast ausschliefslich in den 
von den Rumänen bewohnten Teilen des Landes ansässig. Sie 
sind gute Wirte, bearbeiten den Boden gut, wissen schönes Vieh 
aufzuziehen und sind häufig auch Handwerker. Jeder Bauer weifs, 
dafs die schönsten Pferde und auch das schönste Hornvieh von 
den Deutschen aufgezogen wird. Die Deutschen sind sehr häufig 
Schmiede, Krämer, Schneider, Wagner usw. Sie sind sehr arbeit- 
same Menschen, anständig und friedliebend. Betrachtet nur die 
deutschen Wirtschaften : sie haben schöne Häuser, grofse Scheuern 
und Stallungen und zeichnen sich durch eine augenfällige Rein- 
lichkeit aus. Von den deutschen Kolonisten haben unsere Ru- 
mänen viele gute Dinge gelernt und lernen sie noch heute. Die 
Deutschen lieben die Schule, schicken mit Vorliebe ihre Kinder 
in die Schule, so dafs es keinen Deutschen gibt, der nicht lesen 
und schreiben könnte. Das ist sehr gut, denn dadurch wird das 



400 Politische Lage der Deutschen in der Bukowina. 

Volk erleuchtet, und nur ein erleuchtetes Volk kann sich vor Be- 
trügereien aller Art schützen. Wir wünschen von Herzen, dafs 
diese Art der Deutschen tief auch in das rumänische Volk ein- 
dringe, weil dann unsere Bauernschaft nicht mehr die Beute 
schlauer Geschäftsleute würde." Bemerkt sei nur noch, dafs z. B. 
die ruthenischen Bewohner von Kotzman 1903 die stärkere Be- 
rücksichtigung der deutschen Unterrichtssprache in ihrer Volks- 
schule forderten; dagegen den Unterricht der polnischen Sprache, 
der in der alten Schulerrichtungsurkunde als obligater Gegenstand 
für alle Kinder festgestellt war, auf die polnischen Kinder ein- 
schränkten. Aber diese der gerechten Würdigung deutscher 
Kulturarbeit entsprungenen Anschauungen haben allmählich einer 
weniger freundlichen Stimmung Platz gemacht. Obwohl die 
Deutschen stets gegenüber den anderen Volksstämmen des Landes 
eine ruhige, anspruchslose Stellung einnahmen, niemals Entnatio- 
nalisierungspläne hegten und den nationalen Bedürfnissen ihrer 
Mitbewohner sich nie verschlossen, wird seit einer Reihe von Jahren 
eine feindliche Stimmung gegen sie genährt. Die sicheren An- 
zeichen dafür mehren sich in den letzten Jahren überaus. Die 
deutschen Minoritäten in einzelnen Gemeinden werden bedrückt; 
die bisherige deutsche Verhandlungssprache der Gemeindevertretung 
in Kimpolung wurde durch die rumänische und in jener von Ne- 
polokoutz durch die ruthenische ersetzt. Führende Männer der 
Ruthenen und Rumänen erklären die Landeshauptstadt blofs des- 
halb, weil sie deutschen Charakter hat, als „einen Fremdkörper 
in unserem Fleische '•; sie bekämpfen die Stadt im Landtage, ja 
sie verweigern dem deutschen Stadttheater in Czernowitz, dem 
einzigen des Landes, die bisher gewährten Geldunterstützungen. Be- 
sondeis feindlich treten auch einzelne polnische Führer gegen die 
Deutschen auf. 

Bei dieser Stimmung ist es leicht erklärlich, dafs gerechte 
Wünsche der Deutschen des Landes keine Berücksichtigung finden. 

Berechtigte schwere Klagen führen die Deutschen vor allem über 
die Zurücksetzung im Schulwesen. Wohl ist Deutsch die Vortrags- 
und Amtssprache der Universität Czernowitz und an mehreren 
Mittelschulen des Landes; an den anderen Mittelschulen wird es 
wenigstens in ausreichendem Mafse berücksichtigt und auch an 



Politische Lage der Deutschen in der Bukowina. 401 

den Volksschulen ist es teils Unterrichtssprache, teils Unterrichts- 
gegenstand. Trotzdem sind die deutschen Kinder in einer grofsen 
Anzahl Gemeinden, in denen die Deutschen die Minderheit bilden, 
im grofsen Nachteile. In solchen Gemeinden ist nämlich die Unter- 
richtssprache rumänisch oder ruthenisch; das Deutsche wird dann 
nur nebenbei als Unterrichtsgegenstand, und überdies in der Regel 
von nichtdeutschen Lehrern gelehrt. Die Folge ist ein Zurück- 
bleiben in den Kenntnissen der Muttersprache, im weiteren Ver- 
laufe der Verlust des deutschen Volkstums. So gibt es in Kor- 
lata Rumänen mit Namen Rumpel, Seibert und Radmacher; in 
Woronetz rumänische Familien mit Namen Lommer, Friedel und 
Aschenbrenner; in Gurahumora Eib und Aschenbrenner, in Drago- 
jestie und Mazanajestie Stolz, Kipper, Kristel, Nunweiler, in Stupka 
Melzer. Da in den Dörfern, in welchen deutsche Landleute zer- 
streut wohnen, keine katholischen und protestantischen Priester 
vorhanden sind, so werden Deutsche oft von den orientalischen 
getauft und widerrechtlich als Angehörige ihrer Kirche eingetragen. 
Mit dem Glaubenswechsel ist auch die Entnationalisierung erleichtert. 
Leider wird das berechtigte Verlangen der Deutschen nach deut- 
schen Minoritätsschulen nicht entsprechend gewürdigt. Wie in Ga- 
lizien müssen daher die Gemeinden zur Errichtung von Privatschulen 
schreiten ; die grofsen Kosten dafür sind armen Orten unerschwinglich. 
Der Wiener Deutsche Schulverein unterstützt diese Bestrebungen 
schon seit dem Jahre 1882, also fast seit der Zeit seiner Gründung 
(1880), doch wäre unbedingt eine stärkere Berücksichtigung nötig. 
Für die Deutschen in der Bukowina ist es um so schmerzlicher, 
dafs ihr Ruf nach öffentlichen deutschen Schulen für deutsche Kin- 
der nicht berücksichtigt wird, als sie ähnlichen Forderungen der 
anderen Nationalitäten bereitwillig zustimmen. So haben die deut- 
schen Gemeinderäte von Czernowitz, die hier in der Gemeinderats- 
stube über ein Drittel aller Stimmen verfügen, die Errichtung ru- 
mänischer, ruthenischer und polnischer Volksschulen in der Landes- 
hauptstadt bereitwiUig zugestanden; früher waren daselbst alle 
■öffentlichen Volksschulen deutsch, die anderen Sprachen wurden 
nur als Unterrichtsgegenstände gelehrt. Die Erklärung über das 
Zugeständnis der „nationalen" Schulen schlofs der Obmann des 
Verbandes der deutschen Gemeinderäte unter grofsem Beifall mit 

K a i n d 1 , Geach. d. Deutschen i. d. Karpaih. III. 26 



403 Politische Lage der Deutschen in der Bukowina. 

dem Wunsche: „Kommen Sie uns im Lande gerade so entgegen, 
wie wir Ihnen in der Stadt entgegenkommen; lassen Sie unseren 
Kindern den vollen Unterricht in ihrer Muttersprache zuteil 
werden** (1909). 

Nicht ganz befriedigend sind auch die kirchlichen Verhältnisse 
unter den katholischen Deutschen. Die bukowiner katholische 
Kirche untersteht dem Lemberger Erzbistum, das den Bedürf- 
nissen der Deutschen nicht Rechnung trägt. An deutschen Priestern 
herrscht wie in Galizien so auch in der Bukowina Mangel; in 
deutschen Gemeinden werden zumeist polnische Priester angestellt, 
die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und durch deren 
fehlerhaften, mitunter sinnstörenden Gebrauch Anstofs beim Gottes- 
dienste erregen. Dazu kommt, dafs sie vollständig im polnischen 
Lager stehen und ihre Stellung zu nationalen Umtrieben mifs- 
brauchen. Sie beschimpfen die Deutschen, eifern gegen ihre natio- 
nalen Vereine und veranlassen sie, polnischen Vereinen beizutreten. 
Soll doch sogar vorgekommen sein, dafs einem Deutschen sein j 
polnischer Pfarrer die Trauung verweigerte, weil er Mitglied des 
Deutschen Schul Vereins war! Auch Polonisierungen deutscher 
Namen in den kirchlichen Matrikelbüchern (wie Schwarz in Szwarz, 
Schuster in Szuster, Pscheid in Pszeid) kommen vor. Bei der 
Anlegung der nationalen Wahllisten und der Durchführung von 
Volkszählungen sind die Umtriebe einzelner dieser Seelsorger für 
das Deutschtum überaus gefahrlich. Glücklicherweise ist es bisher 
nicht gelungen, die katholischen und evangelischen Deutschen zu 
entzweien, wiewohl leider auch von deutscher Seite Versuche dazu 
gemacht wurden. Die Bukowina ist infolge der mannigfaltigen 
hier verbreiteten Religionsbekenntnisse ein Gebiet, in dem religiöse 
Unduldsamkeit nicht leicht um sich greifen kann. 

Weit günstiger als in Galizien und in Ungarn ist in der Bu- 
kowina die Lage der Deutschen infolge des Vorherrschens der 
deutschen Sprache als eines allgemeinen Verständigungsmittels und 
als Amtssprache. Den Westländer, der durch Galizien mittelst 
Bahn in die Bukowina fährt, berührt es stets überaus angenehm, 
wenn er statt des polnischen „ gotöw ! " an der bukowiner Grenz- 
station das deutsche „fertig!" hört. Und denselben Eindruck er- 
hält man im ganzen Lande. Das Deutsche hat sich ohne Zwang 



Politische Lage der Deutsehen in der Bukowina. 403 

hier verbreitet und hat auch für die Zukunft gute Aussichten als 
allgemeine Vermittlungssprache benutzt zu werden. Ohne das 
Deutsche würde in dem vielsprachigen Ländchen der Verkehr 
stocken und jeder Fortschritt unterbunden sein. Die entwicklungs- 
föhige und entwicklungsfreudige Bevölkerung des Landes weifs 
dies ganz genau und legt daher auch in ihren nationalen Schulen 
Gewicht auf die Erlernung der deutschen Sprache. Die Bukowina 
ist viel zu klein, als dafs sie etwa in ein rumänisches und ruthe- 
niches Verwaltungsgebiet getrennt werden könnte. In den letzten 
Jahren erheben aber auch die Polen Ansprüche auf Anerkennung 
als vierte gleichberechtigte Nation des Landes. Man ersieht daraus, 
dafs ohne die deutsche Vermittlungssprache unhaltbare Verhältnisse 
entstehen würden. Dazu kommt, dafs die grofse Anzahl der Juden 
den hohen Wert der deutschen Sprache im Verkehr und Handel, 
sowie für die Beziehungen zum Westen wohl zu schätzen weifs. 

Glücklicher als die Deutschen in Galizien und in Ungarn sind 
jene in der Bukowina auch deshalb daran, weil sie sowohl in den 
Reichsrat als in den Landtag Abgeordnete entsenden. Die neue Reichs- 
ratswahlordnung von 1907 und die Landtagswahlordnung von 1910 
haben zu mindestens einen Teil der berechtigten Wünsche der 
Deutschen verwirklicht. Leider hat das sogenannte Landgemeinden- 
mandat für den Reichsrat arge Zwietracht zwischen den Deutschen 
in der Bukowina hervorgerufen, und ebenso birgt die Einführung 
des nationalen Katasters in die Landtagswahlordnung für die Deut- 
schen eine Gefahr, weil sie mit den Juden in einem Kataster ver- 
einigt sind und von diesen überstimmt werden können ^). 

Zu den für die Deutschen günstigen Umständen zählt ferner 
ihre auch noch gegenwärtig höhere Volksbildung. Während in 
rumänischen und ruthenischen Dörfern den zu „Bürgermeistern" 
gewählten Männern auch noch jetzt häufig die Nachsicht von der 
Kenntnis des Lesens und Schreibens gewährt werden mufs, ist ein 
ähnlicher Fall in deutschen Ansiedlungen kaum jemals vorgekommen. 
Ebenso ist der grofse Kinderreichtum in den ländlichen Familien 
von grofser Bedeutung; dazu kommt infolge der besseren Pflege 



1) Tatsächlich ist dies schon bei der ersten nach der neuen Wahlordnung 
vorgenommenen Landtagswahl (Mai 1911) geschehen. 

26* 



404 Auswanderung. 

die geringere Kindersterblichkeit. Die Folge dieser Faktoren ist 
ein verhältnismäfsig rasches Anwachsen der Deutschen. Unter- 
stützt durch ihren Fieifs und ihre Betriebsamkeit breiten sich die 
Deutschen von den ursprünglichen Kolonien in die benachbarten 
Ortschaften aus und kaufen sich hier an. 

Leider hat auch unter den bukowiner Deutschen am Anfang 
des 20. Jahrhunderts die Auswanderungslust zugenommen. Veran- 
lafst wurde sie teils durch die in Galizien hervorgerufene Be- 
wegung, teils durch Agenten, die sich im Lande umhertrieben und 
in deren Interesse es lag, ihren Firmen möglichst viele Auswanderer 
zuzuführen. Von der in der ganzen Bukowina erregten Auswan- 
derungsbewegung wurden die Deutschen besonders in den Jahren 
1904 bis 1906 ergriffen; doch waren auch schon früher Deutsche 
aus der Bukowina in geringerer Zahl ausgewandert. Die Auswan- 
derung erfolgte nach Amerika (Kanada), ferner nach Posen, Un- 
garn und Bosnien, endlich nach Rumänien. Die Anzahl der Aus- 
gewanderten läfst sich nicht feststellen. 

Gefahrlich war für die Deutschen der Umstand, dafs ihnen 
„die ungestörte nationale Entwicklung lange Zeit gleichermafsen 
als goldene Frucht des Schicksals mühelos in den Schofs fiel". 
Die Deutschen wurden dadurch eingeschläfert; sie fühlten sich 
allzu sicher und rechneten zu sehr auf Dankbarkeit für ihre Kultur- 
arbeit und den von ihnen stets eingenommenen „liberalen" Stand- 
punkt. Während die Deutschen so fortgesetzt nur das allgemeine 
Interesse im Auge behielten, während sie noch immer nur allge- 
mein nützliche Vereine gründeten, in denen ihnen doch wieder die 
Führung entrissen wurde, begannen die anderen Bewohner sich 
völkisch zu organisieren. So sehr war man in der Bukowina 
daran gewöhnt, dafs die Deutschen nur für die Allgemeinheit zu 
sorgen hätten, dafs ihnen es arg verübelt wurde, als sie erwachten 
und ihre eigenen Interessen zu wahren begannen. Man betrach- 
tete nationale Organisation geradezu als ein Vorrecht der Nicht- 
deutschen 

Glücklicherweise haben sich die bukowiner Deutschen noch 
rechtzeitig aufgerafft. Im Frühjahr 1897 wurde der „Verein der 
christlichen Deutschen in der Bukowina" begründet, der sich 
überaus glücklich entwickelte und mit einer grofsen Anzahl von 



Deutschvölkische Schutzarbeit. 405 

Ortsgruppen das ganze Land umspannte. Viele von den Orts- 
gruppen, Czernowitz voran, erbauten oder erkauften sich zum 
Heim „deutsche Häuser '' oder „Volksheime". Der Verein setzte 
sich die Aufgabe, alle Interessen der Deutschen in wirtschaftlichen 
und völkischen Beziehungen mit Ausnahme der politischen zu 
pflegen. Zur Bewältigung dieser Arbeit trat eine Reihe von Aus- 
schüssen ins Leben. Auch die Herausgabe einer Zeitung (Bu- 
kowiner Bote) und eines Deutschen Kalenders für die Bukowina, 
ferner die Errichtung zahlreicher Büchereien ging von diesem Ver- 
eine aus. Allmählich übernahmen einzelne Zweige der Tätigkeit 
besondere Vereine, so vor allem der Verein „Deutsches Schüler- 
heim" (seit 1900), der 1907 ein geradezu mustergültiges Schüler- 
heim in Czernowitz erbaut hat. Andere Schülerheime entstanden in 
Sereth, Radautz und Gurahumora. Von geradezu bahnbrechender 
Bedeutung für die wirtschaftliche P>starkung und die Befreiung vom 
Wucher wurden die seit 1898 errichteten Spar- und Darlehns- 
kassenvereine (Raiffeisenkassen), die sich zum „Verband deutscher 
landwirtschaftlicher Genossenschaften in der Bukowina" zusammen- 
geschlossen haben. Gegenwärtig gehören diesem Verband achtzig 
Kassen und ähnliche Vereine (darunter auch die Czernowitzer 
Buchdruckereigesellschaft) an; kaum ein Ort, in welchem eine 
gröfsere Anzahl Deutscher wohnt, entbehrt dieser segensreichen 
Einrichtung, die in stetem Aufblühen begriffen ist. Seit 1904 
wurden auch deutsche Warenhäuser (Konsumvereine) begründet. 
Von den anderen deutschen Vereinen mögen genannt werden: die 
zahlreichen Ortsgruppen des Deutschen Schul Vereins i) , die Orts- 
gruppe Czernowitz des Salzburger Hochschulvereins, der Verein 
deutscher Lehrer in der Bukowina, die akademischen Burschen- 
schaften Arminia und Teutonia, das deutsche Gesangskränzchen, 
der deutsche Turnverein Jahn u. a. Ferner sei bemerkt, dafs 
sich das rege deutsche Volksgefühl der bukowiner Deutschen auch 
bei zahlreichen anderen Gelegenheiten, geselligen Veranstaltungen, 
Sonnwend- und Julfeiern kundgibt. 

So bestellten die bukowiner Deutschen in ruhiger, zielbewufster 
Arbeit ihr Haus, sich zum Schutz, niemandem zum Trutz. Die 



1) Sie sind seit 1910 zum Gau verband „ Buchenland*' vereinigt. 



406 Beziehungen zu den Stammesbrüdern im Westen. 

Anfeindung der deutschen Organisation schwächte sich allmählich 
ab. Noch kostete es aber viele Mühe, die Stammesbrüder im 
Westen für den vergessenen Vorposten zu gewinnen. Wohl hatten 
sich diese in früherer Zeit zuweilen an das „ Buchenland " ^) er- 
innert, so als 1875 die deutsche Universität in Czernowitz errichtet 
wurde. Überall in deutschen Gauen jubelte man damals über 
diesen ungeahnten Erfolg deutscher Kulturarbeit; hervorragende 
deutsche Dichter gaben dieser Stimmung in schwungvollen Worten 
Ausdruck. Aber später vergafs man diese Deutschen; man vergafs 
sie, obwohl in den letzten zwei Jahrzehnten verschiedene Arbeiten 
über die bukowiner Deutschen erschienen, obwohl seit 1897 sich hier 
ein reges völkisches Leben entwickelte. So kam es, dafs im Linzer 
Programm (1882) der alldeutschen Partei die Deutschen der Bukowina 
aufgegeben wurden ; so konnte es geschehen, dafs von deutscher Seite 
wiederholt Anträge auf die Ausscheidung Galiziens und der Bukowina 
aus Österreich gestellt wurden. Gelegentlich einer Verhandlung 
darüber im Dezember 1905 leugneten die „ Schönerianer " im Ab- 
geordnetenhause geradezu den Bestand eines lebenskräftigen Deutsch- 
tums in der Bukowina und bezeichneten neun Zehntel der buko-" 
winer Deutschen als Juden. Der Unkenntnis der Verhältnisse 
entsprangen auch die Angriffe im Reichsrate auf die deutsche Uni- 
versität Czernowitz von deutscher Seite. Es ist selbstverständlich, 
dafs bukowiner Deutsche sofort gegen diese gefahrlichen Vorstöfse 
in entsprechender Weise antworteten, unbeirrt durch Beschimpfungen 
ihrer Gegner. 

Gerade damals hatten bereits die deutschen Schutzvereine des 
Westens mit jenem der Bukowina nähere Fühlung gefunden. So 
kam kaum einen Monat nach den gegen das bukowiner Deutschtum 
im Reichsrate gerichteten Angriffen der Wanderlehrer des Bundes 
der Deutschen Nordmährens, Hoyer, in die Bukowina (Januar 1 906). 
Die Erfahrungen, welche er hier sammelte, veranlafsten ihn, mit 
begeisterten Worten für die bukowiner Deutschen einzutreten: „Auch 
die Deutschen in der Bukowina haben ein tüchtiges Stück Kultur- 
arbeit geleistet und dem Deutschtum hier im Lande Ehre gemacht. 
Sie sind für uns kein verwehtes Blatt der deutschen Eiche, kein 



1) Bukowina = Buchenland. 



Beziehungen zu den Stammesbrüdern im Westen. 407' 

abgerissener Ast. Nein! Sie sind ein Stück von uns, sie sind 
Blut von unserem Blute, Fleisch von unserem Fleisch. Wir dürfen 
und können nicht zugeben, dafs man sie jemals von uns losreifst." 
Diese Worte Hoyers aus seinem am 6. Januar 1906 im Rathaus- 
saale zu Czernowitz gehaltenen Vortrag waren eine kräftige Ant- 
wort auf die entstellende Darstellung im Reichsrate. Wenige Mo- 
nate später kam in die Bukowina der Schriftleiter Seidl aus 
Troppau. In einem längeren Bericht des Wiener „Deutschen Volks- 
blattes" gesteht er, dafs er selbst bisher von dem bukowiner Deutsch- 
tum nicht viel gehalten habe; was er aber im Lande selbst sah, 
„wird wohl in unseren Gegenden einigermafsen überraschen". Er 
verweist sodann auf die Erfolge der völkischen Organisation der 
bukowiner Deutschen und betont insbesondere, dafs diese sich 
prozentual an ihren nationalen Vereinen besser beteiligen als 
Deutsche anderer Kronländer. Die schönste Genugtuung ge- 
währte es aber den bukowiner Deutschen, als sich anläfslich der 
Einweihung des neuen deutschen Hauses in Czernowitz, eines Pracht- 
baues in edlem deutschen Stil, einige der bedeutendsten deutsch- 
nationalen Führer Österreichs einfanden (1910). „Wir sind ge- 
kommen", sagte einer der Redner, „Ihnen Mut zu bringen, aus- 
zuharren im Kampfe, aber wir, die wir aus dem Westen kommen, 
haben hier ein Stahlbad genommen. Bewunderung müssen wir 
aussprechen für das, was sie in kurzer Zeit geleistet haben. Sie 
haben die völkische Bewegung förmlich aus dem Boden gestampft. 
Wie herrlich steht ihre Organisation da!" Daran schlofs sich 
die Verheifsung, für das bukowiner Deutschtum stets einzutreten 
„und keinen Fufs breit deutschen Bodens aufzugeben". 

So bedeutend diese Erfolge der Bukowiner sind, so kann 
leider nicht verschwiegen werden, dafs ihre Stellung und ihr Ein- 
flufs im politischen Leben durch unliebsame Vorgänge in den 
letzten Jahren gelitten hat. Die politische Festigung der buko- 
winer Deutschen hatte mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden. 
Zunächst entstand begreiflicherweise eine Spannung zwischen der 
früheren liberalen Richtung und der neuen völkischen. Viele 
Deutsche der älteren Gesinnungsart hielten sich fern; nur allmäh- 
lich wurde diese Schwierigkeit überwunden. Dann entstanden Mei- 
nungsverschiedenheiten zwischen den neuen Führern; dazu kam, 



408 Politische Spaltung d. bukow. Deutschen. Verhältnis zu d. and. Nationen. 

dafs die christlich - soziale Richtung ihren Weg in die Bukowina 
fand. So entstanden wieder Spaltungen im deutschen Lager, die 
für die deutschen Vorposten doppelt gefahrlich sind. Die Spuren 
dieses Bruderkampfes in den „ Bukowiner Nachrichten ", der „ Bu- 
kowiner deutschen Zeitung" und im „Bukowiner Volksblatt *^ seit 
1906 zu verfolgen, gehört unstreitig zu den traurigsten Seiten der 
Geschichte des Deutschtums in der Bukowina. Den wechselnden 
Stimmungen entsprach auch die seit 1905 rasch aufeinanderfolgende 
Gründung der deutschen politischen Vereine: „Deutscher Volks- 
verein ", „ Bund der Deutschen " und „ Deutscher Volksbund ". 
Bisher unternommene Versuche, die Deutschen der Bukowina wieder 
zu einigen, mifslangen. 

Ebenso wie in Ungarn und in Galizien ist es den Deutschen 
in der Bukowina nicht gelungen, ein dauerndes und festes Bundes- 
verhältnis mit einem der anderen Volksstämme herzustellen. Auch 
das Einvernehmen mit den Juden, das für die Erhaltung des Deutsch- 
tums in der Bukowina von Bedeutung ist, wird durch manche 
Vorgänge im jüdischen Lager gestört. Schon kam es vor, dafs 
Juden, die sich früher stets zur deutschen Muttersprache bekannten, 
eine der anderen Landessprachen als ihre Umgangssprache bezeich- 
neten. Doch bekennen sich die Juden in der Bukowina in so 
überwiegender Majorität zur deutschen Umgangssprache, dafs hier 
die Unterscheidung von christlichen und jüdischen Deutschen all- 
gemein üblich ist. Daher führt auch der deutschvölkische Verein 
in der Bukowina (ebenso wie in Galizien) die Bezeichnung „ christ- 
lich-deutscher ". 



Siebentes Buch. 

Geschichte der deutschen Änsiedlung 
in Rumänien 

von etwa 1775 bis zur Gegenwart. 



I 



Erstes Kapitel. 

1. Charakteristik der deutschen Einwanderung und Ansiedlung in Rumänien seit 
etwa 1775. — 2. Die deutschen Siedlungen. Herkunft und Anzahl der Deutschen. 

Charakteristik der deutschen Einwanderung und Ansiedlung 
in Rumänien seit etwa 1775. 

Nicht nur die älteren bis ins Mittelalter zurückreichenden 
deutschen Siedlungen in der Moldau und Walachei, sondern auch 
die im 18. Jahrhundert neubegründeten verschwanden um 1775 
bis auf ganz unbedeutende Reste. Nur in Bukarest entwickelte 
sich die seit einigen Jahrzehnten bestehende deutschevangeUsche 
Gemeinde glücklicher. Dazu hat vor allem die Nähe der sächsi- 
schen Hauptorte in Siebenbürgen (Kronstadt und Hermannstadt) 
viel beigetragen. Da Bukarest überdies damals schon ein bedeu- 
tender Handelsplatz und die Residenz der walachischen Fürsten 
war, erhielt es immer wieder neue Zuzüge, wenn Pest und Krieg 
die Reihen der deutschen Ansiedler gelichtet hatte. Sonst aber 
war infolge der beständigen Unruhen und Mifsstände das Deutsch- 
tum in der Walachei und Moldau immer mehr geschwunden. 
Trotzdem geht der österreichische Hauptmann Sulzer, der um 1780 
sich eingehend mit den Verhältnissen dieser Länder beschäftigte, 
zu weit, wenn er sagt, dafs man in der Moldau keinen einzigen 
„Sachsen" mehr antreffe. Er selbst führt an anderen Stellen Tat- 
sachen an, welche dem widersprechen. So weifs er z. B. zu er- 
zählen, dafs der neue Fürst Alexander Murusi „den deutschen 
Protestanten in Jassy, die sich seit kurzem in ziemlicher Anzahl 
dahin zu ziehen angefangen haben ^), einen Grund zu einer evange- 
lischen Kirche geschenkt habe, und dafs es nun noch darauf an- 



1) Damit hängt es zusammen, dafs 1783 den Kaufieuten von Jassy ein 
besonderes Handelsprivüeg erteüt wurde. 



412 Hemmende und fördernde Momente für 

komme, wie man die Unkosten zum Baue derselben aufbringe". 
Ihr neuer Pfarrer, Scharsius aus Mediasch in Siebenbürgen, „ein 
geschickter Theolog'*, hoflfte sie mit Beihilfe des in Jassy sich 
aufhaltenden Arztes Wolf und des lateinischen Sprachlehrers König 
aufzubringen. Aus einem Berichte Wolfs erfahren wir, dafs der 
damalige Metropolit (Erzbischof) von Jassy deutsche Arzte „vor- 
züglich liebte"; die Zahl der evangelischen Glaubensgenossen in 
Jassy betrug um 1780 schon 80 Seelen, darunter nennt er als difr 
vornehmsten den schon erwähnten Joh. König aus Breslau und 
einen Kursachsen Herlitz. Schon bemerkt wurde, dafs auch in 
der Walachei, wenigstens in Bukarest, damals Deutsche wohnten. 
Eine stärkere Zuwanderung fand freilich nicht statt. Infolge der 
Unsicherheit der Verhältnisse lag der Handel der siebenbürgischen 
Sachsen in den rumänischen Fürstentümern ganz darnieder, und 
„ein gewisser Geist der Furchtsamkeit" hatte sich ihrer bemäch- 
tigt, dafs sie lieber ihre Erzeugnisse in der Heimat an unter- 
nehmende Griechen und Walachen um den halben Preis weggaben, 
als sie selbst über das Gebirge zu führen. „Viel lieber", bemerkt 
Sulzer, „habe ich manchen Ausländer in der Walachei sagen 
hören, will ich in Siebenbürgen nur trockenes Brot essen und den 
ganzen Tag von früh bis in die Nacht arbeiten, als hier von den 
Bojaren mit Schlägen bezahlt, von dem Ungeziefer gefressen oder 
von der Pest elendiglich hingerafft werden." 

Allmählich gestalteten sich gegen das Ende des 18. Jahr- 
hunderts die Verhältnisse günstiger. Ein amtlicher Bericht von 
1796 stellt fest, dafs seit einiger Zeit die Auswanderung ein- 
heimischer Handwerker und Fabrikanten aus Siebenbürgen nach 
der Walachei und Moldau überhand genommen habe. „Dadurch 
werde die Erzeugung der inländischen Produkte erschwert, ander- 
seits aber die Herstellung solcher Kunstprodukte in jenen Pro- 
vinzen zum Nachteile und auf Kosten des Handelsverkehrs und 
der Fabriken unserer angrenzenden Länder unwiderbringlich ver- 
mehrt." Das siebenbürgische Gubernium und die siebenbürgische 
Hof kanzlei beschränkten daher die Ausfolgung von Pässen nur an 
solche Künstler und Handwerker, die in Siebenbürgen Vermögen 
besafsen und daher mit dem auswärts erworbenen Gelde dahin 
zurückkehren mufsten. Auch im Banat, in Galizien und der 



die deutsche Einwanderung nach Rumänien. 413 

Bukowina wurden ähnliche Vorsieh tsmafsregeln angeregt. Daraus 
ist zu ersehen, dafs damals bereits eine zahlreiche Auswanderung 
von Siebenbürger Deutschen in die rumänischen Fürstentümer statt- 
fand. Schon am Anfang des 19. Jahrhunderts soll die Zahl der 
Deutschen daselbst an 10 000 betragen haben, die zum grofsen 
Teil in Bukarest wohnten. Seither nahm die Einwanderung von 
Deutschen in die Walachei und Moldau stetig zu; später zogen 
sie auch nach Serbien und Nordbulgarien. „Arzte und Apotheker, 
Ingenieure und Baumeister, Fabrikanten und Maschinisten, Kauf- 
leute und Handwerker, Erzieher und Dienstboten kamen zunächst 
aus Siebenbürgen, später auch aus den anderen Teilen der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie und aus Deutschland." Neben 
manchen hemmenden Momenten, insbesondere Seuchen, Kriegen 
und andauernder Unsicherheit, machten sich seit dem letzten Viertel 
des 18. Jahrhunderts mancherlei fördernde Umstände geltend. So 
hat der Fürst Alexander Ipsilanti (1774 bis 1782), der Bukarest 
mit prächtigen Bauten schmücken wollte, zahlreiche deutsche Hand- 
werker ins Land gezogen ^). Zu den fördernden Momenten ge- 
hörte ferner die Zulassung österreichischer und später preufsischer 
Konsuln, unter deren Schutze sich Deutsche ansiedeln konnten; 
die Ausländer genossen auch die Freiheit, dafs sie blofs an ihren 
Konsul jährlich etwa einen Dukaten zahlten, sonst aber keine 
Steuer entrichteten. Ebenso war die Besetzung des Landes durch 
die Russen (1828) von günstigem Einflüsse. Die Russen brachten 
Geld ins Land; Handwerker und Kaufleute fanden lohnenden 
Verdienst, daher kamen zahlreiche Deutsche. Die Verhältnisse 
wurden für sie um so günstiger, als die damals von Rulsland den 
Fürstentümern aufgenötigte Konstitution für das Gedeihen der 
Städte und insbesondere für glimpfliche Behandlung der Kaufleute 
sorgte. Auch war der mit der Verwaltung der Fürstentümer be- 
traute General Kisselef ein wohlgesinnter Mann. Ebenso bewog 
die ungarische Revolution von 1848/49 viele siebenbürger Sachsen 
zur Auswanderung nach den rumänischen Fürstentümern. Dazu 

1) Freilich kehrten viele von ihnen wieder in die Heimat zurück, „ weü sie 
die Gewohnheit dieser walachischen Griechen, die Fremden sowie die Einheimischen 
niemals oder wohl gar mit Gefängnis und Schlägen auf die Fufssohlen zu be- 
zahlen", nicht über sich ergehen lassen wollten. 



414 Entwicklung der städtischen deutschen Niederlassungen. 

kam, dafs 1839 Osterreich und Preufsen den Schutz über die 
deutschevangelische Gemeinde in Bukarest übernahmen. Bis dahin 
hatte die schwedische Gesandtschaft in Konstantinopel deren Inter- 
essen vertreten i); da aber die deutschen Ansiedler meist aus 
österreichischen und preufsischen Untertanen bestanden, wurde von 
der schwedischen Gesandtschaft die Übertragung des Schutzverhält- 
nisses an Osterreich und Preufsen veranlafst. So kam es, dafs 
unter den Förderern der Bukarester deutschevangelischen Gemeinde 
Kaiser Franz Joseph, König Friedrich "Wilhelm IV. und Kaiser 
Wilhelm I. erscheinen. Ebenso haben sich andere deutschevange- 
lische Gemeinden unter preufsischen Schutz gestellt, so Craiova 
(1843) und Jassy (1844) Sie schlössen sich ferner an die preu- 
fsische Landeskirche an und werden daher vom Berliner Ober- 
kirchenrat und vom Gustav Adolf- Verein gefördert. Von aus- 
schlaggebender Bedeutung für die Zunahme des Deutschtums war 
ferner die 1866 erfolgte Wahl des deutschen Prinzen Karl von 
Hohenzollern zum Fürsten der sieben Jahre zuvor zum Fürstentum 
Rumänien vereinigten Länder. Seit seiner Thronbesteigung wurde 
eine überaus segensreiche Tätigkeit für die wirtschaftliche Hebung 
des Reiches entfaltet. Er war es, der sofort nach seinem Regie- 
rungsantritte für die Erbauung von Eisenbahnen in Rumänien 
eintrat; dadurch kamen zahlreiche deutsche Beamte, Ingenieure 
und Handwerker ins Land. Ebenso wichtig war das Industrie- 
beförderungsgesetz von 1887, das fremdes Kapital und fremde 
Unternehmer, darunter vor allem Deutsche, ins Land zog. Da 
gerade ein Jahr zuvor der Zollkrieg zwischen Osterreich -Ungarn 
und Rumänien ausgebrochen war, der den Absatz der in Österreich- 
Ungarn hergestellten Industrie-Erzeugnisse in Rumänien vereitelte, 
so zogen viele Österreicher und siebenbürger Sachsen in dieses 
Land und errichteten hier ihre Fabriken, die oft Mittelpunkte 
deutscher Siedlungen wurden. So rief der Zollkrieg, der in 
Siebenbürgen und in der Bukowina einen argen Niedergang des 
deutschen Gewerbes veranlafst hatte, eine bedeutende Steige- 
rung deutschen Lebens in Rumänien hervor. Auch die Handels- 
beziehungen, die sich besonders seit 1886 zwischen Rumänien und 



1) Vgl. Bd. n, S. 390. 



Ungünstige Verhältnisse für die Einwanderung deutscher Bauern. 415 

Deutschland entwickelten, veranlafsten weitere Einwanderungen 
deutscher Elemente. Ebenso wurden zahlreiche Deutsche durch 
die in den letzten Jahrzehnten erschlossenen reichen Petroleum- 
quellen, ferner auch durch die Holzindustrie ins Land gezogen. 
Mit den deutschen Geldmännern, Kaufleuten, Beamten, Ingenieuren 
und Handwerkern kamen aber auch deutsche Priester, Lehrer, 
Erzieherinnen, Diener u. dgl. So entstanden in vielen Orten Ru- 
mäniens bürgerliche Niederlassungen Deutscher. 

Weniger günstig lagen die Verhältnisse für bäuerliche An- 
siedlungen. Einige Versuche hierzu sollen zwar schon am Ende 
des 18. Jahrhunderts gemacht worden sein. In einem Berichte 
der bukowiner Landes Verwaltung vom 15. Oktober 1782 wird 
bemerkt, dafs man in der Bukowina angelangte arme deutsche 
Ansiedlungswerber genügend unterstützen müsse, „weil sie sonst 
gezwungen wären, in die Moldau auszuwandern, wo sie als Ar- 
beiter gerne und unter Begünstigungen aufgenommen werden und 
woselbst schon die Errichtung einiger deutscher Gemeinden be- 
gonnen haben, soll". Wie es bei der Errichtung dieser Kolonien 
zuging, erfahren wir aus einem Bericht vom 2. November desselben 
Jahres: „Eine Ansiedlung in der Moldau ist ganz einfach, auf 
den ersten Blick und in den ersten Jahren ganz schmeichlerisch 
und reizend. Wenn Ansiedler in die Moldau kommen, so werden 
sie von jedem Grundherrn ganz gut angenommen und ihnen von 
Ausgewanderten verlassene Hausstellen ohne alle Schwierigkeit ein- 
geräumt. Sie erhalten eine sechsjährige Freiheit von allen landes- 
fürstlichen Steuern ; der Grundherr gibt ihnen Vieh : Pferde, Ochsen, 
Kühe, Schafe und Schweine, schafft ihnen auch Schilf hütten und 
Geschirr nach Landesart und gibt ihnen auch Getreide, um einige 
Zeit leben zu können. Kommt aber der Ansiedler nur etwas zu 
Kräften, so sucht der Grundherr gemeiniglich mit Verdoppelung 
den Vorschufs einzubringen. Da in der Moldau die meisten Güter 
verpachtet sind, so werden die vermöglicheren Untertanen von den 
Pächtern geprefst und entfliehen. Dies, und weil in der Moldau 
keine Ordnung besteht, ist die Ursache, dafs von dortaus so sehr 
ausgewandert wird. Gewifs ist aber, dafs in der Moldau, besonders 
in' den Gebirgsanteilen , viele Dorfschaften von vielen Deutschen 
und Ungarn bestehen, die sich sehr gut befinden. Alle diese Dorf- 



416 Ungünstige Verhältnisse für die Einwanderung deutscher Bauern. 

Schäften haben gewöhnlich mit dem Grundherrn über ihre Lei- 
stungen Verträge gemacht oder das grundherrKche Gut selbst in 
Pacht genommen." Nähere Nachrichten über diese Ansiedlungen 
fehlen. Es scheint, dafs sie sich nicht entwickelt haben, weil 
ihnen wahrscheinlich keine Gründe als Erbeigentum überlassen 
wurden. Auch noch Jahrzehnte später bot sich in Rumänien für 
deutsche Bauern keine günstige Ansiedlungsgelegenheit dar. Die 
Grundherren waren nicht geneigt, Teile von ihren Gütern in bäuer- 
lichen Besitz abzutreten ^) ; sie wollten nur Acker gegen Abgabe des 
Zehnten, mitunter auch noch einer kleinen Geldabgabe, in Pacht 
überlassen. Als banater Schwaben vor einem halben Jahrhundert 
nach Rumänien auswanderten, stellten die Bojaren ganz unannehm- 
bare Bedingungen. Ebensowenig gelang es deutschen Auswan- 
derern aus Rufsland, die sich seit 1842 nach Rumänien wandten, 
hier festen Fufs zu fassen. Ein Teil von ihnen zog nach der 
Moldau; über ihr Schicksal erfahren wir nichts näheres. Ein 
anderer zog in die Walachei und hielt sich vorübergehend in 
Ploesti auf; von da zogen sie nach Silistria 2) und sodann nach 
Jacobsonthal bei Braila. Nur am letztgenannten Orte war eine 
Ansiedlung erfolgt, die der damalige Stadtpräfekt von Braila, ein 
Deutscher aus den Ostseeprovinzen, ermöglicht hatte. Da aber 
die Ansiedler auch hier Land nur pachtweise, nicht aber als Eigen- 
tum erwerben konnten, überdies das Siedlungsgebiet Überschwem- 
mungen der Donau ausgesetzt war, zogen die Deutschen auch von 
hier zum grofsen Teile fort, so dafs diese Kolonie wiederholt ein- 
zugehen drohte. 



1) Auch die Masse der einheimischen Bauern hatte keinen Bodenbesitz; 
sie waren nur Zins- oder Pachtbauern. Das Agrargesetz des Fürsten Cuza von 
1864, das den Grundbesitzern einen Teil ihres Bodens nahm, um damit die 
Bauern auszustatten, konnte nur durch einen Staatsstreich durchgeführt werden. 
In der Bukowina hat Kaiser Joseph 11. schon 1786 die Ausscheidung des bäuer- 
lichen Besitzes veranlafst. 

2) Also jenseits der Donau auf bulgarischem (damals türkischem) Boden; 
die Auswanderer sollen dort recht beklagenswerte Schicksale erlitten haben. 
Wegen dieses Umherirrens wurden den Bauern harte Vorwürfe gemacht; wie es 
scheint aber mit Unrecht. Sobald sie in der Dobrudscha Boden erbeigentüm- 
lich erwerben konnten, siedelten sie sich an und harrten trotz aller Schwierig- 
keiten wacker aus. 



Ungünstige Verhältnisse für die Einwanderung deutscher Bauern. 417 

Die Deutschen, welche 1846 aus Jacobsonthal fortzogen, 
wählten unter der Führung des „Vaters" Kühn, der noch in 
Deutschland geboren war ^), die Dobrudscha zur neuen Heimat. 
Dieses südHch der Donau am Schwarzen Meer gelegene Gebiet 
war damals noch türkischer Besitz. Die deutschen Einwanderer 
liefsen sich zunächst in Acpunar, einem von Türken bewohnten 
Dörfchen nieder. Anfangs waren etwa 20 Familien dahin ge- 
kommen, aber allmählich stiefsen auch andere der umherziehenden 
deutschen Familien zu ihnen. Später kamen Nachschübe, und so 
entstanden in der Dobrudscha zunächst unter türkischer Ober- 
hoheit einige deutsche Kolonien. Auch als nach dem türkisch- 
russischen Kriege die Dobrudscha an Rumänien kam (1878), wan- 
derten sowohl deutsche Bauern aus Rufsland als auch aus Galizien 
l? ein. Bei der Erwerbung von Ländereien hatten auch hier die Ein- 
wanderer mit grofsen Schwierigkeiten zu kämpfen; denn nur an- 
fangs überliefsen ihnen die Türken Ländereien ohne Zahlung. Seit 
der Besitzergreifung durch Rumänien wurde die Grunderwerbung 
noch schwieriger; immerhin fanden die Deutschen in der Do- 
brudscha gröfere Berücksichtigung als in den altrumänischen Län- 
dern, weil in dem vöUig öden unkultivierten Gebiete Ansiedler 
dringend nötig waren. 

Die deutschen Siedlungen. Herkunft und Anzahl der Deutschen. 

Obwohl eine planmäfsig geförderte Ansiedlung Deutscher in 
Rumänien im Gegensatze zu den anderen Karpathenländern nicht 
stattfand, sind daselbst doch eine Reihe deutscher Niederlassungen 
entstanden. 

In der Walachei steht an erster Stelle Bukarest. Der Um- 
fang der deutschen Ansiedlung, die hier schon seit dem Anfang 
des 18. Jahrhunderts besteht, hat besonders im 19. Jahrhundert 
rasch zugenommen. Gegenwärtig dürften hier an 18000 Deutsche 
wohnen. Ferner ist das weiter gegen Westen gelegene Craiova 
zn nennen, wo zum mindesten seit etwa 1830 eine gröfsere 
Anzahl Deutscher sich niedergelassen hat. Im Südwesten des 
K Landes wohnen Deutsche in Caracal, Corabia und in Ca- 

1) 1807 zu Deichholländer bei Gnesen. 

Eaindl , Gesch. d. Deutschen i. d. Earpath. III. 27 



418 Deutsche Siedlungen in der Walachei. 

lafat. In Turnu-Severin beim Eisernen Tore siedelten sich 
seit den 1850er Jahren Deutsche an, weil die österreichische 
Donau - Dampfschiffahrts - Gesellschaf t hier eine grofse Schiffswerft 
errichtet hatte. Auch Verciorova und Gruia Patulele weisen 
Deutsche auf Im Nordwesten der Walachei ist zunächst Pitesti 
zu nennen, wo schon 1855 eine kleine deutsch - evangelische Ge- 
meinde bestand. Ferner wohnen hier Deutsche in Tirgoviste, 
Curtea de Arges, Cämpolung, Rimnic-Välcea (schon 
vor 1860 sind hier Sachsen nachweisbar) und Tärgu-Jiu (Tirgul- 
liulul). In Ploesti, dem wichtigen Eisenbahnknotenpunkte nördlich 
von Bukarest, leben ebenfalls schon seit den 1840 er Jahren zahlreiche 
Deutsche. Südlich von diesem Orte gibt es Deutsche in Buftea. 
Weiter nordwärts liegt die durch die Petroleumindustrie in den 
letzten Jahrzehnten hervorgerufene Ansiedlung Campina. Gegen 
die siebenbürgische Grenze findet man Deutsche in Sinai a, 
Busteni (königliches Gut) und Azuga. Südlich von Bukarest 
haben sich Deutsche in Giurgiu an der Donau niedergelassen. 
In dem weiter stromabwärts gelegenen Handelsorte Braila machte 
sich die deutsche Ansiedlung seit etwa 1850 bemerkbar; doch 
haben einzelne Deutsche auch schon früher hier gewohnt. Zu 
ihnen gehörte der bereits genannte Jacobson, der etwa 1845 die 
aus Rufsland eingewanderten Deutschen in der Nähe von Braila 
ansiedelte und so die Grundlage zu der ersten uns bekannten 
deutschen Bauernkolonie in der Walachei gelegt hat; doch ent- 
wickelte sich Jacobsonsthai bisher nur wenig. Schliefslich ist 
noch die kleine deutsche Ansiedlung von Handwerkern und Ge- 
schäflstreibenden in Buzäu, westlich von Braila, zu nennen. In 
kleinerer Zahl wohnen Deutsche auch in anderen Orten. 

Wenden wir uns weiter südwärts in die Dobrudscha. Hier 
ist als älteste Bauemkolonie Atmagea im nördlichen Teile des 
Landes zu nennen. Dahin waren jene Deutschen, welche sich 
1846 in Acpunar niedergelassen hatten (oben S. 417), von Aga 
Reschit von Babadag, einem in Berlin ausgebildeten Griechen, ge- 
zogen worden. In einem Waldtale schlugen sie unter Führung 
des „Vaters" Kühn nach vielem Umherirren endlich bleibende 
Wohnsitze auf (1848). Zehn Jahre nach ihrer Gründung schlofs 
sich die Ansiedlung an die preufsische Landeskirche an. Die 



Die deutschen Kolonien in der Dobrudscha. 419 

Zweitälteste Kolonie ist Catalui (1853). Eine dritte Bauern- 
ansiedlung ist Ciucurova, die teils aus Atmagea, teils aus Jacob- 
sonsthal bei Braila besiedelt wurde (1859). Zu diesen aus Rufs- 
land eingewanderten Ansiedlern gesellten sich 1866 Deutsche aus 
der Umgebung von Lemberg (Galizien). Am 4. Juli 1866 waren 
120 Seelen aufgebrochen; sie führten gute Pferde, Wagen und 
Ackergeräte mit; auch mit Geld waren sie reichlich versehen. 
Kaum hatten sie aber die Grenze der Moldau überschritten, da 
brach in ihrer Schar die Cholera aus. Schrecklich wütete die 
Krankheit ; die Wanderer mufsten trotzdem unausgesetzt ihren Zug 
fortsetzen; fremde Hilfe fürchteten sie in Anspruch zu nehmen, 
weil sie sonst an der Weiterreise verhindert und in Quarantäne 
gehalten worden wären. So mufsten sie bei Tag ihre Reise fort- 
setzen, als stünde alles wohl, bei Nacht aber wurden die Ver- 
storbenen abseits von der Strafse verscharrt. Ein erschütterndes 
Bild aus dem Wanderleben dieser deutschen Ansiedler ! Der Zug 
war nach Ismail, der alten Festung am Nordarm des Donau- 
deltas, gerichtet ; dort hatte ihnen die rumänische Regierung Wohn- 
sitze versprochen. Als sie an ihrem Bestimmungsorte ankamen, 
waren von den 120, die Galizien verlassen hatten, nur noch 79 
am Leben. Aber auch jetzt nahm ihre Not kein Ende, weil die 
Ortsbehörden sich weigerten, die versprochenen Ländereien zuzu- 
messen. Es bedurfte erst einer Weisung des Fürsten Karl, bis den 
Ansiedlern ihr Recht zuteil wurde. Die Ansiedlung hat sich 
übrigens nicht entwickelt; seit 1878 gehört der Ort zu Rufsland. 
Anfangs der siebziger Jahre (1872 bis 1875) siedelten sich ferner 
aus Bessarabien ausgewanderte Deutsche in Cogealac an. Ebenso 
entstand 1878/79 die deutsche Kolonie in Tariverdi. Auch in 
Macin, Orthakioi, Sulina, Tulcea, Malcocl und Culelia 
wohnen Deutsche. Seit den siebziger Jahren dehnte sich die 
deutsche Einwanderung auch in die südliche Dobrudscha aus. 
Zunächst siedelten sich Deutsche aus Bessarabien in Fachri an 
(1874). Unmittelbar nach dem türkisch-russischen Kriege (1878) 
führten die Bahn- und Hotelbauten deutsche Handwerker und 
Beamte nach Constanza; diese legten die Grundlagen zum Auf- 
blühen des bis zu jenem Zeitpunkte ganz unbedeutenden Ortes, 
Auch Bauern der nördlichen Dobrudscha (aus Atmagea und Ciucu- 

27* 



430 Die deutschen Kolonien in der Dobrudscha. 

rova) siedelten sich hierauf in dem benachbarten Anatolchioi 
an. Im Jahre 1881 kamen aus dem südrussischen Gouvernement 
Cherson 4 deutsche Familien nach Koschali; 17 andere folgten 
1882 und dazu kamen noch einige Familien aus den älteren Sied- 
lungen Atmagea und Ciucurova. Deutsche aus Bessarabien siedelten 
sich 1890 in Copadin an; während gleichzeitig nach Sari ghiol 
deutsche Einwanderer aus Kaukasien kamen. Im nächsten Jahre 
machten sich Familien aus Bessarabien, Kaukasien und Wol- 
hynien ^) in Caraschcula ansässig. In das Jahr 1891 fallt auch 
die Ansiedlung von Deutschen aus Bessarabien in Osmanschi, 
doch ist diese Ansiedlung schon 1896 eingegangen. Ebenfalls 
1891 siedelten sich sieben deutsche Familien aus Galizien und eine 
aus Bessarabien in E 1 e k o e an. Noch bunter ist die Zusammen- 
setzung der deutschen Ansiedlung in Osmanfak; es wohnen hier 
evangelische Deutsche aus Galizien, Bessarabien, Wolhynien und 
Cherson, schliefslich deutsch-katholische Familien unbekannter Her- 
kunft. Katholische Deutsche, die aus Elsafs, Baden und Würtem- 
berg nach Rufsland gewandert waren, kamen von dort 1876 nach 
Cara-Murat; evangelische Deutsche wohnen auch in Cogeali, 
Horoslar, Sofular, Alacap, Mangeapunar u. a. Endlich 
sei die Kolonie M a m u s 1 i a genannt, die aus Atmagea und Ciucu- 
rova gegründet wurde (1894). 

Schliefslich erübrigt sich noch, die Ansiedlungen in der Mol- 
dau zu betrachten. Schon oben wurde darauf verwiesen, dafs 
mindestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Jassy, 
der damaligen Hauptstadt der Moldau, Deutsche wohnten. Zwischen 
1780 und 1803 werden unter den deutschen Bewohnern Arzte, 
Sprachlehrer, Apotheker, ferner Wagner, Tischler, Riemer und 
Gärtner genannt. Vom Fürsten Konstantin Moruzi erhielt die 
deutsch- evangehsche Gemeinde 1803 einen Platz für einen Friedhof 
und eine Kirche ; unter den Mitgliedern dieser Gemeinde erscheinen 
Preufsen, Österreicher und Schweden. Von anderen Orten mit 
deutschen Bewohnern sei zunächst Bacäu (Bakau) im mittleren Teile 
des Landes genannt. Hier wohnen zum mindesten seit 60 Jahren 
Deutsche. Ebenso gibt es auf dem benachbarten Gute Fontane li. 



1) Russische Provinz nordöstlich von Galizien. 



AnsiedluDgen der Deutsehen in der Moldau. 421 

einem Besitze der Erbprinzessin von Schönburg - Waidenburg, 
deutsche Beamte, Auch in den Fabriken^ welche in den letzten 
Jahrzehnten bei Bacäu entstanden^ insbesondere in der Tuchfabrik 
zu Buhusi 1), sind deutsche Beamte, Meister und Arbeiter be- 
schäftigt. Ebenso ist um das Sägewerk in Comänesti eine 
deutsche Siedlung entstanden. Weiter nordwärts sind in Piatra 
und in Neamtu Deutsche ansässig. Auch in Roman wohnten 
seit der Erbauung der Eisenbahn Czernowitz - Roman - Jassy (um 
1870) viele deutsche Beamte; doch hat ihre Zahl, seitdem die Bahn 
in rumänische Verwaltung übergegangen ist, sehr abgenommen. 
Ebenso nahm in P a s c a n i die Zahl der Deutschen ab, weil viele 
der Arbeiter der Eisenbahn - Reparaturwerkstätte infolge der Ent- 
lassung der „fremden" Angestellten wegziehen mufsten. Eine 
Fabriksniederlassung befindet sich auch in Säscut bei Neamtu. 
In den in der Nachbarschaft der Bukowina liegenden Ortschaften: 
Fälticeni, Räsca (bei Fälticeni), Gäinesti (bei Malini, Fabriks- 
ansiedlung), BotosanI und Dorohoiü wohnen Deutsche, die 
zumeist aus der Bukowina kamen: Handwerker, Arbeiter oder 
auch Bauern; letztere haben sich auf einem Gute in der Nähe von 
Dorohoiü ansässig gemacht. In der südlichen Moldau seien noch 
die Ansiedlungen in Märäsesti und FocsanI erwähnt. Schliefs- 
lich sind im bekannten Donauhafen Galatz Deutsche schon am 
Anfang des 19. Jahrhunderts nachweisbar. Aufserdem wohnen 
Deutsche auch noch in anderen Orten der Moldau, doch ist über 
sie wenig bekannt. 

Die Abstammung der in Rumänien angesiedelten Deutschen 
ist ebenso mannigfaltig wie in den anderen Karpathenländern. 
Unter den Vertretern der bürgerlichen und gelehrten Berufe gibt 
es Deutsche aus Österreich-Ungarn, dem Deutschen Reiche und der 
Schweiz; grofs ist unter ihnen vor allem die Zahl der siebenbürger 
Sachsen. Von den deutschen Bauern in der Dobrudscha rührt ein 
kleiner Teil aus den schwäbischen Ansiedlungen in Galizien her ; die 
Mehrzahl ist aus den deutschen Kolonien Rufslands eingewandert. 

1) 1891 berief der Chef dieser Fabrik, Namens Wolf, Weberfamilien (zu- 
sammen 85 Personen) aus Krimmitschau im Königreich Sachsen. Viele zogen 
später weg, dafür kamen siebenbürger Sachsen und andere Deutsche. Um Bacäu 
gibt es ferner deutsche Papier-, Glas- und Fafsfabriken. 



488 Abstammung und Zahl der Deutschen in Kumänien. 

Ihrer Abstammung nach sind diese Deutschen teils Norddeutsche, 
teils Schwaben. Sie waren aus Ostpreufsen und Posen, ferner aus 
Südwestdeutschland am Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahr- 
hunderts nach Südrufsland gewandert und hatten von Kaiserin 
Katharina II. und dem Kaiser Alexander I. mancherlei Freiheiten 
erhalten. Obwohl die Ansiedlungen aufblühten, griffen viele von 
ihren Insassen wieder zum Wanderstab, teils weil ihre Vorrechte 
allmählich geschmälert wurden, teils aus Wanderlust; viele beseelte 
der Wunsch, ihre Verhältnisse noch günstiger zu gestalten. Adam 
Kühn, der schon oben genannte Patriarch der deutschen Bauern 
in der Dobrudscha, sagte einst zu seinem Pastor: ,,Herr Pastor, 
wenn der deutsche Mensch einmal gewandert ist, so hat er nirgends 
mehr lange Ruhe. W^ir Deutschen sind so : wenn wir Brot haben, 
dann wollen wir Semmel haben.*' So waren diese Deutschen nach 
mancher Irrfahrt in ihre jetzigen Ansiedlungen in der Dobrudscha 
gekommen. Ihre heimatliche Sprache haben sie bisher bewahrt. 
Die Bewohner von Atmagea und Anatolchioi sprechen z. B. platt- 
deutsch, während jene in Tariverdi sich der schwäbischen Mundart 
bedienen. Und wenn man hört, dafs der einzige Luxus, den sich 
die Hausfrau im Kolonistenhause gestattet, ihre hochaufgetürmten 
Betten mit vielen grofsen und kleinen Kissen und weifsen Gar- 
dinen sind, so genügt dies allein schon, die deutsche Herkunft zu 
bestätigen. 

Die Zahl der Deutschen in Rumänien läfst sich nicht ganz 
genau feststellen. In den Städten dürften 45000 bis 50 000 
wohnen; die Zahl der Landbevölkerung in der Dobrudscha soll 
6500 betragen. Aufserdem wohnt aber noch zerstreut im Lande 
eine gewifs ansehnliche Zahl deutscher Müller, Maschinisten, Guts- 
verwalter u. dgl. Die Anzahl der evangelischen Deutschen wird 
auf etwa 25000 Köpfe geschätzt; jene der katholischen würde 
also etwas gröfser anzunehmen sein. Nach einer anderen Berech- 
nung würde jedoch die Kopfzahl der Deutschen in ganz Rumänien 
nur wenig über 32000 betragen, davon etwa 17 500 katholisch 
und 14500 evangelisch sein würden. Zur Verbreitung der deut- 
schen Sprache tragen viel die Juden bei. 



Zweites Kapitel. 

1. Die Kulturarbeit der Deutschen in Eumänien auf materiellem und geistigem 

Gebiete. Ablösung des französischen Eioflusses durch den deutschen. — 2. Die 

völkische Lage der Deutschen in Eumänien. Interesse des deutschen Volkes an 

der Erhaltung der Karpathendeutschen. 

Die Kulturarbeit der Deutschen in Rumänien auf materiellem 

und geistigem Gebiete. Ablösung des französischen Einflusses 

durch den deutschen. 

Der deutsche Kultureinflufs und die deutsche Arbeit war für 
die Kulturentwicklung Rumäniens von grundlegender Bedeutung. 
Nur durch den Einflufs deutscher Kultur sind die alten Fürsten- 
tümer aus ihrem beklagenswerten Zustande vor hundert Jahren 
zu ihrem heutigen Stande gelangt. „Ohne den Einflufs der germa- 
nischen Kultur hätten wir fast nichts von einer Nationalkultur", 
sagt Professor Aurel Popovici, der bekannte Verfasser des Buches 
„ Grofsösterreich ". 

Auf die ländlichen Verhältnisse kann zwar dieser Einflufs kein 
bedeutender sein, weil deutsche Bauernansiedlungen nur in der 
Dobrudscha in beachtenswertem Umfange stattfanden und auch 
hier erst seit wenigen Jahrzehnten bestehen. Und doch wären 
deutsche Musterdörfer für Rumänien überaus nötig. Denn noch 
heute ist das rumänische Bauernhaus sehr primitiv ; die rumänische 
Bäuerin bäckt noch immer gewisse Fladen unter der primitiven 
Backglocke oder auf vorher erhitzten Steinen i); Ställe für den 
Winteraufenthalt des Viehes fehlen, so dafs das ELleinvieh im Hause 
selbst gegen das rauhe Wetter Unterschlupf suchen mufs; das 
Düngen der Felder ist dem Bauern so gut wie unbekannt, seine 
Ernte verdankt er vor allem der Fruchtbarkeit des Bodens, der 



1) Vgl. oben S. 292. 



434 Einflufs der Deutschen auf die ländliche Kultur. 

er höchstens durch Brache nachhilft; von Klee- und Gemüsebau 
ist kaum eine Spur zu finden. Auch die Viehzucht läfst viel zu 
wünschen übrig; Pferde und Rinder von gutem Schlag sind selten, 
die Wartung ist schlecht, die Milchwirtschaft unentwickelt. Auf 
die Hebung der Landwirtschaft auf den Gutshöfen haben